Wie amüsieren mich Eure langen Gesichter , wenn Ihr von dieser Impietät hört , wie man in voller Glut von einem Weibe zum andern laufen , jetzt diese , eine Viertelstunde später jene umarmen könne . O Ihr armen Leute ! Wie können die Bettler den reichen Mann begreifen , der links und rechts ohne Not Gold spendet ? Ich habe Leben für eine Million , komme Million und liebe mich ! Wie sollt ' ich geizen ? Euer gewöhnlicher Don Juan ist ein liederlicher sinnlicher Wicht . Aber weil Ihr einmal wißt , daß den der Teufel holt , so haltet Ihr jeden für des Teufels Beute , der nur zufällig ein ähnliches Wams trägt wie Euer Opernheld getragen . Ich wollt ' es dem armen Teufel nicht raten , sich an mich zu wagen ; der Teufel ist der Tod , ich erdrücke ihn in der Fülle meiner Lebenskraft . - Genug , ich will zu Ende . Die schöne Fürstin war so leise eingetreten , daß ich sie nicht bemerkt hatte , ich phantasierte über die Formenschönheit mit Ardinghello - wie eine heiße Sonne trat sie plötzlich vor mein Lampenlicht . Eine Million lebte eben in mir , ich riß sie in ihrem weichen Nachtkleide zu mir nieder , ich erwürgte sie fast . » Laß mich einen Augenblick los « - flehte sie . Als sie frei war , sprang sie durch die Tür , ich ihr nach . Sie war verschwunden . Mitten im nächsten Zimmer sah ich mich um , sie schloß eben sorglich die Tür , hinter deren Flügel sie sich einen Augenblick versteckt hatte . » Der Fürst könnte zurückkehren , « - sagte sie - » und es fällt ihm zuweilen , meinem Schwager aber oft ein , sich selbst ein Buch suchen zu wollen . « Wir gingen in ihr Schlafzimmer , es ist verführerisch wie ein anakreontisches Gedicht . Eine nur angelehnte Tür führte zu einem Badezimmer ; ich küßte einen Augenblick Abschied auf Mund und Busen meiner Konstantie , warf die leichten Kleider von mir und tränkte meine durstigen Glieder mit der weichen Welle . Es ist dies etwas , was Ihr Deutschen durchaus nicht lernen wollt , daß das viele Baden etwas Reizendes sei . Ihr rauhen Bären Germaniens , die Ihr vom Urzustande doch übrigens nichts als das rauhe Fell behalten habt , wo drei Schläge auf einen Fleck fallen müssen , ehe Ihr einen fühlt , begreift ' s nicht . Das deutsche Weib , ja selbst der deutsche Jüngling weint sich windelweich , weint sich aus , wenn er einen neuen Menschen anziehen will , der südliche badet , und erfrischt , geschmeidig , geläutert tritt er an die Luft , für deren Balsam er tausend neue Organe geöffnet hat . Das Bad ist ein Hauptakt der körperlichen Zivilisation ; schon in Frankreich findest Du in jedem einfach eingerichteten Hauswesen ein Badezimmer , in Deutschland keines in dem besteingerichteten . Ich verlange nicht den Reichtum des Südens darin , denn natürlich drängt dort das Klima mehr dazu ; ich verlange nur das Aneignen des reinigenden Elements . Die üppigen Thermen der Griechen und Römer bekunden heut ' noch in ihren Trümmern , welchen Wert man auf diese Sitte gelegt . Geist und Gemüt entfalten sich behaglicher in einem Leibe , der aus dem Bade steigt , eine reinere frischere Sinnlichkeit hüpft durch die erregten Adern - aus dem Meere hoben die Griechen ihre Liebesgöttin , die strahlende Aphrodite . Das Wasser ist ein geistigeres Element als die Erde , man fühlt sich höher , edler , wenn man die Glieder aus den Fluten hebt . Darum lob ' ich die mehr und mehr überhandnehmenden Schwimmanstalten in Deutschland . Die Polizei sollte an den Toren darauf sehen , daß die Einpassierenden erst in den Fluß gingen , ehe sie in die Stadt kämen ; statt die im Zimmer verkümmernden deutschen Bürger allsonntäglich wie die Herde zum nutzlosen Geschwätz eines Pfaffen zu schicken , würd ' ich sie ins Wasser jagen , damit sie die trägen Flügel schütteln lernten wie die Vögel , die sich auch baden , obwohl sie in reinerem Elemente verkehren als wir . Deutschland hat die gründlichste Ästhetik ediert , und die Ästhetiker holen die Regeln aus dem Bücherstaube und schreiben ungewaschen über Schönheit . Es hat mir den Anblick manches zärtlichen Liebespaares verleidet , wenn ich daran dachte , daß beide vom Baden nichts wüßten . Man soll den Körper pflegen wie die Frucht , deren Saft unsere physischen und geistigen Teile stärkt und nährt . Deutschland geh ' ins Bad . In der Mitte des Juli . Das Papier ist gelb geworden ; ich habe das Schreiben lang liegen lassen . Du weißt , daß ich immer das künstliche Leben dem natürlichen nachsetze . Es gibt aber hier viel zu leben . Davon will ich Dir später erzählen ; erst rasch meine Geschichte bis zur Ankunft auf Grünschloß beendigen . Wenn ich auch an den Bildern mehrerer Jahre vorübergehe , Konstantie bleibt das schönste Weib , das ich gesehen . Linie , Muskel , Form , Auge , Wort , Geist , Gefühl - alles ist straff an ihr ; sie ist der Gedanke eines Mannes , der weibliche Form gefunden . Es hat mich nie ein Weib mit solcher Energie umarmt und geliebt als Konstantie in jener Nacht . Ich liebe diese Kraft am Weibe über alles ; das Weiche , Vergehende , Ergebene gewährt mir zu wenig Widerstand . Ich gehe noch einen Schritt weiter als Valerius , der ebenfalls Kraft und Stärke des Weibes bevorzugt , ich liebe sogar die Strenge der Form , des Geistes und des Gemüts . Vielleicht sind solche Weiber der Übergang zur griechischen Knabenliebe . Als Konstantie des Morgens erwachte , war nichts von jener Scham , welche der Tag so oft über die Freuden solcher Nächte gießt , an ihr zu entdecken ; sie umarmte mich beim Tageslichte so glühend , wie sie beim Lampenschein getan . Ich mußte den Tag über in jenen Gemächern bis zum Balkon bleiben , weil ich nicht leicht unbemerkt fortkommen konnte . Konstantie war für die Welt krank und speiste auf ihrem Zimmer . Wir lebten wie goldene Vöglein im Käfig . Als die zweite Nacht zu schwinden begann , verließ ich sie erst - ein großer Tränentropfen der Wollust und des Schmerzes , der einzige , den ich je in den stolzen südlichen Augen gesehen , erweichte ihren Blick , als sie an der letzten Tür von mir schied . Wir hatten verabredet , daß ich ihre Salons fleißig besuchen sollte . Wenn sie mich italienisch fragte : » Wie leben die Poeten ? « so war dies ein Zeichen , daß mein Schlüssel gefahrlos zu ihr führte . Daheim fand ich einen Brief Desdemonas , ein duftender Zweig aus einem indischen Walde . Ich schrieb ihr innig zurück und ritt dann in das duftende Land hinaus . Es hüpfte ein karger Frühling über die deutschen Felder , aber es war doch ein grüner Junge mit frischem Atem ; ich vergaß die springende Jugend Spaniens und ritt immer weiter und weiter . Erst nach mehreren Tagen kam ich zurück . Wieder lag ein Stück Himmel Desdemonas auf meinem Tische , daneben eine trockene Einladung zur Soiree beim Fürsten . Ich ging hin , aller sogenannte Adel der Stadt und Umgegend hatte sich geputzt eingefunden , sie machten alle ernsthaft ihre Kapriolen und spielten ihre Puppenkomödie aufs beste , d.h. ohne allen Geist . Wie sie sich gefreut haben mögen , als sie nach Haus gekommen sind , jeder auf seine Weise , der eine , daß er sich keines Schnitzers im Französisch-Plappern erinnerte , der andere , daß der Fürst ihn auf die Schulter geklopft und versichert habe , er sei noch ganz derselbe wie 1806 , der dritte , daß er niemand auf die Füße getreten , auch nicht gefallen sei , die erste , daß sie das zweite Paar im Kotillon und was dies Geschmeiß der Zivilisation dergleichen schwatzt . Der Adel als Begriff und Masse ist wirklich in heutiger Zeit , wie Valerius sagt , ein Indianerstamm , dessen Farbe europäisch geworden , dessen Charakter aber wild geblieben ist . Die späteren Historiker werden unsern Adel als naturhistorische Merkwürdigkeit aufführen . Die Fürstin war so umlagert , daß ich nicht zu ihr konnte . Aber wo wäre ein Mann so klug wie ein Weib . Beim Kontertanz stand sie plötzlich mit ihrem Tänzer neben mir , und ich hatte es kaum gesehen , als ich auch schon die Frage nach den Poeten beantworten mußte . Sie tanzte mit ihrem Schwager . Er sah sehr ernsthaft aus und maß mich mit stolzen Blicken . Meine lange Gestalt machte ihm viel zu schaffen , er schien nicht einig zu werden über das Maß und fing immer wieder von neuem an . Da ich dort nichts übelnehmen konnte , so lachte ich , das machte ihn noch ernsthafter . Konstantie ignorierte mich - alles flüsterte , sie sei nie so schön gewesen . Ein Weib kann noch so schön sein , die Liebe macht sie doch erst reizend . Die Nacht kam und ging , ich mit ihr . Dieselben Szenen wiederholten sich ; Konstantie , die früher nur auflodernd heiß gegen mich war , wurde von Tag zu Tage wärmer , der männliche Tau schien mehr und mehr von ihr abgestreift zu sein , das Weib war durch und durch erweicht , sie ward mit Blicken und sanften , lind schmeichelnden Worten freigebiger und unvorsichtiger gegen mich . Die Eifersucht aber ist das Bild des alten Argus , sie sieht das meiste . Ihr Schwager ging wie ein Tiger umher ; das hätte dem hypochondrischen deutschen Jünglinge die Freude verdorben , die meine erhöhte es . Die Poeten waren des Abends daran gewesen , ich stand gegen Mitternacht auf dem Balkon . Als ich eintrat , fand ich Konstantien nachdenklich , den Kopf auf den weißen Arm gestützt im Lehnstuhl sitzend . Sie trug noch das himmelblaue Sammetkleid , womit sie im Salon gewesen , hatte nur allen andern Kram von sich geworfen und die Fesseln des Kleides gelöst . Ich blieb in einiger Entfernung vor ihr stehen und betrachtete im Spiegel unser eingerahmtes Bild , Du weißt , wie ich das Schaffen von Bildern liebe . Wir schwiegen beide . Endlich hub sie an : - » Hast Du wohl verschlossen , Hippolyt ? « » Ich habe . « - » Mein Schwager sinnt ohne Zweifel Arges , und ich will lieber sterben als dem Menschen die kleinste Rache gegen mich gelingen lassen . « Dabei stand sie auf , kam zu mir , legte die Arme und das Haupt an meine Brust und sprach nichts mehr . Plötzlich ging sie und schloß auch die Tür ihres Schlafgemachs , was sonst nicht geschah , da die Bibliothek von uns aus verschlossen war , und von dieser Seite keine andere Tür zu uns führte . Ich lachte und küßte sie . Nach Verlauf einer halben Stunde schrak sie in meinem Arm auf , hielt mir den Mund zu und lauschte . » Es ist Geräusch in der Bibliothek - man schlägt drüben an die Tür . « - Wir horchten beide - es war so . » Auf , Hippolyt ! « Ich schickte mich eiligst zur Abreise an und fragte lachend : » Wo hinaus ? « Sie führte mich hastig ins Badezimmer und deutete auf ein an der oberen Wand in tiefer Nische angebrachtes rundes Fenster mit bunten Gläsern . » Kannst Du ? « - fragte sie . » Ich muß . « - Ein Stuhl ward herbeigebracht , ich sprang an ihm in die Höhe und klammerte mich in der Nische fest , wo ich zusammengekrümmt mit entsetzlicher Mühe das Fenster aus seinen Angeln brach , denn es war nicht zum Öffnen eingerichtet . Ich reichte es Konstantien hinunter , sonst hätte ich ' s beim Hinunterspringen in den Hof mit hinabgerissen , da der Raum zu eng war . Was sie damit gemacht hat , weiß ich nicht , sie wollte nur mich entfernt haben , alles übrige aber ohne Mühe dann vertreten . » Es stürmt heftig , « gab ich ihr noch als Notiz in die Hand , sie warf mir den letzten Kuß zu , ich sprang hinunter . Der Sprung war ein mäßiges Stockwerk hoch und führte in einen Seitenhof , wo glücklicherweise statt der Steinplatten Rasen war . Es krachten alle Knochen in den Gelenken , jedoch die Elastizität meiner gesunden Glieder spottete der Erschütterung . Das Geräusch hatte aber den großen Hund des Palastwächters herbeigelockt , ich stand kaum auf den Beinen , so kam er brüllend auf mich eingesprungen , setzte an mir in die Höhe und schlug Schnauze und Rachen an meine Brust . Ich hatte Eile , spannte all meine Muskeln , würgte ihm den Hals zusammen , daß ihm der Atem benommen ward und stieß seine Schnauze so heftig , als ich konnte , an die Mauer . Das Ringen seiner Glieder hörte auf , schlaff streckten sich die Pfoten , er war halb erdrosselt , das Blut schoß aus dem Rachen . Da hört ' ich das kommende Nahen des Wächters - ich mußte fort , den Hund drückte ich auf die Erde , ließ ihn einen Augenblick los und trat ihn , der fast regungslos war , den Fuß mit dem ganzen Gewicht des Körpers auf den Kopf . Das Terrain kannte ich , über eine kleine Mauer springend , gelangte ich in den Garten und jagte unter den Bäumen hin nach meinem Pförtchen . Doch konnte ich meine Neugier nicht bezwingen ; ich mußte mich nach dem Balkon und dem Eingange , der zur Bibliothek führte , umsehen . Die Tür war offen , man irrte mit Lichtern in den Zimmern umher - es hatte das Ansehen , als suche man einen Spitzbuben . So war ich , mit dem Gesicht nach dem Palais zugekehrt , in die Nähe des Pförtchens gekommen , jetzt kehrte ich mich nach diesem um und ward nicht wenig überrascht , als ich eine Gestalt vor der Tür auf und ab gehen sah und hörte . Es war sehr dunkel , man konnte nichts genau erkennen - » Wer da ? « rief ' s - ich meinte Livreestreifen am Kragen des Wächters zu sehen und wagte es auf gut Glück , die Stimme des Schwagers vom Fürsten , rauhe tiefe Baßtöne , nachzuahmen , dem wachstehenden Manne zuzurufen : » Du kannst gehen - es ist vorbei , « und mich wieder einige Schritte nach rückwärts zu wenden , als kehrt ' ich zum Palais zurück . Es glückte wirklich , der Mensch murmelte etwas Unterwürfiges in den Bart , und fragte , ob er das Pförtchen schließen solle . In diesem Augenblicke kamen Menschen vom Balkon her . - » Nein , « herrschte ich ihm zu . Der Narr zögerte noch immer , ich mußte fort und konnte nicht an ihm vorüber ohne erkannt zu werden , die Leute kamen direkt auf uns zu . » Pack Dich , « gurgelte ich endlich nach dem Lästigen hin ; er ging , ich kam hinaus . Kaum drei Schritte entfernt , hörte ich den Ruf der richtigen Baßstimme : » Andreas « - aus der Ferne gibt der Diener Antwort und kommt zurückgeeilt . Ich aber springe nun auf den Zehen eiligst von dannen , bis ich die Promenade erreiche . Da schüttle ich die Ereignisse von mir und schlendre auf einem weiten Umwege nach meiner Wohnung . Es schlug eins . Eben wollte ich aus der Vorstadt in die Hauptstraße , wo ich wohnte , einbiegen , als ein Mann aus dem Schatten einer Haustür vorspringend mit blankem Degen mich anfällt . Ich springe rasch auf die Seite , der mit aller Wucht des Körpers geführte Stoß fährt vorbei , und eh ' der Bewaffnete Zeit gewinnt , von neuem auszufallen , bin ich ihm am Leibe und dränge meinen Arm in die neu ausgeholte Degenbewegung . Der Degen schneidet zwar in meinen Arm , aber die Waffe ist doch zur Hälfte gelähmt , und mit aller Kraft seinen Arm in die Höhe drängend , gelingt es mir , ihm den Degen durch einen heftigen Stoß bis ins eigene Gesicht zurückzuschlagen , und da er mit dem Kopfe zurückfährt , ihm selbigen in diesem Augenblicke seiner Bestürzung und rückwärts gebeugten Haltung zu entringen . Bei diesem Ringen entfällt ihm der Mantel , ich erkenne Konstantiens Schwager . Eine Berserkerwut kam über mich , einen Augenblick wollte ich ihm mit der eigenen Klinge den Wanst durchrennen . Er drängte sich aber schnell genug an mich , als ob er sich solch eines Aktes versehe , und verhinderte mich dadurch . Ich sprang einen Schritt zurück und hieb ihm die schmale Klinge durchs Gesicht . Vielleicht war der Hieb über ein Auge gegangen : er taumelte rückwärts . Ich stieß ihn mit der Faust vor die Brust , daß er klirrend und dröhnend rücklings auf das Pflaster schlug . Den Degen bog ich heftig gegen die Steine , daß die Klinge sprang , das Gefäß mit dem Stumpf warf ich weit in die Straße , und ging zurück hinaus in die Vorstadt , da ich die Nachtwächter kommen hörte . Es war kein Wort gesprochen worden , im Dunkeln , lautlos vergossen wir unser Blut . Ich war wieder jenseits der Promenade in die Gartenstraßen geraten , mein Arm erstarrte und schmerzte , ich hatte mir auswendig über den durchschnittenen Ärmel das Taschentuch festgebunden , um das Blut zu hemmen . Desdemonas Haus war in der Nähe ; ich sprang über den niedrigen Gartenzaun und klopfte an das Fenster ihres Schlafzimmers . Ich hatte damals durch die offene Tür gesehen , daß sie neben jenem Zimmer schlief , wo sie Klavier spielte . Durch den Fensterladen hörte ich Geräusch . Um ihre Angst vor Dieben und dergleichen zu verscheuchen , sprach ich meinen Namen durch die Ritzen hinein . Ein leiser Schrei , und es ward geöffnet . Desdemona war im bunten türkischen Schlafrocke mit aufgelöstem Haar . Sie hatte diesen Abend die Lady Macbeth gespielt , noch erhitzt davon hatte sie keinen Schlaf gefunden , und im Shakespeare und meinen Briefen gelesen . Sie legte ihre Hände auf meine Arme und fragte mild : » Willst Du herein ? « Entsetzt fuhr sie zurück , sie hatte in das kalte Blut gegriffen , das auf meinem Ärmel lag , und ich parodierte pathetisch die Lady : » All the parfums of Arabia shall not sweeten this little hand . « - Desdemona verging fast vor Schmerz über mein Blut ; ich mußte eilen hineinzusteigen , um sie zu beruhigen . Sie war aufgelöst und weinte unaufhörlich . Es war , als ob ein nächtlicher Sommerhimmel warm regne . » Unglücklicher , was ist dir geschehen ? « Mein Lachen tröstete sie noch immer nicht . Ich riß mit einigem Schmerz den Rock herunter , wir wuschen das Blut ab , und es zeigte sich zu meiner Freude und ihrem Entsetzen eine tiefe lange Fleischwunde . Ich beruhigte sie mit Mühe , daß das gar nichts zu sagen habe und nichts als eine kleine Narbe bringe . Ihre Tränen fielen heiß darauf , und kaum hielt ich sie vom fortwährenden Küssen der Wunde ab . Sie riß alle Schübe auf , und brachte Linnen und allerlei Verbandzeug . Unter immerwährenden Fragen , » ach , es schmerzt dich wohl sehr ? « » Ach , mein armer Hippolyt ! « verband sie den Arm , und wollte gar nicht daran glauben , daß ich wohl und munter sei . Ein wenig erschöpft war ich doch und streckte mich aufs Sofa , Desdemona kniete vor mir , und strich mir die verwirrten Locken von der Stirn und den wirren Bart vom Munde , und küßte mich sanft wie ein warmer schmeichelnder Luftzug . Sie sah rührend aus . Der bunte Rock stach so wunderlich ab von der stillen Trauer , die über ihr ganzes Wesen gegossen war , von dem schneeweißen Halse und der Brust , die wie stets gleichmäßige Ruhe unter den Freuden der bunten Blumen des Rockes lag . Das glänzend schwarze , geringelte Haar schaukelte sich wie eine Nacht der Poesie auf den schimmernden Bäumen des Südens . Das blasse Gesicht mit den weichen Zügen , die schmerzlichste , rührendste , tragische Maske , die je ein Maler gebildet , worauf die bezauberndste Trauer ruhte , sah so durchweichend , teilgebend in mein Antlitz , daß alles sinnliche Leben zum ersten Male diesem Weibe gegenüber aus meinen Adern wich . Die kleine weiße Hand tändelte wie arabischer Wohlgeruch auf meinen Zügen herum . Desdemona war das Weib des reizendsten Sterbens , und da ich ein Mann des Lebens bin , so ward unsere Vereinigung darum vielleicht so wunderlich , so tödlich - ich weiß es , Desdemona wird nie einen Mann nach mir lieben . Sie legte sich wie ein süß schmerzlicher Traum in meine Arme , der stehend bat , ihn nicht zu verscheuchen . Ich sollte ihr erzählen , was mir begegnet sei . Die kleinlichen Winkelzüge der platten Glücksritter hasse ich ; dieser Seele gegenüber , die mit offenem blutenden Herzen immer wahr vor mir lag , hätte ich das Schrecklichste nicht verschwiegen : ich erzählte ihr lächelnd mit Weglassung der Namen - alles . Das Zuhören dieses Weibes bekundete eine Liebe , wie ich sie auf dieser Welt noch nicht gesehen . Nicht die flüchtigste Entrüstung flog über das schöne Gesicht , ja sie lächelte mit , wenn ich in meiner Erzählung mich freute , und als ich zu End ' war , hielt sie mir die Augen zu und sagte : » Es kann mir doch niemand wehren , dich zu lieben . « - Das überwältigte meinen harten Menschen . Das Wasser trat mir in die Augen , zum ersten Male , seit ich vor zehn Zähren in Valencia von meiner Mutter schied ; ich schlug meinen gesunden Arm in ihr offenes Kleid und preßte ihre Schulter zu mir und hob mit dem andern Arme ihr Gesicht an das meine , und küßte sie , daß wir beide zitterten . » Hippolyt « - stöhnte sie - » mein Engel , dein Arm , dein Arm ! « Und als ich ihre Schulter leiser faßte , da sank sie mit dem Haupt an meine Brust und sah zu mir auf und lächelte wie ein sterbender Engel und sagte : » Das ist der Himmel , du meine Seele . « - - Laß mich aufhören , Freund , dies ist die einzige Liebesgeschichte , die ich mit Schmerz , wenn auch mit süßem Schmerz , erzähle . Sie hat mein innerstes Herz erweicht . Viele Tage und Nächte gingen vorüber , ich war auf jenem Gartenhause und saß vor ihr am Boden , und legte das Haupt in ihren Schoß , und sah in den herabschauenden Himmel ihrer Augen . Was der Koketterie , der Kraft , Größe , Schönheit nie gelungen war , das gelang der Seele dieses Weibes : ich liebte wie ein Knabe , wie ein hüpfender Jüngling . Erst eines Abends , wo sie spielen mußte , und einen Akt lang nichts zu tun hatte , kam ich in meine Behausung . Mehrere Einladungen zum Fürsten lagen da . Ich ging zurück ins Theater , ich sah nichts als jenes schwarzblaue Auge , von schweren Wimpern beschattet , das seine Millionen von den Brettern her auf meinen Mund , in meine Arme legte . Und wenn ich sie heimbrachte nach der Vorstellung , und jede Fiber an ihr doppelt lebte und ich heut ' für den und morgen für den geliebten Helden ihre verschwenderische Liebe erhielt , o Freund , da war ich glücklicher denn König Réné : mein Idyll kam mir vom Himmel , ich durfte mir nicht erst bunte Kleider dazu anziehen . Eines Tages - in unserem Bürgerleben war es Mittag und unsere kleine Mahlzeit wurde schon aufgetragen - stand ich mit Desdemona am offenen Fenster , das auf die Straße sah , nur wenige Weinranken verhinderten von außen das Hereinsehen . Ich hatte meinen Arm um ihren Nacken geschlungen , und meine Hand ruhte auf ihren Schultern - wir sahen hinaus in die grünen Gärten . Da nahten sich Reiter , eine Dame zu Pferd sah nach uns herüber - es war die Fürstin . Sie schien ihren Augen nicht zu trauen und hielt einen Augenblick ihr Pferd an . Nur einen Augenblick , dann hieb sie ' s mit der Gerte über den Kopf , daß es wild davon brauste . - Um diese Zeit traf mich die Einladung hierher nach Grünschloß ; Du kannst denken , daß ich wenig Lust dazu hatte . Ich ging noch einmal in die Gesellschaft zum Fürsten ; durch unbefangenes Fragen bracht ' ich heraus , daß der Schwager des Fürsten mit dem Pferde gestürzt sei , und krank daniederliege , daß in einer stürmischen Nacht Diebe versucht hätten , in den Palast einzudringen usw. - Die Fürstin war nicht da , man meinte , sie sei schon seit einigen Tagen unwohl und werde wohl schwerlich in der Gesellschaft erscheinen . Doch kam sie noch später . Sie sah wirklich krank und angegriffen aus . Mich behandelte sie natürlich sehr vornehm , doch entging es mir nicht , daß ihr Auge oft schwermütig auf mir ruhte , oft hastig blitzend mich suchte . Ich trat in ihre Nähe , sie war sehr zerstreut . Ich war sehr munter und aufgeräumt , und tändelte mit einem kleinen flinken Dämchen , das sich gar nicht zu gut geben konnte über das prätentiöse Wesen unserer jungen Gelehrten und Schriftsteller , die in die Gesellschaften kämen um auszuruhen , nicht um die Damen zu unterhalten . Als ich sie fragte , womit sie sich den Tag über beschäftigt habe , sah sie mich fragend an , wo ich hinaus wollte und erwiderte naiv : mit vielerlei , früh bin ich spazieren gegangen , nachmittags gefahren , und eh ' ich hierher kam , hab ' ich einen Akt in der Oper gesehen . - » Nun bedenken Sie , mein Fräulein , ob der Mann dort im Winkel mit dem jungen leidenden Gesicht recht hat : ich habe eben mit ihm gesprochen und weiß , daß er heute den ganzen Tag alle alten Rechtsgelehrten in allen Sprachen studiert hat , wie und unter welchen Verhältnissen Revolutionen erlaubt seien - daß er einen Artikel über Abschaffung der Todesstrafe geschrieben hat , aber freilich nicht spazieren gefahren und nicht in der Oper gewesen ist . Wollen Sie ihm nun nicht erlauben « - - Sie meinte , er hätte was Besseres tun können , und - ward von der Fürstin abgerufen , und mit einem Geschäft entfernt . So ging mir ' s mit einer zweiten , einer dritten , bis ich mich selbst entfernte . - Desdemona , deren tiefes Spiel , deren blutende Seele nur von den besseren Zuschauern im Theater erkannt wurde , und deren giebt ' s in den deutschen Theatern sehr wenige , ward meisthin wenig applaudiert , das hohle dreschende Volk neben ihr mit dem bestialischen Spektakel galt immer mehr ; - das war sie gewohnt und es kümmerte sie nicht . Plötzlich zeigte sich eine heftige Opposition gegen ihre Verehrer , man zischte und lärmte , wenn sie applaudiert wurde . Die Anzettelung war nicht zu verkennen , aber Desdemona litt unsäglich dabei : endlich erklärte sie , es sei ihr unmöglich , vor einem Publikum zu spielen , das sie nicht wolle , ihr Gefühl erstarre zu Eis , sie sterbe darüber . Der Direktor des Theaters , ein Einfaltspinsel , der seine Kasse gefährdet glaubte , willigte in ihre Kündigung . Desdemona ward frei ; aber mit Entsetzen sah ich , wie sie verging in der neuen Untätigkeit - sie gestand mir weinend , daß sie stürbe , wenn sie nicht spielen könne . Aber sie könne nicht von mir gehen , um ein anderes Engagement , das man ihr geboten , anzunehmen . Was blieb mir übrig ? Sollt ' ich das schöne innige Weib sich verzehren sehen , dessen Lebensodem die Kunst war ? Ich küßte eines Abends den Abschied auf ihr weiches Antlitz , der Mond schien zitternd durch die Blätter der Bäume , unter denen wir standen , ihr Kopf lag wie ein verbleichender Stern an meiner Brust , sie schluchzte leise , obwohl ich ihr nichts gesagt , daß es ein langer Abschied sei . Ihre zartgesponnene Seele fühlte sein wie die Mimosa , sie ging mit mir bis an die Gartentür , ihr ganzer Körper schauerte , sie war heiß wie eine Fieberkranke . Ich wollte gehen und war schon einen Schritt fort , ihre kleinen Hände hielten mich noch , sie preßte sie krampfhaft in die meine und flehte innig - » Noch einmal , Hippolyt , noch einmal küsse mich ! « Ich umschlang das liebe Wesen , sie brach in die Knie zusammen wie eine gebrochene Blume . Ich mußte sie ins Haus tragen und aufs Sofa legen . Dort lächelte sie sanft und winkte mir mit der Hand zum Gehen . Am andern Morgen ritt ich hieher nach Grünschloß - erlaß mir heute das Weitere . Ich bin nicht der Mann der Sentimentalität , aber ich bin ein Mensch - schickt mir , was ein Mensch tragen kann , ich will ' s tragen , ich hab ' s getragen . Leb ' wohl ! 14. Kamilla an Julia . Den 30. Juli . Und Sie kommen nicht und kommen nicht , Sie Schlimme , und lassen uns immer vergebens warten .