selbst interessant . Ein junger Künstler sagte mir : Ich freue mich jeden Morgen , wenn ich aufstehe , darauf , an diesem Tage wieder Ihre Augen zu sehen , wie man sich darauf freut , in einem schönen Buche weiterzulesen . Bei uns zu Hause denkt doch nie jemand daran , daß ich Augen habe , zu Hause bin ich eine langweilige Fremde . « Von ihren Erinnerungen überwältigt schwieg sie jetzt und starrte verträumt in das Kaminfeuer hinein . - Im unteren Geschoß des Hauses , in den Gesindestuben , wurde getanzt . Gedämpft konnte man die schnurrenden Töne einer Violine hören , auf der eintönig und unermüdlich einige Walzertakte gespielt wurden . » Du erzählst aber nicht von dir , « fuhr Gertrud auf , » du hast wohl auch nichts erlebt ? Hast du Egloff gesehen ? Er soll verreist gewesen sein , erzählte Dachhausen , er soll gespielt haben und viel verloren , auch ein Duell soll er gehabt haben . Ein wilder Mensch . Fräulein von Dussa erzählte , er sei so ruhelos und fahre die Nächte hier in der Gegend herum . Der Papa sagte später : Das ist wohl sein schlechtes Gewissen , das ihn nicht schlafen läßt . Der Papa urteilt überhaupt sehr streng über ihn . « » Ach ja , « erwiderte Fastrade scharf , » sie urteilen alle sehr streng über ihn , aber ich finde , jeder Mensch müßte wenigstens einen Menschen haben , der ihn verteidigt , der ihn verteidigt , auch wenn er meinetwegen unrecht hat . Wenn alle über einen herfallen , das ist häßlich . « » Gewiß , er ist mir auch sympathisch , « versetzte Gertrud , und ihre Stimme nahm einen seltsam lyrischen Klang an , » und überhaupt , wenn wir nicht lieben , was bleibt uns dann in diesem Leben ? « » Lieben ? « fragte Fastrade erstaunt . » Wer liebt ? Liebst du denn ? « - Aber Gertrud fuhr zu sprechen fort , als hätte sie Fastrades Frage nicht gehört : » Und wäre es auch nur eine unglückliche Liebe . « » Ja liebst du denn unglücklich ? « fragte Fastrade wieder . Gertrud antwortete nicht , sie schaute ins Feuer und lächelte still vor sich hin . Sie mochte es nicht sagen , daß sie sich in den letzten Tagen dazu entschlossen hatte , Dachhausen unglücklich zu lieben . Aus dem unteren Geschosse drang wieder deutlich der schnurrende , freudlose Walzer der Violine herauf . Die beiden Mädchen schwiegen eine Weile , da erhob sich Gertrud plötzlich und begann sich auf dem Teppich vor dem Kamine nach dem Takte der Violine zu drehen , ernst und eifrig , und ihr Schatten , lang und schmal , fuhr unruhig an den Wänden entlang . Mein Gott , dachte Fastrade , man lebt doch hier , als ob man gleich erwachen müßte , um dann erst mit der Wirklichkeit zu beginnen . Gertrud war erschöpft , sie warf sich auf das Sofa und atmete schnell . » So , « sagte sie , » das hat mir gut getan , jetzt will ich nach Hause fahren . « Neuntes Kapitel Der Winter neigte sich seinem Ende zu . Fastrade hatte über die schon feucht gewordenen Wege ihren Abendspaziergang gemacht und kam nach Hause , wo der gewöhnliche Padurensche Abend sie erwartete . Couchon saß bei ihren Karten , und es roch dort nach den Bratäpfeln , die sie stets im Ofenrohr hielt . Im Saal waren die Lampen noch nicht angezündet . Fastrade wollte , wie sie es jeden Abend tat , in das Zimmer ihres Vaters gehen , aber sie wurde unterwegs von der Baronesse Arabella aufgehalten , die im Dunkeln nach Fastrades Händen griff und flüsterte : » Der Egloff ist hier gewesen . « - » Oh , wirklich « , sagte Fastrade . Das klang gleichgültig , aber sie wußte sofort , daß sich etwas ereignet hatte , das diesen gewöhnlichen Padurenschen Abend für sie mit einem Schlage zu etwas sehr Bedeutsamem und Einzigem machte . » Und denke dir , « fuhr die Baronesse fort , » er hat bei deinem Vater um deine Hand angehalten . « » Der tolle Mensch « , entfuhr es Fastrade . » Nicht wahr ? « meinte die Baronesse . » Dein Vater hat auch , glaube ich , sehr ernst mit ihm gesprochen , er hat ihm auch wohl gesagt , daß er diese Verbindung nicht wünschen kann . Im übrigen hat er alles von deiner Entscheidung abhängig gemacht . Du weißt , er entscheidet jetzt so ungern etwas allein . Aber ich freue mich , liebes Kind , daß du auch so denkst . « » Wie denke ich ? « sagte Fastrade schnell , » ich weiß gar nicht , wie ich denke . « » Aber , liebes Kind , « wandte die Baronesse ein , » ein so leichtsinniger , junger Mensch . « » Nein , nein , nein , ich weiß nicht , wie ich denke « , wiederholte Fastrade ; sie machte sich von der alten Dame los und setzte schnell ihren Weg zum Zimmer ihres Vaters fort . Als Fastrade eintrat , richtete der Baron sich aus seiner gebückten Haltung stramm auf . » Komm , setze dich , meine Tochter « , sagte er feierlich . » Also der Dietz Egloff hat um deine Hand angehalten , du bist alt genug , um zu entscheiden . « Er hielt inne und machte ein unzufriedenes Gesicht . Er war enttäuscht , daß das , was er sagte , so mühsam und dürftig herauskam . » Nun ja , « fuhr er dann fort und gab seiner Stimme einen ernsteren , volleren Klang , » ich habe ihm gesagt , daß ich nicht in der Lage bin , ihn für den geeigneten Gatten meiner Tochter zu halten . Ich habe ihm gesagt , daß ich ihn sozusagen mißbillige , aber ich würde dich fragen , und du wirst entscheiden . « Er schwieg dann und hustete , denn die Rede hatte ihn ermüdet . » Was sagte er ? « fragte Fastrade , und die Andeutung eines Lächelns zuckte um ihre Lippen . - » Er sagte nicht viel , « erwiderte der Baron , » er sagte , er sehe deiner Entscheidung entgegen , dann stand er auf und ging fort . Nun , ich denke , die Entscheidung kann dir nicht schwer fallen . « Eine Pause entstand . Fastrade hatte den Kopf auf die Lehne des Sessels zurückgebogen und schaute sinnend zur Decke auf , die Lippen noch immer wie bereit zu einem Lächeln . » Nun ? « fragte der Baron endlich . » Ich denke , « sprach Fastrade endlich zur Decke hinauf , » ich denke , ich schreibe ihm , daß er kommen kann . « Der Baron antwortete eine Welle nicht , er hustete , räusperte sich , endlich begann er zu sprechen , unsicher und mit Anstrengung : » Das heißt also soviel , daß du ihn nimmst , ganz ohne zu überlegen , einen Menschen , von dem du weißt , daß ich ihn mißbillige , einen leichtsinnigen Menschen , einen Spieler . Aber so warst du immer , auf meinen Rat hörtest du ja nie , du mußtest deinen Willen haben . Aber Kind , Kind , « die Stimme hob sich und wurde pathetisch , » zu spät einzusehen , daß ich recht habe , das bringt Kummer über alle . Du wirst sehen - . « Aber er hatte sich überschätzt , die Stimme brach plötzlich ab , er lehnte sich in seinen Sessel zurück und schloß die Augen . » Tue , was du willst , « murmelte er kleinlaut und mutlos , » du willst ja nicht gehorchen . « Fastrade beugte sich besorgt vor , legte ihre Hand auf die Hand ihres Vaters . » Doch , Papa , « sagte sie , » ich will gehorchen , aber wenn ich entscheiden soll , entscheide ich so . « Der Baron verzog ärgerlich sein Gesicht : » Gut , gut , tue , was du willst , geh jetzt , ich bin müde . « Fastrade stand auf und ging . Drüben in ihrem Zimmer begegnete sie dem kleinen Stubenmädchen Trine . » Trine , « sagte sie , » liebst du noch deinen Hans , deinen Stallburschen ? « Das Mädchen beugte verschämt den Kopf und lachte über das ganze Gesicht . » Ach was , der « , murmelte es . - » Ja , liebe ihn nur , « fuhr Fastrade fort , » er betrinkt sich zuweilen , nicht ? « » Ja , mit dem Trinken « , erwiderte Trine ; aber Fastrade unterbrach sie : » Das schadet nichts , liebe ihn nur ; die armen Männer , sie stehen so im Leben , sie wissen nicht , wie sie in all diese Sachen hineinkommen , wir können ihnen vielleicht helfen . « Trine hob ihr errötendes Gesicht zu Fastrade auf und sagte treuherzig : » Ach , Fräulein , der Hans hat auch einen ganz freundlichen Rausch . « - » So , so , « meinte Fastrade , » um so besser . « An Egloff schrieb Fastrade : » Sie dürfen kommen . Fastrade . « Am Nachmittage des nächsten Tages wurde Egloff erwartet . Die Baronesse Arabella hatte ihr schwarzes Seidenkleid angezogen und ihre Scheitel frisch gebauscht . Mit kummervoller Geschäftigkeit ging sie durch die Zimmer und ordnete . Sinnend blieb sie vor Fastrade stehen : » Ich denke , wir machen das so , « sagte sie , » ich lasse die Lampen im Saale früher anzünden , du empfängst ihn hier , ihr sagt euch das Nötige , ich bin bei deinem Vater , dann kommt ihr zu uns herein . Lange dürft ihr nicht bleiben , es regt deinen Vater auf und könnte ihm schaden . Ich gebe euch das Zeichen , wann ihr gehen sollt . Gut , ihr geht dann in dein Schreibzimmer und dort nimmt die Verlobung ihren weiteren Verlauf , bis Christoph zum Abendessen ruft . Dein Vater gibt eine Flasche Château Pape Clément und eine Flasche Roederer . Wir haben einen Fisch , Hühner und eine Charlotte , ich denke , so wird es gehen . « » Also ein Fest « , sagte Fastrade spöttisch . Die alte Dame zuckte mit den spitzen Schultern : » Dein Vater meint , wie er auch über die Sache denken mag , es soll doch alles geschehen , was bei solchen Gelegenheiten zu geschehen pflegt . « Aber Fastrade schien das alles nicht zu gefallen und es klang gereizt , als sie sagte : » Es ist gewiß sehr freundlich von Papa , daß er seinen geliebten Pape Clément opfert , aber ich finde , eine Verlobung ist ohnehin kein angenehmer Augenblick und wenn nun noch eine Zeremonie daraus gemacht wird - . « » Das ist nicht zu ändern , « meinte die Baronesse und wandte sich wieder ihren Beschäftigungen zu , » jedes Ding hat seine Form . « Es begann schon zu dämmern , als Egloff ankam . Fastrade stand mitten im Saal in ihrem schwarzen Spitzenkleide , eine blasse Monatsrose im Gürtel . Sie machte ein etwas böses Gesicht , wie stets , wenn sie befangen war . Als Egloff eintrat , lächelte er sein spöttisches Lächeln , aber Fastrade sah sofort , daß auch er befangen war , und das gab ihr Mut . Er trat auf sie zu , nahm ihre Hand , küßte sie und behielt sie dann in der seinen . Fastrade bemerkte , daß diese Hand sehr kalt und sehr vorsichtig war , als fürchtete sie , ihr wehe zu tun . » Ich danke Ihnen , « sagte Egloff , » ich hatte nicht geglaubt , daß es solch eine Qual sein kann , auf einen Brief zu warten , mit jeder Minute erschien mir mein Unternehmen gewagter , aber ich kann nicht warten , ich spiele gern Vabanque . « Fastrade zog ein wenig die Augenbrauen zusammen . » Ach nein , nicht das , « meinte sie , » ich möchte nicht einer dieser unangenehmen Gewinste sein . « Egloff lachte : » Nun gut , nennen wir es anders . « » Aber wie kamen Sie darauf ? « fragte Fastrade , » wir kennen uns doch so wenig . « » Das war eine Chance mehr für mich , « erwiderte Egloff , » denn , wenn man sich erst kennt - . « Fastrade jedoch unterbrach ihn : » Sie dürfen heute nicht so - gottlos sprechen . « - » Gottlos , « wiederholte Egloff , » nein , ich fühle mich heute so fromm , wie es nur einer kann , an dem ein gutes Werk geschehen ist . « Er küßte wieder Fastrades Hand , und dann schwiegen sie . Fastrade ging es durch den Sinn : ich habe es gleich gedacht , daß dabei eine lächerliche Situation herauskommen wird . Endlich begann Egloff wieder zu sprechen : » Sie sehen , dieses Haus schüchtert mich so ein , ich unterlasse wahrscheinlich wichtige Dinge . Sind da nicht noch Formalitäten zu erfüllen ? « » Wir müssen zu meinem Vater hineingehen « , erwiderte Fastrade . » Natürlich , « versetzte Egloff , » der väterliche Segen , natürlich . Muß man dabei knien ? « - » Das ist wohl nicht nötig « , erwiderte Fastrade und ging voran in das Zimmer ihres Vaters . Der Baron und Baronesse Arabella saßen ernst und erwartend da . Als Egloff eintrat , streckte der Baron ihm langsam die Hand entgegen und sagte : » Willkommen , meine Tochter hat für Sie entschieden , so haben wir alles andere der Vorsehung anheimzugeben . Setzt euch , Kinder . « Er wartete , bis sie sich gesetzt hatten , und fuhr dann fort : » Meine väterlichen Befürchtungen und Sorgen habe ich euch beiden mitgeteilt . Fastrade ist in dem Alter , selbst über sich zu bestimmen , so sei denn von dem allen nicht mehr die Rede . « Und nach alter Gewohnheit machte er mit der flachen Hand einen Querschnitt durch die Luft . » Es bleibt mir somit nur übrig , des Himmels Segen auf euch herabzuflehen . Eine Bedingung jedoch möchte ich noch machen , ich verlange eine Wartezeit , bis zum nächsten Winter sagen wir . Sie können es mir nicht übel nehmen , wenn ich auf solcher Probezeit bestehe , wenn ich wissen will , ob der künftige Gatte meiner Tochter sich als meiner Tochter würdig bewährt . « Der Baron war fertig , er lehnte sich zurück , er hatte kräftig und geläufig gesprochen , wie einst auf der Kreisversammlung , und das befriedigte ihn . Egloff dagegen dachte , dies ist der fatalste Augenblick meines Lebens , man sitzt und muß sich unangenehme Dinge sagen lassen , und was antwortet man nun auf so etwas . Endlich fiel ihm eine gut abgerundete Redensart ein , die er schnell und nachlässig hersagte : » Ich bin mir der großen Verantwortung wohl bewußt , die mir dieses unverdiente Glück auferlegt . « Bei dem Worte Verantwortung horchte der Baron auf . » Verantwortung , « wiederholte er , » ganz richtig . Große Verantwortungen erziehen den Menschen , das ist ganz richtig . « Jetzt gab die Baronesse das Zeichen , und Fastrade und Egloff zogen sich zurück . In Fastrades Zimmer drückte Egloff sich fest in die Sofaecke , zog Fastrade nahe an sich und sagte : » So , das wäre überstanden . Hier bei dir sitzt es sich gut , wunschlos behaglich . « » Du Armer , « meinte Fastrade , » so streng mit dir zu sein . « - Egloff zuckte die Achseln : » Das ist vorüber , aber die Redensart mit der Verantwortung brachte ich doch gut heraus , die paßte so ganz in die Stimmung . « Vor ihnen lag die stille Zimmerflucht , kein Ton regte sich im Hause , im Kamine prasselte das Feuer , draußen an den Fensterläden rüttelte der Frühlingswind . Egloff hatte eine Weile geschwiegen , jetzt lachte er plötzlich auf : » Immer wenn ich sah , « sagte er , » daß zwei Verlobte feierlich und geheimnisvoll in einem Zimmer allein gelassen wurden , alles umher mußte still sein , niemand durfte sie stören , da sagte ich mir : was sprechen sie ? Sie lernen sich kennen , gut , wie machen sie das ! Jetzt weiß ich es . Sie sprechen gar nicht . Man hat gar keine Lust zum Sprechen , man hat gehört , was man hören wollte , daß man angenommen ist , nun ist man so wohltuend satt , daß man vorläufig nichts zu sagen braucht . « » Und ich dachte , « versetzte Fastrade , » wenn zwei Verlobte sich zurückziehen , dann bekommt man viele ganz süße Sachen zu hören . « » Ach ja , natürlich , « meinte Egloff , » diese süßen Sachen sind immer zu haben , aber es sind immer dieselben , wie die Bonbons beim Konditor Kitsch im Städtchen . Die einen sind rosa , die anderen sind gelb , und alle sind in Silberpapier gewickelt . « » Ach ja , die habe ich sehr geliebt , « gestand Fastrade , » die einen schmeckten nach Rosen und die anderen nach Zitronen , und sie waren so süß , daß , wenn man sie aß , einem die Luft verging und die Tränen in die Augen traten . Aber das ist nichts für uns , unsere Verlobung ist viel zu ernst . « Egloff fuhr auf : » Ernst ? Warum soll unsere Verlobung besonders ernst sein ? Weil es hier im Hause gespenstisch still und feierlich ist , weil dein Vater streng war und ich mich bewähren muß . Davon wird sich unsere Verlobung nicht anstecken lassen . Ich werde ja natürlich hierherkommen , um zu zeigen , ob ich mich bewähre , aber uns wirklich sehen , uns eigentlich sehen , wollen wir uns draußen . Wenn ich höre , wie es da draußen bläst und an den Fensterläden rüttelt , möchte ich dich gleich nehmen und hinaustragen . « Fastrade lächelte : » Würde das nicht gegen das Gesetz sein , wie der Baron Port sagt ? « Egloff schlug mit der flachen Hand auf die Sofalehne und lachte laut : » Gegen das Gesetz des Baron Port zu sündigen , wird eine Wohltat mehr sein . « Während sie sprachen , betrachtete Fastrade genau Egloffs Gesicht . So nahe gesehen , war es ihr fremd , die eigensinnige Knabenstirn unter dem glattgescheitelten Haar war ihr bekannt , aber da waren zwei sichelförmige Fältchen zwischen den Augenbrauen . Auch war die rechte Augenbraue ein wenig höher als die linke , das gab wohl dem Gesichte den hochmütig spöttischen Ausdruck . Die Augen waren sehr dunkel , aber wenn sie in die auflodernde Flamme des Kamins sahen , wurden sie braun wie die Flügel der großen , schwarzen Herbstfalter , wenn die Sonne sie bescheint . Sie sah auf seine Hand nieder , welche die ihre hielt , eine breite , weiße Hand mit langen , schmalen Fingern , die sich seltsam nervös zuspitzten . Fastrade dachte daran , gehört zu haben , daß Egloff sehr stark sei . Von diesen Händen genommen und in den Frühlingswind hinausgetragen zu werden , mußte vielleicht gut tun . » Ach Gott , meine Erziehung , « sagte Egloff , » meine Erziehung war dumm , ich wurde unmenschlich verwöhnt , und doch war alles wieder verboten . Als ich mich dann später gierig auf meine Freiheit warf , enttäuschte sie mich , ich hatte mehr erwartet . Überhaupt , an meiner ganzen Generation hier in der Gegend ist etwas versäumt worden . Unsere Väter waren kolossal gut , sie nahmen alles sehr ernst und andächtig . Es war wohl dein Vater , der gern von dem heiligen Beruf sprach , die Güter seiner Väter zu verwalten und zu erhalten . Na , wir konnten mit dieser Andacht nicht recht mit , nach einer neuen Andacht für uns sah man sich nicht um . Und so kam es denn , daß wir nichts so recht ernst nahmen , ja selbst die Väter nicht , nicht einmal die Großmütter . Da entstand wohl auch die Lust , jedes brave Ideal einmal an die Nase zu fassen . « Über Fastrades Gesicht ging ein schmerzlicher Ausdruck , plötzlich wie eine Vision , sah sie die weißen Korridore des Krankenhauses , die Säle mit den Reihen der Betten , in denen auf weißen Kissen die bleichen Gesichter lagen , diese große Herberge der Leiden , in der sie numeriert und nach Klassen geordnet aufgespeichert waren . » Und es ist doch eine so furchtbare Sache « , sagte sie leise . » Das Leben ? Natürlich , « meinte Egloff ruhig , » eine Bestie , die nicht zu zähmen ist , da ist nichts zu machen . Früher ließ ich die Bestie Bestie sein , jetzt werde ich acht geben müssen , daß sie dir nicht zu nahe kommt « , und er drückte Fastrade fester an sich . Sie lächelte wieder . » Aber hier in Paduren , « sagte sie , » darfst du niemanden an die Nase fassen . « » Aber das Portsche Gesetz , « rief Egloff lustig , » das fassen wir an die Nase , wir wollen ein Brautpaar sein , über das sie hier in der Gegend auf allen Schlössern die Hände über dem Kopfe zusammenschlagen . « In der Zimmerflucht begann es jetzt lebendig zu werden , Baronesse Arabella ging hin und her , der Baron ließ sich durchführen , und endlich erschien Christoph und meldete , es sei serviert . Im Eßzimmer saß der Baron bereits am Tische , den Kopf gebeugt , das bleiche Gesicht müde und kummervoll , Baronesse Arabella und Couchon standen wartend hinter ihren Stühlen . Als Fastrade ihren Verlobten Couchon vorstellte , sah die alte Französin mit ihren fast hundertjährigen Augen kokett zu Egloff auf , lächelte mit dem zahnlosen Munde und murmelte : » Joli garçon . « Hier setzt man sich mit Gespenstern zu Tisch , ging es Egloff durch den Sinn . Dann begann die Mahlzeit . Die Baronesse führte eine fast fieberhaft angeregte Unterhaltung , es war , als fürchte sie , eine Pause könnte entstehen und Unliebsames bringen . Sie sprach von den Egloffs , die sie gekannt hatte , von einer Fürstin Coronat , Dietz Egloffs Großmutter mütterlicherseits , sie machte Verwechslungen in der Verwandtschaft , worüber man dann lachen konnte . Als nun aber doch eine Pause entstand , sah der Baron Egloff streng an und fragte : » Wird noch viel Wald geschlagen werden in Sirow ? « Fastrade blickte zu Egloff hinüber , wirklich , er errötete wie ein Knabe , als er antwortete : » Ach nein , ich denke , das wird genügen . « » Ja , unsere Wälder , « fuhr der Baron mit erhobener Stimme fort , » unsere Wälder - « , dann brach er jedoch mutlos ab , wie es ihm jetzt oft geschah , wenn er den Anlauf dazu nahm , wie früher eine bedeutsam Ansicht auszusprechen . Die Baronesse begann wieder schnell zu sprechen , sie sprach von dem Fisch , der eben gegessen worden war , einem großen Schlei ; die Schleie aus dem kleinen See dort unten im Park waren ja berühmt ihres reinen Geschmackes wegen , und nun sprach man auch von anderen Fischen . Die Hühner wurden serviert , als der Baron wieder den Kopf erhob und fragte : » Werden durch die Verwüstung die Auerhähne nicht gestört ? « Dieses Mal antwortete Egloff ruhig und mit kaum merklichem Lächeln : » O nein , den Auerhähnen geschieht nichts . « Der Baron nickte : » Ja , ja , die korrekte Pflege der Jagd ist auch ein Stück adeligen Idealismus . « Christoph schenkte jetzt den Roederer ein , eine feierliche Pause entstand , mit zitternder Hand erhob der Baron sein Glas und sagte mit bekümmerter Stimme : » Nun , Arabella , wir können unserem neuen Verwandten jetzt wohl das Du anbieten , Gottes Segen über euch , meine Kinder . « Die Gläser klangen aneinander , Christoph stand hinter dem Stuhle seines Herrn , faltete die Hände und machte ein Gesicht , als wollte er weinen . Während die Charlotte verzehrt wurde , schleppte die Unterhaltung sich nur mühsam hin , alle waren erleichtert , als Baronesse Arabella die Tafel aufhob . Nach der Mahlzeit hielt man sich noch ein wenig im Saale auf , um eine Zigarette zu rauchen , der Baron sprach vom Nutzen der Drainage , und dann verabschiedete sich Egloff . Fastrade begleitete ihn ins Vorzimmer hinaus , sie beugte den Kopf zurück , um ihm in die Augen zu sehen , und lachte . » Das war ein Prüfungstag , « sagte sie , » wenn ich bei euch bin , ist die Reihe an mir . « » Es gibt eben eine Gerechtigkeit « , erwiderte Egloff , faßte Fastrade um die Taille , hob sie empor und küßte sie . Christoph sah das mit maßlosem Erstaunen und wandte sich ab . Zehntes Kapitel Egloff lag in der Auerhahnhütte auf dem einfach aus Brettern zusammengeschlagenen Ruhebett . Er hüllte sich in seinen Mantel , denn es war kalt . Neben ihm auf dem Tisch standen eine Flasche Portwein und ein Glas , in einem Messingleuchter brannte eine Kerze , deren Flamme im Winde , der durch die Spalten des kleinen Holzbaues hereinblies , heftig hin und her flackerte . Auf einem Stuhle saß der alte Förster Gebhard . Die grüne Mütze tief in die Stirn gezogen , das Gesicht halb in seinem großen Bart wie in einem grauen Schal versteckt , so warteten sie beide , daß es Zeit sein würde , auf die Balz zu gehen . » Sprechen Sie , Gebhard , sprechen Sie , sonst schlafen Sie ein « , sagte Egloff . Gebhard riß seine kleinen Augen auf , die ihm zufallen wollten und begann gehorsam zu sprechen . » Ja , wenn ich so denke , was wir hier schon alles für Besuch gehabt haben , feine Damen und andere . « » Nicht davon , Gebhard , « unterbrach ihn Egloff , » sprechen Sie von ruhigeren Sachen . Wenn Sie auch in meiner Jugend mein Lehrer in allerhand Sünden gewesen sind , so ist es doch nicht richtig , davon zu sprechen . « » Ich spreche so nicht davon « , murmelte Gebhard . » Wenn Sie schon von Weibern sprechen müssen , « fuhr Egloff fort , » dann sprechen Sie von guten , ruhigen , verheirateten Frauen . « Gebhard kicherte in seinen Bart hinein . » Ja , da hab ' ich nun meine drei . Die erste war nun so eine kleine Dicke , dumm war sie , aber eine gute Frau . Schade , daß die mir wegstarb . Die zweite war die Kammerjungfer der Frau Baronin , die wollte Kopfschmerzen haben wie die Frau Baronin und im Bett Kaffee trinken . Als dann das Kind kam , war sie zu schwach und starb . Nun , und meine dritte Frau kennt der Herr Baron . « Egloff richtete sich ein wenig auf . » Mensch , « sagte er , » was sprechen Sie da , was gehen mich Ihre Frauen an ? Drei Frauen haben Sie gehabt , und alle drei haben Sie genommen ? Und warum ? Was war denn an Ihnen besonders daran ? « Gebhard zuckte mit den Schultern . » Nun , nichts , « meinte er , » die Weiber wollen heiraten , was nun auch daraus wird . Das ist so , wenn einer das Reisen liebt , geht er auf die Reise , was ihm auf der Reise passiert , das ist abzuwarten . « Egloff ließ sich wieder zurücksinken : » Ach Gebhard , « sagte er , » Sie werden weise , dann schweigen Sie lieber . « Draußen um die Hütte rauschten die großen Tannen ein ununterbrochenes Brausen , das zeitweise anschwoll , dann wieder leise und weich wurde wie ruhiges Atmen . Egloff schloß die Augen , er wollte sich von dieser großen , verträumten Stimme des Waldes einschläfern lassen . Drei Frauen hat der alte Sünder gehabt , dachte er , so ganz ohne weiteres , und ich komme mit dieser einen Verlobung nicht zurecht . Wie unendlich einfach hatten ihm bisher die Weiber geschienen . Da war er , der ein Weib besitzen mußte , und da war ein Weib , das sich hingeben wollte , wie einfach und selbstverständlich sich so zwei Sinnlichkeiten auseinandersetzen . Selbst mit Liddy , ihre Zusammenkünfte vorigen Sommer im nächtlichen Park von Sirow , es hatte ihn erregt , er hatte sich stets gefreut , wenn er ihr weißes Kleid zwischen den Bäumen aufschimmern sah , oder wenn er sie dann atemlos und zitternd in seinen Armen hielt . Aber niemals hatte ihn der Gedanke beunruhigt , was Liddy von ihm denken könnte oder was in ihrer Seele vorging , und jetzt bei diesem Mädchen kamen da plötzlich solche Unsicherheiten über ihn , die ihn ruhelos machten , so der Gedanke , warum liebt dich dieses Mädchen ? Sie sieht wohl einen anderen in dir , und das Mißverständnis wird sich aufklären und du wirst sie verlieren . Und dann die beständige