Geschöpfen , die vom Schicksal von einem Hause in das andere gejagt werden , von denen jede Brotherrschaft fordert , daß sie sich mit „ aller Liebe “ ihrer Aufgabe widmen , so oft eigen ist . Aenne , welche seit ihrer Verlobung für die Arme , die sich nun wieder eine andere Stellung suchen mußte , inniges Mitleid gefühlt und erst seit heute mittag über die Charaktereigenschaften dieser Dame sich Gedauken gemacht hatte , faßte sie genauer ins Auge und meinte , daß sie älter und verfallener als je aussähe , und daß sie vielleicht gehofft habe , Günthers Frau zu werden . Hätte er sie doch genommen ! fuhr es ihr plötzlich durch den Sinn , und dann erschrak sie über diesen Gedanken . Was hätte sie dann gethan , wenn Günthers Arme nicht mehr für sie offen gewesen wären ? Wie hätte sie dann beweisen können , daß Heinz ihr gleichgültig , ach , so gleichgültig war ? „ Ich denke , Fräulein Stübken , Sie zeigen , solange es noch hell ist , den Damen die Wohnung und die Schränke , “ sagte Günther endlich , der seine Braut zuweilen angesprochen hatte , ohne mehr als eine kurze Antwort zu erhalten . Man erhob sich , Fräulein Stübken hing den Schlüsselkorb an den Arm und schritt voran ; den Kindern wurde bedeutet , artig zu sein . Man wanderte durch mehrere Räume , alle , höchst dürftig möbliert , machten einen mehr als unwohnlichen Eindruck . Die „ gute Stube “ war geradezu schauerlich , die Möbel aus Birkenholz mit grellgeblumtem Wollstoff überzogen , der Teppich mit kohlkopfgroßen Rosen im Muster ; der Kaiser , die Kaiserin , der Herzog und die Herzogin , Bismarck und Moltke blickten als empörend schlechte Oeldruckporträts von den Wänden . In einer Ecke befand sich ein aus Holz geschnitztes schiefes Rauchtischchen , in dessen Rillen und Kerben dicker Staub lag , Die Vorhänge , steif gestärkt und viel zu sehr mit Waschblau gefärbt , und vor dem Spiegel die herkömmliche Sturzuhr mit Glasglocke darüber , vollendeten die Ausstattung . „ Schrecklich ! “ dachte Aenne , und die Eltern und Günther hatten allen Ernstes ausgemacht , daß sie keine Aussteuer an Möbeln gebrauche ! Erst gestern hatte auch der Vater das gütige Geschick gepriesen , daß Aenne sich so nett und warm in das behagliche Nestlein setzen könne . Zum erstenmal überfiel sie eine herzbeklemmende Angst vor dem Lose , das sie sich erwählt , und drohte sie fast zu ersticken . Wie öde , wie kalt war es hier ! „ Ein bißchen ungemütlich hier , Kind , “ flüsterte die Mutter , „ macht , weil nicht geheizt ist ! Eine Frauenhand kann da mit ein paar Kleinigkeiten viel thun , mit ein paar Blumentöpfchen lassen sich Wunder erzielen . “ Ja freilich , Mama hatte recht , das war es . Wärme fehlte , ein bißchen Sonne und Blumen ! Fräulein Stübken forderte jetzt die Frau Medizinalrätin auf , in die Schrankkammer zu treten , sie habe ein Verzeichnis der Wäschestücke in jedes Fach gelegt . „ Und ich will dir indessen meine Stube zeigen , “ sagte der Oberförster zu Aenne , „ Mama holt uns dann ab , wenn sie hier fertig ist . “ Einen Augenblick stockte ihr Fuß , dann ging sie mit . Sie war seit dem Abend im Walde noch nicht wieder mit ihm allein gewesen , sie hatte es vermieden . In diesem Augenblicke fand sie indes keinen passenden Vorwand und es war ja schließlich auch thöricht , danach zu suchen . So ging sie denn neben ihm durch den großen Flur und betrat die Schwelle des Zimmers , das der Wohnstube gerade gegenüber lag . Der letzte falbe Tagesschein erhellte es nur noch notdürftig , und auch hier spielten die Flammen im Ofen . In ihrem Schein lagen mehrere Hunde aus der Diele , die , durch den Eintritt einer fremden Person beunruhigt , sich knurrend anrichteten . Auch hier eine spartanische Einfachheit , soweit Aenne sehen konnte , ein riesenhafter Schreibsekretär an der Wand , drüben , nahe beim Fenster , davor ein Ohrenstuhl , ein mächtiges Sofa , über dessen Lehnen Fuchsfelle gebreitet waren . Unmassen von Tierbildern in Kupferstich an den Wänden , zwischen ihnen noch Geweihe , ein Gewehrschrank , ein Kleiderschrank und unter der Decke blauer Tabaksrauch . „ Kuscht euch ! “ befahl er den Hunden , und dann zog er seine Braut zum Sofa hinüber . „ Komm ' , Aenne , setze dich ! “ Er hatte etwas Unbeholfenes in seinem Benehmen , und Aenne fühlte , wie seine Hand zitterte . Mechanisch folgte sie seiner Aufforderung und drückte sich in die äußerste Ecke des mit schwarzem Leder überzogenen Kanapees . Er setzte sich neben sie und nahm wieder [ 075 ] ihre Hand , und als er fühlte , daß auch sie leise zitterte , sagte er weich : „ Hast du Angst vor mir , mein kleines Mädchen ? “ Sie antwortete nicht . „ Mußt auch nicht , “ fuhr er treuherzig fort , „ ich bin dir so gut , so sehr gut ; es thut mir weh , wenn du dich fern von mir hältst . Fasse ein wenig Vertrauen zu mir , Aenneken , willst doch mein guter Engel werden - hast mich doch lieb ? “ Er hatte ihren Kopf an seine Brust gepreßt , seine große Hand drückte ihren Scheitel wie ein Riesengewicht . Sie konnte nicht antworten , sie wußte weiter nichts zu thun , als es still zu dulden . „ Siehst du , Kind , “ fuhr er leise fort , „ es ist mir ja selbst ein Wunder , daß du Ja ! gesagt hast . Ich bin nicht verblendet über mich , ich bin aus kleinen Verhältnissen herausgekommen , habe hart gearbeitet in meiner Jugend , scherwenzeln und glatte Worte machen habe ich nicht gelernt . - Schön bin ich auch nicht , und drei Kinder hängen an mir - das einzige , womit ich dich gewinnen könnte , ist ein Herz voll Liebe und Treue für dich , Kind , und daß du dies herausgefunden hast , das ist mir eben so wunderbar , wo ich es doch immer versteckt habe vor dir , denn ich meinte , du seiest zu gut für mich ! - - Oder ist es Mitleid gewesen , Aenne , mit mir und meinen Kindern ? Sag ' ' mal ehrlich , Aenne , habe den Mut - Ja ? War ’ s Mitleid ? Ich nehme es dir nicht übel - ich wollte dich schon längst fragen . Sie schüttelte leise den Kopf . „ Nein ? “ forschte er und es klang wie Jubel und er bog sich hinunter und küßte sie . „ Wenn du jetzt ‚ Ja ! ‘ gesagt hättest , Aenne , wenn du - er war aufgesprungen und ging im Zimmer umher , dann setzte er sich wieder neben sie und hob sie auf seine Kniee , als sei sie ein Kind - „ Weißt du , was ich geworden wär ' , wenn du Ja ! gesagt hättest ? - Nein , Aenne , ich lasse dich nicht fort , bleib ' ruhig - weißt du es ? - Ein einsamer Mann wäre ich wieder geworden , denn ich hätte dich freigegeben in der nämlichen Minute ! Komm , Mädel , du sollst es wissen , warum ! Nicht um meinetwillen - dein Mitleid wäre für mich immer noch ein großes Glück - um deinetwillen , Aenne , denn - - und nun sage ich dir etwas , das außer dir kein Mensch weiß , vielleicht auch verstehst du es gar nicht , denn um das ganze Elend zu begreifen , muß man die Erfahrung hinter sich haben . “ Sie war aufgesprungen , sie wollte ausrufen „ Ich will dein Geheimnis nicht , denn ich liebe dich ja nicht ! “ aber er zog sie wieder auf sein Knie , und dann sagte er langsam wie mit gebrochener Stimme . „ Ich habe meine erste Frau nicht geliebt ! - Aenne , weißt du , was das heißt ? Nein , das weißt du nicht - Gott mag ' s jedem ersparen , denn wenn ' s eine Hölle giebt auf Erden , ist es dies ! “ „ Eine Hölle auf Erden “ hatte er gesagt . Sie machte sich heftig los und stand auf ; er ließ sie , es war , als sei er in alten schweren Gram versunken , so still saß er da und starrte vor sich hin . Und sie war zum Fenster geflüchtet und ihre Blicke hingen an einem Licht , das schimmerte im Erkerbau des Schlosses , drei Treppen hoch . - - Ihr war zu Mut , als müßte sie ersticken vor Angst und hinter ihr redete jetzt der Mann aus dem Dunkel , als spräche er mit sich selber : „ Und wenn man die so ansieht , mit der man zusammen geschmiedet ist , mit Ketten , die tausendmal drückender sind als eiserne , wenn man bei allem , was sie thut , denken muß , wie ist das nun wieder dumm und ungeschickt ! Wenn man an dem ganzen unseligen Geschöpf nur Tadelnswertes findet , wenn es gar nichts recht machen kann wenn einem schon die Fingerspitzen kribbeln , tritt sie nur ins Zimmer , wenn man das Antlitz , von dem man wünscht , es nie gesehen zu haben , jeden Mittag bei Tische sich gegenüber erblickt , wenn man der Elenden fluchen möchte für jeden Dienst , den sie einem leisten muß , wenn man aufwacht des Morgens und ihr Gesicht ist das erste , das einen ansieht , vorwurfsvoll und bittend , und man fühlt statt Mitleid - Zorn in sich ! Wenn man froh ist , sobald die Hausthür hinter uns zuschlägt - wenn - - “ Er stand auf , kam herüber zu ihr und zog sie zärtlich an sich . „ Ach , du hast viel zu thun , Aenne , du mußt alles wieder gut machen , was schwere lange Jahre mir angethan haben ! “ „ Aber weshalb - - ? “ stieß sie hervor . „ Weshalb ich sie nahm , Kind ? Ach , Aenne , wie soll ich dir das sagen , wie kommt das zuweilen ? Der eine thut es aus Gedankenlosigkeit , der andere in der Laune einer unseligen Stunde , der dritte aus Trotz . Verstehe mich um Gotteswillen nicht falsch , es liegt mir nichts ferner , als die Mutter meiner Kinder noch im Grabe zu tadeln . Sie war des Oberförsters Nichte , droben in Brotterode , war älter als ich - ich jung , ehrgeizig und arm . Ich kannte keine andere und sie wollte mich , sie liebte mich , sie stellte sich mir in den Weg , wo immer ich ging , und die Leute , die redeten von einer guten Partie , von einer braven häuslichen Frau , von Einleben auch ohne Liebe und sagten , daß die leidenschaftslosen Ehen die glücklichsten wären ! - - Dummes Zeug ! Es geht nicht ohne Liebe , ohne Leidenschaft - sag ’ ich ! “ rief er heftig . „ Nein ! Oder - es sind Menschen ohne Herz , Puppen , die am Draht tanzen , Tiere sind ’ s ! Und darum , Aenne , wenn ich vergehen sollt ’ um dich - ohne deine Liebe ertrüg ’ ich ’ s nicht - um deinetwillen ! Und nun schweigen wir von meiner Johanna sie ruht aus von vielen Enttäuschungen , ist auch wohl nicht glücklich gewesen mit mir , obwohl ich glaube , sie wußte nicht , was sie entbehrte . Ich habe es ihr wenig gezeigt , wie es um mich stand . Aber , siehst du , Aenne , gerad ' in dem stillen gleichgültigen Nebeneinander , in dem unterdrückten Schmerz - da liegt das Elend ! “ Und wieder zog er sie an sich . „ Aenne “ , sagte er leise und innig . Und ihr war es , als drehte sich alles um sie in rasendem Wirbel , sie fühlte nichts als ihre eigene ungeheure Schuld diesem Manne gegenüber , wenn sie jetzt schwieg - und sie konnte nicht reden ! Sie hatte Liebe verleugnen können , Liebe heucheln diesem gegenüber – nie ! „ Ich muß dir etwas sagen “ , rief sie , angstvoll sich an ihn schmiegend , „ ich muß - “ Und dann brach sie in ein leidenschaftliches thränenloses Schluchzen aus und blieb dennoch stumm . In diesem Augenblicke wurde die Thür geöffnet und Lampenschimmer fiel herein . Frau Rat und Fräulein Stübken sahen nur noch , daß der Oberförster seine Braut im Arme hielt , ihr Weinen war jäh vorüber . „ Wir müssen wohl heim , “ sagte die Mutter freundlich , während Fräulein Stübken , die die Lampe auf den Tisch gestellt hatte , das Zimmer verließ . „ Einen Augenblick setze ich mich noch ; natürlich , lieber Hermann , ist ’ s Zeit , ich will Ihnen die Ruhe nicht nehmen . Dies ist auch ein nettes Zimmer , “ fuhr sie fort , Aenne Zeit lassend , sich zu sammeln , ohne im mindesten Neugier zu verraten „ und das da ist wohl Ihre liebe selige Frau ? “ erkundigte sie sich leise und deutete auf ein Bild über dem Schreibtisch , eine Photographie in schwarzem runden Holzrahmen . Er schüttelte verneinend den Kopf . „ Nein , das ist ein früh verstorbener Bruder von mir , der Theologie studierte . “ „ In Ihrem Zimmer kein Bild der Verstorbenen ? “ stotterte Frau Rat . „ I Spaß , da ist ’ s ja ! “ Und nun erhob sie sich und schritt zu dem Tischchen hinüber , auf welchem eine Wasserflasche stand , ein Leuchter und Zündhölzchen . Aber als sie die Lorgnette nahm , um es zu betrachten , war es nur ein schon gedruckter Spruch : Selig das Haus , das in Liebe gebaut ! und darunter : l. Korinther 13. Aber die Liebe ist die größte unter ihnen . „ Ein schöner Spruch , nicht wahr ? “ rief er heiter . „ Ich denke , er soll so recht extra für uns erdacht sein , und behaglich wollen wir es uns machen in dem alten Bau ! Sie haben freie Hand , liebe Mutter , können schalten und walten wie Sie wollen , denn ich werde selten daheim sein in der nächsten Zeit . Wenn der Herzog kommt , so ist - - “ „ Kommt Hoheit ? “ unterbrach die Rätin neugierig , „ ich meinte , er wolle in diesem Jahr Breitenfels nicht beehren ? “ „ Uebermorgen ist er da . “ „ Mit großem Gefolge ? “ „ Nur Jagdgäste , die Herzogin ist nach dem Süden gereist . “ „ Ohne Theater ? “ „ Ei bewahre ! Das hielte Hoheit nicht aus . Diesmal ist ’ s das Opernpersonal , das er mitbringt . Da soll mein kleiner Schatz ordentlich Musik hören , mein Sitz steht dir immer zur Verfügung . Woher ich das weiß ? Ich erfuhr das alles aus [ 076 ] einem Briefe vom Jagdjunker Zerban . - Mit dem ‚ Freischütz ‘ fangen sie an . “ Man war unter diesen Gesprächen aus der Oberförsterei hinaus und bis an die Maysche Thür gelangt . „ Ich sage dir noch gute Nacht , Aenne , “ flüsterte er , „ aber ich muß erst mit den Kindern essen . “ Dann trennten sie sich . Am späten Abend noch , als der Medizinalrat und Tante Emilie schon die Ruhe gesucht hatten und Aenne sich auch von der Mutter zu trennen im Begriff war , die im Zimmer noch allerlei zu ordnen und zu kramen hatte , fragte das Mädchen beim Gutenachtkuß , stockend und die Farbe wechselnd . „ Mama , weißt du nicht , ob Günther mit seiner ersten Frau zufrieden lebte ? “ Die Rätin schob die Brille auf die Stirn und sah ihre Tochter groß an . „ Du willst wohl gar auf eine Gestorbene eifersüchtig werden ? “ rief sie . „ Fange doch solchen Unsinn gar nicht erst an , Kind ! “ „ Eifersüchtig , Mama , nein ! Mir ist nur , als ob ich ’ mal gehört hätte , es sei da nicht so ein strahlendes Glück gewesen . “ „ Strahlendes Glück ! Kleines Schaf , wie stellst du dir denn eigentlich die Ehe vor ? So viel ich weiß , sind die Leute rechtschaffen miteinander ausgekommen . Glück ? Was heißt denn Glück ? - Zu dummes Zeug ! “ „ Ich habe mich noch immer nicht richtig ausgedrückt , Mama - Ob sie sich lieb hatten , meinte ich . “ „ Na , Gott - natürlich ! Oder meinst du , ein Mann weint so bitterlich wie er über die Frau im Sarge , wenn sie ihm gleichgültig war ? “ „ Das könnte am Ende Reue gewesen sein , “ bemerkte Aenne nachdenklich . „ Worüber Reue ? Etwa darüber , daß er Geduld mit ihr hatte , als sie an der Schwindsucht zu kränkeln begann , lange Geduld ? Daß er sie drei Monate hindurch Tag und Nacht auf dem Siechbette gepflegt hat wie eine Diakonissin , und daß er das Mariechen , bei dem ihr Leben schließlich erlosch , aufzog wie eine Kinderfrau ? Ich meine , der hat wahrlich nichts zu bereuen ! Wie kommst du auf solchen Schnack , Aenne ? “ „ Geduld hat er mit ihr gehabt , Mama ? “ wiederholte das Mädchen langsam . „ Glaubst du , er würde auch mit mir Geduld haben ? “ „ Wollen ’ s hoffen ! “ gähnte Frau Rätin , die ihr Kind nicht verstand , „ stelle sie nur nicht zu sehr auf die Probe ! Weißt du was ? Wenn deine Hochzeit vorüber ist , thue ich ein Dankopfer - mir graut vor der nächsten Zeit ! “ „ Mir auch , “ sagte Aenne leise und ging aus dem Zimmer . Droben saß sie dann auf ihrem Bette und grübelte . „ Sagen muß ich es ihm und bitten will ich ihn , daß er mich dennoch nimmt . Ich will mir Mühe geben , “ flüsterte sie und preßte die Hände zusammen , „ er darf mich nicht verlassen , er soll auch mit mir Geduld haben ! “ Und dann erinnerte sie sich seiner Beschreibung des öden trostlosen Lebens neben der ungeliebten Frau . „ Eine Hölle “ , hatte er gesagt ! Und sie wollte trotzdem diese Schwelle überschreiten ? Sie versuchte , es sich vorzustellen ob sie ihn immer würde ertragen können , ihn und die Kinder . Und sie streckte die Hände aus wie abwehrend und schlug sie gleich darauf vor ihr glühendes Antlitz . „ Ich will nicht , ich kann nicht ! “ stöhnte sie . Und nun dachte sie an Heinz , und die Röte der Erregung wich der Blässe des starren harten Trotzes . „ Es muß sein ! “ sagte sie , „ es muß sein ! “ [ 085 ] Wochen vergingen und es blieb alles beim alten . Aenne hatte ihren Verlobten nur selten gesehen , er war völlig in Anspruch genommen von seinem Beruf infolge der Anwesenheit des Herzogs , der ohne Günthers Begleitung keinen Pirschgang unternahm . Zu einer Aussprache hatte sie keine Gelegenheit gefunden , aber auch den Mut nicht . Wenn sie in seine Augen blickte , die stets einen Schimmer von Rührung und Zärtlichkeit bekamen , sobald sie auf ihr ruhten , preßte ihr die Angst den Mund zu . Was sollte dann werden , wenn er ihr antwortete : „ Nein , Aenne , nein – laß uns auseinander gehen , ich weiß , was es heißt – ohne Liebe heiraten ! “ Ja , was sollte dann werden ? Weiter leben im Hause der Eltern ? Unter den Augen von Heinz , in der Erfüllung der geringen Pflichten , die nicht den tausendsten Teil ihrer jungen Kräfte erforderten ? Nein ! Andere Arbeit brauchte sie , schwere Pflichten , die sie so in Anspruch nahmen , daß sie nicht Zeit fand , nach rechts und links zu sehen ! Erst nach der Hochzeit wollte sie ihm alles sagen , dann mußte er sie behalten , mußte Geduld mit ihr haben ! – – – – Droben im rechten Flügel des Schlosses , den der Regierende zu Jagdzeiten bewohnte , schimmerte allabendlich die Reihe der hellen Fenster in die Nacht hinaus , und auf dem sonst so stillen Schloßplatz war reges Leben . An den Straßenecken klebten Programme : „ Herzogliches Hoftheater zu Breitenfels “ , vor dem Gasthofe droben hielten abends lange Reihen von mehr oder minder feinen Equipagen , denn die Bewohner der umliegenden Städtchen , Dörfer und Rittergüter kamen , um den Vorstellungen beizuwohnen , die für sie einen seltenen Genuß boten . Es war ja anerkannte Thatsache , daß das herzogliche Hoftheater über vorzügliche Kräfte verfügte . Aenne saß beinahe jeden Abend in der Loge der herzoglichen Beamten auf einem der beiden Plätze , die dem Oberförster gehörten ; den andern Platz nahmen abwechselnd Fräulein Stübken , die Mutter oder Tante Emilie ein ; Aenne war es gleichgültig – wer . Sie sah und hörte nicht , was sonst um sie her geschah , sie ging völlig auf in den Tönen , und hier allein vergaß sie ihre ewig quälenden Gedanken . Diese Plätze befanden sich in den Seitenlogen des zweiten Ranges des winzigen Theaterchens . Es war heiß dort innen und dunkel , Aenne merkte es nicht . Gegenüber , auf seiten der Herzogin-Mütter , sah sie in der Prosceniumsloge Abend für Abend die hohe Frau mit ihren Hofdamen , Frau von Gruber , Fräulein von Ribbeneck , [ 086 ] und dem Kammerherrn . Heinz hatte sie nicht wieder erblickt , sie wußte nur , daß er sofort beurlaubt worden , daß er den Abschied eingereicht habe und sich mit unerhörtem Fleiß in seine neuen Pflichten einzuleben bemüht sei . Ihre Durchlaucht hatte das gnädig dem Medizinalrat anvertraut und auch , daß sie glaube , eine ganz vorzügliche Acquisition gemacht zu haben . Es war , als ob sich alle die tobenden Wässer anschickten , ruhig und ehrbar in den Bahnen dahin zu fließen , die sie sich selbst gewählt hatten , als vernünftige Bächlein , die bestimmt waren , zu nützen und zu arbeiten , bis sie dereinst in dem großen Meere untertauchten . Aenne erfuhr auch eines Tages , daß der dritte Weihnachtsfeiertag für die Hochzeit des Herrn Hofmarschalls ausersehen sei . Sie ertrug ’ s kaum , wenn von ihm die Rede war , aber sie nahm sich zusammen , nur erschien sie still , gedrückt und merkwürdig gleichmäßig . Die Mutter hielt das für die natürliche Folge des Brautstandes , dem Vater aber gefiel ihr Aussehen gar nicht . „ Nervös “ , sagte er , „ sie wechselt zu oft die Farbe , und in ihren Augen flackert es , als hätte sie Fieber . “ Er verschrieb ihr Chinin und verordnete Spaziergänge . „ Nimm die Kinder mit , wenigstens die großen , “ schlug die Mutter vor , „ es wird dich zerstreuen ! “ In Aennes Herzen bäumte sich jäh etwas auf . Sie ertrug seit jenem Tage , wo der Junge und das Mädel nach Kinderart ihr ins Gesicht gerufen . „ Du liebst uns ja gar nicht “ , die kleinen Geschöpfe kaum noch , sie konnte sich zu keiner Liebkosung mehr aufraffen , sie fühlte sich erkannt von ihnen – Kinder sind größere Herzenskundige als man denkt – und so fiel die Antwort auf den Vorschlag der Mutter heftig ablehnend aus . Ob man ihr denn nicht noch die paar Wochen Freiheit gönnen wolle , fragte sie mit flackernden Augen , sie wünsche allein zu gehen , ganz allein , sogar ohne Tante Emilie ! Frau Rätin war sehr erschreckt ob dieses Ausbruches . „ Herrgott , ja ! “ sagte sie , „ sei doch nur ruhig ; an Kinder muß man sich erst gewöhnen ich weiß ja , aber was du gegen Tante Emilie jetzt hast , das ist mir unverständlich . “ „ Na , laß sie doch nur , Schwägerin “ beruhigte diese , „ wir beide wissen , wie wir dran sind miteinander – es wird auch wieder besser , gelt , mein Engelchen ? “ Das „ Engelchen “ antwortete aber nicht und ging allein spazieren im Schloßgarten , immer dieselben Wege , so ganz einsame und unbetretene , von denen sie wußte , daß sie niemand auf ihnen begegnen würde als höchstens einem der zahmen Rehe oder einem Arbeiter . Die todestraurige , spätherbstliche Natur , die so sehr ihrer Stimmung entsprach , schien sie zu beruhigen . Auch heute war sie draußen . Von Unruhe gequält , hatte sie die Näherei auf den Tisch geworfen , müde , ihren Namen dutzendweise in die Taschentücher zu sticken die sie zur Aussteuer bekommen hatte . Hut und Mantel angethan und war ihrer Wege gegangen . Es war so um drei Uhr nachmittags eines trüben Novembertages , die Wolken drohten mit Schnee bei völlig windstiller köstlicher Luft . Der Parkweg , auf dem Aenne dahin schritt , führte bergan zu einem nicht mehr benutzten schloßartigen Lustbau , in dessen Räumen nur noch Gartengerätschaften und das Futter für das zahme Wild aufbewahrt wurden . Man hatte von dort eine reizende Aussicht über den großen Teich und die Baumpartien des Gartens bis zum Schloß hinüber , das sich von dieser Seite besonders stattlich darstellte . Hier oben , auf dem kleinen Platz vor dem „ Luisenschlößchen “ , stand sie still und betrachtete das liebliche Bild . Auf dem Turme wehte die Flagge des regierenden Herzogs , er gedachte in diesem Herbst lange zu bleiben , man sprach sogar davon , daß er das Weihnachtsfest hier verleben wolle . Wenn er abreiste – dann – das hatte ihr gestern abend Günther gesagt – dann war ihre Hochzeit . „ Es wird ja doch nichts daraus “ , pflegte Tante Emilie zuweilen zu behaupten , und deshalb mied Aenne sie . Aus ähnlichem Grunde ging sie dem Fräulein Stübken aus dem Wege , die ihr immer mit einem so eigentümlich malitiös mitleidigen Lächeln entgegen trat , das sich zu mühsam beherrschtem Grinsen steigerte , wenn sie Aenne mit den Kindern zusammen sah , den Kindern , die der künftigen Mutter mit einer förmlich ostentativen Gleichgültigkeit begegneten und ebenso ostentativ jubelud in Fräulein Stübkens Arme flüchteten . Wieder stand sie da und grübelte . „ Einen Ausweg , nur einen Ausweg ! “ ohne die Lösung zu finden . Hinter ihr klangen jetzt Schritte , und als sich Aenne langsam umwandte , mit gerunzelter Stirn ob dieser Störung , erkannte sie in der eleganten Erscheinung , die auf sie zuschritt , die Diva des Breitenfelser Hoftheaters , Fräulein Jeannette Hochleitner eine schöne Blondine , sehr chic kostümiert und von jedermann im Städtchen gekannt , belobt und beklatscht . „ Gott sei Dank “ , sagte diese mit klingender Stimme in unverkennbar österreichischem Dialekt , „ endlich a menschlich ’ s Wesen ! In dem Park kann ma ’ s Gruseln lernen , an so a ’ m Tag ! I bitt ’ , gnädig ’ s Fräul ’ n , erlauben ’ s , in Ihrer Gesellschaft aus der Einsamkeit fortz ’ geh ’ n , denn i hab ’ wirkli a sehr große Angst . “ „ Sie fürchten sich ? “ fragte Aenne , halb ungläubig , halb verlegen . „ Aber hier ist ’ s völlig sicher und ich – ich habe meinen Spaziergang erst begonnen . “ „ Ui jegerl ! dös soll heiß ’ n – verschwind – i dank ’ für di ! “ lachte die Sängerin , „ aber na , dös will i net ! I bitt ’ Euer Gnad ’ n , lass ’ n S ’ mi hintendrein trotteln , i möcht ’ a gern no a bisserl geh ’ n , und in der Windstille kann ma ’ s ohne Gefahr für die Kehl , und unsereins plauscht halt a gern a mal mit jungen Madeln . In dem Spuknest von Breitenfels , wo d ’ Leut stumm z ’ sein scheinen , verlernt man ja schließli ’ s Reden ! “ Und ohne Aennes Zusage abzuwarten , nahm sie ihre mit Seide gefütterten Röcke zusammen , um sie vor der Feuchtigkeit des Bodens zu schützen und schritt neben ihr , während sie weiter sprach . „ Gelten ' s , Sie leben hier , gnä ’ Fräul ’ n , ja ? I ’ seh ’ S ’ halt immer in der Loge von dem Herren Hofbeamten , da , wo der junge Dackel , der Sternitzki , seinen Platz hat . Sie kennen ihn doch , den Sternitzki , den Vorleser von Hoheit ? I muß da immer naufschaun , denn , wissen S ’ , der Sternitzki sieht meinem Brüderl so ähnli , daß ’ s rein zum Staunen is – mein gut ’ s Brüderl ! “ „ Sie sprechen österreichischen Dialekt , Fräulein Hochleitner , sind Sie aus Wien ? “ fragte Aenne , um nicht ganz zu schweigen . Das schöne Mädchen lachte . „ Dös haben ’ S wirka raus g ’ fund ’ n ? Na , dös ist schon a Kunst – ja , i bin aus Oesterreich . O , mein liebs Innsbruck , dös is a Stadt , da müssen