Senator seine kaufmännischen und Regierungsgeschäfte erledigt hatte . Oft riefen ihn diese aber sogleich nach Tisch noch zu späten Kommissionssitzungen wieder fort . Als sie den Verkehr der Gatten miteinander einigemal beobachtet hatte , dachte Sophie : eine solche Sachlichkeit , wie zwischen den beiden herrschte , ordne doch das Leben in der geschmackvollsten und nützlichsten Weise . Marieluis saß meist schweigend , in unbefangener Haltung aufmerksam und freundlich mit am Tische und antwortete nur auf Anreden . Ab und zu fehlte sie . Dann hieß es : sie ist zum Kursus . Oder : heut ' ist Abendschule . Sophie erfuhr gelegentlich , daß Marieluis einen Kursus besuche , in dem zwei Professoren abwechselnd kulturgeschichtliche Vorträge hielten , mit besonderer Berücksichtigung der Volkshygiene in allen Zeiten und bei allen Völkern . Und die Abendschule war von einer Frauengruppe begründet und unterhalten , die sich die Erziehung unehelicher Kinder zur Pflicht gemacht hatte . Immer war die Senatorin voll des Lobes über die praktische Anstelligkeit , den raschen Verstand und die glückliche Hand ihrer Pflegetochter . Mit immer wachsendem Interesse beobachtete Sophie das Mädchen . Ohne einen verschlossenen oder auffallend stillen Eindruck zu machen , schien sie doch ihr Innenleben für sich zu haben und zu beschweigen . Einmal fragte Sophie : » Ist Marieluis Ihre Blutsverwandte ? « » Nein , « antwortete die Pflegemutter und setzte gleich auseinander : » Aber natürlich : kein schlechtes Blut ! Wie hätten wir ein Wesen von ungewisser Rasse mit unserem Namen decken wollen ! Denn das war ja von vornherein Absicht : wenn sie sich nach Wunsch entwickelt , adoptieren wir sie , sobald mein Mann fünfzig wird . Das ist denn auch vor vier Jahren geschehen . Der Vater von Marieluis war ein junger Arzt , der Letzte eines arm gewordenen , vornehmen hanseatischen Geschlechts - er fing gerade an , leidliche Praxis zu bekommen . Da zog er sich eine Blutvergiftung zu und starb . Die Frau stand dicht vor der Geburt des zweiten Kindes . Infolge der Aufregung ging die Sache nicht gut aus . Mutter und Kind starben . Die Frau war aus dem Hannöverschen , aus einer soliden , bescheidenen Gutsbesitzersfamilie . Wir haben uns genau nach allem erkundigt ! « » Wie traurig , « sagte Sophie , » wie unaussprechlich traurig . « » Gott , « meinte die Senatorin , » für Marieluis ist es schließlich ja ein Glück geworden . Vielleicht hätte sie mit entsetzlich vielen kleineren Geschwistern es knapp und unruhig gehabt . Nun kann sie ihre Individualität ausbilden . Und versorgt ist sie auch , wenn sie ledig bleibt . Natürlich beerbt sie uns nicht voll . Meine und meines Mannes Geschwisterkinder sind auch noch da . Aber immerhin : sie hat reichlich zu leben und kann wirken . « » Die bewegliche Natur und Intelligenz meiner Frau brauchte Aufgaben , « sagte der Senator , » da gab ich ihr die Pflegetochter . Und ein Budget für ihre sozialen Bestrebungen . Um die Details dieser kann ich mich nicht kümmern . Sie interessieren mich auch nicht . Ich habe andere Pflichten . Wenn meine Frau die Formen und das Budget innehält , kann sie machen , was sie will . « » Beides versteht sich ja wohl von selbst , « sprach seine Frau sehr stolz und entschieden . Als der zweite Sonntag herannahte , bat die Senatorin : » Sie machen uns das Vergnügen ? Wir essen Sonntags schon um vier . Wegen der Dienstboten , damit die Küche früher entlastet wird . Meines Mannes Bruder und Frau , Sie wissen , Thea Daisters Eltern , werden Sie dann kennen lernen . « » Sie verzeihen und verstehen , wenn ich ablehne . Sonntags widme ich mich meinem Sohn , er hat in der Woche keine Zeit . « Nun war aber die Senatorin erstaunt . Davon hatte Sophie von Hellbingsdorf noch nichts gesagt . » Lassen Sie ihn doch bei uns Besuch machen , « sagte sie , ganz einfach über Allert bestimmend . » Danke - wie liebenswürdig - mir schien aber - ja , er will , glaub ' ich , zunächst ganz ungesellig leben . « » Ach - wie verkehrt ! Das reden Sie ihm aus . Die gesellschaftlichen Beziehungen bringen oft genug Nutzen für den Beruf . Das ist allerwärts so . « Ja , Sophie wollte ihm die gütige Erlaubnis übermitteln . Sie ärgerte sich manchmal über sich selbst - Regentennaturen hatten es ihr gegenüber so leicht ; es schien gar nicht zu ihrer selbständigen Lebenslage zu passen : aber einem Herrscherton antwortete sie immer etwas zu bescheiden . Am Sonntag klagte sie es Allert vor . Aber sie bat ihn auch , bei Amsters Karten abzugeben . Erstens konnte es ihm wirklich nützlich werden , vielleicht traf er da Männer , deren Ansichten und Verbindungen ihm förderlich sein konnten . Und dann : Frau Amster war geradezu für sie ein Agent . Sie hatte es richtig schon erzielt , daß Sophie weitere Aufträge bekam : die beiden schönen Knaben einer Frau Haimbrugk sollte sie als Doppelporträt malen und eine sehr elegante , übermäßig schlanke Amerikanerin mit wunderbarem Haar , die sich kürzlich mit einem Vetter der Frau Amster verheiratet hatte , als Halbfigur . Diese Bilder sollten ebenfalls in dem Nordzimmer gemalt werden , das die Senatorin zum Atelier bestimmt hatte . Das mußte man doch auch bedenken . Und somit versprach Allert seufzend , was ihm doch nur Störung bedeutete . » Wer Geld verdienen will , ist schließlich abhängig , « sagte er . » Wer keins mehr zu verdienen braucht , weil er zu viel hat , ist es noch viel mehr . « » Es lebe der kleine Rentner , « rief Allert . » Von dem Rositz immer sagte , er sei der Feind der Entwicklung . « » Rositz - Gott ja - der arme Rositz . Hörst Du wohl mal was von seiner Familie ? « » Oft schreibt mir die Tochter . Sie hat sich rührend zärtlich an mich angeschlossen . « » Ja , Mutter , dazu lädst Du ein . Hoffentlich tut es Julia Dorne auch . Du bist so mütterlich-weiblich . Du hättest zehn Töchter haben sollen . « » Bin zufrieden , wenn ich nur zwei Schwiegertöchter bekomme . « » Das ewige Thema . « Und sie lachten . » Dorne hat doch auch Zeit gehabt , sich zu verheiraten , « sagte die Mutter . » Das lag anders für ihn . Er hat ein Vermögen von annähernd einer halben Million . Er war also unabhängig . Und doch - da er der geborene Arbeiter ist - weißt Du , es gibt so viele Sorten von Arbeitern - solche von der Art der Bohrwürmer , still , pausenlos , unbemerkbar - andere wie Pferde , stolz , kühn , rasch - dritte wie Stiere , kraftvoll , aber plump - na , Dorne ist Bohrwurm . Gänzlich . So ' n Mann hätte eigentlich nicht heiraten sollen . Paß auf - Du wirst schon sehen . « Dornes und Allerts Mutter hatten Besuche ausgetauscht und sich verfehlt . Nun wünschte Frau Julia durchaus eine Begegnung am dritten Ort . Sie war noch nicht mit ihrer Einrichtung fertig , konnte noch keine Gäste haben und war doch voll Ungeduld , die Bekanntschaft von Allerts Mutter zu machen . Sie störte die Herren ab und an mit ihrem Besuch , kam am Kontor vorgefahren und ließ sich von Allert immer wieder die Fabrik erklären . Er dachte : die langweilt sich . Und er dachte weiter , es sei besser , ein kleines Zeitopfer zu bringen , damit ihr Wunsch erfüllt werde . Morgen nun war ihr Geburtstag . Sie hatte sich ausgebeten , daß man ihn feiere . Man wollte auswärts essen . Die Zeit , fünf Uhr , war Sophie angenehm , dann hatte sie sich längst von der Arbeit erholt . Jetzt an den kurzen Dezembertagen konnte man keine Sitzungen nach ein Uhr mehr abhalten . Als Allert am andern Nachmittag das Kontor verließ , um sich umzukleiden , war er eigentlich wütend . Mitten aus der schönsten Arbeitszeit heraus ! Aber er tröstete sich damit : gleich nach dem Essen , wenn das Geburtstagskind ihren Ehemann noch ins Theater verschleppte , konnte er sich wieder über seine Bücher und Korrespondenzen hermachen . Es war ein greuliches Wetter . Nebel . Dieser Hamburger Nebel , der ein Bruder des Londoner ist . Allert stand einen Augenblick im Einfahrtstor . Hinter ihm lag die Fabrik , mit ihren Schuppen , Maschinenhaus , Kontor und Lager und all dem Nebenkram von Karren , Kisten , Abfallhaufen . Es war ein feuchtes , verschwommenes Bild von düsterm Graugelb . Lichtflecken standen darin wie verwischt von nassen Pinseln , der Schein verfloß in das Grau hinein . Und durch diese dicke , stechende Luft klang allerlei Geräusch : Pfeifen , Pusten , das dumpfe Stoßen von Kolben , das Plappern von Maschinenrädern , das Zischen von Dampf . Vor ihm zog sich die Straße entlang , schmutzig , naß , ekel und unübersichtlich . Hinauf , hinab in einen graugelben Schlund verlaufend , die Laternen von dichten Nebelfloren umhüllt . Und jeder Atemzug schmeckte nach Kohlen . Die Menschen schienen zum Nibelungengeschlecht geworden , das verdammt war , in unterirdischen Höhlen das Gold zu schmieden . Und in Allerts Ohr formte sich das Geräusch , das ringsum aus den schaurig umhüllten Arbeitsstätten drang , zum Gehämmer der Zwerge Alberichs . Er pfiff den Rhythmus vor sich hin und ging dem Bürgersteige nach , um seiner Wohnung zuzustreben . Als er um die Ecke bog , hörte er seltsame Laute - Lachen , kurz und roh - den Schrei einer Frauenstimme - er sah niemand und nichts . Aber dem Klang nach war das in der Richtung seines Weges . Er beschleunigte seine Schritte nicht . Denn das gab es hier draußen alle Augenblicke : Balgereien zwischen betrunkenem Mannsvolk und liederlichem Weibszeug . Das prügelte sich und vertrug sich . Aber nun , wo er dem Stimmenklang näher kam , zeigten sich auf dem Bürgersteig im feuchten Nebel Umrisse ... Männer , die auf ein weibliches Wesen einzudringen schienen - nein , waren es nicht zwei ? - Und im verfließenden Licht einer umnebelten Laterne hob sich ein Arm - wieder ein Schrei - und im gleichen Augenblick , als Allert das Gefühl bekam , daß da doch Frauen gegen Männerroheit zu schützen seien , rannte auch schon eine weibliche Gestalt daher und gegen ihn an und weiter - wie besessen . Taumelnd hinter ihr drein ein Mensch - Allert schob ihn bei Seite - plump schlug der hin - schwer , wie Körper tun , die alle Macht über ihre Bewegung verloren haben . So blieb er liegen und schimpfte lallend über die nassen Straßensteine weg . Zugleich sah Allert auch schon , daß da an der Hausmauer sich eine Gestalt lehnte - mit dem Rücken sich feststemmend - den gebogenen rechten Arm erhoben , ihn wie zum Schutz vor ihr Gesicht haltend , mit der Linken den Mann abwehrend , der auf sie eindrang . - » Een lütten Söten - eenen lütten Söten ... , « sagte der heiser . Schon war Allert neben dem Kerl und stieß ihn mit starker Faust zurück . Auf diese ganz unverhoffte Erschütterung seines Gleichgewichts war der Angetrunkene nicht gefaßt gewesen - mit groteskem Tappen , die Arme in die Luft hineinschlagend , versuchte er sich vor dem Fall zu bewahren . Er hatte auf der Stelle das weibliche Wesen vergessen und war voll Wut auf den Stoß und rohrte allerlei Unklares und Bedrohliches vor sich hin und kreuzte schwankend auf dem Bürgersteig , und war entschlossen , sich sowas nicht gefallen zu lassen - und überhaupt so ' n Kerl - was unterstand der sich hier - stieß einen weg - wenn man bloß mal eben mit ' ner hübschen Deern ' n büschen nüdlich sein wollte - nee , so was braucht man sich nich gefallen zu lassen - in ' n Leben nich . - Und sein Zorngemurmel verlor sich - die mit den Armen nach Halt ausgreifende , hin und her vagabundierende Gestalt verschlang der Nebel . Allert stand vor dem jungen Mädchen - oder war es eine Frau ? Gehörte sie in diese Gegend ? Sie trug einen sehr einfachen langen Paletot - ihr Hut war von der größten Unscheinbarkeit - dennoch hatte Allert sofort das Gefühl : eine Dame . » Hoffentlich ist Ihnen nichts geschehen ? « fragte er höflich . » Nein . Danke . Man ist ja immer mal Zudringlichkeiten ausgesetzt . Aber diese beiden Betrunkenen waren gräßlich . « Sie bückte sich ein wenig und schlug ihren Mantel ab . Durch Allerts Hirn blitzte ein Gedanke : ein Hallelujahmädchen ? Aber nein , das war nicht die Kleidung der Heilsarmee . » Und Dory ist weggelaufen , « stellte die Dame nun erst fest , » es scheint ... « » Ja , mir lief eine Dame in die Arme und vorbei - aber der Mensch da fiel hin - ich sah - Sie hatten mich nötiger ! « » Danke . Ja - Sie kamen zur rechten Zeit ... Aber Dory ? « Sie schien zu überlegen . » Hinterdreinlaufen wäre nicht ratsam , « sagte Allert . » Und rufen unnütz , « meinte das junge Mädchen . Und nach einem kurzen Besinnen fügte sie hinzu : » Ich will ein wenig hier warten . Wenn meine Freundin in einigen Minuten nicht zurückkommt , muß ich annehmen , daß sie nach der Amsinckstraße gerannt ist , um die Bahn zu erreichen . « » Sie erlauben , daß ich mit Ihnen warte , « sagte Allert sehr höflich und sehr bestimmt . Er verstand es , eine äußerste Zurückhaltung merken zu lassen und zugleich auf eine herrische Art zu zeigen , daß es nicht seine Sache sei , eine junge Dame unbeschützt zu lassen . Ja , sein Ton war beinahe unfreundlich . Er fühlte ungefähr : sie soll um Gottes willen nicht denken , daß sie vom Regen in die Traufe kam . Solch stattliches Mädchen ! Was tat die hier in den düstern Straßen ? Nun sah er gewiß , es war eine Dame . Das klare , graue , sicher blickende Auge stand in einem Gesicht , dessen Züge sehr gewinnend waren . Besonders den Mund fand Allert wunderhübsch - so klug und in den tiefen Winkeln versteckt ein liebliches Lächeln . - Wenn er das doch hätte hervorrufen dürfen ! Aber er begriff , er mußte barsch und fern und streng bleiben . Auf seine Erklärung , mitwarten zu wollen , neigte sie zustimmend ein wenig den Kopf , verbindlich ohne jede Verlegenheit . Gerade so , als stände man auf dem Parkett unter strahlender Krone zusammen und nicht auf der nassen Straße im graugelben Nebel , der den Himmel von der Erde schied und auf allem Lebendigen lastete , als sei ein Riesenkessel darübergestülpt , unter dessen Rand heraus nun der üble Brodem nicht entweichen könne . Die Stadt rumorte darin , und die Lichter glommen - alles floß ineinander , Töne , Strahlen , Formen , Farben - alles war wie zusammengewischt von einem feuchten , grauschwarzen Lumpen . - Sie warteten - vielleicht so lange , wie man bis hundert zählt , schweigend . Das war sehr lange . Ein paar Schritte weiterhin , auf dem Fahrdamm , den Kantstein des Bürgersteigs als Kopfkissen benutzend , lag der Kerl . Er schlief . Man sah ihn eigentlich nur , weil man wußte , da lag er . Der Nebel umhüllte ihn bis zur Undeutlichkeit . » Es müßte gleich zur nächsten Polizeiwache telefoniert werden , « sagte die Dame , » der Mann kann sich den Tod holen . « » Keine Sorge . Betrunkene nehmen keinen Schaden . « » Dieser Alkohol ... , « sprach sie bedauernd . Und so sachlich , als flögen ihre Gedanken zugleich über das ganze Gebiet der Bewegung gegen den Schnapsteufel . Jetzt kamen ein paar Jungen vorbei ; der eine schlampte auf Holzpantoffeln , es klappte hell . Sie blieben dann bei dem Betrunkenen stehen - stießen ihn an - lachten - riefen ein Schimpfwort und gingen weiter . » Was ihnen Entsetzen sein sollte , ist ihnen ein Jux , « sagte die Dame . » Ja , « bemerkte Allert , » das ist wohl die schwierigste Aufgabe der Volkserziehung , das Laster als Laster begreiflich zu machen . « » Aufgabe - noch für Jahrzehnte , « gab sie zu . Sie sah immer nach der Richtung hinaus , die ihre Gefährtin bei der Flucht genommen hatte . Aber in dem spärlichen Leben der Straße erschien die Erwartete nicht . Um den Betrunkenen bildete sich nach und nach eine kleine Zuschauergruppe . » Die Dame scheint nicht umgekehrt zu sein , « sagte Allert . » Nein wirklich , ich glaube auch , sie kommt nicht zurück . « Und dann erwog sie laut : » Es wird für mich am besten sein , nach der Amsinckstraße zu gehen und die Ringbahn zu nehmen - wir waren noch nicht fertig - aber allein - das sollen wir nicht ... « » Sie gestatten , daß ich Sie begleite , « sprach er wieder in seinem bestimmten Ton . » Sehr gütig . Ich habe keine Furcht . « Er hielt sich neben ihr . Und er dachte : ich werde nicht fragen - sie wird vielleicht von selbst etwas erklären - eigentlich müßte ihr Gefühl ihr das eingeben . Sie spürte vielleicht aus seinem taktvollen Schweigen seine Erwartung heraus . Denn plötzlich sagte sie : » Sie haben wohl erraten - meine Freundin und ich waren auf Wegen sozialer Bemühungen . « » So was dergleichen dacht ' ich mir - Armenpflege - Frauenverein - fromme Ermahnungen . « » Die letzteren nicht . Der Verein , dem meine Mutter vorsteht , verquickt nicht kirchliche Propaganda mit rein menschlichen Pflichten . Wir beschäftigen uns vor allem mit der Rettung gefallener Mädchen und unehelicher Kinder . « » Sehr schön , « sagte Allert , » aber es ist für Damen immer mißlich , sich in die Industrieviertel zu wagen und obenein in solchen dunklen Nachmittagsstunden und in solchem Nebel . « » Wir gehen immer zu zweien . Und ich bin nun einmal Montags von vier bis sechs an der Reihe . Wetter und Licht kann man sich nicht aussuchen . Im Frühling ist es freilich leichter . « » Gnädige Frau , « sprach er warm , » es ist sehr schön , wenn Damen am sozialen Ausgleich mitarbeiten - ich habe nicht die Ehre , Sie , Ihren Verein und seine Arbeitsmethoden zu kennen - aber ich hab ' zu oft gesehen : das Dilettieren in der sozialen Frage erbittert oft die Betroffenen mehr , als daß es sie erhebt . « » Unser Verein hat schon viel Segen gestiftet und besonders durch Aufklärung die heranwachsende weibliche Jugend geschützt . Ich glaube sagen zu dürfen , daß wir taktvoll vorgehen . Wir vermeiden sogar , durch unsere Kleidung Neid zu erwecken . « Aber da waren sie nun . Die Straße , zur Linken von weiten Plätzen , noch in der Umwälzung begriffenen Anlagen , von großen Bauten , Planken und Bahnüberführungen flankiert , war voll Leben , das aus dem Nebel auftauchte und wieder darin verschwand . Sie mußten auf dem Rand des Bürgersteigs einige Minuten warten , bis die richtige Bahn kam . Zwei- , dreimal glühten die Laternenaugen elektrischer Wagen heran , und oben , vorn über ihren Stirnen , erhob sich im transparenten Licht ihre Zahl . Die erhellten Fensterreihen glitten vorüber , und man sah drinnen all die Rückseiten dieser Menschen , die einem fremd waren , von deren Fahrt und Ziel man nichts wußte , und die doch da , hell und warm und gesellig , ein Stück des eigenen Lebens auszumachen schienen . Allert hätte ja nun gehen können . Hier stand die Dame sicher . Aber irgendeine Empfindung hielt ihn an ihrer Seite fest . Er erwog , ob er sich vorstellen solle . Nein . Das erschien ihm zwecklos , fast zudringlich . Wozu einen Namen hersagen , den sie vielleicht nicht verstand oder nicht behielt und nach einer halben Stunde ihrem Mann , wenn sie ihm dieses Abenteuer erzählte , nicht einmal mehr richtig wiedergeben konnte . Sie hatte die Anrede » gnädige Frau « nicht zurückgewiesen . Vielleicht , nein gewiß , weil sie zutreffend war . Aber es konnte auch sein , weil sie dem fremden Herrn keinerlei Annäherung zeigen und gestatten wollte . Wenn man in solcher Lage sagt , wer man ist , kann ein Taktloser gleich viel fragen ... Ihre Haltung war von einer ganz ungewöhnlichen Sicherheit . - Allert verstand wohl : beste Erziehung . » Sie brauchen sich meinetwegen nun wirklich nicht länger zu bemühen , « sagte sie . Er dachte rasch : wenn Mutter nun nicht auf mich wartete , könnte ich flunkern und tun , als wenn dies eben mein Weg gewesen wäre , und als wenn ich genau auf diese Bahnlinie selbst warte . Aber ihm blieb nichts anderes übrig , als sehr förmlich und ernsthaft den Hut zu lüften . » Ach - meine Bahn , « rief sie gleichzeitig . Und nickte unwillkürlich dem noch fernen Wagen zu , der heranglitt , ein beweglicher Glaskasten voll Licht und Gestalten . Und der durchhellte dicke Nebel spann um ihn einen Schein . » Ich danke Ihnen nochmals , « sagte sie noch rasch und sehr freundlich . Es war , als ob diese allerletzte Sekunde , die gleich , gleich abgeschnitten ward vom fast schon haltenden Wagen , ihr die sachliche Art und die strenge Zurückhaltung etwas nahm . Und ihre grauen , klaren Augen strahlten ihn warm an - das war wie ein Husch . - Da griff schon ihre Hand nach der Stange des Trittbretts , und sie wurde förmlich hineingezogen in das Gedränge von Menschen , die den Hinterperron füllten . - » Besetzt ! « schrie der Führer - der Wagen glitt schon weiter - Vorbei . Allert kam sich ein bißchen dumm vor , als er nach ein paar Herzschlägen merkte : er stand noch immer da ... Er begann wieder pfeifend vor sich hinzusummen und schritt schleunigst den Weg zurück . Er mußte doch in seine Wohnung und sich umkleiden - in diesem Vorhaben unterbrach ihn ja das Abenteuer der Dame . Hm - Abenteuer ? Sie schien es gar nicht als solches aufzufassen . Welche Gelassenheit sie sofort zeigte . Vielleicht hatte sie sich kaum mal geängstigt - während ihre Freundin mit einem Schrei davonlief . Eine kühle , tapfere Seele ? Oder so erfahren ? Lief vielleicht jahraus , jahrein in den Höfen , Gängen und düsteren Straßen umher , als Engel der Barmherzigkeit ? Oder war eine von denen , die bewußt halb , halb uneingestanden ein lüsternes Interesse an den Nachtseiten des Lebens haben ? Konnte auch eine von den sozialen Priesterinnen sein , die sich einbilden , mit etlicher Ellbogenkraft , Broschüren , Versammlungen und Geschrei lasse sich alles ausgleichen ? Die mit dem Wohltun und der Sittlichkeit gleich die Vorherrschaft der Frau befestigen wollen ? Wer konnte das wissen . Vielleicht von alledem ein Gemisch - wie meistens - - Schöne Augen hatte sie und ein kluges , liebes Gesicht . Und eine Gestalt ... Donnerwetter ! dachte Allert . Und als er längst in seiner Wohnung war und sich mit seinem Kragenknopf herumschlug , weil vor lauter Eile seine Finger tapsig waren und das Knopfloch im Halsbündchen des Manschettenhemdes schikanös zusammengeplättet schien - selbst mitten in diesen Umkleideärgernissen dachte er immerfort an dies kluge , beherrschte Gesicht . Ob der Mann das wohl mag ? fragte er sich . Wenn sie einen Mann hatte . Aber doch wahrscheinlich . Schon die Zwecke des Vereins , die sie mit kurzen Worten streifte , schienen das zu verbürgen . - Ein Verein , der die heranwachsende weibliche Jugend durch Aufklärung vor dem sittlichen Fall bewahrte - durch sexuelle Aufklärung natürlich - denn wie sonst ? Und Allert hatte alsbald einen humoristischen Gedanken dazu : und weil der Verein wohl spürte , daß Aufklärung hier und da ermunternd wirken konnte , sorgte er auch gleich für die unehelichen Kinder . Unwillkürlich fiel ihm seine selige alte Tante Malwine Patow auf Welsin ein . Die ließ ganze Massen von Kattunkleidern für die Patagonier nähen , um sie Keuschheit zu lehren und in ihnen den Begriff der Unanständigkeit des Nackten zu erwecken . Und wie Tante Patow dann entsetzt war , als ihr irgendein Globetrotter zuschwor , die Patagonier gingen infolge der Bekleidung ein . Früher waren sie bloß mit Fett beschmiert gewesen , da troff das Meerwasser , in dem sie sich zur Nahrungssuche aufhalten mußten , perlend von ihnen ab . Jetzt klebten die nassen Kattunkleider ihnen am Leib , und darin konnten sie dem rauhen Klima nicht trotzen . Sie bekamen Schwindsucht , Erkältungsepidemien und starben wie die Fliegen . Von da an legte Tante Patow jeder Sendung von Kattunkitteln viele Pakete Kamillentee , Brustbonbons und sogar Antipyrin bei . Allert lachte in sich hinein . Wenn sich ein Erlebnis in Humor auflöst , sollte es eigentlich überwunden sein . Aber auf der Fahrt zu seiner Mutter fielen ihm immer wieder die grauen Augen ein und der reizende Mund . Ein Mund zum Küssen . Reue wollte ihn anwandeln . Er hätte , bei aller formvollen Haltung , unternehmender sein sollen - sich doch vorstellen - oder wenigstens durch eine Frage irgendwie es herausbekommen müssen , » Frau ? « - » Fräulein ? « - Fräulein - Fräulein ? dachte Allert kopfschüttelnd . Ja , wer konnte das wissen . Heutzutage ! Wo stolze Engländerinnen Minister verprügeln , um ihnen ihr Stimmrecht begreiflich zu machen . Wo junge Damen in öffentlichen Versammlungen Vorträge über Prostitution halten . Wo in Frauenköpfen die Schamhaftigkeit von der Wissenschaftlichkeit verdrängt ward und zarte Töchter aus vornehmen Häusern , ohne Erwerbsnot , sich zum Studium aller Männerberufe drängten - - » Ja , ja , man kann nicht wissen - - Die Umrisse schwanken . « Plötzlich fiel ihm ein : Wenn der Kerl so weit gekommen wäre , seine Begier zu befriedigen ... Allert hörte förmlich mit dem Gedächtnis seines Ohres nochmals diese lallend heisere Stimme brüllen : » en lütten Söten ... « Er konnte schon etwas Platt . Er wußte , daß das Volk den Kuß » einen Süßen « nannte ... Ja , wenn der Kerl seinen gierigen Willen gekriegt hätte ... Und bei der Vorstellung stieg ihm das Blut zu Kopf vor Zorn - eine wunderliche , schreckliche Art Eifersucht , in Angst verkleidet , packte ihn ... Viel mehr war das als das bloße Beschützergefühl des Mannes , der kein Weib antasten sehen mag ... Und aus diesem Zorn und Ekel heraus über den Angriff , dem sie ausgesetzt gewesen , sagte er sich entschlossen : » Sie kann keinen Mann haben ... « Welcher Mann möchte sein Heiligtum solchen Gefahren aussetzen ? Er wurde traurig . Irgendein unbegreifliches , weil unbestimmtes Gefühl legte sich wie ein Druck auf seine frohe Laune . Bei seiner Mutter fand er Besuch . Er erkannte die Dame sofort , er hatte ihr Bild auf der Staffelei bei seiner Mutter gesehen als einen schon ausgeführten Kopf , der auf der großen , sonst noch weißen Leinwand sich abhob , während die Linien der Gestalt nur von ein paar Kohlestrichen angedeutet waren . Und Thea Daister sagte , daß sie sich für seine Unpünktlichkeit bedanke , sonst würde sie ihre geliebte Frau von Hellbingsdorf nur für fünf Minuten gehabt haben . Jetzt aber erhob sie sich eilig und zog unruhig und zerstreut ihren Pelzschal höher um die Schultern und kam doch nicht so recht zum knappen , letzten Wort . » Ja , und was ich ganz vergessen hab ' , « sagte sie hastig , » es interessiert Sie doch ? - Sie schätzen doch den Mann ? O Gott , diese Frau ! Fabelhaft . Die Kleine war vorgestern bei mir und gab mir noch tausend Grüße an Sie auf und erzählte , daß sie , so wie heute , nach Sankt Moritz abreisen wollten . Da sei dann doch Leben und Unterhaltung , an der man trotz der Trauer teilnehmen könne . « Sophie erriet , daß von der Frau und Tochter des verstorbenen Freundes die Rede sei . » Und Tulla meinte , viel lieber führe sie mit mir nach Hamburg - ich hätt ' sie gern eingeladen , mitzukommen - bei meinen Eltern ist ja Platz in Hülle und Fülle - aber so ' n fremdes Element - und gerad ' so Weihnacht - das mögen Pa und Ma nicht . Und außerdem , wir wollen ja gleich nach Neujahr selber ' n kleinen Rutsch nach Sankt Moritz machen - ja - - « Sie atmete wie eine , die beim Laufen die Luft verloren hat , und schloß : » Aber nun muß ich wirklich gehen . « » Abhaltung über Abhaltung , « schalt Allert . Aber er sagte nicht , welcher Art die seine gewesen sei . Natürlich saßen die Dornes schon in übler Laune in der Halle des Hotels Atlantic , wo zwischen den riesigen Säulen , auf dicken Teppichen , die verschiedenen Sitzgelegenheiten von sanftem Licht bestrahlt wurden und rechter Hand ein kleiner Wintergarten mit weißen Gartenmöbeln eine gekünstelte Frühlingsstimmung hervorzurufen versuchte . Aber im Augenblick , wo Frau Julia Dorne Allert sah , strahlte ihr Gesicht auf .