, was da vorginge . Mein Gatte war außer sich vor Entzücken über das Temperament seines Hundes , drohte ihn zum Scherz mit dem Revolver und fragte ein Mal über das andere , ob er nicht ein Teufelskerl sei . Der Professor aber meinte wohl , daß dieser Ehrentitel sich auf ihn beziehe , und hielt den Miterben für einen tobsüchtigen neuen Patienten , den ich ihm zuführen wollte . Mit dem Professor gibt es eben immer Mißverständnisse , und ich hatte viele Mühe , ihm bei dem Höllenspektakel den Zusammenhang zwischen mir , dem Mann und dem Hund begreiflich zu machen . Die Zornesader auf seiner Stirn schwoll immer mehr an , ich glaube , er war nahe daran , selber einen Tobsuchtsanfall zu bekommen , was für das Sanatorium gewiß keine gute Reklame wäre . Als dieser Zwischenfall erledigt war , kam das Geschäftliche an die Reihe . Der rauhe Gatte durchsuchte sämtliche Innentaschen seiner Lederjacke und förderte schließlich ein imposantes Dokument zutage , den Depositenschein der finnischen Bank , die uns das Pflichtteil abzuliefern hat . Es besteht einstweilen noch nicht in barem Geld , sondern in Eisenbahnobligationen . Wir beratschlagten eine Weile , gingen dann in die Stadt hinunter zur Bank und gaben Auftrag , die Papiere sofort telegraphisch zu verkaufen . Dann machten wir eine größere Spazierfahrt mit sämtlichen Hunden . Die anderen hatte ich den ganzen Tag nicht gesehen und konnte ihnen erst beim Abendessen Bericht erstatten . Lukas legte Messer und Gabel hin , als ich auf unsere Aktion bei der Bank zu sprechen kam , und vergaß alle Höflichkeit . » Ja , haben Sie denn ganz den Verstand verloren ? Telegraphisch und en bloc verkaufen ? « » Wir können wirklich nicht mehr warten « , wendete ich kleinlaut ein . » Das muß wieder rückgängig gemacht werden . Was sind es denn für Papiere ? « Ich nannte sie ihm , stolz darauf , daß ich es wußte und mir keine Blöße zu geben brauchte . Er jammerte , daß es einen Stein erbarmen könnte , und wir sind alle ganz hingerissen vor Mitgefühl . - Man hätte die Obligationen herschicken sollen , sie deponieren , nach und nach verkaufen - und was weiß ich , ich verstehe nichts von solchen Sachen . Wer von uns denn auf diese glorreiche Idee gekommen sei ? » Alle beide - wir haben uns überlegt , wie es am schnellsten ginge . « » Anstatt erst irgendeinen vernünftigen Menschen um Rat zu fragen ... « » Nein , jetzt tun Sie mir Unrecht . Ich habe mich durchaus sachverständig benommen und den Bankdirektor gefragt , ob es nicht besser sei , vorläufig nur einige von den Papieren zu verkaufen . Aber er riet mir zu , es gleich en bloc zu machen . « Achselzucken , Schweigen . » Ist das nicht der große Blonde , den wir öfters im Café sahen und der immer so unglücklich aussieht ? « fragte Henry . » Ja , er ist entschieden Melancholiker . Als ich erwähnte , es eile , weil ich auf Reisen gehen wollte , sagte er ganz ergriffen : Gott , wer doch auch reisen könnte - weit fort reisen . - Kommen Sie mit , sagte ich , um ihn etwas aufzuheitern , aber er hat nur traurig den Kopf geschüttelt . « » Nehmen Sie ihn nur mit « , sagte Lukas mit schwacher Stimme , » ein melancholischer Bankdirektor ist gerade die rechte Gesellschaft für Sie . « 19 Vor meiner Abreise kam ich nicht mehr dazu , Dir Nachricht zu geben , und kann auch heute nur kurz schreiben . Begreife - ich weiß noch nicht recht , wie mir ist . Das Sanatorium ist vergessen und versunken wie ein alberner Spuk ... War ich denn jemals in einem Sanatorium ? Habe ich jemals durch Ewigkeiten hindurch auf Geld gewartet ? Hatte ich wirklich einmal einen Geldkomplex , den man mir weganalysieren wollte ? Und ist er jetzt tatsächlich ganz fort ? Das , Maria , ist eine große Frage , die ich heute noch nicht zu beantworten wage . Mir scheint beinahe , er hat sich nur verändert . Denn seit es da ist , dreht sich alles , was ich empfinde , doch wieder ausschließlich um Geld , wenn auch diesmal in positivem Sinn , aber es dreht sich . Dreht sich um greifbar vorhandene Banknoten , Goldstücke , Schecks , Kreditbriefe , Möglichkeiten , Einkäufe und so weiter . Es ist immer noch zu persönlich , es erfüllt mich noch zu sehr , ich muß immerfort daran denken . Zum erstenmal in meinem Leben habe ich eine Nacht nicht schlafen können , weil es wirklich da war . Baumann sagt ... aber ich habe noch verschiedenes nachzuholen . Am Tage , nachdem der Depositenschein präsentiert wurde und wir der Bank unsere Order erteilten , haben wir denn auch Henrys Korrespondenz eröffnet . Es ergab sich daraus unter anderem , daß Herr Alramseder definitiv unschädlich gemacht worden ist , indem seine eigenen Kaffern ihn gelyncht haben , ferner , daß Gottfried einsam und verzweifelt das Petroleumgebiet beaufsichtigt , ohne jede Nachricht von Balailoff , und auf unser Einschreiten hofft , und schließlich , daß Henry eine Geschäftsreise nach Spanien zu machen hat , die sich mit einer gemeinsamen Vergnügungsfahrt sehr gut verbinden ließe . Gottfried haben wir dann gleich telegraphisch ausgelöst und mitgenommen , da er sehr erholungsbedürftig war , und Baumann hat sich angeschlossen , weil , wie er behauptet , die Weiterentwicklung unserer Komplexe ihn lebhaft interessiert . Der Miterbe ist dort geblieben , sein Hotelwirt und er können sich nicht mehr voneinander trennen . Übrigens war das Geld noch nicht wirklich angekommen , als wir abfuhren , aber die Bank gab Vorschuß . Wir hatten die Schiffsbilletts schon bestellt und wollten nicht länger warten . Dummerweise verfehlten wir das Schiff trotzdem , da es jeder Tradition zuwider fahrplanmäßig abgefahren war , und auf der Bahnlinie Genua-Marseille wurde gestreikt , man konnte auch damit nicht weiterkommen ... Das Pflichtteil rebelliert also immer noch . Wie oft hat man eine Reise unterlassen , weil man sie sich nicht leisten konnte . Jetzt konnten wir uns einen Extrazug nehmen , aber die Bahnlinie streikte . Kein Mensch wird mir einreden , daß es wirklich die Eisenbahner sind , die ihre Arbeit niederlegen . Die anderen schlugen vor , sich angenehm in Genua zu etablieren und abzuwarten , aber ich bin außerstande , noch auf irgend etwas zu warten , und halte es für besser , die Dinge zu überlisten , wenn sie einen schikanieren wollen . So haben wir uns , da vorläufig kein anderes Schiff in der gewünschten Richtung fuhr , auf einem kleinen spanischen Frachtdampfer einquartiert und hoffen , daß wenigstens dieser irgendwann in See stechen wird . Unterwegs kann man dann vielleicht wieder wechseln oder in die Bahn steigen . Es sollen noch zwanzig Kühe eingeschifft werden , und das hat seine Schwierigkeiten , räumliche und bureaukratische - wir sind darüber noch nicht ganz im Bilde . Einstweilen steht nur soviel fest , daß die Abfahrt spät abends oder in aller Herrgottsfrühe vor sich gehen soll , und der Steward riet uns dringend , deshalb schon auf dem Schiff zu wohnen . Auf Passagiere , die nicht zur Stelle seien , könne man unmöglich warten , nachdem man schon so lange auf die Kühe gewartet habe . Die Kabinen , wie das ganze übrige Fahrzeug , sind nichts weniger als komfortabel , und man muß die ersehnten Luxusgefühle vorläufig noch verdrängen , wenigstens für die Nacht . Bei Tag gehen wir natürlich an Land , erholen uns , schlemmen und kaufen . Unausstehlich ist Baumann , er will immer dabei sein , analysiert jede Ausgabe und die Art , wie sie gemacht wird . Ich möchte ihn ans Ende der Welt schicken , aber es geht nicht , schließlich verdanke ich doch nur ihm , daß ich so lange im Sanatorium bleiben konnte . Ich habe viel zu tun . Unter anderem muß Gottfried angezogen werden , er sah so aus , daß wir uns selbst auf dem Schiff mit ihm genierten . Eben sind die Kühe angekommen , sie werden jetzt verladen , und abends fahren wir ab . Von unterwegs Weiteres . 20 Die anderen schimpfen wie wahnsinnig , daß ich sie zu dieser Fahrt verlockt habe . Es hat gleich ein heilloser Sturm eingesetzt , und sie liegen alle todkrank in ihren Kabinen . Der Steward , der nicht an Passagiere gewöhnt ist , rupft seelenruhig Hühner , anstatt sie zu bedienen . Ich selbst werde nie seekrank , mir wird höchstens schlecht , wenn ... aber die Zeiten sind ja glücklich vorüber . Über das Deck , soweit von einem solchen die Rede sein kann , geht eine Sturzsee nach der anderen . Bei der Kajütentreppe ist ein kleiner geschützter Raum , und da sitze ich auf einem Liegestuhl , den man mit Stricken festgebunden hat . Ganz allein , und dieses Alleinsein koste ich in vollen Zügen aus . Es ist , als sei die ganze Welt versunken und nichts zurückgeblieben als Himmel , Meer und Geld . 21 Seit ich von unterwegs den letzten etwas flüchtigen und durchgerüttelten Gruß an Dich abschickte , ist mehr als eine Woche vergangen . Wir sind immer noch an Bord . Durchschnittlich jeden anderen Tag legen wir in irgendeinem Hafennest an , um zu löschen , oder weil die Kühe einen Ruhetag brauchen . Diese Tiere können nämlich an der Seekrankheit sterben , und das Wetter ist andauernd stürmisch . Ich habe dem Kapitän verschiedentlich angeboten , alle zwanzig zu kaufen und sie dann an der nächsten Landungsstelle auszusetzen , damit wir nun einmal vom Fleck kommen - nicht meinetwegen , denn von mir aus könnte die Reise ewig dauern , aber die anderen sind so ungeduldig . Er wollte jedoch nicht darauf eingehen . Ob wir jemals ankommen oder am Ende noch mit dieser Baracke untergehen ? Es ist ja klar , daß das Geld mich immer noch foppen will . Seit es mir nicht mehr entrinnen kann , kommt immer wieder eine Situation zustande , die ein intensives Ausgeben unmöglich macht . Entweder war keine Zeit mehr wie in Genua oder keine Gelegenheit wie jetzt . Und ich habe doch so sehr das Gefühl , es müßte endlich einmal ein Exempel statuiert werden , damit es mich als Herrin anerkennt . Die Taschen meiner Begleiter und meine eigenen - ich habe einen Reisemantel mit vielen und geräumigen Taschen - platzen vor Geldscheinen , und sie werden nicht weniger , es ist manchmal , als ob sie mich höhnisch angrinsten : » Gib uns doch aus , wenn du kannst . « Diese Art zu reisen ist hoffnungslos billig und , wie schon erwähnt , ich kann nicht einmal die Kühe kaufen , weil der Kapitän so halsstarrig ist . Wir haben alles versucht , um einen protzigen Ton einzuführen , es gelingt nur halb . Zu Tisch machen wir Toilette , die Herren im Smoking - aber das kostet nichts und ist einigermaßen deplaciert . Die Leute halten uns für mehr als übergeschnappt , schon weil wir überhaupt mit ihnen gefahren sind . Sie haben sonst nie Passagiere erster Klasse , und es ist ihnen nur lästig , weil sie lieber Eßvorräte in den Kabinen aufbewahren . Das Leben ist doch verdreht - kaum ist man aus dem Sanatorium heraus , so halten einen alle für verrückt . Dabei müssen wir uns dem Bordkomment fügen , um zehn Uhr früh zu Mittag essen , und um fünf zu Abend . Extramahlzeiten werden nicht serviert . Es geht uns also ähnlich wie dem hungernden Araber , der einen Sack Perlen in der Wüste fand ... Der beklagenswerte Gottfried hat zum Beispiel immer noch keinen Mantel , weil sich damals in der Eile nichts Passendes fand , und muß elend frieren oder sich an Deck in eine Wolldecke einwickeln . Nach dem Souper telegraphieren wir . Der Funkapparat ist der einzige Luxusgegenstand auf unserem Dampfer . 22 Monte Carlo Zwei Briefe von Dir habe ich hier bekommen - sei nicht böse , daß ich nicht schrieb , aber ich denke , Du wirst wenigstens einige Funktelegramme erhalten haben . Wir sind nicht , wie zu erwarten stand , mit Mann und Maus untergegangen , sondern tatsächlich eines Tages in Barcelona angekommen , und die Kühe wurden noch in unserer Gegenwart gelöscht . Das ganze Schiff , und wir mit , interessierte sich zuletzt ausschließlich für ihr Befinden , so daß es fast zu einem neuen Komplex wurde . Dann aber haben wir alle weiteren Reisegedanken buchstäblich über Bord geworfen , in Barcelona nur gefrühstückt und sind mit dem nächsten Zug nach Monte gefahren . Es war wie eine plötzliche Erleuchtung , daß wir dahin müßten . Und die Fahrt ging ohne jeden Zwischenfall vor sich . Nichts streikte , kein Zug entgleiste , kein Hotel ging in Flammen auf . Hier bin ich vollkommen und wunschlos glücklich , Maria , mir ist , als hätte ich die Heimat gefunden und alles , was dazugehört . Man wohnt nicht , man ist im Hotel , und am Spieltisch gibt es keine Vergangenheit , keine Zukunft und keine Gegenwart mehr , keine Spannungen und keine Gedanken . Denn ich muß bemerken , das Jeu hat für mich nichts Aufregendes , es wirkt im Gegenteil beruhigend , man sieht nur Geld , hört nur Geld , fühlt nur Geld , und das ist gerade das , was mir nottat . Einmal gehört es mir , einmal nicht , es rollt fort , schiebt sich wieder vor mich hin - es muß sich passiv verhalten , kann sich keine eigenen Launen mehr leisten , sondern muß sich denen des Roulette fügen . Und ich tyrannisiere es , denn ob ich spiele , und wie hoch , oder wieder aufhöre , steht in meiner Macht . Übrigens spielen nur Henry und ich . Gottfried darf nicht ins Kasino , weil er noch nicht mündig ist , und Baumann geht von Tisch zu Tisch und sammelt Material , um eine Abhandlung über Geldkomplexe zu schreiben . Meiner , behauptet er , sei jetzt erst auf dem Höhepunkt angelangt . Aber das interessiert mich nicht mehr . Morgen schreibe ich weiter , ich habe vor , einen Tag auszusetzen . Die anderen wollen einen Ausflug machen , und um des lieben Friedens willen gehe ich mit . Wozu eigentlich ? Landschaft und dergleichen gibt es überall . Ich will hier nur Geldluft atmen . Und dann muß ich mich endlich einmal um Gottfrieds Paletot kümmern , er behauptet , allein könne er solche Einkäufe nicht machen . Man hat ihn neulich schon für einen Selbstmörder gehalten , weil er frierend in den Anlagen herumschlich . Vorige Woche haben wir enorm gewonnen , aber die letzten Tage ebenso arg wieder verloren , und ich habe sicherheitshalber an den melancholischen Bankdirektor telegraphiert . Er muß mir jetzt auch endlich die Abrechnung über die eingetroffenen Gelder schicken . 23 Das war vorgestern . Unser Ausflug verlief sehr nett , aber der Mantelkauf wurde darüber wieder versäumt . Dieser Mantel geht mir allmählich auf die Nerven . Hätte man doch lieber den ganzen Gottfried zu Hause gelassen . Heute früh nun saßen wir arglos beim Frühstück und waren gerade besonders aufgelegt , mit neuen Kräften weiterzuspielen . Für Henry war ein ganzer Haufen Briefe angekommen . Er wollte sie unbesehen in die Tasche schieben , aber ich beredete ihn törichterweise , sie aufzumachen . Gleich der erste enthielt eine lästige Nachricht , nämlich , daß die Terraingeschichte wackelt . Der Professor hat sein Kapital herausgezogen . Mir fiel dabei aufs Herz , daß ich ihm meine Rechnung immer noch nicht gezahlt habe und er sich vielleicht dafür rächen will . Ich fühlte mich damals einfach unfähig , gleich wieder Rechnungen zu zahlen und mich mit Gläubigern zu beschäftigen . Henry sah sorgenvoll aus und wollte von den anderen Briefen nichts mehr wissen . Es war aber einer von Lukas dabei , und ich bat ihn , wenigstens den noch zu lesen . Er tat es , und seine Miene verfinsterte sich noch mehr : » Was soll das nun wieder heißen - Lukas bittet mich , zu veranlassen , daß du sofort zurückkommst . « Wir ergingen uns in Vermutungen , was es bedeuten könne ... Ist es am Ende wirklich ein Racheakt des Professors wegen der unbezahlten Rechnung ? Lukas erwähnt auch die Terraingeschichte und scheint ganz aus dem Häuschen . Hat er vielleicht in unserer Abwesenheit auf eigene Hand angefangen zu spekulieren und kann ohne uns nicht damit fertig werden ? Will er uns nur aus liebevoller Fürsorge aus der Spielhölle fortlocken ... Oder aber hat der Miterbe Unheil angerichtet , etwa die Stadt in Brand gesteckt ? In keinem von diesen Fällen leuchtet mir ein , weshalb meine persönliche Betätigung nötig sein sollte . Gerade jetzt hier abbrechen , wo die Beziehung zwischen dem Pflichtteil und mir anfängt , sich zu einer wahrhaft herzlichen zu gestalten . Es benahm sich schon manchmal , als ob es mich wirklich gern hätte und bei mir bleiben wollte , denn es kam immer wieder , wenn wir auch noch so leichtsinnig setzten . Nur gerade die allerletzten Tage ... Schmerzlich genug , daß Henry abfahren will - ich bleibe hier . Mögen die Terrains wackeln , der Miterbe alles auf den Kopf stellen , der Professor ... mit Geld läßt sich ja alles wieder arrangieren , zum Beispiel , indem man seine Rechnungen zahlt , die Terrainsache stützt usw. P.S. Henry ist abgefahren und depeschiert wie ein Wahnsinniger , ich möchte sofort nachkommen . Schreib also wieder an die alte Adresse : Nervenheilanstalt und so weiter . - Ich hätte wahrhaftig nicht gedacht , daß ich sie noch einmal wiedersehen würde . 24 Ja , Maria ... wie soll ich Dir das erzählen , damit du es nicht für einen dummen Witz hältst . Eigentlich ist es auch einer , aber das Schicksal hat ihn gemacht , nicht ich . Höre nur : Die Bank hat falliert - ausgerechnet unsere Bank . Wir hatten uns ja alles mögliche ausgemalt , was geschehen sein könnte , aber auf diesen phantastischen Gedanken war keiner von uns gekommen . Jetzt verstehen wir auch , weshalb der Direktor so melancholisch war und gerne reisen wollte , daß er keine weiteren Summen und keine Abrechnung schickte und das Geld sich während der Reise manchmal noch ironisch benahm . Es hat natürlich alles vorausgewußt . Wie ich diesem Ereignis gegenüberstehe , wirst Du fragen . Aber das weiß ich selbst noch nicht recht . Es hat mich wohl überrascht , und ich wollte lieber , es wäre nicht geschehen . Ich habe vorläufig gar keine Lust , darüber nachzudenken . Es wirkte gerade in diesem Moment so absolut kinematographisch , und Du weißt ja , wenn das Leben filmt , ist man immer noch ganz lustig . Wir sind auch einstweilen noch so von der Finanzstimmung in Monte erfüllt , daß sich selbst über die ersten dunklen Stunden ein festlicher Schimmer legte . Lukas empfing mich natürlich mit tragischer Miene und einigen vorwurfsvollen Bemerkungen über unseren letzten Aufenthalt . Es stört ihn , daß wir dort jeuten und jubilierten , während hier die letzte Chance einer sicheren Zukunft in die Brüche ging . Und der alte Zank beginnt von neuem : » Es hätte ja doch nicht gereicht . « » Es hätte gereicht , wenn Sie eine Leibrente ... « » Nein , wenn du sofort Goldshares ... « unterbricht Henry . » Ja , natürlich , und Sie dem Herrn Alramseder ... « » Ist nicht mehr nötig , denn Alramseder hat ausgejobbert « , bemerkt Henry feierlich , und endlich kann ich wieder zu Wort kommen , um einen vernichtenden Trumpf auszuspielen : » Hätten Sie , Lukas , nur telegraphiert , anstatt einen Brief zu schreiben , aus dem niemand klug werden konnte ... so wäre der ganze Schaden überhaupt wieder gutgemacht . Es ist einzig und allein Ihre Schuld , daß ich heute wieder ohne wirtschaftliche Basis dastehe ... « » Stimmt « , sagt Henry , und Lukas ist einen Augenblick sprachlos . » Meine Schuld ? « » Allerdings , denn drei Tage vorher hatten wir schwindelhafte Summen gewonnen und hätten wir damals aufgehört ... « » Oder wären dageblieben , um weiterzuspielen « , ergänzt Henry , und Lukas erklärt auf das bestimmteste , er würde morgen abfahren , es sei ihm unmöglich , noch länger unter einem Dach mit uns zu bleiben und mit anzuhören , was wir alles getan hätten . Baumann dagegen gedenkt geradezu analytische Orgien zu feiern . Dann habe ich den Miterben aufgesucht . Er saß mit einer Flasche Rotwein vor dem Hotel , äußerte keinerlei Überraschung , mich hier zu sehen , und blickte ziemlich verstört drein . Nachdem wir eine volle halbe Stunde schweigend dagesessen hatten , erzählte er mir , daß sein Wolfshund vorgestern plötzlich gestorben sei . Er mutmaßt nun , man habe das Tier vergiftet , und hat eine bedeutende Summe als Preis für die Auffindung des Täters deponiert - sämtliche verfügbare Polizisten sind schon eifrig an der Arbeit . Dann kam sein Auto , er ließ den toten Hund hineinlegen und fuhr ab , um in der nächsten Stadt das Tier sezieren und die Todesursache feststellen zu lassen . Der Hotelbesitzer kam heraus und schüttelte mir ergriffen die Hand . Er soll der einzige hier im Städtchen sein , der durch den Bankkrach nicht ruiniert ist , und erzählte mir , es habe sich herausgestellt , der verendete Hund sei überhaupt kein Hund , sondern ein zahmer Wolf gewesen , den irgendein Teufelskerl aus einer Menagerie gestohlen und meinem Herrn Gemahl verkauft habe . Ob diese Geschichte wahr ist , oder ob sie zu den pittoresken Mythen gehört , mit denen man uns hier umgibt , möchte ich dahingestellt sein lassen . Ich muß sagen , daß mich nichts mehr in Erstaunen zu setzen vermag . Gegen Abend des nächsten Tages kam der Gemahl zurück und war etwas enttäuscht , denn die tierärztlichen Autoritäten haben festgestellt , der Hund sei eines natürlichen Todes gestorben . Somit hat man die Verfolgung des Mörders wieder eingestellt , und der Hotelbesitzer mag erleichtert aufgeatmet haben . Dann ist er zornerfüllt abgereist , wohin , weiß man nicht . Wir haben uns wortkarg , aber doch herzlich voneinander verabschiedet , und Gott allein weiß , ob unsere Wege sich in diesem Leben noch einmal kreuzen oder ob wir uns scheiden lassen . Er weiß vielleicht auch , wie sich nun die Dinge weiter entwickeln werden . Ich selbst habe keine Ahnung . 25 Für deinen Brief und Deine Teilnahme herzlichsten Dank . Nur keine übertriebene Sorge - ich befinde mich im ganzen recht wohl . Unser Dasein steht hier natürlich im Zeichen des Bankerotts , und auch das hat seinen Charme . Henry ist ebenfalls schwer betroffen , denn seine Terraingesellschaft ist im Zusammenhang mit der Bank vollständig aufgeflogen . Er rechnet viel , ist aber voller Zuversicht , daß sich gerade auf diesen Zusammenbruch hin ganz neue Gründungsperspektiven eröffnen . Auf jeden Fall bleiben wir hier . Wir fühlen uns allmählich immer mehr mit diesem Ort verwachsen ... Unter der Bevölkerung herrscht eine trübe und erregte Stimmung , jeder Tag bringt neue Hiobsposten von verkrachten Unternehmungen , schurkischen Aufsichtsräten , die durchgebrannt sind oder sich noch rasch erschossen haben , ruinierten Aktionären und dergleichen mehr . Man fraternisiert mit anderen Mitverkrachten und ist beständig von Leuten umringt , die über Hypotheken , Bodenwerte , Aktien , gestohlene Depositen , sichere und unsichere Papiere reden . Die ganze Atmosphäre hat eine kapitalistische Note bekommen , die ungemein wohltuend ist . Unsere Popularität ist ins Ungeheure gestiegen , wir gelten zum mindesten für Millionäre , weil wir unsere Verluste mit Würde tragen , und haben schrankenlosen Kredit . So läßt sich ' s ganz gut leben . Lukas ist nicht mehr da . Und Baumann hofft immer noch , mich einmal weiteranalysieren zu können , aber ich glaube , es ist nicht mehr nötig . Denn mein Geldkomplex ... Ich gehöre jetzt selbst zu den Gläubigern - der verkrachten Bank natürlich - und das gibt dem Geld gegenüber einen ganz anderen Gesichtspunkt . Wer weiß , ob es mich nicht doch noch respektieren lernt , wie es eben nur Gläubiger respektiert , und auf ebenso unwahrscheinliche Weise wiederkehrt , wie es sich verabschiedet hat . Leb wohl , ich will mit Gottfried zum Schneider . Es schadet meinem Ansehen , daß er immer und immer noch ohne Überzieher herumläuft . Und um vier Uhr muß ich zu einer Gläubigerversammlung .