die ordentlich betreiben , so werde sich alles Weitere später schon von selber finden . Das war das erstemal , daß ihm auf eine Bitte keine Gabe wurde von seinem Vater , wiewohl nur deshalb , weil der ihn nicht verstanden , und von da an verschloß sich das Herz des Kindes vor dem Erzeuger und kam viel Kummer und schwerer Kampf aus solcher Entfremdung . So sehr aber hatte die Antwort ihn zurückgetrieben , daß er nun noch weniger wagte , zu seinem alten guten Pastor zu gehen . Wohl wußte er , daß der Satan derlei Anfechtungen schickt , daß wir nicht glauben können , und daß wir dann siegen , wenn wir recht heftig zu Gott beten und Gott die Hilfe abringen ; aber er sah auch ein , wenn es nun keinen Gott gab , so war ja auch diese Lehre eitel Torheit ; und das schien ihm so klar , daß es keinen Gott gab , daß kein Mensch mehr zweifeln konnte , nachdem er das Buch gelesen ; es hieß aber » Kraft und Stoff « . Und die Sorge um die Konfirmation war nur das Nächste . Weiterhin tat sich ihm dann die Furcht auf , wenn er nun die Schule zu Ende besucht hatte , so sollte er Theologie studieren nach dem Willen seiner Eltern ; das konnte er aber doch alsdann nicht , denn er wäre doch dann auch einer von denen geworden , die das Volk betrügen und die Wahrheit verhehlen . Auch über diesen Punkt urteilte Karl ganz leichtfertig , indem er meinte , diese Sorge habe noch lange Weile , und vorerst brauche man sich um sie nicht zu bekümmern . Für einen jungen Menschen bedeutet der Glaube an Gott noch wenig ; er hat noch so viel andern Glauben an sich und an die Menschen und an die Zukunft und an die ganze Welt , daß er jenen entbehren kann , ohne daß etwas in ihm zusammenbricht . So empfand Hans seine Wandlung im Grunde gar nicht tief , sondern nur als eine Beunruhigung für seine Ehrlichkeit ; erst in seinem späteren Ringen ging ihm wenigstens ein Teil der großen Fragen auf , um die es sich hier handelt . Diese erste Anfechtung fand ihn in der Gedankenlosigkeit , die der glücklichen Jugend eigen ist und geziemt . Gerade in den Wochen , wo diese Gedanken einander am heftigsten anklagten und entschuldigten , kam noch eine zweite Angelegenheit zu ihrem Höhepunkt . Hans hatte nämlich eine Liebe gefaßt , wie das bei Knaben seines Alters geschieht , und in dieser ereignete sich etwas über alle Maßen Grausiges . Das Städtchen war bis zum Deputationshauptschluß reichsunmittelbar gewesen ; dazu führte bis zu dem großen Umschwung im sechzehnten Jahrhundert hier der Handelsweg vorbei , und die Bürger trieben wichtige und weite Geschäfte bis tief nach Asien hinein . So waren sie reich und stolz geworden und hatten ein Rathaus gebaut noch in den romanischen Zeiten aus den gewaltigen Blöcken des dort vorkommenden Syenitgesteins , das Funken sprühte , wenn man ihm einen Stahl anschlug , und waren in der wuchtigen Wand die kleinen Fenster verteilt , die das Licht von hoch herab in große Säle warfen , und vorn führte eine steile und schwere Freitreppe zum Stock ; am Eingang stand ein uralter und ungefüger Steinblock , an dem des Kaisers Schwert und Handschuh hingen . Jetzt spielten Kinder in luftigen Sommerkleidern auf der alten Treppe . Noch andre alte Häuser erhoben sich am Marktplatz , stolz und trotzig wie Burgen wehrhafter Ritter , aber mit hohen Dachräumen , in denen einst reiches Kaufmannsgut gelagert . Als der Handel damals andere Wege einschlug , hatten die klugen und vorsichtigen Kaufherren einen verständigen Ersatz gesucht im Geldgeschäft und Beteiligung am Bergbau , und war eine zweite Blüte der Stadt gekommen aus diesen Gewinnen , die noch stolzer war wie die erste ; aber die großen Staatsbankerotte , die Wandlungen des Metallwertes und die Zerstörungen des Dreißigjährigen Krieges hatten diesen Wohlstand von Grund aus vernichtet . Seitdem kamen kleine Bürger auf in den stolzen Häusern , die in Läden Handwerksgeräte , Kleiderstoffe und allerhand geringe Kaufmannswaren verkauften an die Leute aus dem Gebirge oder die Bauern vom Lande , die an den Sonnabenden zur Stadt kamen , hier einzuhandeln , wessen sie bedurften bei ihrem kleinen Wesen . Und außer den alten Häusern zeugten nur noch in der Kirche zu Sankt Blasien alte Wappen in den Fenstern , finstere Familienstühle mit sonderbaren Schnitzereien und prunkvolle Grabtafeln an den Wänden von den stolzen Geschlechtern , die einst hier gelebt , ehe die freisinnig gesinnten Kleinbürger in der Stadt hausten . Nur eine der alten Familien hatte sich erhalten in sicherem Reichtum an Grund und Boden in den Dörfern ; deren Letzte bewohnten noch das alte Haus aus schweren Quadern mit kleinen Fenstern und gewaltigem Giebel , den oben die große eiserne Rolle zierte , mit welcher einst die fremden Warenballen herausgewunden wurden . In den reichsstädtischen Zeiten war aus diesem Hause immer der regierende Bürgermeister gewählt und der Iktus , aber wie die Freiheit verloren ging , hatten sich die Herrschaften von allem zurückgezogen , und nun führten sie ein hochmütiges und abgeschlossenes Leben , die Männer in Verwaltung ihrer Güter und allerhand verschollener Gelehrsamkeit , die Frauen in Sorge für das Haus , Wohltun und Frömmigkeit ; seit dem dreizehnten Jahrhundert wies die Hauptkirche Stiftungen von ihnen auf , angefangen mit einem Stück guten schwarzen Tuches von acht Ellen , für die Armut bei den Beerdigungen als Sargdecke zu nehmen . Damals nun lebte Herr Jobst Riemenschneider mit seiner Frau und einem einzigen Töchterchen Johanna in dem alten Hause . Herr Jobst war ein durchsichtig blasser und feiner Mann mit einem verzehrten Gesicht , der Scheu hatte vor Menschen und alles Geräusch fürchtete , und ganz im verborgensten Winkel des Hauses hatte er seine Studierstube , deren Türen waren gepolstert , damit kein Laut sie durchdringen sollte . Hier forschte er in alten Akten und Archivstücken über die frühere Geschichte seiner Stadt ; denn seit langen Jahren schon arbeitete er an einem Werke , das doch nie fertig zu werden schien , weil ihm immer neue Zweifel kamen , wenn er glaubte , er habe etwas festgelegt , und dann mußte er immer von neuem untersuchen . Unterdessen wurde in der allgemeinen Wissenschaft draußen ein heftiger Kampf geführt über die Anfänge des Städtewesens und die ersten Zeiten der Gilden und Zünfte und über die frommen Genossenschaften ; das alles betraf seine Arbeiten , aber er verspürte von diesen Kämpfen nichts , denn seit seinen Universitätsjahren hörte er nichts mehr von heutiger Wissenschaft , sondern lebte nur seiner beschränkten Aufgabe , die doch von Jahr zu Jahr luftiger wurde und weniger zu fassen . Die Frau war bei der Heirat ein fröhliches junges Ding , von der niemand wußte , woher sie stammte , und es wurde heimlich erzählt , ste sei eine Schauspielerin gewesen . Damals lebte noch des Herrn Jobst alte Mutter , eine kalte und fromme Frau mit scharfen , grauen Augen . Die mag das junge Ding wohl sehr in die Zucht genommen haben , denn man merkte ihr an , wie sie sich veränderte und traurig aussah und oft verweint . Das einzige Töchterchen , das sie Johanna nannten , wurde ihnen erst nach Jahren geboren . Damals , als Hans seine Berührung mit diesen Manschen hatte , war die Frau schon lange leidend , und es hieß , sie müsse in den Süden gehen . Johanna wuchs auf in dem alten Hause , in dem es noch ein Zimmer gab , das ganz mit blauweißen Kacheln ausgelegt war , auf diesen Kacheln sah sie Schiffe und Windmühlen , Schlösser , Ruinen , Fischer , Kirchtürme , Chinesen und allerhand sonstige Dinge abgebildet , die man sich denken mochte . Dann waren da große , geschweifte Schränke , die vier Türen hatten , und Kommoden mit wunderlichen Griffen , seltsam geschwungene Stühle , uralte Bilder , die ganz dunkel geworden waren und etwa einmal ein gespenstisch blasses Antlitz mit blitzenden Augen sehen ließen ; Treppenstufen gingen zu Zimmern in die Höhe ; Kronleuchter hingen seit Jahrzehnten eingehüllt , und vergoldete Stühle hatten festgebundene Bezüge . And auf den Böden stand unter Staub vielhundertjähriges Altertum , eingelegte Truhen , Spinnräder aus Mahagoniholz mit Elfenbein , alte Bücher in Schweinsleder mit messingenen Beschlägen , Rechnungen der Urahnen in Bändeln , Medizinflaschen von längst vergessenen Toten und sonstiges Krankengerät , Wiegen und Kinderspielzeug , darunter ein Puppentheater aus der Rokokozeit und ein großer Ballen sorgfältig gesammelter alter Leinwand , von der an arme Wöchnerinnen geschenkt wurde , wie seit Jahrhunderten schon geschehen in diesem Hause . Johanna war ein blasses Mädchen mit schwermütigen , dunkeln Augen und langlockigem Haar ; ihr Mund war schweigsam , aber ihre Augen vermochten ein tiefes und heftiges Gefühl zu erregen . Als sie Hans zum ersten Male ansah , war es ihm , als überfalle ihn eine ganz schreckliche Angst ; über die dachte er lange nach , und zuletzt wurde es ihm sicher , daß er das Mädchen liebe . Wie er darüber klar war , beschloß er , mit Karl zu sprechen ; aber kaum hatte er dem den Namen genannt , da machte er ein glückliches Gesicht und begann zu erzählen , wie sie die Tochter seiner Wirtsleute besucht habe , mit der sie zusammen zur Schule ging , denn er wohnte bei einem Oberlehrer , und es sei eines Sonntagnachmittags gewesen , und sie hätten Pfänderspiele gespielt ; da hätte sie ihn mehrmals angesehen ; und er wisse genau ihren Schulweg und habe eine Rose abgepflückt und sei vor ihr gegangen , daß sie ihn habe sehen müssen , und dann habe er die Rose für sie in einen stillen Winkel hingelegt , und sie habe die Rose genommen , und seitdem lege er ihr jeden Morgen eine Rose hin , und sie nehme und trage die . Wie Karl das erzählte , schämte sich Hans für ihn , sowohl um die Frechheit , daß er die Rose hingelegt , wie auch , daß er ihm das erzählte , und wurde ihm auch sehr traurig im Herzen , in weiter und unbestimmter Weise . So sprach er nichts mehr und suchte , daß er bald nach Hause kam , ging auf sein Dachkämmerchen und begann heftig zu weinen ; der Wirtsleute gutherziges Töchterlein aber , das ein , zwei Jahre älter sein mochte wie er , als sie nebenan das Schluchzen hörte , kam sie zu ihm und wollte ihn trösten , riet auch gleich , daß er wohl verliebt sei . Da sprach sie recht verständig und wie eine ganz erwachsene Person , daß er doch noch ganz jung sei , und verloben könne er sich noch lange nicht , und überhaupt sei das alles nur Unsinn . Wie aber Hans , obwohl er sich schämte wie ein Dieb , doch immer heftiger zu schluchzen anfing , da konnte sie in ihrer Gutmütigkeit sich nicht mehr halten , denn sie hatte nahe ans Wasser gebaut , und fingen auch ihr an die Tränen über ihre runden Bäckchen zu rollen in dicken Tropfen . So saßen die beiden auf Hansens Bettkante ; und kam ihr am Ende eine Erinnerung aus einem Buche , das sie gelesen , und sagte sie Hans , sie wolle seine Schwester sein , küßte ihn auf den nassen Mund und ging fort . Nach wenigen Tagen hatte sie sich schon an Johanna heranzumachen gewußt und wurde mit ihr recht befreundet . Da dachte sie dann , Hansen guten Trost zu bringen , denn Johanna hatte ihr gesagt , sie möge Karl gar nicht leiden und habe Hans viel lieber ; aber Hans glaubte ihr nicht , sondern meinte , sie wolle ihn nur trösten durch solche Botschaften . Einmal jedoch besuchte Johanna seiner Wirtsleute Tochter , und da sprach sie auch mit ihm einige Worte und sagte ihm zuletzt , weil es schon so dunkel sei und das Haus so abgelegen , so möge er sie doch eine Strecke begleiten , und wie er das tat , sagte sie ihm auf dem Wege dasselbe über Karl . Da bekam er einen so wilden Haß auf den , daß er darüber erschrak , denn er hatte ein solches Gefühl noch nicht verspürt , und war es ihm besonders heftig , wenn er Karl lachen sah , denn da hätte er ihn mögen umbringen . Und weil er in diesen Tagen keinen Halt mehr fand in seinem Gebet , so geriet er in Trübsinn und tiefes Unglück , und ihm war , als sei er in einem Tal , aus dem es keinen Ausweg gibt , weil er vorher gemeint , es gebe einen Weg nach oben , der in Wahrheit nicht da war . So geschah es das erstemal , daß er dieses Gefühl hatte , das ja die meisten Menschen durch ihr ganzes Leben begleitet ; sie wissen es sich nur zu verbergen , daß sie es haben , denn wenn sie das nicht täten , so vermöchten sie ja nicht zu leben . Während diese Dinge nun solchergestalt liefen neben den Dingen der Erwachsenen , die meinten , daß ihre Dinge wichtiger seien , spitzte sich in der Heimlichkeit eine andre Sache in Beziehung auf Johanna zu . In Hansens Klasse war ein Schüler , dessen Jahre weit über den Durchschnitt seiner Mitschüler hinausgingen , und der von diesen nicht sonderlich geachtet wurde wegen seines törichten Wesens , denn er ahmte in geckenhafter Weise die Erwachsenen nach in seiner Tracht , Haltung und Benehmen ; so hatte er dem Religionslehrer abgesehen , daß er eine große Silbermünze an der Uhrkette trug , was damals neu und elegant war , und hatte sich einen steifen Hut gekauft , wie die jungen Kaufleute haben , und trug Stege an den Hosen . Sein Vater war ein reicher Gutsbesitzer , der wenige Stunden von der Stadt entfernt wohnte , und von dem erzählt wurde , daß er habsüchtig sei und Geld auf hohe Zinsen ausleihe . Als Hans an einem Morgen in die Klasse kam , sah er , wie dieser Mensch allein auf seinem Platze saß und scheinbar eifrig in einem Buche studierte ; alle seine Nachbarn waren von ihm gewichen , und in einer Ecke des Schulzimmers wurde von einigen heftig gestritten und erzählt ; von denen erfuhr Hans , daß Ecker , denn so hieß jener , bei einem Freunde einen Ring gestohlen habe , der dessen Mutter gehörte ; und diese , in der Meinung , daß ein Dienstbote die Tat begangen , habe der Polizei Nachricht gegeben , und als Ecker den Ring beim Goldschmied zum Verkauf bringen wollte , sei er festgehalten und erkannt worden . Wie der Lehrer in die Klasse trat , gingen alle schnell auf ihre Plätze ; der Lehrer aber rief Ecker an und sagte , es sei bereits Meldung über ihn eingelaufen , und er solle bis auf weiteres aus der Schule bleiben . Da richtete sich Ecker auf mit einem blassen und verzerrten Gesicht , daß alle erschraken , denn sie hatten ihre Blicke auf ihn gewendet , und machte sonderbare Bewegungen mit den Händen und stieg unbeholfen auf die Bank und den Tisch ; und indem noch alle erstaunt waren , was dieses bedeuten solle , da zog er ein Terzerol aus der Tasche , wie es wohl Jungen heimlich für ihr Taschengeld kaufen , setzte sich das auf die Brust , schoß ab und stürzte vornüber auf die Bänke und Tische hin , wo die andern entsetzt wegstoben , ehe sie noch wußten , weshalb sie erschrocken waren . Hans war es , als höre er einen Fall eines schweren Geschirrstückes auf die Erde , denn er hatte die Handbewegung nicht verstanden , und wie Ecker fiel , wußte er noch gar nicht , was das bedeute . Als ihm das aber klar wurde , stieß er einen lauten Schrei aus vor Entsetzen , und nach einer kurzen Weile schrie er nochmals und anhaltend . Viele versammelten sich um ihn , und er wurde nach Hause gebracht . In den nächsten Tagen wurde erzählt , wie alles zusammenhing . Der Tote hatte allabendliche Zusammenkünfte mit Johanna gehabt in der schlechtesten Straße des Städtchens , und hatten sie Leute da zusammen stehen und sprechen sehen . Um diese Liebe hatte der junge Mensch allerhand Ausgaben gemacht , die an sich wohl gering waren , aber doch sein Vermögen überstiegen , und so war er zu dem letzten verzweifelten Streich gekommen . Für Hans war es , als ob er das alles in einem schweren Traum erlebe , bei dem man das Bewußtsein hat , daß doch nichts Wirkliches geschieht , sondern nur Erträumtes , und daß alles wieder in Ordnung ist , wenn man aufwacht . Und kam ihm zwar nicht zu rechter Klarheit , was innerlich bei ihm vorging , aber es ward ihm bewußt , daß alle Neigung zu Johanna plötzlich erloschen war , und ihm geschah , wie wenn ein verschönender Schleier plötzlich von ihrem Gesicht weggenommen war ; so fiel ihm als häßlich auf , daß sie über dem Nasensattel kleine Sommersprossen hatte , die sie vorher ihm besonders liebreizend gemacht , und klang ihm auch ihre Stimme mit einem Male scharf und widerwärtig . Sie besuchte seine Wirtstochter und sprach wieder mit ihm , daß über sie viel gelogen werde , und sie sei jetzt nach jenem Todesfall so allein , deshalb dürfe er sie nicht auch verstoßen . Aber ihm war das alles abscheulich und ganz kalt . Wie oft die Letzten untergehender Geschlechter zeigte Johanna das unheimliche Auftauchen längst vergessener Triebe der Urzeiten , denn nicht gestorben ist ja in uns das Blut unserer Vorväter , die im Steinalter und in der Bronzezeit düstere Höhlen bewohnten und mit bodengesenkten Blicken auf Raub und Vernichtung zogen , und es wird immer wieder regsam in uns selbst zu gewissen Zeiten , wenn die klare Vernünftigkeit schwach ist , die unsre Vorfahren errungen im jahrtausendlangen Kampf um das Freie , Hohe und Gute , und manche Menschen erfüllt es gänzlich ; die wissen dann nichts von sittlichen Geboten und folgen einer Selbstsucht , die wir nicht glauben , geben plötzlich sinnlos und ohne Gedanken einer auftauchenden Begier nach und machen uns vielleicht verwundern durch die Schärfe ihrer Sinne und die merkwürdige Kenntnis der Regungen in andern Menschen , wie durch die Fähigkeit , diese Kenntnis zu ihrem Nutzen zu verwenden . Hans war dem geheimnisvollen Zwange der Natur unterlegen , welche die ehrbaren und braven Menschen treibt , daß sie sich an solche unehrlichen und schlechten hängen müssen , und scheint in der frühen Jugend , wo die Liebe noch ganz geistiger Art und dunkle Sehnsucht der Seele ist , dieser Zwang noch ärger zu sein wie im späteren Alter der zwanziger Jahre . Deshalb muß man wohl sagen , daß Liebe etwas Furchtbares und Grausiges ist , und der Mensch ist glücklich zu preisen , den das Geschick davor behütet , in ihre Tiefen zu sehen . Aber bei Hansen war das nicht ein Sehen oder ein Verstehen , sondern ein ganz tiefes , heftiges Gefühl , das stärker war wie alle klare Äußerung des Geistes ; und so tief in ihm war der Kampf vor sich gegangen , daß ihm nichts davon in sein Bewußtsein kam und er vielmehr erstaunte , daß seine Meinungen , Gedanken , Träume und Liebe so plötzlich umgeschlagen hatten . Aber mit einem Male überfiel ihn nun das Gefühl der Einsamkeit und Verlassenheit in der Welt . Das war den Sonntag vor seiner Einsegnung . Da wurde ihm zum ersten Male klar , daß wir zwischen den Menschen wandeln wie zwischen den wesenlosen Larven , welche die Wüste erfüllen ; sie weichen zurück , wenn wir auf sie zugehen , und wenn wir ihre Hände drücken wollen , so fühlen wir bloße Luft , und ist nichts in der großen Wüste lebendig , denn wir allein . Es geschah aber in einem Wäldchen , weil er sich sammeln wollte und ohne Reden der Menschen sein , daß ihm diese Klarheit kam , und geschah , wie er eine Ameise betrachtete auf dem Wege , die sich abmühte um etwas , das für ihn selbst ein Nichts war . Da dachte er an sein Losungsbüchlein , welche Losung ihm das geben müsse für diesen Tag ; und siehe , da stand geschrieben : » Ich wache und bin wie ein einsamer Vogel auf dem Dache . « Über diese Worte kamen ihm die Tränen und stürzten in großen Mengen aus seinen Augen , und faltete die Hände , und wiewohl er keine Worte zu sagen wußte oder denken konnte , so betete er doch , und im Bitten schon hatte er noch Tröstung , Sicherheit und Ruhe . Zwar bereits auf dem Heimwege kamen ihm wieder die alten Gedanken , daß es doch keinen Gott gebe , und daß deshalb solche Erfahrungen , wie er eben gemacht , ein Selbstbetrug seien ; aber da half ihm wieder ein Buch , nämlich er hatte Doktor Martin Luthers Tischreden zu Hause liegen , die ihm der gute Pastor geliehen , in einer schönen , alten Folioausgabe , unbekümmert um die Derbheiten und starken Ausdrücke des Buches ; denn er meinte , was aus einem reinen Munde kommt und in ein reines Herz geht , das kann keinen Schaden tun , und die heutigen Menschen sind übermäßig verzärtelt in ihren Worten , da sie doch in Gedanken und Taten unreiner sind wie früher . In diesem teuren und herrlichen Buche schlug Hans auf den Zufall hin auf , da stieß er auf die Stelle : » M. Antonius Musa , damals Pfarrherr zu Rochlitz , hat auf eine Zeit D. Martino herzlich geklagt , er könne selbst nicht glauben , was er andern predige . Gott sei Lob und Dank ( hat D. Martinus geantwortet ) , daß andern Leuten auch so gehet , ich meinte , mir wäre allein so . Dieses Trostes hat Musa sein Lebenlang nicht vergessen können . « Hierüber wurde Hans fröhlich und zufrieden , und schien ihm alles , was er Gelehrtes gelesen gegen Gott , dummes Zeug zu sein . Und beim frohen Blättern kam ihm noch eine andere Stelle unter die Augen : » Als über D. Martini Lutheri Tische disputieret ward , wie ein lieblich Ding der Tau wäre , sprach D. Martinus : Ich hätte es nimmermehr gegläubet , daß der Tau so ein herrlich lieblich Ding wäre , wenn nicht die Heilige Schrift den Tau selbst hoch gelobt hätte , da Gott saget : Dabo tibi de rore coeli , ich will dir vom Tau des Himmels geben . Ach , Creatura ist ein schön Ding , wenn wir sollen Creationem glauben , tum balbutimus et blaesi sumus , und sagen Cledo für Credo , wie ein Kindlein spricht Lemmel für Semmel . Die Worte sind wohl stark , aber das Herz spricht Cledo ; sed per hoc salvamur , quia cupimus credere . Ach , unser Herrgott weiß wohl , daß wir arme Kindlein sind , wenn wirs auch nur erkennen wollten . Sagen doch die Apostel selbst : Dominus adauge nobis fidem . Aber wir sind alle klüger denn unser Herrgott , wir könnens nicht verstehen , nisi per filium , id est , Christum . Das ist alle seine Predigt , daß er spricht : per me , per me , per me , ihr könntet ' s nicht tun , wenn ihr euch gleich zerreißet , durch den Sohn werden wir zum Vater bracht . Darum , wenn wir nur glaubten , daß unser Herrgott klüger wäre , so wäre uns schon geholfen . « Hans wurde mit Karl zusammen eingesegnet , nicht in der Stadt , sondern zu Hause in dem kleinen Dörfchen bei dem guten und frommen Pastor , der ihn in den ersten Jahren unterrichtet . Es saßen zusammen zehn Kinder auf den Bänken der Konfirmanden , sechs Knaben auf der einen Seite und vier Mädchen auf der andern ; und hatten die Mädchen das alte Dorfkirchlein mit seinen hellen Fenstern und weißgetünchten Wänden durch Kränze und Blumengewinde verziert , mit den vollen und farbigen Herbstblumen , vornehmlich Georginen und Astern , und der Boden war mit Tannengrün bestreut , das die Knaben den Tag vorher aus dem Walde geholt hatten unter fröhlichen Gesängen und wichtigen Reden darüber , wie sie sich morgen würden mit der kurzen Pfeife sehen lassen auf der Dorfstraße , und daß sie zum Erntefeste tanzen durften . Sie dachten wohl mehr an die Freuden der natürlichen Menschen bei der Feier ; aber der natürliche Mensch und der geistige waren bei ihnen ja nicht so getrennt , wie wir meinen ; und wenn ein Junge , der jetzt zur Seite ausspuckt , wie er es bei den erwachsenen Burschen gesehen , und vom Tanzboden spricht mit überlegener Miene , wenn der erst durch sein Leben gepilgert ist , durch Jugendtorheiten , Verliebtheit , Heiraten , Kindererziehen , Sorgen , Arbeiten und Kummer und als ein Greis im Hochalter vor seiner Hütte in der Sonne sitzt , dann denkt er auch wohl einmal an seine Einsegnung , und da verspürt er , daß er in Wahrheit doch noch andre Gedanken gehabt wie an die kurze Pfeife und das Tanzen . Es ist wohl recht lächerlich , daß auch Hans nicht die rechten Gedanken hatte ; ihm fiel immer die Uhr ein , die ihm der Vater geschenkt , nebst der stählernen Kette , und der schwarze Anzug beengte ihn , und dann fürchtete er sich , daß er weinen werde . Karl saß neben ihm und war in sich versunken und hatte schwere Gedanken . Die Kirche war ganz voll . Da saßen unten die Frauen , voran die Bäuerinnen mit ihren Töchtern , dann die Frauen der Holzarbeiter , und hinten die Tagelöhner . Vorn sah man feste , ruhige und glatte Gesichter , denen man Sicherheit , Ordnung und Fleiß anmerkte und gute Gesundheit . Dann kamen Gesichter , in denen man viele Mühe und Not las und Sorge um das tägliche Leben , aber dabei doch Würde und Ehrbarkeit , und zuletzt sah man Übermut und niedergedrücktes Wesen , fahrigen Sinn , Unterwürfigkeit und gedankenloses Dahinleben . Auf dem Rang saßen die Männer , glattrasiert die alten und mit Bärten die andern , und sie hatten nicht so ihre geordneten Plätze wie die Frauen unten . Hansens Eltern waren auch zugegen und saßen im Pfarrstuhl , und der Vater trug die grüne Gala-Uniform mit dem Hirschfänger an der Seite und sah groß und stattlich aus , und neben ihm die Mutter , die mit der Frau Pfarrerin die einzigen Frauen in städtischer Tracht waren . Wie die Gemeinde das Eingangslied gesungen , kam der gute Pastor und las das Evangelium , und seine Stimme tönte schön und tiefklingend wie eine wohllautende Glocke ; und nach dem zweiten Lied folgte dann die Predigt . Die wendete sich fast nur an die Kinder und ihre Eltern ; der alte Mann sagte , daß sich nun das Tor auftat zum Leben , und rühmte Gottes Güte , daß der uns die Gabe verliehen , durch dieses Tor zu gehen nur mit Hoffnung und Freude ; und siehe da , als er diese Worte sprach , wurden einer harten und strengen Frau die Augen naß , der reichsten Bäuerin , und zog ihr Taschentuch hervor und weinte still vor sich hin , und die Tagelöhnerfrauen hinten stießen sich an und sahen nach ihr mit Erstaunen . Der Prediger fuhr fort und sprach von der Schuld , wie die sich jetzt anspinnt , in diesen Jahren , wenn sie nicht schon älter ist , und wie sie größer wird und größer und unversehens so groß , daß sie uns überragt und uns beherrscht wie einen Sklaven . An dieser Stelle wurde Karl bleich und schaute verzweifelt vor sich hin , daß Hans erschrak , wie er durch Zufall zur Seite blickte und in sein verfallenes Gesicht sah . Vieles verstanden die Leute nicht in der Predigt , so die Worte , daß das Gute leichter sei wie das Böse , und daß man das Gute tue als ein froher Herr und das Böse als ein ingrimmiger Knecht ; aber es war auch wohl nicht nötig , daß die Leute alles verstanden , denn für sie konnten die Worte ja doch nicht Mahnung sein , sondern nur Trost , und den faßten sie auch so , selbst wenn zu dem andern ihre Gemüter nicht genug licht waren . Und nahm jeder den Trost in seiner Weise , denn die stolzen und lebensklugen Bauern hatten doch einen Winkel in ihrer Seele , wo die Sicherheit nicht war , der wurde nun erhellt , und die bekümmerten Holzarbeiter , die sich sorgten , wie sie die Ihrigen rechtschaffen durch das Leben brachten , fanden eine Hoffnung auf ein Leben , da es keine Sorgen und Kümmernisse gab , aber die oberflächlichen und prahlerischen Tagelöhner wurden wohl aus ihrer Selbstzufriedenheit erweckt , doch schwieg gleichzeitig der Stachel des Neides , der sie sonst quälte , und auch sie wurden fröhlicher . Wie der Glauben bekannt wurde , sprachen die andern zaghaft und leise , Hans aber rief sein Ja laut und jubelnd , daß ihn der gute Pastor freundlich ansah ; und unter bangem Herzklopfen folgte dann die Abendmahlfeier , bei der ein unbegreifliches Geheimnis unsern Glauben mit den urältesten Hoffnungen , Furchten und Gedanken der Menschen verbindet und so auch in Leichtfertigen und Gedankenlosen einen Schauer erzeugt , der ernst macht . Danach sang die Gemeinde das Ausgangslied , und währenddem gingen die Eingesegneten einer nach dem andern zu dem Pastor in die Sakristei , brachten ihm , eingewickelt in Papier