wir Abschied von einander . Um seine Traurigkeit zu vertreiben , ließ der Oheim einen warmen Würzewein bereiten . Beim Trinken äußerte er nicht üble Lust , mit mir in die weite Welt zu ziehen , doch wegen unverrichteter alchymistischer Arbeit , auch wegen des Häusels und der alten Beate wollte er lieber einstweilen in Schreiberhau bleiben . Vom Weine gesprächig , erzählte er mir aus seiner Jugendzeit und gab allerlei Ratschläge . Zuletzt kam er hoffnungsvoll auf die Prophezeiung der Zigeunerin , und sein lodernd Auge drang zu meiner Seele Grunde . Dann umarmte und küßte er mich , und ich ging . Vor der Schenke stand er , den Blick auf mich geheftet , bis ich an des Weges Wendung den allerletzten Gruß gewinket hatte . Verlassenheit empfand ich , da ich im Waldtal neben dem brausenden Flusse keine andere Gesellschaft hatte , als meine betrübten Gedanken . Doch wie nach etlichen Stunden das Tal sanfter und grüner ward , lachte im zwanzigjährigen Geblüt der leichte Sinn . Was vor mir lag , deuchten mich lauter gute Dinge , frohe Überraschungen und Erfüllungen , dabei half es nichts , daß eine Stimme im Innern mich warnte , nur ja nicht übermütig und unvorsichtig in die Welt zu tappen . Bei Espenbüschen , die ihre Blütenkätzchen sonnten , hielt ich Rast und schaute zurück auf die entfernten schneebedeckten Berge . Indem machte sich ein flatternd Waldvöglein bemerkbar , so allerlei Gerüstwerk zu seinem Neste zusammentrug . Es setzte sich niemalen auf einen Zweig und hub kein Hälmlein auf , ohne zuvor durch Umherspähen versichert zu sein , daß ihm kein Feind oder Garn drohe . Und bevor es seine Fittiche reckte , der Luft sich anzuvertrauen , drehete es noch das Köpfchen prüfend , ob auch kein Raubvogel laure . » Leichtfertiger Tölpel « - sprach ich zu mir - » Waldvögelein mag dich beschämen , weil du in der argen Welt nicht so viel Fürsicht anwendest , wie diese geringe Kreatur . « Kaum aber hatte ich mir selber diese Predigt gehalten , so spitzte ich schon das Ohr , weil zween Wandrer gegangen kamen , deren einer mit schöner tiefer Stimme ein verführerisch Liedel sang : » Ein Hexlein aus der Hölle Brut , Ein schmuckes , blond wie Flammenglut , Ein Hexlein weiß ich , schlangenglatt , Das Myriaden Buhlen hat . Es zu umarmen , dürsten So Bettler und so Fürsten , Soldaten , Juden , Christen , Schatzgräber , Alchymisten . « Sie flehen süß und lispeln hold : » Sei mein , o mein , Herzliebchen Gold ! « Das Hexlein lacht : » Wen ich begnad ' , Ist vieler Leute Potentat . Ich hex ' ihm her , was auf der Erd Ergötzlichkeit sein Herz begehrt - Lustgärten und Paläste , Musik und noble Gäste ; Was willst du ? Pokulieren ? Ein Bräutlein karessieren ? Befiehl ! Ich klimpre klinglingling , Und husch , da ist das liebe Ding . « Der Sänger war ein großer dicker Mann , den breiten Hut mit wogender Feder schief auf dem dunkeln Lockenhaupte , und den Mantel in ähnlicher Weise umgeschlagen , wie es an heroischen Standbildern zu sehen . Auf dem Rücken das Ränzel , in der Hand den Knotenstock , glich er gleichwohl mitnichten einem wandernden Handwerksgesellen . Rollend blitzten große schwarze Augen mit dunkelgemalten Rändern , das Antlitz war blaß und rasiert , die vorgeschobene Unterlippe schien zu verkündigen : » Respekt , ihr Leute ! « Mir ganz nahe gekommen , musterte mich der Sänger und blieb mit hochfahrender Miene stehen . » Ei , guten Tag ! « sagte sein Begleiter . Ein Buckeliger war ' s , hatte listige Augen mit geröteten Lidern , ein fahl und schlaff Gesicht . Etliche blonde Härlein ob dem Munde waren zu einer Art Schnurrbart zusammengedreht . Das geschorene Haupt mit dem spitzen Hut suchte er aus dem Engpaß der Schultern herauszurecken , und das blaue spanische Mäntelein sollte herabwallend den Rückenschaden bemänteln . » Wo hinaus des Weges ? « fragte der Lange , Dicke . Ich begegnete dem hochfahrenden Blicke keck und bedachte mich ein Weilchen , ob ich überhaupt Antwort geben solle . Sprach aber dann , den Hut lüftend : » Guten Tag , Ihr Herren ! Da Ihr mich fragt , wohin des Weges , so wisset , daß ich gen Prag ziehe . « » Ei , da gehen wir wohl ein Stücklein mitsammen , so es Ihm beliebt ? « sagte der Bucklige . » Warum nicht ? « antwortete ich , » wofern der Herr an Eurer Seite Kameradschaft zu halten gesonnen . « » Oho , warum nicht ? Freilich doch ! « begütigte der Lange und bot mir die Rechte , in die ich einschlug . Gemeinsam gingen wir des Weges und wußten zunächst nicht , worauf unsere Rede kommen solle . Dann begann der Lange : » Also nach Prag gehet Seine Reise ? Ist Er Studiosus , oder hat Er Geschäfte ? « - » Studiosus möcht ich wohl werden , einstweilen aber bin ich der Apothekerei beflissen . « Meine Begleiter blieben wie angewurzelt stehen , schauten sich an und brachen in Gelächter aus . » Da hätten wir ja den gesuchten Dritten , « sagte der Bucklige triumphierend ; » das heißt , wenn er mittun will . « » Er muß wollen « , gab der Lange zur Antwort , pflanzte sich vor mich hin und sprach herablassend : » Ich bin der Apotheker Pomponius , und mein Freund hier ist der Wundermedicus Schrepfeisen . Wir begeben uns zum Frühjahrsmarkte nach Jung-Bunzlau , unsere Salben , Pillulen und Latwerge unter die Leute zu bringen . Wir suchen einen dritten Mann , der unsere Waren bereiten hilft . Denn , was mich betrifft , so hab ich eine besondere Begabung zum Ausrufen , der Medicus aber muß hinter dem Tische sitzen , bei schwierigen Patienten seinen Rat zu geben . Wir machen nun Ihm , junger Gesell , die Propositio , unser Helfer zu werden und dafür einen guten Sold zu empfahen . « Nicht ohne Mißtrauen sahe ich bald den einen , bald den andern an und schwieg . Hierauf setzten wir die Wanderung fort . Mit mir im Reinen , gab ich folgenden Bescheid : » Euer Antrag , Ihr Herren , ehrt mich ; indessen wüßt ' ich nicht , aus was Grunde ich ihn annehmen sollte . Was ich als Laborant und Apotheker gelernt habe , ist noch gar nicht viel , und so muß ich beflissen sein , mir die rechte Kunst anzueignen . Bei einem erfahrenen Mediko zu Prag soll das geschehen . « - » Hoho , « meinte Pomponius , » gläubet Ihr etwan , der hochberühmte Doktor Schrepfeisen sei nicht erfahren genung ? - von mir gänzlich zu schweigen .... « » Und kann Ihm denn Sein Prager Medicus etwas Besseres beibringen , als die Kunst , aus den Gebresten der Leute Gold zu machen ? « setzte der Bucklige eifrig hinzu . Ich wußte nicht , was auf diese Einreden zu antworten , und ging stumm des Weges . Der Bucklige redete weiter : » Ein Haufen Geld wird auf den Jahrmärkten zusammengescharrt , und Er soll davon sein gerecht Teil abhaben . Mein Wort darauf , daß für Ihn ein Goldstück täglich abfällt . « Da ich noch immer schwieg , meinte Pomponius spöttisch und etwas lauernd : » Nun freilich , wenn Er selber Gold genung im Wamse hat « .... - Ich stutzte und spürte , wie mir das Blut in die Wangen schoß , da ich der Meinung war , meine Begleiter hätten etwas von meiner eingenähten Erbschaft bemerkt . Aber ich faßte mich und gab die ausweichende Antwort : » Gold im Wamse haben , das freilich wäre eine schöne Sache und lockt mich wohl ; indessen muß ich ohne Zeitverlust nach Prag gelangen , da ich sonsten mein Amt als Heilgehilfe versäumen könnte . « - » Nach Belieben ! « meinte Pomponius kalt . Der Bucklige aber fügte hinzu : » Kommt Zeit , kommt Rat . Vielleicht überlegt Er sich unsern Antrag noch im stillen . « Nach längerem Schweigen hub ich zu reden an , indem ich den Pomponium ansahe : » Was hat der Herr eine majestätische Stimme . Man sollte meinen , Er gehöre einer Truppe jener Sänger aus Italia an , so kunstreiche Singspiele aufführen . « Pomponius antwortete aufgeblasen : » Seine Diagnosis , junger Gesell , hat etwas Zutreffendes . Allerdings war ich in früheren Jahren Singens und Komödiespielens beflissen und übete meine Kunst vor manch hoher Herrschaft . « Mit schlauem Lächeln fügte der Bucklige hinzu : » Und die Komödiantenkunst soll uns auch in Jung-Bunzlau zustatten kommen , denn es gibt keinen besseren Ausrufer als diesen ansehnlichen Jünger der Muse Thalia . « Das unweit gelegene Schloß Gitschin , dem Herzog Wallenstein gehörig , veranlaßte den Buckligen zu der Frage : » Ist es wahr , daß der Wallenstein seine Pferde aus silbernen Raufen fressen lässet ? « - » Allerdings , « - bestätigte Pomponius - » und in den Ställen fleußt das Trinkwasser durch marmorne Becken , manche Pferde haben gar gülden Geschirr . Um sein Schloß herum dehnet sich der schönste Garten mit seltenen Blumen . Aus Gebüschen lugen marmorne Standbilder glorioser Kriegeshelden , und zum Lustwandeln hat es dort prächtige Säulengänge und Loggien . Ja , der Wallenstein , neuerdings von der kaiserlichen Majestät zum Herzog erhoben , ist in teutschen Landen der reichste Fürst , dem antiken Kröso vergleichbar . Was aber sonderliche Bewunderung verdient , ist dieses Mannes Kunst , aus allem , womit er sich befasset , Gold zu machen . Früher ein armer Edelmann , hat er es verstanden , mächtiger als der Kaiser selbst zu werden , und zwar durch die Waffen , die ihn vom gemeinen Soldaten zum Generalissimo erhoben haben und noch auf einen Königsthron bringen werden , gebet acht ! « » Hol mich der Teufel , « meinte der Bucklige , » hätt ich nicht meine vermaledeite Kriegskasse hinten , mir wäre das Waffenhandwerk willkommen , da es für den Armen das beste Mittel , emporzukommen . « - » Für den Armen ? « fragte Pomponius . » Doch wohl nicht ! Sondern mehr für den Reichen . Der Reiche , wofern er nicht unternehmend , läuft in diesen Kriegszeiten stets Gefahr , seines Gutes beraubt zu werden ; drum tut er am besten , selber unter die Beutemacher zu gehen , sich mit einer Soldateska zu umgeben und allerwegen die Leute auszubeuteln . Gelegentlich mag ja auch der Arme als Krieger zu Reichtum gelangen . Aber die Offiziere nehmen ihm alleweil das Beste weg , und der Arme verliert im Felde sein Leben leichter als der Reiche . Sonsten hätt auch ich schon das Glück der Waffen versucht . Doch ich rieche das Pulver nicht gern und weiß mir bequemere Regulen , den Leuten das Geld abzunehmen . Übrigens bin ich schon in meinen Knabenjahren mehr darauf aus gewesen , Geld zu vertun als mühselig zu erringen . Zu den epikureischen Philosophis gehöre ich und überlasse das martialische Heldentum solchen , die sich dazu berufen fühlen . « Und Pomponius trällerte stolz : » Ein Hexlein weiß ich , schlangenglatt , Das Myriaden Buhlen hat ... « » Weißt du « - nahm der Bucklige das Wort - » an wen mich dein Hexlein erinnert ? An Jungfer Susannen ! Du kennest doch das Wirtshaus in Prag , zur Äpfelkammer geheißen ? « » Ei , diese Schönheit ist mir nicht bewußt , « sagte Pomponius ; » indessen ich doch sonsten im dortigen Weibsvolk Bescheid weiß . Susanne ? Erzähl Er des weiteren von dieser Tempeljungfer Bacchi et Veneris ! « - Der Bucklige machte verliebte Augen : » Denket euch des Rehes Wuchs , im Angesicht Lilien mit Rosen vermenget , Augen wie Vergißmeinnicht , korallenrote Lippen und langes goldfarbenes Haar , so habet Ihr die schöne Susanne , wie sie leibt und lebt . Was aber Gemüt und Sinn betrifft , so weiß sie bald die hochgeborene Dame zu spielen , bald wieder durch Schöntun und Schelmerei dem Gast den Kopf zu verdrehen und das Herz zu rauben . « - » Solch eine Rosenknospe hat es leicht , die Leute zu betören , « schmunzelte Pomponius ; » muß aber auch List dabei sein . Wetter ! wenn ich solch ein glatt Weibsbild wäre , haha , ich getraute mir einen Reichtum zusammenzuraffen , daß ich gleich der ägyptischen Rhodope eine Pyramide aufbauen , oder wie die Phryne die Stadt Theben mit Mauern umgeben könnte . Denn ich wüßte manchen seidenen Schnauzhahnen dermaßen zu lausen , daß ich der schönen Lamiä nichts nachgäbe , die dem verliebten Demetrio all sein Gold abgenommen . Oh , wie manchem Hengst tät ich das Seil über den Kopf werfen , daß er fein artig in meinem Dienst spazieren müßte . « - Der Bucklige nickte : » An List fehlet es der schönen Susanne mitnichten , und nur in einem Punkte soll ihr Verstand der schwachen Ferse des Achilleus gleichen . Sie gläubet alten Weibern , so sich für Prophetinnen ausgeben , und hat sich von ihnen ein schön Stück Geld abnehmen lassen . « Der Abend war hereingebrochen , als wir ins Städtlein Turnau gelangten und im Wirtshaus » Zur Krone « einkehrten . Da wir übernachten wollten , wies uns der Wirt die Gemächer ; in dem größeren waren zwei Betten . Wiewohl es mir passend schien , daß die beiden befreundeten Wanderer das Zimmer mit den zwei Betten nähmen , erklärte der Bucklige : » Mit dir , Pomponi , schlaf ich nicht . Deine Komödiantenkehle verstehet sich nicht bloß aufs Singen und Saufen , sondern auch aufs Schnarchen . Erlaube dahero mein junger Kamerad , daß ich lieber mit Ihm das Zimmer teile . « Mir war dies Ansuchen nicht sonderlich genehm ; da aber der Wirt kein drittes Gemach hatte , so blieb mir nichts übrig , als ja zu sagen . Nachdem wir Ranzen , Mantel und Hut in den Kammern abgelegt , gingen wir hinunter in die Gaststube und ließen Wein , Brot und Fleisch auftragen . Bald ward ich inne , daß meine Begleiter im Zechen viel leisten konnten . Wiewohl mich nun die innere Stimme vor dem Weine warnte , tat ich doch des Guten zuviel . Denn ich hatte mir einen tüchtigen Durst an den Leib gelaufen und meiner Begleiter Zureden wie Beispiel überwand stets von neuem meine Bedenken . Als wir in später Stunde zu Bett gingen , mußten mir meine Reisegefährten unter die Arme greifen . Ich hatte noch soviel Besinnung , daß ich mein Wams , drein die Goldstücke eingenäht waren , zusammengerollt unter mein Kopfkissen tat . Kaum hatte ich mich hingestreckt , so schwankte das ganze Haus mit mir , und ich sank in Schlaf . » Sakrament ! Meine Hose ! « Von diesem Geschrei erwacht , richtete ich mich verstört im Bette auf . Mein Kopf tat weh . Im Hemd lief der Bucklige umher , als ob er die Kammer durchsuche : » Wo ist meine Hose ? Ha , Spitzbuben ! « Besorgt griff ich unters Kopfkissen , mein Wams war verschwunden , das Wams mit den eingenähten Dukaten . Sofort sprang ich auf , wühlte in den Kissen , riß Strohsack und Decken heraus , fand aber das Wams nicht . Auch meine Hose war fort . » Ha ! hier sind die Spitzbuben eingestiegen ! « schrie der Bucklige zum offenen Fenster hinaus , und zu ihm tretend , sahe ich außen eine Leiter an die Fensterwand gelehnt . Die Faust schüttelnd , lärmte der Bucklige : » Meine Hose ! Bestohlen bin ich ! Sakrament ! « - » Himmel Herrgott , was hat ' s denn ? « rief der eintretende Wirt . - » Spitzbuben haben meine Hose gestohlen . « » Und meine Dukaten ! « fügte ich weinerlich hinzu , » in mein Wams eingenäht - fort ist das Wams ! « Groß sahe der Wirt bald mich , bald den Buckligen an , ging ans Fenster und schüttelte den Kopf : » Die Kammertür war nicht verriegelt . Wo ist denn der dritte ? « Er ging , und wir folgten . Pomponius lag in seinem Bett und schnarchte . » He , Pomponi ! « rief der Bucklige . - » Halt ' s Maul ! « grunzte jener und wälzte sich auf die andere Seite . Aber den Wasserkrug ergriff der Bucklige und taufte den widerspenstigen Kameraden , daß er prustend aus dem Bette sprang . » Bist närrisch , Schrepfeisen ? « - » Nein , aber bestohlen ! « Und wir berichteten , was geschehen . Der Wirt indessen schaute im Gemache umher , prüfte das Fenster und durchstöberte die Betten , als könne hier der Spitzbube seine Beute verborgen haben . Dem Pomponio schien des Wirtes Gebaren nicht befremdlich ; bloß daß er trocken sagte : » Hier ist alles in Ordnung . « Mit Achselzucken meinte nun der Wirt zu mir : » Ja , junger Herr ! Eine böse Welt ! Sein Geld wird wohl hin sein . Drei Dukaten , ins Wams genäht , nicht wahr ? Und das Wams unterm Kopfkissen ? Hum ! Ich ahne ! « - » Was ahnet Er ? « fragte Pomponius ; der Wirt aber blickte ihn scharf an und versetzte : » Ich ahne , daß Er für alle drei Zeche und Herberge zahlen wird . « - » Wer ? Ich ? Oho ! ... Nun ja doch ! Aufs Zahlen soll mir ' s nicht ankommen . Sogar Kleider will ich den Kameraden kaufen . Schaff Er welche , Kronenwirt ! « Schweigend , von oben bis unten musterte der Wirt meine Kumpane , murmelte in sich hinein und ging . Nebst Schrepfeisen begab ich mich wieder in unsere Kammer und setzte mich ratlos auf mein Bett , während jener behaglich nochmals in die Federn kroch . Seinen Verlust hatte er bereits verschmerzt ; denn er hub ein meckernd Lachen an : » Hehe , Lehrgeld war das ! Hehe , nicht mehr gegreint ! Heute verloren , morgen gewonnen ! Wahrlich , Johannes , ich verspreche Ihm einen halben Dukaten Tageslohn , so Er als Apotheker mir und dem Pomponio Dienste leistet . Morgen beginnet der Markt in Jung-Bunzlau . Da werden wir als ruhmreiche Heilkünstler auftreten und aus Rindsschmer Gold machen . Ist Er dabei ? Nicht ? Na , was will Er denn sonsten beginnen ? Ist ja kahl wie ein abgehäuteter Esel , hat nicht mal Lumpen , seine Blöße zu decken , und seine Zeche muß der Pomponius zahlen . Nun freilich , das tut der Pomponius aus Kameradschaft . Er aber , Johannes , sollte doch darauf sinnen , wie Er ' s dem guten Pomponio vergelte . Den Teufel auch , umsonst ist der Tod . Gläubet Er etwan , daß ihm die Kleider gehören , so ihm der Pomponius durch den Wirt besorgen läßt ? Nur geliehen sind sie , und so Er sie nicht wieder hergeben will , bleibt Ihm schon nichts übrig , als mit uns zu halten . Siehet Er das ein , hehe ? « - Ich schwieg eine Weile , und fragte kläglich : » Und ich soll an jedem Markttag einen halben Dukaten haben ? « - » Freie Herberg und Zeche dazu ! « versicherte Schrepfeisen . - » Nun , wohlan ! So will ich Euer Gehilfe sein . « - » Brav ! « erwiderte Schrepfeisen ; » was Er zu tun hat , will ich Ihm gleich sagen . Wir haben Salben zum Verkauf nötig , Mixturen , Latwerge , Pflaster , Pillulen . Alles muß Er täglich bereiten . Die Leute reißen sich darum , wie Enten um ausgeschütteten Unflat . « - » Doch wie soll ich als Anfänger in der Apothekerei die Medikamente zustande bringen ? « - Der Bucklige lachte : » Rindstalg mit Wachs und etwas Würze , Brotküglein mit Zimmet , Bier oder Tinte vermischt . Und wenn ich nichts als Hühnerdreck hätte , ich wollte dem dummen Volk eine Salbe bereiten . « - » Machet solche Salbe allein , « sagte ich ungehalten ; » dazu bedürfet Ihr keines Dritten . Ich wenigstens möchte ein echter Heilkundiger werden , nicht ein Quacksalber . « - » Hoho ! « brausete Schrepfeisen auf . » Will Er die Nase hochhalten , da Er doch Ursach hätte , fein demütig zu sein ? Mit berühmten Heilkünstlern hat Er zu tun , und wenn ich sage , daß man dem Volke Hühnerdreck aufschmieren könne , so meine ich nur , daß es leichtgläubig ist , und daß wir uns seine Leichtgläubigkeit zunutze machen könnten . Mitnichten aber will ich unsere Medikamenta schlecht machen . Einfach zwar sind die Verrichtungen , so wir von Ihm , Johannes , erwarten ; indessen tun wir zu den Salben , Mixturen und Pillulen stets etliche Tropfen von einem Lebenswasser , das in heimlicher Kunst bereitet und tausendfach erprobt ist . « Obwohl mir auch nach dieser Beschönigung die Sache nicht richtig vorkam , ward ich doch den Quacksalbern gefügig . Allzusehr schon hatte ich mich mit ihnen eingelassen und durch den abends genossenen Wein mein Gewissen wie meinen Verstand benebelt . Wie ich nun , gleichermaßen auch der Bucklige , Gewand erhalten und mich bekleidet hatte , gingen wir zur Wirtsstube hinab , wo drei Teller mit Morgensuppe dampften . Pomponius bezahlte den Wirt , und wir setzten unsere Wanderung fort . Noch vor Abend waren wir in Jung-Bunzlau , wo auf dem Ringe Buden gezimmert wurden . Meine Begleiter ratschlagten , welcher Stand für unsern Warentisch am besten geeignet sei , und der listige Schrepfeisen tat den Vorschlag , mit dem Lammwirt ein Abkommen zu treffen , daß wir neben seiner Tür unsere Waren auftischen durften . Da Pomponius reiche Zeche machte , war ihm der Wirt gefällig , und nun gingen wir an unsere Geschäfte . Einen Teil seines Kellers gab der Wirt zum Laboratorio her . Von Steinen ward innen eine Feuerstätte errichtet , und meine Kumpane kauften Töpfe , Tiegel , gegerbte Felle , aus denen Pflaster gemacht werden sollten , Phiolen , auch Mehl , Zucker , Zimmet , getrocknete Kräuter , Wachs und Rindstalg . Schrepfeisen brachte noch eine Flasche mit himmelblauer Flüssigkeit und sprach wichtig : » Hier vertraue ich Ihm unser Lebenswasser an . Tut Er in jeglich Medikamentum etliche Tropfen davon , so ist es sicher heilsam . « Nun hub ein Schmelzen und Sieden , Mörseln , Schmieren und Pillendrehen an , und bald stank das Laboratorium nach verbranntem Fett . Schrepfeisen mahnte zur Eile und gab auf meine Frage , wie dies oder jenes zu bereiten , halben Bescheid unter meckerndem Lachen . Als ich das Laboratorium verlassen durfte , war ich mißmutig , Schrepfeisen aber rieb sich die Hände ; denn viele Tiegel , Phiolen und Latwerge waren zum Verkauf fertig , auch für das Auge einladend , die Gefäße mit buntem Papier beklebt , die Pillulen versilbert und in Schächtelchen verpackt . An diesem Abend hielten wir uns vom Trinken zurück , um andern Tages frische Kraft zu haben . Schon in der Frühe ward ich wach vom Lärmen , so auf dem Marktplatz erscholl , wo man die letzten Hammerschläge tat , mit Handwagen Waren herbeischleppte und die ersten Käufer durch schreiendes Ausbieten herbeilockte . Wir hatten aus Brettern eine Erhöhung gezimmert und darauf einen langen Tisch gestellt , wo unsere Medikamenta prangten . An der Mauer des Gasthauses war ein Thron für den Doctorem Schrepfeisen . Beim Trödler hatten meine Kumpane sich auffällig ausstaffieret , auch eine Kriegstrommel und eine Laute erworben . Wie nun der ganze Kram in Ordnung war , begab sich jeder auf seinen Posten , ich also hinunter in mein Laboratorium , wo das Schmelzen und Stänkern von neuem losging . Von oben aber scholl des Pomponii Marktschreierei . Da ich mittags die Lücken der Warenauslage ergänzen mußte , fand ich Gelegenheit , meine Verbündeten bei ihrem Gefecht zu beobachten . Kopf an Kopf drängten sich Gaffer um den Stand , und stolz wie der Gott Hippokrates thronte Schrepfeisen , angetan mit Lockenperücke und scharlachenem Mantel , auf der Nase eine Hornbrille . Dunkelrot im Gesicht , rührte Pomponius die Trommel , als solle ganz Böheim zum Aufruhr erwachen . Und wie sahe der Kerl aus ! Unter dem mächtigen Federhute wallten schwarze Locken über einen gefälteten Kragen , der sich wie ein Wagenrad um den Hals legte . Das Wams war von grasgrünem Sammet , mit Silber verscharmieret , über den Rücken hing ein buttergelber Mantel . Aus den Saiten zupfte er ein Präludium und sang wie ein Possenreißer : » Die Weibgen mit den Flöhen Hant ewiglichen Krieg . Wie hetzen sie und spähen , Daß man die Flöh ' erschlüg ' ! Und hätt ich allweil baren Ein Gulden in der Hand , So oft die Weibgen fahren Noch Flöhen unters G ' wand , Zwölf Kisten tät ich nageln , Zu bergen meinen Zoll , Die sollten täglich hageln Von Gulden krachend voll . « Weil des Gelächters ein reicher Tribut kam , warf sich Pomponius auf den Hauptteil seiner Rolle . Wie eine Posaune dröhnte sein Ausrufen : » Jawohl , jawohl , jawohl ! Flöhe , Läuse , Wanzen - die nennt ein jeder sein - sie zwicken uns den Ranzen - wie heiße Höllenpein . Doch da kommt der famose , gloriose , hochberühmte Medikus , Herr Doktor Schrepfeisen , nach Jung-Bunzlau und vertreibt alles Geziefer mit dieser Mixtur , aus Würzlein und Kräutlein des Landes Arabia kunstreich bereitet . Etliche Tropfen ins Gewand gesprengt , ins Hemd oder Bett , betäuben und vergiften das ganze Floh- und Wanzengeschmeiß . Aber wir haben hier noch andere Raritäten : Pillulen wider harten Leib , Pflaster für Gliederweh und Husten , wie wir denn alle Gebreste heilen oder doch zu lindern wissen . Da ist insonderheit diese Wundersalbe . Schauet her , Leute ! Hier hab ich ein irden Büchslein voll . Zum Einreiben der kranken Glieder und ein wahrer Lebensbalsam . Euch ist bewußt , ehrbar Publikum : Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde , am letzten Tage aber hat er den Menschen gemacht . Drum bezeugen alle Gelahrten , daß des Menschen Schmalz alle andern Schmälze übertrifft , so wie Gold weit mehr wert , denn Zinn oder Blei . Wenn ich nun diese Wundersalbe mache , so nehm ich erstlich dazu Menschenschmalz , danach Wachs , das haben die Bienen des heißen Landes Afrika aus denen afrikanischen Blüten gesammelt . Drittens nehm ich dazu Sankt Johannisöl , fleußet im Lande Thucia aus den harten Steinfelsen durch wunderbare Schickung Gottes . Endlich brauch ich das oleum popoleum oder Schmalz einer wilden Katze , die schläft auf dem Schweizergebirg von Sankt Gallen bis Sankt Jörgentag und wird davon so feist , daß , wer es nicht mit eigenen Augen gesehen , meinen sollte , das wäre alles erlogen . Summirum summarum , ich nehme das Kräutlein Herba , gewachsen im Lande Regio auf dem Berge Mons , am lieblichen Wasser Aqua , im Monat Mensis . Daraus hat meine Salb ihre wunderbarlichen Kräfte , und ich will nicht ehrlich sein , so mir jemand im ganzen Römischen Reiche die Salbe nachmachet . Herbei denn , alt und jung , Mann und Weib ! Kauf in der Zeit , so hastu in der Not ! Und wenn die Gesunden tüchtig mit der Salbe schmieren , so kann ihnen keine Krankheit an den Leib . Kaufet , kaufet , das Salbenbüchslein für 5 Gröschel ! Ich hab auch kleinere , die kosten drei . Dahier , wer will ? « Und es streckten sich gleich fünf , sechs , sieben Arme aus , die Toren gaben gläubig ihre Groschen . Hatte nun Pomponius eine Gattung von Medikamenten unter die Leute gebracht , so fing das Getrommel wieder an , und stets aufs neue vernahm ich das Geträller » Die Weibgen mit den Flöhen . « So ging es Tag für Tag ; am vierten aber war ich von meinem Gewerbe derart angewidert , daß ich mich von den saubern Kumpanen scheiden wollte . Doch wie ich beim Nachtmahl mit meiner Absicht herausrückte , fielen Pomponius und Schrepfeisen mit wilder Beredsamkeit über mich her . Rasselten mit dem eingenommenen Gelde und meinten , das Geschäft gehe über Erwarten gut . Wie ich den mir zukommenden Lohn forderte , wollten sie nicht damit herausrücken und machten geltend , ich wolle sie im Stich lassen . Schließlich kamen wir überein , ich solle zunächst die verdienten zween Dukaten , den dritten am sechsten Tage empfahen . Da mich die Quacksalber nicht entbehren konnten , hielten sie ihre Zusage . Ich atmete erleichtert , als ich nach Schluß des Marktes im Kämmerlein meine erschöpften Glieder zur Nachtruhe hingestreckt hatte . Und wie ein Vogel aus dem Käfig schlüpfte ich in der Morgenfrühe zum Stadttore hinaus . Bei der ersten Rast im Walde wollte ich meine Goldstücke ins Wams einnähen und holte sie herfür . Sie ersetzten die in Turnau mir entwendeten Dukaten , sahen auch nicht minder blank aus . Indessen schien ein ekler Geruch daran zu haften , und sie weckten peinliche Erinnerung . Hingegen gemahnten jene anderen Dukaten , die mir Beate ins Wams eingenäht hatte , an meine guten Eltern und den Oheim , an ehrliche Arbeit , Sparsamkeit und treue Fürsorge ... Doch was war das ? Wie ich meine Dukaten so betrachte , sind es genau