Liebesstunden . Die beiden wollten sich jeden Tag sehen , bei gutem Wetter wartete Friedl draußen vor der Stadt am Mühlwasser . Da saßen sie in einem morschen alten Boot unter den kahlen Weidenzweigen und hielten sich umschlungen , als ob der lange Tag zwischen dem letzten Wiedersehen und dem nächsten in diese kurze Stunde zerfließen müßte . Als es Winter wurde , lagen sie oft alle drei auf der weiten , gefrorenen Wasserfläche oder auf dem Felde im Schnee und sahen in den schimmernden , weißen Himmel hinauf . Und war die Zeit zu kurz und das Wetter arg , so blieben die Kirchen ihre Zuflucht . Detlev nahm ein Buch mit und las , während Friedl und Ellen auf einer alten schwarzen Sargbahre oder im Kirchengestühl saßen und sich küßten und die hohen feierlichen Gewölbe schweigend auf all den Frevel herabsahen . Wenn es vier Uhr war , kam der Kirchendiener mit seinem großen , rostigen Schlüsselbund entlang : » Meine Herrschaften , die Kirche wird jetzt geschlossen . « Dann mußten sie sich trennen . Die Geschwister gingen langsam heim ; bis zum späten Mittagessen saßen sie in der Küche beim heimlichen Kaffee , den die Köchin ihnen immer bereithielt , und abends in Ellens Zimmer mit ihren Schularbeiten . Sie waren unzertrennlich wie in alten Zeiten und sahen die übrige Familie fast nur bei den Mahlzeiten . Alles , was sie in sich aufnahmen , lasen , dachten , was in ihnen wuchs und was jeder erlebte , wurde erst voll und ganz , wenn sie es miteinander teilten . Und was hatten sie nicht alles in sich aufzunehmen in dieser Zeit ! Eines Abends kam Detlev mit einem Buch nach Hause . Die Eltern waren aus , und dann machten die beiden Jüngsten es sich in des Vaters Zimmer bequem . Sie holten sich ihren Tee herüber , vor dem Ofen schliefen die Hunde , Ellen lag auf dem Sofa , Detlev saß neben ihren Füßen und las vor - es war Nietzsches » Zarathustra « . Sie bebten beide - der Himmel tat sich über ihnen auf in lichter blauer Ferne - jedes Wort löste einen Aufschrei aus tiefster Seele , band eine dumpfe , schwere Kette los , sagte etwas , was kein Mensch sagen konnte oder je gesagt hatte , wonach man im Dunkeln herumgetappt hatte und geglaubt , es nie zu finden . Das war nicht mehr Verstehen und Begreifen - es war Offenbarung , letzte äußerste Erkenntnis , die mit Posaunen schmetterte - brausend , berauschend , überwältigend . Und alles andere , der Alltag , das Alltagsleben und - empfinden schrumpfte in eine öde , farblose Masse zusammen , verlor sein Dasein - nur das wahre , heilige , große Leben leuchtete , lachte und tanzte . Sie konnten sich nicht mehr zurückfinden - noch spät in der Nacht saß der Bruder an Ellens Bett und las immer weiter - wie aus einer andern Welt hörten sie Eltern und Schwester heimkommen , die Haustür zufallen und alles wieder ruhig werden . Und von nun an lasen sie jeden Abend , der » Zarathustra « wurde ihre Bibel , die geweihte Quelle , aus der sie immer wieder tranken und die sie wie ein Heiligtum verehrten . Auch wenn sie mit ihren Freunden zusammen waren , - da gab es Gespräche , bei denen sie alle fieberten : die alte morsche Welt mit ihrer Gesellschaft und ihrem Christentum fiel in Trümmer , und die neue Welt , das waren sie selbst mit ihrer Jugend , ihrer Kraft , mit allem , was sie schaffen und ausrichten wollten . Es war wie ein gärender Frühlingssturm in ihnen , jeder träumte von einem ungeheuren Lebenswerk , und sie alle hätten sich jeden Tag für ihr Lebensrecht und ihre Überzeugung hinschlachten lassen , wenn es nötig gewesen wäre . Aber noch im Laufe dieses Winters schmolz der Ibsenklub immer mehr zusammen , und das war ein großer Schmerz . Olafson , der Apostel aus dem Norden , der die neuen Lehren zuerst in die würdige alte Patrizierstadt gebracht hatte , war wieder nach Paris . Nach Weihnachten ging auch Marga Seebald ins Ausland , von der Detlev sagte : Marga ist wie das Meer . Sie war älter wie die übrigen und die Seele der ganzen Gesellschaft mit ihrer größeren Reife und Erfahrung . Die anderen Schwestern verließen auch bald nacheinander die Stadt , und die Zurückgebliebenen mochten kaum mehr an dem Hause vorübergehen , das jetzt so leer und fremd dastand . Das Frühjahr rückte heran . Detlev und Friedrich Merold steckten im Examen , dann war es bestanden , und sie sollten zusammen nach Berlin , um zu studieren . Die waren nun frei und hatten das Leben vor sich - alle , alle gingen sie hinaus , nur Ellen mußte zurückbleiben , einsam und zähneknirschend ihre Ketten schleppen . Sie machten noch einen letzten Abendgang zusammen , sie und Friedl , während die Eltern wieder einmal ausgegangen waren . Detlev blieb diesmal zu Hause . In einer Seitenstraße trafen sie sich und gingen durch die Vorstadt hinaus , verirrten sich in unbekannte Gegenden , stiegen über Planken und Gitter , quer über Höfe und Lagerplätze . Endlich waren sie draußen auf freiem Feld , weit fort von allen Menschen . Friedl saß am Grabenrand . Ellen lag mit dem Kopf in seinem Schoß und sah in sein Gesicht und in den Mond hinauf . Beide waren still und traurig , ihnen war so schwer ums Herz , und die tiefe , stille Einsamkeit erfüllte sie mit Bangen . » Warum sind wir uns doch so fern bei aller Liebe , « kam es plötzlich über Ellen , » so ganz anders sollten wir zusammengehören , und wenn auch mein Leben zerbräche , was liegt daran . Sich einmal ganz gehören , und dann sterben und vergehen . « Es ging ein Zittern durch ihre Seele und durch ihren Körper , und sie glaubte es auch in ihm zu fühlen . Vielleicht ahnte er , was sie dachte , denn er sagte plötzlich : » Ellen , laß uns gehen « , und beugte sich dann zu ihr nieder . Sie umarmten sich lange , lange . - Es war wohl das letztemal vor seiner Abreise . Schweigend trennten sie sich vor ihrem Haus . Drinnen saß Detlev bei der Lampe . » Gott sei Dank , daß du da bist , es ist gleich Mitternacht . Ihr seid doch wahnsinnig unvorsichtig . « Ellen antwortete nicht , sie warf sich aufs Bett und weinte : » Wie soll ich es aushalten , wenn ihr fort seid . « 3. April Bis zum letzten Augenblick hoffte ich noch , Dich am Bahnhof zu sehen , aber Papa schickte mich auf halbem Weg zurück , ich wollte nicht erst bitten und ging bei dem tollen Schneegestöber langsam nach Hause , mir war bei jedem Schritt , als ob ich es nicht mehr ertragen konnte , ich hatte nur den einen wilden Wunsch , hinzustürzen und Dich noch einmal zu sehen . Dann war ich in Detlevs Zimmer , und da fühlte ich erst ganz , was ich verloren habe , wie ich auf Schritt und Tritt nach ihm rufen werde . - Die Hälfte von mir selbst ist fort , er war ja immer neben mir . Hüte ihn mir gut , Friedl , es ist mein Bestes , was Du mitnimmst . Ich kann mir selbst unsre Liebe ohne ihn nicht denken . Aber Du sollst kein Wort der Klage von mir hören - all die gewesenen glücklichen Stunden kann uns niemand mehr nehmen . Und jetzt bleibt uns die Arbeit an uns selbst und für das spätere Leben . Wenn auch jeder seine Schule alleine durchmachen muß - es ist doch immer im Gedanken an den anderen . Leb denn wohl , Geliebtester , ich will Dich und mich nicht weich machen - den Kopf oben behalten , sonst schlägt es über mir zusammen . Leb wohl . 12. Mai Du schreibst jetzt so selten - es fehlt Dir doch nichts , oder bummelt ihr viel ? - Wenn ich einmal mittun könnte . Nun seid ihr schon so lange fort , und ich vergrabe mich ganz in Arbeit . Ich will das Examen doch schon übers Jahr machen , die Lehrer haben mir selbst dazu geraten , und seitdem ist mir etwas leichter ums Herz . Ein Jahr - nicht mehr ganz ein Jahr , mein Gott , Friedl , was ist das für ein Gedanke . Wenn sie mich nur nicht vorher noch aus dem Seminar hinauswerfen ; es ist meinen Eltern neulich erzählt worden , daß ich schlechte Bücher und Ansichten verbreitete . Übrigens schwänze ich oft die Stunden und rudere statt dessen auf dem Wasser hinter der Bendstraße . Einmal bin ich auch heimlich zu Lisa Seebald gefahren , es sind ja nur zwei Stunden . Sie hat eine entzückende Wohnung und sagte , wenn der Krach mit zu Hause einmal käme , könnte ich bei ihr wohnen , so lange ich wollte . Meine Sünden sind überhaupt Legion - ich bin tief gesunken , seit Du und Detlev mich nicht mehr bewachen . Soll ich Dir auch noch beichten , daß ich neulich mit Elfriede Liemann auf einem Sonntagstanz gewesen bin , wo wir mit Soldaten und Arbeitern tanzten ? Wir standen an der Fähre und bekamen solche Lust , als wir die Musik hörten . Elfriede und ich sind übereingekommen , wenn alle Stränge reißen , als Kellnerinnen nach Berlin zu gehen , um mit euch zusammenzusein . Schüttelst Du nun auch den Kopf und sagst wie mein Vater : » Was soll aus dir werden , wenn du dich nicht zügeln lernst ? « Ja , was soll aus mir werden , das denke ich auch manchmal . Übrigens bin ich viel mit Ernst Allersen zusammen , wir gehen fast jeden Morgen vor meinen Stunden am Hafen herum . Der Verkehr mit ihm ist mir sehr viel , und ich brauche jemand , mit dem ich reden kann . Weißt Du noch , wie Detlev ihn immer den zweiten Zarathustra nannte , ich muß oft daran denken . Wir gehen meist schweigend nebeneinander , oder ich erzähle ihm von meinem Leben , und er rollt nur die Augen und sagt : » Ja , ja . « - - Wieder ist mein Brief liegen geblieben , aber heute muß ich mich zu Dir flüchten , um wieder zur Besinnung zu kommen . Vorgestern hat sich der junge Rehmer erschossen , Du hast ihn doch bei uns gesehen - er war erst sechzehn Jahre alt . - Ich hab ' ihn gesehen , da ich gerade mit einer Bestellung hingeschickt wurde , und den ganzen Tag konnte ich diesen Anblick nicht mehr los werden - das blasse Gesicht mit dem Tuch um die Stirn . Statt zur Schule zu gehen , nahm ich mir ein Boot und war den ganzen Nachmittag auf dem Wasser - der Himmel war so trübe und bleigrau , und ich konnte immer nur an den Tod denken und - wenn dieses Kind den Mut hatte , warum kann ich ihn dann nicht auch finden ? Es wäre ja das beste , die Erlösung von allem . Jetzt bin ich am Fenster bei dem schwülen Maiabend und möchte vergehen vor Weh . Du schriebst mir das letztemal , ich sollte mir vor allem Lebensmut und Freude bewahren . - Glaubst Du denn , ich habe noch eines von den beiden ? Nein , es ist nur noch eine verzweifelte Zähigkeit , das Letzte durchzuhalten . Und warum muß das Leben gerade mich so drücken , gerade mir alles nehmen , alles versagen ? Es gibt doch viele , die das nicht so fühlen und ganz zufrieden wären an meiner Stelle . Vorhin kam mein Vater zu mir herein und sagte ganz leise : » Ellen , bedenke , daß Tatsachen unwiderruflich sind . « Wir sahen uns lange an , dann ging er wieder . Er muß wohl etwas geahnt haben , was heute in mir vorging , und ahnt auch , daß er mich doch einmal verlieren wird , so oder so - rettungslos . Ach , hilf mir , Friedl , mir ist , als ob ich versinken müßte . 20. August Seit zwei Monaten haben wir nun nichts voneinander gehört . Warum schreibst Du nicht mehr ? - Und ich - was sollte ich Dir schreiben , immer das gleiche : Tag für Tag dieselbe Tretmühle , dasselbe Elend zu Hause . Und wenn Du nicht antwortest , denke ich , daß meine Briefe Dich ermüden und langweilen . Könnten wir doch noch einmal das vorige Jahr zusammen durchleben , es kommt mir jetzt vor wie ein Traum voller Frieden , und als ob es schon so lange her wäre . Es stimmt mich auch so traurig , daß Du und Detlev immer mehr auseinanderkommt . In den Ferien war ich fort , jetzt wieder mitten in der Arbeit und mache Morgenspaziergänge mit Allersen . Wann kommt ihr denn ? - Leb wohl und auf Wiedersehen . Deine Ellen . Kurz vor Friedls Rückkehr , an einem Septembermorgen , ging Ellen mit ihrem Freunde Allersen im Dom auf und ab . Die Kirche war ganz leer , die Sonne leuchtete durch die Bogenfenster , und droben spielte jemand auf der Orgel . - Sie blieben auf demselben Platze stehen , wo sie so oft mit Friedl gestanden hatte - der Mann neben ihr legte den Arm um sie , sie wollte sich wehren , losmachen , aber dann sahen sie sich an , und wieder schlug das heiße Verlangen in ihnen empor - sie fühlte seine Küsse brennen - dazwischen rauschten langgezogene Orgeltöne durch den Raum . Ellen ging nach Hause - in die Schule , wie alle Tage , aber sie sah nichts von dem , was um sie herum vorging , glaubte nur immer wieder zu fühlen , wie er sie küßte , und hörte die Orgel wieder brausen . Ihr war , als ob eine Lawine auf sie zukäme , die sie mitreißen wollte , und sie wußte , es gab keinen Widerstand . Der Gedanke an Friedl drückte sie wie ein schwerer Stein - gleich war sie erlegen , das erstemal , wo eine Versuchung an sie herantrat - ein paar Tage , ehe er zurückkehren sollte - sie , die jahrelang freudig hatte warten wollen . Friedl kam - draußen beim Mühlwasser wartete sie auf ihn . Er war in Uniform , spielte mit seinen weißen Handschuhen , war verändert , fremd . Schon die Uniform kam ihr fast wie ein Verrat an ihren einstigen Idealen vor . Sie machte einen gezwungenen Scherz darüber , keiner wußte recht , was er reden sollte . » Wir haben uns wohl beide verändert « , sagte Ellen schließlich . » Fühlst du das auch , Ellen ? « Es klang fast bewegt , und sie wußte mit einemmal , daß sie nicht lügen und schweigen konnte . » Friedl , ich muß dir etwas sagen - du hast dich in mir getäuscht - - « » Ellen « , sagte er sehr ernst , » wir haben uns wohl beide getäuscht . Es ist mir eine Erleichterung , daß du das auch empfindest . Wir waren töricht , uns aneinander zu binden , ehe wir das Leben kannten und uns selbst . Eine schöne , wunderbare Zeit ist es gewesen , wie wir beide sie vielleicht nie wieder erleben werden - aber sinnlos , sie festhalten zu wollen , wenn wir beide fühlen , daß sie vorbei ist . « Die Fremdheit schwand , sie konnte ihm jetzt alles sagen . » Ja , siehst du , halb und halb hab ' ich mir auch das gedacht . Und dann ist ja auch alles gut , nicht wahr , und wir können ohne alle Bitterkeit scheiden . Ich hatte so viel Sorge um dich , - aber er wird dir ein besserer Halt sein wie ich . « Sie küßten sich noch einmal an der Stelle ihrer einstigen Liebesstunden . Dann ging Ellen allein hinunter an den Hafen , da klammerte sie sich mit beiden Armen an einen von den Kaipfosten , sah auf das schimmernde Wasser hinaus , und die Tränen liefen ihr übers Gesicht . Jetzt hatte sie zum erstenmal erfahren , daß etwas vergehen kann , woran man einst mit ganzer Seele hing . Sie sah ihr erstes Frühlings-Kinderglück zerbrochen , die Blüten verweht und die Morgenfrische hin . Und was nun folgte , war kein Frühling mehr . Schwüle Sommerwinde strichen über sie hin und rüttelten wach , was noch in ihrer Seele geschlafen hatte . - Begehren , Verlangen , alles , was sie bisher nicht verstanden hatte . Als der andre erfuhr , daß sie jetzt losgelöst war , riß er sie an sich , als wollte er sie zermalmen . » Jetzt bist du mein . « Es war eine fortwährende zehrende Unruhe , bis sie sich wiedersahen , und waren sie zusammen , so schüttelte er sie durch , in verwirrenden , heißen Liebkosungen , die Ellen noch neu waren - brennend süß und beängstigend . Friedl und sie hatten sich nur geküßt wie zwei Kinder . Aber im letzten Grunde war immer eine leise Enttäuschung , etwas wie Ernüchterung mitten im Taumel . - Dieser Mensch , mit seiner hohen Stirn und den unergründlichen Augen war ihr als etwas Überirdisches erschienen - er sollte nur in Wolken wandeln - der zweite Zarathustra sein - sollte schweigen , als ob er keine gewöhnlichen Worte reden könnte . So hatte sie ihn früher gesehen - sie konnte nichts Menschliches an ihm ertragen . Als sie ihn das erstemal essen sah , war es wie eine zerstörte Illusion , das hatte sie sich nie vorstellen können , daß er aß , trank , zu Bett ging , wie alle andren Menschen . Und dann , daß er es seiner Mutter sagte , damit sie sich ungestört sehen konnten . Als Frau Allersen von Verlobung sprach und Ellen als Tochter umarmte , wäre sie am liebsten davongelaufen . Das schien ihr alles so sinnlos , so gut bürgerlich und gänzlich unmodern - war nicht das , was sie wollte . Der erste Schnee fiel . Ellen stand am Fenster und sah die Flocken wirbeln . Von jeher war ihr das eine so ganz besondere Stimmung gewesen , etwas von Heimatsehnen und Weihnachten . Sie wollte eigentlich an Allersen schreiben , und der Brief lag angefangen . Aber immer wieder kamen andere Gedanken - in der kurzen Zeit , seit er fort war , schien ihr alles verändert und am meisten sie selbst . - Er hatte sie die ersten Schritte gelehrt und sie dann alleine gelassen , - sie sollte auf ihn warten , und schon fing es an , sie wie eine unerträgliche Fessel zu drücken , daß sie an diesen einen Mann gebunden war . Sie meinte zu ahnen , daß sie sich doch niemals so ganz binden könnte ; wie sollte man es wissen , ob nicht immer und immer wieder ein andrer kam ? Denn kaum war er fort gewesen , so hatte sie schon wieder an einen andern gedacht und dachte jetzt unaufhörlich an ihn . Ellen hatte keine Ahnung , wer er war - sie begegneten sich eine Zeitlang fast täglich , und dann sprach er sie eines Abends an . Es war ihr auch ganz gleichgültig zu wissen , wie er hieß , für sie war er gar kein Mensch mit irgendeinem Namen - er war die Versuchung selbst - der Versucher in irgendeiner Menschengestalt , der plötzlich vor ihr auftauchte , wenn sie abends zur Stunde oder ins Theater ging - er sprach auch nicht laut wie andere - er raunte nur , wich nicht von ihrer Seite und raunte ihr geheimnisvolle Lockungen zu : » Komm mit mir , bei mir ist der Rausch , nach dem du verlangst - komm mit mir , ich will dich alle Geheimnisse und Wunder lehren , die du noch nicht kennst . « Und dies diabolische Lachen , mit dem er dann wieder im Straßengewühl untertauchte , wenn sie alle ihre Kraft zusammennahm und nein sagte . Tagelang bebte es in ihr nach , als ob wirbelnde Wogen um sie her brandeten ; und wie es lockte und reizte , da hineinzustürzen , Hals über Kopf , alles vergessen , über sich hinbrausen lassen . Ihr ganzes Wesen schlug um , sie arbeitete nicht mehr , dachte nicht mehr mit tiefem Ernst über alle möglichen Dinge nach - sie träumte nur noch von einem Rausch ohne Grenzen und Ende . Und diese Träume ließen sie Tag und Nacht nicht los . Immer wieder sah sie sich in einem rotdurchleuchteten Zimmer , die Wände , die Teppiche , alles brannte in Rot - rote Ampeln , rote Gläser , in denen der Wein rote Schaumperlen warf . Alles mußte funkeln und leuchten - und ein Ruhebett war da , mit seidenen Kissen und durchscheinenden Vorhängen . Und er war da - der Versucher - und sie tranken Wein - immer näher zog er sie an sich - jauchzend hintaumeln in namenlose Lust , das versengende Feuer löschen in berauschter Raserei , sich selbst vernichten , sterben , vergehen in Wollust . Da half keine Arbeit , und wenn sie sich noch so hartnäkkig auf die Bücher warf - immer wieder tauchte sein Gesicht zwischen den Zeilen vor ihr auf , und das rote Glühen fing wieder an . Der Kopf sank auf die Bücher nieder , die Augen zu und träumen , träumen , bis sie verstört auffuhr und wieder versuchte zu arbeiten und alles von vorne anfing . Hatte er , der Versucher , nicht recht , daß er sie auslachte mit ihrer gewollten Treue und mit ihren Wahrheitsprinzipien ? » Eine Stunde nur « , so redete er zu ihr , » und nachher vergessen , was geschehen war - was niemand weiß , ist so gut wie ungeschehen . « - Nein , nein , dann würde alles aus sein und sie den einzigen Menschen verlieren , der ihr gehörte . Sie mußte an ihm festhalten , sonst ging es hinab in unabsehbare Tiefen . So schrieb sie an Allersen , erzählte ihm alles , jedes Wort , jedes Zusammentreffen . Darüber kam es zu blutigen Auseinandersetzungen , die sie reizten und verstimmten . Dann kehrte Ellen den Spieß um und überzeugte ihn , daß er ihr unrecht täte . Der Versuchung ins Auge sehen und sie überwinden , sei bessere Treue , als ihr aus dem Wege gehen , und sie wollte sich und ihm nur beweisen , wie stark sie sei . So endigte es damit , daß er sie beinahe um Verzeihung bat , sie fühlte ihre Macht über ihn und daneben eine leise Spur von Geringschätzung . Dann traf sie den andern wieder , diesmal bei hellem Tag . Sie gingen zusammen durch stille Seitenstraßen , und an einer Ecke blieb er stehen . » Eine Stunde nur , du süßes Weib - nur eine Stunde - « » Gott , ich kann ja nicht - - « » Ihre Augen haben längst ja gesagt , und wenn Sie schweigen , sagt Ihr Mund auch ja . - Aber , comme vous voulez - Samstag bin ich den ganzen Nachmittag zu Hause und erwarte Sie . « Nachher saß sie an ihrem Schreibtisch vor der Arbeit - ihre Gedanken drehten sich wie im Wirbel . Sie schrieb einen raschen , abgerissenen Brief an Allersen - » Es hilft doch alles nichts - ich will nicht mehr . Du mußt mich lassen , mir meine Freiheit geben . « Seine Antwort kam und sprach von Rechten - Verpflichtungen : » Ich verlange von Dir - « Als Ellen den Brief gelesen hatte , warf sie ihn in die Schieblade und ging hinunter . - Schweigend wie immer saß sie mit ihren Eltern am Tisch - die litten auch alle unter ihr . Das Familienleben war im letzten Jahr immer trostloser und verbitterter geworden - nur noch ein schweigender Kampf aufs Messer . Nachher suchte Ellen einen Vorwand , um auszugehen , und dann geradenwegs zu ihm , der sie erwarten wollte . Sie wußte jetzt seinen Namen und seine Wohnung . Da stand sie auf dem hellgetünchten Vorplatz und sah auf das weiße Porzellanschild . Aber er war nicht da - verreist - Freitag käme er wieder . Langsam ging sie die Straße hinunter - es losch etwas in ihr aus - der große Augenblick war vorbei - verfehlt . Statt dessen kam Ernst Allersen selbst am nächsten Tag , es hatte ihm keine Ruhe gelassen . - Er wohnte im Hotel , um seiner Familie und allen Bekannten auszuweichen . Ellen stand erst kalt und feindselig in der Tür , aber er stürzte auf sie zu , riß sie an sich mit so viel Angst und Liebe , daß sie ganz erschüttert war , machte ihr keine Vorwürfe : sie sollte nur sein bleiben , nicht mit ihm spielen . Und sie wurde weich gestimmt , wie immer , wenn sie Liebe fühlte - es kam etwas von dem alten Gefühl für ihn wieder . Sie sagte zu allem ja - er sollte ihr nur nicht wieder mit Rechten und Verpflichtungen kommen , das reizte sie dann gerade , das Gegenteil zu tun . Und schließlich war sie wieder im Recht und er hatte sie gekränkt . Allersen blieb noch einen Tag , und sie kam frühmorgens ins Hotel , statt zur Schule zu gehen . Er schlief noch , und Ellen setzte sich zu ihm auf das Bett - sie waren wieder ganz versöhnt . Langsam zog er sie immer dichter an sich , löste ihr die Haare auf - Schritt für Schritt kamen sie dem Geheimnis näher , das ihnen beiden noch fremd war . Aber dann schraken sie doch wieder zurück . - Sie hätte lieber alles vergessen wollen , aber wenn sie darüber nachdachte , kamen ihr wieder all die bangen Bedenken - all die unsichere Angst . - - Ein Kind - dann wäre alles für sie vorbeigewesen , alle Pläne , ihre Kunst , die Freiheit , die nun immer näher kam . - Im letzten Grunde war es ja auch nur das , was sie dem anderen gegenüber zurückhielt - sie wußte etwas und wußte doch nichts und konnte sich nicht entschließen , zu fragen - da lag immer noch ein Rätsel und niemand löste es ihr . Die Examenangst trieb eine Zeitlang alles andere in den Hintergrund . Ellen saß ganze Nächte lang und lernte . Dies Letzte mußte nun noch durchgehalten werden , und dahinter stand die Freiheit , endlich die Freiheit . Den Sommer über wollte sie wie gewöhnlich eine Verwandtenreise machen und dann mit Sturm die Entscheidung herbeiführen . Ließ man sie nicht freiwillig gehen , so würde sie es erzwingen , Lehrerin werden und Geld verdienen . Der häusliche Himmel hatte sich wieder etwas aufgehellt , die Eltern waren aufgeregt über den Ausgang der bevorstehenden Prüfung und aus Sorge um Ellen , weil sie blaß und überarbeitet aussah . Dann war es vorbei , und Ellen konnte zuerst kaum begreifen , daß sie wirklich gut durchgekommen war . Aus dem grauen Schulhaus stürzte sie in den Frühlingsabend hinaus und schleuderte ihre Bücher auf die Erde , daß die Blätter flogen . - Zu Hause wurde sie förmlich gefeiert , die Mutter war stolz , daß Ellen eine gute Note hatte , und Papa legte ihr die Hand auf den Kopf und sagte : » Jetzt hast du mir eine wirkliche Freude gemacht . « Die Brüder waren zu den Osterferien gekommen - so war es einer von den seltenen ungetrübten Abenden , wo sie alle um Papas Tisch saßen mit Wein und Gelächter . Ellen konnte heute mitstimmen , ohne einen bösen Blick von der Mutter zu bekommen , es schien , als ob man sie jetzt zum erstenmal anerkannte , zum erstenmal mit ihr zufrieden war . Ihr selbst war nicht ganz wohl dabei - die dachten jetzt nicht daran , daß es doch nur ein kurzer Waffenstillstand sein konnte . Wenn sie wüßten , wie es in Wirklichkeit um Ellen stand , daß sie innerlich schon lange draußen auf hoher See trieb und wohl nie mehr den Weg zurückfinden würde - . Der Frieden dauerte denn auch nicht lange , in den kurzen Wochen , die sie noch zu Hause blieb , fing es immer von neuem an zu gewittern . Die Eltern lebten in beständigem Mißtrauen : wo steckt Ellen nur wieder ? , was treibt sie ? - wenn sie den halben Tag verschwunden war , um mit einer Freundin , die am entgegengesetzten Ende der Stadt wohnte , zu modellieren , oder mit einer anderen Französisch zu treiben . Konnte man denn auf Schritt und Tritt hinter ihr stehen und ihr das bißchen Verkehr mit jungen Mädchen verbieten ? Und Ellen nahm jetzt alles auf die leichte Achsel und baute nur auf den Zufall , der sie nun schon jahrelang vor Entdeckung beschützt hatte . Was lag auch jetzt noch daran , wenn das Pulverfaß explodierte ? So führte sie ein förmliches Abenteuerleben ; solange Allersen noch Ferien hatte , schlich sie sich frühmorgens aus dem Hause , um ihn zu treffen , lange , ehe die andern aufstanden , und manchmal auch abends , wenn man sie im Bett glaubte . Und drunten am Hafen hatten sie eine stille Bierstube entdeckt , wo sich die Reste des Ibsenklubs und allerhand neu hinzugekommene Bekannte versammelten , während am andern Tisch