. Sie fühlte das Blut in ihren Schläfen sausen . Sie dachte an die Bemerkung über das » Proletarierfett im Präpariersaal . Sie dachte : Es ist wieder ein Deutscher ! Sie nennen das schneidig ! « Und sie sagte ein Wort . Der sicherheitstrunkene deutsche Professor sah sie an . Er sah das Wort auf Josefines Lippen . Er sah in vielen Gesichtern Mißbilligung , besonders in denen der weiblichen Studierenden . Er haßte diese weiblichen Studierenden . Ihre Mißbilligung war eine Kritik seiner Sicherheitstrunkenheit , darum waren sie ihm zuwider . Und er blinzelte tückisch gegen Josefine hin : warte nur . Ein kranker Mann lag vor dem Auditorium . Der Sicherheitstrunkene hieß den Wärter den Kranken entblößen . Noch weiter ! noch mehr ! ganz ! Er hieß den entblößten Kranken auf einen Stuhl stellen , überall frei sichtbar . Und dann blickte er sich suchend um und rief Josefine zur peinlichsten , verletzenden Untersuchung . Peinlich und verletzend war die Untersuchung für den Kranken . Peinlich und verletzend war die Untersuchung für die Untersuchende . Peinlich und verletzend war die Untersuchung für die diensttuende Schwester . Peinlich und verletzend war der ganze Auftritt für die Studierenden . Und diese peinlichste , verletzendste Untersuchung war völlig nutzlos , war nur eine Strafe , war nur eine Rache , war nur eine Roheit des frauenfeindlichen deutschen Professors . Hier wird das Herz zerfleischt ! Mit brennenden Wangen und brennenden Augen kam Josefine nach Hause . Sie war den Weg gelaufen , als sei jener sicherheitstrunkene Mann mit dem rohen , kalten Gesicht hinter ihr . Planlos lief sie jetzt durch die Zimmer , die Hände ineinandergepreßt , die Lippen zusammengebissen . Ach , so ohnmächtig sein ! so ohnmächtig ! Sie betrachtete ihre Hände , schauderte und fühlte irgend eine geheime Schuld . Sie stand auf dem Balkon , in den sachte die Schneeflocken hereintrieben . Sie stand im Schnee und sah auf die im Schnee schlummernden Wiesen , auf den im Nebel schlummernden See . Sie stand und sah und sah doch nichts . Ich kann das nicht ertragen . Ich kann nicht . Hier wird das Herz zerfleischt ! Rösli kam gelaufen , breitete die Arme aus und drängte sich an Josefine . » Einmal hab ich dich , Mama ! « Josefine schrak vor dem Kinde zurück . Sie versteckte ihre Hände . » Nein , nein , nicht jetzt ! Geh , Rösli , spiele - ich habe keine Zeit . « Mit gesenkten Locken schlich die Kleine weg . Josefine betrachtete immer ihre Hände , schüttelte sie in unerträglichen Schmerzen ; dann nahm sie den weißen , flockigen Schnee vom Balkongitter und begann damit ihre Finger zu reiben . Sie bebte in Todesangst , ihre Knie knickten ein , sie sann und sann . So zwecklos alles ! So grausam alles ! So hoffnungslos alles ! Sie sah über den Schnee hinunter . Sie hielt sich am Gitter fest . Dort - das Spital - die Kliniken , ein gelber , langgestreckter Bau in Gärten . Das Dach beschneit , die Bäume der Gärten schwarz gegen den nebelgrauen Himmel . Daneben das Frauenspital , das Absonderungshaus , die Anatomie . Weiter daneben der kahle Kirchhof mit den wenigen hängenden Weiden , alles eine weißliche Fläche mit eingesunkenen Steinen und schwarzen Kreuzchen . Aus den kahlen Bäumen erhob sich krächzend eine Krähenschar ; aus den hohen Fenstern gellten die zerreißenden Schreie der Gebärenden . Tolle Posse ! Tolle Posse des Lebens ! Überall Leiden ! Überall Kranke ! Es schwillt wie von Leichen . Sie kommen wie eine Flut herauf gegen den Balkon . Nein , nein , nicht Leichen ! Leichen sind gut , Leichen sind still , Kranke sind es . Von Kranken schwillt es , von entsetzlichen Kranken ! Sie blickte weiter hinaus , über die Stadt . Sie begriff nichts mehr . Häuser bauen sie ? Gärten , Brücken , wozu ? Wozu das alles ? Es ist lächerlich . Fabriken , Museen , Bilder , Statuen - lächerlich ! lächerlich ! Es ist nicht wert , den kleinen Finger zu rühren . Hier wird das Herz zerfleischt . Es gibt nur Kranke . Wir sind alle vermodert . Wozu das alles ! Wahnwitz ! Wahnwitz ! Wieder ertönte das wilde Schreien , die Luft trug weit heute . Josefine sah sich da drinnen , unter den übrigen Studierenden . Und so hämische Gesichter bei diesen Männern ! Sie sind hämisch , weil der Professor roh ist ! Roh und hämisch im Angesicht des Todes . Er lehrt sie roh und hämisch sein . Man erkennt ihre Gesichter nicht wieder , wenn er da ist . Einer entstellt Hunderte . Das ist auch Schule ! O , wie ich ihn hasse ! Ich gewöhne mich nie . Roh und hämisch ist nur dieser eine , die anderen sind nicht roh und nicht hämisch . Aber wir alle sind wie die Götter in den Wolken , und drunten ist der schwärenbedeckte Lazarus . Wir haben für ihn im besten Fall ein freundliches , überlegenes Wort , wir haben oft ein kleines Lachen , einen kleinen Witz . Ein Mensch ist kein Mensch für uns , ein Mensch ist Material . Ein Mensch ist eine Spitalnummer und » ein Fall « . Er windet sich vor uns in Schmerzenskrämpfen , und wir beobachten nicht ihn , nur den Fall . Wir interessieren uns wissenschaftlich für den » Fall « . O , wie ich uns alle hasse ! In den Kliniken ging es so her . Die Studierenden versammelten sich in einem Hörsaal des Krankenhauses ; das medizinische , das chirurgische , das Kinderspital , das Frauenspital , das Irrenhaus - jedes hatte einen besonderen Hörsaal . Der Professor betrat das Katheder , gab eine kurze Einleitung , und sodann wurden zwei oder drei Fälle , das heißt Kranke , herbeigeholt und dem Auditorium vorgestellt . Einer der Studierenden , ein Praktikant , trat zu dem Kranken , der zuweilen noch gehen konnte , gewöhnlich aber in einer eisernen Bettstelle lag , in die er im Krankensaal gelegt worden , indem man ihn aus seinem eigenen Bette für die Dauer der Untersuchung heraushob . Diese Umbettung war dem Kranken immer eine Belästigung und verursachte ihm häufig große Schmerzen , aber schlimmer noch war die Angst , vor dem ganzen Auditorium mit seinen Schmerzen , seinen Wunden , seiner hilflosen Blöße ausgestellt zu werden . Diese im Hörsaal und im Operationssaal den Studierenden preisgegebenen Kranken waren stets Kranke der dritten Klasse , das heißt solche , die wenig bezahlten , weil sie arm waren , und solche , die so arm waren , daß sie nichts zahlen konnten , sondern daß die Stadt- oder Dorfgemeinde , der sie angehörten , für sie zahlen mußte . Die ausgezeichneten Spitäler mit den vervollkommneten Einrichtungen waren nämlich , genau betrachtet , weniger Wohlfahrtseinrichtungen , als die sie im allgemeinen hingestellt werden , denn Schulen zum Unterricht der Studierenden , in denen man übte , wie andere , zahlungsfähige Kranke zu behandeln und zu kurieren seien . Die Entblößung des mittellosen Kranken vor einer großen Schar Studierender , die Vernichtung seines Schamgefühls , wurde hier als keine Vernichtung oder kein Eingriff in die Menschenwürde angesehen , da man bei der dritten Klasse Schamgefühl überhaupt nicht voraussetzte . Diese Annahme einer durchgehenden Verschiedenheit der Empfindung von Besitzlosen und Besitzenden war ein in jeder Beziehung unschätzbares Hilfsmittel für die Professoren wie für die Studierenden . War es ihnen gelungen , durch fortgesetzte Verletzung des Schamgefühls bei einem Menschen dasselbe zu vernichten und ihn wirklich schamlos zu machen , dann exemplifizierten sie sofort mit Genugtuung an diesem » Fall « und wiesen nach , daß der Besitzlose überhaupt kein Schamgefühl habe . Gewissenhafte gingen bei diesen Behauptungen gern zurück auf die sozialen Schäden , vor allem auf die Wohnungsnot , die viele Personen verschiedenen Geschlechts in einen Raum oft zusammenpferche und keine Entwicklung des Schamgefühls aufkommen lasse . Aber auch diese Gewissenhaften verschmähten es nicht , aus den traurigen Tatsachen die äußersten , für sie bequmen und beruhigenden Schlußfolgerungen zu ziehen . Der Praktikant , das heißt jener der Studierenden , an den gerade die Reihe war , das bisher theoretisch erworbene Wissen jetzt vor dem wirklichen » Fall « , das heißt dem Kranken , zu erproben , zu betätigen , zu vervollkommnen , begann darauf dem vor ihm ausgestreckten Leidenden eine Reihe auswendig gelernter Fragen zu stellen , die der Kranke schon sehr oft gehört und beantwortet hatte , die ihn daher langweilten , quälten und erbitterten , und von denen er wußte oder doch ahnte , daß sie weder aus Teilnahme noch aus Hilfsbereitschaft für seine Person gestellt wurden , sondern einfach darum , weil der medizinische Kurs in dem und dem Semester dem Studierenden diese Frageübungen vorschrieb . Der Praktikant zeigte dabei meistens jene komische Wichtigkeit , mit der beim » Schulespielen « der Kinder die Rolle des Lehrers dargestellt wird , von einem anmaßenden Knirps in kurzen Höschen , der seine Kleinkinderstimme zu kreischenden Kommandos erhebt . Die schielende Furcht des Praktikanten vor dem Professor , der jedes seiner Worte kritisch verfolgte , die Angst , sich vor den spottsüchtigen Kommilitonen zu blamieren , erhöhte noch den Eindruck des Kindlich-Komischen . Komisch war ferner die unverhüllte Mühe des Praktikanten , genau den Professor zu kopieren , in dessen Kolleg er sich gerade befand . Derselbe Student war nacheinander : kurz angebunden , mildtröstend , cynisch , rücksichtsvoll , Gott aus den Wolken , brutal , humoristisch - ganz wie der jedesmalige Professor . Bei den weiblichen Studierenden bemerkte Josefine von dieser geschmeidigen Anpassungsfähigkeit nichts ; sie schienen ihr alle bestimmteren Charakters als die männlichen ; dem brutalen Cynismus waren die Studentinnen sämtlich abgeneigt , doch zeigten auch sie schon viel Anlage , den Gott aus den Wolken zu spielen , wenngleich die milde Rücksichtnahme bei weitem überwog . Josefine sah unter den Studentinnen ausgezeichnete Kräfte , eine Vereinigung von Intelligenz , Güte und Leistungsfähigkeit , die sie mit Bewunderung , mit Genugtuung erfüllte . Josefine stand freundlich zu ihnen allen , aber an einem Punkt schieden sich stets ihre Wege : diese Medizinerinnen konnten oder wollten nie über ihren Beruf hinaussehen , sie schoben alles Grübeln als unfruchtbar weit von sich und suchten ihr Ziel auf möglichst schnellem Wege zu erreichen . Dann wollten sie ihren leidenden Geschlechtsgenossinnen nach Kräften in allen Leibesnöten beistehen und sich selbst eine geachtete Stellung in der Gesellschaft erwerben . Eine gute Praxis , eine womöglich leitende Stelle an einem öffentlichen Spital war ihr angenehmster Traum . Josefine aber grübelte und litt . Auch sie war zu diesem Studium gekommen , um eine geachtete Stellung in der Gesellschaft , dazu Brot für ihre Kinder und ihren unglücklichen Mann zu erwerben . Immer hatte sie gemeint , daß die Tätigkeit des Arztes die edelste , idealste sei , und mit Freuden hatte sie ihr zu dienen gehofft . Die ersten Jahre ihres Studiums waren in glücklicher Täuschung verflossen , ihre heiße Arbeit schien so planvoll , so unbestechlich , so ehrlich und erfolgverheißend . Und nun , in den Kliniken , brachte ihr jeder Tag eine neue , furchtbare Erleuchtung . Um Gottes willen , was tun wir ? Wo ist unsere Hilfe ? Wo ist unsere Überlegung ? Wo ist unsere Vernunft ? Josefine fragte , und die Antwort hieß : Frevel ! Jammer ! Unsinn ! Keine Hilfe sah sie . Keine Überlegung herrschte . Dumpf und vernunftlos , in unentwirrbaren Knäueln , wand sich vor ihr das blutende Leben . Frevel ! Jammer ! Unsinn ! Die Gespenster umtanzten sie den ganzen Tag , die ganze Nacht . Sie hielten sich bei den Schattenhänden , sie konnten sich in eine Gestalt verschmelzen , die eine konnte sich in die andere verwandeln , der Frevel ward zum Unsinn , der Unsinn zum Frevel . Die organisierte Gewalt der Brutalen , Übersatten , der organisierte Besitz der Besitzenden hatten über die Besitzlosen , Hungernden , Nachgiebigen eine Sklaverei verhängt , der sie sich nicht entziehen konnten . Die Sklaverei der schwachen , zur Überanstrengung gezwungenen Leiber der Schlechtgenährten , der Angesteckten , der Krankgeborenen , der Widerstandsunfähigen , der jungen Kinder erzeugte jene Summe des Jammers , von dem die Welt widerhallte , und nun kam im ärztlichen Gewande der Unsinn geschritten und wollte mit Messer und Gift heilen , was durch Hunger und Überbürdung , durch Auspressung des Blutes und des Schweißes so krank geworden , daß es nicht mehr um Heilung , sondern um den Tod flehte . » Die Erhaltung des Lebens ist unser erstes Gebot , « sprach der Arzt , und es klang so menschenfreundlich , so tröstlich , so hoffnungsvoll . Aber der Kranke bat : » Lassen Sie mich sterben ! Wär ich nur schon vorher gestorben ! Sie wissen nicht , was mein Leben ist ! « Nein , er wußte es nicht , und er wollte es auch nicht wissen , der grundgelehrte , ausgezeichnete , geistreiche Arzt , die Leuchte der Wissenschaft . Er hatte ja die Wissenschaft zu pflegen , ihr heiliges Feuer zu unterhalten , er fühlte sich als Diener und Beherrscher der Göttin Wissenschaft . Mit dem Leben hatte er nichts zu tun . Um das Leben konnte er sich nicht bekümmern , dazu ließ ihm sein Beruf nicht Zeit . Oh , wie er ihn liebte , seinen Beruf . Er hatte eine wundervolle , eine epochemachende Erfindung gemacht in seiner Spezialität . Nur in den speziellsten Grenzen der Spezialität durfte man hoffen , etwas zu leisten . Er hielt sie noch geheim , seine Erfindung , denn bis jetzt waren die Versuchsobjekte leider fast unmittelbar nach der Operation gestorben . Aber er würde so lange versuchen , bis es ihm glückte , einmal einen einige Wochen am Leben zu erhalten , und dann würde er hervortreten . Das Material wuchs ja immer nach . Ihm winkte Berühmtheit . Ein Weltruf . - - Josefine beobachtete , grübelte und litt . Sah dies denn niemand als sie ? Fühlte denn niemand den Frevel , den Jammer , den Unsinn als sie allein ? Sie sahen alle so zufrieden aus , diese Professoren , diese Operateure , diese Assistenzärzte , diese Schwestern , diese Wärter und Wärterinnen . Sie wandelten einher mit Wichtigkeit und Würde . » Der neue Operationssaal - ist er nicht wundervoll ? Nichts als Glas und Eisen ! Diese Instrumentenschränke , diese prachtvollen vernickelten Löffelserien , um aus tiefliegenden Abscessen die Materie herauszulöffeln , diese spiegelblanken Knochensägen , diese Häkchen und Haken , die Zängelchen und Zangen , diese interessanten krummen Nadeln zum Vernähen der Wunden , diese Hunderte und Hunderte von Messerchen , Lanzetten , Messern ! Diese sinnreichen und hübschen Apparate zum Auskochen der Instrumente , zum Auskochen der Tücher , diese Reihen von Chloroformmasken , von Gummischürzen für die Ärzte , von Waschvorrichtungen für die blutbespritzten Hände , von in jeder Richtung beweglichen und zusammenklappbaren Operationstischen ! « Mithausfraulichem Stolz zeigten die Schwestern diese Schätze , zeigten sie in ihrer zierlichen Anordnung , ihrer Nützlichkeit , Unentbehrlichkeit , in ihrem Silberglanz , in ihrer gefälligen , das Auge erfreuenden Form . Welche eine Summe von menschlicher Tätigkeit steckte in diesen Instrumentensammlungen ! Welch eine Summe menschlicher Intelligenz und Energie war auf die Erfindung und Herstellung dieses ganzen ungeheuren Spitalapparats verwendet worden ! Und wofür das alles ? Wozu ? Wer so fragte , erhielt prompte Antwort ! Man führte ihn vor die scheußlichen Wunden der Arbeit , zeigte ihm die Phosphornekrose der Phosphorarbeiter , die an der langsamen Fäulnis der Kieferknochen durch das Gift zugrunde gehen . Man zeigte ihm die quecksilbervergifteten Spiegelarbeiter , die bleivergifteten , in unheilbaren Blödsinn verfallenen Maler , die rhachitischen Kinder , die in feuchten Kellern feinste Gewebe und Spitzen weben mußten , damit der feine Faden nicht bräche , die aus Mangel und schlechter Ernährung der Tuberkulose Verfallenen , mit verzehrten Lungen oder mit abgesägten Gliedern . Man führte die Fragenden zu den Opfern der Maschinen , zu den von den Zahnrädern Gepackten , von den Transmissionen Umhergeschleuderten , von den Dampfhämmern Zerschlagenen , von den giftigen Gasen Erstickten , von den elektrischen Strömen Verbrannten , von feuerflüssigem Metall Verbrühten . » Für diese ! Für diese ! « - Kann das möglich sein ? dachte Josefine schaudernd . Kann es sein , daß dies die Ordnung ist ? daß dies unabänderlich ist ? Dieser Frevel , dieser Jammer , dieser Unsinn - ist er unabänderlich ? Und ihr durch eigenes Leben fein gewordenes Ohr vernahm den nie verstummenden Hilfeschrei aus der Tiefe : » Ihr da oben , die ihr die Luft und die Sonne zumesset und verteilt , die ihr das Brot , das uns ernährt , zumesset und verteilt , die ihr die Kleider , die unsere Blöße decken , zumesset und verteilt : Hilfe ! Hilfe ! Hilfe ! Laßt uns atmen ! Laßt uns essen ! Laßt uns nicht erfrieren ! Die Arbeit , die ihr uns aufgeladen , und deren Früchte ihr uns aus den Händen nehmt , die Arbeit geht über unsere Kräfte ! Sie zerquetscht uns ! Sie vergiftet uns ! Sie zerreißt uns ! Wir sind erschöpft . Wir erkranken leicht . Wir leben nur halb so lang wie ihr . Unsere Kleinen schon verkümmern im eintönigen Erwerb um den Bissen Brot . Und immer steht der Hunger vor der Tür ! « - - - Und die Antwort ? O , auch die Antwort hörte Josefine . » Es ist nichts zu tun , nichts zu ändern . Gott hat gewollt , daß es sei , wie es ist . Kein einzelner von uns vermag ihm in den Arm zu fallen . Die Entwicklung der Menschheit geht über Blut und Leichen . Die Industrie verlangt ihre Hekatomben , aber darum dürfen wir ihre Entfaltung nicht beschränken . Und übrigens - kennt ihr unsere Hospitäler ? Es ist das Schönste und Wunderbarste , was unsere Humanität , unsere hochentwickelte Humanität geschaffen hat . Die Menschenliebe ist hier zur Genialität geworden . Alle Fälle sind hier vorgesehen . Ist ein Glied schadhaft geworden und verfault , so schneidet man es dort ab . Wir haben lauter neueste Instrumente , und jährlich gibt es neu verbesserte Methoden . Nun denn - diese ausgezeichneten Anstalten , diese Hospitäler und Kliniken sind - hört es , ihr Unzufriedenen ! - in erster Linie für euch bestimmt ! Wir wissen , daß ihr erschöpft seid ! Wir wissen , daß ihr leicht erkrankt ! Wir wissen , daß ihr die Neigung habt , nur halb so lange zu leben wie wir . Wir wissen , daß es für arme Kinder gut ist , sich recht früh an schwere Arbeit zu gewöhnen , und daß dabei leicht etwas geschieht , was auch uns nicht lieb ist . Aber dafür sind nun eben die Kliniken und Krankenhäuser geschaffen worden . Das ist unsere Liebe zu euch . Das ist unsere Fürsorge . « Frevel ! Jammer ! Unsinn ! Es schien Josefine , als sei es nie jemand in den Sinn gekommen , über all diese grausamen Sophismen ernstlich nachzudenken . Hätte man nachgedacht , so hätte man ja ein anderes Mittel finden müssen als die Spitäler und die Kliniken , um all diese künstlich erzeugte Summe von Elend aus der Welt zu räumen . Aber man dachte nicht nach , man wollte nicht nachdenken . Nachdenken hieß zweifelhaft werden an der Vortrefflichkeit und Notwendigkeit des gegenwärtigen Zustandes . Nachdenken hieß an den Stützen der heutigen Ordnung rütteln . Und zu dieser Ordnung gehörte man selbst . Darum tat man leicht und wohlgemut . Man lachte sogar über die Möglichkeit , in diesen Dingen etwas zu ändern . Alles , was bestand , war gut in den Augen derer , die aus diesem Stand der Dinge Vorteil zogen . Zur Ergänzung der heutigen Gesellschaftsordnung mit ihrer wild und üppig wuchernden Industrie , mit ihrer Sklaverei der Massen gehörten ganz notwendig diese schönen Hospitäler mit den prachtvollen Operationssälen , mit den sinnreichen Operationstischen aus Glas und Eisen , mit den eleganten Glasschränken voll blitzender Instrumente zum Abschneiden der zerschmetterten Arme und Beine , mit den vervollkommneten Tobzellen für die Tobsüchtigen , mit den Röntgenstrahlenapparaten zur Behandlung der Tuberkulosen , mit den elektrischen Lampen mit den feierlichen oder groben , immer aber wissenschaftlichen Ärzten in weißen , reinlichen Metzgerkitteln und Gummischürzen , mit den hübschen Pflegerinnen in gestärkten Häubchen , lieb und sauber , hilfbereit und hoffnungslos . Alles dies mußte sein . Die Humanität erforderte dies . Die Humanität erforderte , daß die Glastische zum Abschneiden der zerschmetterten oder verfaulten Arme und Beine von Glas und Eisen seien , daß die Ärzte große Gehälter bekämen , und daß die guten , hoffnungslosen Pflegerinnen gestärkte Häubchen trügen , aber keinem fiel es ein , daß die Humanität eigentlich erforderte , daß man Mittel ausdächte , wie alle diese so außerordentlich human aussehenden , grausig-appetitlich sich darstellenden Personen und Dinge überflüssig zu machen seien . Tag und Nacht tobte der Kampf , Tag und Nacht sanken die Toten , die Verwundeten nieder . Und mit aufmerksamen Augen standen die Ärzte an der Peripherie des bluttriefenden Schlachtfeldes und trugen die Verwundeten beiseite , um sie zu verbinden , zu flicken , auf die Füße zu stellen , damit sie aufs neue in den Kampf eintreten und umfallen könnten . Aber den Kampf zu bekämpfen , die gesundheitsschädlichen Betriebe abzuschaffen , die Ausbeutung unmöglich zu machen , Mangel und Not hinwegzuräumen - daran dachte niemand . Und geschah es doch einmal , dann waren diese Versuche so lächerlich winzig gegenüber dem allgemeinen Frevel , so erfolglos und zersplittert , daß sie einzig dem bösen Gewissen der Besitzenden entsprungen schienen , die nach einem Leben des Genusses die Brosamen von ihrer Tafel in alle Winde streuten . Nein , das geht nicht ! das kann nicht so weiter gehen ! überlegte Josefine , als sie vor dem zerstückten Körper der armen Tuberkulösen stand , die heute zum zehntenmal operiert wurde . Sie kannte die Geschichte dieser Tagelöhnersfrau aus deren eigenem Munde , eine schaurig beredsame Geschichte gegenüber der trockenen Anamnese im ärztlichen Journal . Aber wenn man das Journal zu lesen verstand , dann war es fast noch schauriger in seiner Trockenheit . Es lautete ins Deutsche übersetzt ungefähr so : 1880 , 5. Januar , linker Fuß , große Zehe amputiert . 1880,12 . März , linker Mittelfußknochen reserziert . 1880 , 20. Juli , linker Fuß total amputiert bis zum Knöchel . 1882 , 2. Mai , linke Hand vierter Finger amputiert . 1882 , 10. Dezember , linke Hand Mittelfinger amputiert , Handgelenk reserziert . 1883 , 27. März , linke Hand bis zur Handwurzel amputiert . 1884 , 6. Januar , linker Arm Ellbogengelenk reserziert . 1886 , 18. Juni , linker Arm bis zur Schulter amputiert . 1886 , 12. November , rechter Oberschenkel operiert . Und die Frau , als sie aus der Narkose erwachte , sah mit ihren klugen traurigen Augen Josefine mit einem herzzerreißenden Blick an : » Sechs ruhige Jahre im Grab hätt ich haben können . Wie lange wollt ihr noch so fortmachen mit mir ? So viel gelitten , als die Hand noch da war - immer hat er mir die Finger gebogen , damit sie nicht steif werden - ich mußte so schreien - sie schwollen hoch auf jedesmal . Dann , als der Fuß ab war und ich mit dem schweren Schuh gehen sollte , dreimal durch den Saal , vor all den Studenten ! Ich konnt ' s nicht , bat um einen Stock . Nein , sagt er , Sie sollen ' s ohne Stock lernen , stellen Sie sich gefälligst nicht so an ! Er sagte gefälligst und lachte . Er war so ein Großer , Dicker , Gesunder , mit Schmissen kreuz und quer übers Gesicht . Ich konnt ' s nicht , fiel um , der Fuß wurde wieder schlimmer . Er war sein Assistent , der Professor war menschlicher . Die Schwester sieht mich - ich rutschte die letzte Strecke auf den Knieen - : Legen Sie sich zu Bett , sagt die Schwester . Das war eine Gute . Er hieß Reich , hieß der Assistent , ist nun auch schon Professor . Es war nicht hier , es war draußen , in Deutschland . Aber sagen Sie mal , was soll ich denn auf der Welt ? was für ruhige Jahre hätte ich gehabt , wenn ich damals gleich gestorben wäre ! « Nein , das geht nicht ! das kann nicht so weiter gehen ! dachte Josefine , sprechen konnte sie kaum , nur ein paar leere Worte , die vor dem heißen Blick der Unglücklichen zu Schaum zerflossen . Sie stand auf und ging von ihr , sie schämte sich so für all diesen Jammer und Unsinn , in den sie schon verwickelt war . Wenn man nur den hundertsten Teil der gesamten Arbeit , Mühe , Anstrengung , den hundertsten Teil des Nachdenkens und des Geldes , das man auf die Hinwegräumung des Schuttes , des Abfalles , des Aases , auf das Hoffnungslose verwendete , auf die Vorbeugung all dieses Elends verwendet hätte , wie unendlich anders müßte es in unserer Gesellschaft aussehen ! dachte Josefine . Aus Mangel , in ungesunden Massenwohnungen wurden die Kranken krank , und wenn sie krank waren , dann nahm man sie in die Kliniken auf , damit die Studenten an ihnen lernten , schnitt ihnen die tuberkulösen Knochen weg und entließ sie , damit sie weiter hungerten . Aber niemand dachte daran , daß es einzig mitleidig , menschlich und vernünftig wäre , niemand aus Mangel an Nahrung in gesundheitsschädlicher , abstumpfender Arbeit und in schlechten , engen Wohnungen krank werden zu lassen . Was hatte diese Unglückliche , eine nur von Tausenden , gearbeitet , ehe sie krank wurde ? Sie erzählte Josefine , daß sie in Berlin Knopflöcher gemacht hatte , nichts als Knopflöcher , nicht mit der Maschine , mit der Hand . Hundertvierundvierzig Knopflöcher bezahlte der Wäscheverkäufer mit zweiunddreißig Pfennigen . Knopflöcher zum Frühstück , Knopflöcher zum Mittag , Knopflöcher zum Abendessen , Knopflöcher im Sommer , wenn der heiße Kalkstaub zum Fenster hereinfliegt und die Nadel rostig wird in der schwitzenden Hand . Knopflöcher im Winter , wenn der ganze Tag dunkel ist in dem dunkeln Hinterhaus , wo sie eine Stube haben , und wo die Füße absterben vor Kälte vom ewigen Sitzen . Knopflöcher , Knopflöcher , Knopflöcher , hundertvierundvierzig Stück für zweiunddreißig Pfennig , achtzehn Jahre lang . » Ich bracht ' s auf acht Mark die Woche , bevor daß ich krank wurde . « Josefine nahm ein Blatt Papier und begann zu rechnen . Ihre Hand bebte , ihr Herz schlug unregelmäßig , setzte aus und begann dann mit einem wilden Auftakt von neuem . Sie wollte ausrechnen , wie viele Knopflöcher die Frau am Tage , in der Woche gemacht , um acht Mark zu verdienen . » Arbeiteten Sie auch Sonntags ? « » O ja , manchmal aber nur den halben Tag . « » Also gewöhnlich den ganzen Sonntag ? « » Ja , aber meist doch ' n paar Stunden weniger als Alltags . « » Und Alltags - wie lange arbeiteten Sie da ? « » Siebzehn bis achtzehn Stunden - unter dem konnt ich das nicht zwingen . « » Und waren verheiratet und hatten drei Kinder , wie Sie sagen ? « » Ja , drei Kinder , mein kleiner August starb mir ja gleich . « » Also eigentlich vier Kinder ? « » Ja , drei sind am Leben und verdienen schon mit . Hier ist das ja ganz anders , hier kriegen sie dreißig Centimes die Stunde ; wär ich hier man eher hergekommen . « » Und Ihr Mann , was macht der ? « » Mein Mann ist schon sieben Jahre in der Erde . Der ist damit durch . « » Was war sein Geschäft ? « » Sein Geschäft war auf Nadelspitzen , wissen Sie , in der Fabrik . Aber , das is auch nich gut . « Nadelspitzen ! Auch nicht gut ! Nein , freilich . » Und er hatte dann Malör . Das war ' ne ganze Kleinigkeit , will ich mal sagen . Er hatte bei einer Aufladestelle ' n paar Kohlen aufgesammelt . Wir konnten das ja gut brauchen , das können Sie sich wohl denken . Nu kam das raus , und mein Mann kriegte zwei Monat . Das Gericht wollt mich da auch mit ' rein ziehen , aber mein Mann sagte : nee , ich hätte da nichts von gewußt . Na , das war je nu nich wahr , ich wußt das ganz gut , wo die paar Kohlen herkamen , das waren je man ' n paar , so ' n kleinen Brotbeutel voll . Aber , einer mußt doch bei den Kindern bleiben . Nu kam er wieder zu Haus und war ganz anders . Mutter , sagt er , nu haben sie mir zum Dieb gemacht , nu is mir alles gleichgültig . Das dauert nich lange , da kommt mein Mann und bringt ' n feinen Herrenhut . Ach jotte doch , trag ihn wieder hin ! sag ich ; ich hatte so ' ne Angst . - Nee , sagt er , der is ' n Studenten abgefallen , mitten auf ' m Weg . Der war ja betrunken , der andere gab ihm ' n Stoß , und da fiel der Hut in ' n Dreck . Ich hab ihn man mitgenommen , daß er nich untern Wagen kommt . Anderen Tag haben wir die