auch nicht besser als die Frommen , deren Gründe er nur für Ausreden nimmt . « » Was ist jedoch zu tun ? « fragte der Bürgermeister mit sorgenvoller Stirn . » Auf dem Weg des Zweifelns und Leugnens muß die Fähigkeit zum Guten verkümmern . « » Zweifeln und Leugnen ist es wohl kaum « , versetzte Daumer unwillig . » Gott ist kein Bewohner des Himmels , er haust nur in unsrer Brust . Der reiche Geist birgt ihn im umfassenden Gefühl , der arme wird durch die Not des Lebens seiner gewahr und nennt es Glauben ; er könnte es auch Angst nennen . In Schönheit und Freude gestaltet sich der wahre Gott , im Schaffen . Was Sie Zweifel und Leugnen heißen , ist das aufrichtige Zagen der ihrer selbst noch ungewissen Seele . Man gebe der Pflanze so viel Sonne , wie sie braucht , und sie besitzt einen Gott . « » Das ist Philosophie « , erwiderte Binder , » und zudem Philosophie , die einem Alltagsmenschen wie mir frivol klingen muß . Jeder Bauer hat für seine Ernte mit Sturm und Unwetter zu rechnen , und nur ein überheblicher Mensch kann sich einfallen lassen , von selber etwas zu gelten . Doch genug davon . Waren Sie eigentlich mit Caspar schon einmal in der Kirche ? « » Nein , ich habe das bis jetzt vermieden . « » Morgen ist Sonntag . Haben Sie etwas dagegen einzuwenden , wenn ich ihn zum Gottesdienst in die Frauenkirche mitnehme ? « » Nicht im geringsten . « » Gut , ich werde ihn um neun Uhr abholen . « Wenn sich Herr Binder eine sonderliche Wirkung von diesem Versuch versprochen hatte , so wurde er darin sehr enttäuscht . Als Caspar die Kirche betreten hatte und die erhobene Stimme des Predigers vernahm , fragte er , warum der Mann schimpfe . Die Kruzifixe erregten seinen tiefsten Schauder , weil er die angenagelten Christusbilder für gemarterte lebendige Menschen hielt . Beständig schaute er , beständig verwunderte er sich , das Spiel der Orgel und der Gesang des Chors betäubten sein empfindliches Ohr dermaßen , daß er die Harmonie der Klänge gar nicht spürte , und zum Schluß brachte ihn die Ausdünstung der Menschenmenge einer Ohnmacht nahe . Der Bürgermeister sah wohl seinen Fehlgriff ein , doch ließ er nicht ab , auf einen regelmäßigen Besuch der Kirche zu dringen , obwohl sich Caspar jedesmal hartnäckig dagegen sträubte . Wenn der Kandidat Regulein Herrn Binder seine Not klagte , erwiderte dieser : » Nur Geduld , die Gewohnheit wird ihn schon zur Andacht nötigen . « - » Ich glaube nicht « , versetzte der Kandidat darauf mutlos , » gebärdet er sich doch , als ob er sein Leben lassen sollte , wenn ich ihn zum Kirchgang auffordere . « - » Macht nichts , es ist Ihr Beruf , seinen Widerstand zu brechen « , lautete der Bescheid . Der gute , hilflose Kandidat Regulein ! Ein junges Männlein , das nie jung gewesen war und dessen Gottesgelehrtentum von so dünner Beschaffenheit war wie seine Beine . Er zitterte insgeheim vor den Unterrichtsstunden , die er Caspar erteilen mußte , und sooft ihn eine Frage in Verlegenheit setzte , was gar nicht selten geschah , verschob er die Auskunft auf das nächste Mal , wobei er sich vornahm , in gewissen Büchern nachzuschlagen , um nicht gegen die Theologie zu verfehlen . Caspar wartete treuherzig , aber in der folgenden Stunde kam nichts oder wenig . Der Kandidat , der im stillen hoffte , sein Schüler habe vergessen , erschrak und wich aus . Das half nicht ; der unbarmherzige Frager trieb ihn aus einer Verschanzung in die andre , bis das verzweifelte Argument aufgestellt werden mußte , es sei unrecht , über dunkle Gegenstände des Glaubens zu forschen . Caspar lief zu Daumer und beklagte sich bitter , daß er keine Aufschlüsse erhalte . Daumer fragte , was er zu wissen begehrt habe . Er hatte zu wissen verlangt , warum Gott nicht mehr wie in früheren Zeiten zu den Menschen herabkomme , um sie über so vieles , was verborgen sei , zu belehren . » Ja sieh mal , Caspar « sagte Daumer , » es gibt Geheimnisse in der Welt , die sich eben beim besten Willen nicht verstehen lassen . Da muß man Vertrauen haben , daß Gott eines Tages unser Herz darüber erleuchtet . Wir alle wissen ja auch nicht , woher du kommst und wer du bist , und trotzdem hoffen wir von der Gerechtigkeit und Allwissenheit Gottes , daß er uns eines Tages darüber Aufschluß gewährt . « » Aber Gott hat doch nichts damit zu tun , daß ich im Kerker war « , erwiderte Caspar sanft , » das haben doch die Menschen getan . « Und ratlos setzte er hinzu : » So ists eben . Das eine Mal sagt der Kandidat , Gott lasse den Menschen ihren freien Willen , das andre Mal sagt er , Gott strafe sie für ihre bösen Handlungen . Da werd ich ganz zum Narren . « Diese Unterhaltung fand an einem stürmischen Nachmittag Ende März statt , und Daumer geriet durch sie in eine so trübe Stimmung , daß er eine angefangene schriftliche Arbeit nicht zu beendigen vermochte . Man raubt ihn mir , man bricht ihn mir zu Stücken , dachte er . Voll Traurigkeit nahm er ein dickes Heft zur Hand , das seine Aufzeichnungen über Caspar enthielt , und blätterte drin herum . Er schrak zusammen , als seine Schwester ziemlich hastig eintrat , noch mit Pelzkappe und Umhang , wie sie von der Straße kam . Ihr Gesicht verriet Aufregung , und sie wandte sich mit der schnell hervorgestoßenen Frage an Daumer : » Weißt du schon , was man in der Stadt spricht ? « » Nun ? « » Man erzählt sich , Caspar Hauser sei von fürstlicher Abkunft , ein beiseitegeschaffter Prinz . « Daumer lachte gezwungen . » Das fehlte noch « , entgegnete er abschätzig . » Was denn noch alles ! « » Du glaubst nicht daran ? Das hab ich mir gleich gedacht . Aber woher mögen solche Gerüchte stammen ? Irgend etwas muß doch dahinter sein . « » Gar nichts muß dahinter sein . Sie schwatzen eben . Laß sie schwatzen . « Eine halbe Stunde später erhielt Daumer den Besuch des Archivdirektors Wurm aus Ansbach . Es war dies ein kleiner , etwas verwachsener Mann , der nie lächelte ; es hieß von ihm , daß er sehr befreundet mit Herrn von Feuerbach und die rechte Hand des Regierungspräsidenten Mieg sei . Von ersterem bestellte er Grüße an Daumer und sagte , der Staatsrat werde in allernächster Zeit nach Nürnberg kommen , er beschäftige sich angelegentlich mit der Sache Caspar Hausers . Nach einem kurzen , wenig belangvollen Hin- und Herreden griff der Archivdirektor plötzlich in die Rocktasche , brachte ein kleines broschiertes Buch zum Vorschein und reichte es wortlos Daumer . Dieser nahm es und las den Titel : » Caspar Hauser , nicht unwahrscheinlich ein Betrüger . Vom Polizeirat Merker in Berlin . « Daumer besah das Büchlein mit feindseligen Augen und sagte matt : » Das ist deutlich . Was will der Mann ? Was ficht ihn an ? « » Es ist ein gehässiges Pamphlet , tritt aber höchst plausibel auf « , erwiderte der Archivdirektor . » Es sind da mit Fleiß und Geschick alle Verdachtsgründe , die schon längst in mißtrauischen Gemütern spuken , gegen den Findling zusammengetragen . Der Verfasser prüft alle Angaben Caspars auf ihre Verdächtigkeit hin , auch gibt er Beispiele aus der Vergangenheit , wo ähnliche Lügenkünste , wie er sich ausdrückt , zu verspäteter Enthüllung gelangt sind . Sie , lieber Professor , und Ihre hiesigen Freunde kommen dabei nicht zum besten weg . « » Natürlich , kann ich mir denken « , murmelte Daumer , und mit der flachen Hand auf das Buch schlagend , rief er aus : » Nicht unwahrscheinlich ein Betrüger ! Da sitzt so ein mit allen Hunden gehetzter Herr in Berlin und wagt es , wagt es - ! Himmelschreiend ! Man sollte ihm diesen nicht unwahrscheinlichen Betrüger vorführen , man sollte ihn zwingen , dem Engelsblick standzuhalten , ach , schändlich ! Der einzige Trost dabei ist , daß doch niemand das Zeug lesen wird . « » Sie irren sich « , versetzte der Archivdirektor ruhig , » das Heft findet reißenden Absatz . « » Nun gut , ich werde es lesen « , sagte Daumer , » ich werde damit zum Redaktor Pfisterle von der Morgenpost gehen , der ist der richtige Mann , um dem famosen Polizeirat Widerpart zu halten . « Der Archivdirektor maß den aufgeregten Daumer mit einem gleichgültig-schnellen Blick . » Ich möchte eine solche Maßregel nicht ohne weiters gutheißen « , bemerkte er diplomatisch ; » ich glaube auch im Sinn des Herrn von Feuerbach zu sprechen , wenn ich Ihnen davon abrate . Wozu das Zeitungsgeschreibe ? Was soll es nützen ? Man muß handeln , in aller Vorsicht und Stille handeln , das ist es . « » In aller Vorsicht und Stille ? Was wollen Sie damit sagen ? « fragte Daumer ängstlich und argwöhnisch . Der Archivdirektor zuckte die Achseln und schaute zu Boden . Dann erhob er sich , sagte , er wolle am folgenden Nachmittag wiederkommen , um Caspar zu sehen , und reichte Daumer die Hand . Als er schon auf der Treppe war , eilte ihm Daumer nach und fragte , ob es ihn nicht störe , wenn er morgen fremde Leute hier im Hause treffe , es hätten sich einige Herrschaften zu Besuch angesagt . Der Archivdirektor verneinte . Es gehörte zu den Charaktereigentümlichkeiten Daumers , daß er sich in einmal gefaßte Ideen bis zur offensichtlichen Schädlichkeit verrannte . Trotz der Abmahnung des besonnenen Herrn Wurm begab er sich , kaum daß er das Buch des Berliner Polizeirats gelesen hatte , was weniger denn eine Stunde Zeit brauchte , voll Erbitterung in die Redaktion der » Morgenpost « . Der Redaktor Pfisterle war ein hitziges Blut ; wie der Geier aufs Aas stürzte er sich auf diese Gelegenheit , seine immer in Vorrat vorhandene Wut und Galle loszulassen . Er wollte Material haben , und Daumer bestellte ihn für den Mittag des folgenden Tages zu sich in die Wohnung . Am Abend herrschte eine sonderbar schwüle Luft im Daumerschen Haus . Während des Nachtessens wurde wenig geredet , und Caspar , der von all dem , was rings um ihn vorging , nicht im mindesten etwas ahnte , war verwundert über manchen prüfenden Blick oder über das düstere Schweigen auf eine herzliche Frage . Er hatte die Gewohnheit , vor dem Schlafengehen noch ein Buch zur Hand zu nehmen und zu lesen ; das tat er auch heute , und es geschah nun , daß sein Blick , als er das Buch aufgemacht , auf eine bestimmte Stelle fiel , die ihn veranlaßte , entzückt in die Hände zu schlagen und in seiner herzlichen Art zu lachen . Daumer fragte , was es gebe ; Caspar deutete mit dem Finger auf das Blatt und rief : » Sehen Sie nur , Herr Professor ! « Seit einiger Zeit hatte er aufgehört , Daumer zu duzen , und zwar ganz von selbst und eigentümlicherweise fast an demselben Tag , an welchem er zum ersten Male Fleisch genossen und danach krank geworden war . Daumer blickte ins Buch . Die von Caspar aufgegriffenen Worte lauteten : » Die Sonne bringt es an den Tag . « » Was gibts dabei zu staunen ? « fragte Anna , die über die Schulter des Bruders gleichfalls in das Buch schaute . » Wie schön , wie schön ! « rief Caspar aus . » Die Sonne bringt es an den Tag . Das ist wunderschön . « Die drei andern schauten einander voll seltsamer Gefühle in die Augen . » Überhaupt ist es schön , wenn man so liest : die Sonne ! « fuhr Caspar fort . » Die Sonne ! Das hallt so . « Als er gute Nacht gewünscht hatte , sagte Frau Daumer : » Man muß ihn doch liebhaben . Es wird einem ordentlich wohl , wenn man ihn in seiner artigen Geschäftigkeit beobachtet . Wie ein Tierchen webt er für sich hin , niemals langweilt er sich , nie fällt er durch Launen zur Last . « Wie verabredet , kam Pfisterle am nächsten Tag kurz nach Tisch , blieb jedoch über Gebühr lange sitzen und verstand nicht die ungeduldigen Andeutungen Daumers , der ihn gern vor dem Eintreffen der erwarteten Gäste losgeworden wäre . Als diese um drei Uhr erschienen , saß er noch immer auf seinem Fleck und blieb auch da . Wahrscheinlich hatte es seine Neugierde gereizt , daß ihm Daumer den Namen einer der drei Personen mitgeteilt hatte ; es war dies ein damals vielgelesener Schriftsteller aus dem Norden des Reichs . Die andern beiden waren eine holsteinische Baronin und ein Leipziger Professor , der auf einer Romreise begriffen war ; ein Unternehmen , welches zu jener Zeit wenigstens in Nürnberg , einem Mann den Nimbus eines kühnen Forschers verlieh . Daumer empfing die Herrschaften sehr liebenswürdig , und nachdem er Caspar herbeigeholt hatte , zündete er trotz der frühen Stunde die Lampe an , denn der Nebel lag dicht wie graue Wolle vor den Fenstern . Der Leipziger Professor zog Caspar in eine Unterhaltung , aber er sprach mit ihm wie von Turmeshöhe herunter . Auch ließ er keinen Blick von ihm , und die gelblichen Augen hinter den kreisrunden Brillengläsern schimmerten bisweilen boshaft . Währenddem kamen noch Herr von Tucher und der Archivdirektor , ließen sich den Fremden vorstellen und nahmen auf dem Sofa Platz . » In deinem Kerker war es also immer dunkel ? « fragte der Romfahrer und strich langsam seinen Bart. Caspar antwortete geduldig : » Dunkel , sehr dunkel . « Der Schriftsteller lachte , worauf ihm der Professor vielsagend mit dem Kopf zunickte . » Haben Sie den Unsinn gehört , der hier in der Stadt über seine fürstliche Abkunft geredet wird ? « ließ sich jetzt , die holsteinische Baronin hören , deren Stimme wie aus einem Kellerloch kam . Der Professor nickte wieder und sagte : » In der Tat , es werden hier starke Zumutungen an die Leichtgläubigkeit des Publikums gestellt . « Eine Zeitlang schwiegen alle , wie von einem Schuß erschreckt . Endlich entgegnete Daumer mit heiserer Stimme und mit der Höflichkeit eines schlechten Komödianten : » Was veranlaßt Sie , meine Ehre zu beschimpfen ? « » Was mich veranlaßt ? « prasselte der cholerische Herr auf . » Diese Gaukelfuhr veranlaßt mich dazu . Der Umstand , daß man ein ganzes Land skrupellos mit einem albernen Märchen füttert . Muß denn der gute Deutsche immer wieder das Opfer von Abenteurern à la Cagliostro werden ? Es ist eine Schmach . « Herr von Tucher hatte sich erhoben und blickte dem Aufgeregten mit so unverhohlener Geringschätzung ins Gesicht , daß dieser plötzlich schwieg . » Wir sind natürlich überzeugt « , mischte sich der Schriftsteller , ein klapperdürrer Herr mit kahlem Schädel , vermittelnd ein , » daß Sie , Herr Daumer , im besten Glauben handeln . Sie sind Opfer , wie wir alle . « Jetzt konnte sich Pfisterle , den die Wut förmlich aufgeschwellt hatte , nicht länger halten . Mit geballten Fäusten sprang er vom Stuhl empor und schrie : » Ja , zum Teufel , warum sollen wir uns denn das gefallen lassen ? Da kommen sie her , niemand hat sie gerufen , kommen her , um dagewesen zu sein und mitreden zu können , haben von Anfang an alles besser gewußt , und wenn sie blind wie die Maulwürfe sind , werfen sie sich noch stolz in die Brust und rufen : Wir sehen nichts , also ist nichts da . Warum soll denn das ein Unsinn sein , geehrte Dame , was man von seiner Abstammung erzählt ? Warum denn , bitte ? Leugnen Sie etwa , daß hinter den Mauern , wo unsre Großen wohnen , sich Dinge ereignen , die das Tageslicht zu scheuen haben ? Daß dort die Verträge des Bluts für nichts geachtet und Menschenrechte mit Füßen getreten werden , wenn der Vorteil eines einzelnen es erheischt ? Soll ich mit Tatsachen dienen ? Sie können es nicht leugnen . Bei uns wenigstens sind die paar Dutzend Männer noch nicht vergessen , die ihre mutige Freiheitsfahne durch das Land getragen und mit brennenden Fackeln in die Lügendämmerung der Paläste geleuchtet haben . « » Genug , genug ! « unterbrach der Professor den rabiaten Zeitungsmann . » Mäßigen Sie sich , Herr ! « » Ein Demagoge ! « sagte die Baronin und stand mit erschrockenen Augen auf . Der Archivdirektor heftete einen vorwurfsvollen und kühlen Blick auf Daumer , der den Kopf gesenkt und die Lippen eigensinnig geschlossen hatte . Als er emporschaute , blieb sein Auge mit gerührtem Ausdruck auf Caspar ruhen , der frei und arglos dastand , den lächelnden klaren Blick von einem zum andern gleiten ließ , nicht als ob von ihm gesprochen würde und er daran teilhätte , sondern als ob das bewegte Spiel der Mienen und Gebärden lediglich seine Schaulust erwecke . In der Tat verstand er kaum , wovon die Rede war . Der Leipziger Professor hatte seinen Hut ergriffen und wandte sich noch einmal , an Pfisterle vorübersprechend , gegen Daumer . » Was ist denn bewiesen von den Mutmaßungen törichter Köpfe ? « fragte er gellend . » Nichts ist bewiesen . Fest steht nur , daß aus irgendeinem gottverlassenen Dorf in den fränkischen Wäldern sich ein Bauerntölpel in die Stadt verirrt , daß er nicht ordentlich sprechen kann , daß ihm alle Werke der Kultur unbekannt sind , das Neue neu , das Fremde fremd erscheint . Und darüber geraten einige kurzsichtige , sonst ganz wackere Männer außer sich und nehmen die plumpen Aufschneidereien des geriebenen Landstreichers für bare Münze . Wunderliche Verschrobenheit ! « » Ganz wie der Polizeirat Merker « , konnte sich der Archivdirektor nicht enthalten zu bemerken . Auch Pfisterle wollte dawiderreden wurde aber durch eine energische Kopfbewegung des Herrn von Tucher zum Schweigen gebracht . Plötzlich wurde von der Straße draußen das Rollen einer Kutsche hörbar . Direktor Wurm ging zum Fenster , und nachdem der Wagen vor dem Haus gehalten hatte , sagte er : » Der Staatsrat kommt . « » Wie ? « entgegnete Daumer rasch . » Herr von Feuerbach ? « » Ja , Herr von Feuerbach . « In seiner Benommenheit versäumte Daumer die Pflicht des Hausherrn , und als er sich aufraffte , um den Präsidenten zu empfangen , stand dieser schon auf der Schwelle . Mit seinem Imperatorenblick überflog er die Gesichter aller Anwesenden , und als er den Archivdirektor gewahrte , sagte er lebhaft : » Gut , daß ich Sie treffe , lieber Wurm , ich habe etwas mit Ihnen zu sprechen . « Er trug die einfache Kleidung eines Privatmannes , und außer einem kleinen Ordenskreuz neben dem Halsaufschlag des Rockes war keinerlei Schmuck an ihm zu sehen . Die außerordentlich stolze Haltung des gedrungenen , massigen Körpers und das steif Aufrechte , soldatisch Gebietende seines stets etwas zurückgeworfenen Hauptes erweckten ehrfurchtsvolle Scheu ; sein Gesicht , auf den ersten Anblick dem eines verdrießlichen alten Fuhrmanns ähnlich , wurde durch die dunkelglühenden Augen , in denen die Unrast geistiger Leidenschaften lag , und durch die festgeschlossenen , kühn gebogenen Lippen geadelt . Er machte nicht den Eindruck eines Mannes , der viel Zeit hat . Trotz der Würde , die ihm sein Amt verlieh und die er nicht verringerte , hatte sein Auftreten etwas Heftiges , und in der Art , wie er die im Zimmer Versammelten begrüßte , war Förmlichkeit und Strenge enthalten . Es wirkte darum erschreckend auf alle , als ihm Caspar ungezwungen entgegentrat und ihm von selbst die Hand hinstreckte , die Feuerbach auch ergriff , ja sogar eine Zeitlang in der seinen behielt . Caspar war es wunderlich wohl geworden , seit der Präsident eingetreten war . Er hatte oft an ihn gedacht , seit er mit ihm auf dem Gefängnisturm gesprochen hatte , und seit dem ersten Händedruck liebte er besonders die Hand des Präsidenten , eine warme , harte , trockene Hand , die sich wohlverschloß beim Gruß , als ob sie glaubwürdige Versprechungen gäbe , und die eigne Hand ruhte dabei so sicher in ihr wie der müde Körper abends im Bett . Daumer geleitete den Präsidenten und den Direktor Wurm in sein Studierzimmer und kehrte dann zurück . Die fremden Gäste schickten sich an zu gehen , sie hatten durch die Dazwischenkunft Feuerbachs etwas von ihrer überlegenen Haltung verloren . Caspar wollte der Dame in den Mantel helfen , doch sie machte eine abwehrende Geste und folgte eilig ihren Begleitern . Herr von Tucher und Pfisterle entfernten sich ebenfalls . Caspar nahm ein Schreibheft aus der Lade und setzte sich zur Lampe , um seine lateinische Arbeit anzufertigen , da kamen der Präsident und Direktor Wurm wieder ins Zimmer . Feuerbach ging auf Caspar zu , legte die Hand auf sein Haar , bog den Kopf des Jünglings leicht zurück , so daß der Lampenschein voll in Caspars Gesicht fiel , betrachtete seltsam lange und mit bohrender Aufmerksamkeit das seinem Blick stillhaltende Antlitz und murmelte endlich , gegen Wurm gewendet , tief atmend : » Keine Täuschung . Es sind dieselben Züge . « Der Archivdirektor nickte stumm . » Das und die Träume ... zwei wichtige Indizien « , sagte der Präsident mit dem gleichen Ton von Vertieftheit . Er schritt zum Fenster , die Hände auf dem Rücken , und sah eine Weile hinaus . Darauf wandte er sich zu Daumer und fragte unvermittelt , wie es mit Caspars Ernährung stehe . Daumer erwiderte , er habe in letzter Zeit versucht , ihn an Fleischkost zu gewöhnen . » Zuerst hat er sich sehr gewehrt , auch hat es den Anschein nicht , als ob die veränderte Diät ihm sehr zuträglich sei . Es ist sogar zu befürchten , daß sie seine inneren Kräfte wesentlich vermindert . Er wird zusehends stumpfer . « Feuerbach zog die Stirn empor und deutete gegen Caspar . Daumer verstand den Wink und forderte Caspar auf , zu den Frauen hinüberzugehen . Er wartete nicht ab , bis der Jüngling das Zimmer verlassen hatte , sondern fuhr mit beklommenem Eifer fort : » An demselben Tag , wo Caspar zum erstenmal Fleisch genoß , schnappte der Hund unsers Nachbars , der ihm bis dahin höchst zugetan war , nach ihm und bellte ihn wütend an . Das war mir eine wunderbare Lehre . « Der Präsident entgegnete finster : » Dem mag sein , wie ihm wolle . Aber ich mißbillige die zahllosen Experimente , die Sie mit dem jungen Menschen vornehmen . Wozu das alles ? Wozu magnetische und andre Kuren ? Man berichtet mir , daß Sie gegen gewisse krankhafte Zustände homöopathische Heilmittel anwenden . Wozu ? Das muß einen so zarten Organismus aufreiben . Die Jugend ist es , die die Krankheiten heilt . « » Ich bin erstaunt , daß Eure Exzellenz dagegen etwas einzuwenden haben « , versetzte Daumer kalt und demütig . » Der menschliche Körper wird oft von vorübergehenden Leiden befallen , denen auf homöopathischem Weg am besten beizukommen ist . Erst vorigen Montag hat , wie ich bestimmt versichern kann , eine kleine Dosis Silizea Wunder gewirkt . Kennen Eure Exzellenz nicht den schönen , alten Spruch : Ein kluger Arzt , der nimmt da seine Hilfe her , von wo der Schaden kömmt , Löst Salzsucht auf durch Salz , löscht Feuer aus durch Flammen . Ihr Kinder der Natur , ihr zieht die Kunst zusammen , Macht weniges aus viel und wirket viel durch wenig . « Feuerbach mußte unwillkürlich lächeln . » Mag sein , mag sein « , polterte er , » aber damit ist nichts bewiesen , und wenn auch , so trifft es die Sache nicht . « » Meine Sache steht auch nicht darauf . « » Um so besser . Vergessen Sie nicht , daß hier ein Recht durchzusetzen ist , das Recht eines Lebens . Ist es nötig , deutlicher zu sein ? Ich glaube kaum . Gar bald , ich hoffe es , wird das Dunkel sich lüften , das über den rätselhaften Menschen gebreitet ist , und der Dank , den ich und andre Ihnen schon jetzt schulden , lieber Daumer , wird nicht durch ein Mißvergnügen geschmälert sein , das sich an Ihre vielleicht schädlichen Irrtümer heften muß . « Das klang feierlich . Man kanzelt mich ab wie einen Schulbuben , dachte Daumer erbittert , als der Präsident und Direktor Wurm sich verabschiedet hatten ; was ist mir doch in den Kopf gefahren , daß ich die Sache des heimatlosen Findlings zu meiner eignen machen mußte ? Wär ich nur bei meinem Leisten geblieben , in meiner Einsamkeit . Es geht mich wenig an , was sie da über sein Schicksal fabeln , fuhr er in seinen verdrossenen Überlegungen fort ; allerdings , der Ton , des Präsidenten läßt auf etwas Ungewöhnliches schließen ; das seltsame Gerede über Caspars Herkunft , sollte es wirklich einen Bezug haben ? Gleichviel , was wäre das mir ? Ob eines Bauern , ob eines Fürsten Sohn , was würde es besagen ? Freilich , wenn so ein hoher Herr einem in den Weg läuft , gibt man sich als beflissenen Diener ; verbriefter Adel und erlauchte Abstammung fordern nun einmal den Respekt des Bürgers . Doch ein andres ist das Leben und ein andres die Idee ; ein andres , den Mächtigen zu willfahren , weil es zwecklos ist , ihnen zu trotzen , und ein andres , ihrer zu vergessen , eingeschlossen und gefeit in der goldenen Wohnung der Philosophie . Zwischeninne führt die Grenze , die den Menschen aus Staub von dem Menschen aus Geist trennt . Sollte ich in meinem Optimismus zu weit gegangen sein , wenn ich in Caspar den Menschen aus Geist sah ? Noch steht es zu bezweifeln . Ein Gedankengang , der nicht frei von ahnungsvoller Betrübnis war . Daumer stellt die Metaphysik auf die Probe Der Präsident blieb länger als eine Woche in der Stadt . Während dieser Zeit kam er entweder ins Daumersche Haus , um Caspar zu , sprechen , oder er ließ den Jüngling zu sich in den Gasthof rufen . Feuerbach liebte nicht Zeugen seines Zusammenseins mit Caspar . Seit er an einem der ersten Tage mit ihm durch die Straßen gegangen war ( wo der früh gealterte , doch mächtig anzuschauende Mann neben dem zarten , ein wenig gebückt gehenden jungen Menschen allenthalben Aufsehen erregt hatte ) und an einer Ecke , an der die beiden vorüber mußten , ein Kerl wie aus der Erde gewachsen plötzlich neben ihnen hergeschlichen war , verzichtete der Präsident darauf , sich mit seinem Schützling öffentlich zu zeigen . Seine Gespräche mit Caspar , so geschickt sie auch eine Beziehungslosigkeit bisweilen vortäuschen mochten , verfolgten natürlich einen ganz bestimmten Zweck . Caspar , der davon wenig merkte , teilte sich seinem hohen Gönner ohne Befangenheit mit , und durch sein unschuldiges Geplauder wurde Feuerbachs Herz oft sonderbar bewegt , so daß er , dem Wort und Sprache in Fülle gegeben waren , sich nicht selten zum Schweigen verurteilt fand . Ja , er verlor an Sicherheit ; » Caspars Blick gleicht dem Glanz eines morgendlich reinen Himmels , bevor die Sonne aufgeht « , schrieb er an eine altvertraute Freundin , » und manchmal ist mir unter diesem Blick zumute , als hielte der rasend dahinstürmende Schicksalswagen zum ersten Male still ; die ganze Vergangenheit steht auf , erlittene Willkür und der Trug des Rechts , die Kränkungen des Neides und manche Tat , deren Früchte faul und ekel am Wege liegen . Dazu kommt , daß ich in betreff seiner unbekannten Herkunft auf einer Spur bin , die mich , ich fürchte sehr , an den Rand eines verderblichen Abgrunds führt , wo es gilt , sich den Göttern zu vertrauen , denn Menschen werden dort keinem Gesetz mehr untertan sein . « Am letzten Tag der Anwesenheit Feuerbachs schickte sich Caspar eine Stunde vor Abend zum Ausgehen an , da der Präsident ihn zu sich bestellt hatte . Er trat ins Wohnzimmer , um zu sagen , daß er gehe , und fand Anna Daumer allein . Sie saß am Fenster und las gerade das Büchlein des Polizeirats Merker . Kaum daß Caspar die Tür geöffnet , versteckte sie das Heft rasch und erschreckt unter der Schürze . » Was lesen Sie denn da , und warum verbergen Sie es denn ? « fragte Caspar lächelnd . Anna errötete und stotterte etwas . Darauf schaute sie mit feuchten Augen empor und sagte : » Ach , Caspar , die Menschen sind doch gar zu schlecht . « Er entgegnete nichts , sondern lächelte noch immer . Das erschien Anna auffallend , aber Caspar dachte sich weiter gar nichts dabei . Es war eine seiner Seltsamkeiten , daß er sich nie entschließen konnte , eine Frauensperson ganz ernst zu nehmen ; Frauenzimmer können nichts als dasitzen und ein wenig nähen oder stricken , pflegte er zu sagen ; sie essen und trinken unaufhörlich und alles durcheinander , und deswegen sind sie immer krank ; auf andre Weiber schmähen sie , und wenn sie dann mit ihnen beisammen sind tun sie schön und lieb . Als er einmal in solcher Weise redete ,