er auf und gab mir die Hand : » Je , Albert , nu is dat so wid mit em – nu is he fort . « » I , Korl , dat kann noch allens good swarn . « » Nee , nee , Albert , de Doktor seggt , he is unheilbar , dat is Größenwahn , seggt he . « » Weerst du im Spittel , Korl ? « » Ja , aber to seihen heff ' k em nich krigt , un se bringen em morgen int Dullhaus . He meent je nu woll , he is Raffael sülben und hett de Sixtinische Madonna malt , so vertellte mi de Dokter . Ja , Albert , dat ' s doch ock man bloß so mit de Kunst , ick will man leewer bi Maadsen bliewen , dat ' s beter för mi , ' s künnt sünst ook so ' n End nehmen , mi is , als wär ick ock all dull . « » I nee , Korl , du mußt nich de Flint so gau in ' t Korn smiten . Hest nich noch ein Pat , Korl ? « » Ja , Hinrich Berendsen , aber de hett sülber kein Schilling . « » Hinrich Berendsen , de Schlafbaas ? « Korl nickte . » Ja , da hast du recht , de hett nix . « » Kein Sösling , Albert . « » Wenn ick man helpen künnt , Korl . « 100 » Nee , du kannst nich , aber ich dank di veelmal , Albert : ick hew kein Glück . « Der arme Jung ' ließ mich zu keiner rechten Freude kommen , und ich hätte mich doch wirklich freuen können , denn auch meine Mutter war , unter bitteren Tränen zwar und mit vielen » o Gott , o Gott , o Gott ! « doch emsig bemüht , mir eine kleine Ausstattung für die Fremde zu beschaffen . Sie ließ nicht etwa den » Snider « kommen und mir großherrlich Maß nehmen zu einem » püken « Anzug – o leewe Gott , nee – sie saß da und trennte den abgelegten Bürgerwehrrock von meinem guten Vater auseinander und wendete ihn höchst eigenhändig » up de anner Sid « , wo er noch ganz » nüdlich utsah « . Die Ärmel waren freilich zu kurz , aber dafür wußte Mutter Rat , indem sie ein paar » Upschläg « daran setzte » ut Sannft « von einem Spenzer meiner seligen Großmutter : en bütten rostig war er schon , aber mit Hilfe von etwas sauber und vorsichtig aufgebürsteter Tinte bemerkte man das gar nicht . Eine Weste ward ebenfalls umgewandt , un Mudder spendeerte nije Knöpp ' dran ; aber als alles so weit fertig war , fing der Kummer eigentlich erst an . » Ja , de Büx , Vadder , de Jung mutt doch en nije Büx hewen . « Vadder kratzt sich achter de Ohren und Mudder geiht ünner Seufzer un Tränen an ehr Sekretär und holt ehr lütte Sparbüß un nimmt twee Hamborger Duppelmark rut un seggt : » Dat Tüch kann ick allenfalls köpen , aber ick mutt sülben snidern . « » Min leewe Deern , « sagt Vater benaut , » du kannst doch keen Büx snidern ! « » Min leewe Mudder , du kannst doch als Froo keen Büx maken , « wende ich beängstigt ein und denke bei mir , wo dat woll utfallt ? Aber de olle goode Froo let sick nich irren . Als annern Dags Madam Mackens kam mit ehr Packen op den Puckel , wo allerhand Tüch un Bänner in waren , köfft min Mudder die nödige Anzahl Ellen Buckskin und snackt dabi ' n Strehmel mit de 101 Olsch , wat dat woll haltbar wär , un denn smit se dat Tüg op den Disch und seggt : » So , Kinners , nu kann ' t ja woll losgohn ; vörerst mutt ick aber ' n Munster hewen . « Un nu bringt min Swester Agnes en olle Büx von mi , un de b ' reit Mudder op den Disch ut . Danach snid se erst ' n Munster in Poppier , man blot en büschen vülliger , denn ick war da längst rutwussen . Un denn snid se bannig forsch in dat Tüch , dat min ollem Vadder de Ogen övergahn ob ehrn Maud . » Mudder , « sagte er koppschüttelnd , » da achterwarts kümmt mi de Büx höllisch small vör . « » O Gott bewohr , « röpt Mudder , » ick kenn em doch , he hett ja gar kein Achtergestell , de dumme Jung . « Un nu word probeerenshalber tosamenneiht , un as ick se antreck , is dat Ding richtig veel to eng un ick kann mi man mit Mäuh un Nood dat Hulen unnerdrücken . » Süh , süh ! « seggt Vadder un geiht so um mi herum mit grote Ogen , » ick hew dat all bi ' t Tosniden markt – süh , süh , wat nu ? « 102 Müdder aber , de ümmer ehr Kontenanz un ehr Plü wahrt hatt , ock in de slimmste Lebenslag , Mudder seggt : » Schadt em nich , dor sett ick en Kiel in . « » Mudder , ick bitt di , snid den Kiel man breed gnog , « barmt min Vadder . » Ja , mack du man , dat du ut de Stuv kümmst , ick will sacht allein de Büx farig kriegen . « Und dann nähte sie den Keil ein und probierte wieder . Gottverdori ! De Kiel is noch ümmer to eng för dat Achtergestell ! Nu word Vadder bannig dull un de Swester wunnerwerkt un jankt doröver un will em begöschen wegen de » mallörte Büx « , wie ich voll Ingrimm das Unglücksstück heimlich nenne . Abers Mudder seggt mit noch verstärkter Kontenanz : » Dann mut dor noch en Kiel insett warn . « Un so deed se , und als de Büx nu passend wor , sed min Mutter to Vadder : » Seeberg , plätten muttst du se , dat is for mi to swar , darto langt mine Kraft nich , abers vorher muttst du se insprengen . « Vadder nahm also den Mund vull Water und Swester Agnes hol em de Büx hen , einmal rechts un einmal links , un Vadder prustet se an mit sin Mund voll Water as en gelernten Tapzier , und danach wurden de Nähte ausgebügelt , und dann war das Wunderwerk fertig und zwar ein ganz apartes Stück geworden . Und wenn es Mode gewesen wäre , ein Paar Büxen zu benennen , dann hätten sie Eduardo heißen müssen , denn » verballeriert « waren sie jedenfalls . – – Na , am elften April sollt ' ich reisen , und den Sonntag vorher hatte ich mich nochmal mit Korl Lorensen verabredet zum Spazierengehen . Der arme Jung sollte auch Mittag bei uns essen , hatte Mutter gesagt , denn erstens saß er da ganz allein mit der ollen fünschen Madam Sörrensen im Hinterhaus – sein Pflegevater war ja ins » Dullhaus « gebracht – und zweitens war er doch mein Freund , drittens endlich sollte dies in unserem Hause seine Henkersmahlzeit sein , denn meine Mutter war gewillt , die 103 Beziehungen zu Korl Lorensen nach meiner Abreise nicht weiter zu kultivieren , » wil dat er en ollen Dröhnbartel was , un se heel nich wüßt , wat se mit em snacken künn , wenn ick nich mehr bi was . « Korl Lorensen kam also richtig die Treppe herauf gepoltert , aber gar nicht zum Wiedererkennen . Strahlend vor innerer Seligkeit , zog er mich , nach flüchtiger Begrüßung meiner Eltern und Schwester , aus der Stube und , mich mit zitternden Händen am Ärmel packend , flüsterte er mir auf der halbdunklen Diele ins Ohr : » Du , Albert , ick gah mit di , ick hew nu dat Geld . – Albert , ick bin noch ganz beswiemt von all dat Gedraehn bi ' n Herrn Kurator . « » Wer gibt ' s dir denn , Korl ? « frage ich atemlos und fasse ihn rundum vor Freude . » O Gott , o Gott , Albert , denk man , dee Froo Senator het mi in ehr Testament insett , mit dreihunnert Daler het se mi insett , und dat langt för drei Johr , un ick hew zu die Herrn Kurators seggt , wozu ich ' s will , und hab ihnen ein paar Zeichnungen von mir gewiesen , un da haben sie gelächelt un gemeint : › Na , des Menschen Will is sin Himmelrik . ‹ Un nu , Albert , könnt wir tausamen reisen , denn Eduard Heß darf nix mehr seggen , weil er seinen Verstand verloren hat und meint , daß er Raffael is . « Das war denn nun ein großes Freuen für uns beide , obgleich meine Mutter da gleich ' nen Eimer kalt Wasser drauf goß , indem sie sagte , er hätt ' s man lieber auf die Bank tragen sollen und Zins auf Zins legen , dann hett ' s später ' mal zum Anfang 104 von en nüdlichen kleinen Dischlerei gelangt . Und mein Vater meinte : » Was willst du denn machen mit hundert Taler fürs Jahr , Korl Lorensen ? Du kannst dich ja nicht ' mal satt essen an Kantüffeln ? « – Aber Korl meinte , es sei so viel , da könnte er noch sparen . Am Nachmittag gingen wir zusammen spazieren , er in seinem ausgewachsenen Konfirmationsrock , aus dem die roten Hände so groß und frech hervorsahen , mit seinem abgeschabten Hut über den jungen blauen Augen , die so begeistert in die Zukunft blickten , daß sie über seine sonstige Häßlichkeit einen fast verklärenden Schimmer gossen , und ich in meinem Anzug von Mutters Gnaden mit der » verballerierten « Büx , beide Arm in Arm , die Herzen voll stolzer Zukunftsgedanken , seliger Jugendschwärmerei . Die Leute , denen wir begegneten , lächelten , wir bemerkten es kaum . Wir gingen an dem Strom hin , nach der Vorstadt zu . In den Gärten der vornehmen reichen Leute sproßte das erste Grün , auf den Wellen des Flusses blitzten Sonnengoldfunken und die weißen Segel glitten darüber hin wie Riesenschwäne , die sich zum trunkenen Flug in die Lüfte schwingen wollten , um ein Jubellied zu singen . Wir wanderten bis da hinaus , wo die Villen aufhören und die Wege einsam sich hinziehen zwischen Wiesen und Wasser . Die Spreen lockten auf den Erlen , und von dem großen Restaurant herüber klang Musik . So festlich war die Welt , so wunderbar prächtig ; und weit , weit da hinten , 105 stromaufwärts , da liegt eine große Stadt , in der die Kunst wohnt , in der Raffaels Madonna zu schauen ist . » Dahin gaht wi to allererst , Albert , « sagte Korl , » in de Billergalerie to de Madonna . Eduard Heß säd noch letzt – « » Lat mi mit din Unkel Eduard , « unterbrach ich ihn . » Ick will en wohrhaftiger Künstler warn un kein Schillerkleckser . « » Ja , natörlich , Albert , « stimmte Korl zu , » wi wöölt ernsthaftig studieren . Unkel hett am End doch nich so recht – « » Denn sin Kunst satt in sin Wahnsinnsmantel , « meinte ich verächtlich . » Ja , Albert , ick denk man , he hett öberstudeert , un hier baben is bi em wat nicht richtig , aber he kann da nix vör , Albert . Un sin Farbens un Pinsels nehm ick mit mi . « » Ja , wi kommt noch lang ' nich an de Farbens , Korl . Min Swager seggt , bannig veel zeichnen müßten wi , ümmer bannig zeichnen in de Erst . « » Nu lick mal eins , Albert , wenn wi so wat erst malen künnten , « meinte Korl Lorensen , und er zeigte auf die glatte Flut vor uns , die vom Abendhimmel schwach rosig getönt war . Weiter vor spannte sich die prächtige Brücke darüber im leichten Dunst des Lenzabends , und dahinter , zart verschleiert , erschienen die Türme von St. Katharinen und St. Petri und die stolzen Paläste der reichen Kaufherren . Die bereits angezündeten Laternen ließen die bläuliche Färbung der Luft noch intensiver erscheinen , und wie goldene zitternde Brücken lag ihr Widerschein auf dem Wasser . » Ja , so wat much ick , min Vaderstadt much ick malen , Albert , « setzte er nach einer Pause hinzu . » Un denn da in aufgehängt worden , Korl – in die Kunsthalle , « ergänzte ich und wies hinüber zu dem im griechischen Stile erbauten Hause , das H . . . s Bilderschätze barg , » un wann min Mudder da ' mal in geiht , un ' s hängt da so ' n recht schönes Bild un ' s segt einer to ehr : › Ja , Madam Seeberg , wat kann abers Ehr Albert schön malen ‹ , – ja , das möcht ' ich erleben , Korl . « 106 » Ick hew kein Ein , de sick freuen kann , « meinte Korl traurig . » Da kann sick abers immer noch Ein finden , Korl , ton Bispill dine tokünftige Brut ? « » O Gott , o Gott ! « sagte Korl , und seine Augen wurden noch weiter und strahlender , » ja , Albert , hest recht , wat kann mi noch alles för Glück passeeren . Ja , ' ne Brut , ja ick much woll ein – un süh , Albert , dat wär denn min alles , de lütte Deern ; ick hew ja keen Minschen sünst , un – – « » Se kreg den ganzen Pack von Leew , de in din Hart opstapelt is , so mit eins , « vollendete ich , » so veel Leew , dat se gor nich weit , wohen dermit . « » Ja , so hew ick grad dacht . Ja , min Brut , Herr Gott , wo würd ick min Brut leew hewen ! « » Korl , komme zu dir , « sagte ich , ihn aus seinen Zukunftsträumen weckend . » Wer weit , wo de Brut nu is , wat se ganz und gar schon op de Welt umher löppt . Spar man noch din Braß von Leew un lern erst wat , dat du se achters ernähren kannst . « » Ja abers , wenn ick ehr all kenn , oder se bald drapen ded , als ton Beispiel – – « » Schafskopp , « unterbrach ich ihn , » so , as du da bist , nimmt di kein ; erst mußt en Künstler warn un en püken Keerl ! « » Wenn se mi so nich will , denn mag ick ehr ock nacher nich , Albert . Un sühst du , du hest din Öllern un din Swestern , un ick hev mannigmal so ' n Heimweh na ' nen Hart , dat mi hört . « Und da wir grad unter einer Gaslaterne angelangt waren , sah ich Korl Lorensen an und sah seine Augen noch einmal so weit und sehnsüchtig in die Ferne gerichtet und auf seinem breiten Gesicht , das einen leidenschaftlich schmerzlichen Ausdruck trug , ein paar große Tränen . » Herrje , Korl , « sagte ich erschreckt , » du hast woll gar all Een ? Du schinst mi bannig verleewt ! « Aber er antwortete nicht , und schweigend kamen wir zu Hause an und trennten uns mit stummem Händedruck . Ob he Ein hätt ? Das ging mir während der letzten Tage unseres Aufenthalts daheim immer im Kopf herum . Aber , mein 107 Gott , welche kleine Deern denn ? Ich kannte doch so ziemlich alle Personen , mit denen Korl verkehrte , und wußte , daß keine Frauensleute dabei waren , außer die oll Madam Sörrensen . Der Abend vor unsrer Abreise sollte mir aber Aufklärung bringen . Ich traf nämlich Korl Lorensen in einem neuen Hut , sehr pük , ganz unvermutet vor unserer Haustür ; in der Hand hielt er einen kleinen Veilchenstrauß . Er wurde so rot wie ein » kakter Hummer « als er mich sah . » Wohen denn , Korl ? « fragte ich . » O , man da schrög över , to Bäcker Dobbers – Adjüs to seggen . « » Kennst du denn de Madam Dobbers näher ? « fragte ich . Ja ; er hätte doch jeden Morgen , schon als kleines Gör , die Rundstücke und Tweebacks da köfft , und die Bäckerfroo wär ' immer freundlich zu ihm gewesen . » Ja , komm Korl , ick gah mi di , kann da egentlich ock Adjüs seggen . ' s is wohr , överall hew ick ' s dahin , bi Discher Maadsen un Madam Sörrensen , bi uns ' Huuswarth un annere Nawers , warum nich bi Bäcker Dobbers ? « – Korl sagte nichts , aber er sah ein wenig verstimmt aus , was ich mir erst gar nicht erklären konnte . Als wir in den Laden kamen , stand Madam Dobbers da , sehr stur und stattlich , mit einem witten Platen vor , wie eine von ihren schön aufgegangenen Paschsemmeln , hinter dem Verkaufstisch , und als wir erklärten , wir wären nur gekommen , um ihr Lebewohl zu sagen , antwortete sie , ohne eine Miene zu verziehen , das sei ja ' ne groote Ehr ' , und sie wünschte uns viel Glück zu unserm Vorhaben . In der Türe , die zur Wohnstube führte , erschien eben die schlanke Gestalt eines noch ganz kindlichen Mädchens , dessen brünettes reizendes Gesicht über und über lachte , daß die Zähne nur so blitzten und in den rosigen Wangen zwei tiefe Grübchen sich zeigten . 108 » O , was süße Veilchen ! « rief sie , als Korl ihr unbeholfen sein Sträußchen hinhielt , » viel Dank auch , Herr Lorensen . Und vergessen Sie man nich , daß Sie mich abmalen wollen , wenn Sie wiederkommen . « » Nein , « sagte Korl mit einer fast heiseren Stimme und verdächtig schimmernden Augen , » das vergesse ich nich , Fräulein Dobbers . « » O , wie werd ' ich Sie vermissen , Herr Lorensen , wenn ich Morgens die Ladens nich aufkriege . « » Dummes Gör ! « schalt Madame Dobbers , » als ob hier kein Ein wär , der dir die Ladens aufmacht . « Das Mädchen schwieg und lächelte Korl noch immer an ; so ein rechtes übermütiges Lächeln war ' s , das die zwei tiefen Grübchen nur noch reizender machte . Und Korl sah so blaß aus und so ernst und schluckte ein paarmal ganz komisch , als wollte er etwas sagen , und konnte doch nicht . » Adieu , Pine Dobbers , « kam es endlich von seinen Lippen und seine große Hand streckte sich dem Mädchen entgegen . » Auf Wiedersehen ! Auf Wiedersehen , Herr Lorensen ! Wie lange bleiben Sie denn aus ? « fragte sie . Er hielt ihre Hand noch immer , und die Augen groß auf sie heftend , sagte er langsam , jedes Wort betonend : » Drei Johr bliew ick ut , Pine Dobbers . « Sie erschrak ein wenig vor diesem feierlichen Ernst seines Wesens . » Drei Jahre ? « wiederholte sie . » Zeit genug , daß aus dummen Gören vornünftige Deerns werden , « erklärte Madam Dobbers trocken . » Adjüs , Herr 111 Seeberg , adjüs , Herr Lorensen , kamen ' s gesund na Huus , un wat Ehr leewe Mudder is , Herr Seeberg , an de bitt ick ock en Komplement von mi to bestellen . « Und damit hatte sie uns die Hand geschüttelt und wir standen plötzlich draußen auf der Straße , und ich starrte Korl Lorensen ganz vorbast an : » Nu segg mi mal , Korl – – « Aber er wandte den Kopf weg . » Du bist wohrhaftig dull verleewt , Korl ? « Keine Antwort . Dann sagte ich nach einer Pause : » Je , ick hew se ja gar nich weddersehen , tid se ut de Flensborger Panschon torück keem ; wat en söte lütte Deern is se worn ! Wo old mog se denn sin , Korl ? « » O , söstein , « sagte Korl . » Un du ? « » Ick bin negentein un en half . « » Herrje ja ! Un nu – wat sallt denn dat bedüden mit di un de lüttje Deern ? « » Nix , Albert , gar nix . Ick hew ehr man in letzter Tid Morgens ümmer de Ladens opslagen , weil dat de Bäckergesell nich glick bi de Hand wär , und weil dat se ümmer , tid se ut de School is , ehr Mutter Posten verwalten mutt in Laden Klock sös , denn de is man swach un Pine mutt dat Finbrod vorköpen . « » Da täuwst du nu woll en lütten tidiger , eh de Gesell to helpen kümmt ? « » Ja , da täuw ick en büschen op de Straat , « gab er zu . Süh ! Süh ! Korl Lorensen , dachte ich , ist ' s möglich , hast all so wat in Kopp ? Un ick , de ick anderthalb Jahr öller bin as du , hew noch mit kein ein Gedanken an ' n lütte Deern dacht . » Ja , Korl , nu wat denkst du di nu dabi ? « » Gor nix , Albert , « versicherte er noch einmal . » Good Nacht , ick mutt slapen , ick sall morgen fröh mit klaren Ogen in de Welt kieken . « » Na , Good Nacht , Korl , also op ' n Banhof um Klock achten . « » Op ' n Banhof um Klock achten , « wiederholte er , » Good Nacht ! « 112 Ob Korl geschlafen hat , weiß ich nicht : ich tat jedenfalls kein Auge zu , und als ich so zwischen fünf und sechs Uhr früh aufstand , müde und zerschlagen vom Abschiedsweh , Reisefieber und von unbestimmter freudiger Erwartung , da blieb mein Auge , das aus dem Fenster schweifte , zufällig an Bäcker Dobbers ' Hause hängen , und richtig , da stand Korl Lorensen und half Pine Dobbers zum letzten Male die Läden aufschlagen , und als er damit fertig ist – sie hat derweil in der Ladentür gestanden und zugeschaut – winkt sie ihn ins Haus hinein , und dann sind alle beide auf der Diele verschwunden . » Verdori ! « sage ich vor mich hin , » so ' n Slef , so ' n bannig dummer Jung und – so ' n Glück ! Kiek de Pine Dobbers , un wat de lütte Deern nüdlich warn is ! Wie kommt die Rose to ' n Liemputt ? « Denn für mehr als einen guten , herzensguten Menschen und ganz brauchbaren Tischlergesellen hielt ich ihn trotz seiner Künstlerideen 113 damals nicht ; ich dachte immer , er wäre man bloß anstecken von sin Onkel Eduard . Es dauerte ziemlich lange , bis er wieder herauskam aus dem Bäckerhause und über den Markt schlich , mit so ' n bißchen torkeligem Gang wie ein Betrunkener . Eine ganz lasterhafte Neugier plagte mich , zu erfahren , ob die söte Deern dem plumpen Gesellen wirklich ehr lütte Snut zum Abschiedskuß geboten habe . Na , ich habe alles erfahren , aber erst viel später . Damals fuhr er , verschlossen wie ein Buch mit sieben Siegeln , neben mir in die Fremde , und während mir die Augen von den Abschiedstränen brannten , blieben die seinen trocken . Er starrte nur durch das Coupéfenster in die Heidelandschaft hinaus , und einmal , als er dachte , ich schliefe , zog er ein kleines unscheinbares Notizbuch aus der Tasche und nahm etwas heraus , das er eine ganze Weile hindurch liebevoll betrachtete , um es verstohlen an die Lippen zu drücken , wobei er stark errötete , und es dann wieder verbarg . Auch dieses Notizbuch und den kleinen Gegenstand habe ich später in Händen gehalten . Damals , als ich es zuerst erblickte , unterdrückte ich nur mit Mühe ein Lachen über die unbeholfene Art des Verliebten ; als ich es später , zuletzt , in der Hand hielt , bedurfte ich aller meiner Kraft , um nicht in lautes Weinen auszubrechen . – Nach beinahe zwölfstündiger Fahrt langten wir in Dresden an . Ja , nun könnte ich Ihnen da ein langes Lied vorsingen , meine Gnädige , von Künstlers Erdenwallen , von Entbehrungen , wie sie härter kaum ein paar junge Menschen , und doch auch vielleicht nie heiteren und besseren Mutes , getragen . Ich darf Ihnen ja nur unser erstes Logis beschreiben , um Ihnen einen Begriff zu geben von dem Komfort , der uns empfing , den wir uns gestatten konnten . Und dabei befand ich mich , dank meiner Stipendien , noch grad zweimal so gut wie Korl . Wir wohnten da bei einer Witwe , Frau Micheln , die in einer Vorstadtstraße zwei Stuben innehatte , eine für sich und ihre beiden kleinen Mädchen , die andere zum Vermieten . Die erstere Stube galt als Wohnraum , und dort wurde auch gespeist ; 114 die Lagerstätten waren tagsüber verschwunden , Gott weiß , wohin . In unserer Kammer standen drei Betten ; ein Schmiedegesell schlief da mit uns , den wir aber nie zu sehen bekamen , denn Abends , wenn wir uns zur Ruhe verfügten , schnarchte er bereits , und wenn er Morgens aufstand , schnarchten wir noch . Das Menü bestand unzweifelhaft aus auf verschiedene Art zubereitetem Pferdefleisch , denn Beefsteaks hätte uns Frau Micheln ja wohl für unsere Zahlung nicht liefern können . Nun , geschmeckt hat es uns ausgezeichnet , denn der beste Koch hatte es gewürzt , der Hunger . Unten im Hause war in der Woche ein paarmal Tanzmusik , die uns aber auch nicht störte im Schlaf und Behagen . Ein Tropfen Bier kam nie über unsere Lippen ; der einzige Leckerbissen , den wir uns , aber nur Sonntags , gönnten , war ein Stück Käsekuchen für fünf Pfennige . Ich leistete mir zuweilen zwei Stück , aber Korl verzehrte höchstens eins , und das nur selten . Wollte ich dann großmütig sein und ihm ein Stück spendieren , so nahm er es übel . Der große , robuste Mensch hungerte mit einer Seelengröße , die eines antiken Helden würdig gewesen wäre . Mager wurde er dabei ; aber das kleidete ihn gut , und ich dachte oft , Pine Dobbers würde sich freuen , wenn sie ihn so sähe , so gleichsam verfeinert und verschönert durch Hunger und Arbeit . – Ja , die Arbeit , unser Studeeren ! Herr Gott , wie wir geschuftet haben in der Unterklasse der Akademie , und was Korl Lorensen für Zeichen eines ungeahnten entschiedenen Talents von sich gab bei seinem Gipszeichnen ! Und dann die heimlichen Bummelgänge in der Umgegend mit den Skizzenbüchern , bei denen wir wahrlich nicht das Wenigste lernten , und das Schwärmen in der Galerie , das Seufzen : wie weit noch der Weg bis zum Können ! Wie weit und mühsam ! Und dann , wie wir beide plötzlich anbetend zu Ludwig Richters Füßen saßen ! – Damals lernte ich meinen späteren Schwager kennen , einen tüchtigen Maler , der sich meiner wohlwollend annahm und mich freundlich mit hinüberzog in den Kreis seiner Familie . Für mich war en büschen Gemütlichkeit Winterabends unter der Lampe am runden Tisch 115 geradezu ein Lebensbedürfnis , bin ich doch dabei aufgewachsen ; aber Korl Lorensen vermißte das nicht , er wies mich sogar schnöde und schroff ab , als ich ihm sagte , daß mein neugewonnener Freund auch ihn einführen wolle bei seiner Frau und seinen Schwiegereltern . Er saß bei der winzigen , schlecht brennenden Lampe und schrieb und zeichnete , wenn ich fortging , und saß noch ebenso da , wenn ich zurückkehrte , halb erfroren und jedenfalls nicht gesättigt , nur seine Augen , die strahlten immer . » Hest woll an Pine Dobbers schreeben ? « neckte ich ihn zuweilen , aber er schüttelte dann jedesmal ernsthaft den Kopf : » Worüm sall ick ehr schrieben ? Ick hew ehr nix to schrieben . « Als das zweite Weihnachtsfest näher kam , da packte mich eine große Sehnsucht nach der Heimat , nach mine ollen leewen Öllern , na mine Swestern , na uns ' Wahnstuv und na de Vaderstadt . Ich meinte , ich würde es nicht aushalten , wenn ich nicht hätt ' ein bißchen zum Dom gehen können nach H . . . , und Winachnabend Karpen essen und braune Kuchen mit den Meinen . » Verdoria , Korl , ick holt nit ut , ick fahr veerte Klaß , aber hen mutt ick un wenn min Oller düller ward as dull . « Korl sah nicht auf von seinem Blatte , an dem er zeichnete , und blieb stumm . » Kannst nich mitkommen , Korl ? « » Nee , Albert . « » Schad ! – Harrst bi uns wohnen un slaapen kunnt