genommen hatte . » Auf Gelsungen , der fürstlichen Domäne , die ich viele Jahre hindurch in Pacht gehabt habe , ist mir die Furcht , durch fremdes Gesindel bestohlen zu werden , nie in den Sinn gekommen , « fuhr er fort und rieb sich unter einer schmerzhaften Grimasse das eine Knie . » Dort hatten wir unsere Räume im ersten Stock , und das Herrenhaus wimmelte von unserer zahlreichen Dienerschaft . Hier in der Einsamkeit ist das freilich anders ; man hat wenig Menschen um sich , und mit den niedrig gelegenen Fenstern ist nicht zu spaßen . Drüben im Eßzimmer könnten uns die Silberlöffel dutzendweise gestohlen werden , ohne daß man es ahnt – so etwas merkt man oft erst beim späteren Nachzählen oder einer gelegentlichen Durchsicht . « Herr Markus biß sich fast verlegen auf die Lippe , indem er an den letzten Silberlöffel dachte , den die Magd gestern so energisch gegen die Verkaufsgelüste ihres » getreuen « Kameraden verteidigt hatte , und die Frau im Bette sah still auf ihre Hände nieder , die gefaltet auf der Decke lagen , während es fein rot in das blasse Gesicht aufstieg . » Ich glaube , von dem jungen Mann , der sich draußen am Hoftor aufhielt , haben Sie Derartiges nicht zu befürchten , « sagte der Gutsherr . Er erzählte darauf seine Begegnung mit dem Fremden auf der Fahrstraße , und wie derselbe für die Nacht auf dem Gute untergebracht worden sei – dabei verschwieg er nicht die Flucht des Unglücklichen , die Stolz und Ehrgefühl veranlaßt haben mochten . » Er schien mir heute noch hinfälliger als gestern , « fügte er hinzu ; » ich sah , wie Ihre Magd , die ihm ein Stück Brot bringen wollte , dem Taumelnden zu Hilfe kam – « » Unsere Magd ? « fragte die alte Dame und hob den Kopf aus den Kissen . » Ja , die Magd ist ' s gewesen , Sannchen ! « bestätigte der Amtmann in fast überlautem Ton , der ihr jedes fernere Wort abschnitt . » Ich gab ihr auch ein paar Geldstücke für den Menschen ... I nu , das tut mir aber leid ! « sagte er mit wirklichem Bedauern und fuhr sich in sein dünnes , graues Haar unter dem Samtkäppchen . » Ich möchte dem armen Kerl auch unter die Arme greifen , und vom Vorwerk soll er ganz gewiß nicht weggejagt werden , wenn er Nahrung und Ruhe für ein paar Tage braucht – das Fortjagen Hilfsbedürftiger ist beim Amtmann Franz nie Mode gewesen – ich werde den armen Teufel hereinholen ! « Er wollte sich erheben ; aber Herr Markus kam ihm zuvor . » Lassen Sie mich hinausgehen , Herr Amtmann ! « sagte er . » Aber , Liebster , ich weiß nicht , was wir heute zu Mittag haben ! « rief die weiche , bebende Frauenstimme ängstlich vom Bett her . » Und denke doch , bester Mann , wir müßten ihm ja ein Bett geben , ein gutes , bequemes Bett – « » Nun ja doch – ich weiß nicht , was du willst , Sannchen ! « fiel er ihr unmutig ins Wort . » Haben wir das etwa nicht ? – Kein gutes Bett bei Amtmanns , wo alle Welt immer entzückt war , in unseren schönen Daunen zu schlafen ! ... Kümmere dich doch nicht um die Wirtschaft , Herzchen ! Du machst dir immer falsche Vorstellungen von unserem Haushalt , seit du selbst nicht mehr nachsehen kannst , mein emsiges , braves Hausmütterchen ! Aber es geht alles seinen guten Weg , du kannst ganz ruhig sein . Und wenn wir auch an äußerem Glanz einbüßen mußten , die innere Gediegenheit eines guten Hauses ist uns doch geblieben . Freilich , « – er kraute sich aufs neue hinter dem Ohr und schob die Hausmütze nach der anderen Seite – » mit dem Wein wird ' s hapern . Da kann ich im Augenblick mit den barmherzigen Leuten auf dem Gute nicht wetteifern . Das verflixte Zipperlein hat mich wieder einmal grimmig gepackt , und mit den lahmen Beinen ist es eine reine Unmöglichkeit für mich , in den Keller hinabzusteigen – eine andere Hand aber lasse ich grundsätzlich nicht über meine Weine . « » So erlauben Sie mir , Ihnen einstweilen aus dem Keller Ihrer heimgegangenen alten Freundin einen Korb Wein zur Verfügung zu stellen , « sagte Herr Markus , an der Schwelle stehen bleibend . » Die gnädige Frau ist ja auch , infolge dieser Gründe , für längere Zeit der nötigen Stärkung beraubt und wird gewiß die kleine Erquickung als Gabe letzter Hand von ihrer Jugendgefährtin nicht zurückweisen . « Er ging hinaus und durchmaß eiligen Schrittes den Hof . Solange er drin am Bett gesessen , war er zu seinem Verdruß eine » dumme « Vorstellung nicht los geworden . Die Prüde hatte vorhin im Garten ihre langen Leinenärmel über die entblößten Arme herabgerissen , als sei der darauffallende Männerblick eine Befleckung – und gleich darauf war sie ohne Zögern bereit gewesen , diese Arme um die Gestalt eines jungen Bettlers zu legen – dieses Ärgernis stand ihm fortgesetzt vor den Augen und verdroß ihn dermaßen , daß er mit beiden Händen die Gelegenheit ergriff , hinauszugehen und die Hilfeleistung eigenhändig und allein zu übernehmen . Aber draußen vor dem Tor war weit und breit kein lebendes Wesen zu entdecken . Der Fremde mußte mit seinen zwei Pfennig Zehrgeld in der Hand schließlich doch weitergewankt sein , und das Mädchen war jedenfalls ihren häuslichen Geschäften wieder nachgegangen ; und bei dieser Wahrnehmung atmete er unwillkürlich und tief erleichtert auf – lächerlich ! Was ging es denn ihn an , und was hatte er dreinzureden , wenn junges Blut , ein Bursch und ein Mädchen aus dem Volke , in der Fremde in Hilfsbereitschaft zueinander traten ? Bei seiner Rückkehr in das Haus überflog sein Blick scharf musternd die Vorderseite des Wohngebäudes . Fräulein Erzieherin hatte sich jedenfalls vor ihm zurückgezogen , was er ihr keineswegs verdachte , da sie ja erfahren hatte , er beabsichtige , ihr aus dem Wege zu gehen , wo er könne . Er fühlte auch durchaus kein Verlangen nach ihrem Anblick ; aber eigentlich hatte er doch die Verpflichtung , auf jeden Fall sich zu überwinden , um im persönlichen Verkehr zu erfahren , wes Geistes Kind sie sei . Den Gedanken , ihr zu schreiben , hatte er vorhin nur im Zorn und Widerspruch an den Tag gelegt – ernstlich konnte und durfte er das nicht wollen ... Vielleicht entdeckte er vorläufig an einem der Fenster ihr Profil oder die Umrisse ihrer Gestalt – er mußte lächeln angesichts dieser Fenster . Nur drei derselben waren einigermaßen würdig , ein hochmütiges Damengesicht zu umrahmen ; es waren die Fenster der Wohnstube mit ihren hübschen weißen Vorhängen , die zur Linken der Haustür lagen ; zur rechten Hand wurde das eine von einem schief in den Angeln hängenden Laden verdeckt , und durch die beiden anderen sah man in einen fast leeren Raum , der nur einen großen Ofen , einen Tisch und einige Stühle von Tannenholz enthielt . Das mochte die Gesindestube sein – eine Unterkunft für die Magd , wenn sie einmal Zeit fand , von ihrer Arbeit auszuruhen – oder doch nicht etwa das berühmte Eßzimmer mit seiner ungezählten Schar silberner Löffel ? ! Ein weißer , bewegter Gegenstand lenkte plötzlich seinen Blick auf das niedere Dach . Aus dem Dachstubenfenster über der Haustür wehte ein Mullvorhang und blähte sich in der Luft , auf dem Sims blühten schöne Rosen , und an der sichtbaren helltapezierten Innenwand der tiefen Fensternische hingen Bilder ... Also da wohnte Fräulein Erzieherin ! – Nun , für heute mochte sie in ihrer Klause bleiben – er war augenblicklich ganz und gar nicht in der Stimmung , Redensarten zu drechseln , wie sie der Umgangston jener Kreise verlangte , in denen Dame Blaustrumpf gelebt und gewirkt hatte ! Er trat wieder in den Hausflur auf den knirschenden weißen Sand , der feingesiebt den Estrichboden bestäubte . Die Tür der Küche stand offen ; man konnte den backsteingepflasterten Raum übersehen , dessen Fenster nach dem Fichtengehölz hinausgingen . Frau Griebels blitzblanke Küche konnte sich kaum mit dieser messen , in welcher die letzten aus der großen Gelsunger Kücheneinrichtung herübergeretteten Reste von Zinn- und Kupfergeschirr tadellos funkelten und alles Holzgerät schneeweiß an den Wänden stand . Die Frau Amtmann mochte wohl recht gehabt haben in betreff des unzulänglichen Mittagessens ; ein winzig kleiner Suppentopf dampfte auf dem Herde , und zwei hergerichtete schmächtige Tauben warteten auf den Augenblick , wo sie eine Hand in die Pfanne legen sollte ; aber diese Hand war nicht da – es war so still in der Küche , daß man das Summen einer versprengten Hummel , ihre schwachen Stöße gegen die Fensterscheiben hören konnte ... Nun ja , es war selbstverständlich , daß die vielgetreue Zofe , die ja » ein Herz und eine Seele « mit ihrer Dame war , dem mißliebigen Besuch ebenso aus dem Wege ging , wie die gereizte Bewohnerin der Dachstube . 9. Als er in die Wohnstube zurückkehrte , da bemerkte er Tränenspuren auf dem sanften Frauengesicht hinter den Bettvorhängen ; der Amtmann aber war bemüht , drei bis vier Stück Zigarren – jedenfalls der Rest aus den Kisten , um derentwillen der Forstwärter heute mit den Spitzen in der Tasche zum Juden wandern mußte – auf einem Zigarrenständer zu ordnen . » Nun , wo steckt denn der Herr Langbart ? « rief er Herrn Markus entgegen . Der Eingetretene berichtete , daß der junge Mann seinen Weg fortgesetzt haben müsse , und nahm seinen Sitz am Bett der Kranken wieder ein . » Wußte sie denn nicht zu sagen , wohin er gegangen sei ? « fragte der Amtmann , ganz hingenommen von seiner Beschäftigung , die Zigarren zurechtzustecken , denn er sah nicht auf . » Ach , Sie meinen die Magd ? – Ich sah sie nicht . « » So , so – wird mit dem Mittagessen zu tun haben . « – Er bot dem Gutsherrn die Zigarren hin , die jedoch dankend abgelehnt wurden . Herr Markus sah , wie die alte Dame sich verstohlen abermals eine Träne von den Wimpern wischte . Vielleicht wußte sie um den Spitzenhandel . Die Kante war möglicherweise das letzte Familienerbstück , dessen Ertrag der lüsterne Herr Ehegemahl im vorhinein in die Luft verpafft hatte ; ein Zorngefühl gegen den unverbesserlichen alten Mann stieg in ihm auf , er hätte um keinen Preis eine der Zigarren angerührt . » Ein malerischer Waldblumenstrauß ! « bemerkte er , mitleidig die Gedanken der Kranken von dem unerquicklichen Thema ablenkend , indem er auf den Strauß im Kristallkelch zeigte . » Das will ich meinen ! « sagte der Amtmann . » Es sind aber auch Künstlerhände gewesen , die den Strauß gebunden haben . Meine Nichte , die gegenwärtig bei mir lebt , ist eine Blumenmalerin , die ihresgleichen sucht . Wir erleben viel Freude an ihr , und das Kapital , das ich in ihre Ausbildung gesteckt habe , ist kein verlorenes , wie so mancher schöne Taler Geld , den ich für vermeintliche Talente zum Fenster hinausgeworfen habe – « » Ach ja – mein guter Mann hat immer geglaubt , er müsse jedem forthelfen , der von der Kunst sein Heil erwartete , und diese Großmut ist allzusehr ausgebeutet worden , « warf die Kranke mit einem schwachen Lächeln ein , und ein Blick voll unvergänglicher Liebe streifte den alten Herrn . » Jugendeseleien sind ' s gewesen , Sannchen , dumme Streiche , die ich aber , weiß Gott , heute noch gerade so machen würde , wenn ich – na , wenn ich noch mitten im Welttreiben draußen mitschwämme . Der Tausend ja , schön wär ' s , das Mitschwimmen , trotz der steifen Beine , die mir das elende Zugloch , der Hirschwinkel , angeblasen hat ! Na , ' s ist noch nicht aller Tage Abend , und wenn erst mein kalifornischer Goldjunge wiederkommt – « Er unterbrach sich bei der hastigen Bewegung , mit welcher die alte Frau ihr weggewendetes Gesicht tief in die Kissen drückte . » Aber was ich vorhin ' sagen wollte – « hob er , das Kinn verlegen reibend , rasch wieder an . » I nun ja , da starb eines Tages mein guter Bruder ; er war schon mit dreißig Jahren Witwer geworden und hinterließ mir das arme kleine Ding , die Agnes . – Ein Glückspilz war er nie gewesen , und als Vormund seiner kleinen Waise brauchte ich der Hinterlassenschaft wegen keinen Finger zu rühren – es blieb nichts übrig . Da haben wir das herzige Mädel an unser Herz genommen , mein Sannchen und ich , wie wenn ' s uns der Storch eben frisch aus dem Teich gebracht hätte – und nicht zu unserem Schaden . In dem verhängnisvollen Augenblick , wo mein armes Frauchen unter ihrem bösen Nervenleiden buchstäblich zusammenbrach , da zeigte es sich , was wir an unserer Agnes hatten – sie ließ ihre prächtige Stellung in Frankfurt im Stich und kam hierher in die Einsamkeit , um die kranke Tante zu pflegen . « » Agnes ist ein Engel – sie opfert sich für uns auf , « sagte die alte Dame erregt und so hastig , als gelte es , den Augenblick zu benutzen , um die Verdienste des Mädchens in das rechte Licht zu ziehen . » Sie hat ein Joch auf sich genommen , das – « » Nun , mein Herzchen , so gar haarsträubend ist ' s denn doch nicht ! « unterbrach sie der Amtmann mit einem unruhigen Blick . Er bog sich weg und sah nach dem Nähtisch , welcher in einem der Fenster stand . » Hm – Hut und Handschuhe sind fort ! Sie wird wohl wieder einmal im Walde auf der Blumensuche sein . Ich hätte mir gern die Freude gemacht , sie Ihnen vorzustellen . – So in Saus und Braus wie beim General von Guseck lebt sie in unserem Hause allerdings nicht , indes – « » Die junge Dame mag in ihrer Stellung wohl recht verwöhnt worden sein ! « warf Herr Markus mit einem leisen , spöttischen Lächeln ein . » Verwöhnt , wie die Dame des Hauses selbst , « bestätigte der Amtmann . » Denken Sie sich doch : Theater , Gesellschaften , eigene Kammerjungfer , Ausfahrten in feinen Wagen ; « – er zählte alles an den Fingern her – » sie ist sehr hübsch , eine vollendete Dame , spielt wundervoll Klavier – Herr Gott , wie mich das immer wieder wurmt ! « unterbrach er sich selbst . » Ich hatte in Gelsungen einen Flügel , ein Instrument , das mich seine runden tausend Taler gekostet hat – mancher berühmte Künstler hat in meinen Abendgesellschaften darauf gespielt – jetzt steht ' s bei einem reich gewordenen Leimfabrikanten , und ein halb Dutzend junger Leimsiedersprossen klimpert darauf herum ... Ja , was half ' s denn aber ? Ich mußte es hingeben . Sagen Sie doch selbst , wo hätte ich denn hier das Prachtinstrument aufstellen sollen ? ... Ich wünschte nur , Sie hätten einmal diese Tonfülle gehört ! Unter den Händen meiner Nichte klang der Flügel geradezu erschütternd ; selbst ihren Fingerübungen konnte ich mit Genuß zuhören – ah , Sie sind kein Freund davon ? « fragte er – der spöttische Ausdruck im Gesicht des Gutsherrn war deutlich lesbar geworden . » Nein , « versicherte dieser unumwunden . » Die Zahl der klavierspielenden Damen ist unendlich . Nach jedem Essen , in jeder Abendgesellschaft ist der unglückliche Marterkasten die schließliche Zugabe . Ich bin gewohnt , nach meinem Hut zu greifen , sobald sich eine Dame an das Klavier setzt . « Der Amtmann lachte gezwungen auf , während seine Frau sehr ernst sagte : » Glauben Sie mir , auch wenn man uns das Instrument gelassen hätte , Sie würden bei uns nie gezwungen sein , einer aufdringlichen Spielerei auszuweichen ... Unser liebes Kind sucht auch nicht im einseitigen Virtuosentum seinen eigentlichen Beruf , seine Lebensaufgabe – « » Aber , liebes Herz , ich sagte es ja schon , daß Agnes auch eine ausgezeichnete Malerin ist ! « fiel der Amtmann hastig , in sichtlicher Ungeduld ein . » Sie weiß auch Bescheid in Küche und Keller , « fuhr sie fort – man sah , es kostete sie einen inneren Kampf , noch etwas zu sagen , nachdem ihr Mann ihr so kurz und bündig das Wort abgeschnitten ; aber sie tat es , und zwar mit etwas erhobener Stimme und hörbarem Nachdruck . » Ich begreife dich nicht , Sannchen ! « unterbrach er sie abermals . Eine starke Röte stieg in sein Gesicht , während er sich , geärgert , unter einer Grimasse die Knie rieb . » Liegt dir denn gar so viel daran , die Agnes , die Tochter eines höheren Offiziers , eine Franz , mit aller Gewalt als Aschenputtel oder Küchendragoner hinzustellen ? – Sollte mir leid tun um mein Geld , wenn sie es nicht weiter gebracht hätte ! ... Übrigens , Herr Markus , « brach er das Thema gewaltsam ab , » wie lange gedenken Sie noch im Hirschwinkel zu bleiben ? « » Nur wenige Tage . « Es schien , als atme der alte Herr erleichtert auf ; gleichwohl wiederholte er stirnrunzelnd , in mißvergnügtem Ton : » Wenige Tage ? ! ... Hm , da werden wir wohl die Freude nicht noch einmal haben , Sie bei uns zu sehen , und ich bin gezwungen , da mir mein unglückliches Untergestell keinen Gegenbesuch auf dem Gute gestattet , den günstigen Augenblick beim Zipfel zu nehmen und Sie um einen mündlichen Bescheid auf mein Schreiben zu bitten . Kurz heraus : Wie steht ' s mit der Eisenbahnfrage ? – Sie werden sich nun selbst überzeugt haben , in welch traurigem Zustand die Vorwerksbaulichkeiten sind – da hilft schon längst kein Flicken mehr . Und vollends die alte Bude , in der wir hausen , die reißt und kracht bei jedem Windstoß in allen Fugen – sie prasselt beim ersten Vorbeifahren eines Zuges zusammen , so gewiß , wie zweimal zwei vier ist ! « » Dann tut man am besten , sie vorher niederzureißen – « » Herr ! « fuhr der Amtmann empor – es sah fast aus , als wolle er dem gleichmütigen Redner an die Kehle fahren , während die Kranke mit einem Schreckenslaut flehend die Arme hob – » Herr , das heißt mit anderen Worten , Sie wollen mich an die Luft setzen ! « Herr Markus ergriff beschwichtigend die Linke der alten Dame . » Wie mögen Sie darüber so sehr erschrecken , gnädige Frau ... « sagte er . » Ist Ihnen dieses Haus , das unleugbar dem Einsturz nahe ist , so lieb , daß Sie kein anderes an seiner Stelle sehen möchten ? ... Ich baue auch die Schneidemühle vom Grunde aus neu auf ; es bleibt mir nichts anderes übrig , wenn ich nicht will , daß sie eines Tages meinen Pachter unter sich begräbt . Und hier läßt sich ein Neubau viel leichter und rascher bewerkstelligen , als dort am Wasser ... Ich verspreche Ihnen , es soll ein hübsches , bequemes Haus mit gesunden , luftigen Räumen , Ausbau und Sicherheitsläden werden . Wir rücken es um mindestens dreißig Schritt weit aus der lästigen Nähe der Schienen , verlegen die Stallungen an seine Nordseite und den Hof hinter die Gebäude , zu welchem Zweck selbstverständlich ein beträchtliches Stück Fichtengehölz weggeschlagen werden muß ... Es ist nicht mehr als billig , daß ich Ihnen für die Dauer des Umbaues eine anständige Unterkunft verschaffe , und deshalb bitte ich Sie , Ihr Zelt im Gutshause aufzuschlagen . Die Hälfte des oberen Stocks stelle ich Ihnen zur unumschränkten Verfügung – ich glaube , die Wohnräume Ihrer lieben verstorbenen Freundin werden Sie anheimeln und Ihnen genügen , bis Sie – ich hoffe ganz gewiß mit Anfang Mai nächsten Jahres – auf das Vorwerk zurückkehren können . Sind Sie damit einverstanden ? « Sie versuchte , bitterlich weinend und vollkommen sprachlos , seine Hand , die ihre Linke noch umschlossen hielt , an die Lippen zu ziehen , was der junge Mann erschrocken abwehrte . » Nein , nein , « sagte er verlegen errötend , » danken Sie mir nicht ! Nehmen Sie das , was ich tue , als einen letzten Gruß der edlen Heimgegangenen von jenseits herüber ! – « Auch der Amtmann schien bis zur Wortlosigkeit überrascht zu sein ; auch ihn mochte es drängen , dankend nach der Hand des jungen Mannes zu fassen ; aber bei den letzten Worten desselben stutzte er und horchte auf . Er zog die Hand zurück , und in seiner schlauen Miene konnte auch ein nicht sehr Kundiger lesen , daß ihm plötzlich ein Licht aufgehe , daß ihm der Gedanke komme , hinter dieser unglaublichen Großmut » müsse etwas stecken « . – Er war einer jener kurz angebundenen , unzerstörbaren , selbstbewußten Naturen , die es nie zugeben , daß sie Macht und Ansehen selbst verspielt haben – sie suchen sich jeder Lage sofort herrisch zu bemächtigen , wenn ihnen auch nur zollbreit Luft und Raum gelassen wird . » Ach ja , unsere teure Freundin , « sprach er mit kühler Ruhe und in vornehm zurückhaltender Weise , » sie hat recht wohl zu schätzen gewußt , was wir ihr zu allen Zeiten gewesen sind ! Wir haben von der Ferne aus Freud und Leid redlich mit ihr getragen und schließlich die traurige Einsamkeit des Hirschwinkels gerne mit ihr geteilt ... Ich bin so manches Mal durch Wind und Wetter gelaufen , um ihr mit einer Partie Schach die langweiligen Winterabende zu verkürzen – und Schach ist durchaus nicht meine Leidenschaft , müssen Sie wissen , Herr – im Gegenteil ! Aber solch ein Opfer bringt man ja herzlich gern , zumal einer Frau , die hingebende Freundschaft so zu würdigen wußte , wie unsere gute selige Oberforstmeisterin . « » Sie hat mehr für uns getan , als das ganze Heer von Freunden zusammengenommen , das sich einst um unsere Speise- und Spieltische zu scharen pflegte , « schaltete die Frau im Bette schüchtern , mit bebender Stimme ein . » Nicht bitter werden , liebes Herz ; auf alle diese Braven lasse ich nun einmal nichts kommen ! Aber du hast recht – Klothilde war von Herzen dankbar und wäre unbestritten noch viel weiter gegangen , wenn wir im leicht begreiflichen Zartgefühl nicht immer abgewehrt hätten . « – Er zuckte die Achseln . – » Je nun , es hat so sein sollen – der Tod ist ihr über den Hals gekommen , sie wußte nicht wie , sonst – wäre wohl manches , ganz , ganz anders ! « Herr Markus wandte sich unwillig weg von dem anmaßenden Schwätzer , der ihm , nur wenig verblümt , in das Gesicht hinein sagte , daß eigentlich er von Rechts wegen jetzt der Gutsherr im Hirschwinkel sei , wäre er nicht ein Pechvogel gewesen , dem das jähe Ende der früheren Besitzerin seine auf gebrachte Opfer wohlbegründeten Ansprüche vernichtet habe ... Eine scharfe Antwort drängte sich auf die Lippen des jungen Mannes ; allein im Hinblick auf die sichtlich erregte Kranke , die beweglich , mit angstvoll flehendem Blick seine Augen suchte , bezwang er sich und entgegnete gelassen : » Soviel ich durch ihren langjährigen Rechtsbeistand weiß , hat sich meine Tante zeitlebens nur als die Verwalterin dessen angesehen , was ihr Mann hinterlassen . Einzig aus diesem Grunde hat sie auch durchaus nicht testamentarisch über das Gut verfügt . « » Ja , ja – Sie mögen recht haben – ja , ja ! « stotterte der Amtmann . Er duckte sich plötzlich ganz kleinlaut in seinem Lehnstuhl zusammen . » Ich erinnere mich auch , dergleichen Aussprüche aus ihrem Munde gehört zu haben . Es ist deshalb nur anzuerkennen , daß Sie die vieljährige innige Beziehung zwischen ihr und uns nicht ganz unbeachtet lassen ... Nun denn , ich nehme Ihr freundliches Anerbieten , einstweilen in das Gutshaus überzusiedeln , mit bestem Dank an ; aber – ich bitte Sie – was soll inzwischen aus meinem Viehstand werden ? « Es war schwer , dieser lächerlichen Aufgeblasenheit gegenüber ernst zu bleiben . » Nun , « sagte Herr Markus , indem er sich an seinem aufgesprungenen Handschuhknopf zu schaffen machte , » ich meine , vorhin im Vorübergehen eine Kuh im Stalle gesehen zu haben – « » Ja , ja – ganz recht , augenblicklich , Herr Markus ! – Ich war vor kurzem gezwungen , dem Fleischer zwei prächtige Schweizerkühe ans Messer zu liefern – eine schwere Heimsuchung für einen Landwirt ! Ich bin überhaupt schlimm daran , bester Herr ! Es steht draußen nicht alles so , wie es sein sollte , das weiß niemand besser als ich ; aber mir fehlt ein Knecht . Ich habe nach allen Himmelsgegenden geschrieben – einen hiesigen will ich um keinen Preis , das Volk taugt den Teufel nichts – habe Lohn über Lohn geboten ; aber den Lumpen ist ' s zu einsam hier , es will absolut keiner in den Hirschwinkel ! « » Lassen Sie mich einmal den Versuch machen , vielleicht habe ich mehr Glück , « versetzte der Gutsherr . » Die Kuh stellen wir auf dem Gute ein , und das Geflügel kann auch drüben auf dem Hofe mit durchgefüttert werden . Mit Vollendung des Neubaues aber muß alles wieder im alten Geleise sein – das heißt das nötige Vieh in den Ställen und die erforderliche Menschenkraft und Hilfe zur sorgfältigen Bewirtschaftung des Pachthofes , wenn er nicht ganz zugrunde sehen soll . Ich werde für alles Sorge tragen , auch dafür , daß der Knecht möglichst bald eintritt , der Ernte wegen . Selbstverständlich « – der Knopf am Handschuh schien sich durchaus nicht fügen zu wollen , der Sprechende wandte ihm seine ganze Aufmerksamkeit zu – » selbstverständlich brauchen wir auch noch eine Magd , ein echtes , rechtes Bauernmädchen , das tüchtig mit eingreift ... Das Mädchen , das jetzt auf den Vorwerkswiesen hantiert , ist doch wohl ursprünglich nicht zu diesem Zweck angenommen worden ? « Die Kranke legte die abgezehrte , blasse Hand über die Augen , als überkomme sie eine plötzliche Schwäche , und der Amtmann hatte in diesem Augenblick einen so krampfhaften Hustenanfall , daß er ganz blaurot im Gesicht wurde . Der Gutsherr aber brannte förmlich darauf , etwas Näheres über das Mädchen zu hören ; er hielt den günstigen Augenblick unerbittlich fest , trotz Schwäche und Stickanfall des alten Ehepaares . » Wie man mir sagte , ist sie ein Stadtkind , oder hat zuletzt in einer größeren Stadt gedient ? « forschte er hartnäckig weiter . » Ja , sie war in Frankfurt am Main , « antwortete die alte Dame . Ihre Rechte war von den Augen auf die Bettdecke gesunken und pflückte an dem Überzug . » Sie ist allerdings nicht für eine solche Tätigkeit erzogen , ach , nichts weniger als das ! Lieber Herr – « » Und deshalb sind wir Ihnen sehr zu Danke verpflichtet , wenn Sie uns eine richtige , tüchtige Bauernmagd verschaffen wollten , « fiel der Amtmann mit erhöhter Stimme ein . » Also , bis wann denken Sie mit dem Neubau zu beginnen , Herr Markus ? « » Ich will mich sofort mit einem Baumeister der nächsten Stadt ins Einvernehmen setzen , « entgegnete der Angeredete , sich erhebend – es lag eine tiefe Falte des Mißmutes , ja eines gründlichen Ärgers zwischen seinen Brauen – » und werde später nicht verfehlen , Ihnen den Bauriß vorzulegen . « » Gottes Segen über Sie ! Sie sind ein edler Mann ! « rief ihm die Kranke in tiefster Bewegung zu , während er sich mit einer ehrerbietigen Verbeugung von ihr verabschiedete , um das Zimmer zu verlassen . Der Amtmann bestand darauf , ihn hinauszubegleiten . Draußen in dem Hausflur hielt er ihn mit geheimnisvoller Miene fest . » Es ist alles sehr schön und liebenswürdig , was Sie da für uns tun wollen , « raunte er ihm mit gedämpfter Stimme zu . » Und ich bin Ihnen auch sehr dankbar dafür ; aber denken Sie ja nicht , daß Sie dabei irgend etwas aufs Spiel setzen – es wird alles bei Heller und Pfennig ausgeglichen werden , Sie kommen nicht um Ihr Geld , dafür stehe ich ! ... Sehen Sie , drin durfte ich nichts sagen – meine Frau weint sich noch die Augen aus vor Sehnsucht nach ihrem Jungen – das ist ein gar heikles Thema bei uns . Solch ein närrisches Weibchen ! Und wenn er zerlumpt und zerrissen heimkäme , sie wäre doch selig , ihn wieder zu haben – so sind die Frauen , und in solchen Dingen muß der Vater den Kopf oben behalten . Ich werde doch wahrhaftig meinen Sohn nicht vorzeitig und um dieser Grillen wegen aus seiner Laufbahn reißen ! Er hat großes Glück gehabt , der Tunichtgut , dem ' s zu Hause , in der schönen Thüringer Heimat , zu enge war – der junge Bengel ist schon jetzt so eine Art Nabob ; noch ein , zwei Jährchen , da frage ich Serenissimus schlankweg , was seine Gelsunger Domäne kostet – « » Ei , du Sackermenter , willst du gleich ' runtergehen ! « unterbrach er sich , riß sein Käppchen von