und er wird Schatten bleiben ! Er braucht volle Menschheitspersonen , um durch sie zu existieren . Finden sie sich nicht ein , um ihn zu werfen , wie man eben Schatten wirft , so kann er es nicht einmal zum bloßen Schemen bringen ; er ist ein - - - Nichts ! - - Und die kraftvoll und unabhängig sich bewegende Persönlichkeit ? Jeder Schatten bedeutet fehlendes Licht . Ein Mensch , der sich zum Schatten anderer macht , hat seinem Geiste und seinem freien Eigenleben entsagt . Er ist eine unselbständige Dunkelexistenz geworden , die überall , wo Licht vorhanden ist , nach Trübem , Düsterem und Finsterem hascht . Diese Lichtscheu wirkt genau so , wie die Wasserscheu . Sie giebt sich ganz und gar der Tollheit hin und folgt von Schritt zu Schritt , nur um zu - - beißen ! « Der Ustad hielt nach dieser längeren Gedankenfolge inne . Man sah es ihm an , daß er keine Bemerkung von uns erwartete . Ich hätte wohl manches einzuwenden gehabt , sah aber keinen zwingenden Grund , dies augenblicklich zu thun . Gegen derartige Ansichten und Anschauungen hat man vorsichtig zu verfahren . Es giebt Meinungsverschiedenheiten , die nicht im Handumdrehen , sondern nur mit Hilfe der Zeit zu beseitigen sind , und hier schien es mir , als ob grad diese Zeit es sei , die solche bittere Gedanken in ihm befestigt hatte . Er fuhr nach dieser Pause fort : » Hast du , Effendi , einen Mann gekannt , Hadschi Halef Omar , den Scheik der Hadeddhin vom Stamme der Schammar , der bereit war , mit seinem deutschen Sihdi alle Qualen der Erde und der Hölle zu erdulden und tausend- , tausendmal für ihn zu sterben ? « Ich nickte nur . » Du Glücklicher ! Ich hatte keinen , keinen Halef ! Ich besaß nicht einen einzigen Freund , der deinem Hadschi auch nur einigermaßen ähnlich gewesen wäre ! Und doch gab es so viele , viele , die sich meine Freunde nannten , als ich in der Mitte meines Sonnentages stand ! Sie wollten nichts von mir ; sie verlangten nichts von mir ; sie forderten nichts von mir ; aber sie liebten mich alle , alle , alle so wahr , so treu , so innig ! Nur eins sollte ich ihnen bringen , weiter nichts , weiter gar nichts : Nämlich Opfer , wieder Opfer und immer wieder Opfer ! Und ich brachte sie ! Wie gern ! Ich liebte ja die Menschen alle , alle ! Ich glaubte , daß sie meiner Liebe wert seien . Ich wußte nicht , daß es klug sei , nicht den Einzelnen an sich , sondern die Menschheit in ihm zu lieben . Meine Freunde aber überschüttete ich mit doppelter Liebe ! Da kam der Augenblick , an welchem ich bemerkte , daß meine Sonne sich schief zu mir gestellt hatte . Welche unerwartete Wirkung fand sich da ein ! Auch an meinen Freunden und sonstigen Bekannten begann jetzt so vieles schief zu werden ! Sie dachten schief über mich ; sie sprachen schief von mir ; sie sahen mich schief an ! Die Sonne wich mehr und mehr von mir zurück ; mein Schatten wuchs ; meine Freunde wurden immer schiefer ! Gegen Abend ging es schneller mit der Sonne ; mein Schatten füllte hinten mir schon die ganze Strecke bis zum Horizonte aus ; meine Freunde waren jetzt so sehr schief geworden , daß gar nicht ausbleiben konnte , was nun geschehen mußte : Sie verloren das Gleichgewicht ; sie begannen , auch zu fallen , einer nach dem andern , ganz genau so , wie mein großer Schemen fiel ! Wohin fielen sie ? Natürlich hinter mich , als meine Schatten , Schatten , Schatten ! Ich warf sie fort nach rückwärts , hinweg zu ihm , der sich als Erdengott gebärdete . Er verschluckte sie mit wahrer Orkusgier . Sein Nichts blähte sich nach dem Fraße dieser vielen tausend Nichtse zu einem so undenkbaren Nichtse auf , daß er dünner und immer dünner und endlich ganz unmöglich werden mußte ! Es kostete mich schon Mühe , ihn , den Ultradimensionalen , nur noch zu erkennen . Da wendete ich meine Augen von der ebenso still wie unvermeidlich vor sich gehenden , schattenhaften Katastrophe ab . Ich schaute empor . Soeben verschwand die Sonne . Und da geschah das , was an jedem Tag geschieht und was wir doch bis heut noch nicht mit unserm Geist ergriffen haben : Es flammte der Westen in goldener Glut . Sie sprühte gen Himmel in zuckenden Blitzen . Ich tauchte den Blick in die feurige Flut und sah sie die Berge mit Funken umspritzen . Da , als sie mir so das Geheime erschloß , da mußten die Erdenphantome verschwinden : Sie wurden zu nichts ; auch das meine zerfloß , und ich ging , um das Licht ohne Schatten zu finden ! « Er war da , wo die Sätze sich zu reimen begannen , aufgestanden und hatte stehend gesprochen . Jetzt ging er hinaus auf den Balkon , wohl um die Gestalten , welche in ihm erwacht waren , wieder zur Ruhe zu bringen . Als er dann wieder hereinkam , fragte er mich , indem er vor mir stehen blieb : » Hast du verstanden , wen und was ich mit diesen meinen Schatten meinte ? « » Ja , « antwortete ich . » So wirst du durch mich vielleicht die deinen sehen lernen ! « Ich saß ruhig da . Ich antwortete nicht . Aber ich lächelte ihn an . » Warum bleibst du still ? « fragte er . » Sind Schatten es wert , daß man von ihnen spricht ? « antwortete ich . Er sah mich erstaunt , ja fast betroffen an . Da fuhr ich fort : » Wenn sie Nichtse sind , wie du behauptest , warum so viele Worte über sie ? Für Nichtse giebt es eben nichts . Sie scheinen dir also doch mehr als nichts gewesen zu sein ! « » Das war in der Vergangenheit . Das ist vorüber ! « behauptete er . » Vorüber ? - Wirklich ? « » Ja ! « » Und doch erregt dich der Gedanke an sie noch heut in einer solchen Weise , daß du soeben an der Luft gewesen bist , um dich zu beruhigen ! Ustad , Ustad ! Du sagtest : Und ich ging , um das Licht ohne Schatten zu finden ! Hast du es gefunden ? « Er trat einige Schritte zurück , schüttelte leise den Kopf , warf ihn dann schnell zurück und fragte mich : » Etwa du , Effendi ? « » Von mir ist jetzt nicht die Rede , sondern von dir ! « » Es war von dir die Rede , von deinen Schatten ! Du hast jedenfalls gar nicht gewußt , daß du welche hattest ! « Da stand nun auch ich auf . » Mein Freund , « sagte ich , » mein armer Freund ! Mir scheint , du hast das Leben ganz verkehrt genommen . Die Nichtse waren bestimmend für dich , nicht aber die inhaltsvolle Wirklichkeit . Du wolltest diese Wirklichkeit beherrschen , wurdest aber leider selbst nur von leeren Schatten regiert . Darum standest du machtlos vor dem Leben , als es sein Turnier mit dir begann , und wurdest von ihm in den Sand gestreckt ! Du hattest es vielleicht wohl gar herausgefordert . Du dünktest dich , ein starker Geist zu sein , und wolltest kämpfen gegen andre Geister . Weißt du , was da das Leben that , das riesenstarke , mitleidskluge Leben ? « Er schaute mich fragend an , antwortete aber nicht . » Es kannte dich . Was wäre wohl geworden , wenn es deine Forderung für Ernst genommen hätte ! Es fiel ihm gar nicht ein , sich vor dir im Harnisch aufzustellen . Es schob dir einen seiner Schatten hin , die du ja selbst jetzt nur Phantome nennst . Was thatest du ? Du warfst dein Leben , deinen Geist und deine ganze Rüstung hin , ergriffst die Flucht und gingst in diese Berge , um dich hier in der Gruft , in diesem Grabe deines Jugendmutes , und hinter einem fremden Namen zu verstecken ! Vor wem ? Etwa vor dem Leben , welches dich gar nicht angegriffen hat ? Nein , sondern vor jenem Nichtse , das für dich bald ein Erdengott und bald ein nichtiges Phantasma ist ! « Ich hatte in wohl ernstem Tone gesprochen . Da griff er sich mit den Händen nach dem Kopfe , schaute vor sich nieder , ließ die Arme wieder sinken , holte tief , tief Atem und sagte : » Effendi , du schonst mich wahrlich nicht ! Ich sehe und ich höre , du bist mein Freund , mein wirklicher ! Solche Klarheit , wie du mir giebst , ist mir noch nie geworden ! Willst du mich vernichten , um mich als einen anderen wieder aufzurichten ? Wohlan , thue es ! Doch erlaube mir , mich in deine Klarheit hineinzufinden ! Sie kommt zu plötzlich über mich ! Ein Nichts und doch ein Erdengott ! Ja , ich habe Beides gesagt und mit Beidem dieselbe Person gemeint . Konnte sie beides sein , beides ? « » Ja ; sie konnte es . Aber ich bitte dich : Denke nicht an konkrete Personen , niemals , nie ! Sondern abstrahiere ! Der Bauer reißt die Giftpflanzen aus der Erde und wirft sie auf den Dünger . Der Chemiker aber zieht auch aus ihnen wohlthätige Extrakte . Auch ich kenne sogenannte . Erdengötter . Ich meine da nicht etwa die wirklich großen Menschen , sondern eben die Götter der Denkfaulheit und Urteilslosigkeit . Für mich aber sind sie nur wie jene Pflanzen : Ich koche ihre Seelen für mich aus , damit die meinige an diesem Trank sich stärke . Andere Gründe ihrer Existenz kenne ich nicht . Sie gedeihen nie im geistigen Sonnenscheine , sondern immer nur da , wo das Reich der Schatten eine seiner Provinzen errichtet hat . Dort sind sie Herr und Meister ! Dort giebt es keine Persönlichkeit , kein Wollen und kein Dürfen . Die kleinen Schattlein haben ja alle in den großen zu fallen , um zu huschen und zu schleichen , so , wie er schleicht und huscht . Und wenn er einmal den Mund öffnet , weil dort im Sonnenscheine eine wirkliche Existenz den Mund geöffnet hat , so schau nur hin , was da erscheinen wird ! Was dort der lebendige Odem des Geistes war , das ist hier nur der Dunst des lichtlos dunklen Bodens , auf dem der Schatten liegt und kriecht . - Ich spreche im allgemeinen , denn geistige Personen giebt es hier ja nicht . Wie ich auf die Schatten anderer sehr ruhig meine Füße setze , so mögen die andern auch ganz getrost auf den meinigen treten . Sie verletzen damit keinen wirklichen Menschen . Wer ihn aber mit Fußtritten strafen wollte , der wäre ein Thor , weil bei diesen Schemen ja überhaupt kein Stapfen haftet ! So lange die Erde steht , haben diese Zerrgebilde sich unter den Füßen des menschlichen Verstandes und der denkenden Vernunft herumgetrieben , aber ich habe noch nicht gehört , daß ein Schatten durch diese Fußtritte nicht Schatten geblieben , sondern Mensch geworden sei . Darum begreife ich , o Ustad , nicht , daß die deinen eine so große Macht über dich besessen haben und heut noch zu besitzen scheinen ! « » Effendi , es waren die mythologischen Schatten die Furien ! « rief er aus . » Wenn zehnmal und wenn tausendmal ! Wer sind die Furien ? Giebt es welche , oder leben sie nur in unserer Einbildung ? Im letzteren Falle sind sie Geschöpfe meiner Phantasie , und ich kann sie vernichten , wann , wo und wie es mir beliebt . Im ersteren Falle aber frage ich : Wer steht höher , sie oder ich ? Sie , die von meinen Fehlern und Sünden leben , oder ich , der ich sie ihnen hinwerfe , um rein und gut zu werden ? Welche Furie darf sich an mich wagen eines Fehlers wegen , den ich nicht mehr habe , weil nun sie ihn zwischen ihren Krallen hält , um sich an ihm zu mästen ? Sie lebt von dem , was mir widerlich geworden ist . Sie steht so unendlich tief unter mir , daß ich es gar nicht hören oder sehen kann , wenn die Knochen meiner Sünden unter ihrem Raubgebisse krachen ! « » Aber andere hören es ! « warf er ein . » Wer ? « fragte ich schnell und kurz . » Doch nur solche , die ebenso tief da unten wohnen . Die werden allerdings einen zähnefletschenden Jubel erheben , darüber , daß ihresgleichen sich abermals am Sündenaase laben kann . Aber jeder Brave , dem es bekannt würde , müßte es anerkennen , daß du nichts mehr von deinen Fehlern wissen willst . Dies letztere müßtest du ihm aber dadurch beweisen , daß du sie nicht etwa verteidigst , sondern sie den Furienkrallen schweigend überlässest . Nun sag , wie hast du dich verhalten ? ! « Da setzte er sich hin , senkte den Kopf , legte die Hände zusammen und antwortete : » Effendi , ich habe mich gewehrt , gegen diese Furien gewehrt , fast bis zum letzten Reste meiner Kraft ! « » So wundere dich nicht darüber , daß sie sogar noch heute Macht über dich besitzen ! Du hast ihnen nicht erlaubt , reine Arbeit zu machen . Ich sage dir : Diese Eumeniden ruhen nicht . Sie werden nicht ohne Ursache mit kralligen Fingern , gifttriefendem Munde und hervorgestreckter Zunge abgebildet . Ihr Gift wird so lange triefen und ihre Zungen werden so lange heraushängen , bis dir der letzte und auch der allerletzte Rest von dem , was nicht hineingehört , aus dem Leibe und aus der Seele gerissen worden ist ! « Da stand er rasch wieder auf , faßte mich am Arme und sagte : » Wie richtig , Effendi ! Oh , du scheinst sie doch zu kennen ! Weißt du , was so eine Furie that ? Nein , du kannst es nicht wissen , nicht einmal ahnen ! Du wirst es für unmöglich halten , aber es ist die volle Wahrheit ; du kannst es mir glauben ! Als diese Eumenide meine sogenannten öffentlichen Fehler öffentlich verzehrt hatte , war sie noch nicht satt . Sie begann nun auch nach heimlichen Sünden zu suchen . Sie war so unvorsichtig , Briefe zu schreiben , in denen sie fragte , ob man vielleicht etwas gegen mich wisse . Man brachte mir solche Briefe . Wenn ich sie nicht gesehen und gelesen hätte , so würde ich heut wahrscheinlich glauben , daß es gar keine Furien gebe . Du siehst also , daß sie nicht bloß mythologische Gestalten , sondern noch jetzt lebende Wesen sind ! Schatten , die unhörbar leise hinter meinem Rücken schleichen , um sogar die verborgensten Bewegungen meines Lebens aufzufangen , damit man sie selbst trotz ihrer Dunkelheit für reine , lichte Wesen halte ! - Glaubst du , was ich dir da erzählte , Effendi ? « Er wartete meine Antwort gar nicht ab , sondern fuhr fort : » Du hast gelächelt , und jetzt lachst du gar ! Und zwar so eigentümlich ! Warum ? Du machst mich aufmerksam ! Solltest vielleicht auch du - - du - - - du - - - - ? Doch nein ! In deinem frommen Christenlande kann es ja niemals solche Furien geben ! Denn , würde eine entdeckt , so müßte sich die ganze Christenheit , die volle Priesterschaft an ihrer Spitze , erheben , um entrüstet nachzuweisen , daß ihre Liebes- , Gnaden- und Verzeihungsreligion unmöglich Eumeniden dulden kann ! Verzeihe mir ! Verzeihe mir im Namen deiner Christenheit , daß mir auch nur der Gedanke hieran kommen konnte ! Ich sehe zu meinem Erstaunen , daß ich noch Schatten werfe , sogar auf dein geliebtes Abendland hinüber ! « » Beruhige dich ! « bat ich ihn . » Der König des Schattenlandes , von welchem dein Märchen erzählte , hat Unterthanen überall . Auch bei uns ! Doch , will ein solcher Schatten einmal zur Furie werden , so behandeln wir ihn anders , als du deine Eumeniden behandelt hast . Wir lassen ihn sein trauriges Werk vollenden . Wir stören ihn nicht . Es ist ja doch wohl mehr als Strafe genug für ihn , daß er es thut ! Wir sagen ihm sogar noch Dank dafür , jedoch nur öffentlich , selbst wenn er heimlich wirkt . Du siehst , wir haben sogar für die Furien nur Liebe und Verstand ! Wir Christen wissen nur zu gut : Es kommt die Zeit , in der die Schatten schwinden . Was dann aus ihnen wird , das wissen wir zwar nicht , doch sagt das heilige Buch : Ihre Werke folgen ihnen nach ! Und ich , ich möchte dereinst mit solchen Werken nichts zu thun haben . Ich habe mit den Menschen , selbst mit solchen Furien , nachsichtig zu sein , weil ich wünsche , daß Gott dann , wenn es sich um meine Abrechnung handelt , auch gnädig mit mir sein möge ! « Da sagte er in plötzlich ganz anderem Tone : » Du sprichst von einem Wir . Etwa mit Ueberzeugung , Effendi ? Spielen wir Komödie miteinander ? Denken und handeln wirklich alle Christen so , wie du mit diesem Wir mich glauben machen willst ? « » Komödie ? « fragte ich . » Wer hat damit begonnen , ich oder du ? « » Wieso ich ? « Jetzt war er es , welcher bei diesen zwei Worten lächelte . Dieses Lächeln verriet mir , daß es ihm ganz lieb sei , von mir verstanden worden zu sein . Doch drängte ich ihn noch weiter , indem ich sprach : » Wie war deine Bitte um Verzeihung gemeint , Ustad ? « » Ganz so , wie du willst ; ganz so , wie du sie betonst . Man kann mit genau denselben Worten Glauben oder Zweifel , Vertrauen oder Mißtrauen , Lob oder Tadel aussprechen . Es kommt auf den Ton an und auf den Willen dessen , zu dem man redet . Du bist kein Kind . Ich weiß , daß ich nicht nötig habe , gegen dich auch noch in der Betonung deutlich zu sein , wenn ich es schon in den Worten , welche ich wähle , bin . Ich könnte dir eine große Ueberraschung bereiten , wenn ich dir sagte , wer und was meine Schatten , meine Furien waren . Denke jetzt einstweilen nicht an ein bestimmtes Land ! Thue das nun selbst , was du mir angeraten hast : Abstrahiere einmal ! Ich werde erst später hierüber sprechen . Nur eine Mitteilung , eine einzige , will ich dir heut schon machen . Sie betrifft - - - doch nein ! Auch hierzu bist du noch nicht vorbereitet ! Es muß ja alles kommen , wie es kommen soll , aber scheinbar ganz von selbst . Jede Entwickelung , welche Sprünge macht , ist eine falsche . - - Bitte , kehren wir lieber und endlich , endlich wieder zu dem Briefe des Multasim zurück ! « Er hatte ihn vorhin fortgelegt . Jetzt nahm er ihn wieder in die Hand , um nun auch die Rückseite zu betrachten . » Kein besonderes Petschaft ! « sagte er . » Man hat den Brief mit einem goldenen Tuman12 versiegelt . Das kann ein jeder thun , der ein Goldstück besitzt , ist also gleichgültig für uns . « » Nein , « sagte ich . » In solchen Dingen hat auch der geringste Nebenumstand Wert . Ich pflege darum alles , auch das scheinbar Unbedeutende in Betracht zu ziehen . « » Meinst du , daß dieser Tumanabdruck uns auf irgend einen Gedanken bringen könne ? « » Er kann es nicht nur , sondern er hat es bereits gethan . « » Bei dir ? « » Ja . Denke an die Ringe ! Silberne und goldene . Das bessere Metall bedeutet einen höhern Rang . Liegt da nicht die Vermutung nahe , daß es in Beziehung auf den Siegelverschluß ebenso ist ? « » Das ist allerdings nicht unmöglich . Hieran hätte ich nicht gedacht ! « » Je höher der Rang des Schreibenden , ein desto wertvolleres Geldstück hat er zu nehmen . Und weiter ! Warum nimmt man keine Petschaft , sondern Münzen ? « » Durch das Petschaft würde man sich unter Umständen verraten . Münzen aber können keinen Anhalt geben . « » Sehr richtig ! Hieraus aber ist darauf zu schließen , daß der Inhalt dieser Art von Briefen , falls sie in falsche Hände kommen , für den Schreiber selbst gefährlich ist . Der Tuman ist die höchste Münze . Der Verfasser dieses Schreibens steht also hoch im Range . Sie ist ferner eine persische Münze . Der Brief aber wurde unten im Irak Arabi aufgegeben , wo türkisches Geld kursiert . Was ist hieraus zu folgern ? « » Daß der Schreiber ein Perser ist , und daß er dieses Goldstück als Petschaft bei sich trägt . Oder nicht ? « » Ja . Schau , wie nun auch dir Gedanken kommen ! Der Tuman wollte dir erst als gleichgültig erscheinen , und jetzt hat er dir schon so viel gesagt ! « » Aber doch ohne Erfolg ! Tuman ist Tuman . Es kann nicht ein jeder , der so ein Goldstück besitzt , der Schreiber dieses Briefes sein ! « » Allerdings . Aber bei wem man dieses findet , grad dieses , den darf man doch wohl mit sehr großer Wahrscheinlichkeit für den hohen Sill halten , der ihn abgeschickt hat ? « » Gewiß ! Aber von wem könnte man erfahren , daß es grad dieser Tuman , also derselbe und kein anderer sei ? « » Von dem Tuman selbst . « » Wieso ? « » Betrachte die Siegel genau , so wirst du es wohl finden ! « Er that es , doch , wie es schien , vergeblich . » Ich sehe nicht Besonderes an diesem Abdrucke , « sagte er dann . » Gehe über den Rand des Goldstückes hinaus , « unterwies ich ihn . » Was siehst du da ? « » Der Lack ist dick , der Abdruck also tief . An den Rändern giebt es auch Eindrücke , kleine , die wohl zufällige sind . « » Nein , nicht zufällig . Schau sie genau an , und zwar nicht einzeln , sondern denke sie dir zusammen ! Der Tuman hängt an einem dünnen Kettchen , dessen Glieder aus den Buchstaben Sa und Lam zusammengesetzt sind . Weil bei dem Siegeln zu viel Lack genommen worden ist , haben sich einige dieser Glieder mit abgedrückt . Nun ich dir dies gesagt habe , wirst du sie wohl deutlich als die genannten Buchstaben erkennen . « » Allerdings , allerdings , « bestätigte er . » Nun ich es weiß , sehe ich es auch . Der Tuman hängt an einem Kettchen . Er wird also getragen , um immer bei der Hand zu sein . Aber wo ? « » Suche es ! Die Antwort liegt schon bereit . « » An welchem Orte ? « » Dort auf dem Briefe . « » Ich sehe nichts ! « » So will ich es dir sagen , damit du auch das dann siehst . Der Tuman hängt am Ringe einer Geldbörse . Das andere Ende des Kettchens ist an diesen Ring befestigt . Das Goldstück steckt stets in der Börse . Wenn er sie durch das Aufschieben des Ringes öffnet , zieht er dadurch zu gleicher Zeit den Tuman hervor . Er braucht ihn auf diese Weise nicht erst unter den andern Geldstücken hervorzusuchen und kann ihn auch nicht irrtümlicherweise ausgeben oder gar verlieren , falls er nicht etwa die Börse selbst verliert . « » Bist du allwissend , Effendi ? Ich sehe nichts von allem , was du sagst ! « » Man sieht es aber doch sofort ! Wie viel Siegel hat der Brief ? « » Fünf . « » Er wurde von rechts unten nach links oben gesiegelt . Der Lack ist ein sehr guter , weicher . Er wird nicht sofort hart . Das Kettchen ist nicht so lang , wie der Brief breit ist . Als der Absender links oben das letzte Siegel machte , kam infolgedessen die Börse quer auf die drei ersten Siegel zu liegen . Indem er mit den Fingern den Tuman da oben in den Lack drückte , drückte er zu gleicher Zeit , natürlich aber ohne es zu wollen , mit dem Handballen auf die Börse . Die drei Siegel waren noch nicht ganz kalt und hart geworden , und so kam es , daß von den Maschen des Geldbeutels und von dem untern Teile des Ringes Spuren entstanden , die gar nicht schwer zu bemerken sind . Du darfst nur nicht bloß nach den Abdrücken des Tuman sehen , welche tief liegen , sondern auch die hohen , breiten Ränder des Lackes betrachten ; dann wirst du ganz dasselbe bemerken wie ich . « Er sah genauer nach , gab dann den Brief dem Pedehr und sagte : » Schau auch du ihn an ! Würdest du etwas finden , wenn du nicht gehört hättest , was der Effendi sagte ? Und nun sieht man die Maschen ganz deutlich und auch die Stelle , wo der Ring gelegen hat . Und da habe ich geglaubt , sehen zu können ! « » Du konntest auch sehen , aber du dachtest und kombiniertest nicht dabei , « erklärte ich . » Es ist gar nicht so leicht , wie ihr nun vielleicht denken werdet , mit dem körperlichen Auge diese Eindrücke , mit dem geistigen dann aber auch sofort das Kettchen , die Börse und den Ring zu sehen . Nachdem ich vorwärts geschlossen und die Sache gefunden habe , ist es nun für euch nicht schwer , auf diesem meinem Wege rückwärts zu gehen und mir zu bestätigen , daß ich mich nicht geirrt habe . Dein Wunsch , Ustad , ist also erfüllt : Du weißt , wo der Tuman getragen wird . « » Ja , « lächelte er . » Wenn ich einen Menschen sehe , an dessen Geldbeutelringe , wenn er ihn aus der Tasche zieht und öffnet , an einem Sa- und Lam-Kettchen ein persischer Goldtuman hängt , so habe ich den Verfasser dieses Briefes entdeckt ! Mein lieber Effendi , habe doch die Güte , ihn mir so schnell und so sicher zu bringen , wie du uns gelehrt hast , diese Siegel zu verstehen ! Kannst du zaubern ? « » Nein . Es giebt überhaupt keine Zauberei . Aber wer zur rechten Zeit und an der rechten Stelle zuzugreifen versteht , dem wird vieles gelingen , worüber andere sich dann laut verwundern . Der Schreiber dieses Briefes ist ein Perser . Wir sind in Persien . Ist es eine Unmöglichkeit , daß er uns irgendwo und irgendwann begegne ? Aber ihn dann auch wirklich sehen , ihn erkennen und - - dann rasch zugreifen ! Das ist es , was wir dann zu thun hätten ! Würden wir das ? « » Ich hoffe es ! « antwortete der Ustad , indem er den Brief von dem Pedehr zurücknahm . » Aber das Schreiben ist ja noch gar nicht geöffnet ! « » Warum nicht ? « » Weil ich nicht der Adressat bin . Verschlossene Briefe sind mir heilig . « » Was bist du für ein Mann ! War den Schatten vielleicht an dir etwas heilig ? Sogar ermordet solltet ihr von ihnen werden ! Und nun wagst du dich nicht an dieses armselige Papier , obwohl du weißt , daß ein Schatten es beschrieben hat und daß es höchst wahrscheinlich Dinge enthält , welche guten , ehrlichen Menschen Schaden bringen müssen ! Ich werde ihn sofort öffnen ! « Er nahm ihn derart in seine beiden Hände , daß ich sah , er wolle die Siegel erbrechen . » Halt ! « rief ich ihm zu . » Nicht so ! « » Wie denn ? « » Verletze die Siegel nicht ! « » Du meinst , ich solle ihn aufschneiden ? « » Auch nicht ! « » Aber was sonst ? Warum diese Einwände ? « » Weil wir Grund haben , bedachtsam zu sein ! Es ist möglich , daß wir diesen Brief zu unserem Vorteile brauchen können , entweder gegen den Verfasser selbst oder gegen Ghulam , an den er gerichtet ist , vielleicht auch gegen beide . « » Um dies zu wissen , müssen wir ihn eben öffnen und lesen ! « » Aber mit Vorsicht ! Wie nun , wenn wir nach dem Oeffnen guten Grund fänden , die Schatten glauben zu machen , daß er noch unverletzt sei ? « » Maschallah ! Hältst du das für möglich ? « » Gewiß ! Wir haben ihn so zu öffnen , daß wir ihn genau wieder so verschließen können , wie er jetzt verschlossen ist . « » Wer kann das thun ! Ich habe kein Geschick zu solchen Dingen ! « Bei diesen Worten reichte er das Schreiben mir . Nun untersuchte ich es