sie weiter flußabwärts , wo der Waldvorsprung wieder einbog , an ein Fähr- oder Forsthaus kamen . Oder vielleicht auch war es beides . Anfangs wollten sie gemeinschaftlich eintreten , aber Valtin besann sich eines andern und sagte : » Nein , bleib ; es ist besser , ich geh allein . « Und eine kleine Weile , so kam er mit Brot und Milch zurück und hielt , als er Gretens ansichtig wurde , die Hände schon von weitem in die Höh , um zu zeigen , was er bringe , und sie setzten sich ins hohe Gras , den Fluß zu Füßen und den Morgenhimmel über sich . » Wenn es uns immer so schmeckt ... « , sagte Valtin . Und Grete sah ihn freundlich an und nickte . Als sie so saßen und mehr träumten als sprachen , bemerkten sie , daß mitten auf dem Strom ein großes Floß geschwommen kam , lange zusammengebolzte Stämme , auf denen sich vier Personen deutlich erkennen ließen : drei Männer und eine Frau . Zwei von den Männern standen vorn an der Spitze des Floßes , während der dritte , der seinen raschen und kräftigen Bewegungen nach der jüngste zu sein schien , das ungefüge Steuer führte . » Was meinst du « , sagte Valtin , » wenn wir mitführen ? Du bist müde vom Gehen . Und mitten auf dem Strom , da sucht uns niemand . « Grete schien zu schwanken ; Valtin aber setzte hinzu : » Laß es uns versuchen ; ich ruf hinüber , und halten sie still und machen ein Boot los , nun , so nehmen wir ' s als ein Zeichen , daß es sein soll . « Und er sprang auf und rief : » Hoiho « , ein Mal über das andere . Die Flößer verrieten anfänglich wenig Lust , auf diese Zurufe zu achten , als Valtin aber nicht abließ , machte der am Steuer Stehende den Kahn los , der hinter dem Floße herschwamm , und war im nächsten Augenblicke mit ein paar Ruderschlägen am diesseitigen Ufer . » Hoiho ! Was Hoiho ? « Valtin hörte nun wohl , daß es Wenden oder Böhmen waren , die bis Hamburg wollten , und trug sein Anliegen vor , so gut es ging . Der Böhmake verstand endlich und bedung sich einen Lohn aus , der so gering war , daß ihn Valtin gleich als Angeld zahlte . Und nun fuhren sie nach dem Floß hinüber . Als sie neben demselben anlegten , fanden sich auch die beiden andern Männer ein , zu denen nun der Jüngere sprach und ihnen das Geldstück überreichte . Sie schienen ' s zufrieden , und der älteste , schon ein Mann über fünfzig , und allem Anscheine nach der Führer , lüpfte seine viereckige , mit Pelz besetzte Mütze und bot Greten und gleich darauf auch Valtin seine Hand , um ihnen beim Hinaufsteigen auf das Floß behülflich zu sein . Es war ziemlich an der Hinterseite , nicht weit von dem großen Drehbalken , der als Steuer diente , und unsere beiden Flüchtlinge nahmen in Nähe desselben Platz . Alles gefiel ihnen , und Grete freute sich , daß Valtin den Mut gehabt und die Flößer angerufen hatte ; am besten aber gefiel ihnen der Mann am Steuer , der lebhaft und lustig war und sich beflissen zeigte , sie zu zerstreuen und ihnen den Aufenthalt angenehm zu machen . Er plauderte mit ihnen , so gut es ein paar Wörter zuließen , und war erfinderisch in immer neuen Aufmerksamkeiten . Als die Sonne schon ziemlich hoch stand , sah er , daß die vom Wasser zurückgeworfenen Strahlen die jungen Leute blendeten , und kaum daß er es wahrgenommen , als er auch schon das Steuer in Valtins Hand legte und sich daranmachte , mit Benutzung umherliegender Bretter , aus einem großen Stück Segelleinwand ein Zelt für seine Schutzbefohlenen aufzurichten . Sie setzten sich unter das Dach und genossen nun erst der eigentümlichen Schönheit ihrer Fahrt . Am Ufer hin stand das hohe Schilf , und wenn dann das Floß den grünen Schilfgürtel streifte , flogen die Wasservögel in ganzen Völkern auf und fielen plätschernd und schreiend an weiter flußabwärts gelegenen Stellen wieder ein . Der Himmel wölbte sich immer blauer , und ein Mittagswind , der sich aufgemacht hatte , strich frisch an ihnen vorüber und kühlte die Tageshitze . Vorne , durch die ganze Länge des Floßes von ihnen getrennt , standen nach wie vor die beiden älteren Männer und angelten , ihre Haltung aber zeigte nur zu deutlich , daß sie mit dem Ertrag ihres Fanges wenig zufrieden waren . Waren es doch immer nur kleine Fische , die , sooft sie die Schnur zogen , in der Sonne hell aufblitzten . Jetzt aber gab es einen Freudenschrei , und ein Breitfisch , so groß und schwer , daß die Schnur am Reißen war , flog mit einem Ruck an Bord . Das war es , worauf sie gewartet hatten , und sie schütteten nun die neben ihnen stehende Kufe mitsamt ihrem Inhalt wieder aus , füllten sie frisch mit Wasser und trugen ihren großen Fang wie im Triumph auf die Mitte des Floßes , wo schon seit einiger Zeit ein hell aufwirbelnder Küchenrauch die Vorbereitungen zu einer Mahlzeit anzudeuten schien . Und in der Tat hantierte hier emsig und lärmend ein junges Frauenzimmer umher , das mit seinen stechenden , kohlschwarzen Augen wohl dann und wann zu den neuen Ankömmlingen flüchtig herübergesehen , im übrigen aber durch seine ganze Haltung weder Freude noch Teilnahme bezeigt hatte . Und immer weiter ging die Fahrt , und immer stiller wurde der Tag . Auch der Mann am Steuer schwieg jetzt , und Valtin und Grete hörten nichts mehr als das Gurgeln des Wassers und das Gezirp im Rohr und dazwischen den Küchenlärm , in dem sich das junge Frauenzimmer , je näher die Mahlzeit rückte , desto mehr zu gefallen schien . Und jetzt nahm sie einen blanken Teller , hielt ihn hoch und schlug mit einem Quirl an die Außenseite . Das war das Zeichen , und alle versammelten sich um die Feuerstelle her . Nur Valtin und Grete waren zurückgeblieben ; aber der Alte kam alsbald auf sie zu , und nach kurzer Ansprache , von der sie nichts verstehen konnten , nahm er Greten an der Hand und führte sie , während er die gangbarsten und trockensten Stellen aussuchte , bis auf die Mitte des Floßes . Und jetzt erst erkannten unsre Flüchtlinge , wie sonderbar , aber auch wie zweckentsprechend die hier befindliche Kochgelegenheit aufgebaut und eingerichtet war . Das ganze Floß , auf mehr als zehn Schritt im Quadrat , war wie mit einem dicken Rasen überdeckt , auf dem sich wiederum , ebenfalls aus Rasenstücken aufgeschichtet , ein wohl drei Fuß hoher und unverhältnismäßig breiter und geräumiger Herd erhob . In diesen waren Löcher eingeschnitten , und in den Löchern standen Töpfe , um die mehrere kleine Feuer lustig flackerten . Und nun setzten sich die Männer in Front des Herdes , so daß sie den Fluß hinuntersehen konnten , und nahmen ihr Mahl ein , das zunächst aus einer Brühe mit Huhn und Hirse , dann aber aus dem Breitfisch , dem letzten Ertrag ihres Fanges , bestand . Alle ließen sich ' s schmecken ; und als Valtin , gegen den Schluß des Mahles hin , sich über ihr Wohlleben verwunderte , lachte der Alte und beschrieb einen Kreis mit seiner Rechten , als ob er andeuten wolle , daß ihm Ufer und Landschaft , mit allem , was darauf fleucht und kreucht , tributpflichtig seien . Und nun war das Mahl beendet , und Valtin und Grete , nach dem sie gedankt , erhoben sich und suchten wieder ihr Zelt in Nähe des Steuers auf . Sie mußten , an Neumühlen vorüber , schon meilenweit gefahren sein und hätten sich zu jeglichem um sie her beglückwünschen können , wenn nicht das junge Frauenzimmer mit den blanken Flechten und den schwarzen Stechaugen gewesen wäre . Valtin hatte nichts bemerkt , aber der schärfer sehenden Grete war es nicht entgangen , daß sie seit Mittag kein Auge von ihnen ließ und ersichtlich etwas gegen sie vorhatte . Ob aus Eifersucht oder Habsucht , ließ sich nicht erkennen , aber etwas Gutes konnt es nicht sein , und als der Tag sich neigte , rückte Grete näher und teilte Valtin ihre Besorgnisse mit . Dieser schüttelte den Kopf und wollte davon nichts wissen , und siehe da , auch Grete vergaß es wieder , als sich , gleich nach Sonnenuntergang , ein neues Leben auf dem Floße zu regen begann . Der Alte nahm eine Fiedel , und die Frauensperson , die sich mittlerweile geputzt und eine rote Schürze angelegt hatte , führte mit dem jungen Burschen einen böhmischen Tanz auf . Danach setzten sie sich an den Herd und sangen Lieder , die der Alte mit ein paar Strichen auf der Fiedel begleitete . Und nun kam die Dämmerung , und die Sterne begannen matt zu flimmern . Das Floß selbst hatte sich hart ans Ufer gelegt , das hier , anfänglich flach , dreißig Schritte weiter landeinwärts eine hohe , steile Wandung zeigte . Es war noch hell genug , um die rotgelben Töne des fetten Lehmbodens erkennen zu können . Alles schwieg , und nur Grete , der ihr Verdacht wiedergekommen war , sagte leise : » Valtin , ich habe doch recht . Ich fürchte mich . « » Glaubst du wirklich , daß es böse Leute sind ? « » Nicht eigentlich böse Leute , aber sie werden der Versuchung nicht widerstehen können . Du hast ihnen Geld gezeigt , und die Frau hat gesehen , daß ich Schmuck trage . Sie werden uns berauben wollen . Und setzest du dich zur Wehr , so ist es unser letzter Tag . « Valtin überlegte hin und her und sagte dann : » Ich fürcht , es ist , wie du sagst . Und so müssen wir wieder fliehen . Ach , immer fliehen ! Auch noch auf der Flucht eine Flucht . « Und er seufzte leise . Grete hörte die Klage wohl heraus , aber sie hörte zugleich auch , daß es kein Vorwurf war , und so nahm sie seine Hand und sah ihn bittend an . Kannte sie doch ihre Macht über ihn . Und diese Macht blieb ihr auch diesmal treu , und alles war wieder gut . Es traf sich glücklich , daß das Floß mit eben dem Hintereck , auf dem ihr Zelt stand , auf den Ufersand gefahren war . Sie teilten sich ' s mit und kamen überein , auf das Segeltuch , das sie den Tag über zu Häupten gehabt hatten , eine Silbermünze zu legen und , sobald alles schliefe , mit einem einzigen Satz ans Ufer zu springen . Wären sie dann erst die steile Lehmwand hinauf , so würde sie niemand mehr verfolgen . Und wenn es geschäh , so wär es ohne Not und Gefahr , denn Schiffsleute hätten einen schweren Gang und wären langsam zu Fuß . Und während sie so sprachen , war der Mond aufgegangen . Das erschreckte sie vorübergehend . Aber es standen auch Wolken am Himmel , und so warteten sie , daß diese heraufziehen und den Mond überdecken möchten . Und nun war es geschehen . » Jetzt « , sagte Valtin , und den Beistand des Himmels anrufend , sprangen sie vom Floß ans Ufer . Das seichte Wasser , das hier um ein paar Binsen her stand , klatschte hoch auf ; aber sie hatten dessen nicht acht , und im nächsten Augenblicke die steile Lehmwand erkletternd , schritten sie rasch über das Feld hin und in die Nacht hinein . Niemand folgte . 15. Kapitel . Drei Jahre später Fünfzehntes Kapitel Drei Jahre später Drei Jahre waren seitdem vergangen , und wieder färbte der Herbst die Blätter rot ; allüberall in der Altmark , und nicht zum wenigsten in dem Städtchen Arendsee , dessen endlos lange Straße , zugleich seine einzige , nach links hin aus Häusern und Gärten , nach rechts hin aus Klostergebäuden und zwischenliegenden Heckenzäunen bestand . Hinter einem dieser Heckenzäune , der abwechselnd von Dorn und Liguster gebildet wurde , ließ sich ein auf Säulen ruhender Kreuzgang erkennen , in dessen quadratischer Mitte der Klosterkirchhof lag , wild und verwahrlost , aber in seiner Verwahrlosung nur um so schöner . Einige hoch aufgemauerte Grabsteine schimmerten aus allerlei Herbstesblumen und dichtem Grase hervor , die meisten aber versteckten sich im Schatten alter Birnbäume , deren ungestützte Zweige mit ihrer Last bis tief zu Boden hingen . Vorüberziehende Fremde würden sich des Bildes gefreut haben , das eben jetzt , bei niedergehender Sonne , von absonderer Schönheit war ; ein paar Arendseesche Bürger aber , Handwerker und Ackersleute zugleich , die mit ihrem Gespann vom Felde hereinkamen , achteten des wohlbekannten Anblicks nicht und hielten erst , als sie schon dreißig Schritt über den Heckenzaun hinaus waren und an der andern Seite der Straße dreier hochbepackter Wagen ansichtig wurden , die hier , vor einer alten Ausspannung mit tiefer Einfahrt , den ohnehin schmalen Weg beinah versperrten . » Süh , Kersten , doa sinn se all . Awers hüt wahrd et nix mihr . « » Nei , hüt nich . Un weet ' st all , Hanne , se speelen joa nicht blot mihr mit Zocken un Puppen . Se kümmen joa nu sülwer ' rut . « » Joa ; so hebb ick ' t ook hürt . Richt ' ge Minschen ... Jott , wat man nich allens erlewen deiht ! « Und damit gingen sie vorüber , weiter in die Stadt hinein . Und es war so , wie die beiden Ackerbürger gesagt hatten . Puppenspieler , die , wie ' s dazumalen aufkam , ihre Puppen zeitweilig im Kasten ließen und an Stelle derselben in eigener Person auftraten , waren an eben jenem Nachmittag in das Städtchen gekommen und hatten sich ' s in der Ausspannung , vor der ihre Wagen hielten , bequem gemacht . Da saßen sie jetzt zu vier um den Tisch der großen Schenkstube herum , ihrem Aufputz und ihrer Redeweise nach oberdeutsches Volk , und vertaten das Geld , das ihnen der Salzwedelsche Michaelismarkt eingebracht hatte . Denn von daher kamen sie . Zwei derselben alte Bekannte von uns . Der Schwarzhaarige , mit einer Narbe quer über der Stirn , war derselbe , den wir an jenem hellen Julivormittag , an dem unsere Geschichte begann , an der Emrentz Fenster vorüber seinen Umritt hatten machen sehn , und der neben ihm , ja , das mußte , wenn nicht alles täuschte , der Hagre , Schlackerbeinige mit dem weißen Hemd und der hohen Filzmütze sein , der bei Tage die Pauke gerührt und am Abend , in seinem hölzernen Abbild wenigstens , den Polizeischergen des » Jüngsten Gerichtes « gemacht hatte . Ja , sie waren es wirklich , dieselben fahrenden Leute , denn eben erschien auch die große stattliche Frau , die damals , in halb spanisch , halb türkischem Aufzug , als dritte zwischen ihnen zu Pferde gesessen . Auch heute war sie verwunderlich genug gekleidet , trug aber , statt des langen schwarzen Schleiers mit den Goldsternchen , ein scharlachrotes Manteltuch , das sie , voll Majestät und nach Art eines Krönungsmantels , um ihre Schultern gelegt hatte . » Ach , Zenobia « , riefen alle und rückten zusammen , um ihr am Tische Platz zu machen . Mit ihr zugleich war der Wirt eingetreten , ein paar Kannen im Arm , und überbot sich alsbald in Raschheit und Dienstbeflissenheit gegen seine Gäste . Wußt er doch , daß sie mit vollem Beutel kamen und außerdem Freibrief und gutes Zeugnis von aller Welt Obrigkeit aufzuweisen hatten . Und was wollt er mehr ? » Wirt « , rief der Schwarzhaarige , der auch heute wieder die Herrenrolle spielte , » die Salzwedelschen haben mir gefallen . Die drehen den Schilling nicht erst ängstlich um . Zweimal gespielt jeden Tag , erst die Puppen und dann wir selber . Und immer voll , und kein Apfel zur Erde . Ein lustiges Volk ; nicht wahr , Wirt ? Und wie heißt doch der Spruch von den Salzwedelschen ? Ihr kennt ihn ? « » Ei , freilich ; welcher Altmärksche wird den nicht kennen . Ein guter Spruch , und er geht so : De Stendalschen drinken gerne Wien , De Gardeleger wülln Junker sien , De Tangermündschen hebben Mot , De Soltwedler awers , de hebben dat Got . « » Ja , das haben sie , das haben sie « , schrien alle durcheinander , und der Wirt wiederholte seinerseits : » Ein guter Spruch ihr Herren . Bloß daß die Arendseeschen drin vergessen sind . « » Ei , warum vergessen ! Solch Sprüchel ist ja nicht wie ' s Vaterunser , wo nichts zukann und nichts weg . Was ihm fehlt , das machen wir dazu . Könnt Ihr nicht einen Reim machen , Wirt ? Ein Wirt muß alles können , reimen und rechnen . « » Ja , rechnen ! « fiel der Chorus ein . » Ärgert ihn nicht , sonst bringt er ' s nicht zustand . Und ich seh ' s ihm an , daß er dran haspelt . Habt Ihr ' s ? « » Ja ... De Stendalschen drinken gerne Wien ... « » Nein , nein , das nicht . Das ist ja die alte Leier . Wir wollen den neuen Reim hören , den Arendseeschen . « Und so ging es unter Lärmen und Schreien weiter , bis der Wirt eine Pause wahrnahm und in schelmischem Ernst über den Tisch hin deklamierte : » Un di Arendseeschen , di hebben dat Stroh , Awers hebben fifteig ' n Nonnen dato . « » Funfzehn Nonnen ! Habt ihr gehört ? Aber woher denn Nonnen ? Es gibt ja keine Nonnen mehr . Ich meine hierzuland . Unten im Reich , da hat ' s ihrer noch genug . Nicht wahr , Zenobia ? Aber hier ! Alles aufgehoben , was sie › säkularisieren ‹ nennen . Habe mir ' s wohl gemerkt . Und das hat Euer vorvoriger Herr Kurfürst getan , der Herr Joachim , den ich noch habe begraben sehn . War das erste Mal , daß mein Vater selig bis hier hinauf ins Wittenbergsche kam . Anno 71 , und ich war noch ein Kind . « » Ja , sie sind aufgehoben . Aber ' s gibt ihrer doch noch , hier und überall im Land . Und obwohlen unser alter Roggenstroh alle Sonntage gegen sie predigt , es hilft ihm nichts , sie bleiben doch . Und warum bleiben sie ? Weil sie den adligen Anhang haben . Und oben in Cölln an der Spree , na , das weiß man , da sitzen auch die Junkerchen zu Rat und drücken ein Auge zu . « » Gut , gut . Meinetwegen . Lassen wir die Junker und die Nonnen . Es muß auch Nonnen geben . Nicht wahr , Zenobia ? « Diese zog ihre rote Drapierung nur noch fester um ihre Schultern und schwieg in königlicher Würde weiter . » Un hebben fifteig ' n Nonnen dato ! Wahrhaftig , Wirt , das habt Ihr gut gemacht , sehr gut . Ihr könnt ' t uns die Stücke schreiben . Was meinst , Nazerl , wir haben schon schlechtre gehabt ! Aber singen wir ; du singst vor , Matthes . « Und der Angeredete , der seinem starr und aufrecht stehenden roten Haare , vor allem aber seinen linsengroßen Sommersprossen nach der einzig Plattdeutsche von der Gesellschaft zu sein schien , intonierte mit heiserer Stimme : » Kaiser Karolus sien bestet Peerd . « » Nicht doch , nicht doch « , fuhr der mit der Narbe dazwischen , » das kann Zenobia nicht hören ; das singen ja die Knechte . Sing du , Hinterlachr . Aber was Feins und Zierlichs . « Und Hinterlachr sang : » Zu Bacharach am Rheine , Da hat mir ' s wohlgetan , Die Wirtin war so feine . So feine , Und als wir ganz alleine ... « » Ach , dummes Zeug . Immer Weiber und Weiber . Aber sie denken nicht dran ; und am wenigsten , was eine richtige Wirtin ist . Sie lachen dich aus . Nazerl , mach du dein Sach . Aber nichts von den Weibern ; hörst du . Halt dich an das ! « Und dabei schob er ihm eine frische Kanne zu , die der Wirt eben hereingebracht hatte . Und Nazerl hob an : » Der liebste Buhle , den ich hab , Der liegt beim Wirt im Keller , Er hat ein hölzins Röcklein an Und heißet Muskateller : Hab manche Nacht mit ihm verbracht , Er hat mich immer glücklich ' macht , glücklich ' macht , Und lehrt mich lustig singen . « » Das ist recht . Der liebste Buhle , den ich hab ... das gefällt mir . Der Nazi hat ' s getroffen . Was meinst , Zenobia ? « Und alle wiederholten den Vers und stießen mit ihren Kannen und Bechern zusammen . » Ihr müßt nicht so lärmen , sagte jetzt der , der mit Bacharach am Rheine « so wenig durchgedrungen war . » Er liegt grad über uns , und ich glaub , er macht es nicht lange mehr . « Zenobia nickte . So ging ' s unten her . Ober ihnen aber , auf einer Schütte Stroh , drüber ein Laken gebreitet war , lag ein Kranker , ein Kissen unterm Kopf und mit ein paar Kleidungsstücken zugedeckt . Neben ihm , auf einem Fußschemel , saß eine junge Frau , blaß und fremd , und hielt mit ihrer Rechten den Henkel eines als Wiege dienenden Korbes , mit ihrer Linken die Hand des Kranken . Dieser schien einen Augenblick geschlafen zu haben , und als er jetzt die Augen wieder öffnete , beugte sie sich zu ihm nieder und fragte leise : » Wie ist dir ? « » Gut . « » Ach , sage nicht gut . Deine Stirn brennt , und ich seh , wie deine Brust fliegt . Mein einzig lieber Valtin , vergib mir , sage mir , daß du mir vergibst . « » Was , Grete ? Was soll ich dir vergeben ? « » Was ? was ? Alles , alles ! Ich bin schuld an deinem Elend , und nun bin ich schuld an deinem Tod . Aber ich wußt es nicht anders , und ich wollt es nicht . Ich war ein Kind noch , und sieh , ich liebte dich so sehr . Aber nicht genug , nicht genug , und es war nicht die rechte Liebe . Sonst wär es anders gekommen , alles anders . « » Laß es , Grete . « » Nein , ich laß es nicht . Ich will mein Herz ausschütten vor dir . Ach , sonst beichten die Sterbenden , ich aber will dir beichten , dir . « Er lächelte . » Du hast mir nichts zu beichten . « » Doch , doch . Viel , viel mehr , als du glaubst . Denn sieh , ich habe nur an mich gedacht ; das war es ; da liegt meine Schuld . Es kommt alles von Gott , auch das Unrecht , das man uns antut , und wir müssen es tragen lernen . Das hat mir Gigas oft gesagt , so oft ; aber ich wollt es nicht tragen und hab aufgebäumt in Haß und in Ungeduld . Und in meinem Haß und meiner Ungeduld hab ich dich mit fortgezwungen und habe dich um Glück und Leben gebracht . « Er schüttelte den Kopf und wiederholte nur leise : » Laß es , Grete . Du hast mich nicht um das Glück gebracht . Es war nur anders als andrer Leute Glück . Weißt du noch , als wir auf dem Floß fuhren und das Schilf streiften und die Wasservögel aufflogen , ach , wie stand da der Himmel so blau und golden über uns , und wie hell schien uns die Sonne ! Ja , da waren wir glücklich . Und als wir dann auf Lübeck zogen und das Holstentor vor uns hatten , das uns mit seinen grünen und roten Ziegeln ansah , und dann Musik und Fahnenschwenker auf uns zukamen , als ob man uns einen Einzug machen wolle , da lachten wir und waren froh in unserem Herzen , denn wir nahmen es als ein gutes Zeichen und wußten nun , daß wir gute Tage haben würden . Und wir hatten sie auch , und hätten sie noch , denn fleißige Tage sind gute Tage , wenn nicht der Streit gekommen wär , der Streit um viel und nichts ... Er dacht eben , er dürf es dir ansinnen , weil wir arm waren und er reich und eines Ratsherrn Sohn . Und da war es denn freilich aus ... Aber laß , Grete . Was wir gehabt haben , das haben wir gehabt . Und nun gib mir das Kind , daß ich mich seiner freue . « Grete war aufgestanden , um ihm das Kind zu geben ; eh sie ' s jedoch aufnehmen konnte , befiel ihn ein Stickhusten , wohl von der Anstrengung des Sprechens , und als der Anfall endlich vorüber war , lag er schweißgebadet da , matt und halbgeschlossenen Auges , wie ein Sterbender . So vergingen Minuten , bis er sich wieder erholt hatte und trinken zu wollen schien . Wenigstens sah er sich um , als such er etwas . Und wirklich , neben seinem Lager stand ein Hafenglas , drin ihm aus Brotrinden und dünnem Essig ein Getränk gemacht worden war . Aber der Geschmack widerstand ihm , und er wies es zurück und sagte : » Wasser . « Und Grete holte den Wasserkrug herbei , der groß und unhandlich und viel zu schwer war , um draus zu trinken , und als sie noch unschlüssig dastand und überlegte , wie sie den Trunk ihm reichen solle , hob er sich mühsam auf und sagte lächelnd : » Aus deiner Hand , Gret : ein paar Tropfen bloß . Ich brauche nicht viel . « Und sie tat ' s und gab ihm . Als er aber getrunken , hielt sie sich nicht länger mehr und rief , während sie halb im Gebet und halb in Verzweiflung ihre Hände gen Himmel streckte : » Ach , daß ich leben muß ! Valtin , mein einzig Geliebter , nimm mich mit dir , mich und unser Kind . Was hier noch war , warst du . Nun gehst du . Und wir sind unnütz auf dieser Welt . « » Nein , Grete , nicht unnütz . Und du mußt leben , leben um des Kindes willen . Auch wenn es dir schwer wird . Und du wirst es , denn du hattest immer einen tapfern und guten Mut . Ich weiß davon . Und nun hör mich und tu , wie ich dir sage . Aber bücke dich ; bitt , denn es wird mir schwer . « Und sie rückte näher an sein Kissen . » Es muß etwas geschehen « , fuhr er fort , » und du kannst nicht mehr bleiben mit den fahrenden Leuten unten . Ich mag sie nicht schelten , denn sie waren gut mit uns , aber sie sind doch anders als wir . Und du mußt wieder eine Heimstätt haben und Herd und Haus und Sitt und Glauben . Und so versprich mir denn , mache dich los hier , in Frieden und guten Worten , und zieh wieder heim und sage ... und sage ... daß ich schuld gewesen . « Grete schüttelte heftig den Kopf . Ihm die Schuld zuzuschieben , das erschien ihr schwerer als alles . Er aber legte still seine Hand auf ihren Mund und wiederholte nur : » ... daß ich schuld gewesen . Und wenn du das gesagt hast , Grete , dann sag auch , du kämest , um wiedergutzumachen , was du getan , und sie sollten dich halten als ihre Magd . Und du wolltest kein Glück mehr , nein , nur Ruh und Rast . Und dann mußt du niederknien , nicht vor ihr , aber vor deinem Bruder Gerdt . Und er wird dich aufrichten ... « » Ach , daß es käme , wie du sagst ! Aber ich kenn ihn besser . Er wird mir drohn und mich von seiner Schwelle weisen , mich und das Kind , und wird uns böse Namen geben . « » Ich fürcht es nicht . Aber wenn er härter ist , als ich ihn schätze , dann geh ihn an um dein Erbe , das wird er dir nicht weigern können . Und dann suche dir einen stillen Platz und gründe dir ein neues Heim und einen eigenen Herd . Tu ' s , Gret . Ich weiß , du hast ein trotzig Gemüt ; aber bezwinge dich um des Kindes willen . Versprich mir ' s. Willst du ? « » Ich will . « Es schien , daß sie noch weitersprechen wollt , aber in diesem Augenblicke trat Zenobia ein und sagte : » Denk , Gret , ' s gibt noch a Spiel heut . Den › Sündfall ‹ wollen s ' . Das Leutvolk laßt uns ka Ruh nit . Aber a › Sündfall ‹