wendete er sich nach der Seite , wo die Herzogin gesessen hatte . Sie , ihr Gemahl und der Kardinal waren verschwunden , hatten bereits die Gesellschaft verlassen ; Giulia hatte selbst den Herzog gebeten , nach Hause zurückzukehren , indem sie vorgab , müde zu sein , und so hatte sie auch das längere Verweilen des Prinzen bei Rosa nicht bemerkt . Wenn die Menschen , die in glänzenden Toiletten , in eleganten Räumen sich zu geselligen Vergnügungen zusammenfinden , immer wüßten , wieviele intime Dramen sich in dieser bunten Menge abspielen , wieviel Unruhe , Neid , Leidenschaft und Schuld , wieviel gekränkte Liebe und enttäuschtes Hoffen sich unter der Maske geselliger Liebenswürdigkeit und heiteren Frohsinns verbergen , sie würden vielleicht manchmal erschrecken über die Frivolität dieser sogenannten » großen Welt « , dieses sogenannten » guten Tones « , dieser mit oft unwürdigen Opfern erstrebten Eleganz und erzwungenen Heiterkeit . So kehrten auch an jenem Abend die Personen , mit denen wir uns beschäftigen , äußerlich so glänzend , liebenswürdig , heiter , von dem Fest in der innerlich erregtesten , von den verschiedenartigsten Empfindungen bewegten Stimmung zurück , und keine von ihnen fand in der Nacht die Ruhe des Schlafes . Rosa war nicht die mindest bewegte ; sie war noch so reinen Herzens , so unerfahren in der Welt , daß ihr die Beziehung der Herzogin zu dem Prinzen wie etwas Ungeheuerliches , Unerhörtes , wie eine dunkle Gefahr , die ihm drohte , erschien . Sie fühlte sich berufen , ihn zu retten , zu schützen , und sie war dazu jetzt entschlossen , wenn auch der Zweifel , wie er sich zu der Leidenschaft , die ihm entgegengebracht wurde , verhalte , sie mit Bangen und quälender Ungewißheit erfüllte und sie oft mit Schmerz überwältigen wollte , so daß sie heiße Tränen in der Stille der Nacht in ihrem Bette weinte . Dann aber erhob sie sich wieder zu dem Ideal , das sie von ihm im Herzen trug und gelobte sich , dieses Ideal zu retten , koste es , was es wolle . Nur wie ? Sie entschloß sich endlich , sich des Mittels zu bedienen , das ihr durch Vittorias Nachrichten gegeben war , vorerst alle Schritte der Herzogin in Beziehung auf den Prinzen zu erkunden , indem sie hoffte , das weitere werde sich dann ergeben . Früh am Morgen eilte sie zu Vittoria hinunter , die eben ihr Gewölbe mit frischen Erzeugnissen des Feldes und Gartens gefüllt hatte . Diese kam ihr mit frohem Morgengruß entgegen , blieb aber betroffen stehen , als sie auf Rosas bleiches Antlitz sah : » Liebe Signorina , was ist Ihnen ? « rief sie aus , » haben Sie schlecht geschlafen , sind Sie krank , oder - ist Ihnen etwas Unangenehmes begegnet ? Doch nicht gestern abend ? « » Ach , liebe Vittoria , sieh , ich hab niemand als dich , zu dem ich frei reden und alles sagen kann , was mein Herz bedrückt , « sagte Rosa ; » du gibst mir Rat , du hilfst mir ... « Sie stockte . » Ja , liebe , teure Signorina , alles , alles tue ich für Sie , « beteuerte die Römerin , » was in meinen geringen Kräften steht ; aber was ist ' s , worin soll ich helfen ? « setzte sie bekümmert hinzu , denn eine Ahnung sagte ihr schon , daß es sich um den Prinzen handle , der zu ihrem Kummer , wie sie längst durchschaut hatte , in Rosas Herzen lebte . » Ach , Vittoria , du weißt - du selbst hast es mir gesagt ... « hub Rosa wieder an und stockte aufs neue , während Purpurglut ihr vorher so bleiches Gesicht überzog ; » ja , jene schöne Frau - die Herzogin , sie wird ihn - den Prinzen meine ich - aus seiner Bahn reißen ; sie redet ihn heimlich mit du an , sie sendet ihm heimliche Botschaft , sie warnt ihn vor ihres Mannes Argwohn . « » Wie wissen Sie denn das , liebe Signorina ? « fragte Vittoria angstvoll , denn sie sah an Rosas Erregtheit , wie nahe ihr die Sache ging . Rosa erzählte nun den Vorgang mit dem Papierstreifen und wie der Prinz sie gebeten habe , sein Schutzgeist zu sein . » Und ich will und muß ihn retten , « setzte sie mit leidenschaftlicher Ekstase hinzu . » Hilf mir , gute Vittoria ! Dein Bruder muß durch die Marietta erfahren , ob der Prinz wieder zu ihr kommt oder ob sie ihm schreibt ... « » Nun , das weiß ich schon , « sagte Vittoria , die dachte , es sei am klügsten , auf die Sache einzugehen , um Rosa vor unbedachten Schritten zu behüten und sie vielleicht auch so am ersten abzukühlen . » Als der Beppo gestern abend nach Hause kam , erzählte er mir , die Marietta habe ihm am Morgen - er läuft nämlich jeden Tag , wenn er früh zur Arbeit geht , am Palazzo vorüber , in der Hoffnung , seine Geliebte , wenn auch nur flüchtig , zu sehen - ein Briefchen gegeben , das er ganz geheim in das Hotel , wo der Prinz wohnt , habe tragen und dem Kammerdiener übergeben müssen , damit dieser es , wenn der Prinz allein sei , in dessen eigene Hände gebe . Und dann habe die Marietta erzählt , daß heftige Szenen zwischen dem Herzog und seiner Frau gewesen seien an dem Abend , als der Herzog von der Reise gekommen war und gehört habe , der Prinz sei bis spät bei der Herzogin gewesen . « » Ah , Vittoria , « sagte Rosa und hielt sich erbebend an einem Stuhle , » dann ist es ja wohl schon schlimm . « » Nein , nein - warum denn ? Es ist ja hier so bei den vornehmen Damen , daß die Besuche spät kommen und lange bleiben , « versetzte Vittoria begütigend , obgleich sie anders dachte . » Ja , aber Vittoria , heute morgen will sie ihm wieder Botschaft senden - wenn wir wissen könnten - ob Beppo wieder dort gewesen - ob die Marietta ihm etwas gesagt . « » Nun , heute abend , wenn der Beppo nach Hause kommt , da erzählt er es mir schon , « versetzte Vittoria , die Rosa gern auf andere Gedanken gebracht hätte . » Ach , bis heute abend - das ist so schrecklich lange , « seufzte Rosa , » bis dahin kann ihm Unheil drohen - ach , wenn ich wissen könnte , was sie ihm geschrieben - doch das ist unmöglich - könntest du die Marietta nicht sprechen , gute Vittoria ? « » Nein , Cara , das geht nicht ; ich kenne die Marietta kaum , und sie würde sehr böse werden , wenn sie erführe , daß der Beppo hier erzählt , was sie ihm anvertraut . Wollen wir mehr wissen , müssen wir sehr vorsichtig sein . « » Ja , du hast recht , - aber könntest du nur den Beppo jetzt sprechen , vielleicht daß er etwas Wichtiges wüßte , wonach zu handeln nottäte ; ich werde sonst den ganzen Tag in tödlicher Angst sein . « » Nun , nun , Carissima , « sagte Vittoria , » was tut man Ihnen nicht zuliebe ? Ich will sehen ; wenn die Domenicunia hier neben etwas auf das Geschäft achten will , so lauf ich eben nach San Giuseppe hinauf , wo der Beppo arbeitet , und sehe zu , wie ich ihn zum Sprechen kriege und ob er was weiß . « » Ach , liebe , gute Vittoria ! « rief Rosa voll Freude und fiel der Gemüsehändlerin um den Hals . » Du bist wahrhaft gut ; du hilfst nicht nur mit Worten , du handelst . Verständ ' ich nur den Handel , ich wollte gern indes dir das Geschäft besorgen . « » Ach , gute Signorina , das wär was Schönes , wenn man die gefeierte Künstlerin , der ganz Rom huldigt , plötzlich hier Gemüse verkaufen säh ' , « sagte Vittoria lachend , » und ich glaube , meine ganze Bottega würde in einer halben Stunde ausverkauft , alle die schönsten Herren von Rom würden kommen ; ich weiß auch eigentlich gar nicht , warum Sie so an dem einen , dem Fremden , halten , wenn Sie doch die Wahl haben unter den besten Römern . « » Ach , Vittoria , ich weiß es auch nicht , wie es kommt , « versetzte Rosa , in holder Scham erglühend , und schlug die Augen nieder . » Siehst du , die sind mir alle so gleichgültig , so fern , keiner wandelt durch meine Träume , weder im Schlaf noch im Wachen ; nur der eine war es fast von Anfang an , dessen Nähe mir ein Glück im Herzen weckte , von dem ich bis dahin keine Ahnung gehabt . Ich will dir auch sagen , ich glaube , er ist besser als alle anderen , vielleicht der beste aller Menschen ; ich kenne alle seine Gedanken , seine Jünglingsträume , habe sie gelesen in seinen Gedichten , sie von ihm gehört . So denken und fühlen gewiß nur wenige Menschen . « » Aber - er ist ein Prinz und wird ein König , « sagte Vittoria nachdenklich und dachte dabei : wohin soll diese Liebe führen ? » Ich weiß , « versetzte Rosa , und eine Träne trat in ihr Auge . » Zuerst dacht ' ich nicht daran ; da meinte ich , daß er einer von jenen Prinzen sei , wie sie in den deutschen Märchen vorkommen , die meine Mutter mir erzählt hat , die so schön und gut sind und auch ... « » Nun was ? « frug Vittoria . » Ja , und auch zu ganz armen Mädchen kommen , um sie zu erlösen und sie zu Königinnen zu machen , « erwiderte Rosa etwas verlegen ; » aber , liebe Vittoria , du wolltest ja gehen und ich schwatze dir dummes Zeug vor und die Zeit vergeht ; siehst du , gerade weil er ein Königssohn ist und eine so hohe Aufgabe im Leben hat , will und muß ich ihn retten . « Vittoria rief die Stellvertreterin herbei und ging fort , den Bruder aufzusuchen . Als sie zurückkam , eilte Rosa wieder hinunter zu ihr , da sie bei sich die Neugier der Amadei fürchtete . » Nun , Vittoria ? « fragte sie hastig . Diese berichtete , daß die Marietta allerdings dem Bruder am Morgen wieder ein Billett auf dieselbe Weise wie das vorige zu überbringen gegeben habe und daß man ihn jedesmal reichlich lohnte . » Und weiter war es nichts ? « fragte Rosa enttäuscht ; » sagte Marietta weiter nichts ? « » Ja , « begann Vittoria zögernd . » Ach , bitte , du weißt noch etwas , sag mir alles , « bat Rosa . Vittoria , immer in der Hoffnung , die volle Wahrheit werde die erregten Gefühle Rosas abkühlen , sagte : » Ja , die Marietta hat ihm rasch erzählt , daß die Herzogin am Abend nach der Gesellschaft gleich in ihr Zimmer gegangen sei , und da habe sie sie gefragt , ob sie auf ihre Treue rechnen könne , und als Marietta dies beteuert , habe sie gesagt , sie wolle ihr ganz vertrauen , denn Marietta müsse ihr beistehen und es solle auch ihr Schade nicht sein . Darauf habe sie gestanden , daß sie den Prinzen glühend liebe und den Herzog hasse und nur an eines denke , wie sie sich diesem entziehen und sich mit dem Prinzen vereinigen könne . Noch sei ihr Plan nicht reif , aber sie werde mit dem Prinzen darüber reden und werde ihn deshalb auf den folgenden Tag in aller Frühe in die Kirche San Giovanni e Paolo bestellen , wohin Marietta sie als wie zur Frühmesse begleiten solle . Dort sind einsame Wege ringsherum , die in so früher Stunde niemand als etwa ein Arbeiter betritt , da könne sie ungestört mit dem Prinzen sprechen ; der Herzog schlafe lange , und wenn er beim Erwachen nach ihr frage , werde man ihm eine andere Kirche nennen , in die sie zur Morgenandacht gegangen sei . Marietta müsse dann Wacht halten , daß kein Unberufener sich nahe . Es ist unglaublich leichtsinnig von der Marietta , « schloß Vittoria ihren Bericht , » dies alles , was doch höchstes Geheimnis sein soll , dem Beppo zu vertrauen . Doch tut sie es in der Freude ihres Herzens , denn sie sagt : Beppo , wenn ich meiner Herrin helfe , so wird sie es mir fürstlich lohnen und dann sind wir reich und können heiraten ! Und so erzählt ' s der Beppo mir nur , weil ich ihm oft gesagt habe , er solle nicht amore machen mit dem Mädchen , da er zu arm sei , um sie zu heiraten . « Rosa war während der Erzählung bald blaß , bald rot geworden und hatte häufig mit der Hand nach dem Herzen gegriffen , wie um sein heftiges Klopfen zu stillen . Als Vittoria schwieg , rief sie plötzlich : » Ich gehe auch hin . « » Aber Signorina , « sagte Vittoria erschrocken , » wie soll das gehen , man wird Ihnen ausweichen ! « » Ah , sei ruhig , sie sollen mich nicht sehen ; ich muß über ihm wachen , er hat es selbst verlangt ; und ist es nicht des Schutzgeistes Aufgabe , wenn der Mensch sich in Gefahr begibt , für ihn zu wachen und ihn zu behüten ? O , die Gefahr ist ja noch größer als ich dachte , und gehandelt muß werden . « » Dann geh ich mit Ihnen . Sie können nicht so allein hin früh am Morgen , « versetzte Vittoria . » Nein , nein , zu zweien kann man schon schwerer unbemerkt bleiben . Sei unbesorgt ; die Amadei schläft lange , bis die aufsteht , bin ich zurück . Es wird mir nichts begegnen , ich habe Mut ; ein solches heiliges Ziel macht uns furchtlos und solch ein Unternehmen steht im Schutz der ewigen Mächte , die doch am Guten mehr Gefallen haben als am Bösen . « Vittoria fühlte sich immer von einer ehrfurchtsvollen Scheu befallen , wenn das junge Mädchen so sprach . » Sie ist dann ganz wie eine Heilige , « sagte sie , als sie ihrem Bruder einmal von der Signorina erzählte ; » sie sieht dann aus , wie wenn sie gen Himmel fahren würde . « Waldemar hatte den Brief der Herzogin erhalten , in dem sie ihm die Zusammenkunft in San Giovanni e Paolo bot . Daß er hingehen müsse , war ihm zweifellos , nur wußte er nicht , wie es einzurichten sei , ohne daß seine Begleiter aus der ungewohnten Stunde Verdacht schöpften . Er hatte sich schon herabgelassen , seinen Kammerdiener soweit ins Vertrauen zu ziehen , daß dieser ihm die Briefe , die Beppo brachte , in sein Schlafzimmer bringen mußte , wenn er allein war , indem er vorgab , es sei wegen eines Geheimnisses , das ihm allein anvertraut sei und von dem auch die Herren nichts wissen dürften . Der Diener hatte sich diskret gläubig gezeigt , war auch wohl , wie es die Natur solcher Leute ist , froh , zum Vertrauten da gemacht zu werden , wo sogar der Professor es nicht war . Es kostete Waldemars reinem und stolzem Sinne eine Überwindung , zur Lüge und zur Verstellung seine Zuflucht nehmen zu müssen , aber er glaubte Giulia alles schuldig zu sein , und die erwachte Leidenschaft zog ihn von Konzession zu Konzession den Abhang hinunter , zu Schritten , die er noch vor kurzem als unmöglich von sich gewiesen hätte . Endlich beschloß er , den Herren am Morgen durch den Diener sagen zu lassen , er habe schlecht geschlafen und sei , um sich zu erfrischen , zu frühem Morgenspaziergang in die Luft gegangen . In erster Morgenfrühe , noch ehe seine Begleiter aufgestanden waren , verließ er das Hotel , einen breitkrempigen Hut tief ins Gesicht gedrückt und einen dunklen Mantel umgeschlagen , so daß er eher einem römischen Landmann als einem vornehmen Kavalier glich . Er konnte übrigens auch gewiß sein , daß er um diese Stunde keinem Bekannten begegnen würde . Raschen Schrittes eilte er dem Kolosseum zu , hinter dem sich die bezeichnete Kirche befindet , denn er wollte keinen Wagen nehmen , was schon einer möglichen Nachforschung hätte auf die Spur helfen können . Als er in die Kirche trat , schien sie ihm zuerst menschenleer ; indem er aber dem Hochaltar zuschritt , bemerkte er in dem Seitenschiff im Schatten einer Säule eine Frau , wie es schien aus dem Volke , mit einem bunten Tuch über dem Kopf , den sie tief auf die gefalteten Hände , die auf dem Betstuhl ruhten , gesenkt hielt , anscheinend im Gebet versunken und achtlos dessen , was um sie vorging . Ein Laienbruder des Klosters war beschäftigt , eine Seitenkapelle auszukehren , sonst war kein lebendes Wesen da und es herrschte lautlose Stille . Waldemar stand einige Augenblicke und sah das Bild über dem Hochaltar an , ein modernes Gemälde , auf dem der Stifter des Ordens der Passionisten dargestellt ist , wie er in vollem Ornat zum Himmel fliegt , wo Christus ihn mit offenen Armen empfängt . Ungeachtet der stürmischen Gedanken , die ihn beschäftigten , mußte er doch die Achseln zucken über den plumpen Realismus der auf dem Bilde dargestellten Himmelfahrt und sich sagen : » Ist das nicht der Ausdruck dessen , was die Kirche geworden ist im Lauf der Zeit ? Aus der idealen Gemeinschaft von Wesen , verbunden durch brüderliche Liebe , edle Sittlichkeit und geistiges Streben , herabgesunken zu der materiellsten Deutung hoher Probleme , zum erbitterten Streit um irdisches Gut , zu einem Kampfplatz der Parteien . « Er hatte nicht Zeit , es auszudenken , denn hinter ihm ertönten Schritte und das Rauschen eines Frauengewandes , und als er sich rasch umwendete , stand eine hohe Frauengestalt vor ihm , den Kopf und das Antlitz so dicht von einem schwarzen Schleier bedeckt , daß man die Züge des Angesichts nicht unterscheiden konnte , nur das Funkeln dunkler Augensterne drang auch selbst durch die dichte Hülle , eine Hand streckte sich ihm entgegen und eine wohlbekannte Stimme flüsterte : » Waldemar . « » Giulia , « sagte er und zog die dargereichte Hand an seine Lippen , » wagen Sie nicht zu viel ? Wenn man uns hier träfe , ich bin voll Angst für Sie . « » Sei unbesorgt , Geliebter , « erwiderte die Herzogin ; » Marietta ist draußen vor der Kirche und benachrichtigt uns , wenn etwas Gefahrbringendes naht . Komm in das Seitenschiff , aus übergroßer Vorsicht , dort können wir ruhig reden , ich habe dir soviel zu sagen . « Sie betraten das Seitenschiff , in dem die Beterin in unveränderter Versunkenheit kniete . » Sieh , da ist jemand , « sagte Giulia . » O , das ist ein armes Weib , das schon hier kniete , als ich kam , « versetzte der Prinz , » die ist so versunken , ihre Gebete herzusagen , daß sie uns nicht hört und sieht . Dort drüben im anderen Seitenschiff ist der Laienbruder , der könnte eher auf uns achten . « Giulia schlug den Schleier zurück und in der anmutigen Umrahmung der Spitzen erschien das schöne Antlitz mit neuem Reiz begabt . Sie heftete einen langen , feurigen Blick auf Waldemar und sagte halblaut , doch so , daß ihre Worte in der tiefen Stille ringsum von der Beterin , deren Gegenwart sie nicht mehr beachtete , gehört werden konnten : » Waldemar , meine Liebe zu dir ist so groß , daß ich ihr alles opfere , Ehre , Namen , Stellung ; ich kenne nur noch ein Glück : mit dir vereint zu sein , dir ganz und für immer anzugehören . Die Liebe ist das supreme Gesetz des Lebens , vor ihr sinkt alles in Staub , ist nichtig , wertlos . Die Eifersucht des Herzogs wird täglich größer , jemehr er fühlt , daß mein Herz unrettbar sich von ihm entfernt . Er bewacht jeden meiner Schritte und ich habe mich heute nur entfernen können , weil ich ging , als er und beinah das ganze Haus noch schlief und ich , falls er fragen sollte , beim Portier zurückließ , ich sei zur Frühmesse nach Maria del Popolo . « Sie waren das Seitenschiff entlanggegangen , so daß die Beterin nicht mehr verstand , was sie redeten , aber jetzt kamen sie zurück und sie vernahm wieder , daß die Herzogin sagte : » Ich bin entschlossen , bist du es auch , Waldemar ? « » Wie wäre ich soviel Liebe wert , wenn ich nicht auch alles vergäße , um dich aus unwürdigen Banden zu erlösen und dir das Glück der Liebe zu bereiten , das du ersehnst , « erwiderte der Prinz ; » ich werde auch einen harten Kampf zu kämpfen haben ; das traurige Los meines Bruders , eine Ehe aus Politik eingehen zu müssen , stand auch mir bevor ; du rettest mich davor , aber zu Hause wird man sich dagegen auflehnen , wird mir die Staatspflichten entgegenhalten , denen man das Herz opfern muß , wird alle Vorurteile ins Feld bringen , um mich zu bekämpfen . « » Und bin ich es nicht wert , eine Krone zu tragen ? « fragte die Herzogin , indem sie den schönen Kopf stolz zurückwarf , so daß ein Sonnenstrahl , der durch das Kirchenfenster schien , sie wie eine Glorie umgab . » Keine Krone hat je ein schöneres Haupt geziert , « rief Waldemar voll Feuer ; » o , meine Königin , ich folge dir , wohin es sei . « Sie entfernten sich wieder , so daß der weitere Verlauf ihres Gespräches unhörbar wurde . Noch eine Weile blieben sie im Grunde des Seitenschiffes nahe aneinandergeschmiegt und flüsternd stehen , dann riß sich die Herzogin los , verhüllte das Antlitz wieder mit dem Schleier und schritt dem Ausgang zu , an dem Marietta sich zeigte , um zu mahnen , daß die Stunde schon vorgeschritten sei und daß sich schon Menschen in der Gegend zeigten . Auf Umwegen eilten sie zur Stadt zurück , wo sie einen Wagen nahmen , um in den Palast zurückzufahren . Waldemar blieb noch einige Augenblicke in der Kirche , um ihnen Zeit zu geben , sich zu entfernen . Ein Sturm tobte in ihm , denn wenn er in Gegenwart der Herzogin , hingerissen von ihrer Schönheit , von der Gewalt der ersten Leidenschaft und berauscht von der Glut , mit der sie ihn umfing , alles gelobte und alles zu wagen bereit war , so türmten sich , sobald sie schied und er zur Besinnung kam , die Schwierigkeiten so riesengroß vor ihm auf , daß ihn schwindelte und er fast bereute , so weit gegangen zu sein . Indes zurück konnte er nicht , das hätte ihm der schändlichste Verrat an Giulia geschienen , und dann lockte ihn auch wieder ein jugendliches Wagen , für dessen Ausgang er dem Schicksal vertrauen wollte . Endlich schritt auch er langsam das Seitenschiff entlang , der Kirchentür zu ; da fiel ihm die Beterin auf , die noch immer unbeweglich an ihrem Platze kniete . Es schien ihm jetzt , als höre er sie leise schluchzen . Voll Mitleid blieb er stehen und dachte : sie hat wohl einen großen Schmerz oder gar eine große Schuld , die sie hier so trostlos im Gebet zu stillen oder zu sühnen sucht . Schon griff seine Hand in die Tasche , um Geld hervorzulangen und neben sie zu legen , wenn vielleicht Mangel sie bedrückte , doch sah er nun , daß sie nicht so gar ärmlich gekleidet war , wie er anfangs gemeint hatte , und so unterließ er es ; aber ohne zu überlegen , nahm er den Veilchenstrauß , den ihm Giulia gegeben hatte , legte ihn still auf das Betpult , auf dem der Kopf der Beterin , das Gesicht in die Hände vergraben , ruhte , und verließ die Kirche . Vittoria ging unruhig in ihrer Bottega hin und her , trat öfter auf die Straße hinaus und schaute aufmerksam in die Ferne , als erwarte sie jemand , und kehrte dann immer mit dem Ausdruck der Enttäuschung auf dem Gesicht in den Laden zurück , antwortete einigen frühen Käufern , die sich mit frischer Ware versehen wollten , ganz verkehrt , so daß diese sie auslachten , und war offenbar nicht in ihrer gewöhnlichen , ruhigen Stimmung . Endlich schien sie das Ersehnte zu erspähen , sie ging ein paar Schritte aus dem Laden der Nahenden entgegen und sagte : » Die heilige Jungfrau sei gelobt , da sind Sie . « » Ist die Amadei schon auf ? Sonst komm mit in mein Zimmer , daß ich dir alles sage , dir , meiner einzigen Vertrauten , « lispelte Rosa mit halberstickter Stimme , lehnte sich erschöpft an die Mauer und riß das bunte Kopftuch ab , das sie in der Kirche unerkannt gemacht hatte . Sie hielt einen Veilchenstrauß in der Hand und preßte ihn mit einer heftigen Bewegung ans Herz . Ihr Atem ging schnell und stoßweise und tödliche Blässe bedeckte ihr Gesicht . » Ach , liebe Signorina , Sie werden sich töten , und weshalb ? für wen ? Was können Sie tun ? Wenn die Herzogin ihn liebt und er sie , wie wollen Sie es hindern ? « fragte Vittoria , indem sie liebevoll mit einem Tuch die Schweißtropfen von Rosas Stirn trocknete . » Und haben Sie denn etwas gesehen und gehört ? « fragte sie weiter , als Rosa noch immer nicht reden konnte . » Wohl , wohl habe ich gesehen und gehört , « sagte Rosa endlich , » und mehr als je weiß ich , daß ich ihn für seine Ideale retten muß . Und wenn es nicht gelingt und ich dabei untergehe , so ist das gut , denn ich habe dann um einen edlen Preis gekämpft , ohne den das Leben wertlos ist . Aber komm , komm mit mir , daß ich dir alles sage . « Vittoria rief die Nachbarin , daß sie das Geschäft einen Augenblick besorge , und folgte Rosa in ihr Zimmer . Die Amadei schlief noch und ihr lautes Schnarchen verkündete , daß der Morgenschlaf noch tief sei . Rosa berichtete nun das Erlebte und sagte zum Schluß : » Sag selbst , wie soll das werden , wenn er mit ihr entflieht , wie trostlos werden die Seinen , wird sein Land sein , die in ihm einen idealen Herrscher erhofften ? - Sie sagte : Die Liebe ist das stärkste Gesetz , neben ihr ist alles wertlos , nichtig , gilt keine Pflicht - ich glaube es nicht ; ich glaube , das ist die egoistische Liebe , die nur an sich denkt ; es gibt aber auch eine andere Liebe , die edler ist , die sich opfern kann für den Geliebten , für ihn sterben kann , wenn es sein muß , ihm entsagen kann , um ihn seiner höchsten Bestimmung zu retten , und das ist die wahre Liebe . O , Vittoria , ich war ein unerfahrenes Kind bis hierher , jetzt bin ich gereift und das Leben ist mir klar geworden . Ich weiß es jetzt , es kommt für einen jeden die Stunde , wo er wählen muß zwischen dem Egoismus , der nur sich selbst als Endziel hat , und dem Ideal , das uns möglicherweise Entsagung und das Opfer unseres Selbst auferlegt . Und ich habe gewählt in dieser Morgenstunde ; während sie den Traum der egoistischen Liebe zusammen träumten , habe ich mein Herz zum Opfer dargebracht für ihn . « Vittoria verstand nur halb den ganzen Sinn der Rede , aber sie stand wieder in andächtiger Bewunderung und Ehrfurcht vor dem jungen Mädchen , das ihr abermals wie eine Heilige erschien , dem nur die Flügel fehlten , um sich von der Erde , die seiner nicht wert sei , zu erheben . Sie faltete unwillkürlich die Hände und Tränen der Rührung rannen über ihre Wangen , während sie das liebliche durchgeistigte Antlitz Rosas betrachtete . Als diese schwieg , schüttelte sie leise das Haupt und sagte wie für sich : » cara , cara ! « Und dann sich an Rosa wendend , fragte sie ganz zaghaft : » Aber was wollen Sie tun ? Wenn er - der Prinz - doch selbst einwilligt ? « » Ihn an seine Ideale mahnen , « sagte Rosa ; » auch er muß entsagen , muß opfern lernen , auch er muß wählen , und wenn er fern von ihr ist , wird er seinen Schutzgeist segnen , der über ihm wachte und ihn für seine höhere Aufgabe rettete . Ich könnte ja seine Freunde benachrichtigen und warnen , aber das sähe aus , als hätte ich spioniert , und er würde mich vielleicht verachten und an der Reinheit meiner Motive zweifeln , und dann wär es auch nicht seine freie Wahl , und er würde denen zürnen , die ihn zum Aufgeben zwangen , und mit Verlangen an das