anzuschlagen , aber ihr Herz war zu voll von widerstreitenden Gefühlen , und sie zog sich zurück , um sich in zugleich glücklichen und bangen Tränen auszuweinen . Inzwischen war der Tag herangekommen , wo die » Weihe der Kraft « gegeben werden sollte . Schach schickte seinen Diener und ließ anfragen , ob die Damen der Vorstellung beizuwohnen gedächten . Es war eine bloße Form , denn er wußte daß es so sein werde . Im Theater waren alle Plätze besetzt . Schach saß den Carayons gegenüber und grüßte mit großer Artigkeit . Aber bei diesem Gruße blieb es , und er kam nicht in ihre Loge hinüber , eine Zurückhaltung , über die Frau von Carayon kaum weniger betroffen war als Victoire . Der Streit indessen , den das hinsichtlich des Stücks in zwei Lager geteilte Publikum führte , war so heftig und aufregend , daß beide Damen ebenfalls mit hingerissen wurden und momentan wenigstens alles Persönliche vergaßen . Erst auf dem Heimwege kehrte die Verwunderung über Schachs Benehmen zurück . Am andern Vormittage ließ er sich melden . Frau von Carayon war erfreut , Victoire jedoch , die schärfer sah , empfand ein tiefes Unbehagen . Er hatte ganz ersichtlich diesen Tag abgewartet , um einen bequemen Plauderstoff zu haben und mit Hilfe desselben über die Peinlichkeit eines ersten Wiedersehens mit ihr leichter hinwegzukommen . Er küßte der Frau von Carayon die Hand und wandte sich dann gegen Victoiren , um dieser sein Bedauern auszusprechen , sie bei seinem letzten Besuche verfehlt zu haben . Man entfremde sich fast , anstatt sich fester anzugehören . Er sprach dies so , daß ihr ein Zweifel blieb , ob er es mit tieferer Bedeutung oder aus bloßer Verlegenheit gesagt habe . Sie sann darüber nach , aber ehe sie zum Abschluß kommen konnte , wandte sich das Gespräch dem Stücke zu . » Wie finden Sie ' s ? « fragte Frau von Carayon . » Ich liebe nicht Komödien « , antwortete Schach , » die fünf Stunden spielen . Ich wünsche Vergnügen oder Erholung im Theater , aber keine Strapaze . « » Zugestanden . Aber dies ist etwas Äußerliches und beiläufig ein Mißstand , dem ehestens abgeholfen sein wird . Iffland selbst ist mit erheblichen Kürzungen einverstanden . Ich will Ihr Urteil über das Stück . « » Es hat mich nicht befriedigt . « » Und warum nicht ? « » Weil es alles auf den Kopf stellt . Solchen Luther hat es Gott sei Dank nie gegeben , und wenn ein solcher je käme , so würd er uns einfach dahin zurückführen , von wo der echte Luther uns seinerzeit wegführte . Jede Zeile widerstreitet dem Geist und Jahrhundert der Reformation ; alles ist Jesuitismus oder Mystizismus und treibt ein unerlaubtes und beinah kindisches Spiel mit Wahrheit und Geschichte . Nichts paßt . Ich wurde beständig an das Bild Albrecht Dürers erinnert , wo Pilatus mit Pistolenhalftern reitet , oder an ein ebenso bekanntes Altarblatt in Soest , wo statt des Osterlamms ein westfälischer Schinken in der Schüssel liegt . In diesem seinwollenden Lutherstück aber liegt ein allerpfäffischster Pfaff in der Schüssel . Es ist ein Anachronismus von Anfang bis Ende . « » Gut . Das ist Luther . Aber , ich wiederhole , das Stück ? « » Luther ist das Stück . Das andre bedeutet nichts . Oder soll ich mich für Katharina von Bora begeistern , für eine Nonne , die schließlich keine war . « Victoire senkte den Blick , und ihre Hand zitterte . Schach sah es , und über seinen Fauxpas erschreckend , sprach er jetzt hastig und in sich überstürzender Weise von einer Parodie , die vorbereitet werde , von einem angekündigten Proteste der lutherischen Geistlichkeit , vom Hofe , von Iffland , vom Dichter selbst und schloß endlich mit einer übertriebenen Lobpreisung der eingelegten Lieder und Kompositionen . Er hoffe , daß Fräulein Victoire noch den Abend in Erinnerung habe , wo er diese Lieder am Klavier begleiten durfte . All dies wurde sehr freundlich gesprochen , aber so freundlich es klang , so fremd klang es auch , und Victoire hörte mit feinem Ohr heraus , daß es nicht die Sprache war , die sie fordern durfte . Sie war bemüht , ihm unbefangen zu antworten , aber es blieb ein äußerliches Gespräch , bis er ging . Den Tag nach diesem Besuche kam Tante Marguerite . Sie hatte bei Hofe von dem schönen Stücke gehört , » das so schön sei wie noch gar keins « , und so wollte sie ' s gerne sehn . Frau von Carayon war ihr zu Willen , nahm sie mit in die zweite Vorstellung , und da wirklich sehr gekürzt worden war , blieb auch noch Zeit , daheim eine halbe Stunde zu plaudern . » Nun , Tante Marguerite « , fragte Victoire , » wie hat es dir gefallen ? « » Gut , liebe Victoire . Denn es berührt doch den Hauptpunkt in unsrer gereinigten Kürche . « » Welchen meinst du , liebe Tante ? « » Nun , den von der christlichen Ehe . « Victoire zwang sich , ernsthaft zu bleiben , und sagte dann : » Ich dachte , dieser Hauptpunkt in unsrer Kirche läge doch noch in etwas andrem , also zum Beispiel in der Lehre vom Abendmahl . « » O nein , meine liebe Victoire , das weiß ich ganz genau . Mit oder ohne Wein , das macht keinen so großen Unterschied ; aber ob unsre Predicateurs in einer sittlich getrauten Ehe leben oder nicht , das , mein Engelchen , ist von einer würklichen Importance . « » Und ich finde , Tante Marguerite hat ganz recht « , sagte Frau von Carayon . » Und das ist es auch « , fuhr die gegen alles Erwarten Belobigte fort , » was das Stück will und was man um so deutlicher sieht , als die Bethmann würklich eine sehr hübsche Frau ist . Oder doch zum wenigstens viel hübscher , als sie wirklich war . Ich meine die Nonne . Was aber nichts schadet , denn er war auch kein hübscher Mann und lange nicht so hübsch als er . Ja , werde nur rot , meine liebe Victoire , soviel weiß ich auch . « Frau von Carayon lachte herzlich . » Und das muß wahr sein , unser Herr Rittmeister von Schach ist wirklich ein sehr angenehmer Mann , und ich denke noch immer an Tempelhof und den aufrechtstehenden Ritter ... Und wißt ihr denn , in Wülmersdorf soll auch einer sein , und auch ebenso weggeschubbert . Und von wem ich es habe ? Nun ? Von la petite princesse Charlotte . « Zehntes Kapitel » Es muß etwas geschehn « Die » Weihe der Kraft « wurde nach wie vor gegeben , und Berlin hörte nicht auf , in zwei Lager geteilt zu sein . Alles , was mystisch-romantisch war , war für , alles , was freisinnig war , gegen das Stück . Selbst im Hause Carayon setzte sich diese Fehde fort , und während die Mama teils um des Hofes , teils um ihrer eignen » Gefühle « willen überschwenglich mitschwärmte , fühlte sich Victoire von diesen Sentimentalitäten abgestoßen . Sie fand alles unwahr und unecht und versicherte , daß Schach in jedem seiner Worte recht gehabt habe . Dieser kam jetzt von Zeit zu Zeit , aber doch immer nur , wenn er sicher sein durfte , Victoiren in Gesellschaft der Mutter zu treffen . Er bewegte sich wieder viel in den » großen Häusern « und legte , wie Nostitz spottete , den Radziwills und Carolaths zu , was er den Carayons entzog . Auch Alvensleben scherzte darüber , und selbst Victoire versuchte , den gleichen Ton zu treffen . Aber ohne daß es ihr glücken wollte . Sie träumte so hin , und nur eigentlich traurig war sie nicht . Noch weniger unglücklich . Unter denen , die sich mit dem Stück , also mit der Tagesfrage beschäftigten , waren auch die Offiziere vom Regiment Gensdarmes , obschon ihnen nicht einfiel , sich ernsthaft auf ein Für oder Wider einzulassen . Sie sahen alles ausschließlich auf seine komische Seite hin an und fanden in der Auflösung eines Nonnenklosters , in Katharina von Boras » neunjähriger Pflegetochter « und endlich in dem beständig Flöte spielenden Luther einen unerschöpflichen Stoff für ihren Spott und Übermut . Ihr Lieblingsversammlungsort in jenen Tagen war die Wachtstube des Regiments , wo die jüngeren Kameraden den diensttuenden Offizier zu besuchen und sich bis in die Nacht hinein zu divertieren pflegten . Unter den Gesprächen , die man in Veranlassung der neuen Komödie hier führte , kamen Spöttereien wie die vorgenannten kaum noch von der Tagesordnung , und als einer der Kameraden daran erinnerte , daß das neuerdings von seiner früheren Höhe herabgestiegene Regiment eine Art patriotische Pflicht habe , sich mal wieder » als es selbst « zu zeigen , brach ein ungeheurer Jubel aus , an dessen Schluß alle einig waren , » daß etwas geschehen müsse « . Daß es sich dabei lediglich um eine Travestie der » Weihe der Kraft « , etwa durch eine Maskerade , handeln könne , stand von vornherein fest , und nur über das » Wie « gingen die Meinungen noch auseinander . In Folge davon beschloß man , ein paar Tage später eine neue Zusammenkunft abzuhalten , in der , nach Anhörung einiger Vorschläge , der eigentliche Plan fixiert werden sollte . Rasch hatte sich ' s herumgesprochen , und als Tag und Stunde da waren , waren einige zwanzig Kameraden in dem vorerwähnten Lokal erschienen : Itzenplitz , Jürgaß und Britzke , Billerbeck und Diricke , Graf Haeseler , Graf Herzberg , von Rochow , von Putlitz , ein Kracht , ein Klitzing und nicht zum letzten ein schon älterer Lieutenant von Zieten , ein kleines , häßliches und säbelbeiniges Kerlchen , das durch entfernte Vetterschaft mit dem berühmten General und beinahe mehr noch durch eine keck in die Welt hineinkrähende Stimme zu balancieren wußte , was ihm an sonstigen Tugenden abging . Auch Nostitz und Alvensleben waren erschienen . Schach fehlte . » Wer präsidiert ? « fragte Klitzing . » Nur zwei Möglichkeiten « , antwortete Diricke . » Der längste oder der kürzeste . Will also sagen , Nostitz oder Zieten . « » Nostitz , Nostitz « , riefen alle durcheinander , und der so durch Akklamation Gewählte nahm auf einem ausgebuchteten Gartenstuhle Platz . Flaschen und Gläser standen die lange Tafel entlang . » Rede halten ! Assemblée nationale ... « Nostitz ließ den Lärm eine Weile dauern und klopfte dann erst mit dem ihm als Zeichen seiner Würde zur Seite liegenden Pallasch auf den Tisch . » Silentium , Silentium . « » Kameraden vom Regiment Gensdarmes , Erben eines alten Ruhmes auf dem Felde militärischer und gesellschaftlicher Ehre ( denn wir haben nicht nur der Schlacht die Richtung , wir haben auch der Gesellschaft den Ton gegeben ) , Kameraden , sag ich , wir sind schlüssig geworden : es muß etwas geschehn ! « » Ja , ja . Es muß etwas geschehn . « » Und neu geweiht durch die › Weihe der Kraft ‹ , haben wir , dem alten Luther und uns selber zuliebe , beschlossen , einen Aufzug zu bewerkstelligen , von dem die spätesten Geschlechter noch melden sollen . Es muß etwas Großes werden ! Erinnern wir uns , wer nicht vorschreitet , der schreitet zurück . Ein Aufzug also . Soviel steht fest . Aber Wesen und Charakter dieses Aufzuges bleibt noch zu fixieren , und zu diesem Behufe haben wir uns hier versammelt . Ich bin bereit , Ihre Vorschläge der Reihe nach entgegenzunehmen . Wer Vorschläge zu machen hat , melde sich . « Unter denen , die sich meldeten , war auch Lieutenant von Zieten . » Ich gebe dem Lieutenant von Zieten das Wort . « Dieser erhob sich und sagte , während er sich leicht auf der Stuhllehne wiegte » Was ich vorzuschlagen habe , heißt Schlittenfahrt . « Alle sahen einander an . Einige lachten . » Im Juli ? « » Im Juli « , wiederholte Zieten . » Unter den Linden wird Salz gestreut , und über diesen Schnee hin geht unsre Fahrt . Erst ein paar aufgelöste Nonnen ; in dem großen Hauptschlitten aber , der die Mitte des Zuges bildet , paradieren Luther und sein Famulus , jeder mit einer Flöte , während Katharinchen auf einer Pritsche reitet . Ad libitum mit Fackel oder Schlittenpeitsche . Vorreiter eröffnen den Zug . Kostüme werden dem Theater entnommen oder angefertigt . Ich habe gesprochen . « Ein ungeheurer Lärm antwortete , bis der Ruhe gebietende Nostitz endlich durchdrang . » Ich nehme diesen Lärm einfach als Zustimmung und beglückwünsche Kamerad Zieten , mit einem einzigen und ersten Meisterschuß gleich ins Schwarze getroffen zu haben . Also Schlittenfahrt . Angenommen ? « » Ja , ja . « » So bleibt nur noch Rollenverteilung . Wer gibt den Luther ? « » Schach . « » Er wird ablehnen . « » Nicht doch « , krähte Zieten , der gegen den schönen , ihm bei mehr als einer Gelegenheit vorgezogenen Schach eine Spezialmalice hegte ; » wie kann man Schach so verkennen ! Ich kenn ihn besser . Er wird es freilich eine halbe Stunde lang beklagen , sich hohe Backenknochen auflegen und sein Normaloval in eine bäurische tête carrée verwandeln zu müssen . Aber schließlich wird er Eitelkeit gegen Eitelkeit setzen und seinen Lohn darin finden , auf vierundzwanzig Stunden der Held des Tages zu sein . « Ehe Zieten noch ausgesprochen hatte , war von der Wache her ein Gefreiter eingetreten , um ein an Nostitz adressiertes Schreiben abzugeben . » Ah , lupus in fabula . « » Von Schach ? « » Ja ! « » Lesen , lesen ! « Und Nostitz erbrach den Brief und las . » Ich bitte Sie , lieber Nostitz , bei der mutmaßlich in eben diesem Augenblicke stattfindenden Versammlung unsrer jungen Offiziere meinen Vermittler und , wenn nötig , auch meinen Anwalt machen zu wollen . Ich habe das Zirkular erhalten und war anfänglich gewillt zu kommen . Inzwischen aber ist mir mitgeteilt worden , um was es sich aller Wahrscheinlichkeit nach handeln wird , und diese Mitteilung hat meinen Entschluß geändert . Es ist Ihnen kein Geheimnis , daß all das , was man vorhat , meinem Gefühl widerstreitet , und so werden Sie sich mit Leichtigkeit herausrechnen können , wie viel oder wie wenig ich ( dem schon ein Bühnen-Luther contre cœur war ) für einen Mummenschanz-Luther übrighabe . Daß wir diesen Mummenschanz in eine Zeit verlegen , die nicht einmal eine Fastnachtsfreiheit in Anspruch nehmen darf , bessert sicherlich nichts . Jüngeren Kameraden soll aber durch diese meine Stellung zur Sache kein Zwang auf erlegt werden , und jedenfalls darf man sich meiner Diskretion versichert halten . Ich bin nicht das Gewissen des Regiments , noch weniger sein Aufpasser . Ihr Schach . « » Ich wußt es « , sagte Nostitz in aller Ruhe , während er das Schachsche Billet an dem ihm zunächststehenden Lichte verbrannte . » Kamerad Zieten ist größer in Vorschlägen und Phantastik als in Menschenkenntnis . Er will mir antworten , seh ich , aber ich kann ihm nicht nachgeben , denn in diesem Augenblicke heißt es ausschließlich : wer spielt den Luther ? Ich bringe den Reformator unter den Hammer . Der Meistbietende hat ihn . Zum ersten , zum zweiten und zum ... dritten . Niemand ? So bleibt mir nichts übrig als Ernennung . Alvensleben , Sie . « Dieser schüttelte den Kopf . » Ich stehe dazu wie Schach ; machen Sie das Spiel , ich bin kein Spielverderber , aber ich spiele persönlich nicht mit . Kann nicht und will nicht . Es steckt mir dazu zuviel Katechismus Lutheri im Leibe . « Nostitz wollte nicht gleich nachgeben . » Alles zu seiner Zeit « , nahm er das Wort , » und wenn der Ernst seinen Tag hat , so hat der Scherz wenigstens seine Stunde . Sie nehmen alles zu gewissenhaft , zu feierlich , zu pedantisch . Auch darin wie Schach . Keinerlei Ding ist an sich gut oder bös . Erinnern Sie sich , daß wir den alten Luther nicht verhöhnen wollen , im Gegenteil , wir wollen ihn rächen . Was verhöhnt werden soll , ist das Stück , ist die Lutherkarikatur , ist der Reformator in falschem Licht und an falscher Stelle . Wir sind Strafgericht , Instanz alleroberster Sittlichkeit . Tun Sie ' s. Sie dürfen uns nicht im Stiche lassen , oder es fällt alles in den Brunnen . « Andere sprachen in gleichem Sinn . Aber Alvensleben blieb fest , und eine kleine Verstimmung schwand erst , als sich unerwartet ( und eben deshalb von allgemeinstem Jubel begrüßt ) der junge Graf Herzberg erhob , um sich für die Lutherrolle zu melden . Alles , was danach noch zu ordnen war , ordnete sich rasch , und ehe zehn Minuten um waren , waren bereits die Hauptrollen verteilt : Graf Herzberg den Luther , Diricke den Famulus , Nostitz , wegen seiner kolossalen Größe , die Katharina von Bora . Der Rest wurd einfach als Nonnenmaterial eingeschrieben , und nur Zieten , dem man sich besonders verpflichtet fühlte , rückte zur Äbtissin auf . Er erklärte denn auch sofort , auf seinem Schlittensitz ein » jeu entrieren « oder mit dem Klostervogt eine Partie Mariage spielen zu wollen . Ein neuer Jubel brach aus , und nachdem noch in aller Kürze der nächste Montag für die Maskerade festgesetzt , alles Ausplaudern aber aufs strengste verboten worden war , schloß Nostitz die Sitzung . In der Tür drehte sich Diricke noch einmal um und fragte : » Aber wenn ' s regnet ? « » Es darf nicht regnen . « » Und was wird aus dem Salz ? « » C ' est pour les domestiques ! « » Et pour la canaille « , schloß der jüngste Cornet . Elftes Kapitel Die Schlittenfahrt Schweigen war gelobt worden , und es blieb auch wirklich verschwiegen . Ein vielleicht einzig dastehender Fall . Wohl erzählte man sich in der Stadt , daß die Gensdarmes » etwas vorhätten « und mal wieder über einem jener tollen Streiche brüteten , um derentwillen sie vor andern Regimentern einen Ruf hatten , aber man erfuhr weder , worauf die Tollheit hinauslaufen werde , noch auch , für welchen Tag sie geplant sei . Selbst die Carayonschen Damen , an deren letztem Empfangsabende weder Schach noch Alvensleben erschienen waren , waren ohne Mitteilung geblieben , und so brach denn die berühmte » Sommerschlittenfahrt « über Näher- und Fernerstehende gleichmäßig überraschend herein . In einem der in der Nähe der Mittel- und Dorotheenstraße gelegenen Stallgebäude hatte man sich bei Dunkelwerden versammelt , und ein Dutzend prachtvoll gekleideter und von Fackelträgern begleiteter Vorreiter vorauf , ganz also , wie Zieten es proponiert hatte , schoß man mit dem Glockenschlage neun an dem Akademiegebäude vorüber auf die Linden zu , jagte weiter abwärts erst in die Wilhelms- , dann aber umkehrend in die Behren- und Charlottenstraße hinein und wiederholte diese Fahrt um das eben bezeichnete Lindencarré herum in einer immer gesteigerten Eile . Als der Zug das erste Mal an dem Carayonschen Hause vorüberkam und das Licht der voraufreitenden Fackeln grell in alle Scheiben der Beletage fiel , eilte Frau von Carayon , die sich zufällig allein befand , erschreckt ans Fenster und sah auf die Straße hinaus . Aber statt des Rufes » Feuer « , den sie zu hören erwartete , hörte sie nur , wie mitten im Winter , ein Knallen großer Hetz- und Schlittenpeitschen mit Schellengeläut dazwischen , und ehe sie sich zurechtzufinden imstande war , war alles schon wieder vorüber und ließ sie verwirrt und fragend und in einer halben Betäubung zurück . In solchem Zustande war es , daß Victoire sie fand . » Um Gottes willen , Mama , was ist ? « Aber ehe Frau von Carayon antworten konnte , war die Spitze der Maskerade zum zweiten Male heran , und Mutter und Tochter , die jetzt rasch und zu beßrer Orientierung von ihrem Eckzimmer aus auf den Balkon hinausgetreten waren , waren von diesem Augenblick an nicht länger mehr in Zweifel , was das Ganze bedeute . Verhöhnung , gleichviel auf wen und was . Erst unzüchtige Nonnen , mit einer Hexe von Äbtissin an der Spitze , johlend , trinkend und Karte spielend , und in der Mitte des Zuges ein auf Rollen laufender und in der Fülle seiner Vergoldung augenscheinlich als Triumphwagen gedachter Hauptschlitten , in dem Luther samt Famulus und auf der Pritsche Katharina von Bora saß . An der riesigen Gestalt erkannten sie Nostitz . Aber wer war der auf dem Vordersitz ? fragte sich Victoire . Wer verbarg sich hinter dieser Luthermaske ? War er es ? Nein , es war unmöglich . Und doch , auch wenn er es nicht war , er war doch immer ein Mitschuldiger in diesem widerlichen Spiele , das er gutgeheißen oder wenigstens nicht gehindert hatte . Welche verkommne Welt , wie pietätlos , wie bar aller Schicklichkeit ! Wie schal und ekel . Ein Gefühl unendlichen Wehs ergriff sie , das Schöne verzerrt und das Reine durch den Schlamm gezogen zu sehen . Und warum ? Um einen Tag lang von sich reden zu machen , um einer kleinlichen Eitelkeit willen . Und das war die Sphäre , darin sie gedacht und gelacht , und gelebt und gewebt , und darin sie nach Liebe verlangt und ach , das Schlimmste von allem , an Liebe geglaubt hatte ! » Laß uns gehen « , sagte sie , während sie den Arm der Mutter nahm , und wandte sich , um in das Zimmer zurückzukehren . Aber ehe sie ' s erreichen konnte , wurde sie wie von einer Ohnmacht überrascht und sank auf der Schwelle des Balkons nieder . Die Mama zog die Klingel , Beate kam , und beide trugen sie bis an das Sofa , wo sie gleich danach von einem heftigen Brustkrampfe befallen wurde . Sie schluchzte , richtete sich auf , sank wieder in die Kissen , und als die Mutter ihr Stirn und Schläfe mit Kölnischem Wasser waschen wollte , stieß sie sie heftig zurück . Aber im nächsten Augenblick riß sie der Mama das Flakon aus der Hand und goß es sich über Hals und Nacken . » Ich bin mir zuwider , zuwider wie die Welt . In meiner Krankheit damals hab ich Gott um mein Leben gebeten ... Aber wir sollen nicht um unser Leben bitten ... Gott weiß am besten , was uns frommt . Und wenn er uns zu sich hinaufziehen will , so sollen wir nicht bitten : laß uns noch ... Oh , wie schmerzlich ich das fühle ! Nun leb ich ... Aber wie , wie ! « Frau von Carayon kniete neben dem Sofa nieder und sprach ihr zu . Denselben Augenblick aber schoß der Schlittenzug zum dritten Mal an dem Hause vorüber , und wieder war es , als ob sich schwarze , phantastische Gestalten in dem glühroten Scheine jagten und haschten . » Ist es nicht wie die Hölle ? « sagte Victoire , während sie nach dem Schattenspiel an der Decke zeigte . Frau von Carayon schickte Beaten , um den Arzt rufen zu lassen . In Wahrheit aber lag ihr weniger an dem Arzt als an einem Alleinsein und einer Aussprache mit dem geliebten Kinde . » Was ist dir ? Und wie du nur fliegst und zitterst . Und siehst so starr . Ich erkenne meine heitre Victoire nicht mehr . Überlege , Kind , was ist denn geschehen ? Ein toller Streich mehr , einer unter vielen , und ich weiß Zeiten , wo du diesen Übermut mehr belacht als beklagt hättest . Es ist etwas andres , was dich quält und drückt ; ich seh es seit Tagen schon . Aber du verschweigst mir ' s , du hast ein Geheimnis . Ich beschwöre dich , Victoire , sprich . Du darfst es . Es sei , was es sei . « Victoire schlug ihren Arm um Frau von Carayons Hals , und ein Strom von Tränen entquoll ihrem Auge . » Beste Mutter ! « Und sie zog sie fester an sich und küßte sie und beichtete ihr alles . Zwölftes Kapitel Schach bei Frau von Carayon Am andern Vormittage saß Frau von Carayon am Bette der Tochter und sagte , während diese zärtlich und mit einem wiedergewonnenen ruhig-glücklichen Ausdruck zu der Mutter aufblickte : » Habe Vertrauen , Kind . Ich kenn ihn so lange Zeit . Er ist schwach und eitel nach Art aller schönen Männer , aber von einem nicht gewöhnlichen Rechtsgefühl und einer untadligen Gesinnung . « In diesem Augenblicke wurde Rittmeister von Schach gemeldet , und der alte Jannasch setzte hinzu , » daß er ihn in den Salon geführt habe « . Frau von Carayon nickte zustimmend . » Ich wußte , daß er kommen würde « , sagte Victoire . » Weil du ' s geträumt ? « » Nein , nicht geträumt ; ich beobachte nur und rechne . Seit einiger Zeit weiß ich im voraus , an welchem Tag und bei welcher Gelegenheit er erscheinen wird . Er kommt immer , wenn etwas geschehen ist oder eine Neuigkeit vorliegt , über die sich bequem sprechen läßt . Er geht einer intimen Unterhaltung mit mir aus dem Wege . So kam er nach der Aufführung des Stücks , und heute kommt er nach der Aufführung der Schlittenfahrt . Ich bin doch begierig , ob er mit dabei war . War er ' s , so sag ihm , wie sehr es mich verletzt hat . Oder sag es lieber nicht . « Frau von Carayon war bewegt . » Ach , meine süße Victoire , du bist zu gut , viel zu gut . Er verdient es nicht : keiner . « Und sie streichelte die Tochter und ging über den Korridor fort in den Salon , wo Schach ihrer wartete . Dieser schien weniger befangen als sonst und verbeugte sich , ihr die Hand zu küssen , was sie freundlich geschehen ließ . Und doch war ihr Benehmen verändert . Sie wies mit einem Zeremoniell , das ihr sonst fremd war , auf einen der zur Seite stehenden japanischen Stühle , schob sich ein Fußkissen heran und nahm ihrerseits auf dem Sofa Platz . » Ich komme , nach dem Befinden der Damen zu fragen und zugleich in Erfahrung zu bringen , ob die gestrige Maskerade Gnade vor Ihren Augen gefunden hat oder nicht . « » Offen gestanden , nein . Ich , für meine Person , fand es wenig passend , und Victoire fühlte sich beinah widerwärtig davon berührt . « » Ein Gefühl , das ich teile . « » So waren Sie nicht mit von der Partie ? « » Sicherlich nicht . Und es überrascht mich , es noch erst versichern zu müssen . Sie kennen ja meine Stellung zu dieser Frage , meine teure Josephine , kennen sie seit jenem Abend , wo wir zuerst über das Stück und seinen Verfasser sprachen . Was ich damals äußerte , gilt ebenso noch heut . Ernste Dinge fordern auch eine ernste Behandlung , und es freut mich aufrichtig , Victoiren auf meiner Seite zu sehen . Ist sie zu Haus ? « » Zu Bett . « » Ich hoffe nichts Ernstliches . « » Ja und nein . Die Nachwirkungen eines Brust- und Weinkrampfes , von dem sie gestern abend befallen wurde . « » Mutmaßlich infolge dieser Maskeradentollheit . Ich beklag es von ganzem Herzen . « » Und doch bin ich eben dieser Tollheit zu Danke verpflichtet . In dem Degout über die Mummerei , deren Zeuge sie sein mußte , löste sich ihr die Zunge ; sie brach ihr langes Schweigen und vertraute mir ein Geheimnis an , ein Geheimnis , das Sie kennen . « Schach , der sich doppelt schuldig fühlte , war wie mit Blut übergossen . » Lieber Schach « , fuhr Frau von Carayon fort , während sie jetzt seine Hand nahm und ihn aus ihren klugen Augen freundlich , aber fest ansah , » lieber Schach , ich bin nicht albern genug , Ihnen eine Szene zu machen oder gar eine Sittenpredigt zu halten ; zu den Dingen , die mir am meisten verhaßt sind , gehört auch Tugendschwätzerei . Ich habe von Jugend auf in der Welt gelebt , kenne die Welt und habe manches an meinem eignen Herzen erfahren . Und wär ich heuchlerisch genug , es vor mir und andern verbergen zu wollen , wie könnt ich es vor Ihnen ? « Sie schwieg einen Augenblick , während sie mit ihrem Batisttuch ihre Stirn berührte . Dann nahm sie das Wort wieder auf und setzte hinzu : » Freilich es gibt ihrer , und nun gar unter uns Frauen , die den Spruch von der Linken , die nicht wissen soll , was die Rechte tut , dahin deuten , daß das Heute nicht wissen soll , was das Gestern tat . Oder wohl gar das Vorgestern ! Ich aber gehöre nicht zu diesen Virtuosinnen des Vergessens . Ich leugne nichts , will es nicht , mag es nicht . Und nun verurteilen Sie mich , wenn Sie können . « Er war ersichtlich getroffen , als sie so sprach , und seine ganze Haltung zeigte , welche Gewalt sie noch immer über ihn ausübte .