; um deren Schweigen zu erkaufen , gehörten Summen , die sie nicht aufzubringen imstande seien . Würden sie aber denunziert , so würden sie eingekerkert , gemartert und um alles gebracht werden . Besonders in jetziger Zeit , wo sich Christen still verhalten und suchen müssten , möglichst unbemerkt zu bleiben . » Und halten Sie die ganze Geschichte für wahr ? « fragte ich den Provikar . » O ja , « antwortete er . » Es ist alles daran so echt chinesisch . Nirgends wie in China hat jeder einzelne so viel Feinde , d.h. Leute , die auf ihn drücken , die etwas Schlimmes , das sie über ihn wissen , ausnutzen , um ihn zu schröpfen . Es ist das Land der Denunziationen , der Erpressungen . Ein jeder hat da Angst vor einem Anderen Mächtigeren . Das geht durch alle Schichten . Geheime Gesellschaften , grosse Spionagesysteme ziehen sich wie Netze durch das ganze Land . Jetzt hat eine besondere Agitation gegen Christen begonnen , gegen alle , die mit den Fremden in Zusammenhang stehen . Als Vorspiel vielleicht für grössere Begebenheiten . Mich erinnert es alles sehr an die Zeiten vor den Tientsiner Fremdenmetzeleien im Jahre 1870 . « » Was raten Sie mir aber wegen Ta zu tun ? « » Ich fürchte , Sie müssen sich entschliessen , ihn nach Hause zu schicken . Er wird aus der Angst um seine Mutter nicht mehr herauskommen und sich nicht mehr beruhigen lassen , denn er hat offenbar das Gefühl , dass es seine Pflicht ist , zu ihr zurückzukehren . Wie sehr der Chinese seine Eltern verehrt , brauche ich Ihnen nicht erst zu sagen - das steht sogar in den oberflächlichsten Reisebüchern . Ich habe durch jahrelange Erfahrung freilich meine Zweifel bekommen , ob die Verehrung an sich wirklich eine so sehr grosse ist ; aber jeder Chinese wird den Schein wahren wollen , als sei er ein vortrefflicher Sohn , und wird dafür sogar grosse Opfer bringen . Ta geht offenbar sehr ungern von Ihnen fort , er sagt , wenn er keine Mutter hätte , schnitte er sich den Zopf ab und bliebe immer bei Ihnen , und mehr kann kein Chinese sagen ; aber er ist fest entschlossen , zurückzukehren . Sie hängen nun einmal alle so merkwürdig an gewissen Dingen , die ihnen zum Anstand als notwendig erscheinen . Ich habe chinesische Diener gekannt , die ungerechte , harte Herren durch Blattern- oder Typhuserkrankungen aufs treueste gepflegt haben - nicht etwa Gefühls und Mitleids halber , sondern des äussern Anstandes wegen - sie hätten nicht für treulose Diener gelten wollen . Dies selbe Gefühl zeigt sich uns ja täglich , wenn wir in China Gäste haben ; da wird in unseren Häusern immer alles musterhaft gehen - darauf halten unsere chinesischen Diener um ihrer selbst willen , wo sie in Stellung sind , soll es nach aussen gut aussehen . Tas Wunsch , nach Hause zurückzukehren : ist meiner Ansicht nach viel mehr eine Frage des Scheins als der persönlichen Neigung . Ich wette , dem Gefühl nach bliebe er lieber bei Ihnen - obschon ich es nach dreissigjährigem Aufenthalt in China längst aufgegeben habe , Vermutungen anzustellen über die Gefühle der Chinesen . Sie sind eben die ewig Rätselhaften . « Wir sprachen dann über Tas Rückreise und kamen überein , dass es zu grosse Schwierigkeiten verursachen würde , ihn ganz allein über San Francisco nach Hause reisen zu lassen . Ich fühle mich doch auch verantwortlich für dies gelbe Menschenkind , das ich aus seiner Welt herausgerissen habe . Schliesslich bot uns der Provikar Hofer an , Ta mit sich zu nehmen nach Europa und von da zurück nach China . In wenigen Tagen reist er . Ta selbst ist offenbar traurig darüber , scheint aber andererseits befriedigt , einen hohen geistlichen Herrn zu begleiten , der ihm als Geschäftsreisender der Kirche doch noch viel mehr imponiert , als mein Bruder , der im Dienst einer simplen irdischen Firma steht ! - Aber mir ist seitdem ganz weh ums Herz . 25 New York , März 1900 . Liebster Freund ! Heute ist mir so grau und trübe zu Mute wie draussen der Himmel , an dem immer neue Wolken vorbeijagen hinaus zur See . Ich habe heute Ta zum Dampfer gebracht , auf dem er mit dem Provikar nach Europa abgereist ist . Heute Morgen kam er wie alle Tage , hatte die Sachen meines Bruders gebürstet und gefaltet , die Stiefel blank geputzt - das Methodische , Regelmässige seiner Rasse lag in dieser kleinen Handlung , noch bis zur letzten Minute seine Arbeit zu tun . Sein Gesicht aber war ganz verändert , aufgedunsen vom Weinen , dass die geschlitzten Augen beinah ganz verschwanden . Der Gedanke , ihn gehen zu lassen , kam mir plötzlich ganz unmöglich vor , ich fühlte , wie mir selbst die Tränen in die Augen traten , ich sah ja auch , wie schwer es ihm wurde , und so sagte ich ihm : » Willst du nicht bleiben ? Es ist ja noch Zeit , Ta . « Da verzog sich sein Gesicht zu jenem seltsamen , orientalischen Lachen , das wir Occidentalen nie ganz verstehen , das bei Gelegenheiten erscheint , wo es uns als vollkommen unangebracht , ja verletzend berührt , das in einer gewissen Schüchternheit wurzelt und dem rührenden Zug entspringt : meine Angelegenheiten sind viel zu gering , als dass sie dich stören dürften . So grinste denn der arme Ta , während er dem Weinen nahe war , und auf meine Frage antwortete er , indem er einen Finger auf den Mund legte , den Kopf schüttelte und ganz leise sagte : » Nicht sprechen , Taitai . « Ja , er hatte recht , wozu auch sprechen über das , was nicht zu ändern ist . Tas Abreise gestaltete sich zu einer kleinen Ovation . Die Hausmädchen in den sauberen weissen Mützen umdrängten ihn , mehrere brachten ihm kleine Andenken , und alle riefen ihm nach : » Glückliche Reise , Ta ! Komme wieder , Ta ! Aber bringe keine chinesische Frau mit , Ta ! « Und er grinste über sein armes verweintes Gesicht , wie es nun mal im fernen Osten die gute Erziehung gebietet , wenn man so recht gerührt und traurig ist . Ich fuhr mit Ta zu seinem Schiff , wo ich ihn dem Provikar Hofer übergeben sollte . Vom Central-Park hinunter zum Hafen , durch die vielen verschiedenen Strassen , die immer ärmlicher , hässlicher und holpriger werden . In einer langen Reihe von Stufen irdischen Besitzes geht es von den Fifth-Avenue-Palästen hinunter zu den Tenement-Häusern , zu den Schlupfwinkeln für rätselhafte Existenzen und provisorisch aussehenden kleinen Läden und Kneipen , die man ganz verwundert ist , noch irgendwo in New York zu sehen . Von höchster Höhe bis zu tiefster Tiefe führt der lange Weg , von jenen , die vor der Langeweile von Vergnügen zu Vergnügen flüchten , bis zu denen , die im Kampf gegen Hunger und Kälte von Arbeit zu Arbeit hasten . Auf dem Dampfer herrschte die furchtbare Verwirrung , das Rennen , Hasten , sich Suchen , das aufgeregte Sprechen , das nervöse Lachen , das Händedrücken , das Küssen und Weinen der letzten Stunde vor der Abfahrt . Unendlich viel verschiedene Typen , die die neue Welt auf jedem solchen Dampfer zurück nach Europa schickt ! In die drei grossen Kategorien der Vergnügungs- , Geschäfts- und Gesundheitsreisenden lassen sie sich einteilen . Von einer Menge Freunde werden die meisten Reisenden noch begleitet , so dass ein entsetzliches Gedränge auf dem Deck herrscht . Zwischen all dem stehen die Schiffsoffiziere , ebenso abgestumpft gegen komische wie gegen wehmütige Abschiedsszenen , und erteilen mit lauter Stimme Befehle , korrekt , vorschriftsmässig , echt europäisch . - Nur mit Mühe fand ich in dem Gewühl der Abreisenden und Abschiednehmenden den Provikar . Ich übergab ihm Ta , und er versprach mir nochmals , gut für ihn zu sorgen und ihn sicher bis nach China zu bringen . Dann tönte auch schon die Glocke , dass die Nichtreisenden das Schiff zu verlassen hätten . Ich reichte beiden noch einmal die Hand und sagte zu Ta » Gott behüte dich ! « denn in diesem letzten Augenblick hatte ich das klare Bewusstsein , dass er mit offenen Augen in eine grosse Gefahr ging , weil er es für recht hielt - in seiner Art auch ein Held , trotz Zopf und Schlitzaugen - und ich gab ihm den Wunsch mit auf den Weg , der so viele Helden schon begleitet hat : » Gott behüte dich ! « Dann kam ich in das Gedränge , und zwischen lauter fremden Menschen , die alle auch ihre Sorgen hatten und eilten und hasteten , ward ich vom Schiff auf die Brücke und dann in den grossen dunkeln Schuppen geschoben , an dem der Dampfer noch lag . Ich blieb noch einmal stehen , durch das grosse , offene Tor , das man eben schliessen wollte , sah ich noch einmal das Schiff - es war jetzt los vom Lande , ein Zittern ging durch das Ungeheuer , als ob ein Riese sich seiner Kraft bewusst würde . Ich suchte noch einmal mit den Blicken nach Ta und dem Provikar - da schloss sich das Tor . Vor mir zur Strasse zurück ging eine gebeugte , alte Frau , die bitterlich weinte ; ein kleiner Junge führte sie , und ich hörte ihn tröstend sagen : » Never mind , granny dear , they ' ll come back ! « Aber die alte Frau weinte weiter , sie hatte wohl oft Menschen gehen und nicht wiederkehren sehen und wusste wie ich , dass Menschen vielleicht , Zeiten aber nie wiederkehren . Das Episodenhafte des Lebens lastet heute so besonders schmerzlich auf mir , lieber Freund , das Zerrissene , Heimatlose . Der arme Ta war mir immer noch wie eine Verbindung mit den chinesischen Jahren ; sie waren ja in vielem traurig und enttäuschend , manches haben wir dort erlebt , manches aus der Heimat dort vernommen , was uns in tiefstem Herzen geschmerzt hat - aber ich fühle jetzt doch , dass ich dort angefangen hatte , etwas Wurzel zu schlagen - und dann - man trauert ja auch um die grauen Tage , wenn sie erst vorbei sind , weil sie eben nie wiederkehren können und mit ihnen ein Stück von uns selbst verstorben ist . Seit den Gesprächen mit dem Provikar habe ich die Empfindung , als sei das China , das ich gekannt , auf immer dahin . Bis jetzt dachte ich , ich brauchte nur umzukehren , dann fände ich dort alles wieder , wie ich es verlassen habe - aber dem ist nicht so , man findet nie alles wieder , denn nichts bleibt still stehen , nicht einmal in China . Und nun quält mich die Angst , was werden wird , wenn der Provikar wirklich recht hat mit allem , was er prophezeit . Wenn er doch in Europa durchdringen und es ihm gelingen möchte , noch rechtzeitig zu warnen ! - Und dann sage ich mir wieder , ist es denn je gelungen , Ereignisse abzuwenden , Schicksale zu lenken ? Menschen mühen sich ab , ängstigen und grämen sich , möchten helfen und bessern , und in allem , was sie tun , zum Nutzen oder Schaden anderer , was sie sich einbilden , aus freier Wahl zu tun , was ihnen als Versäumnis oder als Verdienst erscheint - in alledem sind sie vielleicht nur blinde Werkzeuge eines blinden Verhängnisses . - Wer kann es wissen ? Draussen auf dem weiten Ozean zieht das Schiff dahin , das Ta und den Provikar trägt , und zahllose andere Schiffe kreuzen die Meere , alle voller Menschen , die auch zweckerfüllt und verantwortungsbelastet sind . Und vielleicht ist all das umsonst , vielleicht hat doch das Verschen recht , das ich in einer Chronik unter dem Bilde eines alten Segelschiffes fand : » Wirst du einst alt und weise , So weisst du , dass die Reise So zwecklos war wie die Well ' n. « 26 New York , März 1900 . Lieber Freund , es gibt doch komische kleine Züge in den Menschen ! Wie ein Kreuzfahrer ist Hofer aus seiner fernen Diözese ausgezogen . In elendem Boot auf dem grossen Kanal und in knarrendem Karren auf durchlöcherten Wegen ist er zuerst nach Peking gefahren , um vor kommendem Unheil zu warnen ; und als man dort nicht auf ihn hört , zieht er weiter über Amerika nach Europa , um da seine Stimme zu erheben . Selbstsüchtige Zwecke sprechen dabei nicht mit , auch nicht Angst um eigene Sicherheit - er will von vielen Unschuldigen eine grosse Gefahr abwenden , verhindern , dass die Stecklinge westlicher Zivilisation , die so mühsam im fernen Osten gepflanzt wurden , in einer grossen Katastrophe vernichtet werden , er will die » Pekinger Taubblinden « um jeden Preis retten . Aber das Triviale wohnt nahe beim Sublimen , und die Beschäftigung mit der Kirche schärft den Sinn fürs Praktische . Kleine Vorteile soll man auch auf dem Wege zu den höchsten Aufgaben mitnehmen . Während seiner New Yorker Rasttage hat Hofer den ihm gänzlich unbekannten Charles W. O ' Doyle besucht und ihn auf Grund des chinesischen Ursprungs seiner Millionen für die Missionshäuser angebettelt . O ' Doyle hat ihm eine bedeutende Summe gegeben , denn diesem grossen Mann ist sein Katholizismus ein Luxusgegenstand , den er sich etwas kosten lässt . Er und mehr noch die Prinzess von Armenfelde schmücken sich mit dieser Religion , die ihnen wie ein Symbol der Vornehmheit erscheint , und der sie unter ihren Landsleuten viel Bekanntschaften in höheren sozialen Kreisen verdanken , die sie ohnedem schwerlich je gemacht hätten . In den Vereinigten Staaten ist der Katholizismus trés-bien porté , wie Madame Baltykoff neulich sagt . Das Komischste aber ist , dass Hofers Appell an O ' Doyles Wohltätigkeit und dessen Spürsinn für das Sensationelle in Geschäften mir eine grosse Bilderbestellung eingetragen haben ! O ' Doyle und seine Tochter waren eben bei mir . Er teilte mir gleich Hofers Besuch mit und liess durchblicken , dass die Summe , die er ihm für die Mission angewiesen habe , allein schon die Reise wert sei . Dann sagte er , er glaube , Hofer habe recht mit seinen schlimmen Prophezeiungen ; sie stimmten überein mit den Voraussagungen seiner Hongkonger Geschäftsfreunde . » Um China wird sich in diesem Sommer alles drehen , « sagte O ' Doyle . » Ich täusche mich selten , wenn ich mal solche Behauptungen aufstelle . Sollten Sie Geld in China haben , rat ich jetzt zu verkaufen , können später billig wieder kaufen - ganzes Geschäftsgeheimnis in den paar Worten : billig kaufen , hoch verkaufen . Zu merkwürdig , dass immer noch Menschen durchaus umgekehrt operieren wollen . « Nachdem ich ihm versichert , dass ich weder in China noch anderswo Geld habe , fuhr er fort : » Gehen diesen Sommer in unser Cottage nach Newport . Baue dort kleinen Pavillon für Nachmittagstee . Habe chinesischen Pagodenstil gewählt , ausgeschweifte Dächer , bunte Kacheln , viele Drachen , kleine Glöckchen ; habe mich dazu entschlossen , weil dies Jahr , wie gesagt , nur von China gesprochen werden wird . Teepagode wird a great success sein ! Brauche zur inneren Dekoration chinesische Ansichten ; wollen Sie sie malen ? « Ich ging auf diesen Vorschlag gern ein und musste meine Mappen chinesischer Skizzen bringen , von denen ich so manche gemalt habe , während Sie zuschauten . Vater und Tochter suchten gleich aus . Die Prinzess war für das Malerische : ein Sonnenuntergang auf dem Yangtse , verwitterte alte Mauern in Hangtschau , ein Gewühl von Booten bei Kanton gefielen ihr , aber der alte O ' Doyle verwarf das alles . » Ich will lauter Pekinger Bilder haben , « sagte er , » dort liegt die Hauptgefahr , hat Hofer gesagt , davon wird gesprochen werden . « Es sind wohl noch nie Bilder nach merkwürdigerem Grundsatz bestellt worden ! Schliesslich entschied er sich für einen Eckturm der Pekinger Stadtmauer , für eine Ansicht der Kaiserstadt mit den goldgelben Dächern der Paläste und für ein Stadttor , durch das eine Truppe chinesischer Soldaten zieht - das behagte ihm besonders , denn er meinte , sie sähen alle wie Räuber , Aufrührer und Mörder aus und würden daher sehr typisch sein , wenn es im Sommer wirklich zu Unruhen käme . Er stellte mir in Aussicht , noch mehr zu bestellen - vielleicht will er abwarten , ob die weiteren Nachrichten aus China so lauten , dass die Bilder wirklich ein aktuelles Interesse gewinnen . Es war komisch , O ' Doyles Geschäftsspürsinn auf Bildersujets angewandt zu sehen , aber es beängstigte mich doch sehr , von Revolten und Fremdenverfolgungen so ruhig reden zu hören , als von Umständen , die man im voraus eskomptiert , durch die Aktien steigen oder sinken . Aber die Erinnerung an den Winter 98 hat mich beruhigt . Da sprach man ja auch von den stets näher rückenden Kangsu-Truppen , die ihren rückständigen Sold in Peking bei den Fremden erplündern wollten , und es kam auch wirklich zu vereinzelten Angriffen , als aber nach wenigen Tagen die Gesandtschaftswachen einmarschierten , erscholl nicht mal ein Ruf gegen das Häuflein bewaffneter Fremdlinge , und ihre blosse Gegenwart genügte , um in der wogenden See gelber Menschenmassen um uns herum Ruhe zu halten . Es wird wohl diesmal wieder so werden ! 27 Berlin , Mai 1900 . Mehr als ein Monat ist verstrichen , ohne dass ich Ihnen geschrieben habe . Ich bin während dem über den Atlantischen Ozean gefahren , stehe auf demselben Festland wie Sie - aber doch welch unabsehbare Ferne zwischen uns - und Sie wissen noch nichts von dem , was sich in dieser Zeit ereignet hat . Warum habe ich Ihnen so lange nicht geschrieben ? Ich könnte sagen , dass es mir an Zeit gefehlt . Das wäre aber nicht wahr . Ein dunkles Gefühl hat mich davon zurückgehalten , das ich mir selbst kaum zu erklären vermag . Eine Scheu . Eine letzte Loyalität , die Schweigen heisst . Ihnen konnte ich auch keine banalen Phrasen schreiben , wie ich deren so viele in diesen letzten Wochen gehört und selbst gebraucht . Denn es gibt Anlässe , wo man sich unwillkürlich ins Banale rettet , weil es eine Hülle ist , eine breite wohl ausgetretene Strasse , an deren Richtigkeit von andern nie gezweifelt wird . Man bleibt damit dicht an der gehärteten Oberfläche des eigenen Wesens , enthüllt nichts , was zum innern Ich gehört . Um aber zu den eigentlichen wahren Empfindungen zu gelangen , muss man in die Tiefen des Herzens greifen , und davor graut uns , wissen wir doch nie , was wir in ihnen finden werden . Es ist alles so plötzlich gekommen . Das Ende scheint uns ja immer plötzlich . Ich musste mich erst selbst zurechtfinden , ehe ich Ihnen schreiben konnte . Er , von dem wir nie gesprochen , ist gestorben . - Wir erhielten in New York ein Telegramm , dass er , dessen Namen ich trage , schwer erkrankt sei . In der Anstalt , in der er sich seit Jahren befand , war eine Feuersbrunst ausgebrochen . Er war zwar gerettet worden , aber infolge der nervösen Erschütterung trat eine schwere akute Gehirnerkrankung ein . Mein Bruder erbat sich telegraphisch Urlaub von seinem Geschäftshause , und wir reisten mit dem nächsten Schiff von New York ab . Als wir eintrafen war alles vorüber . Wir fanden nur ein frisches Grab . Ich ängstigte mich so sehr vor diesem Augenblick , wusste nicht , was er mir innerlich an Unerwartetem bringen würde , denn für das alltägliche Leben und seine kleinen Vorkommnisse glauben wir uns zu kennen , aber bei plötzlichen Gelegenheiten sind wir uns selbst immer wieder Überraschungen . - Als wir zum Grabe gingen , hielt ich mich zuerst fest am Arm meines Bruders , wie um Schutz zu suchen vor Unbekanntem , und dann allmählich liess die Spannung der Nerven nachnichts Unbekanntes , nichts Neues erschien - nichts war verändert . Ich ward mir plötzlich bewusst , dass ich ganz ruhig war . Was habe ich eigentlich empfunden ? Sein Leben war seit Jahren so entsetzlich , dass sein Tod niemandem so erscheinen konnte . Ist doch vielleicht auch bei anderen Wesen , die nicht wie er die Grenze überschritten haben , die wir Vernunft nennen , das Leben der Jammer , nicht der Tod . Wir schätzen es nur so falsch weil wir durch Generationen hindurch dazu erzogen sind . Wie sollten auch Leute regiert , wie sollten Leute zu Gott geführt werden , qui feraient franchement fi de la vie ? Gott ? Auch dieses eine spezielle Leben soll er gegeben haben , und es war ihm vermutlich doch auch so viel wert wie die Spatzen , die er nicht vom Dache fallen lässt . Und doch ist dies Leben verkommen , der Geist hat sich hoffnungslos umnachtet . Einer Kette mit bleierner Kugel gleich , hat sich die eine Existenz hemmend und lähmend an eine andere gehängt . Diesem anderen Wesen war die Fähigkeit verliehen , den vollen Schmerz , die ganze Entwürdigung dieser Last bis in seine innersten Fasern zu fühlen ; Hoffen , Streben , Sehnen waren ihm gegeben , und nichts hat sich erfüllt von all den Möglichkeiten , die ihm vorschwebten . Nachdem dann das eine Leben wie eine stumpfe , träge Masse jahrelang hingebrütet und das andere sich mit dem entsetzlichen Bewusstsein eigener Vergeudetheit und Zwecklosigkeit Jahre um Jahre müde hingeschleppt hatte , da hat eine rohe Katastrophe das plumpe Ende gebracht . Nichts ist aufgeklärt , nichts versöhnt . Man steht vor den unvernünftigen Tatsachen . Wozu das Ganze ? Vorsehung ? Nein , der Begriff erklärt mir nichts . In der Vorstellung einer weltenschaffenden , weltenlenkenden Gewalt , die trotz ihrer Allmacht aus ein paar einfachen Menschengeschicken ein so hoffnungsloses Wirrsal werden lässt , in der Vorstellung liegt eine solche Grausamkeit und Willkür , dass man sie immer anrufen möchte : » So verantworte dich doch , verantworte dich ! « - Während all der letzten Jahre habe ich immer gesucht , diese Gedanken niederzuhalten , habe gekämpft , die Bitterkeit zu überwinden - und wie schwer war es doch oft ! Besonders wenn es Frühling wurde , Frühling für andere und sie es so selbstverständlich fanden , glücklich zu sein - und man selbst war so allein , wie eine Art Zufallserscheinung , für die sich kein Platz findet im weiten Weltenplane . Wir finden uns ja leicht ab mit der grossen Verschwendung , die in jeder Sekunde die Natur mit Millionen treibt , die alle des Daseins Möglichkeiten in sich trugen und doch ungelebt zurückschwinden müssen in das Unbekannte , aus dem sie hoffend aufgestiegen . Denn nichts lernt unsere Weisheit leichter einsehen , als die Unabänderlichkeit der Leiden anderer . - Aber , wenn es uns selbst trifft , wenn die Unabänderlichkeit gerade uns fasst , alles das in uns knickt , was werden möchte , wenn jeder Tag mit neuem Hoffen und Warten beginnt und doch nie anderes bringt , als dieselbe Enttäuschung , denselben müden Abend - dann erst erkennen wir die Ungeheuerlichkeit des Weltenleids , weil es unser Leid ist . Ach , das gläubige Hoffen junger Jahre , das allmählich zu zweifelndem Warten wird ! Wenn uns zuerst im Leben Unglück und Unrecht betreffen , denken wir , dass sie nur ein vorübergehender Irrtum sind - etwas wie ein Rechenfehler - der gleich korrigiert und richtig gestellt werden wird . Alles in uns selbst erscheint uns so wichtig , so sehr der Entfaltung wert , dass wir den Gedanken unerträglich finden , irgend etwas unserer kostbaren Gaben könne unentwickelt , ungenutzt verkümmern und zugrunde gehen . - Samenstäubchen ? - ja , für die ist es unabänderliches Weltengesetz . Aber wir ? Doch es mehren sich täglich die Erfahrungen , sie wachsen zu langer Kette , und blicken wir zurück , so sehen wir , wie Vieles schon in uns gestorben , noch ehe es leben durfte , verkümmerte Talente , schaffensfreudiges Wollen , Sehnsucht zu lieben , Anlagen und Interessen - alles umsonst in uns gelegt , es sollte sich ja nie entfalten dürfen - war schon im voraus verdammt . Denn viele sind berufen , aber Wenige sind auserwählt . Mählich wächst dann die Erkenntnis , gegen die wir uns zuerst noch sträubten , von der wir im Innersten längst wissen , dass sie recht hat - auch wir gehören zu den Verschwendeten , zu den Millionen , deren Erscheinen ganz zwecklos war . Überproduktion . Schaum , der über den Rand des Bechers fliesst . Wer das vom eigenen Leben erkannt hat , den fröstelt es in Mark und Blut . Wozu überhaupt noch weiter ? An Stelle all des Gewollten tritt ein einzig grosses Sehnen , wie die welken Blätter müde niederzusinken und unter weissschimmernder Winterdecke aufzugehen im feuchtbraunen Boden , Nahrung werden für die ewig verschwendende Erde - dazu vielleicht taugen auch wir . Wie oft habe ich all das während der letzten Jahre gedacht und darum gekämpft , ruhig und still zu werden . Denn Bitterkeit und Empörung zu Wehmut und Mitleid wandeln - das ist des Lebens Aufgabe , die wir lösen müssen , wollen wir nicht in Verzweiflung enden . Nun stand ich an einem Grab . Auch ein armer , verschwendeter Mensch , der da unten ruht . Hat mir nichts Übles gewollt - liebte mich sogar einstmals auf seine Art - es kursiert ja so viel Verschiedenes unter diesem Namen . Hat mir nichts Übles gewollt - hat nur mein ganzes Leben vernichtet - hat dazu gerade lange genug leben müssen - in allem anderen auch nur ein armes , zweckloses Dasein . Niemand kann darauf Antwort geben : warum musste er sein und selbst so viel leiden und so viel Leiden verursachen ? Sicher hat auch er einst die grosse Empörung und Bitterkeit ; empfunden , als er zuerst des Unheils Nahen fühlte , nicht mehr denken konnte wie er wollte , seltsame Handlungen beging , deren Motive ihm nachher verschwunden waren . Sicherlich hat auch er sich aufgelehnt und gekämpft gegen das Unverständliche , Stärkere ; hat sich doch schliesslich auch in sein Schicksal fügen müssen , denn das Schicksal ist immer stärker als unser kleiner Verstand und Wille - auch wenn Schicksal Wahnsinn heisst . » Die entsetzlichen Tobsuchtanfälle , « erzählte uns sein Wärter , » hatten vor der Feuersbrunst , während seiner letzten Lebenszeiten , mehr und mehr abgenommen ; es war , als sinke er allmählich in völlige Stumpfheit ; wir erleben das an vielen Kranken ; es ist dann schliesslich ganz leicht , mit ihnen fertig zu werden . « Und ich dachte , ja , zuerst Auflehnung , dann stumpf und mürbe werden , das ist so Menschenlos . Der eine findet es hier in einer engen Irrenzelle , der andere draussen in der weiten Narrenwelt . » Gottlob , nun hat er ausgelitten , nun ruht der arme Herr , « sagte der Wärter . Ich schaute ihn erstaunt an . Der Mann sieht Jahr aus Jahr ein solche Schicksale vor sich und kann noch Gott loben ! Vielleicht aber hatte er recht . Leiden ist das Übel , Tod nur Ende und Erlösung . Immer stiller ward es in mir . Ich war so völlig ruhig , dass es mich selbst erstaunte . Und konnte doch eigentlich nicht anders sein . Die Verzweiflung meines Lebens , die Anklagen gegen das Schicksal liegen weit zurück in vergangenen Jahren . Als es niemand noch wusste , als ich für eine glückliche Frau galt - das war meine härteste Zeit . Damals lehnte ich mich innerlich auf . Unerträglich war das Gefühl eigener Zwecklosigkeit , unerträglich der Jammer um mein junges Leben , das mir noch so unabsehbar lang vorkam . Jetzt scheint mir das alles überwunden . In mir ist schon lange eine grosse Stille - ich gleiche einem jener ausgestorbenen Häuser , wie die Resignation sie gern bewohnt . Dies Grab ändert nichts mehr . Ohne neue Trauer stand ich daran . Dem Schicksal sei ' s gedankt , dass von dem Grab keine Anklage sich gegen mich erheben kann , dem Schicksal sei es auch gedankt , dass in mir selbst die Bitterkeit längst schweigt . Wehmut und Mitleid allein sind geblieben . 28 Berlin . Mai 1900 . Die Zeit meines Bruders ist kurz bemessen . In einer Woche muss er nach New York zurück . Jetzt ist er auf ein paar Tage zu seinem Chef gereist . Ich warte hier in Berlin auf ihn , und dann werden wir uns zusammen einschiffen denn natürlich gehe ich wieder mit ihm - wir gehören ja seit soviel Jahren nun schon zusammen und sind uns gegenseitig ein Stück Heimat . Sie , lieber Freund , werden das gewiss verstehen . Hier sagen mir freilich viele Bekannte , ich solle doch nun in Berlin bleiben und mir ein Heim gründen - als ob dazu nur gehörte , eine Wohnung zu mieten und Dienstboten zu engagieren . Manch einer näselt dann auch wohl : » Wäre gerade , was in Berlin fehlt , Haus einer unabhängigen Frau , geistiges Milieu , neutraler Grund , könnte politisch von Bedeutung werden . « Welch einsames , kleines Heim würde das sein , und wie gleichgültig lässt mich das » geistige Milieu « ! Für wen ? Für wen ? - Mir ist es