, viele Teufel ! Das da war der Gemeindeteufel Populo , der alles anfeindet , was anders und ungewohnt ist , ob es schon niemand das mindeste zuleid tut . - Geh du jetzt deiner Wege , der Aufenthalt beim Narrenstudenten ist nicht ratsam . « Als sich jedoch Gerold dankend entfernen wollte , fügte er hinzu : » Halt ! hollah ! nicht so schnell ! Dich begleiten wir . So einen muß man auf die gebahnte Straße stellen , sonst bleibt er uns an einer wohlriechenden Staude hangen . Nach welcher Richtung zieht es dich ? Gesima zu oder Gesima entgegen ? « » Gesima entgegen . « » Gut , so führen wir dich Gesima entgegen . « Und schritt ihm durch den Wald voran . Während sie so hintereinander gingen , berichtete Gerold seine leichtsinnige Tat mit dem geschenkten Fünffrankenstück . Was er ihm rate , daß er nun tun solle ; kommen lassen , was von selber kommen werde , oder der verdienten Strafe durch ein Bekenntnis entgegengehen . » Überlaß das mir ; ich werde es heute abend Papa erzählen ; er wird nicht bloß nicht ungehalten über dich sein , sondern an dem Dragonerstücklein eine unbändige Freude haben , ich kenne ihn . « » Hast du nicht Angst vor deinem Papa ? « » Man hat niemals Angst , für einen andern etwas zu tun . - So , hier sind wir an der Landstraße . Geh jetzt nur schräg über den Weg zu jenem Häuschen dort , wo geschrieben steht Althäusli , und leg dich auf die Bank vor der Haustür , du wirst dann schon sehen , was kommt . - Worauf wartest du noch ? warum guckst du mich so sonderbar an ? « Gerold schaute verlegen auf seine Schuhe . Er danke ihm für alles , stammelte er , und es reue ihn , ihn anfänglich geschlagen zu haben , aber er könne es leider nicht aussprechen , weil er den Satz es tut mir leid nicht herausbringe , so sehr er sich auch Mühe gebe . Der Narrenstudent lachte . » Auf den Stuhl gelegt ist auch abgeliefert ; ich nehms für empfangen . « Doch Gerold war damit nicht zufrieden . Er finde es so schön und edel zu sagen : Es tut mir leid . Ob er ihm keine Anweisung geben könne , wie man es anfange , um diesen Spruch hervorzuringen . » Das kommt dir plötzlich ganz von selber , wenn du einmal einen Menschen so recht von Herzen gern haben wirst . Die vier Wörtlein kommen dir dann so willig und lustig mit allen vier Beinen zwischen den Zähnen herausgesprungen , wie ein Rößlein über einen Zaun . - Fehlt dir immer noch etwas ? « » Ja , das Schlimmste von allem . « Und berichtete ihm von der Schrift , die er heute morgen unten im Waldgraben , im Geschiebe der Aar gefunden und was für ein Urteil er darunter geschrieben : Abscheulicher Mensch , den niemand gern hat , nicht einmal sein eigener Vater . » Aber ich würde es jetzt nicht mehr schreiben , ich weiß jetzt , daß es nicht wahr ist . « » Doch , doch , es ist wahr ; du hast buchstäblich richtig geschrieben . Ich bin ein abscheulicher Mensch , den niemand gern hat , nicht einmal mein eigener Vater . « Dann fing er an zu husten , steckte den Hals zwischen die Schultern und rannte mit heftigen Armschwüngen in den Wald zurück . Nun hätte ihm Gerold gerne nachgerufen : Es tut mir leid , allein es war zu spät , der Narrenstudent war schon weit weg , im Gebüsch verschwunden . Also tat er , wie ihm befohlen war , und zog quer über die Straße schräg bis zum Althäusli und legte sich dort auf die Bank neben der Haustür , den Kopf über die Lehne , die Beine über die andere Lehne , denn die Bank war viel zu kurz für ihn . Im Althäusli Als er eben daran war , mit der Behaglichkeit recht in Zug zu kommen , betastete eine feuchte , kalte Hundeschnauze seine Wange , und zwei blutunterlaufene Augen glotzten ihm ins Gesicht , entschuldigten sich jedoch sofort mit gutmütigem Blinzeln , als wollten sie sagen : Ach so , du bists . Hierauf paradierte das ganze Ungeheuer mit seinem Zottelpelze vorüber , unter freundlichen Krümmungen von Station zu Station das schwappige , schwarzangerauchte Mundstück an den Körper des Liegenden stoßend . Nachdem das gesamte Zotteltier mit Einschluß des Schweifes an ihm vorbeidefiliert war , erwies es sich , daß das Ungeheuer eine Patrontasche nach sich schleifte , über welche es sich mit kläglichem Wedeln beschwerte . Aus der Patrontasche zog Gerold den Schluß : der Hansli ist in der Nähe . Es dauerte auch nur wenige Sekunden , so kam dieser aus dem Hausgang gestürmt , mit rechthaberischem Lärm seine Patrontasche heischend . Wehe ! da gewahrte er mit einem Schreckensschrei den beleidigten Bruder . » Gesima , gib acht , der Gerold ist da ! « warnte er gellend als getreuer Rehbock seine Rieke und rettete sich mit schleuniger Flucht . Gerold rührte sich nicht , aber rüstete heimlich seine Fäuste zum Empfang , die Augenlider tückisch bis auf die Wimpern geschlossen wie ein Kater , der etwas piepsen hört . Nach einiger Erwartung schien ihm , er röche etwas wie Veilchenduft ; während er danach schnupperte , hüpfte ein Taschentuch , zu einer Gürtelmaus gedreht , über sein Gesicht , mit Ohren begabt und einem fabelhaft weitschweifigen Schwanze . Die Gürtelmaus schleuderte er auf die Landstraße . Dann glitt ihm ein eiskaltes Steinchen zwischen Haut und Kragen den Rücken hinab , immer tiefer , Wirbel für Wirbel . Jetzt war er seiner Sache sicher : » Gesima ! « Richtig , er hörte sie kichernd flüchten . Ergrimmt klemmte er die Lippen zwischen die Zähne und manövrierte sich unauffällig in eine bessere Angriffslage , mit den Zehen den Boden suchend . Lange Zeit regte sich nichts Verdächtiges mehr . Unversehens wurden ihm die Ohren von zwei weichen Händen verschlossen und seine Lippen von oben herab mit einem Kuß versiegelt . Voll Wut über diese unreinliche Gewalttat schnellte er zornschnaubend auf die Füße . Oha , diesmal war es nicht Gesima , sondern die fremde Frau , die er gestern im Postwagen zu Schönthal gesehen hatte . Während er sie verblüfft anstarrte , preßte sie ihm mit beiden Händen die Backen zusammen , so daß seine Lippen zwei Kissen bildeten , aber statt nun von ihm zu verlangen , er solle Pfaff sagen , wie er meinte , daß sie tun werde , küßte sie ihn plötzlich noch einmal . So unappetitlich das war , so wagte er doch nicht zu murren . Jetzt erschien auch ihr Begleiter , der schöne Herr , auf der Schwelle . » Kommen Sie , Herr Oberst « , sagte er , mit einem lieblichen Lächeln um die Mundwinkel , das ihn an den Dolf gemahnte , » das Mittagessen wartet schon seit zwei Stunden auf Ihro Gnaden . « Hiemit legte er ihm die Fingerspitzen auf die Schulter und schob ihn mittels einer sanften Drehung des Handgelenkes in den Hausgang . Im Winkel einer modrigen Veranda war für ihn gedeckt , hinter einem Vorhang trocknender Wäsche , welche beim Durchkriechen in ihrer ganzen Reihe erbebte . » Guten Appetit « , wünschte das fremde Paar und verzog sich über ein Brücklein nach dem Gemüselabyrinth eines verwilderten Gartens . Gleich darauf erschien ein kleines , lebhaftes Jüngferchen mit einer Suppenschüssel , stellte die Schüssel auf den Tisch und setzte sich neben Gerold . Erst wartete sie , bis er ein paar Löffel voll gegessen hatte , dann fing sie an , ihn auszufragen . » Also in der Friedlismühle seid ihr , scheint es , übernachtet ? « » Ja « , antwortete er kurz , denn er war am Essen . » Und Tante , hat sie gemeint , solltet ihr zu ihr sagen ? « » Wer ? « » Nun , die lange Therese . « » Ja . « » Und hast du wirklich Tante zu ihr gesagt ? « - » Nein . « Da streichelte sie ihm freundlich über den Kopf . » Der Hansli behauptet « , fuhr sie fort , » der Dolf hätte dich beim Abschied beiseite genommen und dir etwas zugeflüstert oder zugesteckt . Hat er dir etwa einen Auftrag an mich gegeben oder einen Brief ? « » Ja , wer bist du denn eigentlich ? « » Das Marianneli . « » Ach so , du bist das Marianneli , ja , ich habe einen Brief für dich , ich weiß aber nicht mehr genau wo « , und fing an , in seinen Taschen zu kramen . » Ich will dir suchen helfen « , rief sie , warf sich hitzig über ihn , befühlte , betastete , begriff seinen Rock und seine Hosen und durchwühlte ihm seine Taschen wie ein Zollbeamter , wobei sie ihm unbefangen ihren heißen Atem ins Gesicht hauchte , als wäre er niemand . » Jetzt erinnere ich mich « , rief er plötzlich , » im Futter des Käppi . « Wie eine Katze fuhr sie danach , riß den Brief heraus und schnellte damit in die Ecke , überflog ein paar Zeilen , zerknitterte dann plötzlich das Papier mit der Faust , warf es weit von sich und rannte mit erbarmungswürdigem Schluchzen ins Haus . Ihrem Schluchzen antworteten drinnen Verwünschungen und Scheltworte , erst einstimmig , dann mit wachsender Stimmenzahl , bis in den Oberstock , wo ein wüster Lärm anhob . Immer flennte das Mädchen zum Erbarmen , und je verzweifelter sie weinte , desto ungebärdiger tobten die übrigen . Gerold aber konnte nicht fassen , wie man jemand , der ohnehin unglücklich ist , obendrein noch schelten könne . Auch das kam ihm unbegreiflich vor , daß der gute , freundliche Onkel Dolf , während er doch selber traurig zu sein schien , einen Brief sollte geschrieben haben , der einem andern Menschen wehe tut . Wie können überhaupt Briefe so schrecklich schaden auf Entfernungen , wo selbst ein Kanonenschuß nicht reicht ? Und daß er selber als Protzwagen hatte dienen müssen , der dem armen Marianneli das giftige Geschoß zubrachte , das war ihm auch nicht recht . Kurz , die ganze Geschichte war ihm nicht klar und gefiel ihm nicht ; offenbar lebte man da über seinen Kopf und Verstand weg , ohne sich um ihn zu kümmern . Nun , so kümmerte er sich halt auch nicht darum . Und aß gleichmütig seine Suppe . » Wirst du auch gut bedient ? « erkundigte sich der fremde Herr aus dem Gemüsegarten herüber . » O ja « , versicherte Gerold überzeugt , » vorzüglich . « Und vergnügte sich weiter mit seiner Suppe . Siehe , da begannen die Unterhosen und Strümpfe , die vor ihm am Waschseil hingen , zu hüpfen und Purzelbäume zu schlagen wie Hampelmännlein , was ihn anfänglich ergötzte . Mit der Zeit beschlich ihn jedoch der Verdacht , es möchte bei dem Marionettentheater eine böse Hand im Spiele sein , und als er jetzt die schwarzen Strümpfe Gesimas unter einem großen Mannshemd beineln sah , verbat er sich entschieden die Kasperlevorstellung , widrigenfalls er der verborgenen Drahtzieherin einen Teller anschmeißen werde , einerlei wohin , und zwar auf ihre Verantwortlichkeit und Kosten . Da wurde die Vorstellung abgebrochen . Dagegen erschien jetzt Hansli auf der Bühne , zwar in sicherer Entfernung , jenseits des Baches am Ufer des Gemüsegartens . Von dort versuchte er Unterhandlungen anzuknüpfen , auf dem Umwege erwünschter Zeitungsnachrichten . Die Leute hier , meldete er , seien mit Onkel Dolf befreundet , der oft tagelang im Althäusli wohne . Der Zottelhund zum Beispiel sei ein Geschenk von ihm ( der Seppli , der Knecht , habe es ihm gesagt ) , ebenso der Braune im Stall , ein herrliches junges Rößlein , mit welchem sie , wenn er recht verstanden habe , nach Bischofshardt fahren dürften ; nämlich der fremde Herr meine , es wäre zu viel für Gesima , die Strecke bis zur Stadt auch noch zu Fuß , und es komme wahrscheinlich ein Gewitter . Er , der Fremde , bezahle alles , die Fahrt und das Essen ; er sei auf der Hochzeitsreise und furchtbar reich . Und ähnliches mehr . Da er aber auf diese staunenswerten Nachrichten keine andere Antwort als ein unwilliges Knurren erhielt , merkte er , daß die Zeit für Unterhandlungen noch nicht reif war und verzog sich in den Hintergrund . Nachdem Gerold die Suppe aufgegessen hatte , erging er sich ein wenig . Zunächst betrachtete er die Bleistiftzeichnungen , die längs den Wänden der Veranda aufgeklebt waren ; Pferde , Soldaten , Gebüsche , alles säuberlich gezeichnet , aber mit hartem Bleistift , Faber Nr. 3 , höchstens 2 , und unter jeder Zeichnung stand geschrieben Adolphus Wengimannus fecit , mit verschiedenen Jahreszahlen . Auch ein Kupferstich war darunter : die Preisverteilung an einem Schützenfest mit Bechern und Fahnen , und der in der Mitte , dem der Kranz aufgesetzt wurde , glich dem Dolf . Also von Bild zu Bild vorrückend , geriet er um die Ecke biegend auf ein Brücklein . Dort nahm er am Geländer Position , beide Arme bis zum Ellenbogen auf der Brüstung , der Kopf dazwischen und der linke Fuß auf der unteren Geländerstange wie auf einem Steigbügel . So blieb er stehen . Ohrwürmer wimmelten über die Lehne der Brücke , den Fasern des von Messern zersplissenen Holzes ausweichend , als wären es Bäume . Während er dem Gebaren der Ohrwürmer zusah , bemerkte er , daß die Messerschnitzeleien Buchstaben darstellten , aus denen er unschwer - denn die Einkerbungen hoben sich durch ihre gelbe Farbe ab - die verschlungenen Namen Dolf und Marianneli herauslas . Und über das ganze Geländer wiederholten sich die Namensverbindungen , zum Teil mit Tinte nachgeschwärzt und mit Kränzchen verschnörkelt . Auf ewig stand in einem der Schnörkel . Unter ihm im halbtrockenen schäbigen Bachbett , unweit des Brückleins , wateten Gesima und Hansli mit nackten Füßen auf Entdeckungsreisen , mit hochgehaltenen Ellbogen flügelnde Seiltänzerbewegungen wippend , um das Gleichgewicht zu behaupten . Hansli hielt in jeder Hand einen Stiefel , Gesima hatte das Springseil als Gürtel um den Leib geschlungen und Schuhe und Strümpfe hineingehängt . An ihren nackten dünnen Waden waren Tätowierungen zu sehen : weißliche Eindrücke und Striemen , teilweise mit einem blauschwarzen Hauch getuscht , neben regenbogenfarbigen Quetschmalen und roten Kratzstreifen . Auf einer geräumigen Insel , von der hölzernen Pritsche des Baches gebildet , machten sie halt und errichteten dort eine Perlfischerei . Die Jagd war ergiebig , denn an der Küste erhoben sich Korallenriffe von dunkelgrünen Flaschen , irisierten Glassplittern und geblümten Topfscherben , untermengt mit Knöpfen , rostigen Geldstücken und was sonst die Ebbe hatte hangen lassen . Von diesen Schätzen ergriffen sie nach dem Strandrecht Besitz , und während Hansli immer neue Beute beibrachte , eröffnete Gesima eine Goldwäsche . Später , als sich auch lebendiges Kriechzeug erjagen ließ , gesellte sich eine Menagerie hinzu , auf einer gesteppten roten Bettdecke , die zum Trocknen von der Gartenmauer in das Bachbett gefallen war . All dieser Gewerbefleiß konnte trotz dem Kriegszustande ungehindert aufblühen , weil der feindliche Kanonier über ihnen auf dem Brücklein , seiner Unbehilflichkeit in Angelegenheiten der Höhen- und Tiefendimension bewußt , von jeder Verkehrsstörung Umgang nahm . Als jedoch Hansli in allzugroßer Zuversichtlichkeit frecherdings seine Stiefel auf die Brücke pflanzte , bekam er sie durch einen Fußstoß zurückspediert , platsch ins Wasser . Mit der Zeit bemerkte Gerold , daß der fremde Herr , der dort im Gemüsegarten auf einem Feldstuhl saß , etwas zeichnete , während seine Frau ihm lächelnd zusah . Was er zeichnete , konnte er natürlich von hier aus nicht sehen , aber schon allein die Tätigkeit des Zeichnens für sich , wie er mit gescheiten Maleraugen den Kopf bald aufhob , bald über das Blatt beugte , fesselte seine Aufmerksamkeit . Jetzt hielt jener den Bleistift quer vor die Augen , und beide , der Herr und die Dame , schauten Gerold scharf an . Da begriff er , daß er selber , Gerold , zur Zeichenvorlage diente . Von nun an hielt er es für seine Pflicht , weder zu zucken noch zu mucken , da er die liebe Zeichenkunst verehrte und ihre Schwierigkeiten aus eigener Erfahrung zu ermessen vermochte . Während dessen schlich sich Gesima durch den Garten , stellte sich hinter den Zeichner , guckte ihm , auf den Zehen stehend , über die Schulter und gab über seinen Kopf hinweg dem Kanonier Taubstummensignale , um ihn zu benachrichtigen , welches Stück seiner Person jeweilen unter dem Bleistift geboren würde . Die Augen beschrieb sie als zwei Schützenscheiben mit je einem Punkt darin , den Mund als einen queren Säbelstrich , der das Gesicht in zwei Hälften spaltete , zur Versinnbildlichung der Ohren faßte sie ihre Ohrläppchen , streckte die Zungenspitze hervor und schob allmählich ihre Hände dem Kopf entlang ins Unendliche . Hansli aber , nachdem er seinerseits die Sachlage erspäht hatte , nützte die heilsame Versteinerung des grollenden Bruders für seine Friedensbestrebungen aus . Sicher , daß der Kanonier nicht ausschlagen durfte , faßte er ihn einfach an den Frackschößen und ließ seine Versöhnungsrede fließen , unbekümmert um die grimmigen Papagenotöne , welche ihm aus den geschlossenen Lippen entgegenknurrten . Ob es sich auch lohne , wegen eines minderwertigen Mädchengeschöpfes einander zu befehden ; sie wären immer brüderlich einträchtig zusammen ausgekommen , bis dieser verwünschte verräterische Rotschopf den Frieden verpfuscht habe . Von Gesima wolle er nichts mehr wissen , denn sie hintergehe den einen wie den andern . » Weißt du , was sie von dir gesagt hat ? Du seiest ein grausamer Mensch , daß du den Katzen nicht einmal gönnest , Mäuse zu fressen . Und dann hat sie noch gesagt , sie bedanke sich für jemand , der alles zweimal erlebe ; sie habe genug daran , daß man ihr im letzten Winter einen Zahn auszog , sie wolle sich ihn nicht noch einmal ausziehen lassen . Sogar einen Witz hat sie über dich gemacht . « - » Das hingegen glaube ich nicht « , knirschte Gerold , » das wäre zu gemein . « » Ich kann dir sogar sagen , was für einen : sie hat gesagt , du gehörest gewiß zur schweren Artillerie , man sehe dirs an . « Das wirkte . Vieles konnte Gerold ertragen , aber Witze ! Anspielungen auf sein Körpergewicht ! nein , das war zu viel , das brachte ihn außer sich . Also billigte jetzt sein zorniger Blick den Separatfrieden mit dem Bruder , durch welchen Gesima ausgeschlossen und von beiden Parteien verstoßen wurde . Den feierlichen Handschlag , da Gerold sich nicht rühren durfte , ersetzten sie durch einen Nielenstengel , den Hansli dem Verbündeten in die Hand schob . Indem jeder ein Ende des Stengels in der Hand hielt , war das Bundessinnbild hergestellt . Und sofort gab Hansli die neue Gruppierung der Mächte Gesima zu verstehen , indem er auf dem Brücklein eine lebhafte Pantomime von spöttischen Gebärden und herausfordernden Sprüngen aufführte . Um aber völlig ehrlich und unzweideutig zu handeln , schien ihm eine förmliche Kriegserklärung schicklich . Ist nirgends ein Stück Papier ? Dort lag so etwas am Boden , ein zerknitterter Brief , zwar eng beschrieben , doch hinten am Ende zwischen der letzten Zeile , wo es hieß : glaube nicht , daß ich dich darum weniger lieb habe , und der Unterschrift Dolf fand er noch etwas Raum . Dort hinein schrieb er : häßliche Gesima , hast rote Haare , hierauf schmeichelte er den Zottelhund heran , schob ihm die Botschaft unters Halsband und bedeutete dem Mädchen durch Zeichen , den Hund an sich zu lokken . Dieses schnippte mit den Fingern , empfing den Hund , las das Sendschreiben , kritzelte etwas hin , und Hansli schmeichelte den Briefhund wieder herüber . Zuoberst auf dem Papier , über dem Titel Mein armes , armes Marianneli erhielt er den Bescheid : Böser Hansli , hast eine Warze am linken Zeigefinger . Weiterer Korrespondenz wehrte ein Naturereignis : mitten aus dem blauen Himmel schoß plötzlich ein Schauer von silberglänzendem Regen in großen Tropfen hernieder , daß alle Welt kreischend flüchtete . Die drei Kinder , von der höheren Gewalt vereinigt , fanden sich auf der Veranda zusammen , das fremde Hochzeitspaar hatte der Schreck in ein Gartenhäuschen gescheucht . Da war der Regen auch schon zu Ende , wie mit einer Hagschere abgeschnitten . Ein joviales Milchgesicht guckte aus dem Hausgang . » Kommt , der Wagen ist fertig « , meldete er , » macht schnell , wir mögen just noch knapp nach Bischofshardt , ehe das Bombardement beginnt , die Wolken hocken ja am Dürenberg haushoch wie schwarze Stiere aufeinander . « Erst stattete Gerold nach dem Gartenhäuschen hinüber dem gastfreundlichen Fremden geschwind noch seinen Dank ab , die Absätze zusammenschlagend , die Hand am Käppi , und eine der neuen Verbeugungen ausführend , die er von Gesima gelernt hatte , dann hasteten sie durch den Hausgang . » Auf den Bock « , bettelten die Buben . Das Milchgesicht packte einen nach dem andern am Kragen und lud sie auf den Bock wie junge Hunde . » Seppli heiß ich « , erklärte er , während er zwischen ihnen Platz nahm . Da wurde im Oberstock ein Fenster aufgerissen , und das verweinte Gesicht des Marianneli erschien zwischen dem Rahmen , um ihnen etwas zuzurufen ; statt dessen schnellte sie linksgeschwenkt um und schrie in die Stube zurück : » Und ich will keinen andern , und ich nehme keinen andern . « Der Seppli grinste schmunzelnd . » Da ist Feuer im Dachboden ! aber ich weiß manchen im Kanton , der sie gerne tröstete . Ich auch . - Was ist ? sind wir fertig ? können wir reisen ? « Und schon tat der Braune einen ungeduldigen Ruck . Allein von hinten wimmerte Gesima kläglich . Sie konnte nicht einsteigen , der Wagentritt war ihr zu hoch , so daß ihr Füßchen beständig ins Leere tappte , wie ein Pudel , wenn er das Pfötchen geben will . Mit einem Satz sprang Gerold auf die Erde , umringte von hinten her , unter ihren Achseln durch , ihre Brust und hob sie also , mit den Knien und dem Bauch nachhelfend , ächzend in den Wagen . » Es tut mir leid « , flüsterte sie zum Dank und reichte ihm bittend die Hand hin . Ob diesem Spruch wurde ihm mit einem Male weich , so daß er beinahe ihren Handschlag angenommen hätte ; da erinnerte er sich , daß sie ihn einen schweren Kanonier genannt hatte , darum verhärtete er gewaltsam sein Herz und stieg ohne ein freundschaftliches Wörtlein wieder auf seinen Sitz . Kaum war er von neuem oben angelangt , so rollte das Fuhrwerk klingelnd von dannen . Die Regimentstochter War das ein Fest ! Pfeilschnell und glatt durch den Forst getragen wie auf einer Eisbahn , ohne einen Ruck , auf dem weichen Kutschersitz , hoch über der Erde , auf halber Höhe der Bäume , an welchen noch die glitzernden Regentropfen hingen ! Und wie er mit den Beinen ausgriff , der Braune , feurig , als ob er mit Pulver geladen wäre und nur auf den Zunder wartete , um zu explodieren ! Aber sonderbar sah er aus , so von der Kutscherperspektive betrachtet : wie eine Gitarre mit zwei Ohren zum Aufdrehen und mit den Zügeln als Saiten . Ob wohl ein Pferd aus dieser Perspektive , genau so gezeichnet , wie mans sieht , noch als ein Pferd würde erkannt werden , fragte sich Gerold . Dann ging es ans Betteln . Sie möchten ebenfalls ein wenig leiten dürfen , oder wenigstens die Geißel halten ! Der Seppli schnitt ein bedenkliches Gesicht . Das Gevatterspielen mit Zügel und Geißel , meinte er , wenn einer nichts davon verstehe , sei ein gefährliches Vergnügen mit dem Braunen ; ohnehin hitzig wie der Teufel - » nicht umsonst hat ihn der Dolf gekauft ! « - habe er obendrein noch Hafer gepickt . » Zwar , wenn ihr sehr , sehr vorsichtig sein wollt und mir aufs Wort gehorchen und die Zügel ruhig halten und die Geißel nur brauchen , wenn ichs erlaube , so könnte mans ja versuchen , unter dem Vorbehalt , daß ihr mir augenblicklich die Leitung zurückgebt , sobald ichs verlange . « Hiermit überreichte er unter fortwährenden Mahnungen und Anweisungen dem Hansli behutsam die Zügel . Ha ! das nenn ich einmal einen Unterricht ! Wenn man solche Stunden und solche Lehrer in der Schule hätte ! das wäre eine Hochzeit ! was meinst du , Gerold ? Es war auch erstaunlich , welche Wunder der Regierungskunst man von da oben auszurichten vermochte ! nur ein klein , klein wenig die Daumen gerückt , so nahm das ganze Fuhrwerk einen andern Weg , und zwar genau dahin , wohin man gewünscht hatte . Jetzt bekam Gerold sachte die Geißel zugelangt , hinten herum : » Aber ums Himmels-Heilandswillen nicht damit fuchteln oder fackeln , aufrecht halten und ruhig wie eine brennende Kerze , und nur gebrauchen , wenn ichs befehle , und dann bloß sachte die Haut streifen , etwa so wie ein Fischer die Angelschnur übers Wasser zieht , und ja an keine andere Körperstelle als aufs Kreuz . So , jetzt kannst du ihm einmal sanft aufs Kreuz tupfen , aber sanft , sage ich , wie Watte auf einen bösen Finger . « O Seligkeit ! Kaum berührte die Spitze des tänzelnden Zwickes das Rückenfell , so verdoppelte sich urplötzlich , doch ruhig die Schnelligkeit der Reise , als wäre ein gezähmter Blitzfunken dem Braunen in den Leib gefahren . Inzwischen begann hinter ihnen in der Versenkung des Wagens Gesima an ihr Dasein zu erinnern . Zunächst als Einleitung hüstelte sie . » Tu , als wenn dus nicht hörtest « , riet Hansli dem Bruder . Dann kam ein Potpourri aus der Regimentstochter . Gerold seufzte , der schönen alten Zeit vor Weidenbach gedenkend , blieb aber fest . Hernach verlauteten Selbstgespräche , mit nachdrücklicher Stimme geredet , fürs Publikum . Sie werde zum Kadettenball weiße Stiefelchen anziehen , verkündete sie , und ihre Bernsteinhalskette . Jetzt horchte Gerold mit einem Ohr nach hinten ; dabei geriet jedoch seine Geißel in flunkernde Bewegung , so daß ihm das Geißelrecht vom Seppli aberkannt wurde . Dann kam ein Rezitativ , frei die Tonleiter bergauf und bergab : » Von dem Postwagen will Gesima nichts sagen , und wie die Soldaten Gerold und Hansli daneben geraten . « Dem Rezitativ folgte eine Polka : » Stammt auch vom Storch der Kanonier , darüber zu spotten hat keine Manier . « » Laß dich nur nicht fangen « , mahnte Hansli , » sie will dir bloß schmeicheln . Denk an die Fabel von Odysseus und den Sirenen . « Zur Strafe dafür kam dem Hansli ein Marsch auf den Rücken getrommelt . Fuchswütend drehte er sich um . Durch diese Drehung steuerte er aber das Fuhrwerk quer über die Straße , weshalb ihm nunmehr vom Seppli das Recht der Zügel abgesprochen wurde . Danach blieb es ein Weilchen still . Dann ertönte ein leises , klägliches Wimmern . Mitleidig schaute sich Gerold um . Da steigerte sich das Wimmern zum Weinen . » Ach Gott ! « stöhnte Gerold und stieg ohne weiteres , den Seppli als Schwungbrett und Geländer benützend , zu Gesima in die Wagenwiege hinunter , setzte sich an ihre Seite und tröstete sie , indem er mit dem linken Arm ihren Leib umfaßte und mit der andern Hand ihr übers Gesicht und über die Knie strich . Nun hörte sie auf zu weinen , Gerold aber blieb vorsorglich neben ihr sitzen für den Fall eines neuen Schmerzensausbruches . Darüber war er scheints ein wenig eingenickt , denn wie er aufsah , saß Gesima nicht mehr neben ihm , sondern neben dem Seppli , sicher mit den Zügeln kutschierend , wie eine Fee im hirschbespannten Muschelwagen , während das Milchgesicht , der Seppli , ihr vergnügt zuschmunzelte , als ob man ihm Mehlbrei ums Maul geschmiert hätte . » Auch gut « , dachte Gerold , » so habe ich besser Platz « , und legte sich bequem auf den Rücken , aufwärts nach dem Himmel in die Wetterwolkensäule starrend , die wie der schiefe Turm von Pisa schräg gegen die Sonne wuchs und sie schon fast verschlungen hatte , und so schwarz , daß man meinte , es müsse ein weißer Pfau kommen und daran vorüberfliegen . Bis ihm der Schlummer die Augenlider zudrückte . Plötzlich tat der Wagen einen harten Ruck , und wie Gerold aus dem Schlaf emporschreckte , war der Wagen ganz am Rande der Straße , und Seppli stand auf dem Boden neben dem Pferde , das er mit gestemmten Fäusten am Zaum hielt . Ein prachtvoller Adjutant , schmuck wie aus einer Weihnachtsschachtel , es fehlte bloß die Holzwolle , kam herangesprengt . » Oskar « , grüßte Gesima fröhlich und klatschte in die Hände . » Mein Vetter « , erklärte sie den Buben . » Mama kommt mit dem Wagen « , rief ihr der Adjutant entgegen . » Haltet Ihr den Braunen auch gut ? « wandte er sich zum Seppli . » Keine Gefahr , ich bin bloß zur Sicherheit abgesprungen . « Dann sprengte Oskar im Galopp einige hundert Schritt zurück , Zeichen mit dem Säbel winkend ; und kam bald an der