und – dazwischen sagte sie , Jenny müsse aus dem Hause – sie müsse zerstreut werden – diese apathische Ruhe sei so gefährlich . Du weißt ja , sie hat seit drei Tagen noch kein Wort gesprochen – und ich müsse sie 103 begleiten auf einer längeren Reise – damit ich – « Sie stockte und biß die Lippen aufeinander . » Damit du mich womöglich vergessen sollst ? « fragte er ernst . Er legte die Hand unter ihr Kinn und blickte in ihre Augen . Sie antwortete nicht . Aber er las die Bestätigung in dem tränenumflorten Blick . » So gern möchte man mich hier fortdrängen ? So stark ist die Abneigung , Trudchen ? – Und du ? « Er fühlte , wie sie zitterte . » Oh ! « sprach sie mit einer Heftigkeit , vor der Linden fast erschrak , » – oh – ich – – siehst du , es gibt Momente , wo ein Dämon Gewalt über mein Herz bekommt . Ich bin hineingelaufen im hellen Zorn , ich – ich weiß nicht mehr , was ich alles getan und gesagt habe – ich schäme mich jetzt – ich hätte still sein müssen . Sie können uns ja gar nicht trennen , nein – sie können es nicht ! Nun liegt Mama drüben in ihrem Schlafzimmer , und die Sophie wurde zu dem Doktor geschickt . Ach , Franz , ich habe so lange Jahre alles geduldig getragen – ist es denn so große Sünde , wenn endlich das unterdrückte Gefühl durchbricht , wenn einmal die Selbstbeherrschung mich verließ ? Ich bin heftig gewesen – ich habe mich stets für so ruhig gehalten – wie ein Sturm rissen die Worte mich hin , die ich gehört habe . Ich weiß nicht , wie schwer meine Vorwürfe waren gegen die Mutter . Und heute , gerade heute , wo sie den einzigen Sonnenstrahl hinaustrugen , der für mich im Hause war . « 104 » Wir wollen zur Mama gehen , Trudchen , und sie bitten , uns zu verzeihen , daß wir uns so liebhaben – komm . « Er hatte das so gesprochen , um sie zu trösten und weil er fühlte , daß irgend etwas geschehen müsse . Am liebsten hätte er das Mädchen an die Hand genommen und sie hinausgeführt über diese Schwelle . Sie machte sich los und sah ihn erstaunt an . » Um Verzeihung bitten ? Deshalb ? « » Trudchen , verstehe mich nicht falsch ! « Er wurde fast verlegen vor ihren großen , verwunderten Augen . » Ich meinte damit , daß Mama es auf eine angemessene Art erfährt , wie wir voneinander nicht lassen werden . Sag ihr ein gutes Wort wegen deiner Heftigkeit . Komm , ich gehe mit dir . « » Das kann ich nicht ! « rief sie . » Ich kann nicht um Verzeihung bitten , wenn man mich so gekränkt hat in dem , was mir das Heiligste , das Liebste ist . Ich kann nicht ! « wiederholte sie und trat an ihm vorüber in den Erker . Er ging ihr nach und faßte nach ihrer Hand . Es war ihm wunderlich zumute . Er hatte bis jetzt nur das ruhige , maßvolle Weib in ihr gesehen . Aber sie verstand ihn falsch . » Nein ! « sagte sie , » bitte mich nicht darum , Franz . Ich tue es nicht , ich kann es nicht , ich habe es nie gekonnt ! Auch als Kind nicht , obgleich sie mich stundenlang eingesperrt haben in eine dunkle Stube . « » Ich wollte dich nicht bitten « , sagte er , » laß mir 105 nur deine Hand . Ich muß doch wissen , daß du es noch bist , Trudchen . « Sie beugte sich hernieder auf seine Rechte und drückte einen Kuß darauf . » Wenn du nicht auf der Welt wärest , Franz , wenn ich hier allein stehen müßte , heute « , flüsterte sie innig . » Aber du hast doch um meinetwegen den Kummer « , erwiderte er gerührt . Sie schüttelte den Kopf . » Verkenne mich nur nicht « , sprach sie wieder , » und habe Nachsicht mit meinen Fehlern . Nicht wahr , Franz , das versprichst du mir ? « Es klang wie Angst aus dieser Bitte . » Sieh , ich bin so trotzig , wenn ich mich gekränkt fühle . Hart werde ich dann aus Trotz wie Stein , alles Gute schweigt in mir , hassen kann ich , wenn mir niedriges Denken entgegentritt ! Franz , du weißt nicht , was ich schon gelitten habe darunter – « Sie standen noch immer Hand in Hand . Draußen wirbelte der Schnee vor den Spiegelscheiben in der Dämmerung des vergehenden Wintertages . Es war so still hierinnen , so warm und traut . » Franz ! « flüsterte sie . » Mein Trudchen ! « » Du bist mir nicht böse ? « » Nein ! Nein ! Wie wollen unsere Fehler ertragen , und wir wollen sie schon bessern . Wenn wir uns nur erst ganz allein haben . « » Du hast keine Fehler « , sagte sie stolz und überzeugt und schmiegte sich an ihn . 106 Er war ernst . » Doch , Trudchen . Ich bin ein maßlos heftiger Mensch , heftig bis zum Jähzorn . « » Das sind nicht die schlechtesten Männer « , meinte sie und schlang den Arm um seinen Hals . » Weißt du das so genau ? « erkundigte er sich und sah ihr lächelnd in das liebliche Antlitz , das jetzt so weich in der Dämmerung vor seinen Blicken schwamm . » Ja ! Großmutter behauptete es immer « , nickte sie . » Die Großmutter aus der engen Gasse ? « » Dieselbe , Liebster ; hättest du sie doch gekannt ! Aber deine Mutter möchte ich sehen « , fügte sie dann hinzu . » Wir reisen hin , Liebling , sobald wir Mann und Frau sind . Wann wird das sein ? « » Franz « , bat sie statt der Antwort , » laß uns nicht gleich reisen , laß es mich erst wissen , wie es in einer Heimat ist , wo Liebe , Vertrauen und gegenseitiges Verstehen beieinander wohnen ! Laß mich erst wissen , was Frieden ist ! « » Ja , mein Trudchen ! Wollte Gott , ich könnte dich morgen hinausholen in das alte Haus . « » Gertrud ! « rief es schrill aus dem Nebenzimmer . Sie fuhr empor . » Mama ! « flüsterte sie , » komm ! « Sie gingen hinüber . Frau Baumhagen stand neben ihrem Schreibtisch . Eben brachte Sophie die Lampe , und ihr Schein beleuchtete das runde , verweinte Antlitz der Mutter , in dem sich heute eine ganz ungewöhnliche Entschlossenheit ausprägte . 107 » Es ist gut , daß Sie hier sind , Linden « , redete sie den jungen Mann an , während sie die Klappe des Schreibtisches herunterließ und Platz daran nahm . » Wieviel Zeit gebrauchen Sie , um Ihr Haus so instand zu setzen , daß Gertrud dort wohnen kann ? « » Nicht lange « , erwiderte er . » Einige Zimmer sind mit neuen Tapeten zu versehen und dergleichen Kleinigkeiten – das wäre alles . « » Schön ! Mir kann es recht sein « , erwiderte sie kühl , » so haben Sie die Güte , morgen Ihre Papiere dem Herrn Oberprediger zuzusenden und das Aufgebot zu bestellen . Ich reise in drei Wochen mit meiner ältesten Tochter nach dem Süden und wünsche vorher diese – diese Angelegenheit geordnet zu wissen . « Linden verbeugte sich . » Ich danke Ihnen , gnädige Frau ! « – Gertrud stand bleich bis in die Lippen , aber sie sah nicht herüber zu ihm . Er fühlte nur das eine deutlich , sie litt furchtbar durch diese Szene , um seinetwillen . » Ich möchte jetzt noch einiges mit meiner Tochter besprechen « , fuhr Frau Baumhagen fort . » Es betrifft die Ausstattungsgelder und den Ehekontrakt . « Er war sofort zum Gehen bereit und küßte die Hand seiner Braut und sah sie bittend an . » Bleibe ruhig « , flüsterte er . Trudchen aber legte hinter dem Rücken der Mutter die Hand auf des Bräutigams Mund . » Ich will keinen Ehekontrakt ! « sagte sie dabei laut . 108 » So lebt ihr in Gütergemeinschaft ? « klang es zurück . » Das ist das richtige « , erwiderte sie . » Wenn ich mich selbst gebe , werde ich mein Geld nicht ausschließen . Es käme mir vor wie ein Widerspruch . « Frau Baumhagen zuckte die Schultern und wendete sich um . Sie standen dicht aneinander geschmiegt , die beiden , und das bittere Wort erstarb ihr auf den Lippen . » Dein Vormund mag mit dir darüber reden « , sagte sie . » Wollen Sie so freundlich sein , Linden , und meinen Schwager aufsuchen ? Ich möchte mit ihm sprechen . « Er küßte Trudchen auf die Stirn und nahm seinen Hut , dann ging er . Gott sei Dank ! Er durfte sie aus dieser Lieblosigkeit bald in sein Haus hinüberretten , das arme stolze Mädchen , das ihn so liebhatte . Rasch schritt er über den Markt . Die frische Luft tat ihm wohl . Er war im innersten Herzen empört , daß man sie hatte trennen wollen , Meilen und aber Meilen zwischen sie legen . Und wie leicht ist ein Mißverständnis angebahnt , wie leicht bei dem Charakter dieses Mädchens , dem ein Schein niedriger Gesinnung schon genügen würde , zu trotzen , zu hassen , zu verachten . Wie manches Paar , das sich von Herzen liebte , war schon auf diese Weise für immer geschieden worden . Er wagte es nicht auszudenken , was mit ihm geworden , wenn es so gekommen wäre . 109 » Pst ! pst ! « scholl es hinter ihm , und als er sich auf dem schlüpfrigen Trottoir umwandte , sah er Onkel Heinrich die Stufen der Hoteltreppe heruntersteigen . Er hatte offenbar diniert , und sein joviales Gesicht bot ein wunderliches Gemisch von Trauer und Behagen . » Ich habe zu Mittag gespeist , Linden « , begann er und legte seinen Arm in den des jungen Mannes , » mir war mehr wie plundrig nach der Affäre heute früh . Sie denken doch nicht falsch von mir ? he ? Ich bin keiner von denen , die aus Betrübnis den Appetit verlieren . Ich lobe mir unsere Voreltern , die ihren Leichenschmaus hielten . Ich bitte Sie , Linden , das war gar kein so unästhetisches Gebaren , als was es leider unsere heutige Welt auffaßt . Man gebe den Toten alle Ehre , der Lebende will aber sein Recht , und zu diesem gehört das Essen und Trinken , es hält Leib und Seele zusammen . O la la ! Mir fällt ein Begräbnis immer gleich auf den Magen . Das kleine gute Kerlchen ! Aber , glauben Sie mir , ich liebte es darum nicht weniger . Sie sind sicher noch nüchtern ? Frauenzimmer essen ja bekanntlich nie bei derartigen Ereignissen . « » Ich wollte Sie aufsuchen « , erwiderte Linden , » meine Schwiegermutter läßt Sie bitten , zu ihr zu kommen . Wir – heiraten in drei Wochen . « Der kleine Herr im Nerzpelz blieb stehen und sah Linden an , als traue er seinen Ohren nicht . » Wie ? Was ? Sie ist ja geschwind andern Sinns 110 geworden . Hat Trudchen die weiche Stimmung benutzt – oder – ? « » Das würde Trudchen nie tun . Nein , Frau Baumhagen wünscht mit ihrer ältesten Tochter zu verreisen auf lange Zeit , da – « » O la la ! Und Trudchen soll nicht mit ? « » Im Gegenteil – aber sie wollte nicht . « » Aha ! Jetzt dämmert es mir , es hat etwas gegeben ! Sie , Serenissima , hat versucht – hm – ich verstehe schon – Reisen , andere Gegenden , andere Menschen – aus den Augen , aus dem Sinn ! Ha , ha , ' s ist eine geborene Diplomatin . Nun , ich komme , lassen Sie uns nur einen kleinen Umweg machen , mir tut die frische Luft gut . Aber es freut mich von Herzen . Also in drei Wochen ? « Die Herren gingen stumm nebeneinander durch das Schneegestöber . In den Straßen war es trotz des lebhaften Verkehrs merkwürdig still , Menschen und Wagen schienen auf der weißen Decke förmlich zu schweben . Die Luft war mild , wie nach Frühjahr duftend , und Franz Linden dachte an sein Daheim und an das kleine Zimmer neben dem seinigen , das nun nicht lange mehr unbewohnt bleiben würde . » Ganz ergebenster Diener ! « sagte da eine Stimme , und an ihnen vorüber schob sich ein kleines Männchen , den Hut schwebend über den kahlen Scheitel haltend , eitel Freundlichkeit das spitze Gesicht . Linden grüßte . Onkel Heinrich berührte nachlässig den Rand seines Hutes . 111 » Woher kennen Sie denn diesen Monsieur Wolff ? « fragte er , dem Dahineilenden nachblickend , der sich unglaublich behende durch die Menschen wand . » Sehen Sie , Linden , der ist auch so einer , der , treffe ich ihn vor Tische , mir den Appetit beinahe verderben kann . « » Ich stehe oder stand vielmehr mit ihm in Geschäftsverbindung durch meinen alten Onkel . Er hatte Geld von ihm auf Niendorf « , erklärte Linden . » Von diesem Krawattenfabrikanten ? Der Alte ist wohl unklug gewesen ! « Linden erwiderte nichts . Sie waren eben in eine stille Seitenstraße eingebogen . » Steht das Geld noch darauf ? « fragte Herr Baumhagen . » Nein , die Schwester meines Freundes hat die Hypothek übernommen . « » So ! – Warum haben Sie es mir nicht gesagt ? Sie hätten überdies von Trudchens Geld – « Franz Linden machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand . » Na – ich hab ' s dem Kinde versprochen . Sie hatte mich beauftragt , Ihnen ein Kapital zur Verfügung zu stellen « , erläuterte der alte Herr . » Ich danke ! « erwiderte Linden kurz ; » in meine Brautschaft mag ich keine Geldgeschichten hineinspielen lassen . « » Und der Bau in Niendorf ? « » Trudchen weiß , daß kein Feenpalast sie 112 erwartet . Es läßt sich übrigens ganz gemütlich dort wohnen in den alten Zimmern , wenn sie auch niedrig sind und klein . – Einen Gartensaal habe ich , der sehr hübsch ist . Und das , was vor den Fenstern liegt , findet man so bald nicht wieder , und reist man noch so weit . « » Ei , das Kind ist schon zufrieden , freilich ! « stimmte Herr Baumhagen bei , » aber Serenissima ? « » Es ist mir immer noch lieber , sie sagt : › Mein Kind ist in ein altes Bauernhaus gezogen ‹ , als : › Wir haben erst bauen müssen ‹ « , bemerkte Linden trocken . Der alte Herr lachte vergnügt in sich hinein . » Ja , ja , so spricht sie , so macht sie ' s. Und verreisen will sie – ' s ist wunderbar . Meine liebe selige Mutter suchte Trost in der Arbeit , als mein Vater starb – das war noch die gute alte Sitte ; die Heutigen reisen . Dem armen Ding , der Jenny tät ' s besser , sie trauerte recht tief innerlich in der Stille . Nein , da wird sie hinausgerissen , damit das Pfeifen der Lokomotive ihr die letzte Erinnerung an die Stimme des Kleinen übertönt . Linden ! « der alte Herr blieb stehen und legte die Hand auf seine Schulter , » die Trudchen ist anders , Sie können ' s glauben ! Sie ginge nicht fort von dem kleinen Grabe da draußen , jetzt nicht ! Sie hat auch ihre Fehler , das Kind , aber – hier drinnen « , er zeigte auf seine Brust , » – da ist ' s richtig bei ihr . Wollte Gott , daß sie recht glücklich würde bei 113 Ihnen , in dem alten Neste . Sie hat ' s verdient , schon um ihre Jugend – um ihren Vater . « Franz nickte , er wußte es ja so genau , was der alte Egoist ihm da erzählte . » Na , nun kommen Sie aber « , fuhr Onkel Heinrich fort , » meine Schwägerin wird mich sprechen wollen wegen der Hochzeit . « » Ich denke , wegen des Ehekontraktes « , meinte Franz Linden , » und da wollte ich Sie bitten , auch Gertrud zu bestimmen , daß sie sich den Wünschen ihrer Mutter fügt . Es ist mir lieber so . « » Hm ! « der alte Herr räusperte sich . » Ich füge mich , du fügst dich , er fügt sich , sie – fügt sich nicht ! ' s ist ein Trotzkopf – pardon ! – Na , bange machen gilt nicht – das hat sie von meinem Bruder . Er war ein praktischer , ein tüchtiger Kaufmann , aber sobald das Herz ins Spiel kam – vorbei mit Klugheit , Vorsicht , Berechnung , was weiß ich ' s. – O la la ! Aber , da wären wir ja . « Frau Baumhagen empfing die Herren sehr ruhig . Gertrud war nicht bei ihr . » Sie ist in ihrem Zimmer « , erklärte sie Linden , der sich wie suchend umblickte , » und erwartet Sie . « Er fand das Mädchen im Erker . Es brannte noch kein Licht , nur der Schein der Ofenflammen leuchtete über den Teppich . » Gertrud « , sagte er , » wie soll ich dir danken ! « Und als er die Hände ergriff , brannten sie heiß in den seinen . » Wofür ? « fragte sie . 114 » Für alles , Trudchen ! – Du warst doch ruhig , Mama gegenüber ? « setzte er dann hinzu , als sie schwieg . » Ganz ruhig ! « erwiderte sie , » ich dachte an dich ; aber fest bin ich geblieben , ich will keinen Ehekontrakt ! « » Du törichtes Mädchen ! Ich kann ja Unglück haben , schlechte Ernten oder dergleichen – dann leidest du mit ? « Sie nickte und lächelte . » Freilich – und helfe dir mit allem , was ich besitze . Und wenn wir schlechte Ernten haben und nichts , nichts glücken will , gar nichts mehr unser ist , dann « – sie hielt inne und sah ihn glückselig an aus den lieben verweinten Augen , » dann hungern wir zusammen , nicht ? du ? « Und der Hochzeitstag kam . Anders wie sonst ein solches Freudenfest hub er an . Es war unheimlich still in dem Hause , das noch in tiefster Trauer stand . Die Zimmerflucht hatte man geöffnet und erwärmt und über Trudchens Tür hing eine Girlande aus ernstem Tannengrün . Gestern war unermüdlich die Klingel gezogen worden , und ein kostbares Geschenk nach dem andern eingetroffen , und die ganze Pracht an schwerem Silberzeug , Majoliken , Teppichen und anderen kostbaren Dingen hatte man auf eine lange Tafel gestellt im Erkerzimmer . 115 Ein Gärtnerbursche hantierte noch leise im Saal , um den improvisierten Altar mit Orangenbäumen zu dekorieren . Der feine Duft von Räucherwerk schwebte in der Luft und die Flammen des Kamins spiegelten sich in den Glasbehängen des Kronleuchters und dem glänzenden Parkett des Fußbodens . Draußen aber wehte trügerische , weiche Luft . Es war der erste März . Frau Baumhagen hatte schon seit dem Morgen geweint und gestöhnt , und zwischen den Anordnungen für die Trauung waren Befehle erlassen , die Reise betreffend . Die großen häuserartigen Koffer standen fertig gepackt in der Garderobe . Übermorgen sollte es fortgehen ; zunächst nach Heidelberg zu einem berühmten Arzt . Um Trudchens Aussteuer hatte sich die Mutter nicht bekümmern können , mochte sie sich die Einrichtung selbst aussuchen . Trudchens Geschmack war ja sowieso höchst wunderbar : wenn sie blau gewollt , hätte das Mädchen sicher rot gewählt – so war es von jeher . Ach , dieser Tag war ein schrecklicher in ihren Augen , er beschloß qualvolle Wochen . Seit dem Begräbnis des Kleinen , wo das Kind eine so leidenschaftliche Szene gemacht , war man noch kälter denn sonst aneinander vorübergegangen . Gertruds Augen konnten so groß , so fragend blicken , es stand immer die leise Anklage darin : » Warum störst du mein Glück ? « – » Wenn man doch erst im Coupé säße ! « 116 Jetzt waren die Damen alle bei der Toilette . Um fünf Uhr sollte die Trauung stattfinden . Die alte Sophie half Trudchen , sie wollte es sich nicht nehmen lassen . Das bedeutungsvolle Kleid hatte Trudchen schon angelegt , nun kniete Sophie vor ihr und knöpfte die weißen Atlasschühchen zu . » Fräulein Trudchen « , seufzte die Alte , » wie wird ' s so öde werden im Hause ! Das Walterchen tot , und Sie nun fort . « » Ich werde glücklich sein , Sophie ! « Die weiche Mädchenhand strich über das runzlige Gesicht , das traurig zu ihr emporsah . » Das walte Gott ! das walte Gott ! « murmelte die alte Frau gerührt und erhob sich . » Nun kommt wohl Schleier und Kranz ? Aber Fräulein , dazu bin ich zu ungeschickt , das wird – da ist Frau Fredrich schon – « Frau Jenny kam eben durch das Wohnzimmer des jungen Mädchens , sie war in tiefschwarzer duftiger Krepprobe , und aus den blonden Haarwellen leuchtete eine weiße Kamelie . Sie sah erschreckend bleich aus und hatte rotgeweinte Augen . » Ich will dir helfen , Trudchen « , sagte sie matt und begann den Schleier auf dem braunen Haar der Schwester zu befestigen . » Wenn ich denke , Trudchen , wie du mir den Kranz aufgesetzt hast , weißt du noch ? Ach , wenn man in der Stunde ahnen könnte , welch unendlichem Leid man entgegengeht ! « 117 » Jenny « , bat Trudchen , » weine nicht so viel . Sieh , wie ich herunterkam , als Walterchen gestorben war und Artur dich so treu im Arme hielt , dachte ich , welch eine Fülle von Trost ihr noch hättet in euch selbst . Das ist doch erst das rechte , wahre Glück , wenn zwei so beieinander stehen in Kreuz und Not . « » Oh « , sagte Frau Jenny , und um ihre Lippen zuckte es verächtlich , » glaube mir doch , Artur ist schon halb getröstet . Er kann von etwas anderem reden , er kann essen und trinken und ins Geschäft gehen , er hat sogar schon Skat gespielt . Dieses vielgepriesene Glück ! Lieber Gott ! « » Ach , Jenny , du darfst nicht die tiefe Trauer von ihm verlangen , wie sie ein Mutterherz empfindet ; er – « » Du wirst es auch noch einsehen « , unterbrach die junge Frau . » Die Männer sind alle Egoisten ! « Trudchen erhob sich jäh von ihrem Sessel . Sie schwieg , doch ihre Augen hefteten sich vorwurfsvoll auf die Schwester , als wollte sie sagen : » Sind das deine Segensworte , die du mir auf den Weg mit gibst ? « Aber ihre Lippen sagten nur : » Nicht alle , ich weiß es besser ! « Jenny stand wie verlegen . » Ich möchte nun zu Artur hinunter , er wird sonst wieder nicht zur rechten Zeit fertig . Und dann ist ' s auch so weit , daß ich zum Empfang der Gäste heraufkomme . « 118 Wie ein dunkler Schatten rieselte die Schleppe ihres Kleides über den Teppich . Trudchen setzte sich still noch einmal in den Erker . In schimmernden Falten floß die weiße Seide um die schöne Gestalt , und aus dem duftigen Schleier tauchte das ernste junge Gesicht wie aus einer Wolke empor . Sie hatte die Hände gefaltet und sah des Vaters Bild an . » Dich nehme ich mit heute abend , Papa ! « Und ihre Gedanken flogen zu dem stillen Landhause ; sie kannte es noch nicht , nur wenn sie auf einer Landpartie durch das Dorf gefahren war , hatte sie ein spitziges Ziegeldach und graues Gemäuer aus den Bäumen auftauchen sehen . Wer ihr gesagt hätte , daß dies einst ihre Heimat sein würde ! Es war wohl herzlos , daß ihr der Abschied aus dem Vaterhause nicht schwerer wurde . Und von der Mutter ? – Ach , die Mama ! Papa hatte sie ja doch liebgehabt , sehr lieb einmal . Sollte sie fortgehen von hier ohne eine Mutterträne , ohne ein herzliches Wort ? Und Trudchen vergaß alles in dieser glückseligen Stunde , sie dachte nur noch an das Gute , an das Traute , an die Zeit , da sie ein glückliches Kind gewesen und die Mutter sie noch zärtlich geküßt hatte . – Sie wollte versöhnt scheiden . Sie erhob sich , raffte die lange Schleppe des Brautkleides zusammen und ging durch den halbdunklen Flur zum Schlafzimmer der Mutter hinüber . Leise pochte sie an und gleich darauf trat sie ein . 119 Frau Baumhagen stand vor dem großen Ankleidespiegel im schwarzen Moirékleide , schwarze Spitzen und Federn auf dem noch immer blonden Scheitel . Trudchen konnte das Antlitz im Spiegel sehen . Es war dick mit Puder bestreut , und eben wurde mit einer Hasenpfote das feine Reismehl in die Haut gerieben . Frau Baumhagen sah sich um und betrachtete ihre Tochter . Es war die holdeste , die lieblichste Braut , weit imposanter als Jenny – und das alles für diesen Linden ! Sie sagte nichts , sie seufzte nur laut und wandte sich wieder zum Spiegel . » Mama « , begann Trudchen , » ich möchte dich um etwas bitten . « » Gleich ! « Trudchen verharrte ruhig , bis der letzte Strich mit der Puderquaste über die Schläfe getan war , dann nahm Frau Baumhagen die langen schwarzen Handschuhe , setzte sich auf die Chaiselongue zu Füßen ihres großen , rotdekorierten Himmelbettes und begann den ersten überzustreifen . » Was willst du , Gertrud ? « » Mama , was ich will ? – Ich wollte Abschied nehmen von dir . « Sie setzte sich neben die Mutter und nahm ihre Hand . Frau Baumhagen nickte ihr zu . » Ja , wir werden uns längere Zeit nicht sehen . « » Mama , bist du mir noch böse ? « fragte das Mädchen stockend , und ihre Augen waren feucht . » 120 Vergib mir in dieser Stunde « , bat sie , » ich war manchmal heftig und trotzig , aber – « » O laß – laß doch ! « wehrte die Mutter . » Ich wünsche nur von Herzen , daß du glücklich werdest und diesen Trotz , diesen Eigensinn nie zu bereuen brauchst . « » Niemals ! « sagte Trudchen mit innigster Zuversicht . Frau Baumhagen knöpfte an den Handschuhen weiter . Es war im Zimmer ein so betäubender Geruch von Lavendelwasser und Patschuli , dazu krachte leise die schwere Seide , wie sie sich eifrig mühte , die Knöpfe zu schließen . Sie antwortete nicht . » Darf ich noch eine Bitte – Mama ? « » Gewiß ! « Das Mädchen faltete unwillkürlich die Hände im Schoß . » Mama , sei ein wenig freundlich zu Linden , habe ihn ein wenig lieb , mache ihm den heutigen Tag zu einem wirklichen Ehrentage ! Sieh , Mama « , fuhr sie nach einer Pause fort , » das Herz würde es mir zerschneiden mit tausend Messern , wird er heute gekränkt , liebe Mama – . « Ein paar schwere Tränen zitterten in den Wimpern . Sie mußte noch einmal fragen : » Ja , Mama ? « Frau Baumhagen war fertig . Sie streckte ihre beiden kleinen Hände vor , besah sie innen und außen und sagte , ohne aufzublicken : » Freundlich ? – natürlich ; liebhaben ? – das läßt sich 121 doch nicht erzwingen , mein Kind . Ich kenne ihn ja kaum . « » Um meinetwillen ! « wollte Trudchen rufen . Aber sie besann sich . Die Tage der Kindheit waren vorüber , und seitdem ? – Frau Baumhagen erhob sich . » Es ist bald fünf Uhr « , bemerkte sie , » geh hinüber in dein Zimmer , Linden wird gleich kommen . « Sie küßte Trudchen auf die Stirn , dann rasch auf den Mund . » Geh , mein Kind – ich lasse mich überhaupt nicht gern weich machen . Gott schenke dir alles Glück ! « Trudchen kam hinüber in ihr Zimmer , erkältet bis ins innerste Herz . Da trat aus dem Erker eine hohe Gestalt rasch auf sie zu , und ein fester Arm zog sie an sich . » Du ! « sagte sie aufatmend , und eine Rosenglut überflog ihr Antlitz . Drüben im Saale versammelte sich indes still die kleine Hochzeitsgesellschaft , die Mutter , Artur , Jenny , die Tante Stadträtin und Onkel Heinrich . Zwei junge Cousinen in weißen Tüllkleidern boten den einzigen lichten Anblick unter dem düsteren Schwarz . » Um Gottes willen , macht nicht so trostlose Gesichter «