alles im richtigeren Maßstab . « » Gewiß , gewiß , « sagte der Ta-jen , » aber es ist am Ende doch sicherer , wir schreiben ein bißchen was darüber , damit uns nachher zu Hause nichts vorgeworfen werden kann , wenn wirklich etwas mehr aus alledem entstehen sollte . « Der erste Sekretär frug nun , was der Bischof denn eigentlich mitgeteilt habe , und der Ta-jen antwortete : » Oh , er hat mir recht merkwürdige Dinge erzählt . Die Kaiserin hat doch , wie schon neulich in der » Pekinger Zeitung « stand , die Verbannung des gelehrten alten Weng tung ho aus Peking durchgesetzt . Als Grund wurde in dem Edikt angegeben , er habe es nicht verstanden , dem Kaiser die Klassiker genügend zu erklären . In Wahrheit aber ist diese Maßregelung auf den Haß von Tzü Hsis großem Günstling , dem militärischen Befehlshaber Tientsins , Yung Lu , zurückzuführen . Dieser Haß soll daher stammen , daß in einer Zeit , da Tzü Hsi allen Grund hatte , anzunehmen , daß Yung Lu sich an ihrer Huld genügen lasse , Weng tung ho ihr den Beweis erbrachte , daß Yung Lu zu einer Hofdame Beziehungen unterhalte , die in diesem Fall ihren kaiserlichen Augen besonders unerlaubt erscheinen mußten . Yung Lu hat das Weng tung ho nie vergessen , denn er hat lange unter dem eifersüchtigen Groll der Kaiserin zu leiden gehabt . Jetzt aber , nach vielen Jahren , wo Tzü Hsi ihm verziehen , hat er ihre Abneigung gegen die Reformer benutzt , und so ist es ihm gelungen , sich an Weng tung ho zu rächen . Seitdem nun aber der doch immerhin sehr mäßigende alte Weng tung ho in sein Heimatsdorf verschwinden mußte , ist der Kaiser , zum Teil wohl aus einem gewissen Trotz gegen die herrische Tante , dem viel radikaleren Kang yu wei erst recht verfallen . « » Wie kann er nur an diesen unpraktischen Phantasten glauben ! « rief der Sekretär . » Nach all den von ihm inspirierten Edikten muß ja dieser Kang yu wei ein bloßer Phrasenheld sein , der abgedroschene Leitartikel liberaler europäischer Blätter hier als große Geistesneuheiten verzapft . « » Ja , « sagte der Gesandte , » so schildern ihn auch die dem Bischof unterstellten Missionare , die ihn früher in Kanton gekannt haben . Außerdem bezeichnen sie ihn aber auch als einen Ehrgeizigen . Und der Bischof geht sogar so weit , zu behaupten , daß Kang yu wei letzten Endes eine Republik anstrebe . « » Aber das ist ja zum Lachen , Exzellenz , « rief der Sekretär , » eine chinesische Republik ? Das erlebt keiner von uns ! « » Auf alle Fälle « , sagte der Gesandte , » scheint dieser plötzliche Emporkömmling eine gewisse Menschenkenntnis zu besitzen , denn er hat den Kaiser in seiner körperlichen Schwächlichkeit und emotionellen Wesensart sofort als leicht lenksames Werkzeug seiner Pläne , was sie nun auch sein mögen , eingeschätzt , aber in der alten Kaiserin erkennt er ein sehr anderes Temperament und sieht in ihr seine wirklich gefährliche Gegnerin . Deshalb soll er auch alles tun , um den Kaiser gegen seine Tante noch weiter aufzuhetzen . Bisher hat Tzü Hsi die Dinge gehen lassen , weil sie sich nicht persönlich gefährdet fühlte . Aber das soll jetzt anders geworden sein . Seit kurzem zirkulieren nämlich Spottgedichte über sie , die aus Kanton stammen , und die Kang yu wei dem Kaiser in die Hände gespielt hat . Durch diese Aeußerungen , die er dem Kaiser als Ausdruck der allgemeinen öffentlichen Meinung darstellt , möchte er ihn dazu bringen , Tzü Hsi plötzlich festnehmen zu lassen und der Möglichkeit allen weiteren Einflusses auf die Regierung zu berauben . Der Bischof sagt , wahrscheinlich habe Tzü Hsi schon jetzt genaue Kunde von all diesen Umtrieben , denn die junge Kaiserin , die auch eine Nichte Tzü Hsis ist , und mit ihrem Gemahl ja in ständigem Unfrieden lebt , weil sie von ihm zugunsten der Perl-Konkubine völlig vernachlässigt wird , hinterbringe ihr alles . Sobald aber Tzü Hsi weiß , daß gegen sie persönlich ein Anschlag im Werke ist , erwartet der Bischof , daß sie vernichtend dazwischen fahren wird . « » Mit was für Mitteln sollte denn aber der Kaiser die Festnahme Tzü Hsis ausführen lassen wollen ? « warf der Sekretär ein . » Man sagt doch , im Sommerpalast sei sie von zahlreichen Wachen umgeben , und das nächste Militär steht ja gerade unter Befehl dieses Yung Lus . Na , und wenn der heute auch wohl nicht mehr in zärtlichen Beziehungen zu ihr steht , so würde er doch wohl in jedem Konflikte bestimmt zu ihr halten ? « » Ja , das habe ich dem Bischof auch eingewendet , « antwortete der Gesandte , » ihm ist aber aufgefallen , daß der Kaiser in letzterer Zeit einen gewissen Yüan schih kai empfangen hat . Gleich darauf ist dann ein Edikt zur Reorganisation des Heeres erschienen , und dieser Yüan schih kai ist zum Präsidenten der damit beauftragten Kommission ernannt worden . Der Bischof glaubt nun , daß das derjenige sei , den der Kaiser ausersehen hat , ihm bei dem Anschlag zu dienen . Es soll ein Günstling Li hung changs sein , der rasche Karriere gemacht hat . Wissen Sie etwas von dem Mann ? « » Leider nein , Exzellenz , « antwortete der Sekretär , » es ist ja überhaupt schon schwer , sich nur all die verwünschten Namen dieser Leute zu merken . « » Ja , ja , « sagte der Gesandte , » und aussehen tun sie für unsere Augen auch alle ziemlich gleich . Na , was nun auch kommen mag , ich denke , China wird China bleiben , und wir werden hier in gewohnter Weise unsere Geschäfte weiter machen . « Und dann setzte er hinzu , indem er dem Sekretär einige Blätter reichte : » Hier sind übrigens die kantonesischen Flugblätter , die mir der Bischof mitgegeben hat , vielleicht kann einer der Dolmetscher sie übersetzen . « Die Blätter blieben abends auf dem Schreibtisch des Dolmetschers liegen . Da fand sie dessen Boy . Und teilte den anderen deren Inhalt mit . So erfuhren diese und auch Tschun , daß die große Kaiserin Tzü Hsi , die Mütterliche und Glückverheißende , noch manch andere Charakterseiten besitze , die nicht so geeignet schienen , als lobend verliehene Titel hervorgehoben zu werden . Vor allem wurden ihr ihre maßlose Geldgier und Verschwendungssucht vorgeworfen . Es hieß : » Von den Zwergen der Inseln sind wir so leicht geschlagen worden , weil die Kaiserin durch Li lien ying die für die Flotte bestimmten Gelder für sich verwenden ließ . Statt Schiffe zum Schutz unserer Küsten , hat sie den Sommerpalast für ihre Vergnügungen erbauen lassen . So ist sie schuld an jenen Niederlagen , denen neue Demütigungen und Einbußen an Macht und Besitz folgten . Das große China mußte es alles dulden , weil es durch eine Frau wehrlos geworden . « Und auch intimere Dinge aus dem privaten Lebenswandel der göttlichen Mutter bespotteten die Pamphlete . An te hai , der frühere Lieblingspalastwächter , habe gar nicht die Qualifikationen für diesen Posten besessen , ihr Geliebter sei er gewesen , wie später Yung Lu und so manche andere . In ihren Ausschweifungen wurde Tzü Hsi von den kantonesischen anonymen Dichtern mit der berüchtigten Kaiserin Wu der Tang-Dynastie verglichen , wie auch mit Ta Chi , der nichtswürdigen Konkubine des Kaisers Chou Hsin , die in ihrem Palast am Teich von Wein ähnlich ungeheure Orgien begangen habe wie heute Tzü Hsi in ihrem Sommerpalast . Immer aber schlossen diese Straßenballaden mit einer Warnung an den Kaiser Kwang Hsü : » Sollte die Mandschu-Dynastie zugrunde gehen , so wird jene Frau daran schuld sein , die dem rechtmäßigen Herrscher nicht gestattet zu regieren . « Tschun las all die Ungeheuerlichkeiten , die der Kaiserin da vorgehalten wurden , und er verstand auch die obszönen Witze , die die Boys daran knüpften , aber trotzdem kam er zu keinem eigentlichen Bewußtsein der Wirklichkeit dieser Dinge - es war ihm , als sei das alles eben doch nur in Büchern vorgefallen . Er konnte es sich nicht recht vorstellen . Aber nun kam Mahan . Es würden noch viele Knaben als Figuranten für das kaiserliche Theater gebraucht . Tschun solle gleich am nächsten Morgen mit ihm in den Sommerpalast kommen . Der Sommerpalast umfaßte eine ganze Sammlung von Palästen , samt Hallen , Pagoden , Pavillons und Kiosken . Zerstreut lagen sie in einem ungeheuren Grundstück , das sich von der Ebene aus noch über einen ganzen Bergabhang ausdehnte . Die blutrote Umfassungsmauer mit ihrer goldenen Kachelkrönung wand sich wie ein seltsames Schlangenungetüm in Zickzacklinien um das ganze Gelände . Wälder , Gärten , Grotten , ein riesiger See mit der felsigen Insel des Drachenkönigs , hochgeschwungene Marmorbrücken über Lotosteichen , das alles lag dahinter . Den Eingang bildete ein mächtiges überdachtes Mitteltor , das sich nur den Herrschern öffnete , mit zwei kleineren Türen daneben . - Durch eines dieser schritten die vielen großen und kleinen Knaben , die sich vorher draußen bei den Torhüterhäusern versammelt hatten . Von einem Palastwächter , mit Kristallknopf und schwarzer Feder , wurden sie in einen großen , mit Steinfliesen belegten Hof geführt . Alte Pinien standen da , und ihre Zweige waren mit kleinen Bambusbauern behängt , in denen schöne Vögel saßen . Am Ende dieses Hofes erhob sich eine zweite blutrote Mauer , durch die ein genau dem ersten gleichendes Tor in einen weiteren Hof führte . - Es lag etwas Beklemmendes in diesen Wiederholungen . Dieser Hof war voll von Menschen in den offiziellen Gewändern der verschiedenen Rangstufen , und in den einstöckigen Wartehäusern auf beiden Seiten sah man durch die offenen Türen noch viele , viele andere stehen . Es waren zumeist Mandschu-Mandarine , die auf Audienzen harrten . Tschun wäre gern verweilt , um sie alle genau zu besehen , aber der Palastwächter mit dem Kristallknopf und der schwarzen Feder drängte die Knabenschar durch drei weitere , immer riesigere Höfe . Und immer beklommener wurde Tschun dabei . Es war ihm wie in einem Traum , wo man geht und geht und doch nicht weiter kommt . So gleich blieben sich diese Höfe mit den blutroten Mauern , diese Tore unter geschweiften gelben oder grünen Dächern , deren Firstornamente wie große goldene Flügel wirkten . Ueberall an den Wegen entlang standen bronzene Reiher und Rehe , die selbst so aussahen , als seien sie in einen tiefen Zauberschlaf verfallen . Aber Tschun hatte doch Zeit zu bemerken , wie wunderbar schön das alles gehalten war . Kein Unkrauthalm sproß zwischen den Steinfliesen , kein Blatt lag auf den Wegen . Nirgends eine Spur jenes Staubes , der , in Peking und auch in den Tempeln , unmerklich aber ständig rieselnd , alles mit seinem einförmigen grauen Ton bedeckt . Hier standen die Farben frisch und leuchtend in blendender Schärfe gegen den klaren Himmel . Tschun hatte bisher gedacht , daß es nur bei den Fremden so sauber aussehen könne . Nun empfand er eine Art Stolz , daß das doch auch im eigentlichen China möglich sei . Dann kamen sie an einen geschnitzten dreiteiligen Triumphbogen , und dahinter lag grün schimmernd der riesige See . Tschun dachte , größer kann auch das Meer nicht sein . Ein Weg mit einer Marmorbalustrade führte am Wasser entlang . Trauerweiden ließen ihre langen biegsamen Zweige tief hinabhängen . Es war Tschun , als sähe er ein verwirklichtes chinesisches Gedicht . » Eilt Euch , « sagte der Palastwächter , » der alte Buddha fährt auf dem See und kann bald zurückkehren . Dort an den Marmorstufen , wo die vielen Menschen warten , wird die Kaiserin aussteigen und sich in die Audienzhalle tragen lassen . Wir müssen vorher vorbei sein . « Aber der Marmorweg dehnte sich endlos aus . Und plötzlich , dicht bei den Stufen , kam aus einem Nebenarm des Sees , der ganz mit Lotos bedeckt war , der kaiserliche Nachen angeglitten . Er war schon ganz nahe . Andere Boote folgten . Sie waren gefüllt mit Menschen in buntschillernden gestickten Seidenkleidern . » Werft Euch nieder , « befahl der Palastwächter mit zitternder Stimme . Und gleich ihm knieten all die Knaben und berührten den Boden mit der Stirn . Es waren seltsame Boote . Wie schwimmende Pagoden aus feingeschnittenem Holz schienen manche . An den zurückgeschobenen Fenstern der Kajüten spielten rotseidene Vorhänge in der leichten Brise . Man blickte in kleine verschwiegene Räume , die doch viel zu erzählen schienen . Aber die Herrscherin selbst hatte für diesen Tag einen ganz flachen offenen Nachen gewählt , über dessen Rand die hohen Lotosblüten aus dem Wasser noch emporreichten . So fuhr sie in einem Meer von Blumen . Sie saß unter einem gestickten Ehrenschirm , den ein Diener über sie hielt . Hofdamen , mit weiß- und rosagepuderten Wangen und kirschroten Schminkflecken auf der unteren Lippe , umstanden sie , und Palastwächter , in kostbaren Trachten und großen Hüten , schoben das Boot mit langen Stäben im seichten Wasser vorwärts . Die grünen Lotosblätter bogen sich dabei auseinander mit einem Klang von rauschender Seide . Ein geschnitzter Wandschirm , dessen seidene Felder mit Phönixen und Glückssprüchen bestickt waren , stand hinter der Gewaltigen , ein Symbol höchsten Ranges und zugleich ein Schutz gegen jeden heftigeren Windhauch . Die Kaiserin hatte die Knaben am Ufer gewahrt und befahl zu halten . Nun wird sie uns sicher alle köpfen lassen , dachte Tschun . Aber eine tiefe , etwas rauhe Stimme erschallte ganz freundlich vom Wasser und fragte : » Sind das die Knaben von den Dörfern , die heute beim Theaterspiel auftreten sollen ? « Der Palastwächter berührte noch einmal den Boden mit der Stirn und antwortete : » Sie sind es , Lao tsu tung , strafe Deinen unwürdigen Knecht , daß Du sie auf Deinem Wege gefunden . « Doch die Kaiserin sagte ganz behäbig gutmütig : » Mögen die Kinder sich immerhin hier etwas umsehen . Es hat ja mit dem Theater noch mehrere Stunden Zeit . « Und dann befahl sie einem anderen Palastwächter : » Man soll nicht vergessen , ihnen zu essen zu bringen . « Tschun war ganz erstaunt . Er hätte nie gedacht , daß die Gefürchtete so sein könne . Jetzt erst wagte er , sie verstohlen anzusehen . Er sollte sich ja auch alles genau für die Taitai merken . Ja , das päoniengestickte Kleid würde er ihr beschreiben können , die goldenen Nagelfutterale an den gebrechlich dünnen Fingern , die Perlenquasten und Nephritembleme an dem breitausladenden Mandschukopfschmuck ; die Kette dicker Perlen , die nicht wie bei der Taitai um den Hals geschlungen war , sondern an einem Knopf der Jacke hing . - Aber das Gesicht ? Das war viel schwieriger . Es war Tschun , als seien es eigentlich viele Gesichter . Wie ja auch im Tempel die Buddhas der Vergangenheit , Gegenwart und Zukunft verschieden waren , und doch ein und derselbe sein sollten . Trotz ihrer Leutseligkeit hatte sie etwas Beängstigendes . Lag das vielleicht an der gebogenen Adlernase , die Tschun noch in keinem chinesischen Antlitz gesehen ? Nun landete die Erhabene an den Stufen , und die Hofdamen , mit den weiß-rosa Puppengesichtern und den kirschroten Flecken auf den Unterlippen , eilten herbei , so schnell es auf den hohen Mandschusockelschuhen ging , und halfen und stützten mit vielen Verbeugungen und verbindlichem Lächeln . Ein ganzes Gewühl von Bediensteten hatte hier mit Sänften der Ankunft der Boote geharrt . Die Kaiserin bestieg einen gelben offenen Tragstuhl . Acht Palastwächter hoben ihn an langen Stäben empor . Dabei stand zu jeder Seite ein hoher Würdenträger , die Hand auf dem Tragstab ruhend . Hinzwinkernd zu dem auf der Rechten Stehenden , der allein unter allen den roten Knopf und die Pfauenfeder trug , flüsterte Mahan : » Das ist Li lien ying . « Und auch dieser Gefürchtete war für Tschun eigentlich eine Enttäuschung . Er hatte ihn sich gar furchtbar gedacht . Statt dessen war es ein schöner Mann von unendlich höflichen Manieren , der sich mit würdiger Anmut vor der Gebieterin verneigte und ihr , während sie sich zurechtrückte , offenbar Belustigendes erzählte , denn sie lachte ganz laut . Dann begann der ganze Zug sich feierlich in Bewegung zu setzen . Vier Eunuchen der fünften Rangstufe schritten voran ; zwölf der sechsten folgten dem kaiserlichen Tragstuhl . Dann kamen alte Amahs und junge Dienerinnen . Und sie alle trugen der Kaiserin die verschiedensten Gegenstände nach , die sie etwa benötigen konnte : Kämme , Spiegel , Puderbüchsen , gestickte seidene Taschentücher ; schwarze und rote Tinte und gelbes Papier für eilige Edikte ; Zigaretten und die Wasserpfeife , sowie das mit Teeblättern gestopfte Ruhekissen , und auch das Buch , drin sich für jederlei Unternehmen der glückverheißende Tag nachschlagen läßt . Tschun mußte dabei plötzlich an die Taitai denken , die hatte auch immer so viele Dinge , die sie sich gern nachtragen ließ ! - Und noch eine andere Aehnlichkeit entdeckte er : auch die Kaiserin hatte einen Lieblingshund , der schon auf dem Boot bei ihr gewesen war und nun hinterher lief . Tschun hörte , wie sie ihn » Seeotter « rief . Den Schluß bildeten die vielen Hofdamen in roten , kleineren Tragstühlen , und dann kamen noch Männer nachgekeucht , die einen goldgelben Atlassack trugen , aus dem Bambusrohre hervorschauten . Tschun begriff nicht , wozu die wohl sein mochten . So zogen sie alle an den noch immer knienden Knaben vorüber . Die Kaiserin hoch über allen anderen schwebend , wie das schimmernde Idol einer seltsamen Prozession . Sie nickte den Knaben zu und rief lachend : » Macht Eure Sache gut nachher . « Als sie aber dicht an Tschun vorüberkam , umwehte ihn ein seltsamer Duft von Sandelholz , Moschus und unbekannten Blumen . Ein Duft , der jahrtausendalten Rezepten nachgebildet sein mochte , der Tschun völlig fremd war und der ihn doch irgendwie an die Taitai erinnerte . Der Duft einer Frau , die sich pflegt und schmückt und vielleicht am meisten sich selbst Idol ist . Dann waren sie fort , all die wunderlichen Gestalten , und Tschun rieb sich die Augen , als ob er erwache . Fremder und unwirklicher wie irgendwelche Traumerscheinungen waren sie gewesen - und waren doch das wirkliche China . Jetzt erst fielen Tschun die dunklen Dinge ein , die man in Peking flüsternd erzählte , und die in den Straßenballaden Kantons offen besungen wurden . Was mochte von alledem wahr , was erlogen sein ? - Er entsann sich , einmal gehört zu haben , daß die Kaiserin durch Zauberei jeden nach Belieben zwingen könne , sie zu lieben oder zu hassen . Er erinnerte sich auch , daß Sin schen , der weitgereiste Vetter , behauptete , es gäbe Berge , die scheinbar sicher und ruhig wie andere Berge dastehen und aus denen doch plötzlich mit Grollen und Beben vernichtende Lohe hervorbricht . Einige der Knaben hätten nun gern von der Kaiserin Erlaubnis Gebrauch gemacht und sich die Gärten besehen . Aber der Palastwächter , mit dem Kristallknopf und der schwarzen Feder , war sichtlich nur zu froh , daß alles so gut abgelaufen ; er wollte sich keinen neuen gefahrvollen Begegnungen aussetzen und drängte die Knaben zum Theater . Eine Marmortreppe , an der zwei bronzene Ungeheuer mit rollenden Augen , drohenden Hörnern und hyänenhaftem Lächeln Wache hielten , führte zu einer breiten Veranda empor . Rote Lacksäulen trugen die geschnitzte Decke , an der sich goldene Drachen zwischen azurenen Wolken jagten . Durchsichtige Hornlaternen , auf denen rote Glückszeichen gemalt waren , schwebten zwischen den Säulen , und lange , seidene Quasten , mit Nephritperlen , hingen von ihnen herab . Weihrauchbehälter , bronzene Tiere , Porzellantische und Sitze standen umher . Von der Veranda trat man durch geschnitzte Türen in die große kaiserliche Loge , die die ganze Breite der Bühne einnahm . Zwei kleine Räume schlossen sich an jeder Seite daran . » Dorthin zieht sich die Kaiserin während der Vorstellungen manchmal zurück und speist oder ruht , « erklärte der Palastwächter . Nur einen kurzen Blick durfte Tschun hineinwerfen . Decken und Zwischenwände waren aus so feingeschnitztem Holzwerk , daß er wirkliche Bambushaine mit Schmetterlingen und Vögeln zu sehen wähnte . Vielleicht sollten diese der Herrscherin sanfte Träume bringen , wenn sie da ruhte auf dem Kang mit den vielen seidenen Kissen und Decken . Sträuße von seltsamen Blumen aus Korallen und Agat , Beryll und blassem Mondstein standen in gläsernen Kästen . Einen geschnitzten Toilettentisch gewahrte Tschun mit tausenderlei Werkzeugen eines geheimen Kults . Und überall war da dieser seltsam fremde , durchdringende Wohlgeruch . Doch nun mußten die Knaben in die Räume hinter der Bühne . Da war ein Gewühl von Menschen und Dingen ! Die seltsamsten Dekorationen standen umher : Wolken , Drachen und Phönixe , Tiger , Affen und namenlose Ungetüme in wilden Verzerrungen . Alles aus bemalter , vergoldeter Pappe und rückwärts auf leichten Bambusgestellen ruhend . Die Schauspielertruppe der Kaiserin , die von ihren Palastwächtern . gebildet wurde , war beim Anziehen . Tschun sah da schwere golddurchwirkte Gewänder und gestickte Mäntel , wie sie sonst nur die Gestalten uralter Bilder tragen , und seltsame Kopfputze mit mehrere Fuß langen Fasanenfedern . - Es war ein mythologisches Stück , das gegeben werden sollte . Helden des Kriegsgottes , in goldenen Rüstungen , Helmen und schreckenerregenden Masken , probten ihre Kampfesstellungen , ihre dräuenden Gebärden mit geschwungenen Hellebarden . Die Schauspieler , die Damenrollen zu geben hatten , schritten zierlich auf hohen Sockelschuhen , rafften mit schmalen Fingern die schimmernden Gewänder , neigten und verbeugten sich voll zimperlicher Grazie , nach den Vorschriften ältester Hofetikette . Ihre geschminkten Gesichter schienen erstarrt zu einem ewigen Lächeln , und sie sprachen mit hohen dünnen Stimmen , die von weither zu kommen schienen . Tschun war ganz verwirrt von allem , was er sah , und dabei empfand er wieder einen gewissen Stolz : es war doch noch viel schöner als die schönsten Feste der Fremden ! Auch die Knaben wurden nun geschminkt und angezogen . Die kleineren , zu denen Mahan gehörte , sollten erst in der Schlußapotheose , als Schwarm glückbringender Fledermäuse , zwischen dem Gewölk schwirren . Tschun , weil er schon groß und stark war , kam in die Schar der Bogenschützen , die zu Anfang dem Kriegsgott voranzogen und dann auf der Bühne blieben . Es gab ein langes Warten . Die von der Kaiserin befohlene Mahlzeit wurde gebracht , in Näpfchen , die auf großen , gelb gedeckten Brettern standen . Und alle warfen sich bei diesem Anblick nieder , wie es Brauch ist beim Empfang kaiserlicher Gnadenspenden . Einmal auch kam Li lien ying , nachzusehen , wie weit die Vorbereitungen gediehen . Tschun hörte die Eunuchen sagen , wie sehr er sich doch für das Theater interessiere . Dann meinte einer von ihnen : » Es ist eigentlich keine Zeit für frohe Feste . « Ein anderer , ganz Junger stimmte bei : » Ja , wer weiß , vielleicht werden auch wir in den nächsten Tagen abgesetzt - und dann war es alles umsonst ! « Doch ein Aelterer entgegnete bestimmt : » Das wird unser alter Buddha nie zulassen . « - Sie sprachen nun leiser , aber Tschun konnte doch noch manches hören . - Es schien , daß der Kaiser am vorhergehenden Tage von Tzü Hsi aus Peking herbeigerufen , einige Stunden bei ihr hier im Sommerpalast geweilt hatte . Er hätte einen heftigen Auftritt zwischen den beiden gegeben , und die Kaiserin habe die Verhaftung Kang yu weis verlangt , weil er ihrer spotte . Dann sei der Kaiser nach Peking zurückgekehrt . - Tschun war ganz entsetzt , in wie unehrerbietigen Ausdrücken diese Bediensteten Tzü Hsis untereinander von dem Himmelssohn sprachen ! Kang yu wei aber belegten sie mit dem Namen » Schildkrötenei « , dem ärgsten chinesischen Schimpfwort . Er habe den Kaiser schon so verblendet , daß dieser in seinem eigenen Palast europäische Kleidung trage , und jetzt empfehle er ihm sogar den Gott der Fremden ! Tschuns Herz schlug heftig bei diesen Worten . Ach , wenn das doch möglich wäre , daß der Kaiser sich dem wirklichen lieben Gott zuwendete ! Wie würden sich die Priester und Nonnen des Petang freuen . Und wenn dieser Kang yu wei wirklich etwas so Schönes wollte , dann würden auch der Ta-jen und der erste Sekretär sicher ganz anders als bisher über ihn denken ! Doch nun kamen Boten : Der kaiserliche Zug nahe durch die Gärten . Die Schauspieler eilten auf die Bühne , um die Gebieterin bei ihrem Eintritt in die Loge durch ehrfurchtsvolles Niederknien zu begrüßen . Tschun mit den Bogenschützen des Kriegsgottes war auch dabei . Er kam ganz nach vorn zu stehen . Die beiden Galerien , die an den Längsseiten der Bühne liefen und für Gäste bestimmt waren , hatten sich schon gefüllt mit allerhand Großwürdenträgern in feierlichen Wappenröcken und Bernsteinketten , und in der kaiserlichen Mittelloge harrten eine Menge Prinzessinnen , Hofdamen und Palastwächter . Und nun nahte von der Veranda her die gnadenreiche Gegenwart . Die Kaiserin wurde von zwei Eunuchen gestützt , und hinter ihr folgten , wie am Morgen , die vielen Menschen , die ihr überall die verschiedensten Dinge nachschleppten . Tschun bemerkte sofort , daß sie ein anderes Kleid trug ; es war mit unzähligen Schmetterlingen bestickt , und über die Schultern hing ihr ein Netzwerk von mehreren tausend großen Perlen , das in Nephritquasten endete . Tschun mußte an die Taitai denken , die auch so oft am Tage , je nach Beschäftigungen und Stunden , die vielen Kleider wechselte , die Madame Angèle nähte . Aber ganz wie die Taitai keineswegs am frohesten aussah , wenn sie Festgewänder angelegt hatte , schien auch die Kaiserin , trotz Perlen und Schmetterlingen , jetzt gar nicht mehr so guter Stimmung wie am Lotosteich zu sein . Sie blickte finster drein ; die Nase erschien jetzt noch gebogener , gleich dem Schnabel eines bösen Raubvogels , und die Lippen waren ganz schmal geworden . Und dann geschah etwas ganz Seltsames . Gerade als die Kaiserin sich auf den geschnitzten Thron niederlassen wollte , stieß sie einen schrillen Schrei aus und wies mit dünnem , spitzem Finger auf das Polster . Da saß , auf dem goldgelben Atlas , eine dicke schwarze Brummfliege . Vor diesen kleinen Tieren aber empfand Tzü Hsi , die Gewaltige , einen unüberwindlichen , schreckhaften Ekel . Und sie herrschte die ihr zunächst Stehenden heftig an : » Wie kann der Fliegenwedler es wagen , so nachlässig zu sein : Wo ist er ? « Zitternd trat ein mit einem Wedel bewaffneter Palastwächter heran und warf sich vor der Gebieterin auf den Boden . » Er ist zu bestrafen , « befahl Tzü Hsi und wendete sich dabei an Li lien ying . » Sicherlich , « antwortete dieser , und seine Augen blickten tückisch , » soll er sofort hingerichtet werden ? Oder vielleicht des langsamen Todes sterben ? « » Das ist ein bißchen viel , « antwortete Tzü Hsi , nachdem sie sich einen Augenblick besonnen , » er empfange hundert Streiche in die Kniekehlen . « Und nun erkannte Tschun , was das Amt der Männer war , die er am Morgen den gelben Atlassack hatte schleppen sehen . Sie entnahmen ihm Bambusrohre , und damit erhielt der am Boden Liegende die befohlenen Streiche . Er gab keinen Laut von sich , und der ganze Hofstaat stand gleichmütig dabei . Dann erteilte die Mütterliche , Glückverheißende den Befehl , daß das Stück beginne . Die dichten Scharen des Kriegsgottes sollten sich zu Anfang über die Bühne entfalten und den Hintergrund bilden für die Zweikämpfe besonderer Helden . Auch die Bogenschützen hatten dabei in seltsam rhythmischem Schritte mit bizarr verschränkten Armen vorüberzuziehen . Aber Tschun war ganz erstarrt von dem , was er soeben mit angesehen hatte , er erinnerte sich kaum noch , was er auf der Bühne zu tun hatte , die andern Knaben mußten ihn hin und her schieben . Ja , jetzt glaubte er es dem Vetter Sin schen gern , daß es Berge gibt , die plötzlich vernichtende Lohe sprühen ! Er mußte immerwährend in die Loge starren . Da saß die Kaiserin auf dem geschnitzten Thronsessel mit dem hohen Wandschirm und zwei großen Standarten aus Pfauenfedern hinter ihr , unbekümmert , als sei gar nichts vorgefallen . Wie ein Idol sah sie wieder aus , und jetzt zwar wie ein ganz vergnügtes . Es war , als habe ihr das kleine Vorspiel sogar gut getan und sie von angesammeltem Unmut befreit . Sie folgte der Vorstellung mit sichtlichem Vergnügen , und dazwischen lachte sie und scherzte mit Li lien ying , der dicht neben dem Throne stand . Und dann kam das Nachspiel . Plötzlich ward die große Tür der kaiserlichen Loge von der Veranda her heftig aufgestoßen , und ein Mann , in hoher Militärmandarinentracht , kam hereingestürzt . Durch die erstarrten Eunuchen , die puppenhaften Hofdamen bahnte er sich unaufhaltsam den Weg , stürzte bis zum Thron der Kaiserin vor , sank da auf die Knie , hob die Hände und rief atemlos : » Schutz , Majestät , ich flehe um den Schutz dieses Heiligtums ! « Die Schauspieler hatten unwillkürlich bei dem Lärm innegehalten . Jetzt war es lautlos still geworden . Von der Bühne und aus den Seitengalerien starrten alle Augen auf die Kaiserin . Die war zuerst bei dem unerhörten Auftritt zusammengefahren ,