hatte die Arme verschränkt und stand gegen den versperrten Kasten gelehnt . » Nur weiter , weiter ! Da weiß ich doch endlich , was du für einer bist . Noch gestern hab ich gesagt : Der Runotter ist von den Treuen und Verläßlichen einer ! « » Das bin ich , Herr ! Nit um Hofgunst . Jeder Mensch ist , wie er sein muß . « » Schön , Runotter ! Du redest ja schon bald wie ein Bruder vom freien Geist ! Ich merk , es fliegen Fledermäus im Land herum . Und heimliche Funken springen . Am Sonntag hat ein Rauschiger im Leuthaus die schweizerischen Eidgenossen leben lassen . Jetzt liegt er im Loch . Ich tu dich warnen , Runotter ! « » Was Ihr da redet , Herr , das trifft mich nit ! Ich hör nit drauf , wenn ein paar Narrenköpf von der Schweizer Freiheit tuscheln . Aber verzeihen könnt man ' s - « » Was ? « fragte der Amtmann scharf . » Daß ein Durstiger Sehnsucht hat nach einem Trunk . Und jetzt frag ich , Herr - mit den Ochsen vom Hängmoos - muß das wahrhaftig so sein , wie ' s jetzt beredet ist ? « » Recht muß Recht sein ! « » Gut ! Dann muß ich als Richtmann stehen beim Recht der Gnotschaft . « Runotter nahm die eiserne Schaller vom Fenstergesims und drückte sie über den Scheitel . » Deswegen bin ich kein Unverlässiger und kein Freigeistler . Mein Herrgott ist mein Herrgott , und mein Fürst ist mein Fürst . « Ein Schwanken kam in die Stimme des Bauern . » Der ist mir drum nit minder worden , weil sein Chorherr Hartneid Aschacher ein schlechtes Stück getan hat wider mein Weib und mein Leben . « Der Klang dieser Worte schien im eisenbeschlagenen Rippenschrank des Amtmanns etwas Menschliches aufzureißen . Er mußte seufzen . Doch er sagte streng : » Runotter , das gehört nicht vor mein Amt . « » Dann wird ' s wohl vor ein Amt gehören , vor dem wir uns alle finden - einmal ! Und solang ich noch auf der Welt steh , ist das gut , Herr Amtmann , daß der Chorherr Hartneid Aschacher im Kloster zu Chiemsee ein fürnehms Leben hat . So weit von uns . « Wie eine stählerne Klammer spannte sich die Faust des Bauern um die Scheide des Holdenschwertes . » Gottes Gruß , Gestreng Herr Amtmann ! « Die schwergenagelten Schuhe des Bauern klappten auf der Diele , und leise klirrte an seinem Küraß die Kette des Schwertgehänges . Die Türe schloß sich . Und Herr Someiner sah sie mit wunderlichen Augen an , als müßte er sich besinnen , was da jetzt geschehen wäre . 4 Schritte weckten den Amtmann aus seiner Versonnenheit . Lampert trat aus der Kammer , vor Erregung zitternd . » Vater ! Rufe diesen Mann zurück ! « » Wen ? « Herr Someiner erwachte . » Ach so ? « Von der Straße hörte man den Hufschlag eines Gaules , der sich entfernte . » Da ! Der reitet ja schon davon ! So ein Dickschädel ! « » Ich hol ihn noch ein . Darf ich ? « » Nein ! « Der Amtmann war ärgerlich . » Hätt er nicht umkehren können und mir ein gutes Wort geben ? « » Das hast du ihm unmöglich gemacht . « » Ich ? « Herr Someiner hatte den Blick eines erstaunten Kindes , das man einer Sünde beschuldigt , deren Namen es gar nicht kennt . » Lampert ? Ich versteh dich nimmer . In deinem Gesicht ist eine Erregung ohne Maß . Warum ? « » Weil ich fürchte , daß du eine ungerechte und gefährliche Übereilung begehst . « » Ich ? « » Davon hab ich nicht zu reden , meinst du ? Hier redet nur der Amtmann und wer gerufen ist . Gerufen bin ich nicht . Aber das mit diesen unglückseligen Ochsen , die das verbriefte Gras nicht fressen ? Das weißt du doch von mir . Und da machst du mich , deinen Sohn , zum Späher und Angeber ! « Das ging dem Amtmann über die Grenze der Geduld . Er schrie in Zorn : » Dir sollte die Mutter sagen , daß du aus jedem Bläslein eine Blatter machst ! « Wütend ging er in die Kammer hinaus und begann in dem dickleibigen Merkbuche zu blättern . Lampert folgte ihm bis zur Schwelle . » Vater ? Wirst du morgen die Pfändleut schicken ? Wirklich ? « Herr Someiner hob das Gesicht . Was aus den Augen des Sohnes sprach , schien begütigend auf den Vater zu wirken . » Kann sein , ich tu ' s , kann aber auch sein , ich überleg mir ' s noch . Jetzt muß ich da was im Merkbuch suchen . « » Vater ! Ich habe nicht Ruh , bevor du mir nicht klar versprichst , daß du die Pfändleut nicht schicken wirst . « Da war nun wieder alles verdorben . Herr Someiner schlug mit der Faust auf das Merkbuch . » Jetzt bin ich im Amt ! « Lampert lachte kurz und verließ mit jagendem Schritt diesen geheiligten Raum . Als er hinauskam in den Flur , rief Frau Someiner gerade über das Treppengeländer : » Mann ! Bub ! Die Supp ist fertig . « Das stimmte . In dieser verspäteten Mahlzeitstunde war eine böse Suppe gar geworden . Beim Anblick des Sohnes merkte Frau Marianne gleich , daß Sturm ins Haus gekommen . » Hat ' s Krach gegeben ? « » Laß mich , Mutter ! « Lampert stürmte in sein Stübchen . Frau Someiner wollte folgen , aber da hörte sie von droben das Klirren eines Riegels . » Der hat sich eingesperrt , da ist er sicher ! « dachte sie mit mütterlichem Verstande , machte kehrt und begab sich zu ihrem Mann hinunter . Der Amtmann stand über den Tisch der kleinen Kammer gebeugt , blätterte aufgeregt in dem großen Merkbuch und schien etwas zu suchen , was sich nicht finden lassen wollte . » Ruppert ! « fragte Frau Marianne sanft . » Was ist denn schon wieder ? Bist du mit dem Buben überkreuz gekommen ? « Der Gestrenge blätterte . » Laß mich in Ruh , jetzt bin ich im Amt . « Vor dem geweihten Wörtlein Amt schien Frau Someiner eine wesentlich geringere Ehrfurcht zu besitzen als ihr Sohn . » Ach geh , du , mit deinem Amt ! Mir ist ' s um den Hausfrieden . Und die Supp ist fertig . Komm ! Tu dich mit dem Buben in Ruh wieder ausgleichen . Bei guter Schüssel wird das Gemüt schön nachgiebig . Aber so eine trückene Rechtsläpperei - « Frau Marianne konnte diese kostbare Perle ihrer Lebenserfahrung nicht zu Ende drehen . Denn der Amtmann hatte im Merkbuch gefunden , was er suchte . Alle mißmutige Strenge seines Gesichts verwandelte sich in triumphierende Freude . » Recht hab ich ! Recht ! Da steht ' s Da ! Da ! Da ! « Dreimal stieß er mit dem Zeigefinger auf das Merkbuch hin . » Und jetzt , meinetwegen , jetzt kann ich auch Langmut zeigen . Weil es schwarz auf weiß bewiesen ist , daß ich recht hab . Ruf den Buben , Mutter ! Das soll er lesen ! Da steht ' s ! Sub 28. Junio 1391 : Den Hängmooser Auftrieb visitiert , sind aufgetrieben zwanzig Kalben und sechzig Ochsen , item ansonsten alles befunden nach Recht und Weidbrief von Anno 1356 . Da steht ' s ! « Herr Someiner war in diesem Augenblick der glücklichste der Menschen . Frau Marianne grollte wohl : » Du liebe Güt ! Schon wieder die Hängmooser Ochsen ! « Doch sie lachte , weil sie aus der frohen Sonne , die in der Amtsstube aufgegangen war , den Friedensschluß bei der Suppenschüssel erglänzen sah . » Geh , Ruppert , komm - « Da kroch die schöne Sonne hinter eine dicke Wolke . Denn Herr Someiner , der bei jeder Erscheinung des Lebens gleich zu rechnen anfing , beugte sich mißtrauisch über das Buch . » Der 28. Junius 1391 ? Und heut ? Was ist denn heut ? Der 26. Junius 1421 ! « Zwischen diesen beiden Kalenderziffern schien ein Abgrund des Unheils zu klaffen . In den Augen des Amtmanns malte sich ein Schreck , als hätte sich vor seinem Blick etwas Grauenvolles ereignet . In Sorge faßte Frau Marianne den Gatten am Ärmel . » Geh , Ruppert , laß doch jetzt - « Herr Someiner befreite seinen Arm und brauste los : » Da hört sich doch - . Und ich in meiner Gut und Nachsicht hätt jetzt bald - . Ist das ein Kerl ! Will die Schweizer Freiheit einführen im Land ! Und redet wie ein Bruder vom freien Geist ! So ein Heimtücker wie der ! So ein geriebener Hinterlister ! « Frau Marianne wollte immer reden . Es gelang ihr nicht . Der Zorn ihres Mannes brauste weiter wie ein entfesselter Wildbach . » Ein Glück , daß Gottes Segen über meinem Amt ist ! Und daß ich den Schaden noch zu rechter Zeit besehen hab ! Zwei Tag noch , und es wär zu spät gewesen ! Und das ochsenmäßige Unrecht , das sie verüben auf dem Hängmoos , wär verjährt und wär ein ersessen Recht geworden . Und das Stift wär wieder ärmer um ein Herrengut . Aber Gott sei Dank , ich bin noch allweil da . « Als der Amtmann dieses letzte Wort gesprochen hatte , war er schon nicht mehr da . Er hatte Hut und Stock ergriffen und war schon auf der Straße . Frau Someiner sah die offene Tür an , schüttelte kummervoll den Kopf und predigte ins Leere : » Gott hat die Welt geschlagen , wie er die Mannsleut erschaffen hat ! Ist jeder wie ein kranker Narr , dem man bei Tag und Nacht das kalte Tüchl um das Hirndach legen sollt . « Als gewissenhafte Hausfrau versperrte sie die Amtsstube und das Eisengitter , nahm den heiligen Schlüsselbund in die Wohnstube mit hinauf und gab ihn an seinen Platz . Nun war sie allein mit ihrer guten Suppe . Lampen kam aus seinem selbstgewählten Gefängnis nicht herunter , und des Gatten Heimkehr war nicht abzuwarten , solang die Suppe noch lau blieb . Frau Someiner saß am gedeckten Tische . Aber sie rührte den Löffel nicht an . Bei vielen trefflichen Eigenschaften , die man ihr nachrühmen mußte , war sie eine von den Frauen , die sowohl der Kummer wie die Freude veranlaßt , sich dem Irdischen zu entwinden und Hunger zu leiden . Doch sie ließ das Mahl für Vater und Sohn getrennt in zwei Töpfen warm halten , während sie selbst keinen Bissen berührte . Hätte Herr Someiner dieses Widerspruchsvolle in der Handlungsweise seiner Gattin gewahrt , so hätte er vermutlich wieder einmal festgestellt , daß weder Jubel noch Elend eine sinngemäße Ursach wäre , um sich der Speise zu enthalten ; Sättigung des Leibes wäre ein natürlicher Brunnen der Lebenskraft , die man gerade in Elend und Jubel doppelt nötig hätte ; essen müßte der Mensch noch , auch wenn er wüßte , daß ein Viertelstündlein später die Welt zugrunde ginge ; aber , freilich , das Natürliche wäre für die Frauen immer das Unverständlichste . Der Gelegenheit , sich solcher Weisheit zu entledigen , war Herr Someiner an diesem Tag entrückt . Während Lampert , wunderlich verstört , sich auf der Altane seines Stübchens in einen zierlich geschriebenen Traktat über des Boethius Werk de consolatione philosophiae vergrub und die Mutter mit feuchten Augen vor dem trockenen Teller saß , eilte der Amtmann aufgeregt dem Stifte zu , um seinem gnädigsten Fürsten diesen brennend gewordenen Rechtsfall in causa boum hengismosianorum , in Sache der Hängmooser Ochsen , zu hochpersönlicher Entscheidung vorzutragen . Die Hälfte dieses Weges wurde dem Amtmann erspart . Denn als er das Stiftstor erreichte , durch das man in einen Vorhof sah , der minder an die Nähe einer klösterlichen Stätte als an den von Söldnern , Jagdbuben und Roßknechten bevölkerten Wallhof einer Ritterburg gemahnte , da kam dem Amtmanne der Erzpropst zu Berchtesgaden entgegengeritten , der edle Herr Peter Pienzenauer , begleitet von einem Jäger mit der Armbrust und von zwei Vorläufern , die sich für die Heimkehr in der Nacht mit Pechfackeln ausgerüstet hatten . Der Propst war in schmuckloser Jägerkleidung , ein sechzigjähriger Graubart , hager und sehnig . Dem strenggezeichneten Kopfe , der auf diesen straffen Schultern saß , waren Fähigkeiten anzumerken . Hätte er sie nicht in Wahrheit besessen , so hätte er , bevor er Propst zu Berchtesgaden wurde , als Domherr zu Freysing und Augsburg nicht das wichtige , Umsicht und Scharfsinn erfordernde Amt des Kellermeisters bekleidet . Die tüchtigen Kellermeister gehen mager aus ihrem Amte , die schlechten verlassen es fett . Herr Someiner eilte rasch auf den Fürsten zu ; aber es gelang ihm nicht sogleich , die geladene Kammerbüchse seines Amtszornes zu entladen . Denn einer der Novizen , ein junges , feines , weltlich gekleidetes Bürschlein in Schnabelschuhen , mit klingenden Schellen am Gürtel und an den seidenen Ärmelfahnen - der Domizellar Sigwart zu Hundswieben - kam aus dem Innenhof des Klosters gelaufen , faßte das Pferd des Propstes am Zügel und sprach sehr flehentlich zu dem Fürsten hinauf . Der Amtmann blieb in höfischer Entfernung stehen . Herr Pienzenauer sah auf das modische , fast mädchenhafte Bürschlein hinunter mit einem Blick , in dem sich Wohlgefallen seltsam mit Geringschätzung mischte . Dann schüttelte er den Kopf . » Nein ! « Seine sonore Stimme war weithin zu vernehmen . » Für heut soll ' s genug sein . Mit dieser Knallerei vergrämt ihr mir den Rehbock . Und das Pulver ist teuer . Man weiß nicht , wie bald man ' s brauchen kann zu ernsteren Dingen als zum Niederbummern meines besten Hirsches im Graben . Ihr seid wie die Kinder . « Ein neues Gebettel unter leisem Klingeling der silbernen Schellchen . Per Propst blieb unerbittlich . » Nein ! Wenn ich meinen Rehbock habe , morgen , meinethalben . Heute nicht mehr . « Er hob den Zügel und brachte das Pferd in Gang . Sigwart von Hundswieben sah ihm auf eine Weise nach , die wenig Ehrfurcht verriet . Da trat Herr Someiner auf den Fürsten zu . » Ruppert ? Was gibt ' s ? Lang hab ich nicht Zeit . Sonst versäum ich die Pirsch . « Der Amtmann sprach . Und als er seine Darlegung beendet hatte , fragte er : » Was soll geschehen , gnädigster Herr ? « » Was verständig ist und dem Recht entspricht . « Propst Peter lächelte . » Auf dich kann ich mich verlassen . « Dann ritt er davon . Der Amtmann nickte . Jetzt war die Sache klar erledigt . Ohne einen Blick für die Menge des lärmenden Volkes zu haben , das sich drunten bei der Mauer des Hirschgrabens drängte und auf eine Fortsetzung dieser ebenso lustigen wie erstaunlichen Donnersache wartete , suchte Herr Someiner eilfertig den Vogt des Stiftes auf und beorderte ihn zur Pfändung der siebzehn siegelwidrigen Kühe auf dem Hängmoos , pünktlich zur Mittagsstunde des kommenden Tages . Doch auf dem Heimweg zur guten Suppe wurde der Amtmann nachdenklich . Wie war das nur ? Hatte der Fürst gesagt : » Was Verstand hat und dem Recht entspricht ? « Und hatte er den Nachdruck auf das Recht gelegt ? Oder sagte er : » Was dem Recht entspricht und Verstand hat ? « Und meinte er als wesentliche Sache den Verstand ? Daß aber auch die hohen Herren immer so zwiespältig reden ! Man weiß da nie mit Sicherheit , wie man dran ist . Doch so oder so , jetzt war die Sache in Gang . Der amtliche Karren , der keine Deichsel zum Umkehren hat , mußte laufen . Los ! In Gottes Namen ! Zu Hause , als Herr Someiner allein und ungestört die warmgehaltene Suppe aß , war in ihm ein ruheloses Wechselspiel von vernunftgemäßer Zufriedenheit und unerklärlicher Besorgnis . Schließlich wollten ihm die boves hengismosiani gar nicht mehr aus dem Sinn . Und neben den ruhigen Pendelschlägen in dem alten Uhrkasten - » Bau ! Bau ! « - wurde Herrn Someiners Unsicherheit in der Deutung jenes delphischen Fürstenwortes vom Verstand und vom Rechte immer qualvoller . Inzwischen dachte der edle Herr Peter Pienzenauer schon lange nicht mehr an die siegelwidrigen Ochsen oder Küh . Er freute sich des schönen Pirschabends , der da kommen wollte , ritt ohne Eile den Waldschlägen des Totenmannes zu und überließ seinem Roß die Zügel zu behaglichem Schreiten . Um die gleiche Stunde mußte ein andres Rößlein rennen , schnaufen und schwitzen . Als der Schimmel vor des Richtmanns Hagtor in der Ramsau mit pumpenden Flanken stehenblieb , fielen handgroße Schaumflocken von ihm herunter . » Ich muß gleich wieder davon « , sagte der Runotter zu Heiner , » führ den Schimmel umeinand , daß er sich nit verkühlt . « Er ging zum Haus und zog am Küraß die Schnallen auf . Vor der Schwelle drehte er das erhitzte Gesicht . » Weißt nit , ist der Soldknecht noch im Leuthaus drüben ? « » Schon lang nimmer . Die Rauschigen sind all davongetorkelt . Und den Malimmes hab ich lustig singen hören , weit über die Straß hinaus . « » Ist er ' s gewesen ? Wahrhaftig ? Der Malimmes vom Taubensee ? « » Wohl , Bauer ! « Runotter trat ins Haus . Gleich kam er wieder , des Eisens ledig , nur mit einem festen Meser am Gürtel . » Kann sein , ich komm über Nacht nit heim . « Er zog die Lederkappe in die Stirn , sprang auf den Schimmel hinauf und ließ ihn am Brunnen trinken . Im Trab die Straße hin gegen den Taubensee . Bei einem Haus , das neben der Straße auf einem kleinen Hügel stand , rief Runotter : » Höi ! Ist der Albmeister daheim ? « Der wäre beim Heuen , gleich da drüben über dem Bach . Die Ache machte mehr Lärm , als sie Wasser hatte . Leicht kam der Schimmel hinüber und kletterte über die steilen Wiesen hinauf . Ein neunzigjähriger Bauer , dürr und gebeugt , kahlköpfig und mit weißen Bartstoppeln , wendete das am Morgen gemähte Heu - Seppi Ruechsam , der Albmeister der Ramsauer Gnotschaft . Sein Hausname kam wohl davon , daß einer seiner Vorfahren ein besonders Sparsamer gewesen war . Wie für die Fähigkeiten des Propstes sein früheres Amt als Kellermeister , so sprach für den Seppi Ruechsam die Tatsache , daß er Albmeister war . Um Albmeister zu werden , mußte man zumindest siebzig Jahre hinter sich haben , mußte das Vergangene wissen und mußte ein Makelloser , einer von den Besten der Gemeinde sein . Der Albmeister war halb wie ein Heiliger , weil er den grünen Speisbrunnen und das wertvollste Lebensrecht des Bergdorfes hütete . Ehe noch der Schimmel den Seppi Ruechsam erreichte , fragte Runotter schon : » Seppi ? Du ? Wie ist das mit dem Hängmoos ? Seit wann ist der Käser droben ? Seit wann treibt man das Milchvieh hinauf ? « Langsam streckte sich der Greis . » Das ist , seit die Salzburger den Propsten Kunrad vertrieben und das Stift in Pfand genommen haben . Ist gewesen im dreiundneunziger Jahr . « » Ist Melkvieh und Käser mit Rechten auf der Alb ? « » Was denn sonst ? Albmeister ist der Seppi Ruechsam . Der wird wohl wissen , was recht ist . « Für den Greis in seiner steinernen Ruhe schien das ein Zwiefaches zu sein : er als Mensch und er als Albmeister . » Ist unser Recht verbrieft ? « » Was denn sonst ? « Runotter atmete auf . » Der Brief ist weisbar ? « » Was denn sonst ? Liegt bei mir in der Truchen , ist gut geschrieben ist gewächsnet mit des Herrn Kunrad Fürstenring . « Der Richtmann verlangte nicht , den Brief zu sehen . Er wußte : Der Albmeister hat die Truhe mit den Rechtsbriefen , der Ältestmann der Gnotschaft hat den Schlüssel , und Schloß und Schlüssel dürfen nur Hochzeit halten , wenn fünf spruchbare Männer der Gnotschaft als Zeugen dabei sind . » Sie sagen im Amt , es war kein Brief nit da als bloß der alte von den Ochsen . « » Die sagen viel . « Der Greis fing wieder zu heuen an . » Und der Amtmann will die Milchkuh pfänden lassen , morgen . « Seppi Ruechsam hob langsam das Gesicht . » So ? « Er sprach dieses kleine Wort , als hätte ihm einer an schönem Tage gesagt , es regnet . » Was tust da , Richtmann ? « » Ich steh beim Recht . Und treib nit ab . Die Küh müssen bleiben . « » Was denn sonst ? « » In der Nacht reit ich um und ruf die Leut für morgen zum Taiding . « Der Greis nickte . » Ist hart , in der Heuzeit einen Tag verlieren . Aber mehr als Heu ist die Kuh , mehr als die Kuh ist das Recht . « » Das Taiding ruf ich zu deinem Haus . « » Was denn sonst ? Es geht ums Weidrecht . Der Seppi Ruechsam ist morgen daheim , wo die Truchen steht . Aber Pfändleut hin oder her , einem Spießknecht gibt der Seppi Ruechsam den gewächsneten Brief nit in die Hand . Recht liegt fest . Das tut man nit umtragen wie den Bettelsack . Vor guter Zeugschaft muß der Amtmann zum Seppi Ruechsam seiner Truchen kommen . Und kommt er nit , und sie pfänden ? Gut ! Da muß der Fürst die Küh futtern und die Milch vergüten . Derweil kriegen wir auf der Alb mehr Gras , wenn minder gefressen wird . Ist ein Nutzen . Den Schaden muß das Stift gutmachen . Tät der Fürst für seines Amtmanns Unrecht nit aufkommen , so geht man zum deutschen König . Dafür ist der König da . Wozu denn sonst ? Und den Weg zum deutschen König weiß der Seppi Ruechsam . Sonst tät er nit Albmeister sein . Was denn sonst ? Jetzt tummel dich , Mensch ! Und reit ! « Das war die längste Rede , die man vom Seppi Ruechsam seit vielen Jahrzehnten gehört hatte . Er sollte in seinem Leben keine so lange mehr halten . Der Richtmann überquerte die Ache wieder , und sein unermüdlicher Schimmel , dessen Heubauch schlank geworden , jagte zum Taubensee . Die Sonne bekam schon goldene Glut , und alle Farben der Erde und des Himmels vertieften sich zu sanftem Glanz . Im Wiesgarten am Taubensee schleppten Mareiner und sein Weib das fein geratene Heu in großen Tüchern zur Scheune . Die Bäuerin , als sie den Reiter sah , bekam gleich wieder einen Schreck ; ein Herr war der Runotter freilich nicht , aber der Richtmann war er . » Du , Mareiner « , rief der Ramsauer und sprang vom Gaul , » ist ' s wahr , daß dein Bruder Malimmes gekommen ist ? « » Wohl ! « Das konnte der Bauer ruhig sagen . Seine dreiundachtzig und ein halb Pfund Pfennig waren in Sicherheit ; und Malimmes tat , als möchte er geben wie ein Christ , nicht nehmen wie ein Hofmann . » Vor der Haustür hockt er bei der Mutter . « » Mein Gaul ist heiß gelaufen . Magst ihn ein lützel führen , derweil ich mit deinem Bruder red ? « » Gib her ! « Runotter ging zum Haus . Er dachte zwei Menschen in Freude zu finden und fand zwei Leute , von denen sich keins ums andre zu kümmern schien . Wohl saßen sie nebeneinander , die alte Frau im Sessel und Malimmes auf dem Boden , ohne Wams und mit nackten Füßen , recht wie einer , der daheim ist ; doch er hielt die Arme um die aufgezogenen Knie geschlungen und guckte verdrossen vor sich hin ; die große Narbe brannte wie Feuer . Er war nicht wehleidig . Aber wie die Mutter seine Heimkehr nahm , das war doch wunderlich . Eine kurze Freude , wie beim Besuch einer Nachbarin , die man lange nicht gesehen . Und nun saßen die beiden so nebeneinander , schon den ganzen Nachmittag . Wenn Malimmes erzählen wollte , hörte die Mutter nicht zu und guckte zum Himmel hinauf ; und wenn er stumm wurde , redete sie vom andern , immer vom andern . Jetzt wieder . Und plötzlich fragte sie : » Malimmes , bist du noch da ? « » Noch allweil , ja ! « » Wie lang , sagst , hast du laufen müssen bis zu deiner Mutter ? « » Sieben Täg . « » Ein weiter Weg . Und der ander steht am Zäunl . Steht am Zäunl . Und geht nit herein zu mir . « » Das hast du mir schon gesagt , Mutter ! Oft schon . Magst nit ein lützel mit mir reden ? « » Steht am Zäunl und geht nit herein zu mir . « Malimmes sah den Richtmann kommen , streckte sich , stand auf und ging ihm lautlos durch das Gras entgegen . » Bist du nit der Runotter ? « » Freut mich , daß du mich noch kennen magst . « Erschrocken sah Runotter die brennende Narbe an . » Kommst du zu mir ? « » Wohl ! Hab gehört , du wärst wieder da . « » Gelt ! So wirft das Leben die Leut umeinand , man weiß nit , warum . « Das klang ein bißchen katzenjämmerlich . Und doch war an Malimmes keine Spur von Trunkenheit . Er sah über die Schulter zu der alten Frau hinüber . Dann zwang er sich zu heiterem Ton . » Ja , weißt , in Nüremberg hat ' s mir nimmer gefallen , seit man um der Franzosen willen die Badstuben geschlossen hat . Ich hab allweil ein lützel auf Sauberkeit gehalten . Wie kleiner ein Gärtl ist , um so feiner muß man ' s hegen . « Der Richtmann schien nicht zu verstehen . » Franzosen ? Im Reich ? Ist Krieg ? « Jetzt konnte Malimmes lachen . » Ein harter , ja ! Aber Gott sei Dank , von der Ramsau müssen die blauen Marodier noch weit sein ! - Jetzt red , Richtmann ! Ich sehe doch , du willst was . « » Bleibst lang daheim ? « Wieder sah Malimmes über die Schulter . » Glaub nit . Was tu ich denn da ? Man ist der Niemand . Der Schlechter ist allweil der Besser ! - Und was tu ich draußt in der Welt ? Nit wissen , wo man daheim ist . Pfui Teufel ! « » Hast keinen Herren ? « fragte der Richtmann rasch . Malimmes schüttelte den Kopf . Dem Runotter schoß die Freude heiß ins Gesicht . » Ich tät dir was wissen . Aber du wirst nit mögen . « » Schieß los ! « Der Soldknecht lachte . » Laß den Bolzen fahren ! Gut oder schlecht geschossen , ein Plätzl trifft er allweil . « » Mein Bub müßt im Winter zur Holdenwehr . Dienen kann er nit , weil er bresthaft ist . « Der Söldner nickte . » Das weißt ? - Weißt auch warum ? « Wieder nickte Malimmes . » Selbigsmal bin ich doch fort . Hab flüchten müssen , weil ich über den Hartneid Aschacher geschumpfen hab . « Jäh streckte Runotter die Hand . Malimmes nahm sie nicht . » Laß gut sein ! Deinetwegen hab ich nit geschumpfen . Ich hab geschumpfen , weil mir gegraust hat . - Also ? Was willst ? « Zögernd sagte der Richtmann : » Für meinen bresthaften Buben , daß er das Erbrecht nit verliert , such ich einen Stellmann zur Holdenwehr . « Jetzt verstand Malimmes und brach in heiteres Gelächter aus , wie über einen guten Spaß . » Jöija , Bauer ! Bist voll und toll ? Wer heut mit mir gesoffen hat , das weiß ich nimmer . Aber du bist doch nit dabei gewesen ? « » Spotten brauchst nit ! « Runotter war bleich geworden . » Hab mir eh schon gedacht , du wirst nit mögen . « Im Klang dieser Worte war ein so schwerer Kummer , daß Malimmes sein Lachen sein ließ und verwundert aufsah . » Gottes Gruß ! « Der Richtmann wollte gehen . Da faßte ihn Malimmes flink am Arm . » Du ! « Ein langes Schweigen . » Wenn ich um Allerheiligen noch leb und frei bin , meiner Seel , ich tu ' s. « Mit jagenden Worten sagte Runotter : » Wenn du möchtest , Mensch , ich tät dir Sold geben von heut an . Verlang , was du magst . Hab ich so viel , so geb ich ' s. « Nun mußte Malimmes wieder lachen . » Da tätest ja du mein Herr sein bis zum Winter ! « Immer heiterer wurde er . » Dem König hab ich gesoldet , einem Kurfürsten , einem Herzog , einem Bischof , einer schönen Frau , einem Heckenreiter und einer Stadt . Noch nie einem Bauren ! Jöija , schau , da hätt ich ja gar was Neues im Leben ! «