verachtete . Und gerade deshalb wollte ich ihm von der » Hand « erzählen . Ich bildete mir ein , ich würde in seiner Meinung gewinnen ( und das wünschte ich dringend aus irgendeinem Grunde ) , wenn ich ihm begreiflich machen könnte , daß ich das wirklich erlebt hatte . Erik aber war so geschickt im Ausweichen , daß es nicht dazu kam . Und dann reisten wir ja auch gleich . So ist es , wunderlich genug , das erstemal , daß ich ( und schließlich auch nur mir selber ) eine Begebenheit erzähle , die nun weit zurückliegt in meiner Kindheit . Wie klein ich damals noch gewesen sein muß , sehe ich daran , daß ich auf dem Sessel kniete , um bequem auf den Tisch hinaufzureichen , auf dem ich zeichnete . Es war am Abend , im Winter , wenn ich nicht irre , in der Stadtwohnung . Der Tisch stand in meinem Zimmer , zwischen den Fenstern , und es war keine Lampe im Zimmer , als die , die auf meine Blätter schien und auf Mademoiselles Buch ; denn Mademoiselle saß neben mir , etwas zurückgerückt , und las . Sie war weit weg , wenn sie las , ich weiß nicht , ob sie im Buche war ; sie konnte lesen , stundenlang , sie blätterte selten um , und ich hatte den Eindruck , als würden die Seiten immer voller unter ihr , als schaute sie Worte hinzu , bestimmte Worte , die sie nötig hatte und die nicht da waren . Das kam mir so vor , während ich zeichnete . Ich zeichnete langsam , ohne sehr entschiedene Absicht , und sah alles , wenn ich nicht weiter wußte , mit ein wenig nach rechts geneigtem Kopfe an ; so fiel mir immer am raschesten ein , was noch fehlte . Es waren Offiziere zu Pferd , die in die Schlacht ritten , oder sie waren mitten drin , und das war viel einfacher , weil dann fast nur der Rauch zu machen war , der alles einhüllte . Maman freilich behauptet nun immer , daß es Inseln gewesen waren , was ich malte ; Inseln mit großen Bäumen und einem Schloß und einer Treppe und Blumen am Rand , die sich spiegeln sollten im Wasser . Aber ich glaube , das erfindet sie , oder es muß später gewesen sein . Es ist ausgemacht , daß ich an jenem Abend einen Ritter zeichnete , einen einzelnen , sehr deutlichen Ritter auf einem merkwürdig bekleideten Pferd . Er wurde so bunt , daß ich oft die Stifte wechseln mußte , aber vor allem kam doch der rote in Betracht , nach dem ich immer wieder griff . Nun hatte ich ihn noch einmal nötig ; da rollte er ( ich sehe ihn noch ) quer über das beschienene Blatt an den Rand und fiel , ehe ichs verhindern konnte , an mir vorbei hinunter und war fort . Ich brauchte ihn wirklich dringend , und es war recht ärgerlich , ihm nun nachzuklettern . Ungeschickt , wie ich war , kostete es mich allerhand Veranstaltungen , hinunterzukommen ; meine Beine schienen mir viel zu lang , ich konnte sie nicht unter mir hervorziehen ; die zu lange eingehaltene knieende Stellung hatte meine Glieder dumpf gemacht ; ich wußte nicht , was zu mir und was zum Sessel gehörte . Endlich kam ich doch , etwas konfus , unten an und befand mich auf einem Fell , das sich unter dem Tisch bis gegen die Wand hinzog . Aber da ergab sich eine neue Schwierigkeit . Eingestellt auf die Helligkeit da oben und noch ganz begeistert für die Farben auf dem weißen Papier , vermochten meine Augen nicht das geringste unter dem Tisch zu erkennen , wo mir das Schwarze so zugeschlossen schien , daß ich bange war , daran zu stoßen . Ich verließ mich also auf mein Gefühl und kämmte , knieend und auf die linke gestützt , mit der andern Hand in dem kühlen , langhaarigen Teppich herum , der sich recht vertraulich anfühlte ; nur daß kein Bleistift zu spüren war . Ich bildete mir ein , eine Menge Zeit zu verlieren , und wollte eben schon Mademoiselle anrufen und sie bitten , mir die Lampe zu halten , als ich merkte , daß für meine unwillkürlich angestrengten Augen das Dunkel nach und nach durchsichtiger wurde . Ich konnte schon hinten die Wand unterscheiden , die mit einer hellen Leiste abschloß ; ich orientierte mich über die Beine des Tisches ; ich erkannte vor allem meine eigene , ausgespreizte Hand , die sich ganz allein , ein bißchen wie ein Wassertier , da unten bewegte und den Grund untersuchte . Ich sah ihr , weiß ich noch , fast neugierig zu ; es kam mir vor , als könnte sie Dinge , die ich sie nicht gelehrt hatte , wie sie da unten so eigenmächtig herumtastete mit Bewegungen , die ich nie an ihr beobachtet hatte . Ich verfolgte sie , wie sie vordrang , es interessierte mich , ich war auf allerhand vorbereitet . Aber wie hätte ich darauf gefaßt sein sollen , daß ihr mit einem Male aus der Wand eine andere Hand entgegenkam , eine größere , ungewöhnlich magere Hand , wie ich noch nie eine gesehen hatte . Sie suchte in ähnlicher Weise von der anderen Seite her , und die beiden gespreizten Hände bewegten sich blind aufeinander zu . Meine Neugierde war noch nicht aufgebraucht , aber plötzlich war sie zu Ende , und es war nur Grauen da . Ich fühlte , daß die eine von den Händen mir gehörte und daß sie sich da in etwas einließ , was nicht wieder gutzumachen war . Mit allem Recht , das ich auf sie hatte , hielt ich sie an und zog sie flach und langsam zurück , indem ich die andere nicht aus den Augen ließ , die weitersuchte . Ich begriff , daß sie es nicht aufgeben würde , ich kann nicht sagen , wie ich wieder hinaufkam . Ich saß ganz tief im Sessel , die Zähne schlugen mir aufeinander , und ich hatte so wenig Blut im Gesicht , daß mir schien , es wäre kein Blau mehr in meinen Augen . Mademoiselle - , wollte ich sagen und konnte es nicht , aber da erschrak sie von selbst , sie warf ihr Buch hin und kniete sich neben den Sessel und rief meinen Namen ; ich glaube , daß sie mich rüttelte . Aber ich war ganz bei Bewußtsein . Ich schluckte ein paarmal ; denn nun wollte ich es erzählen . Aber wie ? Ich nahm mich unbeschreiblich zusammen , aber es war nicht auszudrücken , so daß es einer begriff . Gab es Worte für dieses Ereignis , so war ich zu klein , welche zu finden . Und plötzlich ergriff mich die Angst , sie könnten doch , über mein Alter hinaus , auf einmal da sein , diese Worte , und es schien mir fürchterlicher als alles , sie dann sagen zu müssen . Das Wirkliche da unten noch einmal durchzumachen , anders , abgewandelt , von Anfang an ; zu hören , wie ich es zugebe , dazu hatte ich keine Kraft mehr . Es ist natürlich Einbildung , wenn ich nun behaupte , ich hätte in jener Zeit schon gefühlt , daß da etwas in mein Leben gekommen sei , geradeaus in meines , womit ich allein würde herumgehen müssen , immer und immer . Ich sehe mich in meinem kleinen Gitterbett liegen und nicht schlafen und irgendwie ungenau voraussehen , daß so das Leben sein würde : voll lauter besonderer Dinge , die nur für Einen gemeint sind und die sich nicht sagen lassen . Sicher ist , daß sich nach und nach ein trauriger und schwerer Stolz in mir erhob . Ich stellte mir vor , wie man herumgehen würde , voll von Innerem und schweigsam . Ich empfand eine ungestüme Sympathie für die Erwachsenen ; ich bewunderte sie , und ich nahm mir vor , ihnen zu sagen , daß ich sie bewunderte . Ich nahm mir vor , es Mademoiselle zu sagen bei der nächsten Gelegenheit . Und dann kam eine von diesen Krankheiten , die darauf ausgingen , mir zu beweisen , daß dies nicht das erste eigene Erlebnis war . Das Fieber wühlte in mir und holte von ganz unten Erfahrungen , Bilder , Tatsachen heraus , von denen ich nicht gewußt hatte ; ich lag da , überhäuft mit mir , und wartete auf den Augenblick , da mir befohlen würde , dies alles wieder in mich hineinzuschichten , ordentlich , der Reihe nach . Ich begann , aber es wuchs mir unter den Händen , es sträubte sich , es war viel zu viel . Dann packte mich die Wut , und ich warf alles in Haufen in mich hinein und preßte es zusammen ; aber ich ging nicht wieder darüber zu . Und da schrie ich , halb offen wie ich war , schrie ich und schrie . Und wenn ich anfing hinauszusehen aus mir , so standen sie seit lange um mein Bett und hielten mir die Hände , und eine Kerze war da , und ihre großen Schatten rührten sich hinter ihnen . Und mein Vater befahl mir , zu sagen , was es gäbe . Es war ein freundlicher , gedämpfter Befehl , aber ein Befehl war es immerhin . Und er wurde ungeduldig , wenn ich nicht antwortete . Maman kam nie in der Nacht - , oder doch , einmal kam sie . Ich hatte geschrieen und geschrieen , und Mademoiselle war gekommen und Sieversen , die Haushälterin , und Georg , der Kutscher ; aber das hatte nichts genutzt . Und da hatten sie endlich den Wagen nach den Eltern geschickt , die auf einem großen Balle waren , ich glaube beim Kronprinzen . Und auf einmal hörte ich ihn hereinfahren in den Hof , und ich wurde still , saß und sah nach der Tür . Und da rauschte es ein wenig in den anderen Zimmern , und Maman kam herein in der großen Hofrobe , die sie gar nicht in acht nahm , und lief beinah und ließ ihren weißen Pelz hinter sich fallen und nahm mich in die bloßen Arme . Und ich befühlte , erstaunt und entzückt wie nie , ihr Haar und ihr kleines , gepflegtes Gesicht und die kalten Steine an ihren Ohren und die Seide am Rand ihrer Schultern , die nach Blumen dufteten . Und wir blieben so und weinten zärtlich und küßten uns , bis wir fühlten , daß der Vater da war und daß wir uns trennen mußten . » Er hat hohes Fieber « , hörte ich Maman schüchtern sagen , und der Vater griff nach meiner Hand und zählte den Puls . Er war in der Jägermeisteruniform mit dem schönen , breiten , gewässerten blauen Band des Elefanten . » Was für ein Unsinn , uns zu rufen « , sagte er ins Zimmer hinein , ohne mich anzusehen . Sie hatten versprochen , zurückzukehren , wenn es nichts Ernstliches wäre . Und Ernstliches war es ja nichts . Auf meiner Decke aber fand ich Mamans Tanzkarte und weiße Kamelien , die ich noch nie gesehen hatte und die ich mir auf die Augen legte , als ich merkte , wie kühl sie waren . Aber was lang war , das waren die Nachmittage in solchen Krankheiten . Am Morgen nach der schlechten Nacht kam man immer in Schlaf , und wenn man erwachte und meinte , nun wäre es wieder früh , so war es Nachmittag und blieb Nachmittag und hörte nicht auf Nachmittag zu sein . Da lag man so in dem aufgeräumten Bett und wuchs vielleicht ein wenig in den Gelenken und war viel zu müde , um sich irgend etwas vorzustellen . Der Geschmack vom Apfelmus hielt lange vor , und das war schon alles mögliche , wenn man ihn irgendwie auslegte , unwillkürlich , und die reinliche Säure an Stelle von Gedanken in sich herumgehen ließ . Später , wenn die Kräfte wiederkamen , wurden die Kissen hinter einem aufgebaut , und man konnte aufsitzen und mit Soldaten spielen ; aber sie fielen so leicht um auf dem schiefen Bett-Tisch und dann immer gleich die ganze Reihe ; und man war doch noch nicht so ganz im Leben drin , um immer wieder von vorn anzufangen . Plötzlich war es zuviel , und man bat , alles recht rasch fortzunehmen , und es tat wohl , wieder nur die zwei Hände zu sehen , ein bißchen weiter hin auf der leeren Decke . Wenn Maman mal eine halbe Stunde kam und Märchen vorlas ( zum richtigen , langen Vorlesen war Sieversen da ) , so war das nicht um der Märchen willen . Denn wir waren einig darüber , daß wir Märchen nicht liebten . Wir hatten einen anderen Begriff vom Wunderbaren . Wir fanden , wenn alles mit natürlichen Dingen zuginge , so wäre das immer am wunderbarsten . Wir gaben nicht viel darauf , durch die Luft zu fliegen , die Feen enttäuschten uns , und von den Verwandlungen in etwas anderes erwarteten wir uns nur eine sehr oberflächliche Abwechslung . Aber wir lasen doch ein bißchen , um beschäftigt auszusehen ; es war uns nicht angenehm , wenn irgend jemand eintrat , erst erklären zu müssen , was wir gerade taten ; besonders Vater gegenüber waren wir von einer übertriebenen Deutlichkeit . Nur wenn wir ganz sicher waren , nicht gestört zu sein , und es dämmerte draußen , konnte es geschehen , daß wir uns Erinnerungen hingaben , gemeinsamen Erinnerungen , die uns beiden alt schienen und über die wir lächelten ; denn wir waren beide groß geworden seither . Es fiel uns ein , daß es eine Zeit gab , wo Maman wünschte , daß ich ein kleines Mädchen wäre und nicht dieser Junge , der ich nun einmal war . Ich hatte das irgendwie erraten , und ich war auf den Gedanken gekommen , manchmal nachmittags an Mamans Türe zu klopfen . Wenn sie dann fragte , wer da wäre , so war ich glücklich , draußen » Sophie « zu rufen , wobei ich meine kleine Stimme so zierlich machte , daß sie mich in der Kehle kitzelte . Und wenn ich dann eintrat ( in dem kleinen , mädchenhaften Hauskleid , das ich ohnehin trug , mit ganz hinaufgerollten Ärmeln ) , so war ich einfach Sophie , Mamans kleine Sophie , die sich häuslich beschäftigte und der Maman einen Zopf flechten mußte , damit keine Verwechslung stattfinde mit dem bösen Malte , wenn er je wiederkäme . Erwünscht war dies durchaus nicht ; es war sowohl Maman wie Sophie angenehm , daß er fort war , und ihre Unterhaltungen ( die Sophie immerzu mit der gleichen , hohen Stimme fortsetzte ) bestanden meistens darin , daß sie Maltes Unarten aufzählten und sich über ihn beklagten . » Ach ja , dieser Malte « , seufzte Maman . Und Sophie wußte eine Menge über die Schlechtigkeit der Jungen im allgemeinen , als kennte sie einen ganzen Haufen . » Ich möchte wohl wissen , was aus Sophie geworden ist « , sagte Maman dann plötzlich bei solchen Erinnerungen . Darüber konnte nun Malte freilich keine Auskunft geben . Aber wenn Maman vorschlug , daß sie gewiß gestorben sei , dann widersprach er eigensinnig und beschwor sie , dies nicht zu glauben , so wenig sich sonst auch beweisen ließe . Wenn ich das jetzt überdenke , kann ich mich wundern , daß ich aus der Welt dieser Fieber doch immer wieder ganz zurückkam und mich hineinfand in das überaus gemeinsame Leben , wo jeder im Gefühl unterstützt sein wollte , bei Bekanntem zu sein , und wo man sich so vorsichtig im Verständlichen vertrug . Da wurde etwas erwartet , und es kam oder es kam nicht , ein Drittes war ausgeschlossen . Da gab es Dinge , die traurig waren , ein- für allemal , es gab angenehme Dinge und eine ganze Menge nebensächlicher . Wurde aber einem eine Freude bereitet , so war es eine Freude , und er hatte sich danach zu benehmen . Im Grunde war das alles sehr einfach , und wenn man es erst heraus hatte , so machte es sich wie von selbst . In diese verabredeten Grenzen ging denn auch alles hinein ; die langen , gleichmäßigen Schulstunden , wenn draußen der Sommer war ; die Spaziergänge , von denen man französisch erzählen mußte ; die Besuche , für die man hereingerufen wurde und die einen drollig fanden , wenn man gerade traurig war , und sich an einem belustigten wie an dem betrübten Gesicht gewisser Vögel , die kein anderes haben . Und die Geburtstage natürlich , zu denen man Kinder eingeladen bekam , die man kaum kannte , verlegene Kinder , die einen verlegen machten , oder dreiste , die einem das Gesicht zerkratzten , und zerbrachen , was man gerade bekommen hatte , und die dann plötzlich fortfuhren , wenn alles aus Kästen und Laden herausgerissen war und zu Haufen lag . Wenn man aber allein spielte , wie immer , so konnte es doch geschehen , daß man diese vereinbarte , im ganzen harmlose Welt unversehens überschritt und unter Verhältnisse geriet , die völlig verschieden waren und gar nicht abzusehen . Mademoiselle hatte zuzeiten ihre Migräne , die ungemein heftig auftrat , und das waren die Tage , an denen ich schwer zu finden war . Ich weiß , der Kutscher wurde dann in den Park geschickt , wenn es Vater einfiel , nach mir zu fragen , und ich war nicht da . Ich konnte oben von einem der Gastzimmer aus sehen , wie er hinauslief und am Anfang der langen Allee nach mir rief . Diese Gastzimmer befanden sich , eines neben dem anderen , im Giebel von Ulsgaard und standen , da wir in dieser Zeit sehr selten Hausbesuch hatten , fast immer leer . Anschließend an sie aber war jener große Eckraum , der eine so starke Verlockung für mich hatte . Es war nichts darin zu finden als eine alte Büste , die , ich glaube , den Admiral Juel darstellte , aber die Wände waren ringsum mit tiefen , grauen Wandschränken verschalt , derart , daß sogar das Fenster erst über den Schränken angebracht war in der leeren , geweißten Wand . Den Schlüssel hatte ich an einer der Schranktüren entdeckt , und er schloß alle anderen . So hatte ich in kurzem alles untersucht : die Kammerherrenfräcke aus dem achtzehnten Jahrhundert , die ganz kalt waren von den eingewebten Silberfaden , und die schön gestickten Westen dazu ; die Trachten des Dannebrog- und des Elefantenordens , die man erst für Frauenkleider hielt , so reich und umständlich waren sie und so sanft im Futter anzufühlen . Dann wirkliche Roben , die , von ihren Unterlagen auseinander gehalten , steif dahingen wie die Marionetten eines zu großen Stückes , das so endgültig aus der Mode war , daß man ihre Köpfe anders verwendet hatte . Daneben aber waren Schränke , in denen es dunkel war , wenn man sie aufmachte , dunkel von hochgeschlossenen Uniformen , die viel gebrauchter aussahen als alles das andere und die eigentlich wünschten , nicht erhalten zu sein . Niemand wird es verwunderlich finden , daß ich das alles herauszog und ins Licht neigte ; daß ich das und jenes an mich hielt oder umnahm ; daß ich ein Kostüm , welches etwa passen konnte , hastig anzog und darin , neugierig und aufgeregt , in das nächste Fremdenzimmer lief , vor den schmalen Pfeilerspiegel , der aus einzelnen ungleich grünen Glasstücken zusammengesetzt war . Ach , wie man zitterte , drin zu sein , und wie hinreißend war es , wenn man es war . Wenn da etwas aus dem Trüben heraus sich näherte , langsamer als man selbst , denn der Spiegel glaubte es gleichsam nicht und wollte , schläfrig wie er war , nicht gleich nachsprechen , was man ihm vorsagte . Aber schließlich mußte er natürlich . Und nun war es etwas sehr Überraschendes , Fremdes , ganz anders , als man es sich gedacht hatte , etwas Plötzliches , Selbständiges , das man rasch überblickte , um sich im nächsten Augenblick doch zu erkennen , nicht ohne eine gewisse Ironie , die um ein Haar das ganze Vergnügen zerstören konnte . Wenn man aber sofort zu reden begann , sich zu verbeugen , wenn man sich zuwinkte , sich , fortwährend zurückblickend , entfernte und dann entschlossen und angeregt wiederkam , so hatte man die Einbildung auf seiner Seite , solang es einem gefiel . Ich lernte damals den Einfluß kennen , der unmittelbar von einer bestimmten Tracht ausgehen kann . Kaum hatte ich einen dieser Anzüge angelegt , mußte ich mir eingestehen , daß er mich in seine Macht bekam ; daß er mir meine Bewegungen , meinen Gesichtsausdruck , ja sogar meine Einfälle vorschrieb ; meine Hand , über die die Spitzenmanschette fiel und wieder fiel , war durchaus nicht meine gewöhnliche Hand ; sie bewegte sich wie ein Akteur , ja , ich möchte sagen , sie sah sich selber zu , so übertrieben das auch klingt . Diese Verstellungen gingen indessen nie so weit , daß ich mich mir selber entfremdet fühlte ; im Gegenteil , je vielfältiger ich mich abwandelte , desto überzeugter wurde ich von mir selbst . Ich wurde kühner und kühner ; ich warf mich immer höher ; denn meine Geschicklichkeit im Auffangen war über allen Zweifel . Ich merkte nicht die Versuchung in dieser rasch wachsenden Sicherheit . Zu meinem Verhängnis fehlte nur noch , daß der letzte Schrank , den ich bisher meinte nicht öffnen zu können , eines Tages nachgab , um mir ; statt bestimmter Trachten , allerhand vages Maskenzeug auszuliefern , dessen phantastisches Ungefähr mir das Blut in die Wangen trieb . Es läßt sich nicht aufzählen , was da alles war . Außer einer Bautta , deren ich mich entsinne , gab es Dominos in verschiedenen Farben , es gab Frauenröcke , die hell läuteten von den Münzen , mit denen sie benäht waren ; es gab Pierrots , die mir albern vorkamen , und faltige , türkische Hosen und persische Mützen , aus denen kleine Kampfersäckchen herausglitten , und Kronreifen mit dummen , ausdruckslosen Steinen . Dies alles verachtete ich ein wenig ; es war von so dürftiger Unwirklichkeit und hing so abgebalgt und armsälig da und schlappte willenlos zusammen , wenn man es herauszerrte ans Licht . Was mich aber in eine Art von Rausch versetzte , das waren die geräumigen Mäntel , die Tücher , die Schals , die Schleier , alle diese nachgiebigen , großen , unverwendeten Stoffe , die weich und schmeichelnd waren oder so gleitend , daß man sie kaum zu fassen bekam , oder so leicht , daß sie wie ein Wind an einem vorbeiflogen , oder einfach schwer mit ihrer ganzen Last . In ihnen erst sah ich wirklich freie und unendlich bewegliche Möglichkeiten : eine Sklavin zu sein , die verkauft wird , oder Jeanne d ' Arc zu sein oder ein alter König oder ein Zauberer ; das alles hatte man jetzt in der Hand , besonders da auch Masken da waren , große drohende oder erstaunte Gesichter mit echten Bärten und vollen oder hochgezogenen Augenbrauen . Ich hatte nie Masken gesehen vorher , aber ich sah sofort ein , daß es Masken geben müsse . Ich mußte lachen , als mir einfiel , daß wir einen Hund hatten , der sich ausnahm , als trüge er eine . Ich stellte mir seine herzlichen Augen vor , die immer wie von hinten hineinsahen in das behaarte Gesicht . Ich lachte noch , während ich mich verkleidete , und ich vergaß darüber völlig , was ich eigentlich vorstellen wollte . Nun , es war neu und spannend , das erst nachträglich vor dem Spiegel zu entscheiden . Das Gesicht , das ich vorband , roch eigentümlich hohl , es legte sich fest über meines , aber ich konnte bequem durchsehen , und ich wählte erst , als die Maske schon saß , allerhand Tücher , die ich in der Art eines Turbans um den Kopf wand , so daß der Rand der Maske , der unten in einen riesigen gelben Mantel hineinreichte , auch oben und seitlich fast ganz verdeckt war . Schließlich , als ich nicht mehr konnte , hielt ich mich für hinreichend vermummt . Ich ergriff noch einen großen Stab , den ich , soweit der Arm reichte , neben mir hergehen ließ , und schleppte so , nicht ohne Mühe , aber , wie mir vorkam , voller Würde , in das Fremdenzimmer hinein auf den Spiegel zu . Das war nun wirklich großartig , über alle Erwartung . Der Spiegel gab es auch augenblicklich wieder , es war zu überzeugend . Es wäre gar nicht nötig gewesen , sich viel zu bewegen ; diese Erscheinung war vollkommen , auch wenn sie nichts tat . Aber es galt zu erfahren , was ich eigentlich sei , und so drehte ich mich ein wenig und erhob schließlich die beiden Arme : große , gleichsam beschwörende Bewegungen , das war , wie ich schon merkte , das einzig Richtige . Doch gerade in diesem feierlichen Moment vernahm ich , gedämpft durch meine Vermummung , ganz in meiner Nähe einen vielfach zusammengesetzten Lärm ; sehr erschreckt , verlor ich das Wesen da drüben aus den Augen und war arg verstimmt , zu gewahren , daß ich einen kleinen , runden Tisch umgeworfen hatte mit weiß der Himmel was für , wahrscheinlich sehr zerbrechlichen Gegenständen . Ich bückte mich so gut ich konnte und fand meine schlimmste Erwartung bestätigt : es sah aus , als sei alles entzwei . Die beiden überflüssigen , grün-violetten Porzellanpapageien waren natürlich , jeder auf eine andere boshafte Art , zerschlagen . Eine Dose , aus der Bonbons rollten , die aussahen wie seidig eingepuppte Insekten , hatte ihren Deckel weit von sich geworfen , man sah nur seine eine Hälfte , die andere war überhaupt fort . Das Ärgerlichste aber war ein in tausend winzige Scherben zerschellter Flacon , aus dem der Rest irgendeiner alten Essenz herausgespritzt war , der nun einen Fleck von sehr widerlicher Physiognomie auf dem klaren Parkett bildete . Ich trocknete ihn schnell mit irgendwas auf , das an mir herunterhing , aber er wurde nur schwärzer und unangenehmer . Ich war recht verzweifelt . Ich erhob mich und suchte nach irgendeinem Gegenstand , mit dem ich das alles gutmachen konnte . Aber es fand sich keiner . Auch war ich so behindert im Sehen und in jeder Bewegung , daß die Wut in mir aufstieg gegen meinen unsinnigen Zustand , den ich nicht mehr begriff . Ich zerrte an allem , aber es schloß sich nur noch enger an . Die Schnüre des Mantels würgten mich , und das Zeug auf meinem Kopfe drückte , als käme immer noch mehr hinzu . Dabei war die Luft trübe geworden und wie beschlagen mit dem ältlichen Dunst der verschütteten Flüssigkeit . Heiß und zornig stürzte ich vor den Spiegel und sah mühsam durch die Maske durch , wie meine Hände arbeiteten . Aber darauf hatte er nur gewartet . Der Augenblick der Vergeltung war für ihn gekommen . Während ich in maßlos zunehmender Beklemmung mich anstrengte , mich irgendwie aus meiner Vermummung hinauszuzwängen , nötigte er mich , ich weiß nicht womit , aufzusehen und diktierte mir ein Bild , nein , eine Wirklichkeit , eine fremde , unbegreifliche monströse Wirklichkeit , mit der ich durchtränkt wurde gegen meinen Willen : denn jetzt war er der Stärkere , und ich war der Spiegel . Ich starrte diesen großen , schrecklichen Unbekannten vor mir an , und es schien mir ungeheuerlich , mit ihm allein zu sein . Aber in demselben Moment , da ich dies dachte , geschah das Äußerste : ich verlor allen Sinn , ich fiel einfach aus . Eine Sekunde lang hatte ich eine unbeschreibliche , wehe und vergebliche Sehnsucht nach mir , dann war nur noch er : es war nichts außer ihm . Ich rannte davon , aber nun war er es , der rannte . Er stieß überall an , er kannte das Haus nicht , er wußte nicht wohin ; er geriet eine Treppe hinunter , er fiel auf dem Gange über eine Person her , die sich schreiend freimachte . Eine Tür ging auf , es traten mehrere Menschen heraus : Ach , ach , was war das gut , sie zu kennen . Das war Sieversen , die gute Sieversen , und das Hausmädchen und der Silberdiener : nun mußte es sich entscheiden . Aber sie sprangen nicht herzu und retteten ; ihre Grausamkeit war ohne Grenzen . Sie standen da und lachten , mein Gott , sie konnten dastehn und lachen . Ich weinte , aber die Maske ließ die Tränen nicht hinaus , sie rannen innen über mein Gesicht und trockneten gleich und rannen wieder und trockneten . Und endlich kniete ich hin vor ihnen , wie nie ein Mensch gekniet hat ; ich kniete und hob meine Hände zu ihnen auf und flehte : » Herausnehmen , wenn es noch geht , und behalten « , aber sie hörten es nicht ; ich hatte keine Stimme mehr . Sieversen erzählte bis an ihr Ende , wie ich umgesunken wäre und wie sie immer noch weitergelacht hätten in der Meinung , das gehöre dazu . Sie waren es so gewöhnt bei mir . Aber dann wäre ich doch immerzu