- - - - - - - - - - - Schon schlich die Dämmerung die Häuserreihen entlang , da trat ich auf den einsamen Platz , aus dessen Mitte der Dom aufragt zum Thron der Engel . Fußtapfen - die Ränder mit Krusten aus Eis - führten hin zum Nebentor . Von irgendwo aus einer fernen Wohnung klangen leise , verlorene Töne eines Harmoniums in die Abendstille hinaus . Wie Tränentropfen der Schwermut fielen sie in die Verlassenheit . Ich hörte hinter mir das Seufzen des Schlagpolsters , wie die Kirchentüre mich aufnahm , dann stand ich im Dunkel , und der goldene Altar blinkte in starrer Ruhe herüber zu mir durch den grünen und blauen Schimmer sterbenden Lichtes , das durch die farbigen Fenster auf die Betstühle niedersank . Funken sprühten aus roten , gläsernen Ampeln . Welker Duft von Wachs und Weihrauch . Ich lehnte mich in eine Bank . Mein Blut ward seltsam still in diesem Reich der Regungslosigkeit . Ein Leben ohne Herzschlag erfüllte den Raum - ein heimliches , geduldiges Warten . Die silbernen Reliquienschreine lagen im ewigen Schlaf . Da ! - Aus weiter , weiter Ferne drang das Geräusch von Pferdehufen gedämpft , kaum merklich an mein Ohr , wollte näherkommen und verstummte . Ein matter Schall , wie wenn ein Wagenschlag zufällt . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Das Rauschen eines seidenen Kleides war auf mich zugekommen , und eine zarte , schmale Damenhand hatte leicht meinen Arm berührt . » Bitte , bitte , gehen wir doch dort neben den Pfeiler ; es widerstrebt mir , hier in den Betstühlen von den Dingen zu sprechen , die ich Ihnen sagen muß . « Die weihevollen Bilder ringsum zerrannen zu nüchterner Klarheit . Der Tag hatte mich plötzlich angefaßt . » Ich weiß gar nicht , wie ich Ihnen danken soll , Meister Pernath , daß Sie mir zuliebe bei dem schlechten Wetter den langen Weg hier herauf gemacht haben . « Ich stotterte ein paar banale Worte . » - - Aber ich wußte keinen andern Ort , wo ich sicherer vor Nachforschung und Gefahr bin , als diesen . Hierher , in den Dom , ist uns gewiß niemand nachgegangen . « Ich zog den Brief hervor und reichte ihn der Dame . Sie war fast ganz vermummt in einen kostbaren Pelz , aber schon am Klang ihrer Stimme hatte ich sie wiedererkannt als dieselbe , die damals voll Entsetzen vor Wassertrum in mein Zimmer in der Hahnpaßgasse flüchtete . Ich war auch nicht erstaunt darüber , denn ich hatte niemand anderen erwartet . Meine Augen hingen an ihrem Gesicht , das in der Dämmerung der Mauernische wohl noch blasser schien , als es in Wirklichkeit sein mochte . Ihre Schönheit benahm mir fast den Atem , und ich stand wie gebannt . Am liebsten wäre ich vor ihr niedergefallen und hätte ihre Füße geküßt , daß sie es war , der ich helfen sollte , daß sie mich dazu erwählt hatte . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - » Vergessen Sie , ich bitte Sie von Herzen darum , - wenigstens solange wir hier sind - die Situation , in der Sie mich damals gesehen haben « , sprach sie gepreßt weiter , » ich weiß auch gar nicht , wie Sie über solche Dinge denken - - « » Ich bin ein alter Mann geworden , aber kein einziges Mal in meinem Leben war ich so vermessen , daß ich mich Richter gedünkt hätte über meine Mitmenschen « , war das einzige , was ich hervorbrachte . » Ich danke Ihnen , Meister Pernath « , sagte sie warm und schlicht . » Und jetzt hören Sie mich geduldig an , ob Sie mir in meiner Verzweiflung nicht helfen oder wenigstens einen Rat geben können . « - Ich fühlte , wie eine wilde Angst sie packte , und hörte ihre Stimme zittern . - » Damals - - im Atelier - - - damals brach die schreckliche Gewißheit über mich herein , daß jener grauenhafte Oger mir mit Vorbedacht nachgespürt hat . - Schon durch Monate war mir aufgefallen , daß , wohin ich auch immer ging , - ob allein , oder mit meinem Gatten , oder mit - - - mit - mit Dr. Savioli , - stets das entsetzliche Verbrechergesicht dieses Trödlers irgendwo in der Nähe auftauchte . Im Schlaf und im Wachen verfolgten mich seine schielenden Augen . Noch macht sich ja kein Zeichen bemerkbar , was er vorhat , aber um so qualvoller drosselt mich nachts die Angst : wann wirft er mir die Schlinge um den Hals ! Anfangs wollte mich Dr. Savioli damit beruhigen , was denn so ein armseliger Trödler wie dieser Aaron Wassertrum überhaupt vermöchte - schlimmsten Falles könnte es sich nur um eine geringfügige Erpressung oder dergleichen handeln , aber jedesmal wurden seine Lippen weiß , wenn der Name Wassertrum fiel . Ich ahne : Dr. Savioli hält mir etwas geheim , um mich zu beruhigen , - irgend etwas Furchtbares , was ihn oder mich das Leben kosten kann . Und dann erfuhr ich , was er mir sorgsam verheimlichen wollte : daß ihn der Trödler mehrere Male des Nachts in seiner Wohnung besucht hat ! - Ich weiß es , ich spüre es in jeder Faser meines Körpers : es geht etwas vor , das sich langsam um uns zusammenzieht wie die Ringe einer Schlange . - Was hat dieser Mörder dort zu suchen ? Warum kann Dr. Savioli ihn nicht abschütteln ? Nein , nein , ich sehe das nicht länger mit an ; ich muß etwas tun . Irgend etwas , ehe es mich in den Wahnsinn treibt . « Ich wollte ihr ein paar Worte des Trostes entgegnen , aber sie ließ mich nicht zu Ende sprechen . » Und in den letzten Tagen nahm der Alb , der mich zu erwürgen droht , immer greifbarere Formen an . Dr. Savioli ist plötzlich erkrankt , - ich kann mich nicht mehr mit ihm verständigen - darf ihn nicht besuchen , wenn ich nicht stündlich gewärtigen soll , daß meine Liebe zu ihm entdeckt wird - ; er liegt in Delirien , und das einzige , was ich erkundigen konnte , ist , daß er sich im Fieber von einem Scheusal verfolgt wähnt , dessen Lippen von einer Hasenscharte gespalten sind : - Aaron Wassertrum ! Ich weiß , wie mutig Dr. Savioli ist ; um so entsetzlicher - können Sie sich das vorstellen ? - wirkt es auf mich , ihn jetzt gelähmt vor einer Gefahr , die ich selbst nur wie die dunkle Nähe eines grauenhaften Würgengels empfinde , zusammengebrochen zu sehen . Sie werden sagen , ich sei feige , und warum ich mich denn nicht offen zu Dr. Savioli bekenne , alles von mir würfe , wenn ich ihn doch so liebe - : alles , Reichtum , Ehre , Ruf und so weiter , aber - « sie schrie es förmlich heraus , daß es widerhallte von den Chorgalerien , - » ich kann nicht ! - Ich hab ' doch mein Kind , mein liebes , blondes , kleines Mädel ! Ich kann doch mein Kind nicht hergeben ! - Glauben Sie denn , mein Mann ließe es mir ? ! Da , da , nehmen Sie das , Meister Pernath « - sie riß im Wahnwitz ein Täschchen auf , das vollgestopft war mit Perlenschnüren und Edelsteinen - » und bringen Sie es dem Verbrecher ; - ich weiß , er ist habsüchtig - er soll sich alles holen , was ich besitze , aber mein Kind soll er mir lassen . - Nicht wahr , er wird schweigen ? - So reden Sie doch um Jesu Christi willen , sagen Sie nur ein Wort , daß Sie mir helfen wollen ! « Es gelang mir mit größter Mühe , die Rasende wenigstens so weit zu beruhigen , daß sie sich auf eine Bank niederließ . Ich sprach zu ihr , wie es mir der Augenblick eingab . Wirre , zusammenhanglose Sätze . Gedanken jagten dabei in meinem Hirn , so daß ich selbst kaum verstand , was mein Mund redete , - Ideen phantastischer Art , die zusammenbrachen , kaum daß sie geboren waren . Geistesabwesend haftete mein Blick auf einer bemalten Mönchsstatue in der Wandnische . Ich redete und redete . Allmählich verwandelten sich die Züge der Statue , die Kutte wurde ein fadenscheiniger Überzieher mit hochgeklapptem Kragen , und ein jugendliches Gesicht mit abgezehrten Wangen und hektischen Flecken wuchs daraus empor . Ehe ich die Vision verstehen konnte , war der Mönch wieder da . Meine Pulse schlugen zu laut . Die unglückliche Frau hatte sich über meine Hand gebeugt und weinte still . Ich gab ihr von der Kraft , die in mich eingezogen war in der Stunde , als ich den Brief gelesen hatte , und mich jetzt abermals übermächtig erfüllte , und ich sah , wie sie langsam daran genas . » Ich will Ihnen sagen , warum ich mich gerade an Sie gewendet habe , Meister Pernath « , fing sie nach langem Schweigen leise wieder an . » Es waren ein paar Worte , die Sie mir einmal gesagt haben - und die ich nie vergessen konnte die vielen Jahre hindurch - « Vor vielen Jahren ? Mir gerann das Blut . » - - Sie nahmen Abschied von mir - ich weiß nicht mehr , weshalb und wieso , ich war ja noch ein Kind , - und Sie sagten so freundlich und doch so traurig : Es wird wohl nie die Zeit kommen , aber gedenken Sie meiner , wenn Sie je im Leben nicht aus noch ein wissen . Vielleicht gibt mir Gott der Herr , daß ich es dann sein darf , der Ihnen hilft . - Ich habe mich damals abgewendet und rasch meinen Ball in den Springbrunnen fallen lassen , damit Sie meine Tränen nicht sehen sollten . Und dann wollte ich Ihnen das rote Korallenherz schenken , das ich an einem Seidenband um den Hals trug , aber ich schämte mich , weil das gar so lächerlich gewesen wäre . « - - - Erinnerung ! - Die Finger des Starrkrampfes tasteten nach meiner Kehle . Ein Schimmer wie aus einem vergessenen , fernen Land der Sehnsucht trat vor mich - unvermittelt und schreckhaft : Ein kleines Mädchen in weißem Kleid und ringsum die dunkle Wiese eines Schloßparks , von alten Ulmen umsäumt . Deutlich sah ich es wieder vor mir . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Ich mußte mich verfärbt haben ; ich merkte es an der Hast , mit der sie fortfuhr : » Ich weiß ja , daß Ihre Worte damals nur der Stimmung des Abschieds entsprangen , aber sie waren mir oft ein Trost und - und ich danke Ihnen dafür . « Mit aller Kraft biß ich die Zähne zusammen und jagte den heulenden Schmerz , der mich zerfetzte , in die Brust zurück . Ich verstand : Eine gnädige Hand war es gewesen , die die Riegel vor meiner Erinnerung zugeschoben hatte . Klar stand jetzt in meinem Bewußtsein geschrieben , was ein kurzer Schimmer aus alten Tagen herübergetragen : Eine Liebe , die für mein Herz zu stark gewesen , hatte für Jahre mein Denken zernagt , und die Nacht des Irrsinns war damals der Balsam für meinen wunden Geist geworden . Allmählich senkte sich die Ruhe des Erstorbenseins über mich und kühlte die Tränen hinter meinen Augenlidern . Der Hall von Glocken zog ernst und stolz durch den Dom , und ich konnte freudig lächelnd der in die Augen sehen , die gekommen war , Hilfe bei mir zu suchen . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Wieder hörte ich das dumpfe Fallen des Wagenschlags und das Trappen der Hufe . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Durch nachtblauglitzernden Schnee ging ich hinab in die Stadt . Die Laternen staunten mich an mit zwinkernden Augen , und aus geschichteten Bergen von Tannenbäumen raunte es von Flitter und silbernen Nüssen und vom kommenden Christfest . Auf dem Rathausplatz an der Mariensäule murmelten bei Kerzenglanz die alten Bettelweiber mit den grauen Kopftüchern der Muttergottes ihren Rosenkranz . Vor dem dunklen Eingang zur Judenstadt hockten die Buden des Weihnachtsmarktes . Mitten darin , mit rotem Tuch bespannt , leuchtete grell , von schwelenden Fackeln beschienen , die offene Bühne eines Marionettentheaters . Zwakhs Policcinell in Purpur und Violett , die Peitsche in der Hand und daran an der Schnur einen Totenschädel , ritt klappernd auf hölzernem Schimmel über die Bretter . In Reihen fest aneinandergedrängt starrten die Kleinen - die Pelzmützen tief über die Ohren gezogen - mit offenem Munde hinauf und lauschten gebannt den Versen des Prager Dichters Oskar Wiener , die mein Freund Zwakh da drinnen im Kasten sprach : » Ganz vorne schritt ein Hampelmann , Der Kerl war mager wie ein Dichter Und hatte bunte Lappen an Und torkelte und schnitt Gesichter . « - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Ich bog in die Gasse ein , die schwarz und winklig auf den Platz mündete . Dicht , Kopf an Kopf , stand lautlos eine Menschenmenge da in der Finsternis vor einem Anschlagszettel . Ein Mann hatte ein Streichholz angezündet , und ich konnte einige Zeilen bruchstückweise lesen . Mit dumpfen Sinnen nahm mein Bewußtsein ein paar Worte auf : Vermißt ! 1000 fl Belohnung Älterer Herr ........... schwarz gekleidet ....... ................................ Signalement : ........... fleischiges , glattrasiertes Gesicht .... ........................... Haarfarbe : weiß ............... ......... Polizeidirektion ........ Zimmer Nr. ..... Wunschlos , teilnahmslos , ein lebender Leichnam , ging ich langsam hinein in die lichtlosen Häuserreihen . Eine Handvoll winziger Sterne glitzerte auf dem schmalen , dunklen Himmelsweg über den Giebeln . Friedvoll schweiften meine Gedanken zurück in den Dom , und die Ruhe meiner Seele wurde noch beseligender und tiefer , da drang vom Platz herüber , schneidend klar - als stünde sie dicht an meinem Ohr - die Stimme des Marionettenspielers durch die Winterluft : » Wo ist das Herz aus rotem Stein ? Es hing an einem Seidenbande , Und funkelte im Frührotschein . « - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Spuk Bis tief in die Nacht hatte ich ruhelos mein Zimmer durchmessen und mir das Gehirn zermartert , wie ich » ihr « Hilfe bringen könnte . Oft war ich nahe daran gewesen , hinunter zu Schemajah Hillel zu gehen , ihm zu erzählen , was mir anvertraut worden , und ihn um Rat zu bitten . Aber jedesmal verwarf ich den Entschluß . Er stand im Geist so riesengroß vor mir , daß es eine Entweihung schien , ihn mit Dingen , die das äußere Leben betrafen , zu behelligen , dann wieder kamen Momente , wo mich brennende Zweifel befielen , ob ich in Wirklichkeit alles das erlebt hätte , was nur eine kurze Spanne Zeit zurücklag und doch so seltsam verblaßt schien , verglichen mit den lebenstrotzenden Erlebnissen des verflossenen Tages . Hatte ich nicht doch geträumt ? Durfte ich - ein Mensch , dem das Unerhörte geschehen war , daß er seine Vergangenheit vergessen hatte , - auch nur eine Sekunde lang als Gewißheit annehmen , wofür als einziger Zeuge bloß meine Erinnerung die Hand aufhob ? Mein Blick fiel auf die Kerze Hillels , die immer noch auf dem Sessel lag . Gott sei Dank , wenigstens das eine stand fest : ich war mit ihm in persönlicher Berührung gewesen ! Sollte ich nicht ohne Besinnen hinunterlaufen zu ihm , seine Knie umfassen und wie Mensch zu Mensch ihm klagen , daß ein unsägliches Weh an meinem Herzen fraß ? Schon hielt ich die Klinke in der Hand , da ließ ich wieder los ; ich sah voraus , was kommen würde : Hillel würde mir mild über die Augen fahren und - - - nein , nein , nur das nicht ! Ich hatte kein Recht , Linderung zu begehren . » Sie « vertraute auf mich und meine Hilfe , und wenn die Gefahr , in der sie sich fühlte , mir in Momenten auch klein und nichtig erscheinen mochte , - sie empfand sie sicherlich als riesengroß ! Hillel um Rat zu bitten , blieb morgen Zeit - ich zwang mich , kalt und nüchtern zu denken ; - ihn jetzt - mitten in der Nacht zu stören ? - es ging nicht an . So würde nur ein Verrückter handeln . Ich wollte die Lampe anzünden ; dann ließ ich es wieder sein : der Abglanz des Mondlichts fiel von den Dächern gegenüber herein in mein Zimmer und gab mehr Helle , als ich brauchte . Und ich fürchtete , die Nacht könnte noch langsamer vergehen , wenn ich Licht machte . Es lag so viel Hoffnungslosigkeit in dem Gedanken , die Lampe anzuzünden , nur um den Tag zu erwarten , - eine leise Angst sagte mir , der Morgen rücke dadurch in unerlebbare Ferne . Ich trat ans Fenster : Wie ein gespenstischer , in der Luft schwebender Friedhof lagen die Reihen verschnörkelter Giebel dort oben - Leichensteine mit verwitterten Jahreszahlen , getürmt über die dunklen Modergrüfte , diese » Wohnstätten « , darein sich das Gewimmel der Lebenden Höhlen und Gänge genagt . Lange stand ich so und starrte hinauf , bis ich mich leise , ganz leise zu wundern begann , warum ich denn nicht aufschräke , wo doch ein Geräusch von verhaltenen Schritten durch die Mauern neben mir deutlich an mein Ohr drang . Ich horchte hin : Kein Zweifel , wieder ging da ein Mensch . Das kurze Ächzen der Dielen verriet , wie seine Sohle zögernd schlich . Mit einem Schlage war ich ganz bei mir . Ich wurde förmlich kleiner , so preßte sich alles in mir zusammen unter dem Druck des Willens zu hören . Jedes Zeitempfinden gerann zu Gegenwart . Noch ein rasches Knistern , das vor sich selbst erschrak und hastig abbrach . Dann Totenstille . Jene lauernde , grauenhafte Stille , die ihr eigener Verräter ist und Minuten ins Ungeheuerliche wachsen macht . Regungslos stand ich , das Ohr an die Wand gedrückt , das drohende Gefühl in der Kehle , daß drüben einer stand , genauso wie ich und dasselbe tat . Ich lauschte und lauschte : Nichts . Der Atelierraum nebenan schien wie abgestorben . Lautlos - auf den Zehenspitzen - stahl ich mich an den Sessel bei meinem Bett , nahm Hillels Kerze und zündete sie an . Dann überlegte ich : Die eiserne Speichertüre draußen auf dem Gang , die zum Atelier Saviolis führte , ging nur von drüben aufzuklinken . Aufs Geratewohl ergriff ich ein hakenförmiges Stück Draht , das unter meinen Graviersticheln auf dem Tische lag : derlei Schlösser springen leicht auf . Schon beim ersten Druck auf die Riegelfeder ! Und was würde dann geschehen ? Nur Aaron Wassertrum konnte es sein , der da nebenan spionierte , - vielleicht in Kästen wühlte , um neue Waffen und Beweise in die Hand zu bekommen , legte ich mir zurecht . Ob es viel nützen würde , wenn ich dazwischentrat ? Ich besann mich nicht lang : handeln , nicht denken ! Nur dies furchtbare Warten auf den Morgen zerfetzen ! Und schon stand ich vor der eisernen Bodentüre , drückte dagegen , schob vorsichtig den Haken ins Schloß und horchte . Richtig : Ein schleifendes Geräuch drinnen im Atelier , wie wenn jemand eine Schublade aufzieht . Im nächsten Augenblick schnellte der Riegel zurück . Ich konnte das Zimmer überblicken und sah , obwohl es fast finster war und meine Kerze mich nur blendete , wie ein Mann in langem schwarzem Mantel entsetzt vor einem Schreibtisch aufsprang , - eine Sekunde lang unschlüssig , wohin sich wenden , - eine Bewegung machte , als wolle er auf mich losstürzen , sich dann den Hut vom Kopf riß und hastig damit sein Gesicht bedeckte . » Was suchen Sie hier ! « wollte ich rufen , doch der Mann kam mir zuvor : » Pernath ! Sie sind ' s ? Gotteswillen ! Das Licht weg ! « Die Stimme kam mir bekannt vor , war aber keinesfalls die des Trödlers Wassertrum . Automatisch blies ich die Kerze aus . Das Zimmer lag halbdunkel da - nur von dem schimmrigen Dunst , der aus der Fensternische hereindrang , matt erhellt - genau wie meines , und ich mußte meine Augen aufs äußerste anstrengen , ehe ich in dem abgezehrten , hektischen Gesicht , das plötzlich über dem Mantel auftauchte , die Züge des Studenten Charousek erkennen konnte . » Der Mönch ! « drängte es sich mir auf die Zunge und ich verstand mit einem Male die Vision , die ich gestern im Dom gehabt ! Charousek ! Das war der Mann , an den ich mich wenden sollte ! - Und ich hörte seine Worte wieder , die er damals im Regen unter dem Torbogen gesagt hatte : » Aaron Wassertrum wird es schon erfahren , daß man mit vergifteten , unsichtbaren Nadeln durch Mauern stechen kann . Genau an dem Tage , an dem er Dr. Savioli an den Hals will . « Hatte ich an Charousek einen Bundesgenossen ? Wußte er ebenfalls , was sich zugetragen ? Sein Hiersein zu so ungewöhnlicher Stunde ließ fast darauf schließen , aber ich scheute mich , die direkte Frage an ihn zu richten . Er war ans Fenster geeilt und spähte hinter dem Vorhang hinunter auf die Gasse . Ich erriet : er fürchtete , Wassertrum könne den Lichtschein meiner Kerze wahrgenommen haben . » Sie denken gewiß , ich sei ein Dieb , daß ich nachts hier in einer fremden Wohnung herumsuche , Meister Pernath , « fing er nach langem Schweigen mit unsicherer Stimme an , » aber ich schwöre Ihnen - - « Ich fiel ihm sofort in die Rede und beruhigte ihn . Und um ihm zu zeigen , daß ich keinerlei Mißtrauen gegen ihn hegte , in ihm vielmehr einen Bundesgenossen sah , erzählte ich ihm mit kleinen Einschränkungen , die ich für nötig hielt , welche Bewandtnis es mit dem Atelier habe , und daß ich fürchte , eine Frau , die mir nahestehe , sei in Gefahr , den erpresserischen Gelüsten des Trödlers in irgendwelcher Art zum Opfer zu fallen . Aus der höflichen Weise , mit der er mir zuhörte , ohne mich mit Fragen zu unterbrechen , entnahm ich , daß er das meiste bereits wußte , wenn auch vielleicht nicht in Einzelheiten . » Es stimmt schon « , sagte er grübelnd , als ich zu Ende gekommen war . » Habe ich mich also doch nicht geirrt ! Der Kerl will Savioli an die Gurgel fahren , das ist klar , aber offenbar hat er noch nicht genug Material beisammen . Weshalb würde er sich sonst noch hier immerwährend herumdrücken ! Ich ging nämlich gestern , sagen wir mal : zufällig durch die Hahnpaßgasse , « erklarte er , als er meine fragende Miene bemerkte , » da fiel mir auf , daß Wassertrum erst lange - scheinbar unbefangen - vor dem Tor unten auf und ab schlenderte , dann aber , als er sich unbeobachtet glaubte , rasch ins Haus bog . Ich ging ihm sofort nach und tat so , als wollte ich Sie besuchen , das heißt , ich klopfte bei Ihnen an , und dabei überraschte ich ihn , wie er draußen an der eisernen Bodentür mit einem Schlüssel herumhantierte . Natürlich gab er es augenblicklich auf , als ich kam , und klopfte ebenfalls als Vorwand bei Ihnen an . Sie schienen übrigens nicht zu Hause gewesen zu sein , denn es öffnete niemand . Als ich mich dann vorsichtig in der Judenstadt erkundigte , erfuhr ich , daß jemand , der nach den Schilderungen nur Dr. Savioli sein konnte , hier heimlich ein Absteigequartier besäße . Da Dr. Savioli schwerkrank liegt , reimte ich mir das übrige zurecht . Sehen Sie : und das da habe ich aus den Schubladen zusammengesucht , um Wassertrum für alle Fälle zuvorzukommen « , schloß Charousek und deutete auf ein Paket Briefe auf dem Schreibtisch ; » es ist alles , was ich an Schriftstücken finden konnte . Hoffentlich ist sonst nichts mehr vorhanden . Wenigstens habe ich in sämtlichen Truhen und Schränken gestöbert , so gut das in der Finsternis ging . « Meine Augen durchforschten bei seiner Rede das Zimmer und blieben unwillkürlich auf einer Falltüre am Boden haften . Ich entsann mich dabei dunkel , daß Zwakh mir irgendwann erzählt hatte , ein geheimer Zugang führe von unten herauf ins Atelier . Es war eine viereckige Platte mit einem Ring daran als Griff . » Wo sollen wir die Briefe aufheben ? « , fing Charousek wieder an . » Sie , Herr Pernath , und ich sind wohl die einzigen im ganzen Ghetto , die Wassertrum harmlos vorkommen , - warum gerade ich , das - hat - seine - besonderen - Gründe « , - ( ich sah , daß sich seine Züge in wildem Haß verzerrten , wie er so den letzten Satz förmlich zerbiß - ) » und Sie hält er für - - « Charousek erstickte das Wort » verrückt « mit einem raschen , erkünstelten Husten , aber ich erriet , was er hatte sagen wollen . Es tat mir nicht weh ; das Gefühl , » ihr « helfen zu können , machte mich so glückselig , daß jede Empfindlichkeit ausgelöscht war . Wir kamen schließlich überein , das Paket bei mir zu verstecken , und gingen hinüber in meine Kammer . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Charousek war längst fort , aber immer noch konnte ich mich nicht entschließen , zu Bette zu gehen . Eine gewisse innere Unzufriedenheit nagte an mir und hielt mich davon ab . Irgend etwas sollte ich noch tun , fühlte ich , aber was ? was ? Einen Plan für den Studenten entwerfen , was weiter zu geschehen hätte ? Das allein konnte es nicht sein . Charousek ließ den Trödler sowieso nicht aus den Augen , darüber bestand kein Zweifel . Ich schauderte , wenn ich an den Haß dachte , der aus seinen Worten geweht hatte . Was ihm Wassertrum wohl angetan haben mochte ? Die seltsame innere Unruhe in mir wuchs und brachte mich fast zur Verzweiflung . Ein Unsichtbares , Jenseitiges rief nach mir , und ich verstand nicht . Ich kam mir vor wie ein Gaul , der dressiert wird , das Reißen am Zügel spürt und nicht weiß , welches Kunststück er machen soll , den Willen seines Herrn nicht erfaßt . Hinuntergehen zu Schemajah Hillel ? Jede Faser in mir verneinte . Die Vision des Mönchs in der Domkirche , auf dessen Schultern gestern der Kopf Charouseks aufgetaucht war als Antwort auf eine stumme Bitte um Rat , gab mir Fingerzeig genug , von nun an dumpfe Gefühle nicht ohne weiteres zu verachten . Geheime Kräfte keimten in mir auf seit geraumer Zeit , das war gewiß : ich empfand es zu übermächtig , als daß ich auch nur den Versuch gemacht hätte , es wegzuleugnen . Buchstaben zu empfinden , sie nicht nur mit den Augen in Büchern zu lesen , - einen Dolmetsch in mir selbst aufzustellen , der mir übersetzt , was die Instinkte ohne Worte raunen , darin muß der Schlüssel liegen , sich mit dem eigenen Innern durch klare Sprache zu verständigen , begriff ich . » Sie haben Augen und sehen nicht ; sie haben Ohren und hören nicht « , fiel mir eine Bibelstelle wie eine Erklärung dazu ein . » Schlüssel , Schlüssel , Schlüssel « , wiederholten mechanisch meine Lippen , derweilen mir der Geist jene sonderbaren Ideen vorgaukelte , bemerkte ich plötzlich . » Schlüssel , Schlüssel - - ? « Mein Blick fiel auf den krummen Draht in meiner Hand , der mir vorhin zum Öffnen der Speichertüre gedient hatte , und eine heiße Neugier , wohin wohl die viereckige Falltür aus dem Atelier führen könnte , peitschte mich auf . Und ohne zu überlegen , ging ich nochmals hinüber in Saviolis Atelier und zog an dem Griffring der Falltüre , bis es mir schließlich gelang , die Platte zu heben . Zuerst nichts als