, die Kellnerin , in den Arm gekniffen zum Abschied . So waren die beiden mit den hochgekrempten Kragen verschneit in das Bierhaus eingetreten . Es war ein rauchiges Lokal , und nur die einzige Ecke in der Nähe des Büffets hatte einen freien , kleinen Rundtisch zum Plaudern . Da war Einhart plötzlich ein Gesicht aufgegangen . Der Zigeuner in seinem Innern voll Sehnsucht sah aus ihm heraus . In dem Lokal eilte eine Bedienende geschäftig hin und her - ein engellichtes , goldhaariges Mädchen , jung wie der Frühling und sanft von Mienen und scheu von Art. Sie war zu den beiden sofort herangetreten . Nun brachte sie ihnen die hellen , vollen Gläser . Einhart war ganz stumm gleich . Grottfuß wollte reden . Aber Einhart sah nur in sein Glas und hundertmal hinüber . Grottfuß wollte das Mädchen rühmen . Auch er war von dem Jugendglanz betroffen , und fand es gemein , ein solches Bild von Reine hier im Rauche . » Ach was , « sagte Einhart , » vielleicht ist es gut so . Vielleicht ist es eine Bestimmung . « Eigentlich hatte es nicht recht Sinn , was Einhart so redete . Oder es war sein Gefühl nicht klar zum Ausdruck gekommen . Jedenfalls ließ er nicht ab hinzublicken , und die Wege der goldblonden Jungen im Lokal hin und her zu verfolgen . Er redete an dem Abend gar nichts weiter . Er verriet mit keiner Silbe seine Bewegung . Einem jungen , schnurrbärtigen Herrn , offenbar einem Referendar , der es plump versuchte , dem Mädchen näher zu kommen und sie anzurühren , entwich sie sanft mit klingendem Lachen . » Draußen und drinnen ist nämlich immer dasselbe , « sagte Einhart einmal unvermittelt . Das war auch so eine Philosophie , wie er sie jetzt gebildet hatte . » Gott sei Dank , daß da und dort noch immer eine Macht ist , « sagte er wie für sich , als er sah , daß den Männern im Rauch der Bierstube eine Ahnung von Weihe gegen das Kind im Blute saß . Einhart war einmal plötzlich aufgestanden , und kämpfte lange , ob er gehen oder bleiben sollte ? Grottfuß blieb stumm sitzen und rührte sich nicht . Er war auf die Akademie zu sprechen gekommen . Einhart stand und paffte den Rauch seiner Zigarette und strich den Aschenknopf auf den Bierdeckel . Seine Augen hatten etwas Versunkenes , Hartes , Begehrliches . Er hätte in diesem Augenblick denen zu Hause wie ein ganz Fremder geschienen . Er war schon jetzt in den richtigen Kämpfen um ein Leben . Er ging mit Hunger und Durst anzueignen , was aufbaut . So drängen Keime in der Erde mit Hunger und Durst , sich und ihre Triebe aufzuheben , und die junge Pflanze mit Hunger und Durst , wenn erst der Licht-und Luftkreis erreicht ist , aus Visionen und Atem es zu ersinnen , was zur Blüte , und was zur Frucht führt . Einhart sog jetzt ein , sozusagen . Grottfuß konnte es ahnen . Er sah an Einhart heimlich auf . In ihm war eine Abhängigkeit von Einhart . In Einhart war keinerlei Abhängigkeit , außer von den Dingen , nach denen er Hunger und Durst empfand . Aber Einhart blieb dann doch noch wieder sitzen . Er hatte lange gestanden . Nun entschied er sich zu einem neuen Glase . Er klopfte auf den Tisch und redete sanft zu der Blonden , seltsam gespreizt jetzt . » Was trägt so eine Goldhaarige für einen Namen ? « sagte er einfältig lächelnd plötzlich zum ersten Male . » Ach Gott , eine Goldhaarige nennen Sie mich . Nun ja ! Und wie ich heiße , wollen Sie wissen ? Das können Sie wissen ! Dorothea ! « sagte sie ganz sanften Tones , ganz rot werdend . Daß Einhart und Grottfuß ein Staunen nicht los wurden , wie flaumig die Haut der Jungen schien , wie mit den sanftesten Farben das Blut in Milchweiße einfuhr , das Gesicht so zart wie Blumenfleisch . Sanft außermaßen klang der Jungen Ton . Einhart gegenüber gar nicht weiter scheu , mehr so lieb hin , wie das Lächeln und die Röte verraten hatte . Einhart war vollends für sich geworden , als er den Ton im Ohr und das Bild im Auge dasaß . Er sah ganz kindlich aus - - - unerwartet . Grottfuß sah ihn ein paarmal von der Seite an . » Ja - also na ... Dorothea .. Dorothea ... ! also - - , « lächelte Einhart nur vor sich hin . So saßen sie noch ewig . Einhart kam nun jeden Abend hier in die Ecke , und hatte noch am dritten Abend nichts weiter mit Dorothea geredet . Nur daheim hatte er versucht , seine Vision auf die Leinwand zu bringen . 8 In einer kleinen Wohnung unter Dach , Einhart gegenüber wohnte ein altes Fräulein mit einem Kropf vorn am Halse , der welk und runzelig ein wenig aus der schwarzseidenen Mantille heraussah . Einhart mußte oft an dem Fräulein vorbei , wenn er aus seinem Stübel trat , um die Treppen hinabzusteigen , und machte sich dabei jedesmal eigene Gedanken . Er wohnte in seiner Dachwohnung jetzt schon fast zwei Jahre . Und es war an die hundertmal gewesen , daß er aus dem bleichen , langnasigen , großzügigen Parzengesicht der hutzeligen Dame eine sonderliche Frage halb achtlos mit fortgenommen . » Fräulein Reseda « hatte sie Einhart für sich genannt , weil sie stets einen ganz feinen Geruch von Blumen um sich ausbreitete , und aus dem Geruch ihm Bilder von einem altertümlich eingefriedeten Garten hinter hohem Heckenzaune , darin große Herbstblumen mit verlockenden , welken Aromen im Abendschein blühten , aufgestiegen . Das kam Einhart und entschwand kaum geachtet , jedesmal dann , sobald er im Gewühle der Menschen seinen Weg in die Bierstube genommen , wo Dorothea bediente . Wie der Frühling kam , lebte Einhart ein sehr zerfahrenes Leben , blieb die Nächte außer Hause und kam gewöhnlich erst heim , wenn durch sein Dachfenster die blaue Stunde schien . Weder Hunger noch Durst achtete er recht . Die alte Wirtin , wenn sie sah , daß der hagere , zigeunerische Mensch den ganzen Tag , schlafend oder arbeitend , so zwischendurch ein jedes , daheim zubrachte , begriff durchaus nicht , wovon solcher Sonderling lebte . Die Dachwohnungsnachbarn erfuhren das heimlich . So wie es auch nicht verborgen geblieben , daß in Einharts Zimmer Skizzen und Bilder von nackten Frauen reichlich herumlagen und standen . Da fand Einhart von einer Zeit an in seinem Zimmer zunächst stets , wenn er im Morgengrauen heimkehrte , eßbare Dinge . Einen Topf Milch und ein paar Semmeln . Oder Früchte mit einigen Kuchenstücken . Auch einmal eine ganze Wurst und ein neues Brot . Wenn Einhart , vernagt und besinnungslos von seinen Nachtsitzungen heimkam , dachte er mit keinem Wort an jemand , der so etwas ihm könnte bereitet haben . Er aß und trank , dankte ins Ungewisse , schlief und begann den Tag spät , wenn die Sonne schon im hellsten Mittag schwamm , sich mit seinen Visionen neu abzuplagen . Freund Grottfuß war der Sohn einer einsam lebenden , alten Tänzerin , und eine ganz seltsame , feine , helle Person . Sein sehr scharfes , schmales Gesicht hatte immer einen sanften Ernst . Im Lachen konnte das Gesicht altmodisch steif aussehen , weil die Gesichtshaut um die Mundwinkel und Nasenflügel sich dabei zu spannen schien , und kaum eine rechte Verziehung zu Stande kam . Etwas Verhaltenes nur , daß man an ihm in solchen Momenten fühlte , wie spitz die Seelenbewegung ihn durchfuhr . Wozu man die Augen sehen mußte , die blau waren , und dann groß glänzten , obwohl nur die Fülle Glanz sie so scheinen machte , die Augenlider wie bei allem Lachen sich sanft zusammenschoben . Wenn Grottfuß , auch verächtlich gestimmt , und meist sehr geärgert , weil Einhart alle seine Leinwanden hinter Bettstatt und Vorhang vergraben , sobald er Grottfuß ' Tritte auf der Bodenstiege erhört hatte , bei Einhart saß , kamen sie jetzt gewöhnlich auf Naturnachahmung zu reden . » Natur , « sagte dann Grottfuß in allerlei Wiederholungen , » ich begreife nicht , wohin solches Nachahmen führen soll ? Natur ! Jede beliebige Beigabe ist immer noch besser , als die natürliche Langeweile ! Man sieht es ja . Sie möchten auch alle die Beigabe ! « Man regt » Symbole « . Man hüllt ins » Märchenhafte « ein . Oder macht einen » Hinblick auf das Leben « . Aber » Mitleiden « , » Herr Jesus ! Kunst und so ein Hinweis ! « sagte er dann gewichtig : » als ob nicht Kunst immer eine Festfreude aus der großen Seele sein müßte ! « sagte er wie ein Könner . Einhart war dieses Gerede jetzt durchaus zuwider . Und weil es sein innerstes Evangelium war , was der andere rein als Wort und Phrase jeden Augenblick neu vortrug , nannte er Grottfuß ins Blaue hinein einen verrückten Menschen . » Ich würde durchaus zufrieden sein , « sagte dann Einhart lächelnd , » auch nur die Nase eines Menschen so malen zu können , wie sie Seelenhaftes zum Ausdruck bringt . « Er dachte an Dorothea . Er hatte auch Dorotheas Nase genannt und geschildert , wie ihre feinen , pfirsichweichen Nasenflügel bebten und zuckten , und daß man allein aus diesem Leben der Nasenflügel ohne Symbolik und Märchen und Mitleiden sein Wunder sehen und malen könnte . » Deine ganze Kunsttheorie ist einfach Verliebtheit , « rief dann Grottfuß gewöhnlich , » und du wirst auch deinen anmaßlichen Traum auf der Erde endigen , wie wir alle . « Weil Grottfuß wie Einhart in Dorothea verliebt war . Auch im Restaurant saßen sie so und stritten sich . Und manchmal schon hatte Grottfuß oder Einhart , wer dann zuerst den Augenblick für gekommen hielt , das Lokal im Hohn oder stummen Widerstreit verlassen . Aber wenn Einhart es gewesen , kam er gewöhnlich nach zwei Minuten wieder . Und in einer Nacht , als er Grottfuß nicht mehr vorfand , war er allein an seinem Tische sitzen geblieben , bis sich das Restaurant völlig leerte . Da hatte er Dorotheas Arm ergriffen , und die beiden waren durch die Nachtstraßen lustig in seine Wohnung geschwenkt . Seltsam erregtes Ereignis in Einhart zum ersten Male . Leise schließend war er mit Dorothea ins dunkle Haus eingetreten , worein nur der Lichtschein durchs Stirnfenster der Haustür fiel . Einhart war zum ersten Male heimlich gestochen von der Glut . Er konnte vor Erregung nicht reden . Dorothea war stumm und hingebend . Er hatte ein Wachslicht zum Brennen gebracht . Man sah die grauen Stufen , die man hinaufschlich . Und war bald unter seine Leinwanden und zwischen Bettstatt und Sofa und Staffelei eingetreten . Dorothea hatte sich gleich zurecht gefunden , als Einhart die kleine Lampe entzündete . Liebliche , blonde , flaumige Junge noch immer , saß sie im Scheine auf seinem Sofa , indem sie sich lächelnd umsah , immer Einhart ins Auge sehend , indes sie ihn streichelte , und seinen Kopf herzuzog . Aber sie stand auch wieder auf und besah sich die Skizzen an der Wand , trug die Lampe selber herzu und hielt den Schein auf die Bilder . » Solche unanständige Sachen machst du , kleiner Verliebter , « sagte sie plötzlich lüstern und pfiffig . Einhart sah sie an , wie sie herumging , gleichgültig ihr aufgebundenes Goldhaar hinter sich fallen ließ , und dann die Knöpfe des Kleides aufzunesteln versuchte . Er sah jetzt auch , daß Dorothea mit übermüdeten Augen auf die Bilder blinzelte , welk und herzlos . » O du ! Solche tolle Sachen machst du . Also du bist wirklich Maler ! « rief sie dazwischen . » Ich habe immer gedacht , du hättest mich beschwindelt , « klang es ziemlich ordinär plötzlich in Einharts Ohren . Einhart mußte furchtbar lachen . » Du dachtest wohl , ich wäre ein Bierbrauer oder so , « sagte er , auch aus der Rolle gefallen . » Laß das Bild stehen ! « rief er ein wenig gereizt . Aber Dorothea gab ihm einen Klaps ins Gesicht , zog sich Anderes hervor , indem sie sich ganz achtlos weiter entkleidete und lachte . » Ist das nur verrückt , mein Junge ! wie ? so sollte ich aussehen ? « sagte sie jetzt frech , indem sie nun dem Zigeunerbild aufs neugierigste naheging . » Erstens einmal habe ich einen ganz anderen Blick , eine ganz reine Haut und dann « - - sie hatte ihre weiße Bluse vollends beiseite geworfen und zeigte ihm ihr weißes , volles Busenfleisch ganz leichthin , hielt die Fülle mit Behagen in ihren kindlichen Händen fest und sagte : » Da sieh ! solchen Busen wie meiner - - und der da ! - - nicht ? ! « Einhart starrte wie ein Ängstlicher auf seine Leinwand , wo eine keusche , zarte , blonde Frau voll zärtlicher Inbrunst zum Geliebten sah , und sein Lachen , als es jetzt neu ausbrach , war noch sinnloser geworden , daß Dorothea empfindlich wurde . » Worüber lachst du denn so frech ? « fragte sie . » Nicht doch ! « sagte Einhart , zur Besinnung kommend . » Ach Schatz ! « redete Dorothea schmollend . Aber sie begann sich an ihn anzupressen . Einhart war die ganze Lage seltsam unangenehm . Er war ziemlich ernst geworden . Er sah sich das Mädchen jetzt nur scharf an . Seine Augen waren unentschlossen und spitz . » Was soll denn nun werden ? mich friert ! « sagte Dorothea unzufrieden , weil sie halb nackt dastand . » Kleinchen ! « sagte sie und bettelte ihn , schlug ihre nackten Arme um ihn und wollte ihn zu sich ziehen . Aber Einhart war völlig erkaltet . Daß er sie jetzt bestimmt zurückhielt . Und dann stand er auf und ging mit sich im Widerstreite hin und her . » Iß nur ! « sagte er ablenkend und schob Dorothea zwei Apfelsinen und den Kuchen über den Tisch hin , die unerwartet wieder dagestanden . Dorothea lachte höhnisch . Dann begann sie zu essen . Einhart kam sich richtig lächerlich vor . Er begann plötzlich in seinen Taschen alles Geld zusammenzusuchen , was er bei sich trug . Es war ihm unsäglich drückend zu Mute . » Du bist ein guter Kerl ! « sagte Dorothea fein , als er ihr reichlich Geld hinhielt , das sie sogleich geschäftig in die Tasche ihres Rockes barg , der noch über die Sofakante herunterhing . Dann begann sich Dorothea zögernd anzukleiden . » Also ein Künstler bist du ? Ich könnte dir doch wenigstens einmal Modell stehen - richtig ! « sagte sie ernst , ein wenig kleinmütig . » So feine Sachen wie du malst ! - - aber ein andermal ! - - du ! - nicht ? - Was hat dich denn verdrossen , Liebchen ? « fragte sie zärtlich . » Ich begreife dich gar nicht . Ein Sonderling bist du ! « sagte sie ein wenig beleidigt . » Ein richtiger Sonderling bist du ! « wiederholte sie dann ein paar Mal , als wenn ihr der Einfall sehr gefiele . » Nämlich am Tage , mußt du wissen , bin ich doch immer im Dienst gebunden . Aber nachts muß ich ein bissel verliebt sein ! « - - » Ach du , Schatz ! - nein ! « indem sie sich noch einmal an ihn zu drängen versuchte . » Ein richtiger Sonderling bist du wirklich ! « » Gewiß , Thea ! « sagte Einhart . Dann hatte Einhart die junge Blonde mit einem kleinen Lichtstumpf die vier Stiegen stumm hinunter begleitet und sie in den grauen Morgen hinaus verschwinden sehen . 9 An der Akademie ging das Leben seinen Gang . Der Frühling hatte neue Werke hervorgebracht . Draußen auf der Wiese die Anemonen und Schneeglöckchen zuerst , und die Wiesenschaumkräuter , die Bäche und Raine säumten , und den goldgelben Schmirgel , der aus blauen Sumpfwassern kroch , und manches , das im Luftkreise Süße hauchte . Und drinnen , in den Meisterateliers , auch allerlei . Das war alles in den Frühlingssalon gewandert , wo es an der Wand hing , und von dem Ruhm und Können der Meister Zeugnis schuf . Wie neuer Schmirgel und neues Vergißmeinnicht . » Aber eine Wunderblume ist nicht darunter , « meinte Einhart trocken , als er auf die Stufen vor die große Ausstellung wieder herausgetreten . Einhart sagte nur das . Grottfuß lehnte sich an den Gedanken an und ereiferte sich noch immer , daß die Leute zu sklavisch wären , und daß es nur gelingen könnte , wirklich zu überraschen , wenn man auf eine neuerfundene Weise etwas sagte , und das heißt , stilisierte . Einhart fand all das Gerede lächerlich . Er hatte sein Wort gesagt und sagte nichts weiter . Vor den Kunstwerken in den weiten Ausstellungsräumen hatte er gar nichts geredet . Nein nichts . Grottfuß war es , der sich über tausenderlei aufregte . » Die Malweise ist roh , « hatte Einhart bei einem Bilde gedacht , ins Schauen und Suchen versunken , und war weiter gegangen . Seit er Dorothea in seinem Dachzimmer gehabt und seinen Zigeuner mit der Geige daneben gesehen , den Traum neben dem Leben , war ein Riß in ihm , wie eine Wunde . Wie Einhart , den ganzen , großen Kreis von Bildern hinter sich , mit Grottfuß wieder auf die Straße getreten , war er gleich vorwärtsgegangen , als wenn er allein wäre . Grottfuß , über diesen Hochmut heimlich empört , war auch abgebogen , ohne mehr als seinen Knopfstock mit dem blauen Lasurstein ein wenig von der Schulter gegen Einhart zu neigen . So waren sie auseinandergegangen . Einhart war unsäglich ermattet und unzufrieden . Rein in der Idee . Rein nur im Sohinträumen von etwas , das er nicht kannte . Er war wie ein rechter Zigeuner jetzt wieder . Auch recht verwahrlost äußerlich , kann man sagen . Wenn auch seine runde Wirtin , die dick war wie ein Faß , und die immer weinte über allerlei Eigenes und Fremdes , dafür sorgte , daß wenigstens der Rock gebürstet und die niedergetretenen Stiefel geputzt waren . Hände und Gesicht konnte sie doch dem zwanzigjährigen , dunkelsträhnigen Menschen nicht mehr waschen . Die Haut blieb grau und die Nägel schmutzig und alles hing achtlos an ihm , wie die fetten , glänzenden Strähne um seine Stirn . Einhart lief jetzt allein und sehr aufgewühlt . Er war es zufrieden , Grottfuß , der ewig theoretisierte , los zu sein . Er lief nach Hause , und nachdem er eine Leinwand nach der andern hervorgeholt und genau betrachtet , überkam ihn ein langes Sichvergessen . Was in ihm hinging , ist nicht leicht zu sagen . Er hatte ein sehr liebendes Anschauen in allem . Worte und Namen standen nicht zwischen ihm und seiner Welt . Es war gegen ein Uhr gewesen , als er sich so noch im Hut , und den Krückstock in der Linken , auf einen Stuhl am Bette niedergelassen . Nun saß er die Augen manchmal geschlossen . Was ihm vorüberging , war eine lange , graue Reihe von Menschen und Dingen , wie in einer Stadtstraße . Auch die von daheim - und schwüle Nächte . Ein eigentümlicher Reigen von Gefühlen , darin kein Drang ihn weckte , aufzustehen , und sich zu rühren . Er hatte wie ein hartes Leid auch . Irgendwo mußte es zu finden sein . Er hätte nicht gewußt , wie sich hinbewegen ? Eine Angst war es , ein einziger , physischer Druck , daß die Adern an seiner Stirn manchmal heftig pulsten . Auch an die Landstraße hatte er denken müssen , wo er einmal hinausgewandert in der seligen Ahnung nach Wunderdingen . Seltsame Verschlafenheit fast , in der alles Begehren untergesunken , wie auch Hunger jetzt und Durst . Er hatte da allerhand gemalt , das er starr ansah : Geigenspieler , nacktes Gesindel mit bronzenen Leibern , sehnsüchtigen Blickes . Aber auch das alles hatte jetzt Klang und Glanz verloren . Daß er es verabscheute , wie die graue Leere . Er fühlte sich ganz hoffnungslos . Er begriff nicht , wie das alles so schnell schal geworden . Er nahm eine Schere und stieß eine Leinwand nach der andern durch und schnitt ein Bild nach dem andern aus dem Rahmen , ohne aus seinem Sinnen aufzuwachen . Alles war glanzlos und sinnlos und nüchtern , dünkte es ihm , wie einem , der plötzlich nicht mehr Musik - nur noch den Lärm daraus im Ohr behält . Er konnte nichts finden , das ihn jetzt hätte halten können . Nicht er selber , noch irgend ein Heilbringer . Auch Herr Soukoup nicht , mit seinen großen Kunstforderungen , noch gar Meister Teodor mit seinen Idyllen . Alles war grau in grau , kleinlich-wirklich , nichtig , bekannt , gut und tüchtig und sonst nicht viel , ein rechtes Herkommen der Seele von langeher , immer wieder wie Blumen kommen - : » nur keine Wunderblume darunter ! « In diesem Augenblick trat jemand ein . Die Wahrheit zu sagen , Einhart sah heut durch die Wände . Wie er so geträumt mit offenen Augen , es mußten Stunden vergangen sein , es war gegen vier Uhr jetzt , und er war noch von früh an ungegessen und ungetrunken , hatte er ein Spüren in allen Fasern . So hatte er feine Tritte schleichen hören , und hatte schon am Anklopfen gemerkt , daß hinter der Tür Fräulein Reseda Einlaß begehrte . Es ist ein wahres Wunder , daß sie gerade an seiner Tür pochte , wo er , ein rechter , vogelfreier Zigeuner , vielleicht schon morgen diese ganze Welt voll Herkommen würde verlassen haben , vielleicht schon heute , vielleicht schon im nächsten Augenblick , weil ihn der Drang nach etwas Wunderbarem von neuem angepackt und hingenommen . Aber jetzt stand Fräulein Reseda in aller Sanftheit vor ihm . Einhart war nicht einmal aufgestanden , so erstaunt war er . Er sah sehr verlassen aus und lächelte . Fräulein Reseda erkannte an seinen Augen , daß er erst allmählich in diese wirkliche Welt sich nach Hause fand . Seine Augen sahen herum , wie einer , der von etwas zu viel Licht geblendet sieht . Fräulein Reseda ging freundlich näher . » Werden Sie böse sein , wenn ich einmal zu Ihnen eintrete ? « sagte sie sehr fein . Einhart sah , daß es ein vornehmes Fräulein war . Obwohl der Kropf leicht aus der Mantille heraussah , hatte sie eine ganz erwählte , stille Rede , die Hände fein und schmal voll blauen Aderwerkes . Einhart konnte wirklich jetzt nur lächeln . Schon weil auch Fräulein Reseda aus Güte lächelte . » Oh oh , was Sie da haben ! « sagte sie wie mit flüchtigem Blick in leichtem Vorwurf , auf die bunten Leinwandfetzen am Boden weisend , halb verlegen . Übrigens war , wie Einhart jetzt noch genauer sah , Fräulein Reseda bucklig . Aber ihr Auge war tief und braun , ihr Gesicht blaß und schmal , mit einem behaarten Wärzchen am Unterkinn , und ihre Bewegung in allem fast fromm und verhalten . » Ich wollte schon immer einmal kommen , « sagte sie » weil ich dachte , daß ich Ihnen etwas nützen könnte . Sie leben allein und sind gewiß noch jung und unerfahren , « sagte sie . Einhart war in solchem Falle recht wie ein Mann , der gar keine Acht hat , auf keine Forderung und Höflichkeit . Nur ganz voll Zutrauen . » Ach Gott - « sagte er , » allein - ja - allein - lebe ich - oder auch nicht allein . Wie man es nimmt . In Gesellschaft genug ! Ich komme eben aus dem Ausstellungstrubel , da war die ganze Stadt - « sagte er . » Wissen Sie , weswegen ich komme ? « fragte Fräulein Reseda . » Aber erst erlauben Sie mir zu sitzen , « sagte sie gleich darnach , » ich habe immerfort Wäsche gelegt . Sehen Sie ! Ich wollte Sie nur fragen , ob Sie mich nicht auch einmal besuchen wollen ? Sie leben so sehr unregelmäßig und gewiß nicht immer in der besten Gesellschaft ! « Einhart fand diese Rede wunderlich . » In der besten Gesellschaft ? « wiederholte er und ging zum ersten Male auf und ab , als wenn nun jemand gekommen wäre , der ihn zur Rede stellen und mit Mahnungen versehen wollte . Er mußte an die Nacht mit Dorothea zurückdenken . » Nein , Sie haben durchaus recht , « sagte Einhart dann zustimmend . » Begreifen Sie doch : man weiß eigentlich überhaupt nicht recht . Die Eltern schicken einen an so eine Akademie und sagen nur : Tue Gutes ! Nun müht man sich . Und greift ins Unbestimmte . Ich habe Sie doch nie gestört mit meinem Wohnen hier ? Oder doch ? Wollen Sie mir etwa deshalb die Leviten lesen ? « - sagte er verlegen lächelnd . » I Gott ! lieber Herr Selle ! Ich werde - - - nein nein - - - Glauben Sie doch das nicht ! Nichts dergleichen . Nur ganz allgemein : nämlich - ich wollte Ihnen immer sagen : ich glaube , die Künste hat der Teufel erfunden , « stieß Fräulein Reseda dann hervor . » Das ist nichts Gutes ! Da wird alles veräußerlicht . Und äußere Maße sind nicht immer die inneren ! O Gott ! « Beide waren eine Weile verlegen lächelnd still für sich . » Und nicht nur das , « sagte Fräulein Reseda hastig weiter , als Einhart dann lebendiger sie anzusehen angefangen . » Die jungen Künstler leben ein gottloses Leben . Sie taumeln herum , wie die Schmetterlinge auf allen Blumen , wo sie etwas Süßes finden . Und haben nicht Halt . « Und ehe sich Einhart besann , brachte sie vor , daß sie manchmal bei sich junge Leute hätte , Leute in Einharts Alter , gute , strebsame , fromme Jünglinge . Und wenn er sie besuchen und so manchmal auch bei ihr ein Mahl mit denen einnehmen wollte , möchte er kommen . » Nicht um meinetwillen komme ich , « sagte Fräulein Reseda am Ende ausdrücklich . » Ich dachte mir , daß ein Leben gewonnen wäre , wenn der Geist der Jünglinge nur rechtzeitig auf die wahren Güter und Halte gerichtet würde . « Fräulein Reseda sprach sanfte Ideen , daß Einhart sein Lächeln gar nicht wieder los wurde . Als er sein Hin- und Herwandeln einstellte , worin er jetzt ganz dem alten Herrn Selle glich , war er froh , daß eine Stimme aus einer ganz anderen Welt plötzlich zu rufen angefangen . » Gewiß werde ich kommen . Warum denn nicht ? « sagte er bestimmt . » Einmal schon , weil ein Künstler allerlei Menschen kennen lernen muß , und sich aus tausend Zügen etwas erlesen . Und dann , weil Sie mich gewiß nicht einladen , um mich drüben zu vergiften , « sagte er drollig , » weil ich Ihnen nicht mißtraue . « Fräulein Reseda lachte hell auf . Ihr Lachen war ein feiner , gefälliger Klang . Einhart mußte dabei unwillkürlich an etwas Schönes und Freies denken . Aus dem Lachen kam ein Hauch voller Hoffnung wie aus einer fernen Jugend . Wie dann Fräulein Reseda hinaus war , war Einhart noch immer erregt , wie wenn er etwas erlebt hätte . » Eine Wunderblume ist nicht darunter , « hatte er auf den Stufen vor der Ausstellung gesagt , als er am Morgen mit Grottfuß heraustrat . » Ob denn hier im heimlichen Bodengelaß etwas Wunderbares blüht ? « dachte er jetzt . Er hatte alle Dränge vergessen , hinauszuwandern , seine Mattigkeit und sein Widerstreben gegen sich selber , seine Begierde , die Gegenwart hinter sich zu lassen . Fräulein Reseda hatte gleichsam , wie eine Schale noch in lauter Hüllen , ihr seltsam gütiges Leben vor ihn getragen . Einhart begann neu erfaßt , aufzulachen . » Man muß solcher Menschenliebe mit Kropf und Buckel nachspüren , « sagte er vor sich hin . 10 Fräulein Reseda hatte ihre Wohnung im vierten Stockwerk , wie Einhart seine Giebelstube . Und Einhart war wirklich zum ersten Male im Leben entzückt , wie es in einer menschlichen Wohnung aussehen konnte . Einhart kannte jetzt manche Wohnstätte von Menschen . Nicht nur die Behausung , in der Herr Geheimrat Selle nebst Frau und den Töchtern saß . Man lebte darin noch immer so recht ein Leben der Gewohnheit . Und alle Möbelstücke und die Blume auf dem Teppich schienen eine steife Würde für sich zu tragen , so etwa , als wenn jedes für sich sagen wollte , gedungen und ausgenützt stehe ich und diene hier einem gleichmäßigen , eintönigen Leben . Das Sofa mit den großen Lehnen und der Tisch mit dem Silberteller voller Karten mit noblen Namen und Würden , ein jedes vergriffene Stück schien heimlich zu stöhnen und zu raunen , daß es sich wie verschlafen und steif fühle und wie hoffnungslos eingeschlossen , als ein freudeleeres Glied in dieser nichtgeachteten , verschlafenen Runde . Da gab es nur ein eintöniges , heimliches Widereinanderklingen wie in den Seelen . Und der Herr Geheimrat tat der blauen