müde und leer . Er warf sich auf sein Bett und schlief einen schweren Schlaf , wie nach harter , freudloser Arbeit . Werner war in der kleinen Schule dort hinter dem Walde gewesen , jetzt ging er langsam heim . Es war um die Mittagszeit . In der Nacht hatte es geschneit . Nun ließ die Sonne den Schnee von den Zweigen tropfen . Der Wald war voller Flügelrauschen und Vogelrufe . Die Meisen tollten wie kleine , graue Bälle an den Zweigen entlang . In einem verschneiten Haselnußstrauch saß eine Gesellschaft Dompfaffen wie große , rote Früchte . Das war heiter . Werner klangen noch die Lieder im Ohr , die er eben von den Kindern gehört hatte . » So viel Licht , daß man nichts mehr unterscheidet « , hatte Karola gesagt . So dachte sie sich das Jenseits . Das war es . So mußte die Religion für die Armen und Gedrückten sein , - Licht , nicht das zeigt und aufdeckt , nein , Licht , das verhüllt , das wie ein leuchtender Schleier sich über das graue Leben breitet . Von dem engen Waldpfade bog er in die kleine Waldlichtung ein und - trat leise zurück . Wie eine Vision stand es vor ihm . Die Lichtung war weiß verschneit , ringsum weiße Wälle und darüber der Sonnenschein , ein gelber Lichtnebel über den Wipfeln . Mitten auf dem Platz hielt der Schlitten mit dem schwarzen Pferde . Rast stand in dem Schlitten , hoch aufgerichtet , sein Bart flimmerte vor Tropfen , und vor ihm stand Karola . Sie bog den Kopf zurück , sah zu ihm auf , lachte über das ganze Gesicht . Sie streckte die Arme aus . » Heb mich « - sagte sie . Er beugte sich zu ihr nieder , faßte sie und hob sie hoch in die Höhe , in den Sonnenschein hinauf Karola stieß einen leisen Schrei aus und bewegte die Arme wie Flügel . » Ja - so - so « , rief sie . Ein Eichelhäher antwortete mit seinem lauten , aufdringlichen Ruf , als hätte er es dem ganzen Walde mitzuteilen . Werner sah Karola in dem gelben Lichtnebel schweben , sah ihr Gesicht ernst werden , die Lippen sich öffnen , die Augen sich schließen - wie überwältigt von einem starken Gefühl . Rast ließ die Arme langsam sinken , legte die schwebende Gestalt auf seine breite Brust - beugte sich auf sie nieder und küßte das Gesicht mit den geschlossenen Augen . Dann setzte er Karola in den Schlitten . » Jetzt fahren wir los « , sagte er . » Jetzt fahren wir los « , wiederholte Karola lustig . Sie ließ sich zurechtsetzen , einhüllen , willenlos wie eine Sache , wie seine Sache . - » Hü ! « rief Rast dem Pferde zu , und sie fuhren in all das Weiß der Büsche hinein . Laut - leichtsinnig und schamlos erfüllten die Schellen den Wald mit ihrem Geklingel . Warum - sagte sich Werner , warum mußte dieses Weib so furchtbar tief in sein Fleisch hineingeschrieben sein ? Was war sie ihm ? Was durfte sie ihm sein ? Und doch jede Faser , jeder Nerv seines Körpers fieberte . Betrogen und bestohlen fühlte sich dieser Körper . Da stand er , versteckt hinter den Büschen und hungerte nach diesem Weibe , hungerte , wie er noch nie nach etwas gehungert hatte . Und dieser große , brutale Mann durfte im Sonnenschein stehen und sie nehmen wie sein Eigentum , wie seine Sache . Wozu war solch ein flacher Lebensvergeuder da ? Um mit seinen unreinen Händen zu nehmen , zu stehlen , was anderen heilig , was für andere der tiefste Kampf der Seele war ? Ein schädliches , unnützes Raubtier , dein man Fallen stellen sollte wie dem Fuchs , das ist dieser Rast . Zu Hause war Werner heiter , er scherzte mit Lene , mit Tija , er war fast ausgelassen oder versuchte es zu sein . Ihm war , als müßte er unter dieser Heiterkeit etwas verbergen - vor Lene , vor Tija - , vor sich selber . Er wußte selbst nicht , was es war . Am Nachmittag kam der Doktor Braun . Er saß am Kamin und erzählte : Mit dem Baron in Dumala war es so - so . Er machte dem Doktor Sorge . Das Herz matt und die Schmerzen . » Sie sollen doch herüberkommen , Pastor , läßt er Ihnen sagen . Er schimpft schon . Ein Doktor und ein Pastor würden dafür bezahlt , daß sie die Kranken besuchen - sagt er , von einem Bankdirektor verlang ' ich das nicht . Was denkt sich der Werner eigentlich ! Ja , die Laune ist nicht die beste . Und die arme Frau . Die sitzt bei ihm , erträgt jede Laune . Eine Heilige . « » Ja - eine Heilige « , wiederholte Werner . » Und denken Sie sich ! « Der Doktor wurde ganz rot vor Aufregung . » Die Alte in Debschen sagt mir - es ist unglaublich - sie habe von Gerüchten - von Gerede gehört - die Trine - sagt - oder der Schweinejunge - was weiß ich - von dieser Frau und dem Rast - von Zusammenkünften hat sie gehört . Getratsch - Gestänker ! Ich hab ' s der Alten gesagt : wer diese Frau angreift , der hat es mit mir zu tun . Mit uns beiden - nicht , Pastor ? Na - ich werd es der Alten in Debschen schon anstreichen . « Der Doktor lachte drohend , den Mund weit offen . » Ja - Doktor - Sie haben recht « , stimmte Werner ihm zu . Das befriedigte den Doktor . » Na - also ! jetzt geh ' ich heim . Um neun Uhr leg ' ich mich in die Klappe . Meine Frau liest mir die Zeitung vor , dabei schläft ' s sich gut ein . Ein Sybarit - was ? Aber zwei Nächte hab ' ich hintereinander Kinder zur Welt bringen helfen . Die Rangen kommen jetzt immer bei Nacht zur Welt . Auch eine Unsitte - Unsolidität . « Er lachte sehr laut über seine Bemerkung . Werner schaute ihn nachdenklich an . Der war glücklich ! Der war mit sich zufrieden , tat seine Arbeit und genoß sein Bett . Nichts Dunkles quälte ihn , keine schwere - unbegreifliche Aufgabe . Und Werner empfand diese ruhige Zufriedenheit als klein , er verachtete sie fast seiner eigenen Qual gegenüber . Der Abend verging still und gemütlich . In der Nacht machte Werner sich pünktlich zu seinem Posten auf den Weg . Er überlegte sich das nicht mehr . Wozu ? Er wußte es ja doch , zu der bestimmten Stunde würde er unten im Walde sein . Die Nacht war windstill . Es schneite . Dieses weiße Niederrinnen legte eine bleiche Helligkeit in die Nacht . Alle nächtlichen Kameraden Werners im Walde schwiegen heute . Sie standen regungslos da und ließen sich von den weißen Flocken zudecken . Auch Werner saß regungslos auf seinem Baumstumpf und ließ sich zudecken . Die stetige Bewegung des niederfallenden Schnees machte ihn schläfrig , wiegte ihn in einen wachen Traum . Ganz ferne Bilder aus der Kindheit kamen : das Stübchen der Witwe Werner . Der kleine Erwin lag im Bett . Die Lampe stand am Fenster . In ihrem Lichte konnte das Kind sehen , wie draußen große Schneeflocken an der Fensterscheibe vorüberzogen . Die Mutter erzählte mit klagender Stimme der Nachbarin von den schweren Zeiten . Es war immer von Mark und Pfennigen die Rede . Das Kind hörte dein wie einem Wiegenliede zu . Mark und Pfennige schienen ihm etwas Trauriges zu sein , von dem sich endlose Geschichten erzählen ließen . Und die Schneeflocken kamen aus dem Dunkel und gingen in das Dunkel , einen Augenblick im Strahl der Lampe durch die Scheibe in das Zimmer sehend . Der kleine Erwin versuchte es , die endlose Geschichte von den Mark und Pfennigen zu verstehen , versuchte es , die Flocken zu zählen , die am Fenster vorüberzogen , bis ihm die Augen zufielen . Ein leises Geräusch ließ ihn aufschauen . Rasts Schlitten war schon mitten auf der Brücke . Rast sagte etwas , und der Zwerg antwortete mit seiner gedrückten Altweiberstimme , schläfrig , als fahre er auf sicherer Landstraße hin . Nun waren sie - hinüber - wirklich hinüber und fort . Werner schaute auf die Brücke - erstaunt . Es war ihm gewesen , als müßte es heute sein . Er hatte das so fest erwartet , daß es ihn ruhig gemacht hatte - heute würde er es sehen , daß der Schlitten mitten auf der Brücke verschwand - und nun - - - Werner sann vor sich hin . Es war kein Nachdenken , es war ein gespanntes aufmerksames Insichhineinhorchen . Was wird geschehen ? Auf die Brücke wollte - mußte er hinauf . Gut ! Er ging auf die Brücke hinauf . Der feuchte Schnee machte die Bretter schlüpfrig . Er hatte sich in acht zu nehmen . jetzt stand er über dem Abgrund . Das Wasser unten war heute stumm . Eine leichte Eiskruste mochte darüber liegen . Werner bückte sich und befühlte die Bretter . Dieses lag ganz lose auf und war morsch . Werner rüttelte daran . Es saß doch fester , als er gedacht . Er spannte seine Kraft in . ja - nun gab es nach , ließ sich schieben , schwenken und fiel . Unten krachte die dünne Eisdecke , das Wasser gurgelte . Jetzt brauchte einer die anderen Bretter nur mit dem Fuß zu stoßen und sie fielen auch . Werner stieß sie mit dein Fuß , und wieder krachte unten das Eis und plätscherte das Wasser , unerträglich laut in all der Stille , erschien es Werner . Vor ihm gähnte ein großes , schwarzes Loch . Er stand am Rande und schaute hinein . Eine schwere Mattigkeit machte ihm die Glieder weich , nahm ihm alle Kraft . Am liebsten hätte er sich auch in das schwarze Loch hinabgleiten lassen . Ein Aufschlagen des Wassers , ein Gurgeln und die tiefe Stille hätte sich auch über ihn gelegt , kühl und wohltuend . Vorsichtig trat er den Rückweg an und setzte sich wieder auf den Baumstumpf . Er zündete sich eine Zigarette an , sah beim Schein des Zündholzes nach der Uhr . Es ging ihm durch den Kopf , daß der niederfallende Schnee jede Spur verwischte . Er dachte an seinen Gang heute morgen . Wie fern , wie fremd schien ihm der Werner , der in der Schulstube väterlich die Hand auf die blonden Kinderköpfe gelegt und mit den Kindern » Vom Himmel hoch « gesungen hatte . Ja , so ein friedlicher Pastor hat es gut ! Unendlich langsam verrannen die Stunden heute , und die gespannte Wachsamkeit des Ohres war ermüdend . jeder Ton , das Herabgleiten des Schnees von den Zweigen , der Fall eines Tannenzapfens , das Knacken der Eiskruste unten auf dem Wasser , alles hallte so erschreckend in ihm wider . Da war es aber wirklich , das dumpfe Aufschlagen des Pferdehufes auf den Schnee . Werner erhob sich . Alles in ihm war furchtbar angestrengte Aufmerksamkeit . Er versuchte es , durch die niederfallenden Flocken zu sehen , versuchte es , mit dem Ohr die Entfernung zu messen , die der herannahende Schlitten durchmaß . - Jetzt war er an der alten Tanne . - Jetzt sah er den Kopf des Pferdes , er mußte dicht vor der Brücke sein - - Werner trat vor . » Halt ! « rief es aus ihm heraus . Rast riß das Pferd zurück und hielt . » Wer ist da ? « fragte er . » Fahren Sie nicht weiter « , sagte Werner . » Ja - warum ? « » Weil die Brücke eingestürzt ist , - da - in der Mitte . « » So . « Rast ließ das Pferd einige Schritte zurückgehen , stieg dann aus . » Gebrochen , sagen Sie « , meinte er , » wie wissen Sie das ? « - » Ich weiß es « , entgegnete Werner ungeduldig . » Hm - danke . « Rast stapfte durch den Schnee zu Werner hin : » Ah ! Der Herr Pastor ! Ich glaubte schon Ihre Stimme zu erkennen . « » Die Brücke ist in der Mitte eingebrochen « , erklärte Werner in geschäftsmäßigem Ton , » Sie wären unbedingt hinuntergefallen . « » Na - , da hab ' ich wieder einmal Glück gehabt « , sagte Rast und lachte . » Und Sie - sind Sie deshalb hier ? « » Ich - ich war hier « - » Wollen wir den Schaden mal ansehen « , meinte Rast . Er ging auf die Brücke hinauf , stand an dem Loch . Werner schaute ihm nach . Er hätte fortgehen können . Er hatte ja hier nichts mehr zu tun . Aber er blieb , stand da , träge und gedankenlos . Rast kam zurück . » Seltsam ! « sagte er , » wie das geschehen konnte ! Sie wissen das natürlich nicht ? Nein , wie sollten Sie . « Rast bog seinen Kopf sehr nah an Werners Gesicht heran . Werner sah zwischen dem schwarzen Bart die weißen Zähne blitzen . Lachte Rast ? » Aber kommen Sie , Pastor « , sagte Rast besorgt , » setzen Sie sich in den Schlitten . Sie müssen gefroren haben . Nein , nein , keine Einwendungen . Ich bin Ihnen zu großem Dank verpflichtet . Sie sind , was man so nennt , mein Lebensretter . « Er drängte Werner in den Schlitten hinein , deckte ihn sorgsam zu . Werner ließ es geschehen . Willenlosigkeit lag lähmend auf ihm , wie wir sie in einem schweren Traum empfinden , wenn wir die düsteren Traumereignisse widerstandslos über uns ergehen lassen müssen . Rast ergriff die Zügel , wandte den Schlitten und fuhr in den Wald hinein . Im Fahren unterhielt er Werner liebenswürdig . » Verfault war das Ding genug , ich hätte längst erwartet , daß es einstürzt . Jedesmal , wenn ich da hinüberfuhr , gab es eine angenehme kleine Spannung . Ich bin Spieler und bin gewohnt , Glück zu haben . Da hier keine Bank ist , sollte die Brücke sie ersetzen . Sie wissen , wenn man gewohnt ist , Glück zu haben , vergrößert man gern den Einsatz . - Immerhin , merkwürdig , daß sie so in der Mitte brechen konnte . Als ob jemand die Bretter aufgerissen hätte . Merkwürdig . « So plauderte er fort . Er fragte nicht , wie Werner denn in den Wald kam , wie er von dem Loch in der Brücke wußte . Er sprach vom Wetter . Dieser verdammte feuchte Schnee , der kroch einem in die Kleider hinein . Man fror bis auf die Knochen . Der Schlitten hielt . Das war ja der Moorkrug . » Steigen sie aus , Herr Pastor « , sagte Rast . » Wir müssen uns ein wenig erwärmen , sonst haben wir beide die Erkältung weg . Auf die Lebensrettung müssen wir eins trinken . He - Jost - Karl . « Der Krüger erschien eilfertig . Sein mürrisches Gesicht grinste unterwürfig . » Ah , der Herr Baron . « » Ja - ja ! Damkewitz , trocknen Sie den Gaul ab . Lassen Sie sich einen Grog geben , so ! « Werner folgte Rast in den Krug mit der traumhaften Willenlosigkeit , die er nicht abschütteln konnte . Alle Aufregung in ihm hatte sich gelegt , nur etwas wie Neugierde lebte in ihm , Neugierde , wie dieser entsetzliche Traum weitergehen würde . Die Lampe wurde im Herrenzimmer angesteckt , Feuer im Ofen angemacht . » Und nun Ihren Sündersekt « , befahlt Rast : » Ein armer Jude hat nämlich Sekt hier bei dem Jost einmal versteckt , um ihn bei Gelegenheit über die Grenze zu schaffen . Na , den Juden haben die Grenzreiter wohl geholt , und unser Jost verkauft den Sekt an zuverlässige Kunden . So geht es im Leben . Aber Pastor , Sie haben gefroren , Sie sind ja ganz weiß im Gesicht . Setzen Sie sich nah an das Feuer . So ! Nun wird ' s noch ganz gemütlich werden . « Der Wirt brachte den Wein . Rast schenkte die Gläser voll . » Ja , das wird besser sein , als unten im schwarzen Loch liegen « , meinte er : » Ein eigentümliches Gefühl ist es doch , so nah an dem schwarzen Loch gestanden zu haben . Nur wenige Schritt und dann die große , kalte Angelegenheit . Brr ! Statt dessen sitzt man hier in angenehmer Gesellschaft , wärmt sich und trinkt Josts Sündersekt . « Er hob sein Glas : » Prosit ! Stoßen Sie an , Pastor . Auf Ihre Gesundheit , mein Lebensretter . « » Prosit « , sagte Werner und trank sein Glas schnell aus . » Er ist gut , der Wein « , bemerkte er und hielt das leere Glas Rast hin . » Ja , der tut gut « , meinte Rast . » So ist ' s recht « , fügte er hinzu , als er sah , daß Werner auch dieses Glas auf einen Zug leerte . Seine schönen Samtaugen ruhten freundlich und wohlgefällig auf Werner . » Geschmeckt ? jetzt wird ' s besser ? « fragte er besorgt . » Das wärmt « , erwiderte Werner und lächelte müde . » Also ! « Rast schien wesentlich erleichtert zu sein , als er Werner lächeln sah : » Wissen Sie , Pastor , Sie sind ein famoser Mensch . Das hab ' ich gleich gewußt , als ich Sie sah . Ich sagte noch zu - zu einer Dame : Der Pastor Werner muß Glück bei Frauen haben , wenn ich ein Weib wäre ... « Werner zuckte die Achseln . » Bei einer Frau . « » Natürlich « , fiel Rast ein , » die Frau Gemahlin . Habe das Vergnügen gehabt . Scharmante Dame . Nein , wirklich , Pastor , Sie waren sozusagen meine unglückliche Liebe , denn ich bin Ihnen leider nicht sympathisch , das sagten Sie vorigen Abend . Nichts zu machen ! Aber es freut mich doch , daß gerade Sie mein Lebensretter sind . Prosit - Lebensretter . « » Ach , lassen Sie doch den Lebensretter « , sagte Werner ärgerlich . » Warum « , fragte Rast , » für Sie bedeutet das vielleicht wenig , aber für mich ist das wichtig . Wo wäre ich jetzt ohne Sie ! Gar nicht auszudenken ! Wenn ich daran denke , kommt so ' n Schwindel über mich . Prosit ! Sie - Jost - eine Flasche . « Sie hatten schnell getrunken . Werner fühlte es , wie der Wein ihm zu Kopf stieg , wie die Gegenstände und Ereignisse ihre Sachlichkeit und Wirklichkeit verloren . Er und Rast und das Zimmer mit den roten Vorhängen an dem kleinen Fenster , das große Ofenfeuer , Marri , die halb nackt in ihrer lasterhaften Üppigkeit ab und zu ging , all das war wie eine Erscheinung , die gleich verschwinden würde . » Seltsam ist es immerhin « , hörte er Rast nachdenklich sagen , » gerade in der Mitte . Ich bin doch vor wenig Stunden hinübergefahren . Ob es so von selbst ... ? « » Morsch genug war es « , hörte Werner sich sagen . » Allerdings « , gab Rast zu . » Sagen Sie , Pastor - ob da vielleicht einer hinübergefahren ist - und - - « » Ach nein ! « meinte Werner . » So - nicht . « Rast dachte nach , dann rückte er näher an Werner heran mit einer vertraulichen Mitteilung . » Hören Sie , Pastor - Lebensretter - , ich kann Ihnen sagen , oft , wenn ich da hinüberfuhr , ist mir der Gedanke gekommen , das wär ' so ' ne Gelegenheit für einen , dem ich unbequem wäre . Ein paar Bretter heraus , die anderen so auf der Kippe , die reine Mausefalle . Ich bin unten . Kein Mensch wundert sich darüber . Jeder hat es erwartet , daß ich einmal den Hals breche . Ja , das wäre eine Gelegenheit - was ? « » Und wer konnte das sein ? « fragte Werner und sah Rast aufmerksam an . - » Wie er heranschleicht « , dachte Werner . Es unterhielt ihn zu sehen , wie der Mann vorsichtig ihn einkreiste . » Ich meine nur so « , fuhr Rast fort . » Die Aufgabe muß nicht leicht gewesen sein . Denken Sie sich , auf den verdammt schlüpfrigen Brettern zu stehen und zu arbeiten . Das muß nicht leicht gewesen sein . « » Schwindelfrei muß einer dazu schon sein « , warf Werner hin . » Schwindelfrei , auch das « , gab Rast zu , » und dann , ein oder der andere Nagel steckte wohl noch unten in den Latten - und dann , das große Brett - « » Sehr morsch « - wandte Werner ein . » Immerhin « , sagte Rast , » ein hübsches Stück Arbeit . Alle Achtung . Ob der da wo im Gebüsch gestanden hat und gewartet , daß ich in die Falle gehe ? Was denken Sie ? An seiner Stelle hätte ich gewartet - bis - bis es unten aufklatscht . Das hätte mich gefreut - wenn ich das gewollt hätte . Ob er da war ? Sie haben nichts bemerkt ? « Rast nahm sein Glas , trank langsam daraus und sah über den Rand des Glases hinweg Werner mit seinen sentimentalen Augen sinnend an . » Sie haben ihn nicht gesehen ? « wiederholte er leise . » Wen ? « fragte Werner leise zurück . » Nun - ihn - , der ' s getan « , sagte Rast . Werner schwieg einen Augenblick , stützte beide Arme auf den Tisch und schaute in das Feuer . » Doch - « sprach er dann langsam in das Feuer hinein - » er war da . « » Oh ! Wirklich « - Rast zog ein wenig die Augenbrauen in die Höhe , wie in leichtem Erstaunen . » Ja , er wartete « , fuhr Werner fort , » er wartete . - Ich wartete . « Etwas wie Spott klang aus der Stimme , die das sagte , Spott über den anderen , der durchschaut war . Rast blieb in seiner sinnenden Stellung , er sagte nur : » Ja , natürlich wußt ' ich ' s. « Beide Männer schwiegen , stützten sich mit den Armen schwer auf den Tisch , wie Leute , die müde sind , und sahen dem Ofenfeuer zu . Plötzlich richtete sich Rast auf , griff nach seinem Glase : » Prosit , Pastor , prosit , Lebensretter ! Natürlich wußt ' ich ' s. Auf Ihr Wohl ! Hier in der Gegend sind Sie der einzige , der so was kann . Teufel noch einmal , so was ! Eine Falle wie für einen Wolf . Herr , Sie müssen ordentlich hassen können . Aber gekonnt , bis zu Ende gekonnt haben Sie ' s auch nicht . « » Nein « , sagte Werner wie in Gedanken , » das sollte nicht sein . Sie waren nicht in meine Hand gegeben . « Rast lächelte sein liebenswürdiges Lächeln . » Schade , theoretisch schade . Nicht in Ihre Hand gegeben , das ist Altes Testament , nicht wahr ? Wirklich , die Sache hat was Alttestamentarisches . - Einen Jüngling für meine Wunde , und eine Jungfrau für meine Schwären - so ungefähr sagt auch einer der alten Helden . Nicht ? Aber verzeihen Sie noch eine Frage , tut es Ihnen jetzt leid , daß Sie es nicht bis zu Ende gekonnt ? Sie möchten lieber , daß ich dort in dein Loch liege , als daß ich hier sitze und Sekt trinke ? Nicht ? « Werner erhob sich von seinem Stuhl und begann im Zimmer auf und ab zu gehen , die Hände auf dem Rücken , wie er es gewohnt war . Die seltsame Traumschlaffheit wollte er von sich abschütteln . Dann blieb er vor Rast stehen und sagte ruhig und laut : » Baron . Mit dem , was ich Ihnen gesagt habe , können Sie tun , was Ihnen beliebt . Vielleicht gibt es Ihnen irgendein Recht auf mich . Aber ich bestreite Ihnen das Recht , mich auszufragen , sich da einzumischen , was ich und meine Tat miteinander auszumachen haben - - « » Aber lieber Pastor « , unterbrach ihn Rast , » ich hoffe , ich habe Sie nicht verletzt . Sie haben recht , es war taktlos von mir , diese Frage zu stellen . Sie können ruhig sein , das wird nicht mehr vorkommen , keine Frage . Für eine Unterhaltung in Fragen sind wir beide zu gut erzogen . Und dann , Sie sprechen von einer Tat . Hier gibt es keine Tat , kaum das Gespenst einer Tat . Und Rechte , welche Rechte soll ich haben ? Ich bin für Ihre Mitteilung dankbar , sie hat mich sehr interessiert . Wenn ich Ihnen einen Gegendienst leisten kann , wird es mich freuen . « Werner stand noch immer und sah auf Rast hinab . Plötzlich ging ein merkwürdig hochmütiges Lächeln über sein Gesicht . » Sie sind witzig , Baron « , sagte er , » und Sie fühlen sich mir jetzt sehr überlegen . Aber sehen Sie , was auch geschehen ist , mir steht meine Tat , trotz allein , doch höher als Ihre Taten . Überlegen sind Sie mir nicht . « Rast war aufgesprungen . » Ihre Tat , die Sie nicht tun konnten « , rief er höhnisch . » Das ist meine Sache « , erwiderte Werner . Rast machte eine leichte , bedauernde Handbewegung . » Lassen wir das . Schade . Man hätte herzlicher auseinandergehen können . Also , leben Sie wohl , Herr Pastor , besten Dank für die Lebensrettung und den interessanten Abend . Wie gesagt , schade , daß der Pastor dazwischen kommt , wenn es anfängt , gemütlich zu werden « - Werner verbeugte sich in seiner feierlichen , befangenen Art und ging hinaus . Draußen hing schon ein blaßgelbes Lichtband am östlichen Horizont . Über dem frischgefallenen Schnee kam der Tag sehr weiß und rein herauf . » Bist du mit den dummen Rechnungen fertig ? « fragte Lene . » Du schläfst ja keine Nacht mehr . « » Ja - fertig « , antwortete Werner und drückte sich fester in den Sessel am Kamin hinein . » So sing ' wieder « , bat Lene . » Nein - ich kann nicht singen . « » So erzähl ' was . « » Nein « , sagte Werner . » Erzähl ' du was , Kind , etwas , das ich kenne , wie ihr als Kinder zum Großvater kamt und in dem alten Garten unter den Johannisbeerbüschen lagt und die sonnenwarmen Trauben aßt . « » Die alten Geschichten ! « meinte Lene . » Ja - alte , stille Geschichten . « Lene erzählte gehorsam . Werner hörte dem Tonfall der angenehmen , hellen Stimme zu . Seine Gedanken gingen ihren Weg , einen gewohnten Weg . Er lebte die stillen Abende in Dumala durch . Er sah das Aufleuchten von Karolas Augen , das Zucken des Mundes . Er hörte die Worte , die sie gesprochen , den Ton der Stimme . Es war ein ruhevolles Gedenken , wie wir einer gedenken , die wir verloren . Alles andere schien ausgelöscht . Die Nacht im Walde , sie stand in keiner Verbindung mit seinem Leben . Sie gehörte zu ihm , sagte er sich , und doch vermochte er sie sich nicht zu eigen zu machen . Das Leben ging weiter , als wüßte es nichts von dieser Tat . Was ist eine Tat , die nicht gegen uns aufsteht und uns an sich erinnert ? Nur nachts zuweilen , im Traum , stand er auf der schmalen Brücke , und etwas fiel in das Wasser , und das Wasser spritzte auf , schwarz wie Tinte , und vor ihm gähnte das dunkle Loch . Dann erwachte er todmüde , wie gehetzt von dem Traum . Mit Rast traf er eines Nachmittags in Debschen bei der Baronin Huhn zusammen . Rast begrüßte ihn sehr herzlich , als seien sie alte Freunde . » Ach , Pastor ! Angenehm , daß man sich wieder trifft . « Beide hörten geduldig den Dienstbotengeschichten der Baronin zu . Als sie aufbrachen , ließ Rast seinen Schlitten ein wenig vorausfahren . Die Sonne ging so hübsch unter , er wollte einige Schritte gehen . Werner ließ es schweigend geschehen , wie wir geduldig etwas Lästiges aus guter Erziehung ertragen . Schulter an Schulter gingen die beiden Männer die Pappelallee entlang . Rast sprach von gleichgültigen Dingen . » Gott sei Dank ! Es friert , gut für die Jagd . - Schade , daß Sie nicht mehr jagen , Pastor . Die Jagd ist doch das einzige , wirkliche Vergnügen dieser Einöde . Es ist vielleicht kindlich , primitiv . Wir verstecken uns und freuen uns , daß wir klüger sind als ein