krümmt und mit saurem Schweiß jedem rollenden Pfennig nachläuft ; und die junge Frau wird unter ihrer Peitsche zur Sklavin , die ihre Liebe für das Brot und das Bett verkauft und in ständiger Prostitution Kinder gebärt . « » Und der Weg , um diese Wirkungen aufzuheben ? « frug Konrad , obwohl er die Antwort voraussah . Es lag ihm aber an der Fortsetzung dieses Gesprächs . » Die freie Ehe natürlich - unsere Ehe ! « rief Pawlowitsch und legte die breite Faust auf die weiche kleine Hand Elsens , die neben ihm auf dem Tisch ruhte und unter der seinen nun völlig verschwand . Konrad verlangte danach , mehr zu hören : » Würde nicht , von Ausnahmen abgesehen , für die Masse eine Zügellosigkeit ohnegleichen die Folge sein ? « Pawlowitsch lachte hell auf : » Nun sind Sie fast ein halbes Jahr in Berlin , atmen sogar die vergiftete Luft , die ich um mich verbreite , und reden noch wie ein fränkischer Landpfarrer ! Zügellosigkeit ! - Wann werden verständige Leute aufhören , erotische Bedürfnisse unserer Physis und ihre Befriedigung mit moralischem Maßstab zu messen und körperliche Treue der seelischen - jener einzig notwendigen Folge wahrer , das heißt geistiger Gemeinschaft zwischen Mann und Weib - nicht etwa nur überzuordnen , sondern sie sogar für die Treue an sich zu erklären ! Wenn ein Weib einen Mann erotisch entflammt und er ihren Leib begehrt , den er erkannte , muß er dann zugleich ihre Seele lieben , von der er nichts weiß ? Oder soll er verzichten wie ein Wüstenheiliger und sie und sich um eine Stunde rasenden Rausches betrügen , der vielleicht in seinem Hirn ein unsterbliches Werk erzeugt , in ihrem Schoß einen Helden ? « Er war aufgestanden , seine Brust hob und senkte sich , auf seinen Backenknochen , die breit aus den eingesunkenen Wangen herausstachen , brannten rote Flecken , und die kleinen Augen sprühten . Minutenlang war kein anderer Laut im Zimmer zu hören als das Verknistern der letzten Flamme im Ofen . Else saß still vor dem verwüsteten Tisch , den Reste der Mahlzeit bedeckten ; ihre Augen hielt sie gesenkt , ihren Mund fest geschlossen , aber ihre Hand , die noch immer auf dem weißen Tischtuch neben dem Teller lag , ihre Hand sprach : zuerst durchlief sie ein Zittern , das jeden Finger einzeln ergriff , dann ballte sie sich , wie von schmerzhaftem Krampf zusammengezogen , um schließlich nach einem wehen Zucken sich lang auszustrecken , blaß und müde wie eine Sterbende . Erst die Stimme des Russen belebte sie wieder . » Sing uns ein Lied , « sagte er rauh . Schwankend wie nach schwerem Traum erhob sie sich , trat ans Klavier und schlug , noch blaß vor Erregung , ein paar Akkorde an , die allmählich voller und voller anschwollen , während ihre Stimme immer sieghafter darüber schwebte . In leidenschaftlicher Melodie schien ihr ganzes Wesen sich aufzulösen . Das war das blasse Mädchen nicht mehr , das die Roheit des Mannes traf wie die Wiesenblume der Herbststurm , das war das Weib , dessen entfesselte Leidenschaft sie in den Purpurmantel der Herrscherin hüllte . Wie schön sie war ! Mit einem Blick stürmischen Verlangens , den sie mit einem zärtlichen Aufleuchten in ihren Augen beantwortete , beugte sich Pawlowitsch über sie . Als die Freunde sich verabschiedet hatten , verfolgte sie noch lange das Bild des Paares , wie es zuletzt unter dem weißen Flurlicht vor ihnen gestanden hatte : der starke große Mann mit dem Arm um die Schulter der schlanken Frau , beide strahlend im Glück vollen Besitzes . Eiskalt schlug der Schnee den Wandernden ins Gesicht . Sie schwiegen lange . Vor dem großen Weinhaus in der Leipziger Straße , dessen Drehtüren sich trotz der späten Stunde noch unaufhörlich bewegten , blieb Konrad stehen . » Die Kehle ist mir wie ausgedörrt , als ob ich allein die Kosten der Unterhaltung getragen hätte , « sagte er , gezwungen lachend ; » komm , wir wollen noch ein paar Flaschen die Hälse brechen . « Warburg suchte einen versteckten Platz in einem der stillen oberen Säle , aber Konrad zog ihn in die dichteste Menge der Tafelnden . » Mitten darin wollen wir sein , wo sie lachen und lieben . « Er bestellte weißen Burgunder : » Napoleons Wein ! « Und als der goldne Trank in den Gläsern glänzte , meinte er grübelnd : » Pawlowitsch hat unrecht : Dieser , der größte der Helden , wurde im Bett der Ehe gezeugt ! « » Und doch gewiß im Rausch der Leidenschaft , « sagte Warburg ; » Carlo Bonaparte war ein Korse , mehr an die freie Luft , als an den warmen Ofen gewöhnt . « » Du stimmst Pawlowitsch ' Theorien zu ? « frug Konrad mit gespanntem Ausdruck , die dunklen Augen voll auf den Gefährten gerichtet . » Sie scheinen mir zunächst in größerem Einklang mit den Forderungen der Natur zu sein als die strengen Gesetze der Treue , die wohl nur ein Ergebnis moralischer Überlegungen sind , « entgegnete Walter vorsichtig . » Das bedeutet eine Zerreißung des Menschen in Geist und Körper , eine Erniedrigung der Liebe auf das Niveau des Tierschen - « und heftig , daß der Wein in aufleuchtenden Perlen überfloß , setzte Konrad das Glas zum Munde . » Du vergißt , daß wir unsere erotischen Bedürfnisse mit den Tieren gemeinsam haben , unsere geistigen dagegen nicht ; die Spaltung in uns ist daher von vornherein gegeben . « » Damit öffnest du der Freiheit der Gelüste Tür und Tor . « » Der Freiheit , - nicht der Zügellosigkeit , die wiederum nur eine ausschließlich menschliche , der Natur fremde Verirrung ist . « » Du statuierst aufs neue Gesetze , die doch zu vage sind , um brausendes Blut am Überschäumen zu hindern . Wo , wenn Freiheit die Norm sein soll , hört sie auf , Freiheit zu sein ? Und , wenn der von Natur Nüchterne mit zwei Glas Wein die Freiheit , zu trinken , auskostet , wie steht ' s mit dem , dessen Durst jeder Tropfen nur steigert , dessen Glut nur immer verzehrender um sich greift , weil , was für die anderen löschendes Wasser , für ihn jenes Feuerwasser ist , das , wenn es brennend in kühle Quellen fließt , ihren ganzen Lauf in lodernde Flammen wandelt ? ! « » Konrad - ! « rief Walter , erschrocken durch die Leidenschaft , die ihm entgegenschlug , die aus des Freundes sprühenden Blicken noch wilder als aus seinen Worten sprach . Jener lächelte : » Du wähntest , jene Kette des Wissens aus Zahlen und Namen , Regeln und Theorien geschmiedet , mit der ich mühsam Tag für Tag meine Glieder umschnüre , habe mein ungebärdiges Selbst in Fesseln geschlagen ? ! « Immer rascher leerte er sein Glas und füllte es wieder - . » Ich will dir etwas anvertrauen , etwas , das ich mir selbst nur in den dunkelsten Stunden sage : Meine Angst ist ' s , jene gräßlichste Angst , die es gibt , die vor sich selbst . Bist du dir nie wie dein eigenes Gespenst erschienen ? Hast du dich nie vor den fremden wilden Mächten in dir gefürchtet , wie der Vesuv sich vor dem Feuer in seinem Innern fürchten muß , das ihn zu zerreißen , zu verbrennen droht ? Es ist in uns immer etwas , das hungert . Wir müssen der Bestie von Zeit zu Zeit blutigen Fraß vorwerfen , oder sie einsperren - ganz fest - ganz fest . Du siehst : Die Feigheit macht mich sittsam wie einen Philister , und - der Ekel ! « Wieder und wieder setzte er das volle Glas zum Munde . » Konrad - ! « Walter legte die Hand mahnend auf Konrads heiße Rechte . Der sah ihn an mit einem weiten , leeren Blick , als sähe er an ihm vorbei , durch ihn hindurch in die Ferne : » Oder des blassen Kindes silberweiße Reinheit , die selbst alles andere Weiß schmutzig erscheinen läßt - « Ein Gelächter , gell und mißtönend , schlug an sein Ohr . Durch den Dunst von Menschenatem , Zigarrenrauch , dampfenden Speisen und süßen Gerüchen vieler Weine blickten Gesichter , unwahrscheinlich in roter Gedunsenheit , verzerrt durch freches Grinsen , Männer und Frauen , die am Tage korrekt und gesittet hinter dem Ladentisch standen , an der Nähmaschine oder auf dem Drehstuhl saßen , Rekruten kommandierten oder Kinder erzogen . Wie sie einander lüstern betrachteten , wie die Augen der Männer an den durchsichtigen Blusen der Mädchen , an den krachenden Seidentaillen allzu üppiger Frauen forschend hängen blieben ! Da lag ein Arm über einer Stuhllehne , an die sich schmachtend der runde Rücken eines Weibes lehnte , - sicherlich eine tugendhafte Gattin und gute Mutter bei Tage - , dort unter dem Tisch zerdrückte eine rote Hand das dünne Gelenk einer blassen Jungfer , drüben versanken zwei Augenpaare verzehrend ineinander , und das feiste Knie eines Glatzköpfigen zwängte sich an das der kokettierenden Nachbarin . Und über alledem das Gelächter - gell und mißtönend ! Gröhlten irgendwo kleine Teufel triumphierend über die Demaskierung da unten ? Oder waren es vielleicht doch nur die alten Herren mit weißen Bärten und blauroten Wangen , die sich an dem langen Tisch unter der blanken Säule mit flackernden Augen unsaubere Geschichten erzählten ? Konrad hörte nur noch , wie sie fröhlich waren , sah nur noch Blicke , von Liebe trunken , fühlte nur noch die große Glut , die über allen zusammenschlug . Als er nach Hause kam , lauter als sonst den Schlüssel im Schloß drehend , drang ein Lichtstreif aus dem Zimmer der Wirtin und Flüstern , Lachen , Hundewinseln . Unbezähmbare Neugierde beherrschte Konrad plötzlich , angestachelt durch das Bild Frau Wandas , das er in seinem dunklen Reiz so greifbar deutlich vor sich zu haben meinte , wie er es in Wirklichkeit nie gesehen hatte . Er stieß die Türe auf und sah in einen roten Nebel , aus dem zuerst Giovannis schwarze Gestalt hervorkroch . » Der Herr Baron , « grinste er mit einem tiefen Bückling , und nach rückwärts gewandt im Tone eines Befehlshabers : » Schrei nicht , Wanda - wir wiederholen die Probe : - Chin - Mao - Sem - Ysi - Jo - hierher ! « Eine Peitsche pfiff durch die Luft , aufheulend stürzten fünf winzige , schwarzgraue Hunde , von jener nackten Rasse mit den übergroßen vorstehenden Augen , aus dem Hintergrund , wo sie nebeneinander , Konrad steif anglotzend wie Götzen , gesessen hatten , und unter der großen runden Lichtkugel aus rotem Glas , die von der Decke herabhing , reckte sich der Körper der Jongleuse , von oben bis unten in rotem Trikot , der ihre vollen Formen eng umschloß . » Auch die Lichteffekte versuchten wir heut - « krähte des Alten Stimme , dann kauerte er sich mit hochgezogenen Knien auf das breite Bett im Hintergrund , griff nach dem Tamburin , das darauf lag , und schlug es im Takt mit den knöchernen Fingern . Mit kleinen schwarzen Kugeln spielte das Weib . Sie leuchteten ; sie sahen sie an ; sehnsüchtig , wenn sie über ihrem Kopfe tanzten , trunken , wenn sie an ihr niederrieselten ; - waren es nicht Pupillen , herausgerissen aus den Augenhöhlen Lebendiger ? Das Tamburin dröhnte einen Siegesmarsch . Und zu Füßen der Spielerin hockten die Hunde zusammengedrängt und starrten sie an , unbewegt . Da klingelten die Glöckchen an Giovannis Instrument , und eilig , wie hungrige Affen , kletterten sie von allen Seiten an der roten Gestalt empor , bis sie oben auf Brust und Schultern hingen , die schwarzen , feuchten Schnäuzchen dicht an ihrem Gesicht . Mit einer Bewegung hingebungsvoller Ermattung ließ sie die Kugeln fallen , sie schlugen klingelnd auf , dann lagen sie vor ihr , aufwärts schauend , erloschenen Blicks . Die Hunde aber wurden immer lebendiger : auf ihrem Kopf saß der eine und wühlte den nackten Körper in das üppige Nest ihrer schwarzen Haare ; aus ihren Armhöhlen lugten zwei andere mit hängenden Zungen hervor ; um ihre Hüften hüpften die letzten , der eine den glatten langen Schwanz des anderen im Maul . In rasendem Rhythmus dröhnte das Tamburin . Und in Konrads Kopf brausten die Geister des Weins , in seinen Adern pochte das Blut . Im nächsten Augenblick würde er die eklen schwarzen Geschöpfe von den prangenden Gliedern reißen und würgen ! Da öffnete sich die Tür hinter ihm - klirrend fiel etwas zu Boden - Glas splitterte - Wasser rieselte dazwischen . Die Hunde sprangen zur Erde und bellten . » Du - du ! « schrie die Spielerin , mit erhobenen Fäusten vorwärtsstürmend . Konrad wandte den Kopf : Todblassen Gesichts , in dem nichts lebte als die haßerfüllten Augen , den frostschauernden mageren Körper nur von ihrem weißen Nachtgewand umhüllt , stand die kleine Bucklige vor ihm . Und das Blut ebbte zurück , die Geister des Weins entflohen . Mit einem Schritt war er zwischen dem Kinde und der wütenden Mutter . » Sie rühren das Mädchen nicht an , oder - bei Gott ! - « und er griff nach der Peitsche am Boden . Das alles war nichts als ein wüster Traum gewesen , dachte er am nächsten Morgen . Aber Gina war krank , und als er an ihr Bettchen trat und die Hand auf ihre Stirne legte , fühlte er das Fieber . Wanda schlug , als er kam , mit einem bösen Blick die Türe hinter sich zu . Es mußte also doch wohl wahr gewesen sein . Am liebsten wäre er umgezogen - sofort , aber die Augen des Kindes , die eine Bitte waren , hielten ihn fest . Stundenlang saß er an ihrem Bettchen und las ihr vor , während ihr schmales Gesichtchen von unbeschreiblicher Seligkeit strahlte . Waren es Goethes Gedichte , die sie nicht oft genug hören konnte , so flüsterte sie leise mit ; es klang wie zweistimmiger Gesang aus der Ferne . » Du wirst einmal eine schöne Stimme haben , Gina , « sagte er . » Wirklich ? « lächelte sie glücklich und summte träumerisch das Lied vom Heidenröslein vor sich hin . » Es ist viel schöner wie das vom Monde , « meinte sie . » Warum denn ? « frug der Jüngling . » Röslein wehrte sich und stach - mußt es eben leiden - « sang sie , und zwei schelmische Grübchen erschienen wie kleine Kobolde in ihren Wangen . » Glauben Sie nicht , Herr Konrad , « fuhr sie dann ernsthaft fort , » daß das Röslein sich nur zum Scheine wehrte ? Es litt doch diesen Tod so gerne ! Der andere aber , der vom Monde sang : - rausche , rausche , lieber Fluß ! Nimmer werd ' ich froh ; so verrauschte Scherz und Kuß und die Treue so - , der hat nie , nie mehr gelacht , und wenn er über die Straße geht , weinen die Kinder , die ihn sehen . « Sie richtete sich jäh in den Kissen auf , geschüttelt von Angst . » Es war ein König von Thule , gar treu bis an das Grab - « klang tief , gleichmäßig , beruhigend Konrads Stimme , während seine Hand sie vorsichtig bettete und seine Augen auf ihr ruhten . Noch ein Aufseufzen , und sie schlief ein . Niemand wußte , was ihr fehlte . Es kamen Tage , wo sie aufzustehen vermochte und sich ' s nicht nehmen ließ , wie früher , Konrads Tisch zu decken . Dann aber trug ihr Giovanni die Teller und Schüsseln , die ihre mageren Ärmchen nicht mehr heben konnten , zu , und brachte ihr sogar heimlich Blumen zum Schmuck , fremde , farbenfrohe , die lange gereist waren , um hier im Norden zu sterben . Seit jenem Abend hatte der Alte sich verwandelt . Er ging umher wie ein Schuldbeladener . Stumm , in steter Dienstbereitschaft , bettelte er um Konrads Gunst . Frau Wanda ging er scheu aus dem Wege . Abends war er stets zu Haus und spielte mit dem kranken Kinde , wenn es allein war . Sein Jauchzen hatte Konrad einmal in ihr Zimmer gelockt : da stand der Alte hinter einem Wandschirm , über dem er auf seinen Fingern mit bunten Lappen geschmückte Puppen agieren ließ - ein improvisiertes Kasperltheater , das Gina entzückte . Konrad war in sein fröhliches Knabenlachen ausgebrochen und hatte ihm mit einem liebevollen : » Du bist ein guter Kerl « die runzlige Wange getätschelt . Von da an konnte sich Giovanni nicht genug tun , um der Kleinen Freude zu machen . Nur zuweilen , wenn keiner ihn sah , und das Kind , was immer häufiger vorkam , auf seinem Stuhle eingeschlafen war , wobei das Köpfchen ihm tief auf die Brust sank und der Höcker hoch hervortrat , streifte es sein Blick voll Abscheu , und des Nachts drückte er sich verstohlen hinter die Falten des Flurvorhangs , um , wenn Wanda aus dem Theater nach Hause kam , die Sekunde zu erhaschen , wo sie seine Augen mit dem Ausdruck verzehrenden Schönheitshungers umfassen konnten . Konrad , der sich der kleinen Kranken in der ersten Zeit ganz gewidmet hatte , ging nun , da er sie wohler und gut aufgehoben glaubte , mit lebhaftem Eifer und wachsender innerer Anteilnahme seinen Studien nach . Jener Wissensdurst hatte ihn allmählich ganz in seinen Bann geschlagen , der der Neugierde so nahe verwandt und darum so spezifisch jugendlich ist . Jede neue Kenntnis , die er erwarb , trug schon die Frage nach einer weiteren in sich , nur daß diese Jagd nach Wissen die dumpfe , in keine Formeln zu fassende Sehnsucht nach höheren Zielen nicht zu unterdrücken vermochte . Wenn er sich mit Warburg darüber aussprach , pflegte ihn dieser immer wieder darauf hinzuweisen , daß ein Beruf , ein Pläne und Gedanken auf sich konzentrierendes Ziel , ein Mittel sei , dem unruhigen Hin-und Herflattern seiner Seele abzuhelfen . Der aber empörte sich stets aufs neue gegen diese Auffassung : » Schlimm genug , wenn der Beruf das Ziel zu ersetzen vermag ! « sagte er . » Schlimmer noch , wenn der Mensch es nötig hätte , wozu das Tier nur gezwungen werden kann , in Käfige gesperrt zu werden , und ohne sie in der Freiheit - und sei es selbst die Freiheit der Wüste - nicht imstande wäre , sich die Nahrung zu erkämpfen , deren Geist und Seele bedarf ! « Pawlowitsch dagegen suchte mit allen Mitteln seines Verstandes und seiner Überredungskunst diesem unbestimmten Sehnen im Sozialismus Ziel und Richtung zu geben , und seine Vorträge , denen Konrad regelmäßig beiwohnte , schienen ihrem Inhalt nach oft nur für diesen Adepten bestimmt zu sein . Nachher debattierten sie . » Die Jugend von heute ist von Geburt an altersschwach , « polterte Pawlowitsch , als Konrad wieder einmal , ganz kühl und von nichts als von Zweifeln und Widersprüchen beladen , mit den Freunden aus dem Gewerkschaftshaus trat , die frische , schon frühlingsduftige Luft in tiefen Zügen einatmend . » Oder so stark wie Jung-Siegfried , der sich sein eigenes Schwert schmieden mußte , « antwortete er dem Russen . Sie fuhren nach dem Westen hinaus bis zu dem Café , wo sie sich an jenem Herbstnachmittag zuerst getroffen hatten . Pawlowitsch bestand darauf , obwohl Else Gerstenbergk die Freunde zu sich gebeten hatte . » Der Tisch ist schon für euch gedeckt , « wagte sie noch einmal mit einem schüchternen Lächeln , das ihr sonst so fremd war , einzuwenden . » Wir werden die Freiheit unserer Entschließung doch nicht einem gedeckten Tisch opfern , « rief der Russe unwirsch , und sie fügte sich stumm . Am Ziele angelangt , knüpfte er den Faden des Gesprächs aufs neue an und erzählte , sich immer mehr an der Glut der eigenen Erinnerung erwärmend , von jener Zeit im Anfang der neunziger Jahre , wo er als junger Mensch zum erstenmal nach Berlin gekommen sei - » auch einer wie Sie , zum Revolutionär nicht geboren « - und in den starken , alles mit sich fortreißenden Strom sozialistischer Ideen hineingetrieben worden wäre . » Damals besaßen wir den kostbaren , durch nichts zu ersetzenden Schatz eines Ideals , für das Titel , Vermögen , Vergangenheit und Zukunft wegzuwerfen , nicht nur kein Opfer , sondern eine Seligkeit war . Während Sie und Ihresgleichen ! « - er schürzte verächtlich die Lippen : » Zugvögel seid ihr , die das Ziel verloren haben und , umherirrend , schließlich kraftlos ins Meer stürzen . « » Sie vergessen nur , daß seitdem zwei Jahrzehnte verflossen sind , daß die Träume von damals Wirklichkeiten von heute wurden , « warf Konrad ein . » Unsinn , Unsinn - « wehrte Pawlowitsch ab , » haben wir vielleicht den Sozialismus ? « » Nein . Aber wir machten , scheint mir , viele Schritte in seiner Richtung und sehen mehr und mehr , daß der Weg nicht nur gangbar , sondern notwendig ist . « Pawlowitsch trommelte mit den Fingern auf dem Tisch . » Die Bourgeoissöhnchen waren also nur gerade kräftig genug , sich für eine Idee zu begeistern , um das Proletariat jetzt , wo es zähe Arbeit , gänzlich unromantische Anstrengung gilt , im Stich zu lassen ? « » Verzeihen Sie , « antwortete Konrad sehr ruhig dem Erregten , » es handelt sich doch wohl um zwei verschiedene Generationen , von denen Sie sprechen . Die eine - die Ihre ! - ist , so kommt es mir vor , gerade diejenige , die den Rausch der Jugend überwunden hat und jetzt nüchtern für all jene Einzelziele kämpft - deren Notwendigkeit ich gar nicht bestreiten will - für die Sie uns , die neue Jugend , aber um so weniger begeistern können , als - Sie müssen auch diese Offenheit entschuldigen ! - Sie selbst nicht mehr begeistert sind . « Pawlowitsch biß sich heftig auf die Lippen und warf ihm unter gerunzelter Stirn einen bösen Blick zu . » Für Sie « , fügte Konrad , der ihn ruhig auffing , hinzu , » ist doch das alles nur noch ein Rechenexempel - « » Und das letzte Ziel : die Aufhebung der Klassenherrschaft , die Sozialisierung der Welt ? « frug Pawlowitsch , mechanisch in dem Glase löffelnd , das vor ihm stand . Konrad zögerte mit der Antwort : » Deren Voraussetzung die Diktatur des Proletariats sein soll - nicht wahr ? « Pawlowitsch nickte spottend : » Haben Sie vielleicht dagegen etwas einzuwenden ? « » Ja , « entgegnete Konrad bestimmt . » Wie ? ! « rief Else mit einem Ungestüm einfallend , das ihrem Interesse bei diesen Fragen gar nicht zu entsprechen schien , und einem ängstlich flehenden Zug um den Mund , den Konrad nicht verstand . » Wie ? ! Sie könnten den Glauben von Millionen zerstören wollen ? « Und ihre Augen suchten die des Russen , der hartnäckig in den Schoß sah . » Wer ihn wirklich besitzt , dem wird er durch einen jungen Menschen , der kaum die Nase in die Welt gesteckt hat , auch nicht zerstört werden können , « meinte Konrad , » ich aber hab ' ihn nicht - leider ! - ich kann seine Verwirklichung nicht einmal für wünschenswert halten . Vielleicht - vielleicht wäre sogar - « zwischen jedem Wort entstand eine Pause , und seine Augen richteten sich aufwärts , glitten wie suchend über die Köpfe der Menschen hinweg in die Ferne - » der Kampf dagegen ein - Ziel , wenn man dabei zugleich für etwas kämpfen könnte . « Er erwartete einen heftigen Angriff , aber statt dessen wandte Pawlowitsch das Gesicht , in das sich zwischen Mund und Nase zwei tiefe Falten gegraben hatten , Elsen zu und sagte mit einer von Wehmut leise durchzogenen Ironie : » Schau ihn dir an , Else , diesen Knaben aus den fränkischen Wäldern mit der großen Sehnsucht im Blut . Kein Vorurteil hat ihn von vornherein krummgebogen , keine Großstadtdekadenz hat ihn abgestumpft ; all meine Überredungskunst , die freilich greisenhaft genug geworden sein mag , verwandte ich auf ihn , und doch - kann er nicht glauben ! Genau wie bei uns , wo dieselbe Generation , die sich vor wenigen Jahren für die Revolution massakrieren ließ , sich heute höchstens über Fragen der Erotik den Kopf - nicht einmal das Herz ! - zerbricht ! « Seine Stimme sank . Er ließ es sich ruhig gefallen , daß Else seine große Hand zwischen die ihren nahm . » Du mußt einlenken , « mahnte Warburg leise , während Konrad den starken Mann sich gegenüber erschüttert ansah und vor dem wehen , vorwurfsvollen Blick Elsens beschämt den seinen senkte . Alles war er zu tun bereit , um den Eindruck , den er gemacht hatte , wieder zu verwischen . Schon öffnete er den Mund , doch der Russe fiel ihm ins Wort : » Still ! Nehmen Sie keine Rücksicht auf solche Rückfälle in die Gemüts-Krankheit ! Erklären Sie mir lieber , nicht etwa die Gründe Ihres Unglaubens , - das interessiert mich nicht ! - sondern , warum Sie die Verwirklichung unserer Ideen nicht für wünschenswert halten . « Konrad errötete heftig : » Das alles , was ich sage , lieber Herr Pawlowitsch , sind doch nur Augenblickseindrücke ! Ich bin wirklich nicht so vermessen , meine Ansichten für irgendwie feststehende zu halten . « Else dankte ihm mit einem warmen Blick . » Gewiß , gewiß - das glaub ' ich gern ! Sie müssen mir aber demgegenüber gestatten , gerade von den ersten Eindrücken helläugiger Jugend oft mehr zu halten als von den späteren schablonenhaften Resultaten sogenannt tiefgründiger Studien . Also ? « » Wenn Sie es denn durchaus wissen wollen - aber , nicht wahr , Sie glauben mir ohne weiteres , daß ich all Ihren Gegenargumenten zugänglich bin ? « Pawlowitsch nickte ungeduldig . » Sehen Sie , mir scheint , daß uns , den physisch Satten , das Proletariat als die Klasse geistig Saturierter gegenübersteht . Freilich , sie scharen sich durstig um jeden kleinsten Born des Wissens . Aber was ihnen zufließt , ist ihnen ein Höchstes , ein Evangelium . Sie sind Besitzende , die stolz auf ihren geistigen Geldsäcken ruhen . Erinnern Sie sich , wie neulich Ihr Freund , - ein führender Genosse war es , glaube ich , - unter dem dröhnenden Beifall der Menge erklärte : von allen alten Banden der Religiosität , von all jenen mystischen Phantasien und Sehnsüchten , die nur diejenigen beschäftigen können , welche zu faul oder zu feige sind , sich realen Dingen zu widmen , haben wir uns endgültig frei gemacht , und wie man ihn umjubelte , als er schließlich ausrief : auch Likörtrinken ist schön und gehörte einst zum Leben , wir wissen aber , daß wir ohne das auskommen , und dasselbe gilt von allen geistigen Schnäpsen , die uns Pfaffen , Philosophen und Ästhetiker vorsetzen . Solche Menschen , die für alle Fragen schon die Antwort wissen , die weiter hinaus , ins Unbekannte keine Sehnsucht mehr haben - solche Menschen können uns weder Führer , noch dürfen sie der Zukunft Herrscher sein . Sie würden mehr Fesseln anlegen als brechen , mehr Saat zertreten als säen . « Konrad brach ab ; er fürchtete , schon wieder zu weit gegangen zu sein , und sah erwartungsvoll zu dem Russen hinüber . Der aber lächelte nur gutmütig : » Ist das Ihre ganze Sorge , junger Mann ? Doch selbst , wenn Sie recht hätten , glauben Sie , die Menschheit wäre nicht Manns genug , sich solcher Führer wieder zu entledigen ? Und glauben Sie wirklich , die Befreiung von Millionen armer Menschen aus Not und Elend wöge nicht reichlich die paar sogenannten Kulturgüter auf ? Man ist ja heute von tränenreicher Sentimentalität in bezug auf sie , die vielleicht im Strudel der großen Umwälzung verloren gehen werden . « Er unterbrach sich und sah nach der Uhr . » Wir werden die Fortsetzung unseres Gespräches auf ein anderes Mal verschieben müssen , « sagte er . » Ich habe noch eine Verabredung . « Auf der Straße trennten sie sich . Else war sehr blaß , und beim Aufstehen schien es Konrad , als habe sie geschwankt . » Ich möchte Sie nicht allein gehen lassen , « sagte er besorgt . Sie nahm wortlos seine Begleitung an . Ihm fiel ein , was ihm in letzter Zeit von Pawlowitsch vielfach zu Ohren gekommen war , - mit den Grundsätzen , die er entwickelt hatte , stimmte es überein - , daß er ein wüstes Leben führe , mit der und jener stadtbekannten Schönen gesehen worden sei und gegenwärtig mit einer verheirateten Frau ein Verhältnis habe . Er sah Else an , wie sie gesenkten Hauptes neben ihm schritt , und sein Herz krampfte sich zusammen . Hatte er sie nicht kürzlich erst voll strahlenden Glücks gesehen ? Bis vor die Tür ihres Hauses schwiegen beide . » Ich habe Angst um Sie , Fräulein Else , « sagte er schließlich . » Ich auch , « erwiderte sie , wehmütig lächelnd . Und dann : » Kommen Sie , mein Tisch ist noch gedeckt . Ich fürchte heute die Einsamkeit . « Er folgte ihr . Ein kleiner Teller mit