aber braucht Geld , — viel Geld , — denn Kränklichkeit ist eine kostspielige Sache . Das Kind war von Natur gesund , — es ist erst durch schlechte Pflege , ja durch Mißhandlung verkümmert . Sie überließen es einer nichtswürdigen Haushälterin , die ihm Alles versagte , was ein Kind braucht , um zu gedeihen , und jetzt gaben Sie der geschwächten jungen Natur einen Todesstoß , von dem sie sich schwerlich ganz erholen wird . Sie müssen also selbst fühlen , daß , wenn Sie Ernestinens Leben fast zerstörten , Sie ihr wenigstens die Mittel gewähren sollten , dereinst dies sieche Dasein auf jede denkbare Weise er ­ träglich zu machen und sich für die Schmerzen einer verwahrlosten Kindheit durch alle die Freuden zu ent ­ schädigen , welche der Reichtum gewährt ! “ Hartwich brach wieder in lautes Weinen aus . „ Ja , ja , Sie haben Recht , — Sie sind ein Ehren ­ mann , Herr Geheimerat . Aber wie kann ich mein Testament umstoßen , ohne Leutholds schlimmste Rache zu fürchten . Ach , Sie wissen nicht , welch ein gefähr ­ licher Feind er ist . “ — „ Ich weiß , ich weiß “ — unterbrach ihn Heim , mit dem Kopfe nickend , — „ er ist ein schlimmer Bursche , aber sagen Sie mir einmal , Herr von Hart ­ wich , was fürchten Sie von ihm ? Wird Sie dereinst der Fluch Ihres unglücklichen Kindes , wenn es am Leben bleibt , nicht schwerer treffen , als der Haß eines so elenden Subjekts wie Ihr Stiefbruder ? “ Hartwich wand und krümmte sich in seinem Bette : „ Wenn ich nur wenigstens die Fabrik schon verkauft hätte ! Wenn er erführe , daß ich ihn enterbte , er wäre im Stande , aus Rache den Verkauf zu hintertreiben und mir das ganze Unternehmen herunterzubringen — dann könnte das arme Kind noch mehr als die Hälfte seines Vermögens einbüßen ! “ Der Geheimerat legte die Hände mit der Dose übereinander und sah Hartwich lächelnd an . „ Wenn Sie weiter kein Bedenken haben , dann steht die Sache vortrefflich . Die Fabrik ist so gut wie verkauft , denn der Bruder der Frau Staatsrätin Möllner , Herr Neuenstein , brennt darauf , sie für seinen Sohn , der Chemiker ist , zu erstehen ; — er kennt Ihren Bruder und würde seine Ränke durchschauen.Übrigens braucht es Gleißert ja auch vor der Hand noch nicht zu erfahren . Sie machen das Testament ganz heimlich . Ich gebe Ihnen Tinte und Feder , wenn ich das Rezept für Ernestinchen aufschreibe , — Ihre Haushälterin schicken Sie augenblicklich fort , damit Sie unbewacht sind , denn der traue ich jeglichen Verrat zu und die Pflege des Kindes dürfen Sie ihr nicht mehr überlassen . Heute Nachmittag komme ich wieder und Sie legen die Schrift in meine Hand , — wo sie sicher ist ! Nun — wie gefällt Ihnen der Vorschlag ? “ „ Ja , ja , — rief Hartwich leidenschaftlich . — „ Das ist gut , — so kann ich es machen . Ach — es ist ja das Einzige , was ich für mein Kind noch tun kann — und ich will es tun . Schicken Sie die Gedike fort , verschaffen Sie sich schnell Papier und Tinte — so etwas soll man nicht aufschieben , keine Stunde länger , als nötig — ich fühl ’ s , ich bin ein übernächtiger Mann . Wenn diese Last von meiner Seele ist — sterbe ich ruhiger ! “ — Heim ging sogleich hinaus , um das Schreibmaterial zu holen ; denn er wußte besser als der Kranke selbst , daß hier kein Aufschub geraten sei . Die Mäd ­ chen suchten das Geforderte zusammen und er sah einen Augenblick nach Ernestinen , während der Chirurg ging , um frisches Eis zu Umschlägen zu holen . Sie lag unruhig lallend und stöhnend da . Er beobachtete sie liebevoll und sprach froh vor sich hin : „ Du armes Kind , — Du sollst von nun an bessere Tage haben ! “ Dann begab er sich zu Frau Gedike , um ihr Hartwichs Willen zu verkünden und stellte Rieke , die älteste der andern Mägde , die ihm gefiel , als Ernestinens Wärterin an . Als er wieder bei Hartwich eintrat , fand er diesen in höchster Aufregung . Sein Gesicht war hochrot , seine Adern angeschwollen . „ Wo bleiben Sie so lange ? “ rief er dem Geheimerat entgegen , — „ ich war schon in Angst , der Schlag könnte mich treffen — ich hatte Kongestionen wie damals ! — So , geben Sie die Schreibsachen her — es wäre furchtbar , wenn ich jetzt stürbe , be ­ vor ich mein Verbrechen gesühnt . — Helfen Sie mir auf , bitte , Herr Geheimerat — aber rühren Sie meinen kranken Arm nicht an , — o , dieser Schmerz ! So , — so — ich danke Ihnen . — Jetzt die Feder ! Ich habe mir , während Sie draußen waren , alles überlegt , wie ich ’ s anfangen will , daß er mich nicht wortbrüchig nennen kann , und daß er ’ s das arme Ernestinchen nicht entgelten läßt , wenn ich etwa jetzt sterben sollte , — Ach Luft — Herr Geheimerat — öffnen Sie ein Fenster . Wenn ich nur erst geschrieben habe — dann wird mir leichter werden ! Dann werd ’ ich ruhiger . “ So sprach der Kranke in atemloser Hast , während große Schweißtropfen von seiner Stirne rieselten . „ Nur ruhig , ruhig ! “ sagte der Geheimerat . „ Sie sterben noch nicht so bald , aber mit dieser Aufregung machen Sie sich krank . “ „ Ach Sie sind gut , — Sie wollen mich trösten , aber ich fühl ’ s , diese Nacht hat auch mir den Todes ­ stoß gegeben , — es ist hohe Zeit ! “ Er tauchte die Feder ein und sah nach der Tür : „ daß nur Leuthold nicht kommt — sonst ist alles verloren . Riegeln Sie zu , ich bitte Sie , damit er uns nicht überrascht . — Sagen Sie , — nicht wahr — es ist recht , wenn ich ihn zum Erben Ernestinchens einsetze ? Dann bin ich doch nicht ganz wortbrüchig ; es ist ja , leider , leider , wahrscheinlicher , daß das arme Lamm stirbt , als daß es durchkommt — dann ist alles , wie es war , und er erhält das Vermögen , — wenn sie aber lebt , so soll sie ihm ein hübsches Legat auszahlen . “ „ Ja , ja , “ sagte der Geheimerat gutmütig , „ geben Sie dem Burschen , was Sie ihm schuldig zu sein glauben . Aber schalten Sie noch ein , daß er Ernestinen nur beerbt , wenn sie unverheiratet stürbe ; denn wenn es Gottes Wille wäre , daß sie lebte , sich verheiratete und Mutter würde , so dürfen Sie ihrem Kinde das Vermögen nicht entziehen . Das könnte sie einmal sehr unglücklich machen . “ „ Ja , Sie haben recht . Ich will auch dies noch beifügen . Aber die Vormundschaft — nicht wahr — muß ich Leuthold wenigstens lassen ; er wird sonst zu furchtbar gereizt ! “ Der Geheimerat schüttelte den Kopf : „ Das würde ich nicht tun ! “ „ Doch , doch , Herr Geheimerat . Es sähe zu gehässig aus — und dabei ist keine Gefahr für das Kind . Er hat Ernestine immer gern gehabt und ihr bei mir das Wort geredet und am Ende steht er ja unter einer gewissenhaften Obervormundschaftsbehörde ! “ „ So kürzen Sie diese Vormundschaft wenigstens so viel als möglich ab und setzen Sie zu meiner Be ­ ruhigung ausdrücklich die Bestimmung fest , daß Ernestine mit achtzehn Jahren mündig wird . Nach unsern Gesetzen kann ein Vater sein Kind mit achtzehn Jahren mündig sprechen . Bis dahin bleibt das Vermögen bei dem Obervormundschaftsgericht deponiert und Ernestine kann es dann selbstständig verwalten . — Bei einem Menschen wie Gleißert ist solch eine Vorsicht wohl am Platze ! “ „ Auch damit bin ich einverstanden . — So wären wir denn im Reinen ! Gott sei Dank ! “ Hartwich atmete tief auf und tauchte mit zitternder Hand die Feder ein . Doch kaum hatte er die ersten Züge zutun versucht , als er in Verzweiflung die Feder fallenließ : „ Großer , barmherziger Gott — ich kann nicht mehr schreiben ! “ — Der Geheimerat sah erschrocken in das Papier , die Buchstaben waren krumm und völlig unleserlich . Der alte Herr ließ einen Augenblick in höchster Bestürzung die Hoffnung sinken , — während Hartwich wie ein Kind stöhnte und jammerte . So nahe am Ziel sollte der schöne , redlich gemeinte Plan scheitern ? Der Geheimerat betrachtete den Kranken mit zweifel ­ haftem Blick und erwog , einen wie langen Aufschub sein Zustand wohl noch gestatte . Dann faßte er sich schnell und sagte entschlossen : „ Ich schaffe Rat , seien Sie nur ganz unbesorgt . Ich fahre in das nächste Städtchen , hole eine Gerichtsdeputation und Sie machen ein mündliches Testament ! In zwei Stunden bin ich wieder da . Sagen Sie mir nur , wann Leuthold nicht zu Hause ist , damit er uns nicht sieht ? “ „ Um die Zeit , in der Sie zurück sein können , ist er in der Fabrik . Wenn Ihr von der Waldecke an zu Fuße geht , so merkt er nichts . Herr Geheimerat , Sie sind ein edler Mann , mein und meines Kindes Wohltäter — wie soll ich Ihnen danken ? “ „ Nichts zu danken , — nichts zu danken ! Ist ja nur Menschen- und Christenpflicht ! “ damit versteckte der vorsichtige alte Herr die Schreibmaterialien und eilte hinaus . Hartwich blickte mit seinen blutunter ­ laufenen Augen zum Himmel und betete : „ Laß mich ’ s noch erleben , Herr mein Gott , — nur so lang ’ laß mich noch leben ! “ — Und wieder und immer wieder sprach er die wenigen Worte , während sein Herz immer ungestümer und unregelmäßiger pochte und seine Adern blau anschwollen , als schlängelten sich lebendige Nattern hindurch . Es war die Todesangst eines armen Sünders , der fühlt , daß er in Kurzem vor einen unerbittlichen Richter treten muß und sich noch vorher von einem Teil seiner Schuld loskaufen möchte . Diese Angst mußte natürlicherweise sein Ende beschleunigen ! Frau Bertha kam bald nach des Geheimerats Entfernung herab und wollte Hartwich Gesellschaft leisten , aber sein Zustand flößte ihr Grauen ein . Sie sah , daß es mit ihm zu Ende ging , und hatte nicht den Mut , seinen Todeskampf mitanzusehen . Sie kam sich vor wie seine Mörderin , weil sie seinen Tod so sehr wünschte . In der Tat macht uns das Schicksal oft durch unsere stillen Wünsche zu Mitschuldigen sei ­ ner Härte und wir schlagen uns zerknirscht vor die Brust , wenn das , was wir auf Kosten eines Andern im Geheimen ersehnt , plötzlich Gestalt gewinnt . Wer hätte nicht in seinem Leben einmal solch einen egoisti ­ schen Wunsch gehegt und , nachdem er ihn bekämpft , dem Himmel heiß gedankt , wenn er ihn nicht erfüllte ? Und wer hätte sich im andern Falle nicht einer schweren Schuld angeklagt , als habe sein geheimes Verlangen das Schicksal zum Nachteil seines Opfers herausgefordert ? Frau Bertha war zwar so zartfühlend nicht , sie wollte Hartwichs Tod , um sein Vermögen zu bekommen , und dankte dem Himmel , daß er ihr so schön in die Hände arbeitete , sie war jedoch zu sehr Weib , um im Augenblicke der Erfüllung ihrer schlech ­ ten Wünsche nicht zu schaudern und in der Gestalt des sterbenden Hartwichs einen rächenden Popanz zu erblicken . Sie beschloß daher , dem Befehl ihres Herrn untreu zu werden und den Schreckensort zu meiden . Die wohlerwogenen Gründe , die jener hatte , ihr Aufmerksamkeit auf Alles , was vorging , zu em ­ pfehlen , vermochte sie nicht einzusehen und so begab sie sich , nachdem Leuthold in die Fabrik gegangen , wieder hinauf in ihre eigenen Gemächer . Hartwich lag nun allein , in Angstschweiß gebadet , auf seinem heißen Lager . Langsam schlichen die Mi ­ nuten hin , von Viertel- zu Viertelstunde mußten ihm Nachrichten über Ernestinens Zustand gebracht werden ; sie lauteten immer gleich . Doch plötzlich nach Ver ­ lauf einer Stunde kam Rieke eilig herein : „ Gnädiger Herr , “ rief sie , „ Ernestine ist aufgewacht und verlangt nach einem Buche , aber wir können gar nicht erraten , was sie für eines meint , sie spricht so undeut ­ lich , und was wir ihr bringen , ist ihr nicht recht . Was soll man denn da machen ? “ „ Einen Knecht in die Stadt schicken und alle Kinderbücher holen lassen , die es dort zu kaufen gibt , — dem Kinde soll es an nichts fehlen — hört Ihr ? an nichts ! Hat sie nicht von mir geredet ? “ „ Ach nein “ — entgegnete die Magd . „ Sie ist ja gar nicht recht bei sich — sie jammert nur immer um ihr Buch ! “ „ Nun so schafft nur rasch herbei , was sie will — nur rasch ! “ Die Magd ging hinaus und der Kranke brütete wieder einsam vor sich hin . Es ängstigte und quälte ihn grenzenlos , daß Ernestine etwas wünsche , was erst in einigen Stunden zu bekommen war . Nach einiger Zeit klingelte er der Wärterin wieder und er ­ hielt den Bericht , daß die Kleine noch immer nach einem Buche verlange . Der Kranke ward immer un ­ ruhiger und begehrte endlich die Nähe des Chirurgen , der noch bei Ernestinen war . „ Lederer , “ rief er diesem entgegen , als er ein ­ trat , „ laß Er mir zur Ader ! Weiß Er noch ? Das tat mir damals so gut . “ „ Ei bei Leibe nicht , gnädiger Herr ! “ rief Lederer , „ das darf ich nicht ohne ärztliche Verordnung und scheint mir ja auch gar keine Ursache zu einem so ge ­ waltsamen Mittel vorhanden zu sein ! “ „ Was weiß Er ! “ fuhr ihn Hartwich zornig an , „ ich fühle , daß es nötig ist , sag ’ ich Ihm . Das klopft und bohrt in meinem Kopfe . Er muß mir Blut lassen , wenn mich der Schlag nicht zum zweiten Male treffen soll ! “ „ Ach gnädiger Herr , Sie machen sich gewiß unnütze Sorgen , “ jammerte der Barbier , „ haben Sie doch nur Mitleid mit mir armen , abhängigen Manne , ich darf mir bei einem Kranken , wie Sie sind , keine solche Eigenmächtigkeit erlauben — ich wollte es ja sonst gern tun ! Gedulden Sie sich doch nur , bis der Geheimerat wieder kommt ! “ „ Er ist ein nichtsnutziger feiger Wicht “ — schrie Hartwich in überschäumender Wut . „ Ums Himmels willen , gnädiger Herr , beruhigen Sie sich nur “ — unterbrach ihn der Chirurg er ­ schrocken : „ Ich will Ihnen ja gehorchen , — aber ich habe mein Verbandzeug nicht da — ich muß erst nach Hause gehen und es holen . Bis dahin kommt viel ­ leicht auch der Herr Geheimerat wieder ! “ „ So geh ’ Er , “ murmelte Hartwich , den seine Heftigkeit schon wieder reute , aus Angst , er habe damit die Gefahr seines Zustandes erhöht . „ Aber richte Er mich erst noch auf ! Ach , wenn ich nur mit den Füßen aus dem Bette könnte , es würde mir gewiß leichter . Versuch Er es doch , ob ’ s nicht geht , — ziehe Er die steifen Klötze einmal heraus . — So recht — so recht . Es geht schwer . Ach , wer hölzerne Beine hat , ist doch viel glücklicher daran , — Stelzfüße kann man abschnallen , aber der Gelähmte muß die toten schweren Glieder immer an sich hängen haben ! — ’ s ist ein Hundeleben und ich hätte nichts dagegen , wenn ’ s ein Ende nähme , — aber nur nicht jetzt , bevor ich meine Schuldigkeit getan . Geh ’ Er nur , Lederer , und komm Er bald wieder . “ Der Barbier hatte ihm so weit herausgeholfen , daß er aufrecht , im Bette saß und die lahmen Füße auf einem Schemel stehen hatte . Er sah sich im Zimmer um und gewahrte Ernestinens Buch , das noch aufgeschlagen auf dem Tische lag . „ Was ist das ? “ fragte er . Lederer reichte es ihm . Er blätterte darin . Plötzlich verklärte sich sein Gesicht : „ Das ist am Ende das Buch , nach dem Ernestine verlangt ! Gewiß hat ihr ’ s gestern in der Gesellschaft Jemand geschenkt . Du lieber Gott — jetzt verstehe ich , warum sich das arme Würmchen noch so spät zu mir geschlichen — es wollte bei meiner Lampe lesen ! — Ach — und hat das unschuldige Vergnügen so furchtbar büßen müssen ! Geh ’ Er schnell hinüber , guter Lederer , und bring ’ Er ’ s dem Kinde . — Die Rieke soll mir dann berichten , was es gesagt hat und — nicht wahr — Er holt dann gleich das Verbandzeug ? “ — „ Ja wohl , gnädiger Herr , empfehle mich ganz gehor ­ samst ! “ sagte Lederer und eilte mit dem Buche hinaus . Eine Uhr schlug Neun . Hartwich seufzte tief . „ Erst Neun — da kann es noch eine Stunde dauern , bis Heim kommt . Die Herren vom Gericht sind auch nicht so schnell bereit . Lieber Gott — Du wirst das arme unschuldige Kind nicht so schwer strafen , daß Du mich sterben lässest — bevor ihm sein Recht wurde , — Du wirst nicht ! “ — Er versuchte vergebens , die Hände zu falten , und ließ sie endlich matt auf die ge ­ lähmten Kniee niedersinken . Es kam ihm vor , als würde plötzlich auch die rechte Hand steif . Schon daß sie ihm vorhin beim Schreiben den Dienst versagt , konnte nicht nur von der Ungewohnheit herrühren . Er hob und senkte mehr ­ mals prüfend den Arm , — war es Wahrheit oder Einbildung , er wurde ihm immer schwerer . Dies war keine Gichtlähmung , wie die der linken Seite ; dies konnte nur Folge eines Blutergusses im Gehirn sein . Kalte Tropfen traten ihm auf die Stirn , er versuchte es , sie mit der mehr und mehr erschlaffenden Hand abzuwischen , doch vergebens , er brachte sie nicht mehr so weit in die Höhe . So saß der hilflose Mann da , an allen Gliedern gelähmt und der Angstschweiß rann ihm unaufgehalten über das Gesicht . Er dachte an die weißen magern Händchen seines Kindes , wie wohl sie ihm jetzt tun würden , könnten sie ihm die eigenen ersetzen , ihm die Stirne trocknen , eine Erfrischung reichen — er dachte , wie einsam und ver ­ lassen er den Tod erwarte und wie das doch lediglich sein eigenes Verschulden sei — und wieder verfiel er in ein krampfhaftes Schluchzen . — Da trat Rieke ein . „ Nun — war es das Rechte ? “ rief Hartwich . „ Ja , gnädiger Herr ! “ „ Gott sei Dank ! Sprach sie nicht von mir ? “ „ Nein , gnädiger Herr ! Sie redete gar nichts Sie nahm nur das Buch und küßte es , dann schlang sie ihre Arme darum und schlief wieder ein . “ „ Wenn mir das Kind nicht verzeiht , bevor ich sterbe , finde ich nicht Ruhe im Grabe ! “ stöhnte Hartwich . „ Rieke , denke Dir — mein rechter Arm wird auch lahm . Schau ’ mich einmal an — findest Du mein Aussehen nicht verändert ? “ „ I , bewahre — so blau sind Sie immer gewesen ! “ tröstete Rieke . „ Gib mir ’ mal einen Spiegel , daß ich ’ s selber sehe ! “ Rieke hielt ihm denselben hin , er betrachtete sich lange ängstlich darin . „ Ich sehe furchtbar aus . Findest Du nicht , daß meine Zunge schwer wird ? “ Rieke stellte den Spiegel weg . „ Ach , Ihre Zunge war ja immer schwer , wenn Sie Schnaps getrunken hatten . Machen Sie sich doch darum keine Sorgen . “ „ Ich habe heute nichts getrunken , unverschämte Person , “ stammelte Hartwich aufgebracht , „ mache , daß Du hinauskommst und pflege mir das Kind gut — sonst — ! “ „ Ja , ja — gnädiger Herr — ich werde schon meine Schuldigkeit tun , auch ohne Ihre Drohungen — aber gut machen , was Sie schlecht gemacht haben , kann ich doch nicht ! “ Damit schlug sie die Tür hinter sich zu . „ Das muß man sich von solch ’ einer Bauern ­ dirne sagen lassen ! “ klagte Hartwich . „ Wie werden sie mein Kind gegen mich aufhetzen , wenn es wieder zu sich kommt . O — o — ich verdien ’ s nicht besser , ’ s ist traurig , sehr traurig ! Aber nur ruhig — nur nicht ärgern ! “ So murmelte er mit zittern ­ den Lippen vor sich hin , stets bemüht , seine Aufregung niederzukämpfen und seiner keuchenden ringenden Brust einen regelmäßigen Atem abzuzwingen . Wieder schlug die Uhr und zwar Zehn . „ Jetzt müssen sie doch kommen , “ dachte Hartwich . „ Wenn ich nur noch bei klarem Verstande bin ! “ Der unglückliche geängstigte Mann stellte nun alle möglichen Denkversuche an , um seine Geisteskräfte zu prüfen und wiederholte hundertmal die Fassung des Testamentes , um sie sich so einzuprägen , daß er sie auch im letzten Augenblick noch wisse . Endlich ertönten Schritte in der Hausflur . „ Lederer wird das Verbandzeug bringen , “ dachte er , sich jetzt erst wieder seines Wunsches , Blut zu lassen , erinnernd . Aber es waren mehrere Tritte , das mußte die Gerichtsdeputation sein ! Die Tür ging auf . „ Ach Gott sei Dank , Gott sei Dank , “ stammelte Hartwich und sank ohnmächtig zurück . „ Dacht ’ ich ’ s doch ! “ rief der Geheimerat . „ Hätten Sie ihm nur zur Ader gelassen — oder wären Sie wenigstens bei ihm geblieben , “ fuhr er den erschrockenen Barbier an , der mit ihm eintrat . „ Nur schnell — das Etui her — drüben beim Kinde Eis geholt , “ befahl er und während er sprach , hatte er schon alle Vorbereitungen getroffen und bald spritzte das dunkle Blut aus der geöffneten Ader hervor . „ Nehmen Sie nur einstweilen Platz , meine Herren , “ sagte er nun , während er den Arm unterband . Ich glaube , daß der Kranke noch einmal aufwacht . Dort in der Ecke steht das nötige Schreibmaterial . “ Die Herren setzten sich und rüsteten den Tisch zur Aufnahme des Protokolls . Der Chirurg brachte Eis . Es ward Hartwich auf den Kopf gelegt , und wie der Geheimerat gesagt hatte , kam er bald wieder zu sich . Er blickte erstaunt um sich . „ Lebe ich noch ? “ fragte er schwach . „ Ja wohl , ja wohl , “ sprach der Geheimerat froh . „ Es war nur ein kleiner Streifschuß . “ „ Gott der Gnade , “ stammelte Hartwich . „ Du bist barmherzig ! Ich habe auch das Gedächtnis noch . Sind die Herren da ? “ Der Richter erhob sich und trat an das Bett : „ Wir sind da , Herr von Hartwich , und erwarten Ihre Bestimmungen . “ „ Ich bin noch bei Verstande — gewiß ich bin ’ s ! “ beteuerte der Kranke mit kindischer Ängstlichkeit . „ Die Absicht , mit welcher Sie uns hierher gerufen , zeugt wenigstens nicht von dem Gegenteil , “ sagte der Richter ernst , während er dem Protokollführer ein Zeichen gab . Dieser schickte sich an , zu schreiben . „ Auch beteure ich , daß dieser letzte Entschluß ein ganz freier ist , “ fuhr Hartwich fort . „ Auch hiervon bin ich überzeugt , — ich war weit mehr geneigt , Ihr voriges Testament für ein erzwungenes zu halten , als dieses , “ erwiderte der Beamte . „ Beeinträchtigt es die Gültigkeit des Dokuments nicht , wenn ich keine Unterschrift beifügen kann ? Meine Hand versagt mir leider den Dienst ! “ „ Durchaus nicht ! “ sagte der Richter . „ Die beiden Herren , Geheimerat Heim und Chirurg Lederer werden die Güte haben , als Zeugen für Sie zu unterschreiben , dann ist die Urkunde rechtskräftig . Fühlen Sie sich stark genug , Ihren Willen zu Protokoll zu geben — so steht der Aufnahme nichts im Wege ! “ „ Ja wohl — ja wohl ! “ keuchte Hartwich und richtete sich an dem Geheimerat auf . „ Jede Minute ist mir kostbar . “ Der Protokollführer setzte die üblichen Präliminarien auf , der Geheimerat schloß auf Hartwichs Wunsch die Tür und dieser diktierte nun mit solcher Hast , daß ihn der Richter um langsameres Sprechen bat , weil der Schreiber kaum folgen konnte . — Einige Verworrenheiten in der Abfassung brachte der Richter mit edlem Eifer bald ins Klare und so ward denn das Testament vollendet , ehe die mühsam glimmende Lebensflamme des Testators erlosch . Die kleine Ernestine war Erbin eines Vermögens von neunzigtausend Talern . Das Protokoll wurde Hartwich vorgelesen . Der Geheimerat und Lederer unterzeichneten statt seiner . „ Nun kann ich sterben ! “ sagte der Kranke mit der Miene eines Erlösten , und als habe er die letzte Kraft an diese Tat gesetzt , brach er jetzt geistig und körperlich zusammen . „ Geheimerat ! “ stammelte er mit schwerer Zunge , und ein seltsames Lächeln verklärte sein Gesicht : „ Legen Sie das Dokument meinem Kinde aufs Bettchen , als den — letzten — Gruß — seines — Vaters ! — Ihnen danke — “ seine Augendeckel sanken herab , er begann zu lallen und verlor das Bewußtsein . Der Geheimerat nickte dem Richter zu und sprach ernst : „ Das war hohe Zeit ! “ Viertes Kapitel . Die trauernden Hinterbliebenen . Am andern Tage um dieselbe Zeit stand Frau Bertha in ihrer Küche und schlug mit gewaltigem Schwunge Schnee zu einem Kuchen , wobei ihre vollen Wangen von der heftigen Bewegung wackelten , wie Geldsäckchen , die geschüttelt werden . Sie hatte die Magd mit dem Kinde in den Garten geschickt und mußte nun selbst ihre Stelle vertreten . — Sie wischte sich mehrmals mit der Schürze die Stirn und drehte endlich prüfend den Teller um , ob der Schnee steif sei , es fiel kein Tropfen herab , — er war sehr steif ! Sie stellte ihn nun mit hoher Genugtuung auf den kalten Wassereimer und wandte sich dann nach einem großen Sacke unter dem Tische um , in dem es jämmerlich zappelte und piepte . Ein weißes Täubchen steckte den Kopf heraus , und Bertha schlug es darauf und band den Sack noch fester zu , in dem die armen Tiere schmachteten . — Ein Kochtopf lief zischend und prasselnd über , sie eilte herbei , strich die weiten Ärmel zurück und hob mit ihren fleischigen Armen den glühen ­ den schweren Kessel vom Feuer . Sie war schön an ­ zusehen , als die rote Flamme aus der frei gewor ­ denen Öffnung schlug und ihr zurückgebogenes Gesicht mit einem Glutschein übergoß , als sie so mächtig und geschäftig herumhantierte , dampfende Töpfe hin und her schob , das Herdtürchen aufriß , Holzklötze nach ­ legte , herausfallende Brände und Kohlen mit der bloßen Hand wieder hineinwarf oder hoch vom Rauchfang ­ gesimse eine eiserne Pfanne herabschwang . Es war , als sei Frau Venus , jene derbe plumpe Höllenvenus der deutschen Volksphantasie aus dem Hörselberge5 gekommen und habe sich in eine Küchenschürze gesteckt , um den blutlosen , kalten Doktor Gleißert in Gestalt einer Köchin zu verführen und ihm vorher höchsteigenhändig ein erwärmendes , begeisterndes Mahl zu be ­ reiten . — Jetzt nahm sie ein Netz voll Krebse und setzte sie in einem Topf mit kaltem Wasser zum Feuer , dann schürte sie tüchtig und schaute behaglich den Zuckungen der langsam sterbenden Tiere zu . Sie dachte nicht daran , daß so eben auch ein zähes Menschenleben in schwerem Kampfe mit dem Tode rang und als sie wenige Minuten später die Leiber der Krebse in einem Mörser zerstieß , ahnte sie nicht , daß das Dröhnen und Klingeln , welches sie hervorbrachte , ein Totengeläute sei . Sie stampfte wacker und wohlgemut die krachenden Schalen zu Brei zusammen und hörte es nicht , als plötzlich ihr Gemahl wie ein vom Bogen geschossener Pfeil die Treppe herauf und in die Küche flog . „ Weib ! “ rief er atemlos und hielt ihr den Arm fest . „ Weib , heute hast Du Dich zum letzten Male gequält ! “ — Frau Bertha sah ihn an — eine halb ängstliche , halb freudige Überraschung malte sich auf ihrem er ­ hitzten Gesicht : „ So vergnügt sah ich Dich , seit ich Dich kenne , nur einmal , — als Du jene sonderbaren Fische in Triest untersuchtest ; was ist denn geschehen ? “ „ Kannst Du ’