, schluchzte Hanna , » rede nicht so , wir haben uns wirklich lieb . « » Kind , bitte , verschone uns mit deinen Beteuerungen . Du solltest etwas mehr Stolz zeigen , und nicht um den ersten besten Leutnant , der vorgibt , dich zu lieben , so viel Tränen vergießen , daß man meinen kann , es sei ein Unglück passiert . « Ich war indessen zu Hanna getreten und wollte schützend meinen Arm um sie legen . Da richtete sie sich auf , und mit einer Energie , die ich diesem zarten , schmiegsamen Wesen nie zugetraut hätte , sagte sie , so daß selbst Wilhelm v. Eberhardt , der jetzt eintrat , erstaunt an der Tür stehenblieb : » Ja , Mama , ich werde dich verschonen mit meinen Klagen . Aber das sage ich dir , und auch dir , Papa : nie werde ich von meiner Liebe zu Bergen lassen , nie , und ich habe jetzt nicht nur den Schmerz einer unglücklichen Liebe im Herzen , sondern sehe wieder aufs neue , wie Ruth stets bevorzugt wurde . Dem Grafen Satewski gab man das Jawort , als er , kaum eine Stunde in unserem Hause , seine Bewerbung angebracht hatte . Da war es nicht nötig , ihn erst zu prüfen . Er ist ja Graf , das bürgte für ihn . Leutnant v. Bergen wurde abgewiesen , weil er eben ein armer Leutnant ist . Aber ich schwöre es euch , niemals lasse ich von ihm , nie ! « Sie schritt mit erhobenem Haupte und blitzenden Augen aus der Tür . Sprachlos sahen sich Herr und Frau v. Bendeleben an . War das wirklich Hanna , die zarte , fügsame Hanna gewesen , die diese leidenschaftlichen Worte gesprochen ? Mein Blick lenkte sich auf Eberhardt . Er sah mich an , als wollte er sagen : Siehst du , wie gut es ist , daß man unser Geheimnis nicht kennt ? Dann sagte er : » Verzeih mein Eindringen , lieber Onkel . Ich kam , um ein gutes Wort für Bergen einzulegen , sehe aber , daß es wohl jetzt nicht die richtige Zeit ist . Aber bitte , liebe Tante , verwirf ihn nicht ganz . Überlegt es ! Ich kenne ihn zwar noch nicht lange , bin aber überzeugt , daß er ein ehrenfester Charakter ist – fragt den Obersten , er wird ihm das günstigste Zeugnis geben . « » O bitte , liebste gnädige Frau ! « bat ich . » Hanna wird am Ende krank . Sagen Sie ja , sie lieben sich doch so sehr . « » Es ist unrecht von dir , Gretchen « , sagte die Baronin schroff , indem sie aufstand , » sehr unrecht , mir nichts von dieser plötzlichen Leidenschaft Hannas mitgeteilt zu haben . Wieviel Unangenehmes hätte sich verhüten lassen . « » Ich habe nichts gewußt « , erklärte ich fest . » Soeben erfahre ich erst von der unglücklichen Geschichte , und wenn mich Hanna wirklich zur Vertrauten ihres Geheimnisses gemacht hätte , so würde ich nimmermehr etwas verraten haben . Sie , Frau Baronin , sind stets zugegen gewesen , wenn wir beisammen waren , und haben dasselbe gesehen wie ich . « » Eine fatale Geschichte , eine ganz fatale Geschichte « , murmelte der Baron vor sich hin . » Was soll man nun eigentlich tun ? – « Wo ist Bergen hingegangen , und was sagt er zu den Gründen meiner Weigerung ? « fragte er Eberhardt . » Er war sehr blaß , Onkel , als er zu mir aufs Zimmer kam und fragte , was er tun sollte , und ob hier im Dorfe eine Schenke sei , wo er übernachten könne . Ich redete ihm zu , aber ich fürchte , er ist doch fortgegangen . « » Fatal , fatal « , eiferte der Baron . » Aber so sind die jungen Herren heutzutage : Biegen oder Brechen . Vernünftig und mit Überlegung handeln – das haben sie nicht gelernt . Ich bin auch einmal jung gewesen , aber der Teufel hätte mich holen sollen , wenn ich gleich jedem hübschen Frauenzimmer , mit dem ich ein paarmal zusammen war , einen Heiratsantrag gemacht hätte . Es ist gar kein Anstand mehr in der heutigen Jugend . Sonst fragte man erst den Vater , und dann , wenn er damit einverstanden war , wurde dem Mädchen eine Erklärung gemacht , aber jetzt ? Da ist man natürlich zuerst unter sich einig , und wenn der Herr Vater sich nachher weigert , dann gibt ' s Weibertränen und ein Hallo , daß man vor Ärger den Schlagfluß haben könnte . Hol der Teufel solche verfluchten Geschichten ! « » Ich gehe zu Hanna « , sagte ich und näherte mich der Tür . Der Baron , der sich in die Wut geredet hatte , polterte schon wieder los : » Aber freilich , so ein Herr Leutnant , der nichts hat , dem ist ' s angenehm , sich von dem Gelde seiner hübschen Frau ein Nest zu bauen , und der glückliche Schwiegervater kann sehen , wie er – « Weiter vernahm ich nichts mehr ; ich stand draußen auf dem Korridor . Oh , allmächtiger Gott , welch ein Rückschlag , ganz wirr war mir zumute . – da hörte ich leise Schritte hinter mir . Ich wandte mich um und stand Herrn v. Bergen gegenüber . Er sah blaß aus , doch leuchtete sein Blick freudig auf , als er mich bemerkte . » Fräulein Gretchen « , bat er , » wollen Sie an Hanna eine kleine Bestellung übernehmen ? « » Oh , herzensgern ! « sagte ich . » Dann sagen Sie ihr , sie solle ruhig sein , es müsse sich noch alles zum Guten wenden , und ich bliebe ihr treu . « Er drückte mir die Hand und ging , fest in seinen Mantel gehüllt , leisen Schrittes die Treppe hinunter durch die Halle . Ich hörte die Tür , die ins Freie führte , sich wieder schließen – er war fort . Hanna lag oben in Tränen aufgelöst auf dem Sofa . Sie wollte von keinem Troste wissen , selbst die Bestellung Bergens nötigte ihr nur ein trauriges Kopfschütteln ab . » Es ist doch alles vergebens « , sagte sie , und die Tränen flossen wieder in großen Tropfen über die bleichen Wangen . » Alles vergebens , oh , könnte ich doch sterben ! « Ganz erschöpft lehnte sie sich endlich in die Kissen zurück und preßte das feuchtgeweinte Tuch an ihre schmerzenden Schläfen . Da pochte es leise an unsere Tür . Hanna hatte es nicht vernommen ; ich ging hinaus – Wilhelm v. Eberhardt stand im Dunkel des kleinen Vorzimmers . » Ich wollte mich erkundigen , wie es Hanna geht ? « fragte er halblaut , dann aber zog er mich heftig an sich , und indem er seinen Mund auf meine Lippen preßte , sagte er : » Gretchen , ich fürchte , wir werden viel zu kämpfen haben um unsere Liebe . Verliere nicht den Mut , und vor allen Dingen : sei verschwiegen . In einem Jahre bin ich majorenn , ich kann dann tun und lassen , was ich will . Bis dahin darf niemand etwas ahnen . Dein Aufenthalt hier im Schlosse wäre mit dem Bekanntwerden unseres Geheimnisses ein schrecklicher , oder gar für immer vorüber , und Hanna bedarf deiner noch sehr . Weißt du keine gute , zuverlässige Person , der ich Briefe für dich anvertrauen kann und die deine Antworten vermittelt ? Hören muß ich von dir , sonst könnte ich es nicht ertragen . « Mein erster Gedanke war Kathrin . Aber nein , die hätte nimmer einen heimlichen Briefwechsel vermittelt . » Schicke deine Briefe an die Frau des Schloßgärtners « , flüsterte ich . » Anne Marie ist mir ergeben , ich habe ihr krankes Kind gepflegt . Ach , Wilhelm , wie schrecklich ist diese Heimlichkeit ! « » Willst du , daß man mir hier das Haus verbietet « , fragte er , » und somit die einzige Gelegenheit raubt , dich zu sehen ? Habe Geduld , in einem Jahre komme ich , und dann soll die ganze Welt erfahren , daß du meine Braut bist . Und nun sei noch die paar letzten Augenblicke gut und lieb und sage mir , daß du mich liebst . Ich bin morgen früh schon über Berg und Tal und kann nicht mehr dein süßes Gesicht sehen . Adieu , mein liebes , liebes Mädchen ! « Ich schluchzte und weinte , die Aufregung dieser Tage war zu groß gewesen . Ich hatte ihm ja kaum richtig in die Augen gesehen , da ging er schon wieder fort . Ach , doppelt einsam kam ich mir vor , als ich wieder neben der leise weinenden Hanna in unserem Stübchen saß . Ich hatte vorher die Sonne nicht gekannt , die mir so strahlend aufgegangen war , nun war sie verschwunden , und es war erst recht dunkel geworden . Am andern Tage war es still im Schlosse und eine gedrückte Stimmung lag auf allen Bewohnern . Hanna blieb im Bett , sie fieberte etwas . Der Baron war verdrießlich , nur Frau v. Bendeleben merkte man nicht an , daß etwas vorgefallen war . Sie saß liebevoll eine Weile an Hannas Bett und tat überhaupt , als ob nie eine Einquartierung bei uns gewesen wäre , nie eine heftige Szene stattgefunden hätte . Ich ging nach Tische zu Anne Marie . Mir fiel es schwer , ihr mein Vertrauen zu schenken und um ihre Verschwiegenheit zu bitten . Aber ich überwand es aus Liebe zu ihm , und Anne Marie versprach mit Freuden alles , was ich verlangte . Von dort ging ich zu Kathrin , die mich freundlich empfing und mir Kaffee aus meiner blauen Tasse aufnötigte . Ich bedurfte meiner ganzen Beherrschung , ihr nicht um den Hals zu fallen und meine Seligkeit zu verkünden , aber ich unterdrückte das Gefühl . Nur einmal sagte sie : » Gretel , was ist dir denn passiert ? Du siehst aus , als hättest du geweint , und doch machst du so glückliche Augen ? Ist die Einquartierung fort ? « fragte sie rasch hinterher . Eine dunkle Röte stieg mir ins Gesicht . » Ja , heute früh sind sie abgerückt « , sagte ich möglichst unbefangen . » Na , Gott sei Dank ! « rief sie aus vollem Herzen . Es folgten nun stille Wochen . Hanna war leidend ; zwar konnte man nicht sagen , daß sie eigentlich krank sei , aber sie magerte auffallend ab , das kleine Gesichtchen war fast durchsichtig weiß geworden , die Hände waren immer heiß und um ihren Mund lag ein schmerzlicher Zug . Trotzdem bemühte sie sich , an allem Anteil zu nehmen , und es war ihr beinahe anzusehen , wie sie sich Muhe gab , in Gegenwart ihrer Eltern ihr Unwohlsein zu verbergen . Mir tat sie leid , die arme , süße Hanna . Wie glücklich war ich dagegen . Wie zitterte ich vor Freude , wenn mir Anne Mariens grobe Hand einen zierlichen Brief übergab ! » Da muß etwas Schönes drin stehen « , lächelte sie , » Fräulein Gretchen sind ja ganz voll Freude . « Ich nickte nur und eilte weg , um an einer einsamen Stelle des Parkes all das zu lesen , was die sehnsüchtige und zärtlichste Liebe schrieb . Ich merkte kaum , daß schon ein kalter Herbstwind wehte . Mir glühten die Wangen vor Freude und Glück , und nur ungern , und nachdem ich beinahe alles , was drin stand , auswendig wußte , ging ich ins Schloß , um meinen Schatz zu verbergen . Die Antworten machten soviel Schwierigkeiten . Wie oft , wenn ich eben angefangen hatte zu schreiben und mich unbemerkt glaubte , hörte ich Hannas jetzt so müden , schwachen Tritt im Vorzimmer , und schnell verschwand Feder und Papier in meiner Kommode . Einmal hätte mich sogar Frau v. Bendeleben beinahe überrascht . Mein Gott , wie erschrak ich . Zum Glück war es kurz vor ihrem Geburtstage , und sie tat , als ob sie nichts bemerkte , daß ich so eilig etwas vor ihr verbarg . Doch trotz aller Störungen und Hindernisse war ich imstande , ziemlich regelmäßig meine Briefe der Anne Marie zu bringen . Zweimal in der Woche kam Wilhelms Bursche , der treueste Mensch auf der Welt , und wie ein Bauer gekleidet holte und brachte er Briefe . Mein Vater schrieb aus Italien ganz begeistert über alles Schöne , was er dort sah . Von seinem Zurückkommen war poch keine Rede . Die Briefe kamen auch nicht oft , aber sie machten mir doch allemal eine große Freude , und ich brachte sie immer gleich der Kathrin . Die gute Seele schmiedete Pläne , wie schön es sein würde , wenn der Herr Pastor erst wieder da wäre und Gretchen hier unten in der Wohnstube am Fenster säße . Ich stand dabei und lächelte . Es war mir beinahe wehmütig , aber ich wollte ja mit ihm ziehen ! Armer Vater ! Dein Gretchen kommt nun doch nicht wieder in dein Haus , oder nur für kurze Zeit , um dann für immer zu gehen . Aber ich wußte , es machte ihn sehr glücklich , daß er sein Kind so wohl geborgen sah . Oh , wenn doch die Zeit Flügel hätte ! Der Oktober war herangekommen und hatte das Laub in Park und Wald bunt gefärbt . Die Ranken des wilden Weines hingen dunkelrot von dem Gitter der Veranda herunter , ein feiner Nebel hüllte die ganze Gegend ein . Welke Blätter bedeckten die große Allee , und die Dorfkinder suchten sich verstohlen die braunen , blanken Kastanien auf . Hanna und ich waren spazieren gewesen am Nachmittage , nur im Park , denn sie fühlte sich immer so müde und hatte sich heute ganz besonders fest auf mich gestützt . Das arme Ding hatte Tränen in den Augen . » Mich macht der Herbst diesmal so traurig , Gretel « , sagte sie , als ich , um ihr eine Freude zu machen , einen Ebereschenzweig mit purpurroten Beeren abpflückte . » Es ist in mir ebenso trübe , wie hier in der Natur . « » Mein liebes Herz « , bat ich , » hoffe doch ! Auf Regen folgt Sonnenschein . Du wirst ganz gewiß noch einmal wieder lachen und froh sein . « Sie schüttelte traurig das Köpfchen . » Ach , Gretchen , wenn ich noch daran denke , wie ich diesen Weg zuletzt an seiner Seite heraufritt , wie malte ich mir die kommende Zeit aus , und – « Dann verstummte sie und blickte mit immer größer werdenden Augen den Weg entlang . Ich folgte ihrem Blicke und sah einen Reiter rasch herankommen . Ach , er war es ; ich erkannte den dunkelroten Kragen . Beinahe hätte ich vor Entzücken alle seine Warnungen vergessen und wäre ihm entgegengelaufen – da gab mir Hannas schmerzlicher Ausruf : » Es ist nur Vetter Wilhelm ! « meine Besinnung zurück . Er hatte uns schon erblickt , und im nächsten Moment hielt er neben uns , sprang vom Pferde und bot seiner Cousine die Hand , wahrend mich ein leuchtender Blick streifte . » Komme ich auch nicht ungelegen , Hanna ? Es ist mitunter so langweilig bei uns und überhaupt wohl Zeit , einmal zu sehen , wie es euch ergeht . « Hanna antwortete nicht . Sie hätte , glaube ich , nichts sagen können , ohne in Tränen auszubrechen . Traurig sah Wilhelm seine Cousine an , schweigend schritten wir dem Schlosse zu , weder er noch ich wagten durch ein verstohlenes Zeichen unsere Freude des Wiedersehens auszudrücken . Wir ehrten den Schmerz des lieben Mädchens . Der Baron freute sich augenscheinlich , den Neffen zu sehen . Frau v. Bendeleben begrüßte ihn mit ihrem verbindlichsten Lächeln , das sie für alle mit ihr auf einer Stufe stehenden Menschen bereit hielt . Hanna hatte sich bei der Begrüßungsszene , die in der Halle stattfand , gar nicht aufgehalten , sondern war die Treppe hinauf geschritten . Ich folgte ihr und hörte nur noch , wie Wilhelm sagte : » Aber um Gottes willen , Onkel , was ist aus Hanna geworden ? « Oben in unserem Zimmer legte das arme Kind ihren Kopf an meine Schulter und schluchzte , als ob ihr das Herz brechen wollte . » Ach , ich habe mich so erschrocken , als ich die Uniform sah « , sagte sie . » An Wilhelm dachte ich gar nicht . « Ich blieb den Rest des Nachmittags oben bei ihr , wie alle Tage . Es wurde mir schwer , aber erstens wollte ich sie nicht allein lassen , und dann wäre es doch aufgefallen , wenn ich heute hinunterging . Mit kaum zu bemeisternder Ungeduld wartete ich auf den Diener , der uns zum Abendessen rufen sollte . Hanna hatte endlich aufgehört zu weinen , meinem Zureden und tausend kleinen Aufmerksamkeiten war es gelungen , sie zu überreden mit hinunterzukommen . Sie kühlte sich die roten Augen mit kaltem Wasser , und endlich , endlich tönte die Stimme Johanns : » Es ist serviert ! « Man befand sich schon im Speisesaal , als wir eintraten . Meine Augen suchten ihn . Da stand er im eifrigen Gespräch mit dem Hausherrn , das Lampenlicht glänzte auf seinem braunen , krausen Haar und spiegelte sich in den Knöpfen seiner Uniform . Ein Aufleuchten der geliebten dunklen Augen sagte mir , daß auch ihm die Zeit lang geworden sei , als mir plötzlich eine andere bekannte Stimme ins Ohr klang . Überrascht wendete ich mich , da lehnte die hohe Gestalt des jungen Pastors am Kamin , in dem ein leichtes Feuer loderte . Frau v. Bendeleben saß ihm gegenüber im Sessel und schien ihm gespannt zuzuhören . Mein Gott , wie kam er und gerade heute hierher ? Ich erwiderte seinen Gruß , als die Stimme des Barons : » Nun denke ich aber , wir nehmen Platz am Tische « , meine Bewunderung unterbrach , mit der ich den seltenen Besuch betrachtete . Frau v. Bendeleben schritt an ihren Platz . » Lieber Wilhelm , bitte , hier « , sagte sie und wies mit einer Handbewegung auf einen Stuhl zwischen sich und Hanna . » Gretchen , du dort unten . Herr Pastor , wollen Sie sich zu Fräulein Siegismund setzen ? Du , lieber Bernhard « , bemerkte sie scherzend zu ihrem Manne , » läßt dir doch wohl den Platz neben Gretchen nicht rauben . « Ich gestehe , ich war ganz niedergeschlagen , als ich dieses Arrangement vernahm und gar entdeckte , daß ich ihn nicht einmal sehen konnte , denn er saß auf einer Seite mit mir . Meine herabgestimmte Laune war , glaube ich , ziemlich deutlich auf meinem Gesichte zu lesen , und Mühe gab ich mir gar nicht , meinen Nachbarn dies zu verbergen . » Nun , Gretchen , du läßt dein Lieblingsgericht so ganz unbeachtet vorübergehen ? « fragte der Baron , als ich dem Diener eine abwehrende Handbewegung machte , der mir die große Schussel mit den Krammetsvögeln präsentierte . » Ich danke , ich bin nicht imstande zu essen « , erklärte ich . Dann betrachtete ich die Decke des Zimmers , die ich schon hundertmal gesehen , und die mir anfänglich große Bewunderung eingeflößt hatte . Die Malerei stellte eine Menge Götter und Göttinnen , à la Watteau gekleidet , dar . Sie feierten nun schon seit undenklichen Zeiten eine Art Weinlese , wenigstens fehlte es nicht an Trauben und Ranken sowie an Gläsern , gefüllt mit schäumendem Wein . Der Baron hatte dieses Kunstwerk immer sorgfältig zu konservieren gesucht , das irgendein leichtsinniger Bendeleben der Rokokozeit einst verfertigen ließ . An jeder Ecke des Plafonds war eine Art Wappenschild angebracht , und darauf stand , jene frivole Zeit charakterisierend : » Vive la joie ! « Ich dachte , auf was alles wohl die gepuderten alten Götter dort oben herabgeschaut haben mögen – gewiß aber noch nicht auf ein so unpassendes Arrangement der Tafel . Vor ein paar Wochen war es noch anders , da sahen sie noch blitzende Augen und lächelnde Mienen , und heute ? – verweinte Gesichter und verdrießliche Falten auf der Stirn . Mein Gott , wie mache ich es nur möglich , ihn zu sprechen ? » Der Kleine des Schloßgärtners ist doch nicht wieder krank , Fräulein ? « sagte auf einmal der junge Pastor neben mir . » Ich sah Sie vorgestern in das Haus treten , hatte aber leider keine Zeit , um mich zu erkundigen . « Erschrocken fuhr ich zusammen und fühlte , wie mir das Blut ins Gesicht stieg , aber unfähig , eine Lüge zu erfinden , stammelte ich irgend etwas von : » Einmal nachsehen , wie es dem Kinde jetzt ergehe « , oder dergleichen . Oh , Wilhelm , Wilhelm , wäre doch das Jahr erst vorüber ! dachte ich . Mit großer Mühe bezwang ich mich , noch einige Fragen , die der Herr Pastor an mich richtete , freundlich und verständlich zu beantworten . Dann wurde allgemein über Jagd und Ernte gesprochen , als plötzlich Hanna aufstand . Sie sah leichenblaß aus , und nachdem sie ein paar Schritte nach der Tür getan hatte , brach sie besinnungslos zusammen . Mit einem Ausruf des Schreckens war ich bei ihr , wir trugen sie aufs Sofa . Eine lange Ohnmacht hielt sie umfangen , und als sie endlich , nachdem wir alles mögliche angewandt hatten , was gerade bei der Hand war , die Augen öffnete , war sie offenbar nicht bei sich und sprach allerlei unzusammenhängende Worte . » Siehst du , Gretchen ? « rief sie . » Da durch die große Allee kommt er , mitten im Nebel ist er jetzt ; ich sehe den roten Streifen an der Mütze ! « Dann schluchzte sie wieder herzzerreißend : » Mama , Papa ! nehmt ihn mir doch nicht . Zieh nicht fort , Heinrich , so im Dunkeln ! « Frau v. Bendeleben sah blaß , sehr blaß aus , und in des Barons Gesicht zuckte es seltsam , als er Wilhelm bat , einen reitenden Boten nach dem Arzt zu schicken . Die Kranke wurde zu Bett gebracht – ein paar bange Stunden vergingen . Frau v. Bendeleben saß am Lager Hannas und hielt die Händchen des unaufhörlich plaudernden Mädchens , das ihr unbewußt in ihren Phantasien die bittersten Vorwürfe machte . Endlich kam der Arzt und erklärte die Krankheit für ein heftiges Nervenfieber . Ich nahm nun meinen Platz am Bette ein , und nur flüchtig konnte ich an jenem Abend Eberhard sprechen , als ich hinuntergeschickt wurde , um irgend etwas zu holen . Ich versprach ihm , fleißig zu schreiben . Bald nachher hörte ich die Tritte seines Pferdes auf dem Schloßhofe – er ritt fort . Was sollte er auch hier unter diesen Verhältnissen ? Beinahe zwei Wochen schwebte Hanna in Lebensgefahr . Es war eine schreckliche Zeit . Frau v. Bendeleben wich keinen Augenblick von dem Bette ihres Kindes , und sooft ich sie auch bat , sich Ruhe zu gönnen , sie tat es nicht . Es war , als fühlte sie , daß sie einen Teil der Schuld an diesem Leiden trage , und wollte es hundertfältig wieder gutmachen . Sie war vor Erschöpfung mitunter kaum imstande zu essen , und doch hielt sie aus . » Ich kann ja nicht ruhen , Gretchen ! Denke doch , wenn Hanna stürbe , und ihr letzter Blick hätte mich gesucht und nicht gefunden . « Der Baron , der von Natur schon weichmütig war , wandelte wie ein Schatten umher . Hundertmal am Tage kam er in das kleine Vorzimmer und suchte aus unseren Mienen Hoffnung und Trost zu lesen , und wenn er statt dessen Angst und Sorge fand , so konnte er in Tränen ausbrechen wie ein Kind . » Mein Gott , mein Gott « , murmelte er , » laß sie mir , ich will ja alles tun , damit sie wieder froh und heiter wird . « Und Gott erhörte die Gebete der verzweifelten Eltern : Hanna überwand die Krankheit . Sie genas , aber langsam . Sehr matt und schwach blieb sie noch lange und war kaum noch ein Schatten von dem , was sie einst gewesen . Rührend erschien die Freude des Barons . Ich sehe ihn noch , wie seine riesige Gestalt sich vorsichtig auf den Zehen nach dem Bett bewegte und in die kleinen , mageren Händchen einen Blumenstrauß aus dem Gewächshause oder eine Orange legte . So behutsam nahm er mit den großen Händen die Vorhänge zur Seite , um seinem Kinde einen Kuß auf die Stirn zu drücken , so leise war die Stimme , wenn er nach ihrem Befinden fragte . Bei ihr war jeder kleine Groll geschwunden . Die Angst , die Sorge der Eltern rührten das zarte , feinfühlende Wesen , und sie vergaß , daß man sie eigentlich krank gemacht hatte . , Wie hab ' ich euch doch alle so lieb « , sagte sie , wenn man ihr eine kleine Freude bereitete , und strich mit den schwachen Händchen liebkosend über die Wangen ihrer Mutter und nickte mir freundlich zu : » Habt tausend Dank für alle Liebe ! « Von Bergen sprach sie gar nicht – desto öfter der Baron . Schon ein paarmal hatte er geheimnisvoll den Doktor gefragt , ob Hanna wohl stark genug wäre , eine große Freude zu ertragen . Ein paarmal war ihm gesagt : » Noch nicht ! « Als aber dann Hanna schon den ganzen Tag außer Bett sein konnte und einige Male mit uns diniert hatte , da hieß es endlich : » Freude schadet nichts mehr , im Gegenteil . Aber nicht zu stürmisch . « Da ließ der Baron eines Tages zu Ende des Novembers , als die ersten Schneeflocken in der Luft wirbelten , seine zwei besten Renner , die Schwarzen , anspannen und fuhr zur Stadt , und Frau v. Bendeleben sagte zu mir : » Nicht wahr , Gretchen , du bist auch der Meinung , daß Hanna Bergen noch immer liebt ? « » Ja , das glaube ich ganz bestimmt « , entgegnete ich . Unruhig und mit einem schmerzlichen Zug um den Mund ging sie im Zimmer hin und her . » Du ahnst gewiß , um was es sich handelt , Gretchen « , sagte sie dann . » Mein Mann ist zu Bergen , und wir werden wahrscheinlich heut noch eine Braut im Hause haben . Hanna hat sich um ihre Liebe krank gegrämt und soll für allen Kummer entschädigt werden . Gott gebe seinen Segen . « Sie seufzte . Mir klopfte das Herz vor Freude . » Aber Hanna , weiß sie schon ? « » Nichts ; sie hat keine Ahnung . Du weißt , der Baron liebt nun einmal Überraschungen . Wenn es ihr nur nicht schadet ! Wollte Gott , dieser Tag wäre erst vorbei ! « Man sah es dem feinen Gesicht unter dem Spitzenhäubchen an , daß sie sich in ungemütlicher Stimmung befand . Die Augen blickten verschleiert , und um die Lippen zuckte es nervös . Ich merkte , wie es stand , sie hatte nachgeben müssen in dieser Angelegenheit , der Baron hatte keinem » sanften , klugen Worte « Gehör geschenkt . Die Freude , das Leben des geliebten Kindes gerettet zu sehen , überwog alle anderen Bedenken bei ihm , nur glücklich wollte er sie wissen , während die Mutter , alle Angst und Sorge der jüngsten Zeit bereits vergessend , in dem zukünftigen Schwiegersohn nur den armen Edelmann sah mit dem untersten militärischen Range . Es war ihr schrecklich , die blonde Hanna nicht auch als Gräfin präsentieren zu können , und dies hätte nach ihrer Ansicht keinem Zweifel unterlegen , wenn Hanna nur vernünftig gewesen wäre . Indessen , es ging nun nicht anders . Sie fuhr mit dem Taschentuch über die Augen , seufzte noch einmal und schickte mich dann mit der Weisung hinauf , wenn Hanna nach dem Baron frage , sollte ich sagen , er sei nach Wiesenau , einem benachbarten Gute , gefahren . Mir klopfte das Herz vor Aufregung , als ich die zarte Gestalt im Sessel am Fenster sah , wie sie teilnahmslos in das Treiben der Schneeflocken schaute . Auf dem Schoße hielt sie ein geöffnetes Kästchen , sie legte einen vertrockneten Eichenzweig hinein , den sie in der Hand gehalten hatte , und gleichsam um meine Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu lenken , sagte sie : » Der erste Schnee ! Weißt du , Gretchen , als wir noch Kinder waren , prasselten immer die ersten Bratäpfel in der Röhre an diesem Tage ? « » Ja , Hanna , und nicht wahr , wir wollen heute wieder Kinder werden . Ich hole Äpfel und lege sie auf den Rost . « Bald zischten und schmorten die rotbäckigen Früchte im heißen Ofen . Hanna und ich rückten uns die Sessel hinzu , ich nahm eine Arbeit und zog Stich um Stich mit der bunten Wolle . Das Feuer warf gelbe und rote Lichter auf den Teppich , die Hanna träumerisch mit den Augen verfolgte . » Ich wollte , wir wären noch Kinder , Gretchen « , sagte sie . » Es ist ja