ziemlich ruhig , wenn auch mit etwas vibrirender Stimme : „ Nun , da Sie wissen , was ich vorhabe , werden Sie auch wohl einsehen , daß ich mich nicht länger hier aufhalten kann – “ „ O , Sie haben Zeit ! “ unterbrach er sie . „ Der Wagen wird erst um vier Uhr kommen , Sie abzuholen … Sie sehen , ich habe mich auf meinem Lauscherposten neben der Laube genau instruirt . Ja , wenn man einmal der Sünde verfällt , so geschieht es meist mit Haut und Haar ! Meine Seele war ehemals rein vom Laster des Spionirens , rein , wie die Sonne am Himmel , und jetzt – sehen Sie die blauen Vorhänge da droben hinter den Turmfenstern ? Dort stehe ich lauernd und leide bisweilen auch die Strafe des Horchers , nämlich , das mit ansehen zu müssen , was ich verwünsche … Ja , ja , ich hatte heute Morgen einen unbezahlbaren Anblick ! Er riß mich dergestalt hin , daß ich die Entfernung und jegliches Hinderniß übersah und meinte , mit einem Faustschlag das widerliche Insect fortschleudern zu können , das meine Blume berührte – und darüber gingen Romeo und Julie zu Grunde … Ah , diesem Romeo geschah ganz recht ! Ich haßte ihn zuletzt bitter , war er doch so empörend glücklich ! … Jener blondgelockte Adonis von heute Morgen , der ohne Zweifel Ihr Ritter bei der Hochzeit sein wird , er durfte Blumen aus Ihren Händen nehmen , so viel ihm beliebte ; wenn ich nun in diesem Augenblick an Ihr Gerechtigkeitsgefühl appellirte und Sie bäte , nur diesen einen armseligen Zweig für mich zu brechen , Sie würden es nicht tun , ganz sicher nicht ? “ „ Ich habe kein Recht an diese Blumen , sie gehören meiner Tante . “ „ Ah , vortrefflich geantwortet ! … Was würden Sie erst sagen , wenn ich spräche : ‚ Gehen Sie nicht zu der Festlichkeit , [ 484 ] eine Menschenseele leidet unaussprechliche Qualen in dem Gedanken , Sie dort zu wissen ‘ ? “ In dem Innern des jungen Mädchens wogten alle gewaltsam niedergekämpften Empfindungen wieder durcheinander bei diesen Worten . Unwillkürlich sah sie zu ihm auf . In dem Augenblick faßte er ihre beiden Hände ; wie weggewischt waren plötzlich jene grimme Ironie , jenes wilde Weh von seiner Stimme , es war , als ob ihn die Waffen des ungestümen Trotzes für einen Moment treulos verließen und nun einem Gemisch von leidenschaftlicher Angst und Befürchtung freien Spielraum gewährten . „ Gehen Sie nicht , ich bitte Sie darum ! “ flüsterte er . Was waren das für Töne und wie schmolz sein kaum noch so höhnisch funkelnder Blick dabei in unaussprechlicher Zärtlichkeit und Weichheit ! Aber bei aller inneren Erschütterung , bei allen aufgestürmten Regungen , die sie unwiderstehlich hinüberzogen zu ihm , war sich Lilli doch klar bewußt , daß sie sein Verlangen zurückweisen müsse . Sie entzog ihm hastig die Hände , und lediglich infolge des inneren Ringens ward ihre Stimme so schneidend und herb , als sie entgegnete : „ Das ist eine seltsame Bitte , es steht nicht in meiner Macht , sie zu erfüllen ! “ Eine hohe Röte flog über das Gesicht des Blaubartes und mit ihr kehrte seine frühere Haltung zurück . „ Ich hätte diese Antwort vorher wissen können ! “ rief er . „ Aber wie , wenn ich nun um jeden Preis auf meiner Forderung bestehen müßte ? … Meinen Sie nicht , daß es ein Leichtes für mich sein würde , die Widerspenstige auf diesen meinen Armen im Fluge hinüberzutragen in mein Haus und dort zurückzuhalten , bis das Fest vorüber ? Es wäre nicht das erste Mal , daß es einem kühnen Sterblichen gelungen , eine Nixe zu rauben . “ „ Und nicht das erste Mal , daß da drüben in dem Hause eine Gefangene weinte ! “ stieß Lilli mit bebenden Lippen hervor . „ Eine Gefangene , in meinem Hause ? “ rief er im Ton höchster Ueberraschung und trat einen Schritt zurück , aber als ob ihn plötzlich die Lösung eines Rätsels überrasche , schlug er sich in demselben Moment mit der Hand vor die Stirn . „ O , ich Thor ! “ rief er , seine Stimme klang völlig verwandelt . „ Wie konnte ich vergessen , daß ich im Weichbild einer kleinen Stadt lebe , umlauert von neugierigen Augen und müßigen Zungen , für die ein scheinbares Geheimniß willkommen ist , wie die unglückliche Fliege im Netz der Spinne ! … Also Muhmen und Basen erzählen sich da drinnen , “ er streckte den Arm aus nach der Stadt , „ von einem weinenden , gefangenen Weib in meinem Hause ? Und ich spiele ohne Zweifel in diesem Drama notgedrungen die Rolle eines Währwolfs oder Blaubartes ? “ Trotz der peinlichen Lage , in der das junge Mädchen sich befand und die ihr sogar in diesem Augenblick das brennende Rot der Beschämung über ihre unwillkürlich herausgestoßene Aeußerung in die Wangen trieb , trotz all ’ diesem kam ihr fast ein Lächeln darüber , daß er selbst die ihr so geläufig gewordene Bezeichnung seiner Persönlichkeit brauchte . „ Und Sie hatten natürlicherweise nichts Eiligeres zu tun , als an dieses Geheimniß zu glauben und mich zu verabscheuen ? “ fuhr er mit bitterem Vorwurf fort . „ Würde ich gewagt haben , in Ihre reinen Augen zu sehen Angesichts des Schauplatzes jener muthmaßlichen Gräuel ? … Es ficht mich übrigens nicht im Mindesten an , was die da drinnen von mir denken und sagen , ich würde nicht einmal die Lippen öffnen , um das Gewäsch zu widerlegen . In Ihrer Seele aber darf dieser häßliche Wahn auch nicht um einen atemzug länger Raum finden … Ja , es lebt ein armes , unglückliches , weibliches Wesen in meinem Hause , allein nicht gezwungen oder gar gefangen , sondern geschützt und behütet von mir . Beatrice ist meine Schwester , aber wir sind nicht von einer Mutter , die meine ist gestorben , ohne je um die Existenz dieses armen Geschöpfes zu wissen , und mir hat mein Vater erst auf dem Sterbebett das Geheimniß und die Sorge um die Tochter anvertraut . Er hat sie stets zärtlicher geliebt als mich , den legitimen Sohn , und ich begreife das vollkommen , denn sie ist ein wunderbar befähigtes Wesen . Aber ihr Dasein ist auch für ihn eine Quelle unaussprechlicher Sorgen geworden … Sie , in deren Antlitz die Menschen lächelnd und erquickt schauen , Sie können nicht ahnen , was jenes unglückselige Wesen leidet ! Von ihrer Geburt an kränklich , hat sie plötzlich , und zwar kurz vor dem Tode des Vaters , eine entsetzliche , verheerende Krankheit heimgesucht . Ihre Gesichtszüge , die früher von bezaubernder Schönheit gewesen sein sollen , sind völlig zerstört ; sie verbirgt diesen Anblick hinter einem Schleier , ich kenne sie nicht anders . Ihr Leiden ist unheilbar und , wie sie selbst stets behauptet , ansteckend , und aus dem Grunde hat sie nie gestattet , daß ich auch nur ihre Hand berühre . Sie flieht die Nähe der Menschen ; es beugt sie schwer darnieder , ein Gegenstand des Schreckens zu sein , deshalb habe ich stets Sorge getragen , daß Niemand , außer ihrer Wärterin und meinem schwarzen Diener , der uns unerschütterlich anhänglich ist , um das Geheimniß hinter dem Schleier wisse . Das war auch der Grund , um dessen willen ich das Pavillonfenster aus meinem Garten entfernt haben wollte . “ Lilli hatte ihm wie betäubt zugehört – er stand entsühnt vor ihr . Statt des vermeintlichen Verbrechens , das seiner kühnen , herausfordernden Erscheinung etwas Dämonisches verliehen hatte , las sie jetzt auf seiner Stirn nur die edelsten Gedanken … Es war von Kindheit an ein fest ausgesprochener Zug ihres Charakters gewesen , das Bewußtsein eines ungesühnten Unrechts gegen Andere nicht in ihrer Seele zu dulden . Bei all ’ ihrem Trotz und Eigenwillen hatte man sie nie zu einer Abbitte zwingen müssen ; war sie von ihrem Fehler gegen Andere überzeugt , dann tat sie mit leidenschaftlicher Heftigkeit und Beredsamkeit Alles , um ihn gut zu machen . Aber noch nie war ihr das Gefühl eines unsäglichen Bedauerns und das Verlangen , die Kränkung vergessen machen zu dürfen , so unwiderstehlich zum Bewußtsein gekommen , wie in diesem Augenblick . Vielleicht las sein durchdringender Blick diese Vorgänge in der Seele des jungen Mädchens . Er nahm abermals ihre Hand , diesmal indeß in sehr sanfter und doch so eindringlich beschwörender Weise ; sein Gesicht überzog bis in die Lippen jene tiefe Blässe , die sehr häufig eine mächtige innere Erschütterung zu begleiten pflegt . „ Lilli , “ sagte er – ihr Name fiel zum ersten Male von seinen Lippen und wie unendlich süß klang er ! – „ ich habe bisher unwissentlich gegen ein Phantom ankämpfen müssen ; nun es gefallen ist , meine ich , soll es auch heller um mich werden … Heben Sie nur ein einziges Mal fest und prüfend die Augen zu mir auf und Sie müssen finden , daß nur der Aberwitz ein solch ’ abscheuliches Licht auf mich werfen konnte … Ich will mich durchaus nicht besser hinstellen , als ich bin , vor Ihnen am allerwenigsten . Ich könnte den Gedanken nicht ertragen , daß Sie , und sei es auch nur ein einziges Mal und selbst im verschwiegensten Winkel Ihrer Seele , dächten , ich hätte Sie getäuscht … Ich bin eine leidenschaftliche , heftige Natur ; als einzigem Sohn eines angesehenen , reichen Hauses standen mir Tür und Thore der großen Welt weit offen und ich habe mich in den Strudel des Lebens gestürzt , wie tausend Andere in meinen Verhältnissen auch … Verurteilen Sie mich nicht , Lilli , ich bin trotzdem nicht gesunken , ich habe nach der Erkenntniß nur um so energischer mein besseres Selbst zu retten gesucht … Ich darf getrost ein reines weibliches Wesen an meine Seite ziehen und sein Leben mit dem meinen verknüpfen . Diesem Gedanken gab ich übrigens in den letzten Jahren wenig Raum , ich hatte keine hohe Meinung von den Frauen … Da geschah es eines Morgens , daß ein zartes Geschöpfchen vor mir stand , an Gestalt ein elfenartiges Kind , sah es mich doch mit Augen an , aus denen der ganze herbe Trotz der Jungfrau , die Funken eines rasch denkenden , beweglichen Geistes sprühten . “ Ein Wagen rollte die Chaussee herauf und hielt draußen vor der Gartentür . Lilli zuckte erschreckt auf und suchte ihre Hände dem Sprechenden zu entziehen , allein er zog sie nur um so fester an sich heran und fuhr mit gesteigerter Stimme und fliegendem Atem fort : „ Und da wurde es mir klar , wie sich urplötzlich eine dunkle , in meiner Seele ruhende Weissagung erfülle : daß nämlich die reine , wahre Liebe auf dieser Welt kein bloßes Ideal und daß sie mir beschieden sei … Lilli , ich schwur , ich müsse Sie um jeden Preis erringen , ich – “ Das junge Mädchen entriß ihm gewaltsam ihre Hände . Der Kies des Hauptweges knirschte unter näherkommenden , schweren Tritten , und in dem Augenblick rief die Tante laut nach ihr . „ Nie , nie ! “ stammelte sie todtenbleich mit zuckenden Lippen , „ Geben Sie alle Hoffnung auf und kreuzen Sie nie wieder meinen Weg ! “ Sie lief nach dem Hauptweg und verschwand hinter dem Bohnengehege . Dort stand die Hofrätin , die Mantille des jungen Mädchens in der Hand , und ließ ihre suchenden Blicke über den [ 485 ] Garten schweifen . Sie schalt über die fehlenden Rosen an Lilli ’ s Brust , schnitt rasch selbst einige ab und übersah dabei gänzlich , daß die Gescholtene auf schwankenden Füßen mit aschbleichem Gesicht vor ihr stand . Wortlos stieg Lilli in den Wagen . Sie hatte das dumpfe Gefühl , als sei plötzlich ein unübersehbares Unglück in ihr Leben hereingebrochen und als habe sie eine Schuld , schwärzer als die Nacht , auf ihre Seele genommen . – Die sogenannte grüne Stube , ein sehr großes Eckzimmer mit sechs Fenstern im Hause der Hofrätin , steckte Jahr aus Jahr ein hinter festgeschlossenen Jalousien und zugeriegelten Türen . Zu des alten Erich Zeiten hatte dieser Raum sehr oft großen Glanz gesehen . Die deckenhohen Wandspiegel hatten majestätische Frauengestalten mit turmhoher Frisur und brocatener Schleppe und jene pomphaften , aus Atlas , Tressen und Spitzen zusammengesetzten Männertoiletten zurückgeworfen , und der sauber eingelegte Fußboden wußte von mancher Menuett zu erzählen , die auf hohen Stöckelschuhen von den Honoratioren der Stadt in aller Feierlichkeit und Grandezza hier getanzt worden war . Nur zweimal im Jahr wurden jetzt die Fensterladen auf wenige Tage zurückgeschlagen , und wer Tante Bärbchens Gewohnheiten kannte , der wußte dann , daß sie eine jener großen Gesellschaften beabsichtige , zu denen ihre sämmtlichen Freunde eingeladen wurden . Zu Sauer ’ s und Dortens Erstaunen wurde in diesem Sommer der Befehl zum Auslüften der grünen Stube bei weitem früher gegeben , als seit vielen Jahren herkömmlich war . Diese Abschweifung von der Regel hatte aber lediglich ihren Grund in Lilli ’ s „ fortgesetzter Kopfhängerei “ , wie sich die Hofrätin ausdrückte . Es war für Tante Bärbchen etwas ganz Neues , Ungewohntes , dem jungen Mädchen gegenüber auch einmal „ im Finsteren zu tappen “ . Nach zahllosen Muthmaßungen , aber stets mit Umgehung der allein richtigen , war sie schließlich zu der Ueberzeugung gekommen , daß Lilli Heimweh habe , und hatte ihr sofort mit großer Selbstverleugnung die Abreise nach Berlin freigestellt . Aber mit ausbrechender Heftigkeit , die fast ausgesehen wie ein tödtliches Erschrecken , hatte das junge Mädchen den Vorschlag entschieden zurückgewiesen . Von diesem Augenblick an bemühte sie sich mit unsäglicher Anstrengung , heiterer auszusehen , und Tante Bärbchen sann Tag und Nacht darauf , die angeblichen Hirngespinnste im Kopf ihrer Pflegebefohlenen zu zerstreuen . Es waren viele Gäste , alte und junge , zu dem bevorstehenden Souper eingeladen und die Hofrätin hatte bereits einigemal prüfend den Raum überblickt , ob sich neben den Spieltischen der alten Herren und Damen auch noch ein Tanzplatz für die Jugend einrichten lasse . Durch die strenge Abgeschiedenheit von Luft und Licht hatte sich der Salon so ziemlich seine ursprüngliche Frische zu erhalten gewußt . Die Vergoldung der zierlich geschnitzten Holzleisten an den Wänden blinkte lebhaft unter den neugierig hereinhuschenden Sonnenstrahlen , und das mythologische Plafondgemälde zeigte noch dieselben feurigen Fleischtöne an den Gestalten , wie sie längst gebrochene Augen ehemals entzückt hatten . Nur einige weibliche Pastellportraits , die eine unkundige tactlose Hand an den Wänden des harmonisch im Renaissancestil gehaltenen Raumes aufgehangen , hatten erblaßte Lippen und Wangen und die einst carmoisinschimmernde Umhüllung der häßlichen , ungebührlich kurzen Taillen war schmutzig-fahl geworden . In dem Kamin brannte trotz der Sommerhitze ein helles Feuer ; es sollte die letzten Ueberreste der dumpfen Luft verzehren . Noch standen inmitten des Zimmers die provisorisch hereingeschobenen Möbel aus dem Pavillon , und die geflüchteten Oelgemälde lehnten an den Wänden ; sie sollten nach Tante Bärbchens Beschluß endlich hier ihren Platz finden , weil der Großvater Erich für dieses Zimmer stets eine große Vorliebe , gezeigt hatte . Die Hofrätin und Lilli säuberten und wuschen vorsichtig die Bilder , und Sauer , der eben von einem Geschäftsgang nach der Stadt zurückkehrte , sollte sie aufhängen . [ 486 ] Er trat mit einer gewissen Feierlichkeit in ’ s Zimmer . Lilli kannte die Eigentümlichkeiten des alten Menschen genau und erkannte augenblicklich an dem Ausdruck seines breiten Gesichts , daß er eine wichtige Neuigkeit mit heimgebracht habe . Er rückte einen der hochbeinigen , ungepolsterten Eichenstühle an die Wand und indem er scheinbar prüfend die Stelle besah , wo das größte Bild hängen sollte , sagte er , ohne den Blick wegzuwenden : „ Die Frau Hofrätin können froh sein , Sie kriegen nun wieder Ruhe … Der da drüben , “ – er wagte nie , den Namen des Nachbars vor den Ohren seiner Herrin laut werden zu lassen – „ ja , der da drüben geht morgen fort , in die weite Welt und gar über ’ s Meer ; seine Siebensachen stehen schon fix und fertig gepackt . … Der Kutscher erzählte es beim Bäcker , wo ich die Torten bestellte . “ Lilli lehnte das Bild des Orestes , das sie eben in den Händen hielt , stillschweigend an die Wand , über ihre fest aufeinander gepreßten Lippen kam kein Laut . Sie schritt nach der Tür , fast mit den Geberden und Bewegungen des Nachtwandlers , den eine dämonische Macht vorwärts treibt . Die hohe Eichentür fiel hinter ihr schwer in ’ s Schloß , aber weder die Hofrätin , noch der alte Sauer bemerkten es . Die Erstere nahm die Neuigkeit mit einem scheinbar gleichgültigen „ So “ entgegen und wandte das Gesicht auf einen Moment nach den Fenstern , während der alte Sauer mit zitternden Knieen auf den Stuhl stieg . Die Pastellgemälde wurden von der Wand genommen und Sauer hing das Orestesbild versuchsweise an einen der alten , gelockerten Nägel , allein die Last war zu schwer . Kaum hatte er die Hände entfernt , als das Bild herabstürzte ; durch einen ungeschickten Rettungsversuch Sauer ’ s fiel es sehr unglücklich , es wurde gegen den Kaminsims geschleudert und blieb dort an einer spitz hervorragenden Verzierung hängen , doch nicht der Rahmen , man hörte das feine , scharfe Geräusch der mürben , zerreißenden Leinwand . „ Na , aber das nehm ’ Er mir nicht übel , Sauer , Er ist doch zu ungeschickt ! “ rief die Hofrätin erzürnt . Sauer verließ erschrocken den Stuhl und nahm das Bild herab ; über das Gesicht des Orestes liefen zolllange Risse nach mehreren Seiten hin . „ Da seh ’ Er her , was Er angerichtet hat ! “ schalt die Hofrätin weiter und hob die klaffende Leinwand auf , aber entsetzt , als habe sie auf glühendes Eisen gegriffen , fuhr die Hand zurück und die fahle Blässe einer schreckensvollen Ueberraschung flog über das Gesicht der alten Dame : ein Paar großer , brauner , fremder Augen hatte feurig und doch in rührender Sanftmuth aus der Spalte zu ihr aufgeblickt . „ Geh ’ Er hinaus , Sauer ! “ stammelte sie und legte rasch ihre Hand bedeckend auf die Risse . „ Die Bilder können später aufgehangen werden … Hinaus , hinaus ! “ wiederholte sie in ausbrechender Heftigkeit und zeigte nach der Tür , hinter welcher der zerknirschte Sauer verschwand . Ein tiefes Seufzen , das fast wie Stöhnen klang , rang sich aus ihrer Brust . Sie ergriff eine Scheere , mit bebender Hand , aber energisch und rücksichtslos durchschnitt sie das ehedem so ehrfurchtsvoll respectirte Gemälde , die Fetzen flogen zurück und von einem grünlich grauen Hintergrund erhob sich eine bezaubernd schöne Mädchengestalt und stand , vom wärmsten Lebensodem durchhaucht , vor den vergehenden Blicken der Hofrätin . Die lange Zeit der Haft war wirkungslos an der rosigen Frische dieser Züge vorübergestrichen ; der Sonnenstrahl , der die mit bewundernswürdiger Meisterschaft gemalten Haarwellen goldig streifte , hatte willig und unbeschadet seines Glanzes die Gefangenschaft geteilt , und der braune Sammet des Gewandes , weich , ungezwungen und bis zur Berührung täuschend in seinem Faltenwurf , quoll unbestäubt aus dem goldenen Rahmen ; unten in einer Ecke des Bildes stand der Name A. van Dyck . „ Er hat es doch getan ! “ murmelte die Hofrätin mit tonloser Stimme . „ Und die Hubert ’ schen waren in ihrem Rechte , wenn sie ihn ‚ Dieb ‘ schalten … Schrecklich , schrecklich ! … Und er hat weiter gelebt nach dieser elenden Tat und hat es geduldet und ruhig geschehen lassen , daß seine Angehörigen die Bestohlenen schmähten ! … Darum also war sein letztes Wort ‚ der Pavillon ! ‘ und dies letzte Wort ist wie ein heiliges Vermächtniß geehrt und behütet worden ! … Alle Erichs sind in dem Bewußtsein heimgegangen , daß ihr Haß ein gerechter war ; nur mir , der letzten , alleinstehenden wird die fürchterliche Erkenntniß , und ich , ich muß es dem da drüben eingestehen , daß die ehrenhaften Erichs durch achtzig lange Jahre hindurch – Hehler gewesen sind ! “ Sie blickte starr auf das stille Gesicht , das so lieblich und harmlos in die Welt hinein lächelte , und dachte mit Schauder an jenen Moment , wo ihr Großvater , wahnwitzig vor Leidenschaft , Nachts in das offenstehende Haus der arglos vertrauenden Familie eingedrungen sein mußte , an jene einsamen Stunden , wo er , scheu hinter Schloß und Riegel sein unseliges Geheimniß bergend , jenen Oresteskopf malte , der beinahe ein Jahrhundert hindurch das Mädchenantlitz voll Unschuld und Grazie neidisch bedeckte und dafür der Welt die Qualen eines bösen Gewissens in seinen verzerrten Linien zeigte . Die Hofrätin schwankte nicht einen Augenblick in der Ueberzeugung , daß das Bild dem rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben werden müsse , und zwar ohne Zögern , denn er wollte ja morgen eine Reise antreten … Welch ’ entsetzliche Aufgabe für sie ! Sie mußte ihren bisherigen Widersacher bitten , daß er schonend mit der Ehre ihres Großvaters verfahre , dazu wollte sie sich überwinden ; denn ihr strenges , unbestechliches Gerechtigkeitsgefühl sagte ihr , daß das vieljährige Unrecht gesühnt werden müsse … allein wenn sie daran dachte , daß der junge Mann ihr übermütig und rücksichtslos entgegentreten könnte , da schoß ihr das Blut siedend nach dem Kopfe , sie fürchtete sich vor ihrem eigenen rasch aufbrausenden Temperament , das leicht Alles verderben konnte . Nach heftigen , inneren Kämpfen trat sie aus der grünen Stube , schloß die Tür hinter sich ab und rief in der Hausflur mit fast versagender Stimme nach Lilli aber sie erhielt keine Antwort . Das junge Mädchen war , nachdem sie das Zimmer verlassen hatte , hinaus in den Garten gegangen . Es war , als ob sich ihr ganzes Denken in dem Satze „ Er geht fort ohne Lebewohl “ concentrire ; ihr frevelhaftes Wort „ kreuzen Sie nie wieder meinen Weg ! “ sollte in der Tat das letzte sein , das zwischen ihm und ihr gefallen … Unmöglich ! … Sie schritt weiter ; aber nicht auf dem langen Umwege der Kiespfade , querfeldein ging es durch Gemüsebeete und Buschwerk . Sie fühlte nicht , daß die glühende Nachmittagssonne auf ihrem Scheitel brannte ; vergeblich rissen die Dornen der Hecken an ihren Kleidern und schrieen und schmetterten aufgescheuchte Vögel in dem Dickichte , als wollten sie die Dahinschreitende zurückhalten von einem Gange , der gegen Mädchenstolz und Sitte stritt . … Sie trat in den Pavillon . Da lagen noch die Trümmer der zerstörten Wand , und über sie und die einst durch Dortens fleißige Hände fleckenlos sauber gehaltenen Dielen hinweg lief ein vielbetretener Weg hinaus nach Tante Bärbchens Garten . Die Wandöffnung hatte sich bedeutend vergrößert ; der Rest des Fachwerkes war zu einer niedrigen Stufe zusammengeschmolzen , die den Fußboden des Pavillons von einer schonungslos zusammengetretenen Blumenrabatte drüben schied . Zum ersten Male lagen Haus und Garten im funkelnden Sonnenlicht vor ihr , diese kleine Wunderwelt , hervorgerufen durch einen künstlerisch fein und harmonisch empfindenden Geist , dies geliebte nordische Fleckchen Heimaterde , das er in allem Zauber , der Schönheit sehen wollte , wie der zärtliche Bräutigam die Braut ! … Ueber die nickenden Blumenhäupter streifte ein feiner Luftzug , sie schüttelten sich leise , leise , wie im traurigen Verneinen , und das Geflüster der plätschernden Fontainen klang dem jungen Mädchen wie ein eintöniges Klagen , daß sie nun , ungesehen von Menschenaugen , einsam ihren Strahl gen Himmel tragen sollten , inmitten eines verödeten Eden . … Dort durch den stillen , kühlen Laubgang wandelte es langsam und schweigend ; aber es war nicht jene todestraurige Frau mit dem schleppenden , weißen Gewande , die sich wie ein dräuender Schemen zwischen Lilli und ihre Liebe gestellt , er war es selbst . Er schritt , die Hände auf den Rücken gelegt , mit gesenktem Kopf näher und näher . … Wie hatte sie je hinter dieser lichtvollen Stirn Gedanken voll Unrecht und strafbarer , gewalttätiger Leidenschaft vermuten können ? Wie war es möglich geworden , daß sie seinen innigen , die tiefste Liebe atmenden Worten gegenüber die Erinnerung an alte , verblaßte Familientraditionen , an ihre eigenen frevelhaften Vorsätze hatte festhalten können ? Wie hatte sie je dem Gedanken Raum geben mögen , daß ihr Herz allmählich wieder in das Geleise seines ehemaligen Friedens zurückkehren werde nach dem tödtlichen Riß , den sie in unverantwortlicher Selbstüberschätzung zwei für einander bestimmten Seelen zugefügt hatte ? Er kam näher und näher , und sie wich nicht . Ihre feine , [ 487 ] in hellen Muslin gehüllte Gestalt stand unbeweglich , wie ein geduldig wartendes Kind , in der Wandöffnung ; mit der Rechten stützte sie sich auf einen Balken , und ihr Gesicht leuchtete fast in geisterhafter Blässe auf dem dunklen Hintergründe der Pavillonwände . … Ein Zweig streifte die Stirn des einsam Wandelnden ; er sah auf und in demselben Moment in Lilli ’ s Augen . Er blieb wie angewurzelt stehen . „ Lilli ! “ rief er mit unsagbarem Ausdrucke ; in diesem Tone stritten Wonne und Schmerzen , zitternde Furcht und Jauchzen . … Mit wenig Schritten stand er neben ihr . Er nahm ihre Hand , sie ließ es ruhig geschehen ; in atemloser Spannung bog er sich nieder , um in ihren Zügen zu lesen ; sie lächelte und ihr Blick wich nicht zurück vor seinen in fieberhafter Hast forschenden Augen . „ Lilli , “ begann er endlich mit vibrirender , aber vor Aufregung fast klangloser Stimme , „ Ihr Erscheinen hier wäre eine entsetzliche Grausamkeit , wenn nicht … “ er brach ab und ließ ihre Hand sinken . „ Ich wollte Sie nicht wiedersehen , “ hob er abermals an . „ Eben , weil Ihr Anblick mir zum Leben notwendig geworden war , wie das Atemholen , eben darum mußte ich nach Ihrer Erklärung meinen aufrührerischen Gefühlen den Damm des mir selbst gegebenen Wortes entgegenstellen , wenn ich nicht in den Fall kommen wollte , mich selbst verachten zu müssen . … Ich gehöre zu den Naturen , für welche das , was sie einmal lieben , in Erz gegraben ist ; ich werde Sie nie vergessen , Lilli , nie ! Aber ich bin auch weit davon entfernt , mir selbst in der Hingebung an einen nagenden Seelenschmerz zu gefallen . … Ich gehe , Lilli ! Es wird ein weiter Raum zwischen uns liegen , und vielleicht , vielleicht übt einst auch die Zeit ein wenig Heilkraft an mir . … Ich kann in diesem Augenblicke noch nicht sagen : ‚ Werden Sie glücklich ! ‘ Das hieße sich selbst an ’ s Kreuz schlagen , und zu einem Märtyrer fehlt mir die Duldsamkeit ; der Gedanke , daß Sie je einem Anderen gehören könnten , macht mir das Blut sieden , und jener Wunsch könnte leicht zu einer Verwünschung werden … “ Er hielt plötzlich inne , und sein durchdringender Blick richtete sich über Lilli hinweg fest auf einen Punkt . Das junge Mädchen wandte sich um . Dort in der Tür stand die Hofrätin ; noch lag jenes fahle Grau auf ihren Zügen , das die unselige Entdeckung hervorgerufen ; das Gesicht sah in diesem Augenblicke merkwürdig verfallen aus , aber ihre großen , hellen Augen ruhten mit einem seltsamen Glanz und unerklärlichen Ausdruck auf dem Paare . Lilli näherte sich ihr nicht . Sie trat vielmehr dicht an die Seite des neben ihr Stehenden , als sei dies einzig ihr Platz und kein anderer auf der Welt . „ Tante , Du kommst zu spät ! “ sagte sie fest und auf ihrem erst so bleichen Gesichte lag ein tiefes Rot . „ Wenn er mich nicht verstößt , weil ich ihn in törichter Ueberschätzung meiner Kraft tief verwundet habe , so bin ich sein ! … Du bist die Wohltäterin meiner Familie , Tante Bärbchen , Du hast mich , so lange ich denken kann , geliebt und gehegt wie Dein eigenes Kind ; bis noch vor kurzer Zeit standest Du neben meinen Eltern in meinem Herzen , und über Euch , meinte ich , sei kein Raum mehr . … Wie hat sich das geändert ! … Aber ich wollte es erzwingen , daß mein Dankgefühl für Dich die Oberhand behielte . Gott allein weiß es , wie ich in den letzten Tagen gerungen und gelitten habe ; aber verschließe Deine Augen vor dem Lichte , es ist ja doch da ; wehre der Lebenslust , daß sie Dich nicht umschließe , es würde ebenso erfolglos sein , als der Kampf mit der ewigen Liebe ! … Nenne mich undankbar , entziehe mir Deine Liebe , ich werde namenlos traurig sein , aber – ich gehe mit ihm ! “ Sie ruhte längst an seinem Herzen . Schon nach ihren ersten Worten hatte er die Arme fest um sie geschlungen , und es sah in der Tat jetzt aus , als wolle der glückliche Sterbliche seine so schwer errungene Nixe sofort hinüber in sein Haus tragen . Die hohe Gestalt dort und ihre muthmaßlichen Einwürfe existirten für ihn nicht mehr . Wie trunken hingen seine Augen an den Lippen des jungen Mädchens , das mit wenigen energischen Worten ihm das Recht auf ihren Besitz einräumte . Die Hofrätin war indessen näher getreten , und um ihren strenggeschnittenen Mund zuckte es wie ein krampfhaftes Weinen – für Lilli eine niegesehene Erscheinung . „ Kind , Du hast doch wohl keinen rechten Begriff