fragte der Alte . » Ich hab ' sie draußen gelassen , weil es hier zu warm ist . « » Da wern S ' uns heut ' wieder was Schön ' s vorspielen ? « » Wir sollten eigentlich den Herrn Mang nicht immer so plagen , « sagte Frau Sporner . » Das ist doch keine Plag ' für mich ! Ich wüßt ' gar nicht , was mir lieber wär ' . Ich freu mich den ganzen Tag darauf , und Fräulein Gertraud macht solche Fortschritte ! « » Gelobt sei Jesus Christus ! « Eine schrille Stimme kam von der Tür her , und eine aufgeputzte Frauensperson trat mit hastigen Bewegungen ein . Die lebhaften Farben des Kleides paßten schlecht zu dem alten Gesicht seiner Trägerin , und noch schlechter die großen Ohrgehänge , welche verwegen hin und her baumelten , so oft Fräulein Mathilde , die ältere Schwester des Hausherrn , den Kopf wandte . Ihre schwarzen Haare waren glatt gescheitelt und preßten sich wie abgezirkelte Arabesken an die Stirn . Die Augen blieben nie ruhig stehen , sie wanderten in einem fort herum , und man hatte den Eindruck , daß sie blitzschnell alles erfaßten . Die ganze Erscheinung Mathildens war nicht dazu angetan , Behagen zu erregen . Witze , die schon auf der Zunge schwebten , zogen sich in ihrer Gegenwart zurück , ein fröhliches Lachen brach in der Mitte ab , und Geheimnisse schoben hastig noch einen Riegel vor . Sylvester hatte den katholischen Gruß überhört . Er wurde wiederholt : » Gelobt sei Jesus Christus ! « » In alle Ewigkeit . Amen ! Guten Abend , Fräulein Sporner ! « » Grüß Gott beisammen ! Ihr seid ja in einem sehr eifrigen Gespräch . « » Mir hamm von der Musik g ' redt , « erwiderte ihr Bruder . » Freilich von der Musik . Die Traudel geht ja jetzt ganz darin auf . Kein Mensch hat g ' wußt , daß sie so viel Talent hat , und eine solche Liebe dazu . Früher hat man da gar nichts g ' merkt . « » Sie hat allaweil gern Klavier g ' spielt , schon als Schulmädel . « » Vielleicht is mir das nicht so aufg ' fallen . Aber geweckt hat das Talent schon der hochwürdige Herr . « » Warum heißen Sie mich immer Hochwürden ? Ich bin noch nicht Geistlicher . « » Wie lang ' wird das noch dauern ? Du lieber Gott , die paar Jahr ' , und dann kommt der Freudentag ! « » Und jetzt kommt das Essen . Bleibst du bei uns , Mathild ' ? « » Ja , wenn ' s euch recht is ? « » Traudel , laß für die Tant ' noch aufdecken , und jetzt setzen wir uns , Herr Mang , wenn ich bitten darf . « Bei Tische kam heute keine rechte Unterhaltung auf . Sylvester gab innerlich dem Fräulein Mathilde schuld daran , und auch Gertraud fand , daß die Anwesenheit der Tante störend wirkte . Die Alten wußten es freilich besser ; aber wenn sie sich auch Mühe gaben , die Unterhaltung in Fluß zu bringen , so waren sie doch viel zu wenig geschult , um den gewohnten heiteren Ton anzuschlagen . » Wie lang ' müssen Sie eigentlich noch studieren ? « fragte Herr Sporner . » Zwei Jahre . « » No , dös is gar nimmer so lang ' . Und nachher werden S ' gleich Koadjutor , net ? « » Nein , zuerst is man Neomyst , « sagte Fräulein Mathilde . » Neomyst , was das für merkwürdige Namen san ! Woher woaßt du denn dös alles ? « » Das weiß man doch , daß die Herren nach der Primiz Neomysten heißen . « » Ich hör ' s zum erstenmal . « Frau Sporner fiel ihrem Mann ins Wort . » Wie geht ' s Ihrer Mutter , Herr Mang ? « - » Danke , gut . « » Schreibt sie Ihnen öfters ? « » Sie selber nicht , aber ich hör ' so ab und zu etwas . « » Sie wird froh sein , wenn Sie einmal fertig sind . « » Da kann ' s amal zu Ihnen ziehen , « sagt Sporner . » Und kann Ihnen den Haushalt führen . « » Das ist wohl der Lieblingswunsch Ihrer Mutter ? « fragte Madame Sophie , und Herr Sporner versicherte wohlwollend : » Da krieg ' n Sie ' s amal schön , so als Landpfarrer , und b ' sonders , wenn a nette Ökonomie dabei is . « Sylvester schwieg . Warum redeten sie von der Zukunft , die er nirgends lieber vergaß als hier ? Er blickte über den Tisch . Suchte er die Augen des jungen Mädchens , welches sich errötend über den Teller beugte ? Er fand sie nicht ; aber zwei andere Augen begegneten den seinen , und in denen lag mütterlicher Ernst und Mitleid . Was war das heute ? Eine beklemmende Angst überkam ihn . Er wollte sie überwinden und ein Gespräch beginnen . Er fühlte , wie dieses Schweigen sich drohend zwischen ihn und die Menschen stellte , welche er lieb gewonnen hatte . Und da redete wieder das alte Fräulein : » Wie muß einem zumute sein , der die erste Mess ' lest ! Ich glaub ' , das ist das schönste , was es auf der Welt gibt . « » Ich weiß es nicht , « sagte Sylvester . » Ich mein ' , das muß man kaum erwarten können ; wenn man bedenkt , daß ein junger Geistlicher in dem Augenblick , wo er die erste Mess ' lest , über die Engel gestellt wird ! « » Dös werst a net schriftlich hamm , « brummte der Alte . » Jawohl haben wir ' s schriftlich . Das ist ausdrücklich geschrieben von einem Kirchenvater . Nicht wahr , Herr Mang ? « » Ja , es ist eigentlich ein Gleichnis . « » Der Herr Stadtprediger Reiser hat g ' sagt , es is wortwörtlich so , weil die Engel nicht die Gewalt haben wie die Priester . « Herr Sporner schüttelte ungeduldig den Kopf . » Mir g ' fallt ' s net , wenn einer solche Geschichten erzählt . Das müssen S ' mir versprechen , Herr Mang ; wenn S ' amal Pfarrer san , werden S ' net hochmütig ! Der Hochmut hat viel verdorben . Früher is net so viel g ' stritten worden , und die Religion war gemütlicher . « Frau Sporner nickte lächelnd zu Sylvester hinüber . » Ich kann mir den Herrn Mang gut vorstellen als Pfarrer . Der bleibt jede freie Stund ' bei seiner lieben Musik . « Sylvester litt unter diesen Reden . Lag eine Mahnung darin ? Wollten sie ihm bedeuten , daß er kein Recht habe , sich gefährlichen Träumereien hinzugeben ? Aber was konnten sie von Gedanken wissen , die er vor sich selbst verbarg ? Nein , es lag sicher keine Absicht in ihren Worten . Es war nur sein Unrecht , daß er die arglosen Reden schmerzlich empfand . » Frau Sporner « , sagte er , » weil Sie von der Musik reden , ich habe das Largo von Händel bei mir . Darf ich es spielen ? « » Ja , ich hab ' mich schon darauf gefreut , « bat Gertraud . Und es lag frohe Erleichterung in ihrer Stimme . Mama Sporner hörte sie heraus , und ein Blick auf die Schwägerin zeigte ihr , daß nicht ihr allein die Wärme des Tones aufgefallen war . Ein boshaftes Lächeln saß in den Mundwinkeln der alten Jungfer , und ihre flinken Augen schossen von Gertraud hinüber zu Sylvester . Der merkte nichts . Er freute sich an der lieben Stimme , deren Klang er diesen langen Abend vermißt hatte . » Heute , Herr Mang , wäre es mir lieber , wenn Sie nicht spielen , « sagte Frau Sporner . » Ich habe schon den ganzen Tag Kopfweh . « » Wenn ich das gewußt hätte ! « antwortete Sylvester rasch , » entschuldigen Sie ! « Der Inhaber der Firma Sporners selige Erben war kein Mann für weit ausgreifende Pläne . » Dös hast aber doch sonst gar nie ! « sagte er . » Und im Laden hast mir koa Sterbenswörtel g ' sagt ! « » Ich hab ' net mitten drin von der Kasse weggehen wollen . Und es war auch nicht so arg . Jetzt ist ' s aber stärker geworden . « » Ja , nachher geh ' nur glei ins Bett ! « » So gefährlich ist ' s nicht . Bloß Musik tät ' ich heut lieber nicht hören . « » Es tut mir so leid , « sagte Sylvester , » daß ich Sie gestört habe . « » Nein , bleiben Sie nur ! Es ist mir lieber , wenn Sie noch ein bißchen bleiben . « Mathilde stand auf . » Mich mußt du entschuldigen , Sophie ! Ich bin so zu lang ' geblieben . Morgen is die Frühmess ' um sechs Uhr . « » Ja , wie du willst . Traudel , begleit die Tante hinunter ; die Elis kann das Tor nicht ordentlich aufsperren . « » Also gute Nacht ! Und recht gute Besserung ! « » Gut ' Nacht , Mathild ' ! « Sylvester blieb in gedrückter Stimmung zurück . Er horchte auf die Schritte draußen ; jetzt klangen sie die Treppe hinunter , und dann hörte er sie nicht mehr . » Herr Mang ! « Er schrak zusammen und sah auf Frau Sporner . Das war wieder der ernste Blick . » Herr Mang , ich muß eine Bitte an Sie richten . Aber Sie dürfen mich nicht falsch verstehen . « Sylvester brachte keinen Laut über die Lippen . Er wußte alles . Nun kam das Gefürchtete , und sein Herz klopfte . » Nicht wahr , Sie verstehen mich recht . Es hat Schwätzereien gegeben , und ich darf als Mutter nicht gleichgültig bleiben . « » Aber ... « » Ich weiß , was Sie sagen wollen , Herr Mang . Das braucht keine Versicherung , aber es ist besser , auch für Sie in Ihrer Stellung , wenn solche Reden nicht einmal den Schein für sich haben . Sie wissen , daß wir Sie gerne bei uns sehen , aber ich muß Sie bitten , daß die Musikstunden aufhören . Wenn Sie sonst hie und da kommen , freut es uns alle . Sie verstehen , daß ich Sie gewiß nicht kränken will ? « » Ich war ... ich bin ... « » Sie müssen sich an meine Stelle denken . « » Ich war so gerne bei Ihnen . « » Lieber Herr Mang , nehmen Sie das nicht schwer ! Wir freuen uns ja , wenn Sie wiederkommen , aber ich meine nur wegen der Musikstunden ... « » Ja , Frau Sporner ... « » Ich schreibe Ihnen morgen noch , ich wollte nur zuerst mit Ihnen reden . Brieflich sieht es immer sonderbar aus ... « » Ja , Frau Sporner . « Leichte Schritte näherten sich der Türe . Traudel kam zurück . Ein Blick zeigte ihr , daß sich etwas zugetragen hatte . Und es war nicht schwer , das zu sehen . Der Alte stand am Fenster und schaute angelegentlich auf die dunkle Straße hinaus . Er hütete sich , den jungen Mann anzusehen ; eine solche Aussprache war nichts für ihn . Er ärgerte sich über seine Frau ; die tat ja , als wäre sie ihrer Lebtage Hofdame gewesen . So etwas Großartiges ! Er hätte das nie fertig gebracht ; ganz gewiß nicht . Es wurde ihm beim Zuhören unbehaglich zumute , und er hatte Angst , daß seine Frau sich am Ende auf ihn berufen würde . Er schaute verstohlen zu ihr hinüber . Da mußte er sich doch wundern , wie sie in mütterlicher Würde dasaß und ruhig die langen Sätze redete . In den Frauenzimmern steckt etwas Gefährliches . Wer hätte bei seiner Sophie diese Grausamkeit gesucht ? Seit vierundzwanzig Jahren saß sie bescheiden und still an der Kasse von Sporners seligen Erben , in vierundzwanzig Jahren hatte sie ihm nichts genommen von der überlegenen Stellung , die ihm als Chef dieser Firma gebührte , und jetzt saß sie dort auf ihrem Stuhle und zeigte ein so beherrschendes Wesen , daß ihm nachträglich der Schrecken in die Glieder fuhr . Er hätte sich gefreut , wenn dieser junge Mensch sich vor ihrer Hoheit nicht gebeugt hätte . Aber der saß wie betäubt da und brachte nichts heraus , als sein » Ja , Frau Sporner « . Natürlich , so mußte er unterliegen . Jetzt schwieg sie , und Traudel kam in das Zimmer . Papa Sporner war neugierig , ob Sylvester nicht doch noch mit diesem Bundesgenossen einen Gegenangriff versuchen würde . Das Mädel mußte ihm tapfer helfen und sagen , daß sie alle zusammen fröhlich waren , und daß keine böse Zunge das unschuldige Vergnügen stören dürfe . Aber das war nun heute schon so . Niemand kämpfte wider die Macht der Frau Sophie . Der junge Mensch sagte kein Wort , und Traudel stand verlegen mitten im Zimmer ; eine leichte Röte stieg ihr in die Schläfen , und sie machte sich am Tische zu schaffen ; sie räumte einige Teller ab und eilte mit ihnen auffallend rasch hinaus . Nirgends war eine Spur von Mut und Entschlossenheit zu bemerken . Auch Sylvester erhob sich . Seine Stimme klang verschleiert . » Es tut mir so leid , wenn ich Ihnen Verdruß gemacht habe . Grüß Gott , Frau Sporner ! « Jetzt ging er zum Fenster hin . Der Alte gab ihm die Hand , und Sylvester drückte sie kräftig . » Gute Nacht , Herr Sporner , und ... « Der Satz brach ab und wurde durch Händeschütteln ergänzt . So verständlich , daß der Chef der Firma gerührt wurde und beinahe versucht war , den Sieg der Frau Sophie in eine Niederlage zu verwandeln . Aber Sylvester wartete es nicht ab ; er verließ das Zimmer noch rascher als Traudel , und erst auf der Treppe kam er in langsame Gangart . Diesmal ging Elise mit , obgleich man der Ansicht war , daß sie das Tor nicht ordentlich aufsperren könne . Sylvester bemerkte diese Ungeschicklichkeit nicht ; es ging viel rascher , als er dachte . Er blieb sogar noch eine Weile in dem gewölbten Hausgange , als das Tor bereits offen stand . Un dann schritt er zögernd hinaus . Es war alles wie sonst . Die Straße war still und menschenleer ; die Gaslaterne warf ihren Schein auf den fröhlichen Neger , der auch bei Nachtzeiten guten Knaster rauchte und sich an den Kaffeesack lehnte . Und es war empörend , wie vergnügt er lachte , während doch neben ihm ein junger Mann sich an die Mauer lehnte und bitterlich weinte . Neuntes Kapitel Herr Baustätter saß in der geräumigen Stube , die von ihm und Fräulein Lechner Studierzimmer genannt wurde . Neben dem Schreibtische stand eine offene Bücherstellage , und die frommen Gäste des Pfarrers konnten auf derselben einige dicke Folianten bemerken , welche nur von heiligen Dingen handelten . Die Schriften des hl . Thomas von Aquin , » Die Herrlichkeiten Mariä « von Alphons von Liguori , daneben mehrere Gebetbücher und Breviere und an profanen Schriften : » Die Verwaltung des katholischen Pfarramtes « von Stingl , der » Sulzbacher Kalender « und Pfarrer Kneipps Wasserkur . Das war die Bibliothek Baustätters . Auf dem Kanapee lag noch ein großes Buch mit schwerem Einbande , die Geschichte der Heiligen , herausgegeben zu Regensburg Anno 1672 . Es war stark abgenützt , die Messingschließen hingen herunter , einzelne Blätter sahen hervor , und die Ecken waren verbogen . Fremde Besucher konnten glauben , daß der Pfarrer in diesem Buche häufig lese ; Herr Kooperator Sitzberger und Fräulein Lechner jedoch wußten , daß die Schäden von den heftigen Würfen kamen , mit welchen es tags zuvor gegen die Wand geschleudert wurde . Sonst erinnerte nichts mehr an die stürmische Szene . Auch nicht auf dem Antlitze des hochwürdigen Herrn , welcher soeben den Hierangl empfing . » Ich hab ' Sie rufen lassen , « sagte er , » setzen Sie sich , denn wir müssen länger miteinander reden . « » Der Geitner hat ma ' s ausg ' richt ' . Weg ' n der Wahl hat er g ' sagt . « » Ja , auch wegen der Wahl . « » Da möcht ' i Eahna scho glei sag ' n , Herr Pfarrer , daß i am liabern glei gar nix mehr hör ' davo . « » Hierangl , reden können wir ja einmal darüber . « » I mag von die Erlbacher nix mehr wissen . Sollen s ' an Schuller b ' halten , weil s ' n gar so gern hamm . I brauch ' koan Erlbacher , i bin koan was schuldi und brauch ' auf neamd aufz ' passen . Na , i mag vo dera Wahl gar nix mehr hör ' n. « Baustätter hörte ruhig zu und sagte dann : » Sie ärgern sich . Das müssen Sie nicht tun . « » Sie hamm Eahna ' r aa g ' ärgert . « » Ich ? Nein , dazu hab ' ich keinen Grund gehabt . « » Bal der Schuller ... « » Nein , Hierangl . Ich bin Pfarrer und hab ' kein Recht , mich in die Wahlen einzumischen . « » Nacha ko ' s Eahna ja ganz recht sei , daß s ' a so ausganga is . « » Das ist etwas anderes . Darüber will ich ja mit Ihnen reden . Ich hätt ' es sehr gern gesehen , wenn Sie Bürgermeister geworden wären , ich hätt ' aber kein Wort verloren , wenn es ein anderer geworden wär ' . Nur nicht der Schuller . Da ist es meine Pflicht , zu warnen . « » Jetzt is er ' s halt . Ob ' s oan freut oder it . « » Er ist doch nicht bestätigt , und daß er nicht bestätigt wird , dazu können Sie mithelfen . « » I ? Na , i dank ' schö , Herr Pfarrer . I laß ma it ' s Maul o ' hänga vom Haberlschneider . I laß mi it schlecht macha . I brauch ' koan Erlbacher durchaus gar nimmer ; i bin koan nix schuldi und brauch ' auf neamd aufz ' passen . « » Sie müssen helfen , daß die Wahl rückgängig wird . « » Dös soll ' n de andern toa ! Bal i was sag ' , wer ' i ausg ' lacht , weil a jeder woaß , daß i sei Feind bin . « » Das is auch nicht recht von Ihnen . « - » Was is it recht ? « » Daß Sie eine Feindschaft haben . Das soll man nicht . « » Herr Pfarrer , nehmen S ' ma ' s net übel , aber i moan , Sie san no hoaßer auf ' n Schuller . « » Da sind Sie im Irrtum . Ich tue nur meine Pflicht als Seelsorger . Aber feind bin ich niemand . « Der Hierangl drehte seinen Hut in der Hand und schaute gleichmütig zum Fenster hinaus . Die Rede machte keinen Eindruck auf ihn , und er wartete , ob es nicht wieder anders kommen werde . » Ich habe schon öfter bemerkt , daß mich viele für einen Feind des Schuller halten , « sagte der Pfarrer nach einer Pause . » Ja , dös glaab ' n viel Leut ' . « » Da glauben die Leute etwas Unrechtes von mir . Das würde schlecht passen zu meinem Priesterkleid . « » Ma hört halt a so reden davo . « » Ich weiß schon , warum . Das muß jeder leiden , der seine Pflicht tut . « » Für was san nacha Sie so dageg ' n , daß der Schuller Bürgermoasta werd ' ? « » Das ist meine Pflicht , und ich darf nicht anders handeln . Der Schuller ist nicht fähig , daß er einen Ehrenposten in der Gemeinde hat . « Der Hierangl wurde aufmerksam . Er merkte , daß der Pfarrer noch einen Trumpf in der Hand hatte . » Ich habe es von meinem Vorfahren gewissermaßen als ein Vermächtnis überkommen , « fuhr Baustätter weiter . » Vom Herrn Held ? « » Ja , von meinem Vorgänger Maurus Held . « » Da hat ma nia nix g ' hört , daß ' s da was geb ' n hat . « » Ich habe auch nichts gesagt bis heute , und ich hätte immer geschwiegen , wenn der Schuller nicht gewählt worden wäre . « » Ja , was is nacha dös ? « Baustätter stand auf und holte aus dem Schreibtische ein Blatt Papier . Er hielt es dem Hierangl hin . » I ho mei Brill ' n it bei mir , da kon ' i net lesen . « » Dann will ich es Ihnen vorlesen . Erlbach , am 16. Juni 1889 . Heute war zum zweiten Male der Austragsbauer Johann Vöst bei mir und klagte bitterlich über die Mißhandlungen , welche er von seinem Sohne erdulden mußte . Er zeigte mir die abschreckenden Spuren derselben . Nachschrift : Ich habe Andreas Vöst sein abscheuliches Unrecht vorgehalten . Er zeigte keine Reue und antwortete mit wüsten Drohungen gegen seinen Vater . Zweite Nachschrift : Andreas Vöst ist ein Mensch , dem jeder aus dem Wege gehen soll , und vor dem öffentlich gewarnt werden müßte . Unterschrieben ist es : Maurus Held , Pfarrer in Erlbach . Was sagen Sie jetzt , Hierangl ? Habe ich die Pflicht , einzuschreiten ? « Baustätter legte das Papier in den Schreibtisch ; er sah den raschen Blick nicht , mit dem ihn der Hierangl streifte . Der saß unbeweglich und schaute wieder zum Fenster hinaus , als sich der Pfarrer gegen ihn wandte . » Nun ? « » Da hat mi gar nia was g ' hört . Der alt ' Vöst hat si nia beklagt ; i glaab , daß in ganz Erlbach koaner is , der wo vom alten Vöst was g ' hört hat . « » Das glaube ich schon . Es ist ganz natürlich , daß er so was nicht erzählen mochte . « » Ja , hat er ' s an Herrn Held beicht ? « » Was fällt Ihnen ein ? Da wüßte ich es so wenig wie Sie . « » Ja , ja . « » Der alte Mann wird aber sein Leid geklagt haben und wird ihn gebeten haben , daß er den Sohn zur Rede stellt . « » Daß ma da gar nia was g ' hört hat ? « » Sie täten es auch nicht erzählen , Hierangl . « - » Ja , ja . « » Aber meinen Sie , daß ich ruhig zusehen soll , wenn der Schuller Bürgermeister wird ? Ein gefährlicher Mensch , heißt es . « » Ja , was wollen S ' nacha toa , Herr Pfarrer ? « » Ich melde das dem Bezirksamt . « » An Bezirksamt ? Dös werd aa nix machen kenna . « » Es kann die Bestätigung verweigern . Und dann noch etwas , Hierangl . Ich habe Sie gerade deswegen rufen lassen , weil ich will , daß die Gemeinde Kenntnis erhält von dieser Aufschreibung . « » Sie moana , i soll dös weiter erzähl ' n ? « » Ja , das heißt ... « » Herr Pfarrer , i will Eahna glei sag ' n , auf dös kon i mi net ei ' lassen . G ' rad wann ' s i verzähl , hamm d ' Leut ' an Zweifel . « » Ich will nicht , daß Sie ' s öffentlich erzählen . Aber ein paar Leuten , die ohnehin gegen die Wahl sind . Vielleicht beschweren sich die . « » Wer mag der Katz ' d ' Schellen o ' hänga ? I net . « » Sie brauchen es nicht selber zu tun . Aber finden sollen Sie einige . Es ist doch im Interesse der Gemeinde ! « » Es gibt an großen Spektakel . Der Schuller hat viel Leut ' auf seiner Seiten . « » Die Leute werden doch nicht immer gegen ihren Pfarrer sein ! Wenn sie erfahren , daß auch mein Vorgänger die größten Bedenken hatte , müssen sie glauben , daß etwas daran ist . Da müssen ihnen doch die Augen aufgehen ! « » A paar vielleicht , aba viel it . « » Das ist sehr traurig . « » Ja no ; von heut auf morg ' n geht so was it . Sie wer ' n sehg ' n , es gibt viel Vadruß . « » Das hindert mich nicht ; jetzt fechte ich diesen Kampf erst recht durch . Ich tue es dem Andenken meines verstorbenen Amtsbruders zuliebe . « Baustätter hatte die Stimme erhoben ; aber es klang nicht wie heiliger Eifer aus seinen Worten ; es verbarg sich hinter ihnen Haß , recht irdischer Haß . Hierangl hörte ihn heraus und freute sich . Aber er verstand es besser , seine Gedanken zu verbergen ; seine Augen blitzten nicht wie die des Herrn Baustätter ; sie hafteten ruhig auf dem Marienbilde über dem Schreibtische und wanderten hinüber zu der Bibliothek , wo die verstaubten Bücher lagen ; der heilige Alphons von Liguori neben dem Sulzbacher Kalender . » Recht viel wer ' n si net unterschreiben , « sagte er gleichmütig , » aber oan woaß i. « » Wen ? « » An Geitner . Gelt ' n tuat er halt it recht viel . « » Ein Name ist wie der andere . Ich hab ' übrigens auch schon daran gedacht . Der Geitner wäre der Mann , der die Leute aufmerksam machen könnte . « » Für so was is er g ' schickt ; dös glaab i selber . « » Und wenn jemand zu Ihnen kommt , Hierangl , und redet mit Ihnen darüber , dann können Sie ja bestätigen , daß Sie die Schrift gesehen haben ? « » Dös kon ' i scho , Herr Pfarrer , da ko im neamd verklag ' n. « » Schön ! Es bleibt dabei . Grüß Gott , Hierangl ! « » ' ß Good . « Der Hierangl schritt langsam durch den geräumigen Gang ; vor dem Hausaltare fuhr er nach seiner Gewohnheit mit dem Daumen über das Gesicht herunter , zum Zeichen des heiligen Kreuzes . Wie er den Pfarrhof verließ , saß ihm ein verstecktes Lachen in den Mundwinkeln und er sagte halblaut vor sich hin : » Sei ' Feind is er it . « Der Geitner war nie ein guter Hauser und nie ein richtiger Mann gewesen . Er hatte sein Gütl schuldenfrei vom Vater übernommen ; seine Frau , eine Kistlertochter von Webling , brachte Bargeld in die Ehe , vielleicht viertausend Mark . Und so hätte er ein leichtes Machen gehabt , denn das Gütl war nicht schlecht . Es waren zweiunddreißig Tagwerk Acker und Wiesen dabei und elf Tagwerk Wald , darunter vier mit schlagbarem Holz . Aber vom ersten Tag an war es nichts mit ihm . Er hatte keine Freude an der Arbeit und auch keinen Verstand dazu . Das Beste an ihm war sein Mundwerk . Mit dem konnte er gut vorwärts . Er wußte von jedem im Dorfe , wie er seine Sache besser machen könne , und verwaltete alles , was ihn nicht anging . Zu allen Tageszeiten war er im Wirtshaus zu treffen , und kein Weg verdroß ihn , wenn in der Gegend ein Preiskegeln war oder ein scharfer Tarock . Mitunter kam es über ihn , daß er sein Gütl in die Höhe bringen wollte , um den Erlbachern zu zeigen , wie man die Ökonomie treiben müsse . Dann schaffte er die neueste Maschine an oder kaufte ein teures Roß oder probierte es mit neumodischen Erfindungen , die in landwirtschaftlichen Büchern gepriesen werden . In solchen Zeiten saß er noch einmal so gerne im Wirtshaus und rühmte sich vor Leuten , daß er eine neue Ära auftun wolle in Erlbach . Lange blieb er nicht bei dem Eifer ; über eine kurze Weile war die neueste Maschine von ihm billig zu haben , das teure Roß dazu , der Chilesalpeter lag unbenützt hinten in der Scheune , und der Sieg der Neuzeit wurde hinausgeschoben . Der Geitner warf wieder die Kegel um , sechs auf einen Sdiub , wenn es schlecht ging , und wartete mit der Schellenaß auf den Zehner . Es war leicht zu glauben , daß bei einem solchen Hantieren kein Gedeihen sein konnte . Zuerst ging das Bargeld der Frau auf Reisen ; hinterdrein mußte , wie bei allen schlechten Wirten , der Wald dran glauben , und als der letzte Stamm zu Brettern geschnitten war , ging das Borgen an . Zu Anfang war es nicht schwierig . Die ersten zwei Hypotheken waren schnell unter Dach , aber für die dritte brauchte es schon Zeit und Überredung . Damals hätte