schloß knixend die Wagenthür . „ Laß die Hühner nicht verbrennen , “ ermahnte die Muhme . „ Schon nicht ! “ erwiderte jene , und fügte dann , das junge Mädchen anblickend , hinzu : „ Beten ’ s für mich mit , Fräulein ! “ Lieschen nickte . „ Warum denn gerade ich ? “ fragte sie lächelnd . „ O , weil der liebe Gott gewiß seine Freud ’ an Ihnen hat . “ meinte Dörte . Herr Erving lachte . „ Na , Peter , vorwärts denn ! “ und so rollte der Wagen dem Dorfe entgegen , und seine Insassen hatten genug zu thun , die vielen Grüße zu erwidern , die ihnen von allen Seiten zugerufen wurden . An des Herrn Pastors Hause flog der Liesel ein ganzer Blumenregen in den Schooß und die kleinen Trabanten versteckten sich kichernd hinter den Zaun , um dann , als der Wagen vorüber war , „ Guten Morgen , Tante Lieschen , Tante Lieschen ! “ hinterher zu rufen . An der Kirchenthür stand Herr Selldorf ; er erröthete über und über , als er Lieschen beim Austeigen die Hand bot und Herrn Erving um die Erlaubniß bat , mit in seinen Kirchenstand treten zu dürfen . Und so saß er denn während der Predigt neben ihr auf der Bank , denn die Muhme hatte mit den Eltern auf den vorderen Stühlen Platz genommen – Ehre dem Ehre gebührt ! Frau Erving und die Frau Pastorin , die mit ihren beiden ältesten Jungen in dem Predigerstuhl saß , nickten einander verstohlen zu , und Herr Otto Selldorf , der sich in der kleinen Kirche umsah , in der sich die andächtige Gemeinde zahlreich versammelt hatte , meinte zu bemerken , daß Aller Augen auf seine reizende Nachbarin gerichtet seien . Diese aber saß da , den Kopf unter dem feinen Strohhütchen tief gesenkt , ihre kleinen Hände ruhten , in einander gefaltet , im Schooß und ihre Lippen bewegten sich leise ; auch während der Predigt blieb ihr Blick gesenkt , und ihrem Nachbar war es gar einmal , als falle ganz rasch ein großer glänzender Tropfen auf das weiße Kleid . Aber nein , das war ja nicht möglich – was sollte wohl so ein junges liebreizendes Geschöpf für Grund haben zu weinen an einem so wundervollen Pfingsttage ? Und in der That , als der Herr Pastor den Segen gesprochen und die Gemeinde den Schlußgesang anstimmte , da hob sich ihr Blick , und in den blauen Augen glänzte es wieder ruhig und fröhlich auf . Als sie heimwärts fuhren , freute sich Lieschen über den Sonnenschein und das bunte bewegte Leben auf der Landstraße . An der großen Linde mußte Peter halten und Lieschen stieg aus . „ Nun grüß ’ mir Nelly , Liesel ! “ rief ihr die Muhme nach , und sie ging mit leichten Schritten vorwärts , den schattigen Weg entlang . Zwar fing ihr das Herz etwas an zu klopfen , als sie nun in die Lindenallee einbog ; sie nahm den Hut ab und ging langsamer ; dort aber trat schon das mächtige Portal hervor , und die beiden steinernen Bären schienen heute ganz besonders drohend die Tatzen zu erheben . Sie blieb stehen und preßte die Hand auf das klopfende Herz ; am liebsten wäre sie umgekehrt , aber was sollte Nelly denken , wenn sie nicht einmal kam , Nelly , zu der sie sonst fast täglich gegangen ? Sie könnte am Ende glauben , sie fürchte sich vor der fremden Cousine . Nein , nur vorwärts ! Sie schritt rasch dem Ausgange der Allee zu , blieb dann aber wieder stehen – vor Ueberraschung , denn nicht weit vor ihr auf dem Rasen , im Schatten der mächtigen alten Bäume , die den freien Platz vor dem Schlosse begrenzten , stand vor einer der Sandsteinbänke ein servirter Tisch , und davor saß die junge Baronin in einem der Lehnstühle , aber so , daß sie dem nahenden Mädchen den Rücken wandte ; ihre Schwiegermutter hatte ihr gegenüber Platz genommen und las eifrig in einer Zeitung . Eine Anzahl Tassen und Couverts zeigte an , daß man offenbar den schönen Morgen hier im Freien gefrühstückt hatte . Lieschen wagte nicht weiter zu gehen . Die alte Dame hob die Augen und gewahrte das junge Mädchen ; bei ihrem Anblick schrak sie zusammen , daß sie eine zierliche Tasse vom Tische stieß und diese auf der Steinbank klirrend zerbrach . Noch ehe Lieschen sich dem Tische nähern konnte , rief sie ihr heftig entgegen : „ Wie unpassend , uns so zu erschrecken ! “ „ Guten Morgen , Lieschen ! “ sagte die Schwiegertochter ; sie richtete sich im Sessel auf und reichte dem jungen Mädchen die Hand . „ Ich bitte um Verzeihung , “ wandte sich Lieschen an die alte Baronin , „ ich war schon mehrere Minuten hier , ehe ich wagte mich bemerkbar zu machen , denn ich fürchtete zu stören . “ Es klang ruhig gegenüber den leidenschaftlichen Worten der alten Baronin . „ Und , “ fuhr sie fort , „ ich komme nur auf einige Augenblicke , um fröhliche Feiertage zu wünschen , wie ich es jedes Jahr gethan , und Nelly einmal zu sehen . “ „ Setz ’ Dich , Lieschen ! “ bat die jüngere Baronin . „ Nelly wird gleich hier sein ; sie ist mit Blanka und Army ein wenig in den Park gegangen , und – da ist sie schon ; ich höre sie sprechen . “ Die alte Dame zuckte ungeduldig die Schultern , als sich Lieschen ruhig auf die Sandsteinbank setzte und teilnehmend nach dem Ergehen der blassen Frau fragte , von deren Wangen das flüchtige Roth , welches die wenig artigen Worte ihrer Schwiegermutter darauf gemalt hatten , wieder verschwunden war . Indessen kamen die Stimmen näher , und Lieschen unterschied deutlich das klangreiche tiefe Organ ihres einstigen Spielgefährten . Es überfiel sie ein erstickend heißes Gefühl und verwirrte einen Augenblick ihr ruhiges Denken , aber dann nahmen ihre Augen den Ausdruck des höchsten Erstaunens an , denn dort seitwärts an dem leeren Sandsteinbecken des Springbrunnens erblickte sie neben Army eine junge Dame , deren Erscheinung durch das Fremdartige , das ihr anhaftete , ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm . War es denn eine erwachsene Dame oder nur ein Kind , das da so elfenhaft zierlich auf dem Pferde schwebte ? Und jetzt rief sie mit süßer Stimme , aber mit der Betonung eines verzogenen Kindes : „ Laß los , Army , laß los ! Ich will jetzt der Tante etwas allein vorreiten ! “ Army trat zurück , und das Pferd begann im langsamen spanischen Tritt zu ihnen herüber zu schreiten ; bei jeder Bewegung , die das Thier machte , flog das weiße spitzenbesetzte Kleid wie eine duftige Wolke um die zierliche Gestalt , die so sicher auf seinem Rücken saß ; die Augen in dem blassen Gesicht waren gesenkt , über der Stirn aber flimmerte es goldig auf in dem heißen Sonnenschein und wallte auf dem Rücken hinunter – üppiges rothes wundervolles Frauenhaar . [ 723 ] „ Süperb , Blanka ! “ rief Army , dessen Blick wie gebannt an der reizenden Erscheinung hing ; „ süperb ! Fräulein Elise bei Renz reitet nicht besser . “ Er schritt langsam in ewiger Entfernung neben ihr und blieb dicht an dem Tische stehen , denn eben wandte sich das Pferd und kam direct auf die Gruppe zu . Die Augen der alten Baronin funkelten vor Freude , war sie doch einst eine viel bewunderte Reiterin gewesen , und Sport ist ja eine der nobelsten Passionen . „ Meraviglia , mein Engel ! “ rief sie , als die junge Dame nun anhielt und , von Army gestützt , leicht aus dem Sattel glitt . „ Du hast das Pferd fabelhaft in der Gewalt , aber , mia cara , wie kannst Du ohne Hut in dem Sonnenbrand reiten ! Ich bitte Dich – Dein wundervoller Teint ! Auf dem Lande muß man stets – “ „ Ohne Sorge , Tante , ich verbrenne nie . “ Sie ließ sich nachlässig in einen Schaukelstuhl fallen , den ihr Army hinschob , ohne das junge Mädchen da drüben zu bemerken . „ Fräulein Elisabeth Erving , Nelly ’ s Freundin , “ sagte in diesem Augenblicke die junge Baronin mit einer vorstellenden Handbewegung , „ und meine Nichte , Blanka von Derenberg ! “ Blanka hob die Wimpern und erwiderte mit einem leichten Neigen des Kopfes , jedoch ohne die bequeme Lage zu ändern , die graziöse Verbeugung des jungen Mädchens . Ihre dunklen Augen blieben jedoch noch einen Augenblick verwundert auf ihr haften ; dann griff sie zu dem Elfenbeinfächer , der an ihrer Seite hing , entfaltete ihn und verzog hinter diesem Schutz den kleinen Mund zu einem Gähnen . Army hatte sich artig verbeugt und erwiderte auf die Frage seiner Mutter , wo Nelly nur bleibe , daß sie wahrscheinlich noch irgendwo im Parke weile . In demselben Augenblick kam Heinrich und führte das Pferd hinweg ; der alte Mann sah in der neuen braunen Livree so stattlich aus , daß ihn Lieschen zuerst gar nicht erkannte und ihn ganz verwundert anschaute . Die junge Dame im Schaukelstuhl bemerkte dies wohl , denn ein etwas spöttisches Lächeln flog einen Augenblick um den kleinen vollen Mund ; sie schaukelte etwas heftiger , plötzlich aber hielt sie ein . „ Was macht Ihr hier den ganzen Tag ? “ fragte sie , während schon wieder ein Gähnen hinter dem Fächer verschwand . „ Wir werden heut Nachmittag spazieren gehen , “ erwiderte Army rasch , „ es giebt hier reizende Waldwege . “ „ Spazieren gehen ? “ „ Wir haben leider keine Equipage zur Verfügung , “ bemerkte die junge Baronin einfach . Die alte Dame lächelte spöttisch : „ Die Bemerkung war sehr überflüssig , Cornelie . “ „ Gehst Du nicht gern spazieren , Cousine Blanka ? “ fragte Army , der in dem Sessel , seiner Mutter gegenüber , Platz genommen hatte . „ Nein ! “ erklärte sie , ohne die Augen aufzuschlagen . Der junge Officier biß sich auf die Lippen . „ Könnte man nicht den Amtmann um seinen Wagen bitten lassen , für ein paar Stunden ? “ fragte er dann , „ was meinst Du , Großmama ? “ „ Daß es eine ziemlich wunderbare Idee von Dir ist , Army ; sich in dieses vorweltliche Institut zu setzen , kannst Du wohl kaum Jemandem zumuthen . “ „ Aber Großmama ! – Ich glaube allerdings , daß der Wagen gerade heute nicht disponibel sein wird , da die Familie gewöhnlich Sonntags selbst eine kleine Spazierfahrt unternimmt . “ „ Ich verzichte ein für allemal , “ erwiderte die alte Dame abweisend . „ Darf ich vielleicht unsern Wagen anbieten ? “ fragte Lieschen , „ Vater würde sich gewiß ein großes Vergnügen daraus machen – “ „ Das wäre ein Ausweg ! “ rief Army ; „ wenn Du Lust hast , Blanka , so nehmen wir es an . Nicht wahr . Großmama ? “ „ Ich danke , “ entgegnete diese . Blanka aber sagte weder Ja noch Nein ; sie richtete einen ihrer musternden , erstaunten Blicke auf das Mädchen in dem einfachen weißen Kleide da drüben , – wer war sie nur ? „ Nun , entscheide Dich , Cousine ! “ bat Army . „ Ja , entscheide Dich ! “ fügte die Großmutter hinzu , während ein häßliches Lächeln um ihren Mund spielte . „ Es ist nicht alle Tage Pfingsten , und an Werktagen haben die stolzen Pferde keine Zeit , weil sie – die Lumpenwagen heranholen müssen . “ „ Vaters Wagenpferde sind keine Arbeitspferde , “ sagte Lieschen – ihre Lippen bebten , „ sie würden dazu keine Zeit haben , weil sie Vater ausschließlich für meine Mutter bestimmte , der das Gehen leider sehr schwer fällt . “ „ Ich will heute nicht fahren , “ erklärte Blanka , der das Wort „ Lumpen “ einen Schauder eingejagt hatte . „ Ist hier viel Nachbarschaft ? “ fragte sie . „ O ja , “ erwiderte Army freundlich , „ indessen verkehren wir mit Niemand ; Du weißt , ohne Equipage – – “ „ Und in der nächsten Umgegend ist keine einzige Familie , mit der man anständiger Weise umgehen könnte , “ ergänzte die alte Baronin . „ So ! “ sagte Blanka und lehnte sich wieder in den Sessel zurück , indem sie ihre langen goldig schimmernden Haare nach vorn schob und einzelne Strähne um den Finger zu wickeln begann . Army war dunkelroth geworden , und warf einen raschen Blick zu Lieschen hinüber , die sich plötzlich erhoben hatte . Das liebliche Gesicht sah todtenbleich aus , und in den großen Augen schimmerte eine Thräne : „ Ich muß mich empfehlen , ohne Nelly gesprochen zu haben . “ „ Es wird ihr leid thun , Lieschen , “ sagte die leidende Frau neben ihr , und reichte ihr die Hand ; „ vielleicht triffst Du sie noch im Park . Grüße die Eltern daheim und die Muhme ! “ „ Ich danke , gnädige Frau , “ erwiderte das Lieschen und wandte sich , nach einer Verbeugung gegen die Uebrigen , zum Gehen . Die dunklen Augen der alten Dame folgten der schlanken Gestalt mit kaum zu beschreibendem Ausdruck des Hohns . „ Gott sei Dank ! “ rief sie tief aufathmend ; „ ich weiß nicht , was es ist , aber die Anwesenheit dieses Mädchens verdirbt mir jedesmal die Laune und reizt mich stets zu kleinen Bosheiten ; sie hat eine so abscheuliche Manier , auf ihren Geldsack zu klopfen . Welche Arroganz , ihre Equipage zu offeriren ! Und Du , Army , hättest sie um ein Haar angenommen ! Sich in Lumpenmüllers Equipage zu zeigen , die jedes Kind kennt – unbegreiflich von Dir ! “ In diesem Moment kam Nelly eilig aus der Allee ; die blonden Locken flogen um ein erhitztes Gesicht . Das saubere , aber mehr als einfache Kattunkleid ließ den Fuß frei , der in kleinen , aber nicht zu zierlichen Lederstiefelchen steckte , und der schwarzen Taffetschürze sah man es an , daß sie zwar sehr geschont , aber doch längst die Zeiten hinter sich hatte , wo sie neu war . „ Was ist mit der Liesel geschehen ? “ fragte sie athemlos , als sie näher kam . „ Sie weinte . “ „ Vor allen Dingen , Nelly , möchte ich Dich fragen , wo Du bis jetzt gewesen , und Dir sagen , daß es sehr unpassend für eine junge Dame ist so zu laufen . Und in diesen Kleidern ? “ „ Großmama ! “ rief sie und lachte lustig , „ wie komisch Du bist ! Als ob ich je eine andere Toilette besessen hätte , als diese Kattunkleider ! Ich kann doch unmöglich an diesem schönen Tage mein schwarzes Einsegnungskleid anziehen ! “ Blanka wandte den Kopf , und einer jener kalten Blicke streifte über das geschmähte Kattunkleid . Ihre Kammerjungfer würde sich bedankt haben für diesen Anzug . Army aber wurde plötzlich dunkelroth ; er erinnerte sich jetzt eines kleinen Zettels , in dem ein Goldstück gewickelt war , das Geburtstaggeschenk seiner Schwester , wo war der Zettel nur geblieben ? „ Warum weinte Lieschen ? “ wiederholte das junge Mädchen ungeduldig ; „ sie wollte es mir nicht sagen . “ Niemand antwortete ihr . „ Army , sag ’ s doch ! “ bat sie , und ihre Augen füllten sich mit Thränen . „ Die Kleine scheint sehr empfindsam zu sein . “ erklärte an seiner Statt die Großmutter , „ ich sagte etwas ganz Allgemeines , und das hat ihr Staatsbewußtsein höchlich gekränkt , aber es ist immer so mit diesen Leuten , sie stellen sich stets mit uns auf eine Stufe und können nicht vertragen , wenn man ihnen das Verkehrte solchen Unterfangens bemerklich macht . “ Nelly schwieg . Sie hatte aus dem Tonfall , mit dem die Großmutter die beiden Worte „ diesen Leuten “ aussprach , genug gehört , um zu verstehen . „ Mir wird ’ s übrigens zu warm hier , “ fuhr die alte Baronin fort ; „ und ich ziehe vor mein kühles Zimmer aufzusuchen . Besuch ist mir jeden Augenblick willkommen . “ sagte sie , sich erhebend , und sah freundlich lächelnd zu der jungen Dame im Schaukelstuhl hinüber . Ihre dunklen Augen konnten so verführerisch liebenswürdig leuchten . [ 724 ] „ Ich begleite Sie , Mama , “ sagte die Schwiegertochter , sich erhebend . „ Nelly , Du wirst wohl jetzt hier bleiben ? “ Das junge Mädchen nahm den Platz an der Seite der Cousine ein . Sie hatte sich die Cousine so ganz anders vorgestellt , sich auf mädchenhaftes Plaudern gefreut , und da war nun gestern aus dem Extrapostwagen eine elegante , zerbrechlich feine Dame gestiegen , die ihre duncklen Augen musternd und kalt über Umgebung und Personen schweifen ließ . Sie hatten noch nicht ein herzliches Wort zusammen gewechselt . Blanka sprach mehr mit den Augen , und diese dunklen Sterne schienen zu sagen : Wie langweilig ist es hier ! Im Augenblick der Ankunft hatten auch die Großmama und die Mutter die zierliche Gestalt mit den aufgelösten rothblonden Haarmassen freudig erstaunt angesehen . Erstere hatte Nelly versichert , sie hätte nie geglaubt , daß die „ kleine rothhaarige Blanka , das scrophulöse Kind “ eine solch pikante Schönheit werden würde . Eine pikante Schönheit ! Nelly wußte kaum recht , was das Beiwort „ pikant “ bedeuten sollte , aber daß sie schön war , die Cousine , ja das empfand sie auch ; sie empfand es besonders stark in diesem Augenblick , wo die langen Wimpern sich über die kalten Augen gesenkt hatten ; das ovale blasse Gesicht unter den hochgeschwungenen Brauen , deren Schwärze so seltsam mit der hellen Haarfarbe contrastirte , umflossen von der goldige Masse dieses wundervollen Schleiers , bot einen unbeschreiblich reizenden Anblick . So war sie wirklich , die Ahnfrau dort oben ; genau so setzte sich der schlanke Hals auf die feinen Schultern ; genau so war die Haltung des kleinen Kopfes ; einzelne kurze Löckchen fielen der Mode gemäß auf die alabasterweiße Stirn , und um den kleinen Mund lag ein gedankenvolles Lächeln . Sie spielte mit dem Elfenbeinfächer und strich liebkosend mit seiner glatten Fläche über ihre Wange . Army stand da drüben am Stamme der große Linde und sah gedankenvoll zu ihr herüber . Da war sie nun im Hause seiner Väter ! Mit welch ’ freudigem Herzklopfen hatte er sie erwartet , und nun schien es ihm , als flöge sie am liebsten , einem gefangenen Vöglein gleich , wieder hinweg aus dieser Einsamkeit in lautes , fröhliches Leben hinaus . Sie war so kühl ; selbst ihre wirklich reizend eingerichteten Zimmer , die ihm so viel Nachdenken und Mühe gekostet , würdigte sie kaum eines Blickes . Himmel ! Es war doch eigentlich unbegreiflich leichtsinnig ! Die Kosten betrugen mehr , als er zwei Jahre lang Gage und Zuschuß bekam . Aber bah – wenn er erst jene kinderkleine Hand dort fest in der seinen hielt , dann war ja diese ganze Angelegenheit überhaupt eine Lappalie ! So hatte auch Großmama beschwichtigend zu seiner Mutter gesagt , die mit bangen Blicke die Tapezierer betrachtet und die neuen Livreen des alten Heinrich und des Dieners , der mit dem Goldfuchs und Blanka ’ s Reitpferd gekommen war , die nun an der lang verödeten Marmorkrippe standen . War doch sogar eine wirkliche Köchin auf diese Zeit gemiethet worden und hantirte nun in der großen Schloßküche herum – und dies Alles für jene kleine Fee , die da so theilnahmlos gegenüber saß ! Army seufzte und blickte hinüber zu dem imposanten Gebäude , das in der grellen Mittagssonne dalag ; die glühende Luft zitterte auf dem spitzen Schieferdache , und dort in Blanka ’ s Zimmer bog sich eben die hübsche Kammerjungfer heraus und schloß die Fenster . „ Wie unvernünftig die Jungfer ist ! “ rief Blanka und sprang aus dem Stuhle empor , „ sie weiß , daß ich die Wärme liebe , und zudem diese entsetzliche feuchte Luft in den alten hohen Zimmern ! Nelly , sag ihr ’ s – sie soll die Fenster offen lassen . “ Die Kleine lief wirklich nach dem Schlosse ; sie war augenscheinlich froh , weg zu kommen aus der drückenden Langeweile . „ Welches sind eigentlich meine Zimmer , Army ? Man findet sich in diesem Fenstergewirre nicht zurecht , “ fragte Blanka . „ Dort , Cousine , “ erklärte er und trat näher zu ihr ; „ dort im zweiten Stocke ; Dein Ankleidezimmer stößt dicht an den Thurm . “ „ Ah , das ist also die Thür , die so kunstvoll durch den grünen Stoff verborgen wird , – ich konnt ’ s nicht ergründen , ob hinter den festgenagelten Falten ein alter Wandschrank oder eine Thür verborgen sei . Uebrigens , “ fuhr sie fort , „ warum gab man mir nicht das Thurmstübchen ? Es muß reizend sein mit seinen runden Fenstern , und ich hätte doch Aussicht in ’ s Land hinein gehabt . “ „ Es thut mir wahrhaftig leid , Blanka , “ sagte er , „ ich hatte dieselbe Idee , aber Großmama scheint besondere Gründe – “ „ So ? Spukt es dort vielleicht ? “ unterbrach sie ihn lebhaft . Army lachte . „ Leider nicht , Cousine ; wenigstens weiß ich nichts davon ; es müßte denn der Junker von Streitwitz umgehen , der sich einst um Dein reizendes Ebenbild erschossen hat , wie die Chronik berichtet . “ Sie überhörte die letzten Worte . „ Army , ich bitte Dich , verschaffe mir das Thurmzimmer ! “ Ihre Stimme hatte den süßen Ton eines bittenden Kindes . „ Ich werde noch einmal zur Großmama gehen , Blanka . “ „ Aber bald , Army , bald ! “ rief sie , und lächelte ihm zu . Er sah sie ganz entzückt an . „ Gewiß ! Gleich ! “ stotterte er , denn so strahlend hatte sie noch nicht einmal vor ihm gestanden , so lange sie hier war . „ Blanka , “ fügte er dann hinzu , „ ich habe Sorge , Du langweilst Dich hier gründlich . “ Das Lächeln verschwand von seinem Gesicht . „ Ich bitte Dich ! “ rief sie , „ sprich das Wort nicht aus , erzähle mir lieber etwas , Vetter , bis ich hinauf muß , um zu Mittag Toilette zu machen ! – Für wen macht man hier eigentlich Toilette ? “ setzte sie hinzu , und zuckte die feinen Schultern . „ Sag ’ einmal , “ rief sie dann , und schaukelte schon wieder im Stuhl , „ wer ist das junge Mädchen , gegen das Deine Großmama – nimm es mir nicht übel – grenzenlos unartig war ? “ – „ Fräulein Lieschen Erving . “ „ Das weiß ich , aber wer ist ihr Vater ? Sie sprach von ihrer Equipage – “ „ Der Vater ist der reichste Mann in der Umgegend , Blanka , Besitzer einer Papierfabrik – daher die Lumpenmalice der Großmama – Besitzer weitläuftiger Forsten , in denn wir Gelegenheit haben werden , spazieren zu gehen , da sie an unsern Park grenzen . “ „ Und warum kann Großtante das Mädchen nicht leiden ? “ „ Ja , Blanka , was fragt die Großmama nach einem Warum ? Sie hat von jeher eine unerklärliche Abneigung gegen das junge Mädchen gehabt ; überdies ärgert sie es , daß Nelly so intim mit ihr verkehrt . Sie hält nun einmal streng am Standesgemäßen fest und hat darin im Grunde nicht Unrecht . “ Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Lumpenmüllers Lieschen aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 45 , S. 737 – 743 Fortsetzungsroman – Teil 6 [ 737 ] Blanka schüttelte den Kopf . „ Weißt Du , Vetter , hier scheint noch ganz die alte Luft zu wehen , die sich draußen in der Welt immer mehr und mehr verflüchtigt . O – ein Brief ! “ unterbrach sie sich und nahm eilig das zierliche , quadratförmige Couvert von dem Teller , welchen der alte Heinrich ihr hinhielt , um sich dann ebenso leichten Schrittes wieder zu entfernen , wie er gekommen war . „ Von Leonie , “ sagte sie halblaut , indem sie das Papier auseinander riß . Eine dunkle Röthe überzog einen Augenblick ihr Gesicht , das gleich darauf wieder bleich wurde , so bleich wie das Gewand , welches sie trug ; das Papier flog bebend auf und ab in den kleinen zitternden Händen – dann lachte sie auf , gellend unheimlich , daß der junge Officier erschrak . „ Das ist lustig ! “ rief sie und ballte den Brief zusammen , „ da kommt eben noch ein Beweis für das , was ich Dir vorhin sagte ; siehst Du , Army , so exclusiv denkt die Welt nicht mehr wie Deine Frau Großmama , – da schreibt mir eben Leonie von Hammerstein , daß sich Graf Seebach verlobt habe mit einem Fräulein So und So , der Tochter eines Oberförsters , und das aus rasender Leidenschaft , aus Liebe , wie Leonie sich ausdrückt , – hörst Du , Army ? aus Liebe ! “ Sie lachte , und dabei sprühten die schwarzen Augen ein wildes Feuer und die kleinen Hände zerrissen das Papier in tausend Stückchen . „ Wie ? Graf Seebach , mit dem Du im vorigen Winter so oft getanzt hast ? “ fragte Army , „ der Dich mit Blumen förmlich überschüttete ? “ Er sprach es hastig und heftete den Blick forschend auf die erregten Züge seiner Cousine . „ Hat er mit mir getanzt ? Ich erinnere mich kaum noch , “ erwiderte sie leichthin und schaute in das üppige grüne Blättermeer der Bäume und Sträucher ; ihre feinen Nasensflügel bebten nervös . „ Ja , die Welt schreitet fort , – daß ein so stolzer Mann wie Seebach , ein Mann , der vor einiger Zeit erst von seinem fleckenlos bewahrten Stammbaume sprach , daß dieser aus Liebe – ha , ha , Army , nicht wahr , das ist lächerlich ? – aus Liebe ein bürgerliches Mädchen zu seiner Gemahlin erhebt ! “ Sie schüttelte heftig den Kopf , und wieder klang das unnatürliche , krampfhafte Lachen von ihren Lippen . Dann erhob sie sich plötzlich ; der zierliche Elfenbeinfächer an dem silbernen Kettchen flog klappend gegen den massiven Tisch – so eilig wandte sie sich um : „ Ich bin fabelhaft müde geworden , “ setzte sie hinzu und legte die schmale Hand über die Augen , als ob sie der grelle Sonnenschein blende , „ ich bin nicht gewohnt , so lange in freier Luft zu bleiben , und werde etwas ruhen müssen , damit ich zu Tische wieder frisch bin . Adio , Cousin ! “ Sie nickte ihm zu , indem sie seine Begleitung mit einer Handbewegung ablehnte , und schritt über den Platz . Es war , als schwebe die leichte Gestalt auf verborgenen Flügeln dahin , als müsse jeden Augenblick der goldene Schleier , der von dem kleinen Kopfe herabwehte , sich auseinander breiten und sie empor tragen : so leicht , so luftig war das ganze wundervolle Gebild . An der Pforte des Thurms wandte sie sich noch einmal um , und Army hörte ein silberhelles Lachen herüber schallen . Wie verschieden von jenem gereizten , krampfhaften Gelächter das klang , welches er eben gehört ! Sie war doch ein räthselhaftes Geschöpf . Wann würde er das Recht haben , dieses Räthsel zu lösen ? Zum Mittagstische erschien die junge Dame in strahlender Toilette . Der blaßgrüne Seidenstoff schimmerte zart durch das weiße Mullgewebe des Oberkleides ; das wundervolle Haar war mit einem Kamm aus Elfenbein am Hinterkopfe befestigt , und das feine Handgelenk umspannte ein breiter mattgoldener Reifen , aus dem ein prächtiger Smaragd funkelte . Das Gesicht zeigte keine Spur mehr von jener apathischen Ruhe , die es heute Morgen so kalt und gelangweilt erscheinen ließ ; Blanka hatte ein liebenswürdiges Lächeln für Alle , und die alte Baronin sandte einen zärtlichen Blick noch dem andern zu dem jungen Paare , das ihr gegenüber Platz genommen . Das kühle Speisezimmer hatte wohl seit langer Zeit kein so fröhliches Gläserklingen gehört , und Heinrich ebenso lange keinen jener festverwahrten Pfropfen aus den silberhalsigen Flaschen geöffnet , deren Inhalt die alte Baronin so sehr liebte . Heute moussirte er nun wieder , der perlende Wein , in den spitzen Kelchen , und Heinrich trug mit gewohnter Grandezza die verschiedenen Gänge und ließ sein kluges Auge über die kleine Tischgesellschaft schweifen und über das schöne Mädchen an der Seite seines jungen Herrn , von der ihm die fremde Kammerjungfer erzählt hatte , daß sie ganz gewiß und wahrhaftig einmal unmenschlich reich sein werde und daß sie so viele Freier habe , wie Finger an den Händen . Die alte Sanna aber strahlte vor Freude , denn ihre Herrin hatte ihr wiederholt zu verstehen gegeben , um was es sich handle , und sie sah nun für ihre Baronin wieder glänzende Tage kommen . Das fröhliche Lachen der jungen Dame mit dem goldig schimmernden Köpfchen dort tönte glückverheißend in dem hohen Gemache wider , und dem jungen Officier an ihrer Seite