auch immer ( Umarmung ) , und so weiter der ganze übliche Trallala . - Doch halt ! Hand davon ! ob dus schon verdient hättest mit deinem albernen Getu . Ehebruch in Ehren ; aber es muß wenigstens ein gesunder , gerader Ehebruch sein , Liebe um Liebe oder Lust für Lust ; dagegen eine Frau hinterlistig mittels Kunst und Berechnung zu überrumpeln , eine unschuldige Familie aus gemeiner gekränkter Manneseitelkeit zu vernichten - denn die geht ins Wasser , wenn sie gefehlt hat , daran ist gar kein Zweifel - holla ! so etwas tu ich nicht . Erstens , weil ichs nicht tue , zweitens , weil ich für meinen Lebensberuf eine saubere Seele nötig habe . Und dann ihr Mann , der mein Freund ist ! Darum nein und nein und nochmals nein ! Lauf hin und sag Dank , Bebé ! Aber wenn du mich hassen willst , so tu es auch recht ; was gilts , ich will dich mich hassen lehren , daß du vor Wut die Wände hinaufspringst . Ich aber werde gelassen einen Rettich dazu verspeisen . Je gründlicher du mich hassest , desto inniger solls mich freuen . Das glaubst du nicht ? Getrost ! ich werde dirs sogleich beweisen . « Und begann sie - zwar immer in den Grenzen des Erlaubten , aber hart an der Grenze - aus Leibeskräften zu reizen und zu ärgern , zu welchem Zwecke er sich ihr rücksichtslos aufdrängte , schonungslos an ihrer Seite klebend . Je nach Laune bediente er sie mit Spott oder mit Hohn , auf geradem Wege oder auf Umwegen . War seine Stimmung im Zeichen des Hohnes , so ließ er schauerliche Sprüche vom Stapel , welche ihre heiligsten Gefühle rundum drehten . Ob ihr nicht schon aufgefallen wäre , daß bei den Frauen oft eine erstaunliche Gemütsroheit zutage trete ? Ob sie nicht auch schon beobachtet habe , daß man nirgends einen erschrecklicheren Mangel an Gemüt und Herz finde als bei den Musikbolden ? Oder er bewunderte den treffsicheren Instinkt des Frauenherzens , welches mit wahrhaft genialer Unfehlbarkeit unter hundert Männern den größten Esel herausfinde , um sich in ihn zu verlieben . Oder befürwortete den Ehebruch als ein Erziehungsmittel für den Ehemann , damit er sich gegen seine Frau artiger betrage . Oder beklagte sein erbarmungswürdiges Schicksal , in diesem elenden Neste » zur Sittlichkeit verdammt « zu sein . Und warum man denn ihn und seinesgleichen Wüstlinge nenne , man müßte ihn vielmehr einen Schönling nennen , da er doch von der Schönheit des Frauenkörpers angezogen werde . Überhaupt , was das für ein verlogenes pharisäisches Gekeif gegen die Lüsternheit sei : » Wenn ich eine Frau unappetitlich finde , nicht wahr , so fühlt sie sich dadurch beleidigt ; folglich , wenn mich der Appetit nach ihr lüstert , erweise ich ihr damit eine Huldigung , das ist doch klar . « Gelt , das schmeckt dir , wie wenn du eine Blindschleiche verschlucken müßtest ? Wohl bekomms , darum laß uns fortfahren . » Was ich nie habe begreifen können , ist das , daß ein Seeräuber mit einer geraubten Jungfrau Umstände macht . Sie kann ihn ja doch nur mit dem Gesicht gehässig ansehen , nicht mit den Beinen ; das Gesicht aber ist in solchen Fällen Nebensache . « Noch mehr in diesem Stil gefällig ? nein ? nun , darum also weiter . » Jeder Mann begehrt jeden Augenblick jede schöne Frau ; wenn einer das abstreitet , so ist er entweder kein Mann , oder er lügt . « Sie mochte ihm nicht die Ehre antun , mit ihm zu streiten ; nur ihre Blicke verkündeten ihm : » Falls Sie etwa , mein Herr , das Unglück haben sollten , unter einen Eisenbahnwagen zu geraten , so würde ich das zwar aufrichtig bedauern , aber keineswegs beklagen . « Worauf sein frecher Blick höhnisch erwiderte : » Gnädige Frau , falls Sie etwa geruhen , platzen zu wollen , so , bitte , sagen Sie mirs voraus , damit ich mir ein auserwähltes Stück sichere . « War er gelinder gestimmt , so begnügte er sich mit der Verletzung ihrer Überzeugungen und Schulsätze , gegen ihren alpenrosenfarbigen Patriotismus , ihre hirtenselige Volksbegeisterung und dergleichen zielend . Sie liebte auf Spaziergängen das Volkslied zu jauchzen : » Am Morgen in der Frühe , da melken wir die Kühe . « » Ja , können Sie denn überhaupt melken , Frau Direktor ? « fragte er in bewunderndem Tone . - Und als sie mit einem andern Liede loreleite : » Jedem sag ich einfach du « , klatschte er eifrig Beifall . » Es war schon lange mein stiller Wunsch gewesen , daß wir uns duzten . « - Neben ihrem Bruder war ihr besonderer Staat ein langbeiniger Vetter namens Ludwig , der jahraus , jahrein ruhelos Gipfel stürmte ; diesen stürmischen Ludwig nannte er einen Duliehu . - Und überhaupt , warum denn seine lieben Landsleute sich so gewaltig viel auf die Alpen einbildeten ? » Sie haben sie ja doch nicht gemacht ; hätten sie sie machen müssen , so wären sie wahrscheinlich etwas flacher ausgefallen . « Ohnehin , ganz abgesehen von den Alpen , würde die leblose Natur gegenwärtig unendlich überschätzt ; die kleinste Zehe einer schönen Frau wäre vor dem Antlitz Gottes wertvoller als der anspruchsvollste Gletscherklotz , und er gestehe offen , in einem tadellos sitzenden Zylinderhut mehr Seele und Geist zu entdecken als in einem Sonnenaufgang ; » denn einen Sonnenaufgang kann ein Mammut begreifen ; einen Zylinderhut dagegen bloß ein Kulturmensch von feinem Geschmack . « - Oder er erteilte ihr unerbetene Ratschläge . Beklagte sie die vandalische Zerstörung der heimischen Altertümer , so riet er : » Kanonen auffahren und den hölzernen Plunder zusammenschießen ! « Bedauerte sie das allmähliche Verschwinden der Trachten und der Dialekte , so empfahl er , man solle Verbrecher zur Strafe in die Volkstracht stecken und den Dialekt auf erblich belastete Familien beschränken . In solchen Stimmungen waren Namensumtaufungen sein Lieblingsvergnügen . Ihre gemeinsame stolze Vaterstadt nannte er Muhheim ; die hiesige Politik eine periodische Aufregung darüber , ob man den Franz oder den Fritz wählen solle . Statt eine Roheit sagte er : ein Patriotismus , statt eine Grobheit : eine Germanität ; Taktlosigkeiten nannte er Dialektfehler der Seele ! Zuweilen ärgerte er sie auf weiten Umwegen mit scheinheiliger , unschuldiger Miene . Zum Beispiel mittels Anekdoten und Denkwürdigkeiten , die er für den guten Zweck schlankweg erfand . - » Kennen Sie , Frau Direktor « , konnte er harmlos anheben , » die Anekdote von der Gräfin Stepansky , Beethoven und dem Kapellmeister Pfuschini ? « » Ich will sie gar nicht kennen « - schnurrte sie , eine Bosheit witternd . » Da haben Sie unrecht , sehr unrecht , denn sie ist ebenso lehrreich wie ergötzlich . Als die Gräfin Stepansky , welche den Beethoven und den Pfuschini gleichzeitig zu Tisch gehabt hatte , gefragt wurde , welchen von den beiden sie für den Bedeutenderen halte , den Beethoven oder den Pfuschini , zog sie ein überlegen gescheites Gesicht : Das läßt sich nicht vergleichen ; jeder in seiner Art ; sie ergänzen einander . « » Überhaupt die Musik und die Frauen ! Wollen wir einen Versuch anstellen , gnädige Frau ? Lassen Sie das genialste Musikmädchen im Konservatorium ausbilden , halten Sie nachher jede männliche Anregung von ihr fern , und sehen Sie nach zehn Jahren nach : sie hat den Flügel abgeschlossen und sich eine Katze angeschafft . Den Flügel , weil sie keine Zeit hat , die Katze , weil sie nicht weiß , was mit der vielen Zeit anfangen . « Und als sie wieder einmal im Gespräch den Überwert des Weibes vor dem Manne behauptete : » Ich würde Ihnen mit Vergnügen beipflichten « - sagte er , » wenn nur nicht die Frauen selber in unbeobachteten Augenblicken den Mehrwert des Mannes predigten . « » ? « » Nun , freilich . Denn wenn einer Mutter nach sechs weiblichen Mißgeburten endlich ein Bub gelungen ist , so erhebt sie ein Siegesgegacker , als hätte sie den Messias geboren . Und alles Weibliche auf eine Quadratmeile im Umkreis eilt freiwillig herbei , um dem wundersamen Übermädchen unterwürfig zu dienen . Der Bube , der Bubi , der Bub ! als wäre ein Bube ein Weltwunder . Aus dem Messias wird dann später ein Kantonsrat , wenns hochkommt . « Mit alledem erreichte er in der Tat mühelos , was er erwartet hatte , nämlich ihren tiefsten , gründlichsten , herzinnigsten Abscheu . Nicht mehr » Rha ! Cha ! « rief sie bei seinem Anblick , sondern » Äh ! Uäh ! « wie vor einem schmierigen Lurch . Darüber frohlockte er dann , als hätte er weiß was für einen Sieg über sie errungen . » Siehst du jetzt « , lachte er in sich hinein , » wie gleichgültig dein Urteil mir ist ! « Und belustigt zog er einen Vergleich : » Von den Fröschen wolltest du sie erlösen , und nun bist du selber der Frosch . « » Viktor , jetzt fange ich an , selber zu glauben , du bist wirklich verrückt . « » Ein Grund mehr , um verrückt zu tun « , lachte er . Da hörte er eines Nachmittags , gerade wie er um eine Straßenecke biegen wollte , hinter sich mit lauter Stimme rufen : » Lama ! « Und als er sich jähzornig nach dem Rufer umdrehte , fuhr die Stimme fort : » Du brauchst dich nicht umzudrehen ; ich bins , dein Verstand , der dich Lama nennt . « » Mit welchem Rechte nennst du mich Lama ? « » Weil du mit Teufels Gewalt auf das Gegenteil von dem arbeitest , was du bezweckst . « » Ich bezwecke ja gar nichts . « » Doch , du bezweckst etwas , und ich will dir sagen , was . Du hast im geheimen , ohne daß du dirs selber gestehst , den Plan , das unerfahrene Dämchen dermaßen konfus zu ärgern , daß sie den Orient verliere und dir eines Tages vor lauter Horniszorn unversehens an den Hals fliege wie eine gewittertolle Bremse . « » Und gesetzt der Fall , wäre denn die Berechnung gar so falsch ? Es hat sich schon oft Weibeshaß urplötzlich in Liebe verwandelt . « » Romani Romana « , erwiderte der Verstand , » doch mach , was du willst , ich bin nicht deine Gouvernante ! « Viktor aber stutzte , von Zweifel berührt . Unsicher und verwirrt kehrte er nach Hause . Und wie er mit umsichtigem Geiste seine Stellung prüfte , erschrak er , von Schwindel ergriffen : er war auf einem falschen Wege ; er hatte sich verstiegen . Nicht zu bestreiten , der Verstand hatte recht , Pseudas Haß war nicht von jener Art , die sich in Liebe verwandelt . Eine böse Entdeckung . Vorwärts konnte er nun länger nicht ; denn nachdem ihm die geheime Hoffnung auf einen plötzlichen Umschlag geraubt war , hatte es keinen Sinn mehr , Pseudas Haß zu verstärken , das hieße ja nur , den Entfernungswinkel zwischen ihm und ihr zu vergrößern . Ja , aber was dann ? Umkehren bis zum Ursprung und ganz von vorn anfangen ? Sittiglich und sänftiglich zunächst ihren Haß beschwichtigen , hernach mühsam erst ihren Abscheu überwinden , hierauf die Abneigung heilen und dann geduldig , Schritt für Schritt , Stufe um Stufe um ihre gnädige Gunst werben ? » Warum nicht gar ! fällt mir nicht ein ! Da müßte ich ja mein ganzes Selbstbewußtsein abdanken . Habe auch gar keine Zeit dazu . So weit sind wir übrigens , Gott sei Dank , noch lange nicht ! « - Ja , aber wenn das nicht , was dann ? Er mochte noch so scharf rundum spähen , nirgends ein Ausweg . Plötzlich stampfte er mit dem Fuße : » Wer verpflichtet mich denn , mich um sie zu kümmern ? Mag sie bekehrt oder unbekehrt sein , im Sumpf oder im Tümpel waten , wenn sie will , was geht das mich an ? Ich hin doch nicht ihr Beichtvater und Seelsorger . Oder meint sie etwa , ich gäbe Privatstunden in Psychologie ? Viel zuviel Ehre , die ich ihr antat , sie zu ärgern . Aber ehe ich mich jemals wieder um sie bemühe , müßte sie mich erst angelegentlich darum bitten . Einstweilen fahr hin , ich kenne dich nicht . Was ist das - Frau Direktor Wyß ? Lebt das im Wasser oder nistet es auf den Bäumen ? Pickt es Körner oder frißt es Insekten ? Gnädige Frau , haben Sie jemals einen Floh von einem Fingernagel springen sehen ? Genau so springen Sie hiemit aus meinem Gedächtnis . Eins - zwei - drei ! geschehen ; nichts mehr . Pseuda , du bist nicht . « Sprachs , drehte sich auf dem Absatz um und schlug ein Schnippchen . Oh , wie war ihm jetzt leicht , seit er dieses schädliche Geschöpf vergessen hatte ! Ein böser Zahn , den er los war ! Was nun mit der jungen Freiheit beginnen ? Tausend köstliche Möglichkeiten winkten . » Wie wäre es zum Beispiel , wenn wir uns zur Abwechslung einmal in jemand verliebten ? « Ein guter Einfall ! denn seit unvordenklichen Zeiten hatte er diesen kleinen Sirup nicht mehr gekostet ; das ist doch unnatürlich ! Und zwar womöglich in ein ganz untergeordnetes , ungebildetes Geschöpf , damit , wenn sies erfährt ( und in diesem Klatschnest erfährt sies sicher ) , es sie ärgert und demütigt . Also zum Beispiel in eine Kellnerin . Zu diesem Zwecke begab er sich , seinen Widerwillen gegen den Alkohol und dessen Huldinnen überwindend , ins nächste Wirtshaus . Pamela hieß sie , die ihn bediente . Die nötigte er neben seinen Platz und kandierte sie mit Redezucker , indem er nach bewährter Regel die Teile ihres Gesichtes einzeln einmachte . Eine Weile hörte die Pamela schmunzelnd zu , sich behaglich schmiegend wie eine Schnecke unterm lauen Mairegen . Bis sie unversehens rauchend und zischend hinter den Käsekatheder schnurrte , wie eine Katze , der man auf den Schwanz getreten hat . » Dummkopf , alter , ungebildeter ! « keifte ihr Gruß . Ach so , er hatte ihre Perlenzähne gepriesen , und sie besaß gar keine Zähne mehr . Er hatte es nämlich nicht einmal über sich vermocht , sie nur anzusehen . Am drittfolgenden Tage eilte ihm Frau Direktor Wyß freundschaftsstrahlend über die Straße entgegen . Ei sieh , welch eine plötzliche Verwandlung ! Was soll das bedeuten ? » Man darf , scheints , Glück wünschen ! « heuchelte sie , » auf wann die Hochzeit mit der Pamela ? « » Ach , du Verschmitzte ! « - so hatte ers nicht gemeint . Nein , mit der Liebe ging es nicht . Wie er gleich bei seiner Ankunft richtig geahnt hatte : auf diesem Kalkboden wächst keine Liebe . Versuchen wirs mit der Freundschaft . Ein gewisser Andreas Wixel , Archivar , war ihm hiefür besonders empfohlen , deshalb , weil ihn Frau Direktor Wyß nicht ausstehen konnte ; einen scheuledernen Andreas pflegte sie ihn zu nennen . Für diesen Andreas verspürte er jetzt , unbekannterweise , plötzlich eine stürmische Zärtlichkeit , eilte , ihn aufzusuchen , und freundete sich ihm an , ganz gerührt von seinem scheuledernen Anblick . Der Wixel wiederum war gerührt von Viktors jäher Freundschaft , und um den Freundschaftsbund einzuweihen , verabredeten die beiden auf nächsten Sonntagnachmittag einen Ausflug auf die Guggisweid . Von dort stierten sie dann den unendlichen , schauerlichen Sonntagnachmittag auf die Stadt hinunter , zwischen einem kegelnden Turnverein und einer weinerlichen Blechmusik ; Viktor stockstumm , die Blicke auf die Münstergasse geheftet , der Wixel querköpfiges Zeug über den Unterschied von Goethe und Schiller von sich gebend , in unerbittlichem Klavadatsch , daß es einen zum Erbrechen hätte erbarmen mögen . Es half nichts , Pseuda mochte sagen , was sie wollte , er war wirklich ein scheulederner Andreas , der Wixel . Mit der Männerfreundschaft also war es auch nichts . Dann etwas anderes . Theater ? Puh ! was für ein Theater in dieser Stadt ! Überhaupt liebte er nicht das Theater . Vielleicht ein Konzert ? Gut ; versuchen wirs mit einem Konzerte . Aber , o weh , da saß sie in der zweitvordersten Reihe , und mit einem Male tönten alle Instrumente falsch . Auch Besuche wurden ihm verleidet , dadurch , daß man ihm überall von einer gewissen sogenannten Frau Direktor Wyß sprach . » Wissen Sie nichts Neues von Frau Direktor ? « » Wann haben Sie sie das letztemal gesehen ? « und ähnliches . Dann suchte er mühsam an der Zimmerdecke in seiner Erinnerung : » Frau Direktor Wyß ? Wo habe ich doch diesen Namen schon einmal gehört ? « Sogar auf der Straße wurde er angeredet , damit er Nachricht über das Befinden einer Frau Direktor Wyß erteile , die ja doch gar nicht vorhanden war . Nein , er wußte zwar , daß es aufdringliche Weiber gibt , allein eine so unverschämt klebrige , harzige Klette wie diese sogenannte Frau Direktor Wyß hätte er doch nicht für möglich gehalten . O , diese Kleinstadt , wo man beständig über die nämlichen Menschen , oder wenn nicht über die Menschen , doch über ihre Namen stolpert ! Wohin vor dieser unseligen , unvermeidlichen Direktorsgattin sich retten ? Man müßte hinaus , weit hinaus aufs Land flüchten können , wo keine Ziege von ihr weiß . Nun , warum denn nicht ? Wozu ist denn die Eisenbahn da ? Er erinnerte sich , einmal aus ihrem Munde den Ausruf vernommen zu haben : » Merkwürdig , ich bin in meinem ganzen Leben noch gar nie in Lengendorf gewesen . « Dieses Lengendorf war demnach erinnerungsrein , pseudasauber . Also fuhr er mit der Eisenbahn nach Lengendorf . Dort angekommen , gestattete er sich , um das Bewußtsein ihres Nichtvorhandenseins gründlich auszukosten , ein kleines , abgefeimtes Lustspielchen : Kaum ausgestiegen , begab er sich zum Bahnhofsvorstand und bat ihn mit der ausgesuchtesten Höflichkeit um die Gefälligkeit einer Auskunfterteilung . Er wäre nämlich nach Lengendorf gekommen , um eine gewisse sogenannte Frau Direktor Wyß zu besuchen ; ob er vielleicht die große Liebenswürdigkeit haben würde , ihm den Weg nach ihrer Wohnung zu erklären . Der Stationsvorstand erstaunte , schüttelte den Kopf und rief den Kassier zu Hilfe ; dieser den Türmann , der Türmann den Knecht vom Hirschen und den Kutscher vom Storchen . Sämtlichen war der Name Frau Direktor Wyß unbekannt . Der Polizeidiener , ferner einige Herumstehende mischten sich in die Frage . » In Lengendorf « , lautete einstimmig der bedauernde Bescheid , » wohnt eine Frau Direktor Wyß nicht « ; und betrachteten den Viktor mit Beileidsmienen . Dieser aber frohlockte in seinem Herzen : » Siehst du jetzt , du anspruchsvolle , zudringliche Person , nicht einmal das Dasein deiner Wenigkeit ist bei den Menschen bekannt ; folglich , was dünkst du dich so über alle Maßen wichtig ? « Diese saubern Lengendorfer , die von Frau Direktor Wyß nicht einmal den Namen kannten , taten ihms an ; und mit herzgewinnender Leutseligkeit , wie ein Fürst , der inkognito abgestiegen ist , bezauberte er alles Lebendige , was ihm über den Weg lief , durch seine Liebenswürdigkeit . Den ganzen Tag spielte er den Kaiser Joseph ; übrigens nicht nur äußerlich ; nein , er hatte sie wirklich von Herzen lieb , diese guten , wackern , hochachtbaren Lengendorfer , welche Frau Direktor Wyß nicht einmal dem Namen nach kannten . Und die entzückende Umgegend , wohin sie nie den Fuß gesetzt ! Diese freundlichen Waldhügelhäupter , nach welchen sie niemals einen Blick geworfen ! Man atmete ordentlich auf in dieser Luft ! Spürt ihrs nicht selber ? Und pries das Lengendorfer Klima so überschwenglich , daß der Wirt zum Storchen , wo er eingekehrt war , von fremdenindustriellen Hoffnungen beschwingt , ihm mit flüsternder Stimme Preisermäßigung antrug , für den Fall , daß ihm etwa künftigen Sommer eine Luftkur in Lengendorf belieben sollte . Er hatte sogar keine kleine Mühe , seine schuldige Gebühr für das Mittagessen entrichten zu dürfen . Wie er am Abend schied , hatte er das ganze Dorf zu Freunden , vom Doktor und Pfarrer bis zum Hausknecht und Hofhund . Gerührt und glückselig fuhr er heim , denn selten hatte er so ungetrübte Stunden verlebt . Entschieden , er hatte das Landvolk bisher weit unterschätzt . Noch ganz verträumt dem idyllischen Tage nachsinnend , drängte er sich bei der Heimkunft in die Stadt durch die Menschengruppen im Bahnhof . Pfui Ärger ; da stand sie selber , im Gespräch mit dem Professor Pfininger , und mit der Seligkeit über ihr Nichtvorhandensein war es vorbei . » Jetzt , bitte , wo sind die Naturgesetze ? und was sagt denn dazu die Logik ? Wenn sie nicht existiert , so kann ich sie doch unmöglich sehen ; und wenn ich sie sehe , so muß sie doch existieren ; sie existiert ja aber doch nicht , wie kann ich sie dann sehen ? Da soll ein Sophist klug daraus werden ! - Ich weiß nur noch ein einziges Mittel : ich schließe mich in mein Zimmer ein ; durchs Schlüsselloch wird sie schwerlich den Weg finden ! « Schloß die Tür , schob den Riegel vor , legte sich aufs Sofa und drehte die Daumen . Nachdem er eine Weile so gelegen hatte , erschien im Zimmer etwas wie ein Lichtnebel ; der Nebel verdichtete sich mehr und mehr , ein menschliches Antlitz leuchtete daraus hervor , immer deutlicher und schöner , und siehe da , es war ihr Antlitz . » Jetzt , Pseuda « , sprach er sanft , aber ernst , » jetzt rufe ich dein Billigkeits- und Gerechtigkeitsgefühl an . Gegen deine Abneigung , deinen Haß will ich nichts einwenden ; die Straßen , die Stadt , die gesamte Außenwelt überlasse ich dir ; aber den Hausfrieden achte ; auf meinem Zimmer sollst du mich nicht heimsuchen . « » Aber ! ! aber ! ! Viktor ! ! « belehrte ihn der Verstand , » sie ist ja doch nicht selber da , sondern einzig Schwester Anastasia Phantastasia gaukelt dir etwas vor . « » Die könnte auch etwas Gescheiteres gaukeln ! « meinte er ärgerlich . » Ich gaukle , was ich will « , maulte die Phantasie , » der Pseudakopf gefällt mir nun einmal ; wenn du anderer Ansicht bist , so brauchst du einfach nicht hinzusehen , niemand zwingt dich dazu . « Und blieb bei ihrem Spiel ; so daß Viktor nun auf seinem Zimmer , mit seltenen Pausen , beständig den Pseudakopf um sich schweben hatte ; namentlich des Abends , wenn Dämmerung das Zimmer füllte . Was war da zu machen ? Es scheint , er war nun einmal dazu verurteilt , immer und überall diese eingebildete , aufdringliche Null vor Augen sehen zu müssen . Schließlich : eine Störung ist noch lange kein Unheil ; andere haben Mücken im Zimmer , er hatte Pseuda ; der ganze Witz besteht darin , sich nicht darüber aufzuregen . Und fand sich mit der Tatsache ihrer Allgegenwart in Weisheit ab . Plötzlich , wie eine Granate in ein Haus , schlug ihm die Nachricht zu Ohren , sie wäre krank . Das war abends gegen sieben Uhr ; das Dienstmädchen hatte es heimgebracht . Nachdem er sich von seiner ersten Bestürzung erholt , verspürte er eine wilde Aufregung und Verwirrung , als hätte er einen Ameisenhaufen in sich und er läge mitten darin . Wie sollte er sich nun zu dieser Tatsache stellen ? Von herzlicher Teilnahme konnte natürlich keine Rede sein ; o , weit weg davon ! Seine boshafte Feindin ! die Verräterin der Parusie ! die Vergifterin Imagos ! Anderseits konnte er wieder nicht umhin , sie aufrichtig zu bedauern ; denn sie war ja trotz allem in diesem Augenblick ein leidendes Geschöpf . Wo ist nun da die scharfe Trennungslinie ? und welches ist die genaue , richtige Mitte ? Eine schwierige Aufgabe für das Gefühl , und noch dazu eine gefährliche ; denn wenn er Pseuda nur ein wenig zuviel bedauerte , so sähe es ja danach aus , als ob sie seinem Herzen nicht gleichgültig wäre ; wenn er sie aber zu wenig bedauerte , so stand er da als ein gemütloser , hassenswürdiger Mensch . Diese Aufgabe war so schwierig , daß er sich bis Mitternacht den Kopf darüber erhitzte , und um Mitternacht war er nicht klüger als am Anfang , im Gegenteil . Und wehe ! eine schlimme Möglichkeit ! wenn es nun eine ernstliche Krankheit wäre ! wenn sie am Ende gar - ! Doch nein , das wäre ja geradezu eine teuflische Bosheit vom Schicksal , ihn durch solche niederträchtige Kunststücke zwingen zu wollen , dieser Verräterin herzlich gut zu sein . Und die andere Hälfte der Nacht verbrachte er in angstvollem Gebet an das Schicksal , daß sie gesund werden möge , damit er ihr nicht gut sein müsse . Durch diese heftige Gemütsarbeit war er dann am Morgen dermaßen verstört , daß er selber halb krank aus dem Bette stieg . Das Frühstück verschmähend , eilte er in die Münstergasse . » Statthalter , wie geht es Ihrer Frau ; hoffentlich nichts Schlimmes ? « rief er ihm schon vom Hausflur angstvoll entgegen . Der Statthalter erstaunte ; » Warum ? sie ist doch nicht krank ; höchstens ein wenig Zahnschmerzen . - Aber warum nennen Sie mich denn Statthalter ? « » Nichts , nichts « , jauchzte er und eilte erleichtert davon ; das Schicksal hatte also sein Gebet erhört . Allein Zahnschmerzen , ob es schon nichts Gefährlicheres ist , das tut weh . » Halt ! etwas Hübsches , sehr Hübsches ! Weißt du - , unbeschadet des Kriegszustandes , in welchem ich mich mit Pseuda befinde - , zum Dank dafür , daß sie mir nicht krank geworden ist , will ich ihr jetzt auch etwas Artiges erwidern ( man kann ja auch einen Krieg ritterlich führen ) . Also paß auf : während sie Schmerzen leidet - meinst du nicht ? - will ich ebenfalls Schmerzen leiden , und zwar genau an der nämlichen Stelle , also an den Zähnen . Gelt , das ist fein ? das ist hübsch ? das ist eine höfliche Kriegführung ? Ging hin und klingelte beim Zahnarzt Effringer , dessen Wohnung er leider schon kannte . Er solle ihm den und den Zahn ausziehen , begehrte er . » Der Zahn ist ja ganz gesund ! Sie meinen wahrscheinlich eher den faulen Stockzahn daneben ? Um den Kerl wäre es allerdings nicht schade . « Viktor kämpfte mit seinem Gewissen : Ist es auch anständig , mit dem Schmerz zugleich einen Nutzen zu verbinden ? Schließlich entschied er sich doch lieber für den bösen Stockzahn als für einen gesunden . Als dann der Effringer mit seinem Lachgas anrückte , meldete sich das Gewissen zum zweiten Mal : » Viktor , schäme dich ! warst gekommen , um Schmerzen mit ihr zu leiden ; und nun willst du Feiglings an den Schmerzen abmarkten . « Wohl schämte sich Viktor . Allein in Anbetracht der unheimlichen Zange fand er es doch für zuträglicher , das tröstliche Zeug , das er zwar nicht verlangt hatte , nicht abzulehnen , als es freiwillig ankam . Um indessen sein Gewissen einigermaßen zu versöhnen , ließ er sich gleich noch einen zweiten Stockzahn ziehen , ebenfalls einen wurmstichigen , und wieder mit Lachgas . Nachher auf dem Heimwege kam er nicht mit sich ins reine , ob er nun eigentlich etwas Ansehnliches geleistet habe oder nicht . Auf der einen Seite ist es doch nichts Alltägliches , sich zwei Zähne ziehen zu lassen , nur weil ein anderer Mensch Zahnschmerzen hat , andererseits sind zwei faule Zähne gerade kein so fleckenloses Opfer , und Schmerzen mit einem schmerzstillenden Mittel zu dulden , für dieses Martyrium hätte ihn schwerlich ein Papst heilig gesprochen . Allein er fühlte sich plötzlich ein wenig angegriffen und schwach ; so daß er sich gerne irgendwo hingesetzt hätte . Als Privatmensch aber , der niemals Wirtshäuser besuchte , verfiel er nicht auf diese nächstliegende Auskunft , sondern wußte im Augenblick keinen anderen Rat , als trotz der ungebräuchlichen Stunde ( - es war ein wenig mehr als neun Uhr ) die Gastlichkeit eines Bekannten in Anspruch zu nehmen . Frau Doktor Richard wohnte am Wege . Sie möchte gütigst entschuldigen , er fühle sich nicht ganz wohl . Eifrig besorgt machte sie sich um ihn zu schaffen ; nötigte ihn aufs Sofa , zwang ihm ein Gläslein Malaga auf , das ihm wirklich gut tat , und als er sich dankend entfernen wollte , überredete sie ihn zu bleiben . » Sie sind immer noch ein bißchen blaß ; ich versichere Ihnen , Sie stören mich nicht im mindesten . « - Als er ungefähr ein halbes Stündchen so dagesessen hatte , trat in Hut und Mantel ein lebhaftes , mutsprudelndes Fräulein herein . » Dieses hübsche Fräulein « , sagte Frau Richard , » muß Ihnen besonders sympathisch vorkommen - abgesehen davon , daß sie ohnehin jedermann sympathisch vorkommt - oder nicht ? - , ich meine besonders sympathisch , weil ihr Frau Direktor Wyß vor Zeiten einmal das Leben gerettet hat . « Darauf vorstellend : » Fräulein Marie Leona Planita , die beste Klavierspielerin unserer Stadt , und zugleich , wie Sie bemerken , das