neuen , in sich selbst wurzelnden Weiblichkeit . Aber sie ahnte wohl in guten Stunden , daß es ein Maß innerer Sicherheit gab , welches das Merkmal hoher und freier Menschlichkeit und das Ziel alles befreienden Strebens war . Mit dieser Sicherheit in sich , blieb man Herr in jeder Situation , besiegte man jede scheinbare Erniedrigung . Es konnte kein Mißbehagen geben , keine Angst vor dem Dunkel , keinen Ekel vor dem ewig Unzulänglichen , keine Verlassenheit im unendlichen All , - wenn diese innere Helle erst erstrahlte . Und glühte nicht der Funke , aus dem diese Flamme , - dieses organische Verstehen des Lebens , - herausschlagen konnte , zu Zeiten auch in ihr ? In Wien war sie einer Frau begegnet , die von diesem Licht , das sie , die Beladene , so sehnsüchtig suchte , erfüllt schien . Frei ging sie , die bewußt Geborene , - keine Situation , kein Milieu schien diese starke Sicherheit brechen , dieses innere Leuchten verschütten zu können . Und , wie das Erhabene gewöhnlich neben Lächerlichkeit und Unwürdigkeit gestellt ist , so war es auch hier . Diese Frau , die Olga als eine Ganze unter Zerrissenen , als eine naturhaft Starke unter Verbogenen und Beschädigten erschien , - war die Frau eines Menschen von unverkennbar geringer Art , des Vincenz Reisenleitner . Niemals war Olga bei Geneviève gewesen , ohne gekräftigt , gesammelt , stärker und sicherer von ihr zu gehen . Sie war eine von jenen , die die Beladenen erleichtern , die Bedrückten erheben , ohne ihnen bestimmte Tröstungen oder gar Satzungen auf den Weg zu geben , - einfach durch den Anblick , den sie selbst bieten . Ihre Ehe mit Reisenleitner war das Produkt einer für ihr Wesen sehr bedeutsamen Absichtslosigkeit , mit der sie sich , ihrem innersten Glauben gemäß , den Fügungen und Schiebungen des Schicksals überließ , ohne mit gefährlichem Willensaufwand dem rollenden Rad in die Speichen zu fallen . Sie hatte Vincenz Reisenleitner in ihrer Heimat , in Stuttgart , kennen gelernt , wo ihr Vater ein höheres juridisches Amt bekleidete . Die Mutter entstammte einer alten normannischen Adelsfamilie , die , emigriert , in der Schweiz lebte . In Genf lernte die junge , schöne Tochter dieser Familie den deutschen Regierungsrat Nestor kennen , der sie bald als seine Frau ins Schwäbische verpflanzte . Ihr Kind nannten die Eltern , in froher Erinnerung an den Ort ihres Sichfindens , Geneviève ; im täglichen Umgang blieb nur des stolzen Namens Endsilbe bestehen und ève wurde bald zur deutschen Eva . So wuchs sie auf , Eva Nestor , ein Schwabenmädel mit normannischem Blut in den Adern - » eine köstliche Legierung « , wie der Vater stolz zu sagen pflegte . Kurz nachdem er gestorben war und die Witwe und Eva mit einer für ihre bisherigen Lebensgewohnheiten geringen Pension zurückließ , geschah es , daß Eva die Bekanntschaft des Wiener Fabrikanten Reisenleitner machte , der hierher gekommen war , um sein bei einer Stuttgarter Fabrik bestelltes Automobil abzuholen . Reisenleitner verliebte sich stürmisch in das » riesig interessante Mädel « , und seine Werbung befreite sie von ungewissem Los . Es wäre ihr wie eine Vermessenheit erschienen , diese Werbung nicht anzunehmen . Erwartungsvoll stand sie vor jeder entscheidenden Veränderung ihres Schicksals , und darum nahm sie auch diese - aufhorchend - hin . Ihr Herz hatte noch nie seine strenge Gebundenheit erschüttert gefühlt , nichts hinderte sie , dem fremden Mann zu folgen , und darum erschien es ihr , als ob es sein sollte , sein dürfte . Was kommen mochte , - es ließ sich nicht ergrübeln , - sie würde es erfahren . Und erfahren hieß - leben . Zwischen Olga und Eva , die sich bei den gemeinsamen Verwandten , Professor Diamant und Frau Edda , bald begegneten , hatte sich ein Verhältnis angesponnen , das eine behütende Reserve nie verlor und doch an unausgesprochenem , aber deutlich empfindbarem Interesse stetig zunahm . Es war die Zuneigung zweier Naturen , die die Bestimmung , zu wachsen , aneinander ahnen und dabei von Freude erfüllt sind über diese Entdeckung . Das Verhältnis behielt alle Formen der Zurückhaltung , war seinem Wesen nach aber vertraut . Olga kam nicht oft hinaus in die Cottage-Villa , die sich Vincenz eingerichtet hatte , - aber immer wurde ihr froh zumute , wenn das eiserne Vorgartentürchen , auf ihren Klingeldruck , aufsprang und sie über den kiesbestreuten Gartenweg dem Hause zuging , während ihr Eva schon vom Fenster zuwinkte oder ihr entgegenkam , aufrecht und zierlich , mit ihrem leichten , sichern Gang eines Bachstelzchens . Evas Ehe bestand in äußerer Ordnung , aber Olga merkte bald , daß es hier so war , wie bei einer elektrischen Anlage , in der der Strom fehlt , - tot , ausgebrannt , durch irgendeinen schlimmen Kurzschluß vernichtet , - ein komplizierter Apparat ohne die treibende Kraft , um deretwillen er errichtet wurde . Was vorgegangen war , - ob eine wachsende Entfremdung oder eine plötzliche Katastrophe hier ein Ende gemacht hatte , - das wußte sie nicht und fragte nicht danach , weil ihr war , als müßte Eva eines Tages selbst ihr diesen Einblick geben , wenn sie sie wissen lassen wollte , wo ihr Lebensschiff fest lag , - oder wohin es steuerte . Ein kleines Mädchen , Evas Abbild , war das Licht in diesem Hause . Eva ging nur selten in die Stadt . Dafür war sie mit dem Kind viel im Freien draußen , in den Feldern , die sich als riesige Karos auf den Hügeln des Wiener Waldes , in einer weit übersehbaren , an Höhen und Mulden wechselvollen Landschaft ausstreckten . Seit längerer Zeit trieb Eva Sprachstudien , die sie durch Prüfungen abschließen wollte , - eine » Marott « wie Vincenz sagte , die seinen Kredit schädigen könne , denn am Ende würde man noch glauben , seine Frau » habe das nötig . « Der letzte Besuch , den Olga in Wien zu machen hatte , galt der Frau , die sie hier am liebsten sah . Und so fuhr sie denn zum letztenmal hinauf , in das hochgelegene Cottageviertel . Die Luft war hier frei und frisch , und Olga atmete immer wohlig auf , wenn sie aus den » Niederungen « , wie sie es nannte , hierher kam . Die Blätter der Bäume waren nun schon fast gelb , und das dürre Laub bedeckte die Erde und raschelte unter den Tritten . Aus den Gärten , in deren Tiefe man hie und da durch ein Gitter einen Blick werfen konnte , strömte der feuchte , süßliche Duft herbstlichen Welkens , und Olga atmete ihn tief ein . Sie machte absichtlich einen kleinen Umweg , überstieg den Hügel des Türkenschanzparkes und kam bei dem Tor , das der Ackerbauhochschule gegenüber liegt , wieder herunter . Um den stolzen Palast dehnte sich freies Ackerland , nur ein paar vereinzelte Villen standen da , zumeist ganz neu , im modernen Landhausstil . An solch einem Häuschen machte sie Halt . Das große , schmiedeeiserne Gartentor , das sich nur öffnete , um das Automobil aus der Garage oder dahin zurück zu lassen , war verschlossen , und sie klingelte an dem kleinen Nebenpförtchen . Als sie den Garten durchschritten hatte und auf dem Podest unter dem Vordach stand , öffnete Eva , - bevor sie noch geklopft hatte , - selbst die Entreetür der Wohnung . Sie war nicht , was man im landläufigen Sinn eine Schönheit nennt , - sie war weit mehr . Auf dem zarten , in seinen Maßen vollkommenen Körper saß ein Kopf , den die Bildhauer » durcharbeitet « zu nennen pflegen . Im Gegensatz zu der Verschwommenheit der Züge , die man sonst nicht selten bei hübschen Frauen findet , waren die Linien dieses Gesichtes deutlich festgelegt . Ein unverkennbarer Ernst lag auf diesem Gesicht und kontrastierte seltsam mit der roten Blüte ihres Mundes , der sehr klein war , dessen Oberlippe fast herzförmig schien , und einen tiefen Schatten , eine Art Furche , in ihrer Mitte barg . In diese kleine Grube , inmitten der geschweiften Oberlippe , - » in der der Amor nistet « , wie Herr Reisenleitner festgestellt hatte , - hatte er sich seinerzeit verliebt ... Sie sah zugleich ernst und klug und dabei pikant und sonnig aus , mit ihren flimmernden , braunen Augen und dem hellbraunen Haar mit seinen goldenen Reflexen , das sich in zarten Löckchen an diese gerade , hohe Stirn schloß und am Wirbel in einen bescheidenen Knoten geschlungen war . Was ihr den Ausdruck besonderer Frische gab , das war das Aufwärtsstreben aller Linien der unteren Gesichtspartie . Die Mundwinkel und die Wangenmuskulatur schienen leicht gehoben , als ob sie die Schläfen und die Augenwinkel suchten , die sich ihnen zusenkten , während sich die Nase , die mit der Stirn mehr als zwei Drittel des Gesichtes in Anspruch nahm , - fein und steil abwärts streckte . Von ihrem Ende bis zu dem kräftig umrissenen Kinn konnte man eine gerade Linie ziehen , die der zurücktretende Kiefer , trotz der Üppigkeit jener herzförmigen Oberlippe , auch nicht annähernd berührte . - Das Beisammensein der beiden Frauen war heute von besonderer Wärme getragen , - Olgas Scheiden half ihnen , ihre bisher fast uneingestandene , fein verdeckte Gefährtenschaft zu klarerem Gefühl zu bringen . Als sie im dämmerigen , traulichen Zimmer beim Tee saßen , erzählte Eva , daß sie nun , nach nur einjähriger Vorbereitung , eine Staatsprüfung als französische Lehrerin abgelegt habe . Da französisch ihre eigentliche Muttersprache war , - zumindest die viel gehörte Sprache der Mutter , - so hatte die kurze Vorbereitung genügt . Von jetzt ab würde sie sich eifrig mit der Pflege skandinavischer Sprachen befassen . Olga ahnte , daß dieses systematische Vorgehen einen Zweck haben müßte , und sie fragte danach . Eva sah mit ihren braunen Augen ernst vor sich hin . und die Goldpünktchen hörten auf , darin zu tanzen . » Es ist möglich , daß ich einmal mich und mein Kind erhalten muß . « Das Wort , das an das Geheimnis ihrer Ehe rührte , war gefallen . Olga fragte nicht weiter , sie wußte , die Stunde , in der die Freundin sprechen wollte , war da . Und mit ihrer dunkel gefärbten , unsagbar wohllautenden Stimme , von der einmal Professor Diamant gesagt hatte , wenn Mutter Natur sprechen könnte , so würde sie so sprechen , - berichtete Eva , wo und wie ihr Schifflein festlag , wie gefährlich es aufgefahren war . Diese Ehe war bereut worden , und nicht nur auf einer Seite . Eva hatte sich , ihrem Mann gegenüber , bald vor einer Leere gefunden , die sie nicht unbedingt erwartet hatte ; sie hatte vermutet , daß , weil die Bahnen , in denen sich das geistige Leben ihres Mannes bewegte , einfache waren , - daß die Fähigkeiten geheimer Gefühlskräfte bei ihm desto stärker sein müßten . Vincenz aber hatte die Rolle verborgener Herzensbiederkeit , in welcher er zuerst werbend vor ihr aufgetreten war , nicht lange gespielt . Das ihm nicht ganz verständliche Wesen seiner Frau war ihm bald nicht mehr » riesig interessant « , sondern eher unbequem . Nach und nach konnte er seine Reue über die unüberlegte » Liebesheirat « , die er , als Geschäftsmann , sich » nicht hätte leisten dürfen « , schlecht verhehlen . Er klagte über den Mangel einer soliden , metallenen Basis , an dem diese Heirat litte , und machte sich Vorwürfe , die » nie wiederkehrende Gelegenheit « , sich eine solche gut gemünzte Fundierung zu verschaffen , verpaßt zu haben . - » No ja , - wann der Amor schießt , rutscht der Verstand in die entern Gründ ' ! « erklärte er sich selbst seine Verirrung . Dabei verfügte er über ein gutes , gesundes Geschäft , das ihm eine sehr auskömmliche Familienexistenz bot , war auch geschäftlich nicht unfähig , - hatte aber Luxusbedürfnisse , die seine Einnahmen überstiegen . Eva sah ihre Ehe mit nüchternen Augen - und kam mit sich ins Reine : Ihr Schicksal , so fühlte sie , ruhte in ihr selbst . In ihren Wirkungskreis sollte ja auch bald eine Aufgabe gestellt werden , die wohl der triebhaft geheime Zweck dieser scheinbar sinnlosen Verbindung war . In ihrem Schoß regte sich junges Leben , und fromm erwartete sie die Frucht , für deren Entstehen ihre Ernte an persönlichem Glück von Mächten , die in ihrem eigenen Willen wirkten , - geopfert worden war . Auch Vincenz war von dieser Hoffnung merkwürdig befeuert . Seine Freude , als sie ihm die Erwartung mitteilte , überraschte sie . Staunend beachtete sie die Lehre , die ihr das Leben gab , indem es ihr einen scheinbar » einfachen « Charakter in unerwarteter Vielspältigkeit zeigte . Aber die Lehre war noch nicht deutlich genug : sie sollte noch mehr erfahren . Seit Vincenz wußte , daß sie guter Hoffnung war , sprach er nur noch von seinem » Sohn « . In Gesellschaft , im Geschäft , überall erzählte er mit familienväterlichem Schmunzeln , daß » a Bua « auf dem Weg sei . Sie fand diese vorzeitige Verkündigung ihres Zustandes wenig geschmackvoll , - die sichere Erwartung des » Bua ' m « aber stellte sich beinah als eine Art fixer Idee dar . Auch lag kein besonderer Grund vor , warum ein Sohn für Vincenz Reisenleitner so dringend erwünscht sein sollte ; war doch kein noch so bescheidenes Thrönchen , dessen Erbfolge durch das salische Gesetz für Frauen gesperrt gewesen wäre , - noch auch ein Majorat zu vergeben ; das Geschäft sei auch eine Art von Majorat , erklärte Vincenz . Da er aber die Grundlage dieses ererbten Besitzes durchaus nicht befestigte , eher durch seine Passionen unterwühlte , erschien diese Sorge um den Erben wenig natürlich . Vincenz aber tummelte sich , nach wie vor , in der Idee , daß ihm ein » strammer Stammhalter « geboren werden sollte . Er hatte sich in diese feudale Pose förmlich verrannt . Mit derselben zähen Hartnäckigkeit , mit der er sich bei einem Automobilrennen oder bei einer Golfpartie ganz in die Situation versenkte , nichts sah und hörte , als was mit dem Match zusammenhing , - mit diesem unzugänglichen Furor des Sportsmannes , gemischt mit der Sucht , den » Träger eines alten Namens « zu spielen , der einen » Erben « dringend brauchte , - verrannte er sich in die neue Idee von » seinem Sohn « , als ob die Tragik des Gedankens , der letzte Reisenleitner zu sein , seit jeher seine Hauptsorge gewesen wäre . Die Stunde , in der dieser Traum Wirklichkeit werden sollte , kam . Evas Entbindung ging schwerer vor sich , als man erwartet hatte . Eine halbe Nacht und einen ganzen Tag schon hatte sich ihr Körper im Krampfe des Gebärens gezerrt und gekrümmt . Röchelnd lag sie auf ihrem Schmerzensbett , bis wieder eine neue Wehe ihr gellende Schreie erpreßte und sie glauben machte , das Ende sei da . Und noch immer war die Frucht , die in diesem gemarterten , aufgetriebenen Leibe atmete , sich bewegte , lebte , - nicht abgelöst vom Stamm . Halb sinnlos vor Pein , hörte sie doch , wie man von der Notwendigkeit eines Einschnittes sprach , und wie die Ärzte zur Narkose rüsteten . Sie vernahm ihr Geflüster , hörte , wie der Hofrat , - der große Accoucheur , der die Prinzessinnen des kaiserlichen Erzhauses entband , - mit seinem Assistenten und ihrem Schwager Diamant beratschlagte , ob Ätherrausch oder Chloroformnarkose hier vorzuziehen sei . Und während wieder jene Schmerzen , die ihr das Hirn zu zersprengen drohten , in breiten Wellen anfluteten und ihr Bewußtsein übergossen , sah sie noch die Geburtshelferin mit dem intelligenten , kurz geschorenen Kopf und die Pflegeschwester , - beide , gleich den Ärzten , in weißen Leinenkitteln , - durchs Zimmer eilen . Und sie sah nun auch , wie durch blutige Schleier , einen Augenblick lang die Gestalt ihres Mannes , - gerade ihrem Bett gegenüber an der Tür , die ins Nebenzimmer führte , - sah , wie er die schwarze Sammetportiere hob und gleich wieder verschwand . Und sie hörte nun auch seine Stimme in dem Geflüster der Männer , - hörte , wie die Worte fielen - - - » Kind oder Mutter « - - - - - - und diese Worte streckten und vereisten ihr die Glieder ; und unter den Stimmen war eine , - die , die sie am besten kannte , - und die zischte Worte heraus , die sich in Schlangen wandelten , in häßliche , geringelte Tiere , die über den Fußboden zu ihrem Bett krochen ... » das Kind - den Sohn - - - den Sohn « - - sagten diese Worte , - und es waren abscheuliche , züngelnde , feuchtglatte Schlangen , die nach der Bettdecke hinaufzischten . - Und plötzlich schien es ihr , als ob die Stimme des Hofrats sich aus dem Geflüster erhöbe , sich furchtbar und dröhnend darüber ergoß und die Schlangen , die aus jener andern Stimme gekrochen waren , mit Abscheu zertrat . Dann kamen Schritte an ihr Bett , - ein süßlicher Duft überströmte sie , und guter , rosiger Friede senkte sich langsam auf sie nieder . - - - Als sie erwachte , war das neue Leben aus ihr herausgerettet . Und trotz der schweren Übelkeiten , trotz der tötlichen Mattigkeit fühlte sie doch , wie leise und stetig die Kräfte zu ihr zurück rannen ... Die Frau im weißen Kittel , mit dem kurz geschnittenen Haar und dem klugen Gesicht , beugte sich über sie : » Ein Mädchen , - und es lebt . « Da kam die Erinnerung an jene Stimme , - » der Sohn - - der Sohn . « - - - Hatte sie jene Worte geträumt , - hatte sie sie wirklich gehört ? Und ein Glücksgefühl schoß heiß in ihr auf , - daß es ein Mädchen war , - ihr Kind , ihres allein . Und da war der Hofrat mit dem grauen Bart und sah munter durch die Brillengläser , und neben ihm stand der Schwager , Professor Diamant , mit einem guten , guten Grinsen in seinem sonst so maliziösen Gesicht , - und sie hörte seine etwas gequetschte , böhmelnde Stimme ganz glücklich sagen : » No allßo , - fein heraus hamm ' mr ßi ! « Ihren Mann aber sah sie nicht , und begehrte nicht , ihn zu sehen . - - - - - Das hatte Eva erlebt , und sie erzählte es der Freundin in jener Abschiedsstunde . Es war dunkel geworden , und sie hatte das Licht nicht aufgedreht . Nun erhob sie sich und ließ ein paar matte , elektrische Lampen aufleuchten . Ohne Pathos , mit den einfachsten Worten , hatte sie erzählt , und ihr schlichtes Vertrauen hatte diese Stunde mit wunderbarem Leben erfüllt . Olga durfte nun fragen , und sie tat es . » Warum sind Sie , « sagte sie , - » nach alldem noch bei Ihrem Mann ? Würde er Ihnen das Kind verweigern , wenn Sie von ihm gehen würden ? « » Ich glaube nicht « , antwortete Eva und stellte eine Schale mit Früchten auf das runde Tischchen vor dem Eckdiwan , auf dem sie saßen . » Er hat zu der Kleinen so gut wie keine Beziehungen , wenn er sie auch ab und zu mal auf seine Knie setzt , - besonders wenn Gäste dabei sind . « Ein leichtes Lächeln milderte die Schärfe ihrer Bemerkung . Und dieses Lächeln schien hinein zu leuchten in die versteckten Tiefen jener fremden Natur , von der sie sprach , und Olga überkam das Gefühl , daß etwas in dieser Frau lebte , das sie befähigte , die dunklen und treibenden Mächte in anderer Menschen Seelen zu erkennen , - ahnte , daß sie in jenen » Abgrund « , in dem die Wahrheit wohnt , unerschrockener und klarer hineinblickte , als viele andere . » Nein , - es ist nicht , weil ich fürchte , daß er mir das Kind nehmen würde . Es ist etwas anderes , was mich hier festhält , etwas viel näher liegendes , das Ihnen aber vielleicht « - wieder lichtete ein Lächeln ihr Gesicht , und diesmal war eine Spur von Schalkhaftigkeit darin - » sehr befremdlich erscheinen wird . « Olga horchte gespannt . » Ich habe geheiratet , « sagte Eva , - » weil ich eine günstige Veränderung meiner Lage darin sah ; und ich werde nicht eher die Ehe lösen , als bis ich zumindest die Gewißheit habe , nicht in eine schlimmere , schwerer erträgliche Lage zu kommen , als die es ist , in der ich bin . Das ist alles . « In Olgas Gesicht malte sich eine nicht zu verbergende Verblüffung . » Ich dachte mir , daß es Sie überraschen würde , diese einfache Tatsache so unverkleidet aussprechen zu hören . « » Ich verstehe Sie wahrscheinlich nicht ganz , « sagte Olga . » Wie - wie - kann das gemeint sein ? « Eva sah lächelnd und ruhig vor sich hin . » Sehen Sie , « sagte sie , » es ist so bezeichnend , daß Sie , als eine rein empfindende Frau , verwundert sind über dieses Bekenntnis . Es ist bezeichnend , sage ich ; denn es gibt jetzt so viele Menschen , wie mir scheint , - denen - wie soll ich es nennen - bei der Vertiefung ihres geistigen und moralischen Lebens das abhanden gekommen ist , was nun einmal die Voraussetzung eines geistigen und nicht geistigen Lebens überhaupt ist - nämlich - « sie stockte , schien nach dem richtigen Wort zu suchen , - » nämlich der - Instinkt - gewisse Taten , die einen ins Verderben stürzen , - bleiben zu lassen ; « - und ruhig fügte sie hinzu : » also wohl einfach eine Art von deutlichem Selbsterhaltungstrieb . « Olga horchte verwundert , belebt . » Ich weiß nicht , « fuhr Eva fort , - » ob Sie dieses Gefühl kennen - dieses Gefühl , - daß man gewisse entscheidende , schicksalsschwere Dinge erst dann tun darf , wenn ihre Notwendigkeit so deutlich geworden ist , daß man sich wahrhaftig geschoben fühlt , indem man sie tut , - daß es so geschieht - nun so - als ob man überhaupt nichts zu wollen hätte dabei . « - - Nachdenklich sah sie vor sich hin . » Ich selbst habe immer nur getan - was ich auf diese Art tun mußte . « » Und so lange ? « » So lange ? Sie meinen - was zwischen diesen Taten geschieht ? Man lebt - man wartet ! Und die größte Versuchung des Lebens scheint mir , daß es Situationen um uns aufstellt , die uns dieses Warten lehren sollen , - daß es eine Art von passiver Energie von uns verlangt , die vielleicht schwerer ist , als die aktive der Tat . « Schritte wurden laut , Eva , hingegeben an das , was aus ihr sprach , überhörte sie , aber Olga sah durch die halb zurückgezogene Portière ihren Bruder , der sie abholen sollte , im Nebenzimmer eintreten . Sie wollte das Gespräch nicht unterbrechen lassen und winkte ihm zu , drin zu bleiben . Dabei hatte sie das Gefühl , daß die Freundin nicht zürnen würde , wenn er mit anhörte , was sie berichtete . In Evas Gesicht war während des Sprechens eine zarte Röte gestiegen , ihre Augen strahlten in weichem Glanz , und sie sprach weiter , so ernst , als hätte sie ein Glaubensbekenntnis abzulegen . » Sehen Sie - dieses Gefühl , das mich von einem Tun , zu dem mich vielleicht starke Neigungen drängen , oftmals abhält , habe ich so deutlich , daß ich es in Worten benennen könnte . « » Und diese Worte wären ? « Sie hob lebhaft den Kopf . Ich möchte sagen : » Wenn - wenn dir zum Zögern zumute ist - nun , - so zögere ! « - - - Sie lachte . » Eine tiefe Weisheit , wie ? aber diese Sentenz ist doch nicht so banal , wie sie klingt . « » Nein , « sagte Olga , » das ist sie nicht ; denn diese Sentenz ist vernünftig , und das Vernünftige ist nicht banal . « Eva sprach stark und ruhig weiter . » In jede sogenannte kritische Situation kommt früher oder später eine entscheidende Änderung ; sie kommt von innen oder von außen , von den Beteiligten selbst oder von seiten Dritter ; aber sie kommt . Und wenn sie kommt , - dann heißt es - hinhören , hinsehen und dann darf man - tun ; und dann - dann ist auf einmal alles , was verworren und schwer zu lösen schien , - unendlich einfach . Man braucht dann nur nach dem Nächstliegenden zu greifen , um dort , wo man früher nicht eine Handhabe seines Willens sah , hundert zu finden . « Und , als müßte sie von diesen Erörterungen , die von der Geschichte ihres Schicksals scheinbar abzweigten , wieder auf diese Geschichte selbst zurückkommen , fuhr sie fort : » Wenn ich aus meiner Ehe - die freilich keine wahre Gemeinschaft , aber immerhin ein erträgliches Los bietet , fortgestürmt wäre , hinaus in das Schicksal einer zum Kampf nicht genügend gerüsteten , » ausgesprungenen « Frau , die sich und ein Kind ernähren soll , - so wäre mein und des Kindes Schicksal kaum ein Ungewisses zu nennen ; es gehört nicht viel Vorstellungskraft dazu , sich diesen Weg auszumalen . « Schatten senkten sich über ihr Gesicht , hoben und zerteilten sich wieder . » So tue ich - was ich tun kann und wohl auch tun soll , - das , was man , um es recht profan auszudrücken und keine schöneren Worte für mein Tun zu gebrauchen , als ihm gebühren : profiter de la situation nennt . Ich benütze diese geschützte Lage , um mir Kenntnisse anzueignen , die mir eines Tages , wenn - wenn alles so deutlich geworden ist , daß das , was jetzt noch einer Herausforderung des Schicksals gleichkäme , dann einfache Selbstverständlichkeit wird - weiter helfen sollen ; ... heute « , - sie schwieg und blickte nachdenklich vor sich hin - » heute sehe ich den Weg noch nicht deutlich genug , aber ich glaube , « fügte sie leise hinzu - » ich werde bald sicherer sein . « Olga saß wortlos . Schlicht , alltäglich , ja verdächtig war , was sie gehört hatte . Warum überwältigte sie diese einfache Geschichte , als wäre sie - angewandt an dem Schicksal dieses Menschen - der vollkommenste Ausdruck wunderbarer Wegsicherheit ? - Die Portière des Nebenzimmers wurde zurückgeschoben . Stanislaus trat ein . » Ich darf nicht länger hier Zeuge von Gesprächen sein , « sagte er , während er die Frauen begrüßte , - » die nicht für mich bestimmt sind , und die ich aus Furcht , sie zu unterbrechen , dennoch zum Teil gehört habe . « » Mein Bruder « , sagte Olga . » Wir beide kennen uns schon wohl aus Olgas Erzählungen , und darum hat mich hier kein Fremder belauscht . « Stanislaus fiel es schwer , die richtige Antwort zu finden , - die besagen sollte , wie sehr er sie belauscht hatte ! Und so sagte er nur leise , - schüchtern , von einem Gefühl der Verehrung durchbebt : » Was ich belauscht habe , wird in meiner Erinnerung bleiben . « Man hörte die Klingel der Gartentür , das elektrische Licht glühte draußen über dem Kiesweg auf , und die drei sahen durchs Fenster Evas kleine Tochter mit ihrer Bonne . In ihrem weißen Mäntelchen kam sie durch den Garten dem Hause zu . Sie hatte denselben Gang wie die Mutter , diese eilige und doch zierliche Art , die Füße zu setzen , hielt sich sehr aufrecht und in der Mitte des Weges . Gleich darauf war sie im Zimmer und brachte einen frischen Luftstrom mit herein . Sie glich der Mutter in ungewöhnlicher Vollkommenheit , nur war das Haar des Kindes noch lichter und goldener , das Auge schien dunkler und größer und das Gesichtchen rosiger . Vollkommen unbefangen begrüßte sie , nachdem sie die Mutter umarmt hatte , die Gäste , und ging gleich wieder der Türe zu : sie müsse » auf ihr Zimmer « , ihre Kleider abzulegen , sie wollte nur erst » Mama sehen « . Und Stanislaus , der Lauscher , dachte : wie kann es etwas Falsches sein , was sie - die Mutter - getan hat ? War diese ungleichwertige Vermischung nicht zu ihrer Zeit gerechtfertigt , da sie so herrliches Leben fortsetzte ? Wissen wir denn , - so dachte er , - warum wir so gehorsam in die Falle gehen , die uns das Schicksal , in Form einer unausweichlich erscheinenden Verbindung , stellt ? Um wie vielfacher » zureichender Gründe « willen kann dies nicht geschehen ! Und wäre einer dieser Gründe der , ein neues Leben , das ohne diese Verbindung niemals würde , heil und schön ins Licht zu rufen , so wäre das genug , uns Ergebenheit zu lehren . Ihm war das Kind die wunderbare Erhöhung , die , über das eigene , arme Ich