die englische Weltgeschichte . Unter den Leserinnen bemerkte ich meine Bekannte von der Veranda ; beim Beginn der Lektion hatte sie ihren Platz als Erste der Klasse gehabt , aber wegen irgend eines Irrtums in der Aussprache oder einer Unaufmerksamkeit in Bezug auf Interpunktion wurde sie plötzlich an das Ende der Schülerinnenreihe geschickt . Und selbst noch in dieser obskuren Stellung blieb sie unausgesetzt ein Gegenstand für Miß Scatcherds beständige Aufmerksamkeit ; fortwahrend richtete sie Worte wie die folgenden an sie : » Burns , « ( dies schien ihr Name zu sein ; die Mädchen wurden hier , wie anderswo die Knaben , mit ihren Familiennamen angeredet ) . » Burns , du stehst schon wieder einwärts , augenblicklich die Fußspitzen nach außen . « – » Burns , weshalb steckst du das Kinn in so häßlicher , unangenehmer Weise vor ? Halte den Kopf gerade ! « – Burns , ich bestehe darauf , daß du dich gerade hältst , ich will dich in solcher Stellung nicht vor mir sehen , « u. s. w. , u. s. w. Als ein Kapitel zweimal durchgelesen war , wurden die Bücher geschlossen und die Mädchen geprüft . Die Lektion hatte einen Teil der Regierung Karls I. umfaßt , und es waren unterschiedliche Fragen über Tonnengeld und Pfund- und Schiffszoll gestellt worden , welche die meisten der Mädchen zu beantworten außer stande gewesen . Jede kleine Schwierigkeit jedoch wurde gelöst , wenn sie zu Burns kam ; ihr Gedächtnis schien die Substanz der ganzen Lektion gefaßt zu haben , und sie hatte für jeden Punkt eine Antwort bereit . Ich saß da und wartete freudig erregt , daß Miß Scatcherd ihre Aufmerksamkeit rühmen würde , statt dessen rief sie plötzlich aus : » Du schmutziges , widerwärtiges Mädchen ! Heute morgen hast du deine Nägel wieder nicht gereinigt ! « Burns antwortete nicht , ich wunderte mich über ihr Schweigen . » Weshalb , « dachte ich , » erklärt sie denn nicht , daß sie weder ihr Gesicht waschen noch ihre Nägel reinigen konnte , da das Wasser gefroren war ? « Hier wurde meine Aufmerksamkeit durch Miß Smith abgelenkt , welche mich bat , ihr beim Abwinden des Zwirns behilflich zu sein . Während sie ihn abwickelte , sprach sie von Zeit zu Zeit mit mir , fragte , ob ich schon früher eine Schule besucht habe , ob ich zeichnen , sticken , stricken könne u. s. w. ; als sie mich endlich entließ , konnte ich meine Beobachtungen über Miß Scatcherds Verhalten nicht fortsetzen . Als ich auf meinen Sitz zurückkehrte , erteilte diese Dame gerade einen Befehl , dessen Inhalt ich nicht verstehen konnte . Burns verließ jedoch augenblicklich die Klasse und trat in ein kleines , inneres Zimmer , wo die Bücher aufbewahrt wurden . Nach kaum einer halben Minute kehrte sie zurück und trug in ihrer Hand ein kleines Reisigbündel , das an einem Ende zusammen gebunden war . Dieses ominöse Werkzeug überreichte sie Miß Scatcherd mit einem respektvollen Knix , dann löste sie schweigend , ohne daß es ihr befohlen wurde , ihre Schürze – und augenblicklich versetzte die Lehrerin ihr mindestens ein Dutzend scharfer Streiche mit der Rute auf Arme und Nacken . Nicht eine einzige Thräne trat in Burns Augen und während ich mit meiner Arbeit innehielt , weil ein Gefühl ohnmächtigen , hilflosen Zorns meine Finger erbeben machte , veränderte nicht ein einziger Zug in ihrem nachdenklichen , ernsten Gesicht seinen Ausdruck . » Verhärtetes Mädchen ! « rief Miß Scatcherd aus , » nichts kann dich von deinen unordentlichen Gewohnheiten heilen ! – Trage die Rute wieder fort . « Burns gehorchte . Ich sah ihr scharf ins Gesicht , als sie wieder aus der Bücherkammer heraustrat . Sie schob gerade ihr Taschentuch wieder in die Tasche , und eine Thräne glänzte in ihrem Auge und rann langsam über ihre hohle , bleiche Wange . Die Spielstunde am Abend galt mir als der angenehmste Teil des ganzen Tages in Lowood . Wenn das kleine Stück Brot , der Schluck Kaffee , den ich um fünf Uhr genossen , meinen Hunger auch nicht gestillt , so hatte er wenigstens meinen Lebensmut neu beseelt . Der lange Zwang des Tages fiel fort . Das Schulzimmer war wärmer als am Morgen , denn die Feuer in demselben durften heller brennen , weil sie in gewissem Maße die Lichter ersetzen sollten , die noch nicht eingeführt waren . Der rötliche Feuerschein , der gestattete Lärm , die Konfusion vieler Stimmen rief ein wohliges Gefühl von Freiheit hervor . Am Abend des Tages , an dem ich gesehen hatte , wie Miß Scatcherd ihre Schülerin Burns mit der Rute gezüchtigt hatte , ging ich wie gewöhnlich ohne Gefährtin zwischen Tischen und Bänken und lachenden Gruppen umher , ich fühlte mich indessen nicht einsam . Wenn ich an den Fenstern vorüberging , hob ich dann und wann einen Vorhang in die Höhe und blickte hinaus . Der Schnee fiel in dichten Flocken , vor den unteren Fensterscheiben lag bereits eine hohe Schicht ; wenn ich mein Ohr dicht an das Fenster legte , konnte ich durch den fröhlichen Tumult im Zimmer das traurige Sausen und Toben des Windes draußen unterscheiden . Wenn ich ein glückliches Heim und gütige Eltern verlassen hätte , so wäre dies wahrscheinlich die Stunde gewesen , in der ich die Trennung am bittersten und schmerzlichsten empfunden hätte . Dieser draußen tobende Sturm würde mir das Herz schwer gemacht haben , dieses düstere Chaos würde meinen Frieden gestört haben – wie die Dinge aber lagen , rief das Getöse eine seltsame Erregung in mir wach . Ich wurde unruhig und fieberhaft , ich wünschte , daß der Wind lauter heulen , die Dämmerung zur Dunkelheit werden und der Lärm in Toben ausarten möchte . Über Bänke fortspringend und unter Tischen weiterkriechend bahnte ich mir einen Weg zu einem der Kamine . Dort fand ich auf dem hohen Fender knieend Burns , welche bei dem matten Schein der glühenden Asche über der Gesellschaft ihres Buches alles vergessen hatte , was um sie her vorging . » Ist es noch immer Rasselas ? « fragte ich hinter ihr stehend . » Ja , « sagte sie , » ich bin gerade damit zu Ende . « Nach weiteren fünf Minuten schlug sie das Buch zu . Ich war froh darüber . » Jetzt , « dachte ich , » kann ich sie vielleicht zum Sprechen bringen . « Ich setzte mich neben sie auf den Fußboden , » Welchen Namen hast du noch außer Burns ? « » Helen . « » Bist du von weit hergekommen ? « » Ich komme von Norden her , von der schottischen Grenze . « » Wirst du jemals wieder nach Hause gehen ? « » Ich hoffe es , aber niemand kann in die Zukunft sehen . « » Wünschest du nicht sehr , Lowood zu verlassen ? « » Nein , weshalb sollte ich das wünschen ? Ich bin nach Lowood geschickt worden , um eine gute Erziehung zu bekommen , und was würde es nützen , fortzugehen , wenn dieser Zweck nicht erreicht ist . « » Aber jene Lehrerin , Miß Scatcherd ist doch so grausam gegen dich ? « » Grausam ? Durchaus nicht ! Sie ist strenge . Sie hat einen großen Widerwillen gegen meine Fehler . « » Und wenn ich an deiner Stelle wäre , würde ich sie hassen , ich würde mich gegen sie auflehnen ; wenn sie mich mit jener Rute schlüge , würde ich sie ihr aus der Hand reißen , vor ihrer Nase würde ich das Ding zerbrechen . « » Wahrscheinlich würdest du nichts von alledem thun , aber wenn du es thätest , so würde Mr. Brocklehurst dich mit Schimpf und Schande aus der Schule jagen . Und das wäre doch ein großer Kummer für deine Angehörigen . Es ist viel besser , einen Schmerz mit Geduld zu ertragen , den niemand fühlt , als du selbst , denn eine unüberlegte That zu begehen , deren böse Folgen alle treffen , die dir verwandt sind – und überdies gebietet die Bibel uns , Böses mit Gutem zu vergelten . « » Aber es ist doch entehrend , mit Ruten gepeitscht zu werden und in der Mitte eines Zimmers stehen zu müssen , das voller Menschen ist , und du bist schon ein so großes Mädchen ; ich bin viel jünger als du und ich könnte es nicht einmal ertragen . « » Und doch wäre es deine Pflicht , es zu ertragen , wenn du es nicht vermeiden könntest . Es ist schwach und albern zu sagen , daß du nicht ertragen kannst , was das Schicksal dir auferlegt . « Staunend hörte ich ihr zu . Ich konnte diese Lehre der Duldsamkeit nicht begreifen ; und noch weniger konnte ich die Versöhnlichkeit , mit welcher sie von ihrer Quälerin sprach , verstehen , noch mit derselben sympathisieren . Doch fühlte ich , daß Helen Burns alle Dinge in einem Lichte sah , das meinen Augen nicht sichtbar war . Ich vermutete , daß sie Recht hatte und ich Unrecht ; aber ich wollte nicht tiefer über die Sache nachdenken – wie Felix schob ich es für eine passendere Gelegenheit auf . » Du sagst , daß du Fehler hast , Helen , nenne sie mir doch . Mir erscheinst du so gut . « » Dann lerne von mir , daß man nicht nach dem Schein urteilen darf . Ich bin , wie Miß Scatcherd sagt , sehr unordentlich ; selten nur mache ich Ordnung zwischen meinen Sachen und niemals erhalte ich diese Ordnung ; ich bin unachtsam ; ich vergesse die Vorschriften ; ich lese , wenn ich meine Aufgaben machen sollte ; ich habe keine Methode und zuweilen sage ich wie du , ich kann es nicht ertragen , mich systematischen Einrichtungen zu unterwerfen . Alles dies ist sehr ärgerlich für Miß Scatcherd , welche von Natur sauber und reinlich und pünktlich ist . « » Und böse und grausam , « fügte ich hinzu , aber Helen Burns wollte diesen Zusatz nicht gelten lassen , sie schwieg . » Ist Miß Temple ebenso streng gegen dich , wie Miß Scatcherd ? « fragte ich wieder . Bei der Nennung von Miß Temples Name flog ein sanftes Lächeln über ihr sonst so ernstes Gesicht . » Miß Temple ist voller Güte ; es bereitet ihr Schmerz , gegen irgend jemanden strenge sein zu müssen , selbst gegen die schlechteste Schülerin der ganzen Schule . Sie sieht meine Fehler und belehrt mich mit Sanftmut über dieselben ; wenn ich aber irgend etwas lobenswertes thue , so ist sie sehr freigebig mit ihren Lobeserhebungen . Ein starker Beweis für meine unglückselig elende , fehlerhafte , schwache Natur ist es , daß sogar ihre Vorstellungen , so milde , so vernünftig , nicht genug Einfluß haben , um mich von meinen Fehlern zu kurieren . Und sogar ihr Lob , obgleich ich es so hoch schätze , kann mich nicht zu andauernder Sorgsamkeit und Überlegung anspornen . « » Das ist seltsam , « sagte ich , » es ist doch so leicht , sorgsam zu sein . « » Für dich ist es das ohne Zweifel . Ich habe dich heute Morgen in deiner Klasse beobachtet und sah , wie unverwandt aufmerksam du warst . Deine Gedanken schienen niemals abzuschweifen , während Miß Miller die Lektion erklärte und dich befragte . Und die meinen wandern fortwährend ; wenn ich Miß Scatcherd zuhören und mit Sorgfalt alles in mich aufnehmen sollte , was sie sagt , höre ich oft sogar den Laut ihrer Stimme nicht mehr ; ich versinke in eine Art von Traum . Manchmal glaube ich , daß ich in Northumberland bin und daß der Lärm , den ich um mich herum höre , das Plätschern und Rieseln eines kleinen Baches ist , der durch Deepden , ganz nahe unserem Hause , fließt : – – wenn dann die Reihe an mich kommt zu antworten , muß ich erst geweckt werden , und weil ich dann von allem , was gelesen wurde , nichts gehört habe , weil ich dem Rauschen des imaginären Baches lauschte , so habe ich niemals eine Antwort in Bereitschaft . « » Aber du hast doch heute Nachmittag so gut geantwortet . « » Das war ein reiner Zufall , Der Gegenstand , über den wir gelesen , hatte mein ganzes Interesse geweckt . Anstatt von Deepden zu träumen , dachte ich heute Nachmittag verwundert darüber nach , wie ein Mann , der so innig wünschte , das Gute zu thun , oft so ungerecht und unklug handeln konnte wie Karl I. es gethan ; und ich dachte , wie traurig es gewesen , daß er bei all seiner Rechtschaffenheit und Gewissenhaftigkeit nicht weiter blicken konnte , als bis zu den Prärogativen der Krone . Wenn er nur im stande gewesen wäre , in die Ferne zu blicken und zu sehen , wohin das , was man den Geist der Zeit nennt , eigentlich strebte ! Und doch – ich liebe Karl – ich achte ihn – ich bedauere ihn , den armen gemordeten König ! Ja , seine Feinde waren die schlimmsten ; sie vergossen Blut , welches zu vergießen sie kein Recht hatten ! Wie konnten sie es wagen , ihn zu töten ! « Helen sprach jetzt mit sich selbst ; sie hatte ganz vergessen , daß ich wohl kaum im stande war , sie zu verstehen – daß ich unwissend war , daß der Gegenstand , über den sie diskutierte , mir fast unbekannt war . Ich rief sie wieder auf meinen Standpunkt zurück . » Wandern deine Gedanken auch , wenn Miß Temple dich unterrichtet ? « » Nein , gewiß nicht , oder doch nur selten . Miß Temple hat immer etwas zu sagen , das für meine eigenen Reflexionen noch neu ist . Ihre Sprechweise ist mir seltsam angenehm , und die Belehrung , welche sie erteilt , ist meistens grade das , was ich zu lernen wünschte . « » Also mit Miß Temple bist du gut ? « » Ja , in einer passiven Weise . Ich mache keine besondere Anstrengung , ich folge nur , wohin meine Neigung mich führt . In solcher Güte liegt doch kein besonderes Verdienst . « » Ein großes Verdienst ! Du bist gut mit denen , die gut mit dir sind . Wahrhaftig , ich wünschte nur , daß ich das sein könnte . Wenn die Menschen stets gut und gehorsam den Ungerechten gegenüber wären , so ginge den bösen Menschen ja alles nach ihrem Kopfe ; sie würden vor nichts zurückschrecken und sich niemals bessern , sondern immer schlechter und schlechter werden . Wenn man uns ohne Grund schlägt , so sollten wir mit aller Macht wieder schlagen . Ganz gewiß – das sollten wir thun , so kräftig , daß die Person , welche es gethan hat , sich wohl hüten würde , es jemals wieder zu thun . « » Ich hoffe , du wirst anderen Sinnes werden , wenn du älter wirst , bis jetzt bist du ja nur ein kleines , unwissendes Mädchen , das es nicht besser gelernt hat . « » Aber das fühle ich doch klar , Helen , daß ich die hassen muß , die fortfahren mich zu hassen , trotzdem ich alles thue , was ihnen Freude machen kann ; ich muß mich auflehnen gegen die , welche mich ungerecht bestrafen . Es ist ebenso natürlich , wie daß ich jene liebe , die mir Liebe zeigen , oder daß ich mich ruhig einer Strafe unterwerfe , wenn ich fühle , daß sie verdient ist . « » Heiden und wilde Stämme huldigen solcher Doktrin , aber Christen und civilisierte Nationen erkennen sie nicht an . « » Wie ? Ich verstehe das nicht . « » Nicht Heftigkeit oder Gewalt vermag den Haß am besten zu besiegen – nicht befriedigtes Rachegefühl heilt die geschlagenen Wunden . « » Was sonst ? « » Lies das Neue Testament und merke , was Christus sagt , wie er handelt – mache sein Wort zu deiner Richtschnur , sein Thun zu deinem Beispiel . « » Was sagt er ? « » Liebet eure Feinde , segnet die , so euch fluchen , thut wohl denen , die euch hassen und euch beleidigen . « » Dann müßte ich Mrs. Reed lieben und das kann ich nicht ; ich müßte ihren Sohn John segnen , und das ist unmöglich . « Ihrerseits bat Helen Burns nun , mich ihr zu erklären , und sofort begann ich in meiner eigenen Weise ihr die ganze Geschichte meiner Leiden und Qualen , das ganze Register der mir widerfahrenen Unbill zu erzählen . Wild und bitter , wenn ich erregt war , sprach ich , wie ich fühlte , ohne Beschönigung , ohne Zurückhaltung . Geduldig hörte Helen mir bis zu Ende zu . Ich erwartete dann , daß sie irgend eine Bemerkung machen werde , aber sie verharrte schweigend . » Nun , « fragte ich ungeduldig , » ist Mrs. Reed nicht ein herzloses , böses Weib ? « » Sie ist nicht gütig gegen dich gewesen , ohne Zweifel , weil sie – das mußt du begreifen lernen – deinen Charakter ebenso widerlich findet wie Miß Scatcherd den meinen . Wie genau du dich aber an alles erinnerst , was sie dir gethan , was sie dir gesagt hat ! Welch einen seltsam tiefen Eindruck ihre Ungerechtigkeit auf dein Herz gemacht zu haben scheint ! So tief vermag die Erinnerung an erlittenes Unrecht sich meinem Gefühl nicht einzuprägen . Würdest du nicht glücklicher sein , wenn du versuchtest , ihre Strenge zu vergessen , sowie die leidenschaftlichen Empfindungen , welche diese wachrief ? Das Leben scheint mir doch zu kurz zu sein , um es damit hinzubringen , Feindseligkeit zu nähren und erduldete Unbill zu verzeichnen . Ein jeder von uns ist auf dieser Welt mit Fehlern beladen und er muß es sein ; – aber bald wird die Zeit kommen , das hoffe ich zuversichtlich , wo wir sie ablegen zusammen mit unserem vergänglichen , irdischen Leibe ; wo wir Vergänglichkeit und Sünde mit diesem hinfälligen Fleische von uns streifen , und nur der Geistesfunke zurückbleibt – dieser unerschütterliche , unverrückbare Grundstein des Lebens und des Gedankens , so rein geblieben wie er war , als er vom Schöpfer ausging , um die Kreatur zu beleben ; er wird dorthin zurückkehren , von wannen er kam – vielleicht um in ein Wesen überzugehen , das höher und erhabener ist als der Mensch – vielleicht um durch alle Phasen der Ewigkeit zur Herrlichkeit einzugehen , von der ohnmächtigen menschlichen Seele bis hinauf zum Seraph zu steigen ! Denn gewiß , nimmer kann es doch sein , daß wir umgekehrt vom Menschen zum Teufel degenerieren ? Nein . Das kann ich nicht glauben . Mein Glaubensbekenntnis ist ein anderes . Niemand hat es mich jemals gelehrt , und nur selten spreche ich davon , aber es ist meine ganze Glückseligkeit , und ich klammere mich fest daran , denn es gewährt allen Hoffnung – es macht die Ewigkeit zur Ruhe , zum Frieden – zur himmlischen Heimat , nicht zum Schrecken , nicht zum Abgrund . Und außerdem gewährt dieser Glaube mir die Fähigkeit , zwischen dem Verbrecher und seinem Verbrechen zu unterscheiden . Ich bin im stande , ersterem von Herzen zu vergeben , während ich seine That verabscheue . Und dieser mein Glaube macht auch , daß Rachegefühl mein Herz niemals quält , Zurücksetzung mich nicht zu tief verwundet , Ungerechtigkeit mich niemals ganz zermalmen kann : ich lebe in Frieden und denke an das Ende ! « Helens Kopf , den sie immer ein wenig gesenkt trug , sank noch tiefer herab , als sie die letzten Worte sprach . Ich sah es ihren Blicken an , daß sie kein Verlangen trug , noch länger mit mir zu reden , daß sie gern mit ihren eigenen Gedanken allein sein wollte . Man ließ ihr jedoch nicht Zeit zum Nachdenken . Eine Aufseherin , ein großes , grobes Mädchen trat in diesem Augenblick an sie heran und rief im ausgeprägten cumberländischen Accent : » Helen Burns , wenn du nicht hinauf gehst und augenblicklich Ordnung in deiner Schieblade machst und sofort deine Arbeit sauber zusammenfaltest , so werde ich Miß Scatcherd rufen und sie bitten , sich die Sache anzusehen . « Helen seufzte , als ihre Träumereien ein so jähes Ende nahmen , aber sie erhob sich und gehorchte der Aufseherin ohne Zögern , ohne Erwiderung . Siebentes Kapitel . Das erste Vierteljahr in Lowood dünkte mich ein Menschenalter , aber durchaus kein goldenes Zeitalter ; es bedeutete einen ermüdenden Kampf mit der Schwierigkeit , mich in neue Regeln und ungewohnte Aufgaben hineinzuarbeiten . Die Furcht in diesen Punkten zu unterliegen , quälte mich mehr , als die physischen Mühseligkeiten und Entbehrungen , die mein Los waren . Und auch diese waren wahrlich keine Kleinigkeiten . Während der Monate Januar , Februar und März hinderten der tiefe Schnee und , nachdem er fortgeschmolzen , die fast unpassierbaren Straßen uns daran , weiter zu gehen , als bis an die Mauern des Gartens – nur der sonntägliche Weg in die Kirche machte eine Ausnahme – aber innerhalb dieser Grenzen mußten wir jeden Tag eine Stunde in freier Luft zubringen . Unsere Bekleidung war nicht hinreichend , um uns gegen die strenge Kälte zu schützen . Wir hatten keine Stiefel , der Schnee drang in unsere Schuhe und schmolz darin ; unsere unbehandschuhten Hände erstarrten und bedeckten sich nach und nach mit Frostbeulen , ebenso unsere Füße . Ich erinnere mich noch der verzweifelten Schmerzen , welche ich aus dieser Ursache jeden Abend erduldete , wenn meine Füße sich entzündeten , und der Schmerzen , wenn ich die geschwollenen , wunden und steifen Zehen am Morgen in die Schuhe zwängen mußte . Auch die Kargheit der Nahrung brachte uns fast zur Verzweiflung ; wir hatten den regen Appetit von im Wachstum begriffener Kinder , und man gab uns kaum genug , um einen schwachen Kranken damit am Leben zu erhalten . Aus diesem Mangel an Nahrung entstand ein Mißbrauch , welcher schwer auf den jüngeren Schülerinnen lastete . Wenn sich nämlich den größeren , heißhungrigen Mädchen eine Gelegenheit dazu bot , so brachten sie die Kleinen durch Schmeicheleien oder Drohungen dahin , ihnen ihren Anteil abzutreten . Gar manchesmal habe ich zwischen zwei Anspruchmachenden den kostbaren Bissen Schwarzbrot geteilt , den wir zur Theestunde bekamen , und nachdem ich dann noch einer dritten die Hälfte vom Inhalte meines Kaffeenapfes gegeben hatte , schluckte ich den Rest zusammen mit bitteren , geheimen Thränen hinunter , welche der Hunger mir im wahrsten Sinne des Wortes erpreßte . Die Sonntage waren trübe Tage in dieser Winterzeit . Wir mußten zwei Meilen bis zur Kirche von Brocklehurst gehen , wo unser Schutzherr den Gottesdienst verrichtete . Halb erfroren machten wir uns auf den Weg , noch erfrorener langten wir in der Kirche an ; während des Morgengottesdienstes lähmte uns die Kälte beinahe . Der Weg war zu weit , um zum Mittagessen nach Lowood zurückzukehren , daher reichte man uns zwischen den beiden Predigten eine Ration von kaltem Fleisch und Braten , welche in derselben kärglichen Proportion gehalten wurde , die man bei unseren gewöhnlichen Mahlzeiten zum Maßstab genommen . Nach dem Schluß des Nachmittagsgottesdienstes kehrten wir über eine hügelige , dem Winde ausgesetzte Straße nach Hause zurück . Der eisige Wintersturm , der über eine Kette schneebedeckter Hügel von Norden her blies , riß uns beinahe die Haut von den Wangen . Ich erinnere mich noch Miß Temples , wie sie fest in ihren schottischen Mantel gehüllt , den der Wind ihr fortwährend zu entreißen drohte , leichtfüßig und schnell an unseren ermatteten Reihen entlang ging und uns durch Worte und Beispiel ermunterte , Mut zu behalten und vorwärts zu schreiten » tapferen Soldaten gleich , « wie sie zu sagen pflegte . Die übrigen Lehrerinnen , die armen Dinger , waren gewöhnlich selbst zu niedergeschlagen , um das Unternehmen zu wagen , andere zu ermutigen und zu trösten . Wie wir uns nach dem Licht und der Wärme eines hellen Feuers sehnten , wenn wir nach Hause kamen ! – Aber dieser Genuß blieb uns versagt – den Kleineren wenigstens . Jeder Kamin im Schulzimmer war augenblicklich von einer doppelten Reihe großer Mädchen belagert und hinter diesen krochen die kleinen Kinder in trostlosen Gruppen umher , ihre abgemagerten Arme in ihre Schürzen hüllend . Ein schwacher Trost ward uns in der Theestunde in Gestalt einer doppelten Brotration – eine ganze Scheibe anstatt einer halben – mit der köstlichen Zuthat einer dünnen Schicht von Butter ; es war ein allwöchentlicher Genuß , dem wir von Sabbath zu Sabbat sehnsuchtsvoll entgegensahen . Gewöhnlich gelang es mir , die Hälfte dieses lukullischen Mahls für mich zu behalten , die andere Hälfte mußte ich unabänderlich jedesmal verschenken . Der Sonntagabend wurde dazu verwandt , den Kirchenkatechismus , das fünfte , sechste und siebente Kapitel des Evangeliums St. Matthäi auswendig zu wiederholen , und eine lange Predigt mit anzuhören , welche die arme Miß Miller , deren nicht zu unterdrückendes Gähnen ihre Müdigkeit verriet , uns vorlas . Ein häufiges Intermezzo dieser Leistungen bildete die Aufführung der Rolle des Eutychus durch ungefähr ein halbes Dutzend der kleinen Mädchen . Überwältigt von Müdigkeit pflegten sie von der Bank zu fallen – wenn auch nicht vom dritten Stockwerk – und halbtot wieder emporgehoben zu werden . Die Abhilfe hiergegen bestand darin , daß man sie in das Centrum des Schulzimmers hineinstieß , wo sie gezwungen wurden auszuharren , bis die Predigt zu Ende war . Zuweilen versagten die Füße ihnen den Dienst und sie sanken in einen hilflosen Klumpen zusammen ; dann pflegte man sie durch die hohen Stühle der Aufseherinnen zu stützen . Noch habe ich der Besuche Mr. Brocklehursts nicht Erwähnung gethan ; und in der That war dieser Ehrenmann während des größten Teils meines ersten Monats in Lowood von Hause abwesend ; vielleicht zog sein Besuch bei seinem Freunde dem Erzbischof sich so sehr in die Länge . Seine Abwesenheit war in der That eine Erleichterung für mich . Ich brauche wohl nicht zu sagen , daß ich meine eigenen Gründe hatte , um sein Kommen zu fürchten . Aber endlich kam er doch . Eines Nachmittags – ich war damals gerade drei Wochen in Lowood gewesen – saß ich mit der Tafel in der Hand da und zerbrach mir den Kopf über ein langes Divisionsexempel , als meine Blicke sich ganz gedankenlos auf das Fenster richteten . In diesem Augenblick schritt eine Gestalt an demselben vorbei . Fast instinktiv erkannte ich diese hageren Umrisse , und als zwei Minuten später die ganze Schule mit Inbegriff der Lehrerinnen sich erhob , en masse erhob , brauchte ich nicht aufzublicken , um mich zu vergewissern , wessen Eintritt denn auf diese Weise begrüßt wurde . Ein langer Schritt durchmaß das Schulzimmer und gleich darauf stand neben Miß Temple , die sich ebenfalls erhoben hatte , dieselbe schwarze Säule , welche vor dem Kamin im Herrenhause von Gateshead-Hall so finster und unheilvoll auf mich herabgeblickt hatte . Jetzt blickte ich von der Seite auf dieses architektonische Werk . Ja , ich hatte mich nicht getäuscht , es war Mr. Brocklehurst , fest in seinen Überzieher geknöpft , und länger , schmäler und steifer aussehend denn je . Ich hatte meine besonderen Gründe , beim Anblick dieser Erscheinung zu erschrecken . Ich erinnere mich nur zu wohl der perfiden Winke , welche Mrs. Reed ihm über meinen Charakter gegeben hatte , und des von Mr. Brocklehurst gegebenen Versprechens , Miß Temple und die Lehrerinnen von meiner lasterhaften , verderbten Natur in Kenntnis zu setzen . Während der ganzen Zeit hatte ich schon die Erfüllung seines Versprechens gefürchtet ; täglich hatte ich nach dem » Manne , der da kommen sollte « , um durch seine Auskunft über mein vergangenes Leben und mein Betragen mich als ein schlechtes Kind zu brandmarken , ausgesehen – jetzt war er da ! Er stand neben Miß Temple ; er sprach leise zu ihr ins Ohr . Ich zweifelte keinen Augenblick daran , daß er ihr Enthüllungen über meine Schlechtigkeit machte ; mit qualvoller Angst beobachtete ich ihre Blicke , jede Minute erwartete ich , ihr dunkles Auge sich voll Abscheu und Verachtung auf mich heften zu sehen . Auch horchte ich . Und da ich am oberen Ende des Zimmers saß , konnte ich den größten Teil des von ihm geführten Gesprächs hören . Der Inhalt desselben befreite mich wenigstens von der augenblicklichen Furcht . » Ich hoffe , Miß Temple , daß der Zwirn , den ich in Lowton gekauft habe , genügen wird . Es fiel mir ein , daß diese Qualität gerade für die Calikohemden gut sein werde und ich habe auch die dazu passenden Nadeln ausgesucht . Wollen Sie Miß Smith sagen , daß ich vergaß , mir die Stopfnadeln zu notieren ; nächste Woche wird sie indessen mehrere Päckchen derselben bekommen , und sagen Sie ihr auch , daß sie jeder Schülerin unter keiner Bedingung mehr als eine Nadel zur Zeit giebt , wenn sie mehre davon haben , werden sie oft nachlässig und verlieren sie nur . Und dann , o , Miß Temple ! Ich wünschte wirklich , daß den wollenen Strümpfen mehr Beachtung geschenkt würde ! – Als ich das letztemal hier war , ging ich in den Küchengarten und besah mir die Wäsche , welche auf der Leine trocknete . Eine ganze Menge der schwarzen Strümpfe war auf die mangelhafteste Weise gestopft . Aus der Größe der