hinbreitende Landschaftsbild . » Ein köstlicher Blick ! « sagte sie und faltete die kleinen , wachsbleichen Hände im Schöße . » Die Gerolds haben sich besser auf die Wahl ihres Stammsitzes verstanden , als unser Haus , Adalbert « , sagte sie nach einem augenblicklichen Schweigen . » In all unseren Schlössern und Landhäusern haben wir nicht einen einzigen Ausblick wie diesen hier . Wer hat diesen Flügel bewohnt ? « fragte sie den Kastellan , der eben geräuschlos die Treppenleiter zusammenschob , um sie hinauszutragen . » Solange ich hier im Geroldshofe gewesen bin , immer nur die Damen , Hoheit « , berichtete , indem er die Leiter wieder behutsam hinstellte , der alte Mann . » Zuerst die selige Frau Landkammerrätin , bis sie ins Eulenhaus gezogen ist , und nachher die Frau Oberstin . Und zwei Zimmer weiter « , er zeigte nach der Tür , die in den Seitenflügel führte , » da hat auch unser gnädiges Fräulein ihr Stübchen gehabt . « » Ach , die schöne Klaudine ? « rief die Herzogin in halb fragendem Ton . » Zu dienen , Hoheit , Fräulein Klaudine von Gerold . In der Stube ist sie auch geboren . Ich weiß noch , wie es uns im weißen Wickelkissen gezeigt wurde , das Engelchen . « » Mamas Liebling , hörst du , Adalbert ? « sagte die Herzogin lächelnd nach ihrem Gemahl hin , der an eines der Fenster getreten war und wie in Gedanken verloren in die Ferne blickte . » Der Schwan , wie ihr poetischer Bruder sie in seinen Gedichten nennt , das merkwürdige Mädchen , das vom Hofe weg in die Armut gegangen ist , um ihrem Bruder eine Stütze zu sein . – Eulenhaus heißt ja wohl der Waldwinkel , in welchem Fräulein von Gerold jetzt lebt ? « fragte sie den Kastellan . Der verbeugte sich : » Eigentlich Walpurgiszella , Hoheit . Aber › mein Eulenhaus ‹ hat die Frau Landkammerrätin gesagt , als sie zum erstenmal beim Mondenschein durch die Ruinen gegangen ist , und es hat von allen Seiten geschnurrt und geschnauft und geschrieen , als ob alle Winkel voll kleiner Kinder stäken . Und beim Eulenhaus ist ' s dann auch geblieben , wenn sich auch das Raubzeug nicht mehr so breitmachen darf . Im Turm , der von unten bis oben vollgesteckt hat , ist ' s ganz gemütlich . Ach ja , der Turm « – er strich sich unwillkürlich über sein glatt rasiertes Kinn – » von dem alten Gemäuer spricht seit ein paar Tagen die ganze Umgegend . Es ist ein Gemurmel und Geraune von einem großen Fund , den sie im Keller drunten gemacht haben sollen – « » Ein Geldfund ? « fragte der Herzog gespannt , indem er mit fester Hand den violetten Plüschvorhang zurückschob , um dem Kastellan in das Gesicht zu sehen . Der alte Mann zuckte die Achseln . » Ob bare Münze ? Ich glaub ' s kaum . Sie sprechen nur von einem unmenschlich großem Schatze , von Gold und Silber und Edelstein in Hülle und Fülle . Aber ich kenne meine Pappenheimer , ich kenne auch meinen guten Freund , den alten Heinemann , den Erzschalk , der packt denen , die ihn fragen , so viel auf , daß sie es nicht erschleppen können , und so ist vielleicht der ganze große Fund ein einziger Abendmahlskelch gewesen . « Die großen , glänzenden Augen der Herzogin blickten staunend zu dem Alten hinüber . » Einen Schatz ? « fragte sie . Dann brach sie ab , und ihr Lächeln wich einem stolzen , kühlen Ausdruck . Unter dem Samtvorhang der gegenüberliegenden Tür war ein Herr erschienen , der näher tretend sich ehrfurchtsvoll verbeugte . Die junge Frau neigte kaum merklich das Haupt und wandte sich zum Fenster , um ihren feinen Mund zuckte es nervös . Des Herzogs Stimme aber klang wohlwollend durch den Raum . » Nun , Palmer ? Was haben Sie wieder unvorteilhaftes zu melden ? Ist etwa der Schwamm in dem alten Gebälk , oder spuckt es in Ihren Zimmern ? « » Hoheit belieben zu scherzen « , erwiderte der Angeredete , » die Warnungen , die ich dem Kaufabschluß über Altenstein vorangehen ließ , gebot mir meine Pflicht als treuer Diener , und ich weiß , Hoheit haben mich nicht mißverstanden . Eben habe ich jedoch nur angenehmes melden wollen : Baron Lothar Gerold bittet um die Ehre , seinen hohen Gutsnachbar begrüßen zu dürfen . « Die Herzogin wandte sich lebhaft um . » O , herzlich willkommen ! « rief sie , und als nach ein paar Augenblicken Lothar in das Zimmer trat , streckte sie ihm die schmale Hand entgegen : » Mein lieber Baron , welch große Freude ! « Der Baron hatte diese Hand ergriffen und sie ehrfurchtsvoll an seine Lippen gedrückt . Dann , sich vor dem Herzog verbeugend , sprach er : » Hoheit gestatten , mich von meinen Reisen zurückzumelden . Ich denke mich jetzt wieder hier einzugewöhnen . « » Es war die höchste Zeit , Vetter , Sie haben uns lange warten lassen « , erwiderte der Herzog und reichte dem stattlichen Manne die Rechte . » Aber daß Sie allein kommen mußten , lieber Gerold ! « rief die Herzogin , und abermals streckte sie ihm die Hand herüber und in ihren schönen heißen Augen funkelten plötzlich Tränen . » Arme Katharina ! « » Ich habe mein Kind mit heimbringen dürfen , Königliche Hoheit « , entgegnete er ernst . » Ich weiß , Gerold , ich weiß ! Aber ein Kind – es ist ein Kind und ersetzt nur zum Teil die Lebensgefährtin ! « Sie hatte es fast leidenschaftlich gesprochen , und ihre Augen suchten den Herzog , der an einem kostbar eingelegten Schränkchen lehnte und , als habe er nichts gehört , durch die Fenster hinausschaute auf die Lindenzweige , die sich im Nachmittagssonnenschein wiegten . Eine Pause entstand . Langsam senkte das junge Weib die Wimpern , und über ihre Wangen rollten ein paar Tränen , die sie hastig abtrocknete . » Es muß so schwer sein , im vollsten Glück zu sterben « , sagte sie noch einmal . Wiederum eine Pause . Die drei waren allein im Zimmer , der alte Kastellan hatte sich längst mit seiner Leiter hinausgeschlichen , und Palmer , des Herzogs Privatsekretär , ein großer , vielbeneideter Günstling des regierenden Herrn , stand im Nebenzimmer hinter einem Türvorhang , unbeweglich wie eine Statue . » Übrigens , Baron Gerold « , nahm die Herzogin jetzt lebhaft wieder das Wort , » haben Sie auch die Wundermär gehört von den Kostbarkeiten , die im Eulenhaus gefunden sein sollen ? « » In der Tat , Hoheit , das alte Gemäuer hat seinen Schatz herausgegeben « , erwiderte sichtlich aufatmend Baron Lothar . » Wahrhaftig ? « fragte der Herzog ungläubig lächelnd . » Was ist es ? Altargefäße – gemünztes Gold ? « » Nichts von klingendem Wert , Hoheit . Es ist Wachs , einfaches gelbes Wachs , welches die Nonnen dort vermauerten , als der Feind im Anzug war . « » Wachs ? « rief die Herzogin enttäuscht . » Hoheit , es ist so gut wie bare Münze , echtes , unverfälschtes Wachs . Heutzutage – « » Sahen Sie es ? « unterbrach ihn der Herzog . » Sicherlich , Hoheit ! Ich beschaute mir den Fund an Ort und Stelle . « » So ist das Tischtuch , das so lange zwischen den Altensteinern und Neuhäusern zerschnitten war , wieder zusammengeflickt ? « klang es gelassen aus dem Munde des hohen Herrn . » Hoheit , meine Schwester Beate und Klaudine von Gerold sind Freundinnen seit ihrer Kindheit « , erwiderte der Neuhäuser ebenso gelassen . » Ah so ! « Der Herzog hatte es noch einen Ton gleichgültiger gesprochen und schaute wieder zum Fenster hinaus . » Aber wissen Sie , lieber Gerold , ich möchte diesen Wachsfund sehen ! « rief die Herzogin . » Dann müssen Hoheit sich beeilen , denn die Händler sind dahinter her , wie die Wespen hinter reifen Früchten . « » Hörst du , Adalbert , wollen wir nicht hinüberfahren ? « » Morgen , übermorgen , Elise , wann du willst – nachdem wir uns vergewissert haben , daß wir dort nicht stören . « » Stören ? Klaudine stören ? Ich denke , sie wird sich freuen , in ihrer Einsamkeit Menschen zu sehen . Bitte , Adalbert , gib Befehl , laß gleich fahren . « Der Herzog wandte sich um . » Gleich ? « fragte er , und eine leichte Blässe trat in sein schönes Antlitz . » Gleich , Adalbert , bitte ! « Sie hatte sich lebhaft erhoben und war zu ihrem Gemahl getreten , ihre Hand legte sich bittend auf die seine ; ihre Augen , diese unnatürlich glänzenden Augen , schauten ihn an , flehend wie die eines Kindes . Er blickte hinaus , als prüfe er das Wetter . » Aber die Fahrt zurück durch die Abendkühle ? « murmelte er . » O , in der köstlichen Waldluft ? « bat sie , » ich bin ja gesund , Adalbert , wirklich ganz gesund . « Er verbeugte sich , wie zustimmend , und zu Palmer gewendet , der eben eintrat , gab er den Befehl für die Fahrt . Dann , nachdem er noch Lothar aufgefordert hatte , mitzukommen , bot er der Herzogin den Arm , die sich , um sich für die Ausfahrt umzukleiden , in ihre Zimmer begab . Der Neuhäuser schaute dem Paare nach mit düsteren Blicken . Was war während seiner Abwesenheit aus der Herzogin geworden , aus dieser , wenn auch zarten , doch so elastischen eleganten Frau mit dem innigen schwärmerischen Wesen , begeistert für alles Schöne ? Der Frau , welche ihre Pflichten als Landesmutter mit wahrhaft fanatischem Eifer ergriffen hatte ? Sie war nur noch ein Schatten ihrer selbst , und das Feuer , das aus ihren Augen flackerte , war Fieberglut , statt der früher so reizenden Lebhaftigkeit eine nervöse Unruhe , die das Kranke in ihr so recht zum Ausdruck brachte . Und er ? Eben schlug der Vorhang hinter seiner hohen , auffallend schönen Gestalt zusammen , diesem Urbild von Kraft . Baron Lothar wußte selbst nicht , wie es kam , er mußte einer Jagd gedenken . Der Herzog hatte einen prächtigen Zwölfender gesehen , der ihm immer wieder entging . Tage- , nächtelang war er auf der Fährte des Wildes , nur von einem Jäger begleitet , und mit einer Ausdauer sondergleichen ertrug er die Strapazen der Pirsch . Seine Begleitung erblickte ihn erst am vierten Morgen wieder in schmutziger , durchnäßten Kleidung und mit kotbespritzten Stiefeln , aber den Zwölfender hatte er in der Morgenfrühe geschossen . Ja , hartnäckig , zum äußersten hartnäckig , und darum – Der Barons Blicke hafteten noch immer auf dem violetten Vorhang , er sah erst auf , als Herr von Palmer erschien und sich ihm mit eleganter Leichtigkeit näherte . » Gestatten Sie auch mir , Herr Baron , « begann der kleine zierliche Mann , an dessen Schläfen sich bereits graue Haare krausten , » gestatten Sie auch mir , Sie zu begrüßen auf heimischen Boden . Sie sind in den Salons unseres Hofes zu schmerzlich vermißt worden , als daß wir nicht in der freudigsten Aufregung sein sollten , Sie endlich wieder zu haben . « Baron Lothar sah von seiner stattlichen Höhe , ohne eine Miene zu verziehen , auf das gelbliche Antlitz des Sprechenden herab . » Ein eigentümliches Gesicht , eine Gaunerphysiognomie « , sagte er zu sich selbst , indem er die südlich gelbliche Farbe , die dunklen , dreisten Augen , von starken Brauen überschattet , und die Stirn betrachtete , die sich bereits bis über den halben Kopf erweitert hatte . » Sehr verbunden « , sagte er kühl , und seine Blicke gingen von dem Kleinen zu einem der farbenglühenden Wandgemälde . » Wie finden Sie das Aussehen Ihrer Hoheit , Herr Baron ? « fragte Palmer , indem seine Miene einen traurigen Ausdruck annahm . Und als der hochgewachsene Mann dort , in so angelegentliche Betrachtung versunken , die Frage überhört zu haben schien , setzte er hinzu : » Wir werden einen stillen Winter haben , denn sie ist eine Sterbende . Und dann – « Lothar wandte sich jäh und sah den Sprecher an . » Und dann ? « fragte er , und sein Gesicht überflog ein so drohender Ausdruck , daß Palmer die Antwort schuldig blieb . » Und dann ? « In diesem Augenblick ward gemeldet , daß die Wagen bereit seien , und Baron Lothar schritt an Palmer vorüber . Er saß dem herzoglichen Paar gegenüber mit blassem Gesicht . Der Wagen brauste auf der Landstraße dahin , hinein in den köstlichen duftigen Tannenwald . Von dem dunkelroten , mattglänzenden Seidenstoff hob sich das Antlitz der fürstlichen Frau so gelblich krank ab , und dennoch trug es den Ausdruck der Daseinsfreude , der Sehnsucht , zu leben , zu genießen , die bleichen Lippen hatten sich geöffnet über den kleinen weißen Zähnen , unter dem einfachen , nur mit einem roten Bande geschmückten Matrosenhütchen hervor suchten die glänzenden Augen in das geheimnisvolle Tannendunkel einzudringen und ihre Brust hob und senkte sich , als müsse jeder Atemzug ihr heilsam sein . » Jawohl , eine Sterbende ! « dachte Lothar . » Und dann – dann ? « Der Herzog , der neben seiner Gemahlin in den Kissen lehnte , schien für nichts weiter Sinn zu haben , als für das Wildgatter , das sich längs des Waldes hinzog . Und dann ? Baron Gerold kannte es nur zu gut , dieses Geheimnis , das alle Welt bereits wußte , es hatte Flügel gehabt und war ihm bis zur stillen Villa am Mittelmeer gefolgt . Er hatte sich nicht gewundert , als er von der Leidenschaft des Herzogs erfuhr und er hatte die Faust geballt , als er zum erstenmal den Namen des regierenden Herrn mit dem ihren zusammen gehört . Ihre Hoheit begann zu plaudern , sie sprach unaufhörlich von Klaudine und er mußte antworten , obwohl er ihr die Hand auf den Mund hätte pressen mögen . Hinter ihnen rollte der Wagen , der die älteste Hofdame der Herzogin trug , die Freiin von Katzenstein . Neben dieser freundlichen alten Dame saß Palmer und lächelte süßsäuerlich ; daß der Herzog heute bereits den Weg zu dem Eulenhause fand , dünkte ihn allzu eilig . Plötzlich hielt das Gefährt . Er beugte sich seitwärts über den Schlag und das säuerliche Lächeln verschärfte sich noch Dort , in einiger Entfernung von ihnen , stand die fürstliche Kutsche , zur Seite der Straße eine andere . Es war der Neuhäuser Wagen , und jetzt stieg Baron Gerold aus und reichte der Herzogin ein weißes , mit blauen Bändern verziertes Etwas hinüber – sein Kind . » Ah , Frau von Berg mit der Kleinen , der Prinzeß Katharina « , sagte die Freiin und nahm die Lorgnette . » Es soll ein jammervolles Würmchen sein . Die arme Berg tut mir leid ! « Herr von Palmer lehnte sich wieder zurück , er antwortete nicht . Endlich zogen die Pferde wieder an und die Neuhäuser Kutsche rollte an ihnen vorüber . Verbindlich grüßte der kleine brünette Mann die schöne Frau unter dem buntfarbigen Sonnenschirm . Sie hielt das Kind auf dem Schoß und ihre blaugrauen Augen flimmerten zu ihm herüber . » Sie ist noch immer schön « , murmelte die Freiin , etwas zurückhaltend ihren Gruß erwidernd , » und , mein Gott , sie kann die Jüngste auch nicht mehr sein ! Warten Sie doch , Palmer , ich meine , vor dreizehn Jahren wäre sie uns zum erstenmal in Baden-Baden begegnet , als ich mit der Herzoginmutter und dem Herzog dort – es war bei der Gräfin Schomberg . Und dann kam sie mit ihrem alternden Mann nach der Residenz . Die Luftveränderung sollte ihr gut tun , erzählte sie . « Über das gutmütige Gesicht der alten Dame flog ein leiser Schalk . » Ich will ihr nichts nachsagen , es war ja eine so kurze Glanzzeit , Palmer , ein Jahr danach verheiratete sich der Herzog bereits und von dem Tage an war er ein Juwel von einem Ehemann . « » O meine Gnädigste , Seine Hoheit bewegten sich stets auf dem Pfade der Tugend , wie auch heute , wie in diesem Augenblick noch . Wer würde daran zweifeln ! « Die alte Dame fixierte das lächelnde Gesicht ihres Nachbars und die Röte des Ärgers lief ihr über die Wangen . » Lassen Sie mich aus mit Ihren Bosheiten , Palmer ! « rief sie , » was Sie meinen , weiß ich , aber nun und nimmermehr ist ein Fünkchen Wahrheit daran . Klaudine Gerold – « » Ah ! Wer sagt etwas gegen Klaudine von Gerold , die reinste unserer reinen Frauen ? « entgegnete er und hob den Hut über den kahlen Scheitel . Frau von Katzenstein wurde noch röter , biß sich auf die Lippen und schwieg . Dieser Palmer war ein Aal , nie zu greifen . » Da sind wir « , sagte er und wies mit der fein behandschuhten Rechten nach dem Giebelfelde der Klosterruinen , deren Sandsteinverzierungen wie Spitzen auf dunklem Samt erschienen . Über dem Turm des Wohngebäudes , der aus mächtigen Wipfeln emporstieg , flatterten Heinemanns Tauben zum Himmel empor wie Silberfunken , und unter den niederhängenden Buchenzweigen leuchteten die Blumen des Hausgärtchens auf . » Führwahr , meine Gnädige « , sprach Herr von Palmer , » es ist ein Idyll , dieses Eulenhaus , ein Winkelchen , wie geschaffen , um ungestört von künftigem Glück zu träumen . « 8. Auf der Plattform des Zwischenbaues erscholl ein Lachen ; es war just nicht melodisch , eher ein wenig zu laut , aber so herzhaft , so hell , daß selbst der eifrig schreibende Mann in der Glockenstube aufhorchte und ein leises Lächeln über sein anfänglich unwilliges Gesicht glitt . Wie das klang ! So keck , so ehrlich , so kerngesund ! Merkwürdig , dieses Lachen – und es war Beate , das » barbarische « Frauenzimmer , das so lachte . Er schüttelte den Kopf und griff zur Feder , aber das Lachen klang immer wieder hinein in seine Gedanken . Dort unten aber , in dem Schatten der Steineiche , trocknete Beate sich eben die Tränen , welche die Heiterkeit ihr in die hellen Augen getrieben hatte . Sie saß neben Klaudine auf der Bank , die der alte Heineihann zierlich aus Birkenstämmen zusammengefügt hatte , und erteilte Unterricht im Gebrauch der Nähmaschine . Das kleine blitzende Räderwerk stand vor ihnen auf dem grüngestrichenen Gartentische und die schönen , schlanken Hände der einstigen Hofdame bemühten sich , mit dem komplizierten Mechanismus zustandezukommen . » Es sieht so drollig aus bei dir , Klaudine « , lachte Beate . » Aber , Herzenskind , du hast ja längst keinen Faden mehr in der Nadel und nähst mit wahrer Begeisterung ! Siehst du , da ist er . « Das schöne Mädchen im leichten , einfachen Kleide hatte dunkelrote Wangen vor Eifer . » Nur Geduld , Beate , ich lerne es bald « , sprach sie und beschaute die Naht . » Ich werde dir nächstens noch bei deiner Näherei helfen können . « » Na , das fehlte ! « wehrte Beate ab . » Das Haus voller Frauensleute , die sich im Wege stehen , und du mir helfen , bei deiner vielen Arbeit ? Die wenigen Stunden , die du erübrigst , solltest du deinem Klavier schenken und deiner Staffelei . Aber auf jemand anderen habe ich ein Attentat vor , und zwar auf die Berg . Glaubst du wohl , daß diese Person auch nur ein Strümpfchen strickt für das Kind ? Und als ich ihr neulich von unserer feinsten selbstgesponnenen Wolle ins Zimmer trug und sagte : › Hier , meine Beste , für das Kindchen kann schon immerhin zum Winter vorgesorgt werden , es ist kalt hier in den Bergen ‹ , bekommt sie eine kreideweiße Nase und sagt : › Ihre Durchlaucht , die Prinzessin Thekla , würde es sich nicht nehmen lassen , die Garderobe ihres Enkelkindes bis aufs I-Pünktchen zu besorgen , und wollene Strümpfe seien überhaupt ungesund . ‹ – › So ? ‹ fragte ich , › sehe ich ungesund aus ? Oder der Vater des Kindes ? Und wir , meine Beste , haben in der Kindheit nichts weiter auf dem Leibe gehabt als selbstgesponnene Wolle von unserer Schäferei und selbstgewebtes Leinen , und damit sind wir groß geworden . ‹ Sie wagte nicht zu antworten , aber das Gesicht ! Sie suchte ihren Ärger zu verbergen und bemerkte dann sehr kühl , sie habe strenge Vorschriften von der Prinzeß . Heiliger Gott ! Na , warum ist Lothar so dumm gewesen ! Er ist doch der Vater ! Aber als ich ihm nachher die ganze Sache erzählte , zuckte er die Schultern und schwieg . Ich sollte das Würmchen nur vier Wochen haben , du würdest Wunder erleben , Klaudine , es würde ebenso frisch wie die Dicke da . « Und sie zeigte auf das Kind , das an seinem kleinen Tisch eifrig mit Täßchen und Tellerchen spielte , welche Tante Klaudine heute früh aus ihrem eigenen Puppenschrank hervorgesucht hatte . » Übrigens « , fuhr Beate fort , » auch dir bekommt die frische naturgemäße Lebensweise . Du solltest dich nur einmal sehen jetzt , deine Augen so glänzend , und dazu der leise rosige Schimmer auf den Wangen , den du am Hofe ganz verloren hattest . Ein Glück , Schatz , daß hier keiner ist , dem du den Kopf verdrehen kannst , du – ' « Klaudine hatte sich lächelnd über die Maschine gebeugt und drehte das Rädchen . Sie bemerkte das Verstummen Beates nicht , nicht den verwunderten , fast erschreckten Blick , den diese auf die Landstraße hinaus richtete . Barmherziger Gott , das waren ja die roten , goldbordierten Livreen des Hofes , die dort unter den Bäumen auftauchten ! » Du , Klaudine , ich bitte dich ! « rief sie , » die Herrschaften ! Wahrhaftig , sie fahren hier heran ! « Klaudine stützte sich plötzlich wie ohnmächtig auf die Lehne der Bank . Mit erschreckten Augen sah sie hinüber auf die Wagen , die eben hielten . Durch den Mittelweg stürzte Heinemann in Hemdsärmeln , bemüht , die Arbeitsschürze abzustreifen , vermutlich , um in die alte Livree zu fahren . Fräulein Lindenmeyers Fenster klirrten so hastig zu , wie noch nie , und Beate wendete sich zur Flucht . Da fiel ihr Blick auf Klaudine . » Was hast du ? « flüsterte sie und faßte das Mädchen an der Hand . » Komm , wir müssen ihnen entgegengehen . « Aber schon hatte sich das schöne Mädchen aufgerichtet , sie eilte hinunter und schritt so sicher der Gartenpforte zu , als gehe sie bei einem glänzenden Hofball über das spiegelnde Parkett , als trüge sie statt des einfachen Kleides aus roher Seide und dem schwarzen Taftschürzchen die stolze Schleppe aus mattblauem Samt , in der sie noch vor kurzem alle Anwesenden bezaubert hatte . Beate folgte ihr mit bewundernden Augen . Wie unendlich graziös sank eben die herrliche Gestalt in tiefer Verbeugung zusammen , wie demütig neigte sie die schöne Stirn unter dem Kuß der Herzogin ! Beate bog sich vor , um die Herren zu sehen . Mein Gott , da stand ja Lothar neben dem Herzog , und eben schickten sie sich an , dem Hause zuzugehen , die fürstliche Frau am Arme Klaudines . Rasch schlüpfte sie durch die Glastür in die Wohnstube und von dort in Fräulein Lindenmeyers Zimmer . Die alte Dame stand vor dem Spiegel und stülpte die rotbebänderte Haube auf , die einen ebenso verzweifelten Eindruck machte wie ihre Besitzerin , deren Hände keine Nadel in die Haube zu stecken vermochten vor Zittern . Das alte Fräulein bot einen drolligen Anblick , sie hatte zwar schon die schwarze Kleidertaille angelegt , aber der Rock hing noch vergessen im Spinde mit den weit aufgesperrten Türen . » Lindenmeyerchen , regen Sie sich doch nicht auf ! « rief Beate belustigt , » sagen Sie mir lieber , wo die Kristallteller aufbewahrt werden , die noch von der Großmama stammen , und wo Klaudine die silbernen Löffel hat ? Und dann setzen Sie sich in Ihren Lehnstuhl ans Fenster . Dafür genügt Ihre Toilette just , und betrachten Sie später in aller Ruhe die Herrschaften , wenn sie im Garten spazieren . « Aber die alte Dame hatte so völlig den Kopf verloren , daß sie beteuerte , sie wisse sich in diesem Augenblick auf nichts , rein gar nichts zu besinnen , und wenn sie sich das Leben damit retten könnte . Lachend machte Beate die Tür zu und stieg die Treppe hinauf zu dem Träumer . Der hatte natürlich noch keinen Schimmer von der Ehre , die seinem Hause widerfuhr , und sah und hörte nichts als seine eigenen Gedanken . Sie schüttelte den Kopf und stand doch zaghaft vor der altersbraunen Tür , die in die Glockenstube führte . Ein helles Rot lag über ihrem Gesicht , als sie auf sein » Herein ! « den Drücker bog , und plötzlich sah ihr Antlitz , dieses strenge Antlitz mit den starken Linien , mädchenhaft lieblich aus . » Joachim , Sie haben Besuch « , sprach sie , » nehmen Sie Ihr köstliches Gewand und kommen Sie . Das herzogliche Paar ist unten . « Als er den Kopf hob und sie ärgerlich und verwundert ansah , lachte sie , und das war wieder das nämliche Lachen wie vorhin . » Aber eilen Sie doch ! Die Hoheiten werden den Hausherrn vermissen . Ich komme nach mit einer Erfrischung . « Unwillkürlich fuhr er sich in das üppige braune Haar . Das fehlte noch im Eulenhause , Allerhöchster Besuch ! Was wollen sie bei dem Verarmten ? Ah , Klaudine , sie wollen Klaudine wieder holen ! Mit finsterer Miene eilte er hinaus . Sie stand noch ein Weilchen in dem Gemach und sah sich um , scheu wie ein Kind , das zum erstenmal die Kirche betritt . Dann schlich das große robuste Mädchen auf den Zehen an den Schreibtisch und spähte herzklopfend mit purpurroten Wangen nach dem offenen Hefte , auf dem die Feder lag . Die Buchstaben dieser feinen leichten Schrift waren noch nicht getrocknet . Dort stand der Titel : » Einige Gedanken über das Lachen « . Sie schüttelte wie verwundert den Kopf und sah von dem Manuskript zu dem geöffneten Bücherschrank und da zuckte wieder ein Lächeln um ihren Mund , aber diesmal nicht schalkhaft , es war das Lächeln innerer herzlicher Befriedigung , und so ging sie hinunter in die Speisekammer , stellte frische , duftende Waldbeeren und Streuzucker auf einen Präsentierteller und kam , von Heinemann gefolgt , der in der längst nicht mehr getragenen Geroldschen Livree etwas wunderlich aussah , zu dem Tisch auf der Plattform , als just die Herzogin sich erhoben hatte , um den Wachskeller zu besuchen , der freilich nur noch den kleinsten Rest des Fundes barg . Beate von Gerold war den Herrschaften bereits vorgestellt worden . Als ihr Bruder sich mit einer Prinzeß des herzoglichen Hauses vermählte , hatte sie ihre drei qualvollsten Lebenstage in der Residenz verbracht , hatte Besuche machen müssen und wieder empfangen , hatte diniert bei der Prinzeß Thekla und einen Empfang im Schlosse » überstanden « , wie sie sagte . Sie hatte einmal himmelblaue Seide , einmal gelblichen Atlas getragen und war sich sterbensunglücklich darin vorgekommen , und als sie zurück nach ihrem Altenstein gekommen , war sie mit köstlichem Behagen wieder in die dehnbare Trikottaille gefahren und hatte geschworen , lieber Steine zu klopfen , als bei Hofe zu leben . In Erinnerung hieran fiel ihre Verbeugung sehr wenig devot aus , und ihr Gesicht zeigte ganz den Ausdruck , den Joachim als barbarisch zu bezeichnen pflegte . » Also in den Wachskeller , meine Herrschaften « , mahnte der Herzog und legte seiner Gemahlin fürsorglich das rote , golddurchwirkte Mäntelchen um die Schultern . Klau- dine nahm einen großen Schlüssel aus dem Körbchen , das neben der Nähmaschine auf dem Tische stand , und hieß Heinemann vorangehen . Joachim führte die Herrschaften . Sie selbst eilte in das Haus , um die noch immer fehlenden Löffelchen und Teller und ein Tafeltuch auszugeben . Sie tat es mit zitternden Händen und um ihren Mund lag ein gramvoller Zug . » Warum ? « fragte sie halblaut , » warum auch hierher ? « Sie lehnte den Kopf an die Pfosten des alten Eichenschrankes , der das Linnen der Großmutter barg , als suchte sie eine körperliche Stütze in dem Sturme , der durch ihre Seele ging . » Nur ruhig « , flüsterte sie und preßte die Hand gegen die Brust , als wollte sie das stürmisch klopfende Herz gewaltsam zum Gehorsam zwingen . Als sie ein paar Minuten später sich anschickte , den Herrschaften in den Keller nachzufolgen , da war ihr ernstes , schönes Gesicht unbewegt wie immer . » Halt ! « sagte eine tiefe Stimme am Kellergewölbe , » bis hierher und nicht weiter ! Sie haben keine Umhüllung , und dort unten ist es kühl . « Baron Lothar stand in dem dämmerigen Gewölbe und streckte die Hand gegen