Tag um Tag vergebens . Als die Woche um war , argwöhnte er , er sei zum besten gehalten , und es ergriff ihn eine tückische Wut , die sich Luft verschaffen mußte . Eines Morgens verließ er seine Wohnung , da standen im Hausflur zwei mit Milch gefüllte Kannen , eine für den ersten Stock und eine für den zweiten Stock . Das Milchmädchen hatte sie einstweilen hier niedergestellt und war ins Nachbarhaus gegangen . Herr Carovius holte eine Essigflasche aus der Rumpelkammer , die ihm zugleich als Küche diente , spähte vorsichtig umher und schüttete den Inhalt der Flasche , gleichmäßig verteilt , in die beiden Milchgefäße . Zwei Tage vergingen , da beschloß er , dem Hunde Cäsar nichts mehr zu fressen zu geben , damit er alle in der Nachbarschaft wohnenden Leute durch sein Geheul erschrecken sollte . So kam es auch , der Hund heulte die Nächte hindurch zum Steinerweichen und die Leute konnten nicht schlafen . Andreas Döderlein schickte auf die Polizei , aber es wurde gesagt , man könne dem nicht abhelfen . Herr Carovius lag in seinem Bett und freute sich , daß die Menschen nicht schlafen konnten . Er verliebte sich in die Vorstellung , daß man vielleicht vermittelst einer ingeniösen Erfindung einer ganzen Stadt , einer ganzen Nation den Schlaf zu rauben vermöchte und daß man dann bei Tag unter ihnen herumging als der Austeiler und Entzieher alles auf der Welt vorhandenen Schlafs und sie hinsiechen lassen konnte , wenn man Lust hatte , hinsiechen , verfallen und verdorren . Wie nun der Hund Cäsar genügend wild geworden schien , da machte sich Herr Carovius daran , ihn von der Kette zu lösen . Es war gegen Abend , er näherte sich dem Tier von hinten , öffnete das Kettenschloß und der Hund rannte wie toll durch den Hof , durch das Haus und auf die Straße . Nun geschah es , daß gerade in diesem Augenblick der junge Freiherr von Auffenberg ins Haus treten wollte , um Herrn Carovius den versprochenen Besuch abzustatten . Er prallte vor der Bestie zurück , das Tier sprang ihm aber doch gegen den Leib und der lange Mensch stürzte auf das Pflaster . Cäsar setzte über ihn hinweg , raste in die offenstehende Tür eines nahegelegenen Metzgerladens und riß in seinem Heißhunger ein mächtiges Stück Fleisch vom Hackpflock . Herr Carovius , um zu sehen , was der Hund für Schaden anrichten würde , eilte mit einer Miene heuchlerischen Entsetzens , als ob ihm die Dogge entkommen wäre , ans Tor , und da sah er nun , wie der Baron sich mühsam von der Erde erhob und auf ihn zuhinkte . Jetzt war sein Entsetzen unverstellt . Mit dem Eifer eines Lakaien bückte er sich nach dem Hut des Freiherrn , rieb den Schmutz ab , stammelte Entschuldigungen , starrte klagend gen Himmel , bürstete mit der Hand an Eberhards Hosenbein herum , derweil kam der Hund zurück , den Klumpen Fleisch im Maul , und der Metzger kam vor den Laden und drohte mit der Faust und der Metzgerlehrling steckte zwei Finger in die Zähne und tat einen gellenden Pfiff , und die Polizei erschien und Herr Carovius mußte das Fleisch bezahlen . Sodann geleitete er den Freiherrn mit sanften Erkundigungen nach dessen Befinden in seine Wohnstube , und da Baron Eberhard etwas betäubt war von dem Fall , begehrte er , sich einige Minuten auf das Kanapee legen zu dürfen , ein Verlangen , das Herr Carovius mit einem großen Aufwand an liebevollen Seufzern und bedauernden Ausrufen billigte . Während nun der Freiherr auf dem Kanapee lag , um seine Lebensgeister wieder zu sammeln , setzte sich Herr Carovius aus Klavier und spielte mit innigem Augenaufschlag und bedeutender Fingerfertigkeit das Rondo aus der As-dur-Sonate von Weber . Darnach erst begannen die Verhandlungen . Inspektor Jordan und seine Kinder 1 Benno Jordan hatte in der Prima des Gymnasiums schlimme Streiche gemacht , auch hatte er erklärt , die Tyrannei der Schule nicht länger ertragen zu wollen und zum Studieren keine Lust zu haben . Er war ein eigenwilliger Charakter , mit einem starken Hang zur Geselligkeit . Er gab viel auf seine Kleider und war eitel auf sein hübsches Gesicht . Nach zahlreichen Unterredungen mit dem Siebzehnjährigen entschloß sich der Inspektor , ihn beim inneren Dienst der Prudentia unterzubringen . Er sprach mit dem Generalagenten darüber , und Alfons Diruf willigte ein . Benno trat seinen Posten mit einem Monatsgehalt von fünfzig Mark an . Wenn der Inspektor abends nach Hause kam , mußte er von Lenore hören , Benno habe sich mit seinen Freunden verabredet , und sie säßen im Alfasgarten ; oder in der Wolfsschlucht ; oder im Café Merkur , wo an diesem Tag das Orchestrion spielte , eine damals neue Erfindung . » Was doch jetzt für ein Geschlecht heranwächst , « sagte der Inspektor dann bekümmert ; » die ganze Absicht geht aufs Genießen . Du lieber Gott , genießen ! Mein Lebelang habe ich nicht genossen . « In Sorge über Bennos Führung ging er zum Bureauchef Zittel . Das wachsbleiche Männchen äußerte sich sehr anerkennend über den Neuling . Zufrieden drückte der Inspektor dem Oberhaupt der Schreiber die Hand . Aber bald erwachte wieder die Unruhe in ihm , denn trotz der liebenswürdigen Außenseite spürte er in seinem Sohn das morsche Fundament . 2 Alfons Diruf war fett und finster . Er trug Anzüge nach Pariser Schnitt , und am Goldfinger seiner linken Hand befand sich ein feuerstrahlender Solitär . Seit die Gesellschaft Prudentia die sogenannte Arbeiter-Assekuranz eingeführt hatte , standen fünfundzwanzigtausend Schreiber mehr als früher in ihrem Sold , und Diruf befehligte für seinen Teil sieben Dutzend . Diese sieben Dutzend saßen bleich und schweigsam in drei Sälen eines Hauses in der Fürther Straße , indes er selbst in seinem Privatkabinett weilte , das dem Boudoir einer Modedame glich , blaue Damastvorhänge , eine badende Nymphe von Thumann hatte und nach Moschus roch . Drei- bis viermal im Verlauf eines Tages verließ er das schöne Retiro und wandelte mit der Miene tiefen Ekels durch die Säle . Da duckten sich alle Köpfe , alle Hände huschten flinker über das Papier , alle Füße hörten auf , zu scharren , und jedes Flüstern erstarb . Es hatte den Anschein , als verachte er sein Amt , aber in Wahrheit liebte er es . Er liebte die Schreiber um ihres sklavischen Gehorsams und ihrer verhungerten Gesichter willen . Er liebte sie dafür , daß sie jeden Morgen pünktlich kamen , jeden Abend müde gingen und Tag um Tag , Jahr um Jahr dasaßen und schrieben , schrieben , schrieben . Er liebte die Inspektoren dafür , daß sie Tag um Tag und Jahr um Jahr sich einem elenden Lohn zuliebe plagten . Er liebte die Hunderte von Agenten und Unteragenten , die es der Gesellschaft möglich machten , täglich Hunderte von Policen auszustellen . Er liebte ihre schmutzigen Kleider und Stiefel ; ihre provisionslüsternen Blicke , ihre doppelzüngigen Reden und ihre traurigen Physiognomien . Das Lockmittel der Arbeiter-Assekuranz waren kleine Versicherungssummen und kleine Prämien . Dadurch sollte der kleine Mann zur Sparsamkeit erzogen werden ; die Regel aber war , daß der kleine Mann zu spät , wenn er sich durch Vertrag gebunden hatte , erfahren mußte , daß der Agent mehr versprochen hatte , als die Gesellschaft halten konnte . Er verlor den Glauben , der karge Wochenlohn ließ ihm nicht immer so viel übrig , daß er die Prämie regelmäßig zu zahlen vermochte , mit jeder Woche wurde es schwerer , das Versäumnis nachzuholen , und endlich hatte die Police keine Wirkungskraft mehr . Alles Geld , das er gezahlt hatte , war verfallen . So gelangte die Gesellschaft in den Besitz von Millionen . Es waren die Pfennige der Ärmsten , aus denen sich diese Millionen ansammelten ; die Pfennige der Ärmsten , die die Dividenden in die Höhe trieben , das Heer der Schreiber beständig vergrößerten und die Beutel der Agenten füllten . Die Agenten wurden unter dem Abschaum der bürgerlichen Welt geworben . Da waren Bankrotteure und verbummelte Studenten , Spieler und Trinker , Invaliden und Armenhäusler , vom Unglück Verfolgte und vom Verbrechen Gezeichnete . Keiner war zu gering , keiner zu schlecht . Weil jedoch Alfons Diruf sah , daß es dem Ruf der Gesellschaft förderlich war , wenn er einige angesehene Bürger neben den Auswürflingen hatte , so ging er hin und warb in eigener Person Werber . Er kam auch zu Jason Philipp Schimmelweis . » Es ist eine Goldgrube , « sagte er ; » Sie arbeiten für einen idealen Zweck und haben einen sehr realen Nutzen . Ideale , die einem nichts eintragen , sind ohnehin blödsinnig . « Und er blies den Rauch seiner Havannazigarre durch die Nüstern . Jason Philipp begriff . Es war unnötig , dem Volksmann und dem Politiker in ihm noch besonders zu schmeicheln . Er lief sich für die Arbeiter-Assekuranz die Beine müd , und Alfons Diruf liebte nun auch den sozialistischen Buchhändler in seiner Art. Da sah aber Inspektor Jordan , daß die zahllosen Provisionstiger ihm sein Arbeitsfeld verwüsteten und seine Kunden im wohlhabenden Bürgertum mißtrauisch machten . Er erlahmte , und das Direktorium sandte wegen seiner abnehmenden Leistungsfähigkeit an Alfons Diruf tadelnde Memoranden . 3 Daniel war seiner Mansarde und der Bürstenmacherin Hadebusch überdrüssig geworden und kündigte das Logis . Frau Hadebusch , in einer Duftwolke von gesottenem Kraut stehend , zeterte über die Undankbarkeit der Welt . Ihr Geschrei lockte Herrn Francke und den Methodisten aus ihren warmen Löchern , auch der Bürstenmacher und der idiotische Sohn traten auf den spärlich beleuchteten Vorplatz , und Daniel stand wie ein armer Sünder vor den fünf Hogarthschen Gestalten . Er suchte in der Marienvorstadt , aber da war alles zu teuer , dann vorm Neuen Tor , da fand er nichts , dann in Sankt Johannis , da gefiel es ihm am besten . Am späten Nachmittag kam er an ein Haus in der langen Zeile , und am Gartentor hing ein Vermietungszettel . Er läutete an einem schmiedeeisernen Glockenzug , und ein hübsches Dienstmädchen führte ihn in ein Zimmer . Durch das Fenster konnte er in einen Garten mit alten Bäumen blicken . Ein ältliches Fräulein kam und lächelte über sein Wohlgefallen an dem Zimmer . » Ich muß erst mit meiner Schwester sprechen , « flüsterte sie auf seine Frage nach dem Preis . Sie rief in den Flur , da kam die Schwester , ein ebenso ältliches und ebenso freundliches Fräulein . Sie hielten flüsternd Rat und erklärten dann , sie müßten Albertine fragen . Albertine war die dritte Schwester , und die erste trippelte zur Türe und rief mit gespitzten Lippen den Namen so geziert in den langen Flur wie den der zweiten , die Jasmine hieß . Albertine war die jüngste von den Dreien , etwa vierzig Jahre alt . Doch sie hatte vergessen , und auch Jasmine und Salome hatten es vergessen , zwanzig vom Kalender zu streichen ; sie zeigten sich alle drei noch in der ersten jugendlichen Anmut . Errötend betrachtete Albertine den jungen Mann , und ihre Schamhaftigkeit bewirkte , daß die zwei Schwestern gleichfalls erröteten . Sie sagte zu Daniel , sie seien die Schwestern Rüdiger . Darauf schwieg sie und schaute zu Boden , als ob sie damit ihr ganzes Schicksal verraten hatte . Dann sagte sie , sie hätten sich entschlossen , das Zimmer einem vertrauenswürdigen Herrn zu überlassen , weil kürzlich in der Nachbarschaft verschiedentliche Diebstähle vorgekommen seien und sie außer dem Gärtnerburschen noch die schützende Gegenwart eines Mannes wünschten . Sie hatten schon einige Leute abgewiesen , deren Gesicht und Benehmen ihnen mißfielen , denn ohne sich vorher zu verständigen , waren sie stets und über alles der gleichen Meinung . Nun fragte Fräulein Salome , welchen Beruf der junge Herr ausübe . Daniel erwiderte , er sei Musiker . Ein Ach der Überraschung tönte ihm aus den drei Kehlen entgegen . Ob er ein Sänger sei oder ein Geiger ? fragte Fräulein Jasmine . Keines von beiden , er sei Komponist , oder wolle es wenigstens werden . Da vergeistigten sich die Blicke der drei Damen , und sie sahen einander so ähnlich wie Drillinge . Ein schaffender Künstler also ? Ja , wenn sie es so ausdrücken wollten , ein schaffender Künstler , versetzte Daniel trocken . Sie trippelten in die Ecke wie die Spatzen und hielten nun Rat zu dreien . Fräulein Salome , zur Sprecherin erkoren , wollte wissen , ob ein monatlicher Zins von zwölf Mark eine zu hohe Forderung sei . Nein , die Forderung sei nicht zu hoch , antwortete Daniel , ohne sich zu besinnen , und drückte den drei Schwestern die Hände . Fräulein Jasmine fügte hinzu , daß es dem Herrn freistehe , sich des Klaviers zu bedienen , welches im Erdgeschoß untergebracht sei und nur gestimmt werden müsse . Daniel drückte ihr noch einmal und mit besonderer Wärme die Hand . Aus Freude war er täppisch zutraulich geworden . Ehe er das Haus verließ , stellte er sich im Garten unter einen Baum . Endlich wieder ein Baum für mich , dachte er . In der Krone sang eine frühe Amsel . Das Dienstmädchen Meta schaute vom Tor aus , wo sie wartete , erstaunt herüber . Fräulein Albertine sagte zu ihren Schwestern : » Er sieht interessant aus , aber er hat schlechte Manieren . « » Seine Kleider sind schmutzig , man muß sie reinigen , « sagte Fräulein Salome . » Künstler legen kein Gewicht auf Äußerlichkeiten , « erklärte Fräulein Jasmine sinnend . » Ein großer Irrtum , « widersprach Fräulein Salome gedankenvoll ; » Er war stets wie aus dem Ei geschält . Erinnert ihr euch ? « Die beiden andern nickten . Hierauf wandelten sie Arm in Arm über die Gartenwege . 4 Daniel stand auf dem Obstmarkt vor dem Gänsemännchen-Brunnen und verzehrte ein paar Äpfel . Die Sonne schien , und er bemerkte , daß der Schatten der Brunnenfigur langsam unter ihm wegrückte , gegen die Kirche hin . Es machte ihn traurig , zu sehen , daß die Zeit verging und wie sie verging . Als er sich aber umdrehte und das bronzene Männchen so gleichmütig und zuversichtlich mit seinen zwei Gänsen unter den Armen stehen sah , mußte er lachen . Was ihn lachen machte , war einesteils die Ruhe des Männchens , dies Abwarten und beständige Da-Sein , andernteils der Gedanke , daß einer so zufrieden aussehen konnte wegen zweier Gänse . 5 Von einer Unterrichtsstunde nach Hause gehend , begegnete er eines Nachmittags Lenore Jordan . Er erzählte ihr von seiner neuen Wohnung und von den drei sonderbaren Wesen in dem Haus in der langen Zeile . Lenore hatte von ihnen gehört . Sie sagte , es seien die Töchter des Geometers Rüdiger , der vor Jahr und Tag die Stadt verlassen habe , weil er einen Streit mit den Bürgern oder nur mit einer Gilde gehabt . Das Bild eines Malers sei der Anlaß gewesen , mehr wisse sie nicht , nur daß der Geometer dann bei einem Bergsturz in der Schweiz ums Leben gekommen sei . Die Schwestern aber seien Spottfiguren in der Stadt und zeigten sich außerhalb des Hauses fast nur , wenn sie an bestimmten Tagen auf den nahgelegenen Johanniskirchhof gingen , um das Grab jenes Malers zu schmücken . Daniel hörte kaum zu . Sie standen bei der Sebalderkirche , und die Glocken fingen an zu läuten . » Prachtvoll , « murmelte er , » aufsteigender Dreiklang in A. « Lenore erkundigte sich , wie es Daniel gehe und blickte in sein eingefallenes Gesicht mit Bedauern . Ihr starker , blauer Blick war ihm unbehaglich , und er wunderte sich , daß sie die Lider so selten senkte . Er sagte , es gehe ihm gut , und sie lächelte . » Schauderhaft , daß man so ein Untier im Leibe hat , das immer gefüttert werden will , « sagte er . » Sonst könnte man ja durch alle Himmel stürmen und den Engeln ihre Gesänge ablauschen . Es soll nicht sein . Erst müssen sich die Flügel wund flattern , bis die Kette reißt , am Ende haben sie dann die Ätherkraft nicht mehr . « Er zog sein Gesicht zusammen , daß es den bösen Affenausdruck bekam . » Aber ich will ' s auskosten , « schloß er . » Will sehen , ob mich der Herrgott als Niete oder als Treffer aus dem Kasten seiner Lose zieht . « Er konnte sehr beredt sein , wenn er von sich selber sprach . Lenore lächelte . Man mußte ein wenig Ordnung in sein Leben bringen , das war alles , was ihr nötig schien . Sie nahm sich vor , nachzusehen , wie er sich in seinem Zimmer eingerichtet hatte . In der Tetzelstraße trafen sie den Inspektor . Als Jordan an der Seite der geliebten Tochter ging , wollte es ihm scheinen , als seien die grauen Mauern und verwitterten Steine der Häuser nicht mehr so erdenhaft und zeitenschwer . Lenore blickte aber wunderlich versunken in den Westen , wo purpurrot die Sonne unterging . In manchen Stunden regte sich ' s in ihr wie Heimweh nach einem schöneren Land . Sie dachte an Italien , und ihr Geist träumte die Bilder sonniger Meeresbuchten , blühender Haine und weißer Statuen . Daniel ging indessen gegen die Füll . Arbeiter kamen von der Vorstadt her , und in ihren müden Gesichtern wollte er seine Welt erkennen . Ach , seufzte es in ihm , ich möchte näher zu den Sternen , möchte verläßlichere Herzen kennen als auch meines ist . Da leuchtete von Bendas Wohnung herab Bendas Fenster im Lampenlicht , und er schämte sich . 6 Als Lenore das erstemal Daniel besuchte , war es schon Abend . Sie hörte das Klavier und das durchdringende Krähen von Daniels Stimme von weitem . In der Tiefe des Flurs sah sie drei weiße Gestalten , eng aneinandergeschmiegt wie Hühner auf einer Stange . Es waren die Schwestern Rüdiger , die dem Schaffen des Künstlers lauschen wollten . Sie verstanden es so im niedern und im hohen Sinn , daß sie dem Schaffen lauschten . Als Lenore über dem Stiegenrand sichtbar wurde , erschraken sie und raschelten davon . Die drei ältlichen Herzen mochten stürmisch klopfen . An diesem Abend hatten sie keine Lust mehr , Jasmine zuzuhören , an der die Reihe war , Rückerts Makamen vorzulesen . » Es schickt sich nicht , « sagten sie immer wieder . Eine sagte es der andern , wenn sie an Lenores Kommen zu Daniel dachten : » Es schickt sich nicht . « Auch das Dienstmädchen Meta war dieser Ansicht . Während Daniel weiterspielte und ihr bloß zunickte , fiel Lenores Blick sogleich auf die Maske der Zingarella . Sie trat hin und nahm die Maske vom Nagel an der Wand . Sie versenkte sich schweigend in den Anblick des Gebildes . Ihr Innerstes wurde berührt . Daniel hatte sich indes vom Klavier erhoben , und ein lauter Zuruf von ihm ließ sie zusammenfahren . » In des Teufels Namen , was treiben Sie ? « fuhr er sie ärgerlich an . Er nahm die Maske , die sie so leicht und bebend hielt , aus ihren Händen und hing sie mit zärtlicher Sorgfalt wieder an den Nagel . Gleich schossen dem empfindlichen Kind die Tränen in die Augen , und sie kehrte sich ab , um ihr Gesicht zu verbergen . Daniel blieb mürrisch , hätte aber doch seine Grobheit gern wieder gut gemacht . Er brachte ein halbzerfetztes Buch herbei , das er wie ein Heiligtum behandelte , und erbot sich , es ihr zu leihen . Es war eine Übersetzung des schönen alten Romans Manon Lescaut . Lenore stellte sich aber nun häufig nach Bureauschluß ein , blieb nicht lange , damit man zu Hause nicht unruhig würde , aber in der kurzen Zeit hatte sie doch immer etwas zu richten und zu ordnen , die Papiere auf dem Tisch , die Noten im Ständer . Sie lernte auch Benda kennen , und dieser gewann sie lieb . In ihrer Gegenwart wurde ihm wohl , und er begriff nicht , daß Daniel nicht ebenso empfand . Er schien gar keine Augen für Lenore zu haben . Glich er doch einem Menschen , der einen mit Eiern gefüllten Korb trägt und nur darauf achtet , daß ihm kein Ei herausfällt und zerbricht . An manchen Abenden begleiteten die Freunde das Mädchen nach Hause . Daniel sprach immer von sich , und Benda hörte lächelnd zu , oder Benda sprach von Daniel , und Daniel hörte ernsthaft zu . Die Leute sagten von Lenore : jetzt zieht sie schon mit Dreien herum , erst war ' s der Freiherr allein . Da wird man noch was erleben . Hin und wieder fiel ein Fetzen des lumpigen Geredes auf Lenores Weg , aber sie ging arglos vorüber . Aus der gläsernen Kugel blickte sie kühl und heiter in die Welt , und sie wußte die Blicke der Verleumder nicht zu deuten . 7 Benda hätte Daniels Gesicht in der Finsternis zeichnen können : die runde Stirn , die spitzige , kleine , störrische Nase , den hart verkniffenen Mund , das eckige Musikantenkinn und die tiefen Gruben in den Wangen . Er wußte nichts vom Musiker . Wie alle Gelehrten hatte er stets ein Mißtrauen gegen die übermächtigen Einflüsse der Kunst gehegt . Mit Ehrfurcht stand er vor den großen Werken , die im Gefühl der Generationen unantastbar und exemplarisch geworden sind , aber für die Schöpfungen der Mitlebenden fehlte ihm die Übung des Ohrs . Daß es schwer war , zu verstehen und zu würdigen , war ihm bekannt ; daß es bitter war , nicht verstanden und nicht gewürdigt zu werden , hatte er erfahren ; daß alle Disziplinen menschlicher Geistesarbeit ihre besondere opfervolle Hingabe fordern , bedurfte keines Beweises für ihn . Der Musiker war ihm neu . Wie sah er ihn ? Als einen blinden Menschen , der innerlich verbrannte . Als einen berauschten Menschen , der auf alle andern Menschen den Eindruck abstoßender Nüchternheit machte . Als einen Besessenen von einer höchst schauerlichen Einsamkeit , deren er sich nicht recht bewußt war . Als einen ungeschlachten Bauern mit den Nerven eines Entarteten . Der Mann der Wissenschaft wollte im Musiker das Gesetz finden ; eine Aufgabe , um daran zu verzweifeln . Und der Freund überschaute das Leben des Freundes ; ließ im Geist die Gestalten vieler Jünglinge vorüberziehen , die er kennen gelernt hatte . Spähte nach Merkmalen der Gemeinsamkeit ; suchte ein Gesetz , auch hier . In einer Dämmerstunde las er in den Schriften des Philosophen Mainländer . Er legte das Buch beiseite und sagte zu sich selbst : die jungen Leute meiner Zeit zerfleischen sich , verwüsten sich . Welch eine grauenvolle Zeit ! Regel und Maß sind verloren gegangen ; jedes Vorbild wird Zerrbild ; der Mensch ist völlig auf sich zurückgewiesen ; die Flamme ist ohne Gefäß und droht die Hand zu verkohlen , die sie bändigen soll . Da fand er in Daniel den Schicksalsbruder . Da wurde ihm die Musik Bruderqual . Als er den Freund zerfleischt , verwüstet sah , zuckte ihm aus dem Auge der Gorgo selbst die tiefste Erkenntnis entgegen . Sein eigenes Herz offenbarte er nicht . In einer Nacht , als unendliche Gespräche sie ins Schweigen geführt hatten wie Schiffe , die vorm Wind in einen Hafen treiben , sagte Benda , an einen zornig-gepeinigten Ausruf Daniels anknüpfend , der am anderen Ufer dieses Schweigens erschallt war : » Man muß uneitel sein . Man darf sich niemals aus seiner inneren Aufgabe ein Vorrecht erhandeln . Man darf niemals vor dem eigenen Bild stehen bleiben . Es scheint mir , daß ein Künstler von erhabener Bescheidenheit sein muß . Ohne diese Bescheidenheit , scheint mir , ist er nichts als ein mehr oder weniger wunderbares Luder . « Daniel blickte rasch empor . Unter dem buschigen Schnurrbart Bendas waren die großen Zähne sichtbar . Er zog immer die Lippen auseinander , während er das eindringlichste Wort suchte . Benda fuhr fort : » Schändlich ist zumeist alles , was ihr Talent nennt . Talent ist ein Flederwisch . Was von den Fingern ausgeht , ist vom Übel . Wer ein Ziel hat und dafür leiden kann , den brauchen wir . Und sonst , wie schön ist es doch ! Droben ist der Himmel , unten ist die Erde , in der Mitte steht der unsterbliche Mensch . « Daniel stand auf und reichte Benda die Hand . Es gab nichts Bezwingenderes als Bendas Händedruck . Seine Hand wurde zum Schraubstock , in dem er die fremde Hand schüttelte , bis sie kraftlos wurde . Dabei strahlten seine grauen Augen ein freudiges Wohlwollen aus . Und sie tauschten das brüderliche Du . 8 Lenore brachte das Buch von Manon Lescaut zurück . Als Daniel fragte , wie es ihr gefallen habe , schwieg sie . Da er das Buch gern hatte , fing er an zu schelten . Sie sagte : » Ich kann keine Bücher lesen , in denen so viel von Liebe die Rede ist . « Er blickte vor sich nieder , um ihre Stimme verklingen zu lassen . Es war ein Geigenton in ihrer Stimme , dessen Zauber er sich nicht entziehen konnte . Als ihm zum Bewußtsein gekommen , was sie gesagt , lachte er kurz und meinte , das sei Ziererei . Sie schüttelte den Kopf . Da hänselte er sie wegen des Verkehrs mit dem jungen Auffenberg und fragte , ob ihr die Liebessachen auch in der Wirklichkeit so zuwider seien . Die Flammenbläue in ihren Augen zwang seinen Blick zur Erde . Die Erfahrung war ihm nicht angenehm , daß ihr Blick stärker war als der seine . Sie ging fort und ließ sich ein paar Tage nicht sehen . Als sie wieder kam , war er einfältig genug , seinen Spott zu erneuern . Da setzte sie sich in die Sofaecke und blickte ihm forschend ins Gesicht . » Wollen wir Freunde bleiben , Daniel ? « fragte sie . Er sah sie verwundert von der Seite an ; nicht etwa , weil er ihre Lieblichkeit und kraftvolle Anmut bemerkt hätte , sondern weil der Geigenton in ihrer Kehle noch tiefer und reiner klang . Aber ohne Lippenverziehen und ohne daß man die Hände in die Hosentasche steckte , war die Frage nicht zu bejahen . Sie sagte , sie wolle sich nicht so wichtig vor ihm machen , daß sie verlange , anders als andere Mädchen von ihm betrachtet zu werden . Aber in einem Punkt wolle sie ihn bitten , ihr ein Vorrecht einzuräumen , eben um der Freundschaft willen . Er möge nicht über Liebe mit ihr sprechen , im Scherz nicht und im Ernst nicht . Es sei dieses Wort seit langen , langen Tagen für sie gleich einem Gespenst . Warum es so sei , das könne sie ihm nicht sagen , jetzt nicht , vielleicht später einmal , viel später , wenn sie beide alt geworden . Suche sie sich zu erinnern , suche sie das Halbvergessene festzuhalten , so werde alles matt und kalt in ihr , obwohl der andere vielleicht , der es zu wissen bekäme , es nicht begreifen würde . Aber es läge ihr im Blut so , und man möge sie schonen . Ihr Gesicht drückte tiefen Ernst aus und glich einem alten Bild . Und in ihren Worten lag etwas von einem Traum . » Wenn es sonst nichts ist , das kann ich Ihnen ruhig versprechen , Lenore , « sagte Daniel , und gerade in der Gutmütigkeit , die er jetzt zeigte , war etwas Fühlloses , als sei das Geheimnis , auf das sie bewegt hingedeutet , weit weg von seiner egoistisch beschlossenen Welt . Draußen im Garten plätscherte die kleine Fontäne , und er horchte nach dem dominierenden Ton in dem Geplätscher . Lenore wandte sich ihm nun mit ganz neuer Offenheit zu . Alles war jetzt ein wenig näher bei ihm , ihr Blick , ihre Hand und ihre Worte . 9 Daniel hatte eine Arbeit vollendet , ein Orchesterwerk , Vineta betitelt , und er wünschte , daß Benda die Komposition kennen lerne . Eines Abends um sechs Uhr kam Benda zu Daniel . Alles war vorbereitet , Daniel setzte sich ans Klavier . Sein Gesicht war blaß , seine glatte Oberlippe zuckte . » Denk dir das Meer , denk einen Sturm , denk ein Boot mit Menschen , denk ein wunderbares Nordlicht am Himmel und eine versunkene Stadt , die emporsteigt , und das Meer wird ruhig , und im Licht ist eine Erscheinung , denk dir so etwas oder vielleicht was anderes , es ist ja doch falsch . Es ist Unzucht , sich was zu denken . Cis-moll . « Er wollte beginnen , als es an der Tür klopfte und Lenore eintrat . Sie huschte still in ihre Sofaecke . Das Stück fing mit einem rhythmisch ruhigen und klagenden Satz an , der sich plötzlich in ein tobendes Presto verwandelte , und die kaum zur Sammlung gediehene melodische Figur wurde zerfetzt wie eine Blumengirlande in einem Wassersturz . Dann flossen die nach allen Richtungen des Erdkreises auseinandergestobenen Elemente zögernd und reuevoll wieder in eine Kette , es schien , als habe sie der tolle Wirbel reicher , reiner und beseelter entlassen , und bei langsam abschwellendem , bis zu choralartig feierlicher Dehnung gemäßigtem Tempo verschmolzen sie wieder in das lieblich ernste Hauptthema , das dann mit einem arpeggierten Akkord in die Unendlichkeit hinüberströmte . Wo das Instrument versagte , half er mit seiner