sich und küßten sich . Eine kurze , selige Minute . Dann aber schreckte sie Geräusch von Flur oder Treppe her auseinander , und nur noch einmal klang es leise : » Gute Nacht ! « Und » Gute Nacht ! « klang es ebenso zurück . 10. Kapitel . Sonntag früh Zehntes Kapitel Sonntag früh Der Heidereiter war am anderen Morgen zeitig auf . Er liebte sonntags früh eine ruhige Betrachtung und einen inspizierenden Gartenspaziergang , an dem er um so lieber festhielt , als ihm die Woche die Gelegenheit dazu nicht gönnte . Das wußte jeder im Haus , und natürlich auch Hilde , die , so wenig sie sich persönlich aus Gartendienst und Blumen machte , doch immer emsig beflissen war , alles fortzuschaffen , was des gestrengen Spaziergängers gute Laune hätte stören können . Und so war es auch heut , und der Alte freute sich der überall herrschenden Ordnung . Die Wege waren geharkt , das Unkraut gejätet , und innerhalb der noch grünen Buchsbaumrabatten blühten ihm Astern und andere Herbstblumen entgegen . Auf dem Levkojen-und Resedabeet erkannt er wohl , daß es geplündert worden war , aber er wußte ja , weshalb , und lächelte nur und war der Unordnung eher froh als nicht . Und zuletzt kam er auch an ein kleines Rondel , drin neben den rotstengligen Balsaminen allerhand Rittersporn stand , und er pflückte davon und wollte sich eine der blauen Blüten ins Knopfloch stecken . Aber er besann sich eines anderen wieder und warf sie fort . Indem war Grissel aus dem Hof in den Garten gekommen und hatte dem Heidereiter kaum erst ihren guten Tag geboten , als dieser auch schon bemerkte , daß das aus dem Garten ins Feld führende Gatter bloß angelehnt und nicht geschlossen war . Das verdroß ihn oder war ihm wenigstens nicht recht , und er warf im Gespräch hin : ein Heidereiter habe viel Feindschaft und dürfe das Gesindel nicht eigens noch einladen , ihm die Blumenbeete zu zertreten oder die Äpfel von den Bäumen zu stehlen . Und so ging es noch eine Weile fort . » Aber das ist der Joost « , schloß er endlich . » Der kann ' s nicht bequem genug haben und will sich partout die fünfzig Schritte sparen . Er soll ' s aber nicht . Er soll den großen Weg nehmen oder die Hecke . « » ' s ist nicht der Joost « , sagte Grissel . » Joost ist ein Gewohnheitstier und geht immer die große Straße . « » Nun ? « » ' s ist unsere Hilde ; die geht hier , wenn sie nach den Sieben-Morgen will . « » Und was hat sie da ? « » Nun , da sind ja doch unsere drei Küh oben ; und wenn ' s ihr paßt , da setzt sie die Butt auf den Kopf und den Arm in die Hüft , und heidi geht ' s in die Höh . Und sie weiß wohl , es kleidet ihr , und das Mannsvolk sieht ihr nach . .. Oh , sie kann schon , wenn sie will ! Es muß sich ihr bloß verlohnen . Und das muß wahr sein , wenn sie so geht , so prall und drall , ist es gar nicht die Hilde mehr . « All das hörte Baltzer nicht gern , und er sah sie scharf an . Aber sie kannte seine Schwächen , und weil sie sie kannte , hatte sie keine Furcht vor ihm . Und nun gar heute ; wenn sie sich auch gefürchtet hätte , es brannt ihr zu vieles auf der Seele , was herunter mußte . » Ja , Heidereiter , Ihr habt es ja selber so gewollt , als Ihr damals ein Frölen aus ihr machen wolltet und als sie mit eins zu gut für die Grissel war , obwohlen ich ehrlicher Leute Kind bin und einen richtigen Namen habe , was nicht jeder von sich sagen kann . Ja , ja , Heidereiter , damals , als sie mit eins die Kammer allein haben mußt und ich in die Küche kam oder doch dicht daneben . Und das alles mitten im Sommer und immer die warme Wand und die Sonne von vier Uhr morgens . Und sowie die Sonne da war , waren auch die Fliegen da und summten und brummten , und waren auch Stechfliegen dabei , weil es das Hoffenster ist , kleine , rote , die giftig sind und wo einem die Hand abgenommen werden kann . Und ich habe keine Nacht geschlafen . « » Aber bist doch nicht abgefallen « , sagte der Heidereiter in einem Tone , darin sich gute und schlechte Laune die Waage hielten , und setzte dann , während er , ohne recht zu wissen , was er tat , ein paar Samenkapseln abbrach und die Körner in seine Hand schüttete , hinzu : » Und nun sage mir , was soll das ? Was meinst du ? « » Was ich meine ? Daß Ihr selber schuld seid , Heidereiter , schuld mit Eurer neuen Einrichtung und mit allem ... Und du lieber Himmel , die Milchwirtschaft ! Ja , da hat sich was mit Milchwirtschaft , und ich möchte wohl sehen , wie ' s damit stünd ohne die Rentschen oder ohne die Christel . Aber versteht sich , immer so getan , als ob es was wär , und immer geklappert und immer unterwegs und immer auf die Sieben-Morgen . Und da sitzen sie . « » Wer ? « fragte Baltzer , in dem der Ärger allmählich das Übergewicht gewann . » Wer ? Nu , mein Gott , wer ! Der alte Melcher sitzt da , mit seinem Kamm unterm Hut und mit seinem Hochmut unterm Hut . Und ist auch gut , daß er ihn festhält , er könnt ihm sonst wegfliegen . Und ist eine alte Geschichte , daß die Konventikelschen alle den großen Nagel haben , das hat mir schon mein Vater selig ins Gewissen geredt , und sein letztes Wort war immer : › Und der Melcher Harms , das ist der Schlimmste . ‹ Ja , das ist nun freilich schon eine kleine Ewigkeit , aber Kamm-Melcher hieß er auch schon , und bloß den Saal hatten sie noch nicht und noch keine Freitagabend-Andacht , und der alte Graf war noch gut bei Weg und dachte noch an kein Sterben . Und war das Jahr vorher , eh der preußische Krieg anfing . Aber du mein Gott , wenn mein Vater selig ihn jetzt so säh , immer mit Strumpf und Strickzeug , und wie er so klein tut , als könnt er kein Wasser trüben , und dann abends aufs Schloß in die kleine Kapellenstube mit dem fliegenden Engel – oh , du mein Gott und Vater ! und wenn er dann gar noch säh , wie sie jeden geschlagenen Freitag in den Saal geht und sitzt da mit auf der Bank und weint und schluchzt , als ob sie so wär wie das arme Volk oder der alte Nagelschmied Eschwege , der immer vorsingt – und er soll ihr auch das Abendmahl gegeben haben ; aber das glaub ich nicht , da wäre doch ein Blitz vom Himmel gekommen – , oh , du mein Gott und Vater , wenn er das noch gesehen und erlebt hätt , da würd er noch ganz anders gesprochen haben ! Und das soll auch nicht sein , Baltzer . Aber Sörgel ist zu gut und denkt bloß immer : es schadet nichts . Aber es schadet doch . Und von Ordnung ist keine Rede mehr , und weiß kein Mensch mehr , ob er ein Hirt ist oder ein Papst . Und was Katholisches hat er , das sieht jeder , und war auch mit nach ' m Eichsfeld . Ihr müßt es ja selber wissen , Baltzer . Und was habt Ihr zuletzt davon ? Was ? Daß sie mit katholisch wird ! « » Hilde ? « » Ja , Hilde . Wer anders als Hilde . Denn den ganzen Tag ist das Püppchen oben , wenn nicht gerad Regen ist oder Wind , und da priestert er ihr was vor und setzt ihr Raupen in ' n Kopf und erzählt ihr vornehme Geschichten von Schloß und Rittersleut ' , und wenn sie dann wiederkommt , sieht sie sich um , als ob sie selber so was wär . Und Martin auch immer mit dabei , wenn er aus ' m Wald kommt , und muß ja dran vorüber , versteht sich , weil es der nächste Weg ist – und ist eigentlich die Meile Siebenviertel – , und da sitzen sie denn und haben ihr Konvivchen oder ihr Konventikelchen , oder wie Ihr ' s nennen wollt . Ja , Baltzer , der Martin auch . Aber mit dem hat ' s keine Not nicht , der ist seines Vaters Sohn , und den wird der Alte nicht katholisch kriegen . Und hört auch nicht recht zu , weil er immer bloß Hilden angafft , und ist immer Brüderchen und Schwesterchen . Ja , ja , Baltzer , seht mich nur an ! Und ich weiß noch den Tag , wo die Muthe gestorben und begraben war und Hilde mit Euch herüberkam und Martin und ich und Joost auf der Diele standen , dicht an der Treppe , wie Ihr da sagtet : › Ihr sollt euch liebhaben . Wollt ihr ? ‹ Und seht , Heidereiter , das ist auf guten Boden gefallen . Und immer wie Bruder und Schwester Haha ! « Baltzer , während die Grissel so sprach , hatte sich auf eine der kleinen Erdstufen gesetzt , die zu dem Gatter hinaufführten , und riß einen breiten Grashalm aus , wand ihn um seinen Finger und warf ihn wieder fort . Er wiederholte das Spiel zwei- , dreimal und sagte nach einer Weile : » Höre , Grissel , du bist eine hämische Person . Und ich habe dich für besser gehalten , als du bist . Du hast einen Haß gegen den alten Melcher , weil er , deinen Vater selig in Ehren , klüger ist als drei Kantoren oder Schulmeister zusammengenommen ... Und was redest du da von den Kindern ? Laß die Hilde ! Wenn ihr der Melcher gefällt , so mag er ihr gefallen . Und ob er das Abendmahl gibt oder nicht , ist all eins . Und wenn die Gräfin es gehen läßt , so müssen wir ' s auch gehen lassen . Katholisch wird die Hilde nicht und keiner nicht , und was ich da gestern bei der Flasche gesagt habe , dessen schäm ich mich heut , und war nichts , als was die Leute sagen , und was die sagen , ist immer Dummheit oder Lüge . Denn der alte Melcher – ob ich ihn leiden kann oder nicht , das ist eine Sach für sich – ist von den strengen und den festen Lutherschen und war letzte Woche nach Eisleben und nicht nach ' m Eichsfeld . Und du , Grissel , wenn du deinem Vater im Grabe keine Schande machen willst , so schreibe dir das achte Gebot hinter die Ohren : Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten ! « » Oh , das kenn ich und halt es auch ! « » Und das mit dem Martin « , fuhr der Heidereiter fort , ohne der Unterbrechung zu achten , » das sagst du bloß , weil du mich ärgern willst und weil du meinst , daß ich mit der Hilde höher hinaus will . Ja , Grissel , das will ich ! Und darin hast du recht . Und ist keiner hier herum und bis Ilseburg hin und das Amt mit eingerechnet , dem ich sie gönne . Und auch dem Martin nicht . Er ist ein Jung und weiter nichts . Und daß er sie liebhat , ist mir recht . Ich habe sie auch lieb , und du hast sie wenigstens lieb-gehabt . Aber du bist eine herrschsüchtige Person , und von dem Tag an ... « , er stockte , weil ihm plötzlich wieder das Bild von der Heide her vor die Seele trat und ihn verwirrte , » ... ja , von dem Tag an , wo wir den Diskurs über die Hilde hatten , hast du sie gequält und beredt und hast sie ' s entgelten lassen , daß ich damals gesagt habe : › Wir wollen es ändern , und so soll es sein . ‹ Aber du bringst sie bei mir nicht heraus . Und das mit dem Martin ist Kinderei . « » Bruder und Schwester ! « lachte sein unerbittlicher Gegenpart und zeigte die großen weißen Zähne . Von drüben her aber gingen jetzt die Glocken , und das Gespräch brach ab , weil jeder sich noch für den Kirchgang zurechtzumachen hatte . Grissel half dem Alten in seinen Festrock und gab ihm Gesangbuch und gebügelten Hut . Und nun ging er vorauf , über Brück und Weg , dann an der Kirchhofsmauer entlang , und vermied es , sich nach den Kindern umzusehen , die zwischen dem Stachelginster in einiger Entfernung folgten . Er wollte sich in seine Ruhe und Zuversicht wieder hineinleben . Und mit diesem Entschluß trat er in die Kirche . Sörgel hatte seinen guten Tag heut und sprach eindringlich und aus der Fülle des Erlebten . Und des Heidereiters große Augen waren auch wirklich unablässig nach der Kanzel hin gerichtet , und wer ihn so beobachtete , hätte glauben müssen , er verschlänge jedes Wort . Aber es war eine Täuschung ; seine Seele war wie geschlossen , und er hörte nichts von dem , was der Alte sprach . 11. Kapitel . Der Heidereiter horcht Elftes Kapitel Der Heidereiter horcht In der Kirche war es ihm nicht geglückt . Aber Baltzer Bocholt war eine willensstarke Natur , und weil er ' s bezwingen wollte , so bezwang er ' s auch , und um so rascher , als er trotz allem Aufmerken nichts sah , was dem von Grissel hingeworfenen Verdachte Nahrung gegeben hätte . Martin und Hilde sprachen unbefangen miteinander , und wenn er sie zufällig im Hof oder Garten traf oder bei Tisch einen eindringenden Blick auf sie richtete , so sah er wohl jenen Anflug von Scheu , den zu sehen er gewohnt war , aber kein Verlegenwerden und kein Erröten . Grissel hatte mal wieder überscharf gesehen und mehr gesagt , als sie verantworten konnte . Das war alles . So verging die halbe Woche bis Freitag , wo regelmäßig oben auf dem Schloß die Beamten und Verwalter ihren Rapport zu machen hatten . Das war schon zu des Grafen Zeiten so gewesen , und die Gräfin hatte nichts daran geändert . Immer um zehn begann es , und mit dem Glockenschlage zwölf wurde geschlossen . Was bis dahin nicht erledigt war , blieb für das nächste Mal . So war denn jeder im Hause daran gewöhnt , den Heidereiter nicht vor ein Uhr zurückkommen zu sehen , oft aber später , weil unmittelbar nach dem Rapport noch ein Imbiß genommen und ein vertraulicher Diskurs geführt wurde , der oft besser war als Hin- und Herschreiben und Botenläuferei . Martin und Hilde hatten auch diesmal wieder dem Freitage mit Sehnsucht entgegengesehen , weil er sie , wenigstens solange der Vortrag oben dauerte , vor dem Erscheinen des Vaters sicherstellte . Jeden anderen Tag entbehrten sie dieses Gefühls der Sicherheit vor ihm , mußten es entbehren , denn wenn er auch weit in den Wald hinaus war , er konnte sich anders besonnen haben , war plötzlich wieder da und stand zwischen ihnen , als wär er aus der Erde gewachsen . An all das war aber heute nicht zu denken , und da Grissel außerdem noch im Küchengarten zu tun hatte , wo sie gemeinschaftlich mit Joost die Saatbohnen abnahm , so saßen die Geschwister auf ihrem Lieblingsplatz in Front des Hauses und blickten auf den Bach , der heute brausender und schäumender als gewöhnlich über die großen Steine hinschoß . Denn die letzten Tage waren Regentage gewesen . Aber seit gestern war alles wieder hell und heiter , und ein paar gelbe Schmetterlinge , die der verspätete Sommertag aus ihrem Schlupfwinkel hervorgelockt hatte , haschten sich in der sonnigen Luft . Und um der Sonne willen standen auch im Hause selbst alle Türen und Fenster offen , und nur in des Heidereiters Stube , die gerade hinter ihnen , aber um ein paar Stufen höher lag , waren die Vorhänge bis auf einen handbreiten Streifen , durch den die Luft zog , heruntergelassen . Nun schlug es drüben vom Schloß her , und Martin und Hilde zählten die Schläge . » Elf « , sagte Martin . » Eine Stunde noch , und es ist wieder vorbei ; dann kann er jeden Augenblick wieder dasein . Und ein Glück noch , daß wir ihn kommen sehen . Er muß über die lichte Stelle weg , dicht neben der Kiesgrube , wo der alte Rennecke seine Geiß eingehürdet hat . Siehst du ? Da . Und der blanke Beschlag an seinem Hut ist auch ein Glück und blitzt beinah wie der Wetterhahn oben . « Und Hilde , die während dieser Worte die Hand an ihre Stirn gelegt hatte , blickte nun auch auf den Punkt hin , auf den Martin immer noch mit dem Finger wies , und beide gewahrten im Hinübersehen in der Tat nichts als den eingehürdeten Grasplatz und die Geiß , die hin und her sprang , und die Lichter und Schatten , die miteinander spielten . Aber hätten sie fünf Minuten früher ihren Blick ebenso scharf auf die Lichtung drüben gerichtet , so würden sie den blanken Beschlag an ihres Vaters Hut , von dem Martin eben gesprochen , wohl haben blitzen sehen . Denn es war heute kein Vortrag gewesen , da die Gräfin krank war , und gerad als beide die Glockenschläge gezählt , hatte der Heidereiter schon das unten gelegene kleine Haus des Parkhüters passiert und ging im Gespräch mit dem ihm seit lange befreundeten Ilseburger Obersteiger auf die große Straße zu . Hier aber verabschiedeten sie sich , weil sich ihre Wege trennten . Das Gespräch mit dem alten Freunde , der ihn unter anderem gefragt hatte : warum er so vor der Zeit versauern wolle ; er solle sich was Junges ins Haus und in die Ehe nehmen , das mache selber wieder jung , hatte doch eines Eindrucks auf ihn nicht verfehlt , und er dachte noch halb ärgerlich und halb vergnüglich darüber nach , als er keine zehn Schritte vor der Brücke stehenblieb und durch den Werft hin , der hier mannshoch den Weg einfaßte , Martins und Hildens ansichtig wurde . Sie hatte den Kopf müd und glücklich an seine Schulter gelehnt und schien aller Welt vergessen . Baltzer Bocholt war nicht der Mann des Aufhorchens und Belauschens , aber ebenso gewiß stand ihm vor der Seele , daß dies der Augenblick sei , der ihm Aufschluß geben müsse , ob Grissel recht gehabt oder nicht , und so ging er vorsichtig und immer sich duckend auf die große Straße zurück , um von dieser aus in einem weiten Bogen erst bis an den Garten und dann an die Rückseite seines Hauses zu kommen . Und nun hielt er an dem Gatter und stieg die paar Erdstufen hinunter , wo er letzten Sonntag das Gespräch mit Grissel gehabt hatte . Niemand , so schien es , sah ihn , und einen Augenblick später war er durch die Hoftür in Flur und Stube hineingehuscht und stand an dem herabgelassenen Vorhang , in dessen Schutz er jedes Wort hörte , das die beiden unten sprachen . » Und ich sag es ihm « , sagte Martin . » Und wenn er nein sagt , was er eigentlich nicht darf , dann gehen wir in die weite Welt . Alle beid . Und du mußt nur Mut haben . « Hilde schwieg . » Und weißt du , wo wir dann hingehen ? « fuhr Martin fort . » Ich weiß es . Dann gehen wir zu dem preußischen König . Der kann immer Menschen brauchen , weil er immer Krieg hat . Oder doch beinah . Aber wenn der Krieg aus ist , dann ist alles gut und hat jeder gute Tage , weil er streng ist , aber auch gerecht . Und er sieht alles und weiß alles , und wenn ein armer Mann kommt mit einem Brief in der Hand und ihn hochhält , den läßt er gleich rufen und vor sich kommen und fragt ihn nach allem ; und wenn er merkt , daß ihm ein Unrecht geschehen , dann läßt er die Reichen und Vornehmen einsperren . Und wenn ' s auch ein Graf ist . Und jeden Armen macht er glücklich . « Aber Hilde schüttelte den Kopf und sagte : » Nein , nein , Martin ; es ist besser hier . Und ich will nicht , daß du Soldat wirst . Und von der Grissel weiß ich ' s ganz genau , sie wohnen all unterm Dach und frieren oder kommen um vor Hitze . Und sie hungern auch . Und wenn sie nicht gehorchen , so werden sie totgeschossen . Und mancher auch , weil er bloß eingeschlafen ist . O nein , Martin , das ist nichts für dich ; das ist ein Jammer , und wir müssen warten und Geduld haben . « » Ach , Hilde , sage nur nicht das ! Ich will auch nicht zu den Preußen , wenn du ' s nun mal nicht willst ; aber rede nicht von Warten und Geduld . Immer Geduld und wieder Geduld . Ich kann es nicht mehr hören . Und immer bloß so verstohlen sich sehen und nie sich haben in Ruh und ungestört ; und so vielleicht Jahre noch . Ach , ich wüßte schon , wie du mir zu Ruhe helfen und das Herz wieder froh machen könntest ! Und dann , Hilde , ja dann wollt ich auch Geduld haben und warten . Ein Wort nur ! Ein einziges ! Sag es ... Versprich mir ... « » Ich kann ' s nicht ! « » Ach , du kannst schon , so du nur willst und mich liebhast ! Es ist ja so gut , als wären wir allein oben . Und alles schläft , und ist keiner , der uns sieht oder hört . Und ich denke noch an letzten Sonnabend , als wir das Lied gesungen hatten und der Vater eingeschlafen war . Weißt du noch ? Aber du hast es vergessen ! « » Wie du nur bist ! Ich hab es nicht vergessen ! « Und er küßte sie leidenschaftlich und sagte : » Sieh , Hilde , so will ich dich küssen und drücken , so ! Und du sollst jetzt nichts sagen , kein Wort , nicke nur leise mit dem Kopf ... Oh , nun ist alles gut ! Und ich komm ... « » Um Gottes willen , nein ! Ich will alles , was du willst ! Alles ! Nur nicht unter diesem Dach ! Es wäre mein Tod . Ich kann dir nicht sagen , wie sehr ich mich fürchte . « » Wovor ? Vor mir ? « » Nein , vor ihm ! Und er ist überall . Und daß ich dir ' s nur gesteh , es ist mir oft , als ob die Wände Ohren hätten und als wär ein Auge beständig um mich und über mir , das alles sieht . « » Und das ist auch ! Aber vor dem Auge fürcht ich mich nicht . « » Und ich auch nicht , Martin , auch wenn es ernst und streng sieht . Aber das Auge , das ich seh , das ist nicht Gottes Auge , das ist seines und ist finster und glüht darin , auch wenn es freundlich sieht . Fühle nur , wie mir das Herz schlägt und wie ich zittere ... « » Weil du mir ' s versprochen hast ... « » Was ? « » Daß wir uns sehen ... Nicht unter diesem Dach , ängstige dich nicht , aber unter Gottes freiem Himmel , oben auf Ellernklipp . « Sie schmiegte sich an ihn , und ihre Seele wuchs in der Vorstellung eines solchen Sichtreffens auf einsamer Klippe . Martin aber fuhr fort : » Oder lieber auf Kunerts-Kamp , da , wo deiner Mutter Haus stand ... Und um sechs ist die Sonne weg , und da komm ich und finde dich ! Und vorher pflückst du Beeren ... Es gibt ihrer noch , und die rotesten ... « Aber er brach ab , weil er vom Flur her Grissels Stimme zu hören glaubte . 12. Kapitel . Auf Ellernklipp Zwölftes Kapitel Auf Ellernklipp Martin und Hilde , als sie gestört wurden , hatten ihren Weg über die Brücke genommen , wie wenn sie zu Sörgel hinüberwollten . An der Kirchhofsmauer aber kehrten sie wieder um und gingen auf die Steine zu , die durch den Bach gelegt waren und in ihrer Verlängerung gerad auf den Hof zuführten . Hier trafen sie Grissel , die ganz Geschäftigkeit war , und hörten , wie sie zu Joost sagte : » Mach flink . Et is all an twelven . Un he kann mit eens wedder doa sinn . « » I , he is joa all « , antwortete Joost . » All lang . He käm joa so glieks nah elven , un ick soah em , as he de Grastrepp runnerkoam . Un denn dicht an ' t Huus vorbi . Hest em denn nich siehn ... ? Nei , nei , du künnst joa nich . Du wihrst joa noch mang de Stoakens . « Hilden überlief es wie der Tod , und es gab ihr nur einen halben Trost , als Grissel unter Lachen antwortete : » Hür , Joost , du bist joa binoah as uns ' oll Jätefru is , de seiht ook allens vorut , un man künn sich orntlich grulen vor di . Na , en beten will ick noch töwen . Ick segg di , he kümmt nich vor twelven . Un an mi kümmt keen een vorbi , dat ick ' t nich weeten deih . Awers kuck eens in . Wenn he doa is , möt he joa doch in siene Stuw sinn . « Joost ging hinein und kam verblüfft wieder . » Nei , he is nich in . Un ook nich in Küch un Keller ... Awers mi wihr doch so . « » Joa , mi wihr so « , wiederholte Grissel . » Di is ümmer so . Du hest ümmer een Poar Oogen to veel in ' n Kopp . Un denn oak moal wedder een Poar to wen ' g. « Unter diesem Gespräch , das sich noch weiter fortsetzte , waren die Geschwister vom Hof her in den Flur getreten , und Martin ging an den Rechen , wo die Jagdtaschen und die Gewehre hingen . Er nahm eine der aus Hanfgarn geflochtenen Taschen und flüsterte , während er die Schwester an sich zog : » Und nun vergiß nicht , Hilde . Du weißt doch : Ein Mann , ein Wort ! « Und danach rief er den Hund , der aber nicht kam , und ging auf Diegels Mühle zu . Hilde sah ihm von der Treppe her nach . Und nun wollte sie sich wieder auf die Steinbank setzen , aber sie konnt es nicht , weil ihr alle Furcht und Angst zurückkehrte , die Martins Zuversicht auf wenig Augenblicke nur aus ihrem Herzen verbannt hatte . So schwankte sie denn , wohin sie gehen sollte , und stieg endlich treppauf in ihre Kammer und öffnete Tür und Fenster . Und wirklich , als erst ein heftiger Luftzug ging , wurd ihr freier , und die Bedrückung fiel von ihr ab . Baltzer Bocholt war , als nicht Grissel , sondern ein bloß zufälliges Geräusch das Gespräch der beiden Geschwister unterbrochen hatte , vom Flur her auf den Vorplatz und gleich danach ins Freie hinausgetreten . Hier hielt er sich , immer dem Laufe des Baches folgend , auf die Dorfgasse zu , bis er zuletzt , und schon jenseits des Dorfes , an eine von einem großen Holzhof umgebene Schneidemühle kam . Er setzte sich hier auf einen Stoß frischgeschnittener Bretter , die zum Trocknen aufgeschichtet waren , und sah in das Land hinein , das vor ihm weit ausgebreitet lag . Und nun erst , als er den Blick freier hatte , begann er seine Gedanken zu sammeln und sich zu fragen : » Was ist zu tun ? « Und ein bitterer Zug umspielte seinen Mund , und er sagte : » Nichts ! Nichts ... ! Und was ist denn auch geschehen ? Sie lieben sich . Und warum sollten sie ' s nicht ? Bloß um deshalb nicht , weil ich ein Narr war und einen närrischen Plan hatte ? Bloß um deshalb nicht , weil sie Bruder und Schwester sein sollten ? Es ist ihr gutes Recht . Laß sie . Liebe steckt im Blut und muß auch Heimlichkeiten haben ; das ist ihr Liebstes und Süßestes . « Und als er so sprach , klang ' s ihm wieder im Ohr , was sie sich zugeflüstert hatten und daß sie sich oben treffen wollten , an derselben Stelle fast , wo sie da mals schlafend am Waldesrande gelegen hatte . Dicht bei der Muthe Rochussen ihrem