Nun mußte er mit der Wahrheit an den Tag . » Sill , för de Schullen , de ik ehr to bröcht hebb . « » Her de Appeln ! « » Och , Mudder ! « » Her de Appeln , de schallst du ne upeten ! « » Och , Mudder , lot mi de doch , ik hebb solangen keen Appeln mihr hatt ! « » Gifst du de her , Klaus ? « Er wollte flüchten , aber sie kriegte ihn am Hosenträger und nahm sie ihm weg . Hastig steckte sie sie in die große Tasche , die sie unter der Schürze trug , und ging ins Haus zurück . Störtebeker lief hinterher und versuchte , sie ihr wieder abzuschnacken , aber er erreichte es nicht , sie war unerbittlich . Da legte er sich auf die Lauer und beobachtete sie heimlich , ohne daß sie es gewahr wurde . Und als er sie später aus der Tür kommen hörte , da versteckte er sich schnell im Binnendeich hinter der dicken Wichel . Gesa sah sich scheu um , ob auch einer guckte , dann lief sie in den Garten , grub ein Loch und steckte die Äpfel hinein , um die Hexerei unwirksam zu machen . Kaum war sie aber wieder oben , als Störtebeker geschlichen kam und die Äpfel wieder ausgrub . Diesmal besah er sie nicht lange , sondern wischte sie schnell an der englischledernen Hose ab und steckte sie in die Tasche . Erst als er in sicherem Versteck am Westerdeich saß , in seinem Storchnest , das er sich im Wipfel einer abseits stehenden Esche gebaut hatte , betrachtete er sie wieder und aß sie dann mit großem Behagen auf , ohne bange zu sein , daß er krank danach werden könne . Dazu schmeckten sie viel zu gut . Als er wieder nach Hause kam , dick und satt , lag ein gelber Prinzapfel auf dem Tische , und die Mutter sagte : » Kiek , Klaus , dor hebb ik noch een van uns eegen Appeln int Heid funnen , de smeckt beter , un dor wardst du ne krank van . Den et man up . « Störtebeker verachtete natürlich auch diese Kost nicht , aber er sagte doch : » Van wegen beter , Mudder , dat will ik di man seggen : ik mag Kant leber as Prins ! « * * * Einige Tage danach brachte ein starker Westwind eine hohe Tide Wasser und brach de Fleek , das Eis , in tausend Stücke , schob das meiste davon auf den Deich und ebbte den Rest nach der See hinab . Dann machten Regen und Sonnenschein reine Bahn bis auf die Sandhügel und Schlickhaufen im Gras . Nun hatte Störtebeker freies Wasser für seinen Seeräuberkahn , er konnte wriggen und rudern , soviel er wollte . Jede Tide stieß er eben vor der Flut vom Sielgraben ab , ließ sich stromab treiben und legte sich zwischen Blankenese und dem Schweinesand auf die Lauer , warf den Draggen aus und harrte der Schiffe , die mit der Flut heraufkommen sollten , denn jetzt mußte und mußte sein Vater bald dabei sein . Zehn Tage war er schon weg . Die Dünung der Dampfer tanzte mit seinem Fahrzeug auf und ab , - das erfreute ihn , denn so mußte er doch zuletzt seefest werden . Wie er spähte ! Wenn große Drei- oder Viermaster vorbeigeschleppt wurden , warf er den Kopf in den Nacken und guckte nach den Rahen und Masten hinauf . Dampfer sah er feindselig an , denn er wußte , daß sein Vater nichts von den Stiemkästen hielt , und daß auch Kap Horn nicht gut auf sie zu sprechen war . Was da sonst noch segelte und kreuzte , Dreuchewer , Jalken , Kuffen , Schaluppen und Galjassen , fand auch wenig Gnade vor seinen Augen , das waren Dwarstreiber und Torfschipper bei ihm . Aber die richtigen Ewer , die Fischerewer , das waren Schiffe für ihn , denen wriggte er entgegen , und die begrüßte er : » Hebbt ji Vadder ne sehn ? Hett he ne bi jo fischt ? Kummt he bald ? « Wußten die Fahrensleute dann mitunter nicht , wer er war , die Auer oder die Lüneburger , dann drehte er einfach seinen Kahn so , daß sie seinen Namen » Klaus Störtebeker « lesen konnten , - dann wußten sie gleich Bescheidund dann hieß es ja oder nein , sie hätten bei ihm gefischt , er käme bald , oder sie hätten ihn nicht gesehen , er müsse wohl in der Süd zugange sein , oder er wäre nach der Weser gesegelt . Es waren auch Schelme da , die riefen , sein Vater sei nach Janmerika gefahren und käme erst Weihnachten wieder . Und Besorgte , die ihn ermahnten , nicht so weit hinaus zu schippern , sondern am Bollwerk zu bleiben . Nur was er am liebsten hören wollte , daß einer sagte : » Dor seilt dien Vadder , dor achter : schipper em man inne Meut ! « - das bekam er nicht zu hören , und den schönsten Ewer kriegte er nicht zu sehen , so weit er auch blickte . Hinter ihm machten sie die Flagge klar , um dem Deich zu winken und die Frauen zu grüßen : er sah es mit einem bitteren Geschmack im Munde . Abends wriggte er niedergeschlagen zurück . Wenn er dann noch den Deich entlang mußte , benachrichtigte er wohl die Frauen , deren Männer aufgekommen waren : Geschen , ik hebb mit Hannis snackt , du schullst man noch mit den Negendampfer nokommen ! Oder : Trino , Hein is upkommen , hett tweehunnert Stieg Schullen . Und wenn auch die Frauen meistens schon Bescheid wußten , wenn sie auch schon gewinkt hatten , so freuten sie sich doch der Bestätigung und sahen den kleinen Störtebeker freundlicher an , um so eher , als er nicht für Geld ansagte wie die andern Jungen , die sich gemeinsam ein Fernrohr gekauft hatten und einen förmlichen Fischerfrauenbenachrichtigungsdienst auf Teilung unterhielten . Störtebeker aber war zu stolz , Geld anzunehmen . » Behol man , ik verdeen Gild nog mit mien Fisch un mien Kninken « , sagte er , wenn ihm eine einen Groschen geben wollte . Einen Tag , als er draußen war , lief ein großer , grauer Manofwar , ein deutsches Kriegsschiff , dicht an ihm entlang . Schon von Schulau an hatte es sich durch langgezogenes Heulen bemerkbar gemacht , - langsam glitt es nun vorüber . Er guckte es groß an , denn auf einem solchen Manofwar war auch sein Vater gewesen , als er gedient hatte . An der Reling standen viele Mariner und guckten ihn an , weil er so jung war und doch schon mitten auf der Elbe wriggte . Mit einem Male aber winkte ein Matrose und rief : » Hallo , Störtebeker ! « Das war Jan Greun , der auf der anderen Seite von der Stegel wohnte : wat müß Hein Saß sik wunnern ! » Höh , Jan ! Wat kummst du denn hier her , ik meen , du würst in Schino ! « » Lurst du up dien Vadder ? « » Jo , Jan ! He kummt man bloß ne . « Störtebeker rief noch , er solle man mal mit den Kanonen losballern , auch fragte er Jan , ob er seine Braut grüßen solle , dann war das Kriegsschiff vorüber , und er mußte machen , daß er den Steven seines Kahnes gegen die anlaufende , große Dünung drehte . Bald nachher kam Hein Rolf mit seinem Kutter vorbei , und als der Junge in gewohnter Weise fragte , da bekam er die Antwort : » Jo , dien Vadder hett mit uns tohoop fischt ! He hett ok de Reis , he is ober no Bremerhoben gohn ! Segg dien Mudder man Bescheed ! « » Is dat eulich wohr , Hein ? « » Jo , meenst , wat ik di wat vörleeg ? « Da schipperte Störtebeker traurig nach dem Deich zurück . Nach der Weser war sein Vater ! Das konnte ja schön werden , denn das letzte Jahr war er auch immer dahin gewesen , so daß die Mutter manchmal geklagt hatte : wenn du ierst eenmol up de Wesser wesen büst , denn fohrst dor woll gliek söben Mol no de Ratt hin ! Nun konnte es wieder so kommen , daß er immer dahin segelte . » Mudder , weeß , neem Vadder is ? « fragte er , als sie beim Kaffee saßen . » In Bremerhoben ! Ik hebb mit Hein Rolf snackt , de hett bi em fischt ! « » Gott Loff un Dank , dat Vadder de Reis hett und an Land ist « , sagte die Mutter erfreut . » He harr ober man no Hus kommen müßt « , sagte er darauf , » wat deit he no de Wesser hin ? « » Dat mütt Vadder sülben weeten « , erklärte sie aber , » dor is he dichter bi de See un hett dor ok woll noch een beter Markt as boben an Altno . « * * * Und richtig erzählte die Stutenfrau , die lebendige Zeitung des Deiches , am andern Morgen , daß so viel Schollen oben an der Brücke wären , daß kein einziger Ewer leer geworden sei . Sie müßten alle überliegen und hätten morgen wohl nur noch tote Fische im Bünn , die sie den Hökerweibern nachwerfen könnten , ohne daß diese sich auch nur umguckten . Da sah Gesa ihren Jungen an : doch man god , wat Vadder no de Wesser is ! aber Störtebeker steckte eine hochmütige Miene auf , die heißen sollte : teuft man af , in Bremerhoben is dat Markt vullicht noch slechter ! Die Stutenfrau erzählte weiter , daß Metta Focken Zwillinge bekommen hätte , - twee lütte Jungens , ober krekel un gesund ! - daß Hinnik Bott seinen Ewer kondemmen ließe und daß Jochen Fahjes Knecht auf See über Bord gekommen und ertrunken sei , nachts . Er hätte sich noch lange über Wasser gehalten , aber sie hätten ihn nicht wiederfinden können , weil es so dunkel gewesen wäre . » Jochen , rett mi , Jochen , rett mi ! « hätte er immer gerufen , bis er weggesunken sei , die schweren Seestiefel hätten ihn zuletzt hinuntergezogen . » Is man een Butenlanner , Gorch hett he heten , ober wat is dat bedreuft « , schloß die Frau . Störtebeker lehnte am Deichpfahl , einem absägten Kurrbaum , der noch die Zeichen H.F. 125 trug , und hörte zu . Sechster Stremel . Störtebeker stand binnendeichs und heilte seine Bunge aus , die zwei große Löcher hatte ; entweder war ein Hecht hindurchgeschossen , oder der Bauer hatte sie mit Willen entzweigestoßen . Da begab es sich , daß der Briefträger den Deich entlang kam . Als der Junge ihn sah , dachte er an einen Brief von seinem Vater , aber er mochte noch nicht fragen . Erst , als er Jan Beier in das Schütt gehen sah , ließ er die Bunge liegen und sauste ins Haus hinein . » Van Bremen , Gesa « , sagte der Briefträger gerade und gab seiner Mutter einen Brief , wobei er den Herd mit den Augen streifte und lüsterte , ob der Kessel über dem Feuer hing . Und als er das Wasser singen hörte , hellte sich seine Miene auf , er holte den großen Beutel aus der Hosentasche , setzte ihn gewichtig auf den Tisch und sagte : » Hunnert Doler , mien Diern ! « » Junge , Junge , Mudder , wat een Hümpel ! « rief Störtebeker aus , als er die Goldstücke sah , dann aber wurde er nachdenklich und sagte : » Wat kann dat angohn ? Wenn Vadder de Schulln uthökert , denn kriegt he doch luter Groschens un nu sündt mit eenmol all Guldstücker ? « » Jä , dat zaubert wi up de Post all trecht « , antwortete der Postkerl geheimnisvoll . Gesa holte geschwind ein Glas aus dem Teeschapp und tat Rum und Zucker hinein , denn es war Jan Beiers herkömmliches Recht , daß er einen Grog verlangen konnte , wenn er Geld gebracht hatte . Er setzte die Mütze auf den Tisch , die Störtebeker wie einen Maikäfer betrachtete , holte das rotbunte Taschentuch heraus und wischte sich die Stirn , obgleich ihn gar nicht schwitzte , dann ließ er eine kleine Rede über den langen Weg und sein Alter los , um sich vor der Kaiserlich Deutschen Reichspost zu rechtfertigen , zuletzt aber zerstieß er den Zucker und rührte den Grog liebevoll um ; er hielt das Glas gegen das Licht , er probte , wie ein Weinküfer , mit geschlossenen Augen , und nickte , zum Zeichen , daß er gegen das Verhältnis der Zutaten nichts einzuwenden wußte , schließlich aber trank er das Glas in einem Zuge leer und sagte zu Störtebeker : » Dat Glas kannst du utlicken . « » Ik bün keen Restensuper « , sagte der Junge verächtlich und schob das Glas von sich , Jan Beier aber machte sich reisefertig , nahm seinen Gutentagstock aus der Ecke und ging aus der Tür mit den hergebrachten Worten : » So , nu geiht dat ierst mol wedder ! Adjüst , mien Diern ! « » Jüst , Jan ! « » Junge , Junge , Mudder : Vadder , de kannt ober ! « rief Störtebeker bewundernd , sie aber steckte das Geld schnell in die Kommode und verbot ihm , es am Deich zu erzählen , wieviel sie bekommen hatte . Dann machte sie den Brief auf , auf dessen Umschlag wie immer nur stand : Klaus Mewes , Finkenwärder , ohne Herrn und ohne Elbdeich und ohne : bei Hamburg . » Se findt mi ok so « , pflegte Klaus Mewes heiter zu sagen , wenn Gesa ihm das vorhielt . Sie las den Brief dem Jungen vor , erst hochdeutsch , wie er geschrieben , und dann plattdeutsch , wie er gemeint war . Diese Briefe von der Fahrt waren einander dermaßen gleich , daß Gesa schon manches Mal gesagt hatte , sie wolle sie ihm vorschreiben bis auf dreierlei , das er dann nur noch auszufüllen hätte : den Hafen , das Datum , die Geldsumme . Bremen , den 29. März 1887 . Liebe Gesa ! Wir sind hier glücklich angekommen , haben 300 Stieg gehabt und 350 Mark gemacht . Ich schicke Dir 300 . In Bremerhaven war es zu voll , deshalb sind wir raufgesegelt und haben es ganz gut getroffen . Diese Nacht gehen wir wieder runter . Ob wir die andre Reise nach Hause kommen , weiß ich noch nicht . Das Markt ist ja immer so schlecht auf der Elbe . Wenn Störtebeker mitgegangen wäre , hätte ich ihm schön Bremen zeigen können . Wir sind noch gesund und munter , was ich auch von Euch hoffe . Jetzt will ich schließen . Mit Gruß an Dich und Störtebeker Dein Mann Klaus Mewes . Bei der Übersetzung rief Störtebeker einmal : » Och , de scheebe Weg no Bremen ! « Das war eine Redensart am Deich . Und bei der Stelle » Bremen zeigen « , rief er : » Jo , dat keem anners ut as dat anner Bremenwiesen ! « Die Seefischer fragten wohl die Kinder : Schall ik di mol Bremen wiesen ? Und sagte ein Junge ja , so faßten sie ihn bei den Ohren an und hoben ihn in die Höhe und fragten so lange , ob er Bremen nun sehen könne , bis er gequält ja sagte . Im ganzen war Störtebeker aber mit dem Brief nicht zufrieden , denn sein Vater wollte ja noch länger nach der Weser fahren . Verdrossen ging er wieder an seine Arbeit . Was sein Vater wohl immer auf der Weser wollte ? Nachher , wenn er erst mit an Bord war , konnte es seinetwegen gern immer nach Bremen gehen , aber erst sollte sein Vater kommen und ihn holen ! Nach einiger Zeit begann es zu tröpfeln , da trug er sein Netz nach dem Schauer und heilte dort weiter , unter den großen Namensbrettern gestrandeter Schiffe aus der alten Zeit , als noch gute Beute zu machen war , Büt wie 73 , als eine englische Bark mit Kupfererz auf Großvogelsand strandete , oder wie 80 , als ein amerikanischer Klipper mit Erdöl auf Scharhörn entzweiging . Viele der Schauer hinter dem Deich trugen diese Namenbretter als Zier , manchen Schweinekoben schmückte eine Inschrift wie » Kalliobe « , » Ceres « , » Fare well « oder » Merkur « . Das Schauer von Klaus Mewes wies fünf Namenbretter auf , davon zwei mit Goldbuchstaben , und über dem vorderen Eingang stand eine gekrönte Jungfrau , die Gallionsfigur eines Vollschiffes , einst von Albatrossen umschwebt , von fliegenden Fischen umschwirrt , - nun von Spatzen umpiept , von Hühnern umgackert . Von den fünf Brettern hatte Klaus Mewes aber nur eins angemacht , das mit der goldenen Inschrift : Suzanne - LE HAVRE die andern vier stammten von seinem Vater , dem großen Beutemacher , und hießen : HOFFNUNG Goede Verwachting HAABET - SKIEN MARY THOMPSON * * * Es war ein Trost für Störtebeker , daß seine eigene Fischerei in diesen Tagen besser wurde , er fing beinahe jede Nacht etwas . Und weil sein Vater in den ersten sechs oder acht Tagen ja doch nicht kommen konnte , er also nicht nach dem Fahrwasser zu schippern brauchte , warf er sich mit großem Eifer aufs Knütten und bekam die Bunge fertig . Der Jäger stellte sie ihm ein , und dann fischte er mit doppeltem Geschirr . Zuletzt saß das Hütfaß voll von Hechte , Sturbarschen , Schleien , Rotaugen und Karauschen , und er mußte daran denken , sie an den Markt zu bringen . Da trat der seltene Fall ein , daß er seine Mutter einmal gebrauchte , denn er konnte nicht bitten , wie er nicht danken konnte . Gesa mußte hin und Hannes Husteen fragen , ob er die Fische mit nach Altona hinaufnehmen wolle . Erst hatte sie sich zum Schein geweigert : » Frog em man sülben , büst jo grot un kannst jo snacken « , da sagte er aber kurz und bündig : » Non , denn ist god , denn lot de Fisch man all krüssen , denn lots man dot blieben . « Hätte sie freilich gesagt , er wäre wohl bange , daß er selbst nicht fragen möge , so wäre er gewiß zu dem Fischer gelaufen , sie dachte aber nicht daran , sondern tat den Gang für ihn . » Will he jüm mithebben , Mudder ? « » Jo , schallst jüm ober furts hinbringen , he geiht gliek rup ! « Da packte Störtebeker seine Fische in ein Netz , lief damit nach der Jolle , die im Sielgraben lag und schon ungeduldig mit dem Segel giekte , und hängte sie in den Bünn . Hannes Husteen machte spaßeshalber einige Einwendungen : wenn bloß ne son slecht Markt is , dat ik jüm los ward ... de Dinger sünd ok so lütt : wenn de de Hökerwieber man nehmt ... Als Störtebeker aber sagte : » Denn schallst du jüm gor ne mithebben , du Bangbüx , « und den Bünn wieder aufmachen wollte , da hielt der Elbfischer ihn zurück und gelobte , sein Bestes zu tun und die Fische so teuer wie möglich zu verkaufen , und wenn er sie dem Bürgermeister von Hamburg selbst ins Haus bringen müsse und die Tide darüber versäume . Achtundzwanzig Groschen bekam Gesa den andern Tag für ihren Jungen ausbezahlt . Störtebeker , der die Elbfischerfrau ankommen sah , versteckte sich schnell , damit er nicht Dank zu sagen brauchte . * * * Sein Vater fuhr weiter nach der Weser , als wenn er den Weg nach der Elbe ganz vergessen hätte . Bald kam eine Kunde von Geestemünde , bald von Vegesack oder Elsfleth oder Bremen oder Brake , einmal sogar von Oldenburg . Klaus Mewes kroch in alle kleinen Löcher hinein und versorgte die ganze Unterweser mit springlebendigen Klapperschollen und mit Finkenwärder Plattdeutsch . Sie kannten den fröhlichen Finken an Geeste , Hunte , Lesum und Weser gleich gut und freuten sich , wenn er mit aufgekrempelten Armen auf den Luken stand und seine Fische pries . Nach dem Elbdeich kamen nur Briefe und Anweisungen auf Geld . Störtebeker war böse auf seinen Vater , und er machte seiner Mutter gegenüber kein Hehl daraus . Zumal mittags tat er den Mund auf wie ein Kesselflicker . Nach dem Fahrwasser ruderte er nur noch selten hinaus , denn der Ewer kam ja doch nicht , und die Seefischer lachten ihn ja schon bald aus , wenn er fragte . Er hätte wohl nicht gewußt , was er mit seiner Zeit anfangen solle , wenn die Eve nicht sieben Junge gekriegt hätte , die ihm viel Arbeit machten , und wenn nicht die Tage der Ostermoonen angebrochen wären . Die Tage der Ostermoonen , der Osterfeuer am Westerdeich ! * * * Was steckt in den Jungen , daß sie die Feuer anzünden , wenn die Sonne höher steigt ? Die alte Heidenfreude ist es , die Freude an der Welt , an der Sonne und am Licht , die sich dunkel in ihnen regt . Die Alten stehen ihr ferner und können schon auf die Osterbrennerei schelten . Aber wie das junge Tier dem Urtier ähnlicher ist als das ausgewachsene , entwickelte , so steht auch das Kind dem früheren Menschen näher als der Mann : es horcht auf Stimmen , die in uns längst verklungen sind . Ihr Eltern und Lehrer , habt Ihr das bedacht ? Nein ? So bedenkt es jetzt und seht mit Ehrfurcht auf das Kind , - straft es nicht um seine Osterflammen ! » Johannisfeuer bleibe unverwehrt ! « * * * Kniehoch lag der Feek am Westerdeich , ein Gemengsel aus Schilf , Reet , Binsen und Gras , das die winterlichen Sturmfluten zusammengeworfen hatten ; als die Sonne es etwas getrocknet hatte , da wurde es hümpelweise in Brand gesetzt . Und der Baas der Ostermoonen war Klaus Störtebeker , er führte die Rotte der Jungen an , die jeden Tag , an dem es nicht mit Mulden goß , den Westerdeich belebte . Streichhölzer wurden immer einige aufgetrieben , und da in allen strammgezogenen Hosen Feuer saß , so qualmte ein Hümpel nach dem andern . Wie Wigwams eines Indianerdorfes sahen die Feekhümpel aus : die Jungen lagen daneben , pusteten und husteten , machten an der Windseite Luftlöcher , schleppten wieder Feek herbei und freuten sich über den dicken weißen Rauch , der bei dem ewigen Westwind meistens das ganze Eiland durchzog und vom Neß bis nach dem Audeich zu riechen war . Jeder setzte seinen Ehrgeiz darein , die größte Ostermoon zu haben ! Meistens hatte Störtebeker sie . Die Leute auf dem Felde schalten , der Pastor wetterte in der Kirche gegen den heidnischen Greuel , der Polizist vertrieb die Jungen , die Bauern hetzten sie mit den Hunden , die Frauen taten alles mögliche , - aber die Jungen ließen sich durch nichts abhalten : sie fanden sich immer wieder zusammen und steckten die Feuer wieder an . Rauchgeschwärzt saßen oder standen sie bei ihren Ostermoonen : auf dem Deich aber ging einer von ihnen Wache , und zeigte sich etwas , ein Hund oder ein Mensch , so zerstob die Bande und verbarg sich in dem unwegsamen Inselgewirr der Püttensümpfe , zog die Bretter ab und saß in den Erlenbüschen , hinter dem Reet und den dicken Wicheln , bis die Gefahr vorüber war . Störtebeker war der letzte , der die Feuer im Stich ließ , er war auch der erste , der wieder aus den Pütten kroch , und vergaß niemals zu sagen : » Ik bün obers ne bang , Jungens ! « Es warf stets das nasseste Zeug auf , damit es tüchtig räucherte , und fand es ganz vergnüglich , auch einmal eine alte Wichel in Brand zu setzen . Abends wusch er sich Gesicht und Hände im Graben und ging befriedigt nach Hause , ohne sich um die weiterschwelenden Feuer zu quälen . » Lot man brinnen « , sagte er zu seiner Mutter , wenn sie manchmal in der Dämmerung mit anderen besorgten Frauen hinlief und die Flammen dämpfte , damit nicht alle Bäume in Brand kommen sollten . Ihre Strafpredigten hörte er ungerührt an : Ostermoonen müßten sein : sein Vater hätte sie als Junge auch gehabt , so verteidigte er sich und fand am andern Morgen wieder den Weg nach dem Westerdeich . * * * In der Giebelstube des letzten Hauses lag ein kranker Matrose , der hieß Harm Külper und konnte von seinem Bett nach dem Westerdeich sehen . Als ein gesunder , starker , lauter Junggast war er vor Jahren aus der Heimat gegangen , - als ein kranker , schwacher , stiller Mann war er vor Wochen zurückgekommen . Er hatte alle seine Kraft zusammengenommen , um den Deich allein entlang zu gehen , und hatte die Leute noch gegrüßt , die vor den Türen gesessen hatten aber es war ihm doch nicht möglich gewesen , beim Kirchenweg sackte er um und mußte nach dem Neß getragen werden : Andrees Fink , der Starke , nahm ihn wie ein Kind auf den Arm und brachte ihn seiner Mutter , die laut aufschrie , so weiß war sein Gesicht . In Manaos am Amazonenstrom hatte das Fieber ihn gepackt und niedergeworfen . Nun lag er im Bett und wartete auf den Tod , denn er fühlte , daß er nicht wieder gesunden könne . Die große Fahrt war aus , - über sein Seefahrtsbuch war ein dicker , schwarzer Strich gemacht worden , den er nicht wegwischen konnte . Er war in ein Trauerhaus gekommen ; seine Mutter ging in schwarzen Kleidern , und die unteren Fenster waren dicht verhängt . Sein Vater und sein ältester Bruder waren mit ihrem Schiffe verschollen , während er butenlands gewesen war . Harm Külper sah die Osterfeuer qualmen . Mit großen Augen sah er sie an , als wenn er noch im deutschen Hospital läge und träume . Er sprach nur noch selten : an stillen Tagen ließ er das Bett so stellen , daß er die Elbe sehen konnte , sonst grübelte er die ganzen Tage vor sich hin . Mit fünfundzwanzig Jahren den Tod bei der Hand fassen : wie das Seemannsherz sich dagegen wehrte ! Wie er immer und immer wieder die zerrissenen Segel ansah , als könne er es nicht begreifen , daß sie nicht wieder zu machen waren . Nur auf eins freute er sich noch , auf den kleinen Klaus Störtebeker , der jeden Tag vorbeikam und seine Ostermoon ansteckte . Der brachte noch ein Lächeln in das ernste , verschlossene Gesicht , und er half ihm in Gedanken bei seinem Osterfeuer ... hol man noch fix Feek her , Klaus , hürst ? ... Kiek , hier ! Dat schall fluckern un räukern ! ... Hol du ok mol wat , Harm ! ... Jo , hier is een ganzen Arm vull ! ... Smiet man up ! ... U , wat fluckert dat , wat sleit de Flamm hoch ! ... Dat is doch een feine Ostermoon , ne , Harm ? ... Jo , dat is een scheune Ostermoon , Klaus Störtebeker ! » Säst du wat , mien Jung ? « fragte die Mutter besorgt , die ihn sprechen gehört hatte und von unten gekommen war . » Rop den lütten Klaus Störtebeker doch mol rup , Mudder , ik much giern mol mit em snacken « , bat er . Da kam Klaus Störtebeker die Treppe heraufgepoltert , wie er bei seinem Feuer gestanden hatte , geschwärzten Gesichts , und ließ sich ausfragen von dem todkranken Matrosen . Und berichtete von seiner Fischerei und seinen Kaninchen , von seinem Kahn und seiner Krähe , am meisten aber von seinem Vater , und daß er den Sommer mit nach See wolle und solle . Dann aber fing er an zu fragen : nach den großen Schiffen und den Schwarzen , nach dem Fliegenden Holländer und nach Amerika . Ob Harm schon mal Menschenfresser gesehen hätte , wollte er wissen , und ob es wahr wäre , was Kap Horn ihm von der großen Leine erzählt hätte , unter der alle Schiffe hindurch müßten . Harm Külper fand großes Gefallen an der Art des Jungen . Er schaute in dessen Augen wie in einen Spiegel hinein und sah seine Kindheit wieder , die er verloren hatte . Und er behielt Störtebeker lange bei sich , bis die Mutter ihn an das Ruhegebot des Arztes mahnen mußte . Da schenkte er ihm ein kleines , zierliches Vollschiff , das er in den Passaten , als die Segel wochenlang stehen bleiben konnten , geschnitzt und aufgetakelt hatte , und nahm ihm das Versprechen ab , den andern Tag und alle Tage wieder heraufzukommen . » Dat brukt ne ierst een Seemann to wardn : dat is all een « , sagte er zu seinem Bruder . » Herrgott innen Heben , wat förn moi Leben hett de nu noch vör sik - un mien is ut ! Mien is ut ! Ik bün beet ! « stöhnte er und kehrte das Gesicht