gefunden haben , das in der Welt gar so selten anzutreffen ist : das vollständige eheliche Liebesglück - « » Ja , das habe ich in Deinem Buch gefunden . Auch habe ich ' s ja selber - als Kind - gesehen , wie ihr beiden glücklich wart - und wie lieb ihr euch hattet . Ich bin aber auch Zeuge , wie Deine Liebe und Treue übers Grab hinaus bis heute jenem Andenken geweiht geblieben - ... was kannst Du da für Reue fühlen ? « » Daß ich - die ich doch durch ihn die ganze Fülle , die ganze Heiligkeit ehelicher Liebe kennen gelernt , einer Liebe , die auf voller Seelenübereinstimmung gegründet war , daß ich seine Sylvia nicht auch einem solchen Glücke zugeführt habe - daß ich sie nicht dazu erzogen habe , nur dann ihre Hand zu vergeben , wenn sie zugleich auch unumschränktes Vertrauen , tiefbegründete Achtung schenken konnte ... ich habe nicht meine Schuldigkeit getan , Rudolf ... Ja , die Pläne , die mein Friedrich für das Wohl der Welt gehegt , seine Gedanken und Spekulationen die habe ich gehütet und der Öffentlichkeit übermittelt ; - aber sein persönliches Werk , das er durch sein Herz geleistet hat , das tatsächliche häusliche Glück , das er geschaffen : auch das hätte ich als ein Vermächtnis hüten müssen und auf sein Kind übertragen . Die Lehren , die er gepredigt , die habe ich weiter gegeben , aber die Lehren , die er gelebt , die sind verschollen , durch meine Schuld - meine Schuld - meine Schuld ... « Martha wiederholte dieses Wort , indem sie die Hände vors Gesicht schlug und in Weinen ausbrach . Rudolf beugte sich liebevoll über sie : » Nicht - nicht , Mutter ! Du bist nur so angegriffen ... das sind die Nerven . Es ist ja natürlich : die Trennung von unserer Sylvia - der entscheidende Schritt ... Aber der Toni ist ja kein böser Mensch - wer sagt Dir , daß sie nicht glücklich wird - ? « Martha trocknete sich die Tränen ab . » Ihre eigene Ahnung sagt es ihr . Wenn Du sie heute gesehen hättest , wie sie - knapp vor dem Kirchgang - mir weinend in die Arme fiel - - « » Nun ja - das Abschiedsweh . « » Nein - nicht Schmerz um das , was sie verließ - es war Furcht vor dem , dem sie entgegenging . Nein Rudolf , sprich mich nicht frei . Wenn man gefehlt hat , so ist noch das beste was man haben kann - die Reue . « » Das finde ich nicht ; besonders wenn sich nichts mehr ändern läßt . Nur die Reue ist furchtbar , die neue Vorsätze , neue Taten nach sich zieht . Drum laß uns auf meine Selbstanklage zurückkommen . Ich kann ja gut machen , was ich gefehlt habe ... Und ich will es . Ich werde - die sind lustig da unten « - unterbrach er sich . Das Zimmer war über dem Salon gelegen und die Weisen eines Straußschen Walzers tönten jetzt herauf . Martha zuckte die Achseln : » Laß sie - warum sollten sie nicht ? Hochzeitsstimmung ... die jungen Leute tanzen . Unter anderem , sag ' mir , warum ist denn der junge Bresser nicht gekommen ? « » Ich weiß es zufällig : Weil er Sylvia liebte - « » Was sagst Du da ? ! « rief Martha auffahrend . » Du brauchst nicht zu erschrecken . Meine hübsche Schwester hat gar vielen Leuten den Kopf verdreht ... Hugo ist ein vernünftiger Bursch - er hat sich nie Hoffnungen gemacht ... Jetzt ist er abgereist ... « » Ob der sie nicht vielleicht glücklicher gemacht hätte ? « sagte Martha nachdenklich . » Als Mensch steht er jedenfalls höher als Delnitzky ... Aber diese blöden Standesvorurteile ... ich nenne sie blöde und habe sie doch selber ... ich glaube nämlich , daß das Verpflanzen aus einem gewohnten Kreis in einen anderen - niedrigeren - großes Mißbehagen verursacht ... Wenn man heiratet , heiratet man ja sozusagen die Familie , die Freunde des Gatten mit und muß den eigenen entsagen - das ist hart . « » Der Vereinigung mit der geliebten Person zu entsagen , mag noch härter sein , « bemerkte Rudolf . » Gewiß ... hätte Sylvia eine tiefe Neigung zu Bresser gehabt - so hätte ich mich nicht widersetzt . Auch zur Heirat mit Delnitzky habe ich nur ja gesagt , weil sie erklärte , so rasend in ihn verliebt zu sein . « » Hoffen wir , daß sie es bleibt . « » Ach ich glaube , sie ist ' s schon heute nicht ... « Rudolf ergriff Marthas Hand : » Hör ' mich an , Mutter , wenn Dir Deine Tochter Sorge macht , so sollst Du wenigstens durch Deinen Sohn Genugtuung erleben . Ich will nun unsere Sache energisch anpacken . Nicht von Wahlergebnissen und sonstigen Zufällen soll das abhängen ... Ich muß mich auf mich selber stellen . Ich muß mich offen auflehnen - auch gegen meine nächste Umgebung - das ganze Milieu , in dem ich lebe , die ganze Gesellschaft , in der wir verkehren , ist auf dem Dinge aufgebaut , das ich bekämpfen soll - auf dem Gewaltsystem . Damit meine ich nicht nur den Militarismus , gegen den Tillings Bestrebungen besonders gerichtet waren - damit meine ich die Gewalt in allen ihren Formen . Das Recht wird vergewaltigt , die Vernunft wird vergewaltigt - « Martha schaute überrascht auf : » So leidenschaftlich kannte ich Dich garnicht . « » Wenn Du an mir Leidenschaft auflodern siehst , Mutter , so versuche nicht , sie zu dämpfen . Ich war eben bis jetzt viel zu kalt und ruhig . Man muß heftig fühlen und heftig wollen - dann erst tut man etwas . Vielleicht scheitert man - das hängt von äußern Umständen ab - vielleicht erstürmt man keinen der festen Plätze , gegen die man anrennt , - aber wenigstens ist man Sturm gelaufen , und weist für Nachstürmende den Wea . « » Was willst Du also tun ? « » Vor allem werde ich mich mit jenen Männern in Verbindung setzen , die an der Spitze der Schiedsgerichtsbewegung stehen , mit dem Engländer dessen Brief Du in Dein Buch eingetragen - « » Hodgson Pratt ? « » Ja . Dann in Paris mit Fréderic Passy , Jules Simon ... In Rußland ... da werde ich an Tolstoi schreiben ... Wer Krieg und Frieden verfaßt hat , der ist mit ganzer Seele ein Feind der Gewalt . « » Und mit wem wirst Du bei uns ... ? « » Da will ich selber die Fahne aufpflanzen - die weiße Fahne . Hole wieder Deine roten Hefte hervor - ich will Dir , so gut ich kann , neues einzutragen geben . « X Im Frühjahr 1892 . Hugo Bresser war seit seiner plötzlichen Abreise in seine Heimat nicht zurückgekehrt . Einige Tage vor Sylvias Hochzeit war er nach Berlin gereist und dort hatte er sich ganz niedergelassen . In dem Brief , den er damals an Sylvia geschrieben und den sie an ihrem Hochzeitsmorgen verbrannte , war in glühenden Worten , in Versen und in Prosa seine ganze Leidenschaft niedergelegt gewesen . Wie er sie jahrelang hoffnungslos geliebt , wie erst in den letzten Tagen - trotz ihrer Verlobung - in jener Gewitterstunde eine Hoffnung in ihm erwacht war ... Sie mußte die Verlobung rückgängig machen , hatte er , der Wahnwitzige , vermeint ... es war Täuschung . Und so gehe er in freiwillige Verbannung - es sei ihm unmöglich , in dem Lande zu bleiben , wo sie an der Seite eines anderen lebte . Möge sie glücklich werden - ebenso glücklich , als er tief unglücklich ist . Nicht so unglücklich , daß er sterben müsse - nein , er wolle leben und streben in heißem Ehrgeiz , um einst den Beweis zu erbringen , daß es kein Unwürdiger war , dessen Liebe sich bis zu ihr erhoben hatte und der ein paar Stunden lang von dem Wahn beseligt gewesen , ihr Herz zu besitzen . Jetzt nach zweieinhalb Jahren , hielt Sylvia wieder einen Brief Bressers in der Hand . Es waren nur wenige Zeilen , worin er anfragte , ob es ihm gestattet sei , während seines bevorstehenden kurzen Aufenthaltes in Wien der Frau Gräfin seine Aufwartung zu machen . Sylvia saß mit ihrem Manne beim Frühstück , als dieser Brief ankam . Das junge Paar bewohnte den ersten Stock eines Ringstraßenpalais . Auf Delnitzkys Wunsch war man schon seit Oktober vom Lande nach Wien übersiedelt . Es war in ihm eine große Leidenschaft für die Oper erwacht . Zwei oder dreimal in der Woche nahm er seinen ständigen Sitz in der zweiten Parkettreihe ein . Viele Leute bemerkten , daß Graf Delnitzky gerade an jenen Tagen unfehlbar in der Oper erschien , an welchen eine gewisse , wegen ihrer Schönheit und ihres Talentes vielgefeierte Primadonna beschäftigt war . Sylvia bemerkte das nicht - oder beachtete es nicht . In dieser kurzen Frist von zweieinhalb Jahren war ihre Liebe zu Delnitzky vollständig erloschen . Den ersten Schaden hatte diese Liebe schon auf der Hochzeitsreise erlitten , durch die jedes Hauches von Poesie , jedes Zartsinns entbehrende Art , in der der junge Ehemann seine Gattenrechte zur Geltung brachte . Er war leidenschaftlich in ihre Schönheit verliebt ; aber diese Leidenschaft äußerte sich durch eine an Brutalität grenzende Heftigkeit . Das Feuer , das - durch mädchenhafte Scheu und keuschen Stolz gedämpft - in Sylvias jungen Sinnen geglüht , war durch solch rauhe Art vollends erstickt . Nicht die Schauer der Wonne hatte er zu wecken gewußt , sondern eher den Schauer des Ekels eingeflößt ; und ihr abwehrendes , im günstigsten Falle duldendes Verhalten unter den Ausbrüchen seiner erotischen Gewalttätigkeiten weckte in ihm das zornige Urteil : » O , das zimperliche , kalte , temperamentlose Geschöpf ! « Nachdem der Gatte den physischen Zauber verscheucht hatte , in dessen Bann sich Sylvia zum Bräutigam hingezogen gefühlt , schwand auch bald alle seelische Liebesempfindung ; denn , ernüchtert , gewahrte sie nun in voller Deutlichkeit die Mängel seines Wesens ; was ihr früher nur für kurze Augenblicke an die Nerven gegangen , das wurde ihr allmählich beständig widerwärtig . Und da sie diese Empfindungen nicht zu verbergen wußte , da sie Freundlichkeit nicht heucheln konnte , wenn sie sich geärgert und abgestoßen fühlte , so erweckte ihr Benehmen bei Delnitzky das weitere zornige Urteil : » O , das launenhafte , mürrische , zuwid ' re Ding ! « Zu einer Aussprache der stillen Beschwerden , zu gegenseitigen Vorwürfen kam es nicht : Es stellte sich nur eine wachsende Gleichgültigkeit ein . Der Verkehr wurde immer matter und kühler ; die Gespräche immer kürzer und sachlicher - ein paar Zärtlichkeitsausdrücke und Kosenamen , die noch aus der Brautzeit stammten , wurden immer seltener angewendet , bis sie ganz ausstarben , und jeder Tag , statt die beiden immer näher und immer näher zu bringen - wie dies in Tillings und Marthas liebesgebenedeiter Ehe gewesen - jeder Tag brachte ein größeres Stück der Entfernung , der Entfremdung zwischen sie . Im ersten Jahr war ihnen ein Kind geboren worden . Aber auch die Mutterfreuden blieben der jungen Frau versagt . Unter furchtbaren Schmerzen und Lebensgefahr hatte sie das Kind zur Welt gebracht und vier Monate später mußte sie es in qualvollen Konvulsionen sterben sehen . Sie wünschte sich kein zweites . Einsam fühlte sie sich nicht . Ihr Herz war mit der Liebe zur Mutter und zu Rudolf gerade so ausgefüllt wie zu ihrer Mädchenzeit - eher noch mehr . Ihre Anteilnahme an den Bestrebungen und Ideen des Bruders war noch gewachsen , auch der Mutter hatte sie sich inniger angeschlossen als je . Aus ihren ehelichen Enttäuschungen machte sie dieser ihrer besten Freundin gegenüber kein Geheimnis , aber sie teilte sich mit , ohne dabei in Klagen auszubrechen . Glücklich war sie freilich nicht - aber auch nicht unglücklich . Das große Los hatte sie nicht gezogen in der Heiratslotterie - aber die Niete machte sie nicht zur Bettlerin . Die Selbstvorwürfe , mit welchen Martha sich quälte , suchte sie zu verscheuchen ; sie lud alle Schuld auf sich , auf ihre eigensinnige Verblendung - nichts , nicht einmal die mütterliche Autorität , hatte sie von ihrem , durch närrische Verliebtheit befestigten Entschluß abbringen können - und dafür war sie jetzt gestraft . Aber was weiter ? Gibt es nicht Tausende von Frauen , die früher oder später mit ihren Männern auch in solches Stadium gegenseitiger Gleichgültigkeit geraten ? Und unzählige Mädchen , die gar nicht heiraten und dabei doch Genuß am Leben finden ? Übrigens - so philosophierte sie weiter - ist denn auch Genuß und ungetrübtes Glück etwas , worauf jeder berechtigten Anspruch erheben dürfe ? Warum sollte gerade ihr ein Paradies erschlossen werden , wo so viele auf Erden ein Fegefeuer , gar manche sogar eine Hölle finden ? Man muß sich bescheiden mit dem , was man hat ; und wahrlich , sie hatte gar viel : eine herrliche Mutter , einen teuren Bruder , geistige Mitwirkung an den Lebensaufgaben dieser beiden - dazu Gesundheit , Reichtum , Rang . - » Nein , nein , Mutter , bedauere mich nicht ! « So wußte sie Martha stets zu trösten , wenn diese über die zu rasche Einwilligung in die Heirat ihrer Tochter in Selbstanklagen ausbrach . Als Sylvia die Schriftzüge auf der Adresse des Berliner Briefes erkannte , erblaßte sie . » Von wem denn ? « fragte Anton über seine Zeitung hinüber . Er las den Sportbericht im » Neuen Wiener Tagblatt « . » Von Hugo Bresser ... er will auf kurze Zeit hierherkommen ... Das wird seinen Vater freuen - « » Du , sag ' mir : ist euer Hausfreund , der alte Bresser , nicht etwa ein getaufter Jud ' ? « » Mag sein - ich weiß nicht . « » Also vielleicht gar ungetauft ? « » Das sicher nicht - aber warum fragst Du ? Was wäre denn weiter ? « » O , ich mag die Juden nicht - es wird auch von Tag zu Tag mehr mal porté mit Juden zu verkehren . « » Das auch noch ! « seufzte Sylvia im Innern . Es war ihr nichts widerwärtiger , als der in der Gesellschaft und in der Wiener Kleinbürgerschaft überhandnehmende Antisemitismus . Laut sagte sie nur : » Pater Protus denkt da viel weitherziger . « » Ach , der ! Der ist auch so ein Liberaler ... Na ja , ich bin ja auch kein bigotter Duckmäuser ... aber wenn ich schon Priester wäre , so würde ich auch zu den klerikalen Ansichten halten und mich nach meinen Vorgesetzten richten . Im übrigen ist mir das alles egal ... Wird der junge Bresser jetzt im Lande bleiben und sich redlich nähren ? « » Ich sagte Dir - er kommt nur auf kurze Zeit « - sie schob den Brief hinüber : » Lies selber . « Anton machte eine abwehrende Bewegung . » Es interessiert mich nicht ... der ganze Mensch interessiert mich nicht mit seinem sogenannten schriftstellerischen Beruf , von dem sein Vater immer so langes und breites erzählt . « In der Tat : im Hause Tilling war man über die Schicksale des jungen Bresser durch die Mitteilungen des Doktors stets auf dem Laufenden geblieben . Man hatte erfahren , daß sich Hugo in Berlin in die Schriftstellerkreise eingeführt hatte , daß er rastlos produzierte und sowohl mit einem Roman , der in einer angesehenen Rundschau erschienen war , als mit einem Drama , das eben die Runde über sämtliche deutsche Bühnen machte , große Erfolge errungen hatte . » Übrigens , wenn er kommt , « sagte Delnitzky aufstehend , » lad ' ihn zum Essen ein ... Ich geh ' jetzt ... « Sylvia fragte nicht » wohin « - sie nickte einfach » Adieu ! « Allein geblieben , las sie noch ein paarmal die wenigen Zeilen durch . Die Physiognomie der Schrift war es , was sie daran fesselte - denn sie brachte ihr deutlich jenen verbrannten Brief und die - nicht unangenehme - Sensation ins Gedächtnis , welche ihr damals der Brief verursacht hatte . Eigentlich war es eine Kühnheit von dem Bresser , sich jetzt bei ihr anzumelden , als wäre nichts geschehen ... Sollte sie ihn empfangen ? ... ... Warum nicht ? Die Schwärmerei von damals war ja sicherlich vergessen . Sie hatte selbst erfahren , wie die Zeit - eigentlich kurze Zeit - gar tiefe Wandlungen in verliebte Gefühle bringen kann . Und nun gar bei einem jungen Mann - einem gefeierten Autor ... der hatte in Berlin sicher mehr als ein Liebesverhältnis angeknüpft und dachte garnicht mehr an jene wesenlose Episode ... Empfinge sie ihn nicht - den Sohn des alten Hausfreundes - so wäre das auffallend . Und er selber könnte sich ' s auslegen , als fürchte sie sich vor ihm - und wahrlich , das lag ihr fern . So ging sie an ihren Schreibtisch und antwortete : Es werde sie und ihren Mann sehr freuen , Herrn Bresser wiederzusehen und von seinen Erfolgen berichten zu hören . Er möge , damit man gemütlicher plaudern könne , zur Speisestunde , sechs Uhr , kommen , und zwar am nächsten Donnerstag , da erwarte sie auch ihren Bruder , der sich gewiß ebenso freuen würde , ihn zu treffen . Und am nächsten Donnerstag , zehn Minuten vor der angegebenen Stunde , fand sich Hugo Bresser in der Delnitzkyschen Wohnung ein . Das Herz klopfte ihm , als er das Vorzimmer betrat . Ein Diener nahm ihm den Überrock ab . Vor dem Spiegel zupfte er die weiße Krawatte zurecht und überzeugte sich , daß die Gardeniablüte im Knopfloch seines Fracks gut befestigt war . Der Diener ging voran und führte den Gast durch zwei große , nur schwach erleuchtete Salons in einen dritten , kleinen , wo die Hausfrau saß - allein . Sylvia , in einfacher , heller Seidengaze-Toilette , kam Hugo ein paar Schritte entgegen und reichte ihm die Hand , die er ehrerbietig küßte . » Herzlich willkommen , Herr Bresser ! Wie Sie sich aber verändert haben ! - Vorteilhaft verändert , « fügte sie lächelnd hinzu . Sie sagte die Wahrheit . Hugo , der jetzt einen spitzgestutzten Bart und in der Mitte gescheiteltes Haar trug , hatte ein verändertes und vorteilhafteres Aussehen . - Auch in seinem Gesichtsausdruck , in der eleganten Sicherheit seines Auftretens war etwas Neues , etwas , das er den Erfolgen zu danken hatte , durch die er zu einem gefeierten Liebling der Berliner Gesellschaft geworden war und durch die er an Selbstbewußtsein gewonnen hatte . Sylvias äußere Erscheinung war unverändert . Auf den ersten Blick und nach den ersten getauschten Worten fand Hugo jenes gewisse Etwas in ihren Zügen wieder , das er daran geliebt hatte - ein eigener Zauber , der , wenn sie sprach und lächelte , um ihre , die kleinen perlenweißen Zähne aufdeckenden Lippen huschte . Die innere Bewegung dieses Wiedersehens verdeckten beide durch ein beinahe überhastetes Fragen und Antworten über die banalsten Gegenstände : » Wann sind Sie angekommen ? - Wie lange bleiben Sie ? - Wie gefällt es Ihnen in Berlin ? « Und seinerseits : » Wie geht es dem Grafen Delnitzky , wie der verehrten Baronin Tilling ? - Hatte die Frau Gräfin einen angenehmen Aufenthalt an der Riviera gehabt und hat sie wieder eine Reise vor ? « Dann lenkte Sylvia das Gespräch auf Hugos literarische Erfolge , und dadurch ward es auf ein weniger flaches Gebiet gebracht und auf einen persönlichen Ton gestimmt . » Sie sind nun ein anerkannter - man darf schon sagen ein berühmter Dichter geworden , Herr Bresser ! Das muß doch ein stolzes , angenehmes Gefühl sein ? « » Das Angenehmste beim Dichten liegt nicht in der Anerkennung , sondern in der Arbeit . Das Schaffen ist eine Befreiung ... eine Besitzergreifung von erträumten Schätzen . Alles , was einem das Leben und die Welt auch bringen mag an Enttäuschung , an Schmerz , an Zorn - das braucht einen nicht im Innern zu erdrücken und zu ersticken ... das packt man , gibt ihm eine Form und umkleidet es mit seiner ganzen ausgedrückten Leidenschaft - da steht es denn da , zuckend , lodernd , weinend - aber man ist es los . Und auch die Freuden , die Seligkeiten , die stolzen Siege , die einem das Leben nicht bietet - auch die reißt man aus dem Reich der Phantasie herunter und stellt sie vor sich hin , in den Prunk der Sprache gekleidet - und sie gehören einem - man ist ja ihr Schöpfer . « » Wie begeistert Sie von der Dichtkunst sprechen ! « » Ich nehme meinen Beruf ernst , Gräfin , ich gehe in ihm auf . Seit jeher , Sie wissen es ja , habe ich darauf gerechnet , mit der Feder zu wirken . Die Journalistik war das Feld , auf dem ich kämpfen wollte - « » Ja , ich erinnere mich - jene Zeitung , in der auch Rudolf eine Stütze seiner parlamentarischen Aktion finden sollte - « » Die ist ins Wasser gefallen - « » Wie Rudolfs parlamentarische Laufbahn , « schaltete Sylvia ein . » Ich weiß ... für mich war ' s gut . Vielleicht auch für ihn ? ... Ich wurde in ein anderes Gebiet der schriftstellerischen Arbeit gedrängt und habe darin die unerwartetsten Erfolge erzielt . « » Gesegnet sei also jenes gescheiterte Journal ! « » Nicht dieses Scheitern allein hat mich von der Journalistik zur Dichtkunst gebracht . Es war ein Erlebnis , das meine Seele aufgewühlt hatte - ein Sturm von Gefühlen , den ich nicht in Leitartikeln und Feuilletons hätte austoben lassen können . « » Sondern in Romanen und Dramen ? Ich muß zu meiner Schande gestehen , daß ich Ihre Werke noch nicht kenne - haben Sie denn dazu Ihre eigenen Erlebnisse als Stoff verwertet ? « » Nein . Nur die tobenden Gedanken und Gefühle die durch meine Erlebnisse erweckt wurden , habe ich in meine Versuche gelegt . Ich sage Versuche , wo Sie Werke sagen , Gräfin - denn obwohl ich ja als Anfänger Glück gehabt , so weiß ich doch am besten , daß mein bisher Geleistetes nur schwache Versuche sind ... Mein Werk , mein Kunstwerk - das werde ich erst schreiben . Nennen Sie das nicht unbescheiden , nicht Vermessenheit . Ich glaube , es kann gar keinen rechtschaffenen Künstler geben , der nicht in sich ein ganzes Chaos von brodelnden Stoffen und Kräften fühlte , das darnach strebt , eine Welt zu werden - « » Bitt ' um Verzeihung ... hab ' ich mich verspätet ? « Es war Delnitzky , der hereingetreten . » Grüß Sie Gott , Bresser - na , ich gratuliere - Sie sind ja ein Tausendsassa geworden ... das muß hübsche Tantiemen absetzen , Ihr Theaterstück , was ? Du , « wandte er sich zu seiner Frau , » ich soll Dir sagen : der Rudi kann heut nicht kommen - die Beatrix ist krank . « » Ach , die Arme , schon wieder ? Und meine Cousine hat auch abgesagt , so werden wir allein essen - « » Das wird ja recht gemütlich so , « sagte Delnitzky , » nur laß schnell anrichten - ich geh ' heut ' in die Oper und von Carmen hör ' ich gern den ersten Akt . « Während des kleinen Diners beschränkte sich die Unterhaltung auf Reminiszenzen aus der Zeit , welche Hugos Abreise und Sylvias Heirat vorangegangen war . Man sprach von den Tennis-Partien in Brunnhof , von Pater Protus , von der Taufe des kleinen Fritz und ähnlichen Dingen . Von sich und seinen Arbeiten erzählte Hugo nichts , er wich sogar einigen darauf bezüglichen Fragen Delnitzkys aus . Wohl mochte er fühlen , daß er von dieser Seite kein Verständnis für sein Streben fände . Als man von Tische aufstand , sah Delnitzky auf die Uhr : » Gleich sieben - ich bitte um Verzeihung - auf den Kaffee will ich verzichten , sonst komm ich wirklich zu spät ... Ich lasse die Herrschaften ja beide in guter Gesellschaft ... Jugendfreunde ... Also , ich empfehl ' mich ... hat mich sehr gefreut ... Sie bleiben doch noch eine Zeit in Wien ? ... Schön - also auf Wiedersehen . Adieu . « Und fort war er . Sylvia ging mit Hugo in den Salon zurück . » Störe ich nicht , Gräfin ? Sie wollten vielleicht auch ins Theater - « » Nein , nein , ich bleibe zu Hause - ich muß sogar - meine Freunde wissen , daß ich an Donnerstagabenden zu treffen bin . « Sie schenkte den schwarzen Kaffee ein und reichte ihm eine Schale . Zugleich deutete sie auf einen mit Zigaretten gefüllten Becher . » Wenn Sie rauchen wollen - es ist erlaubt . « Das Tete-a-tete hatte etwas Schwüles , Beengendes für sie . Sie fürchtete , Hugo könnte von seinem Briefe sprechen , den sie an ihrem Hochzeitstag verbrannt . Sie empfand etwas von Beschämung , denn der junge Mann mußte durchschaut haben , daß ihr eheliches Verhältnis nicht war , was es sein sollte . In Bresser loderte die alte Leidenschaft wieder hell auf . In den Schatten gestellt war das Bild einer jungen Berliner Schauspielerin , die seine Geliebte war ; es war ihm , als hätte er nie an eine andere gedacht - als wäre Sylvia wieder das einzige Weib , das die Welt für ihn enthielt . Aber er wagte es nicht , sich zu verraten . Er versuchte , die Unterhaltung in demselben banalen Ton fortzusetzen , wie sie bei Tisch geführt worden war . Sylvia ging darauf ein , doch es verletzte sie , daß Bresser nicht , wie er es vor Delnitzkys Ankunft getan , sein Gespräch jetzt wieder auf einen höheren Ton stimmte . Sollte er glauben , daß sie nicht auf seinem geistigen Niveau sei , daß sie sich nur behaglich fühle in den schalen Alltäglichkeiten , welche den Stoff zu Delnitzkys Unterhaltung abgegeben hatten ? So sollte ein Dichter - und ein Mann , der sie einst geliebt hatte , nicht von ihr denken . Und als er wieder irgend eine nichtssagende Bemerkung vorbrachte - ein Vergleich zwischen den Bauten von Wien und Berlin , zwischen den Kältegraden von dort und hier - da machte sie eine ungeduldige Bewegung und sagte : » Ach , das interessiert mich nicht ... reden Sie doch nicht so mit mir ... Wie sagte doch Toni ? Wir seien ein paar Jugendfreunde ... Freunde haben sich doch Besseres mitzuteilen als architektonische und meteorologische Beobachtungen . « » Wir waren aber nicht Jugendfreunde , Frau Gräfin . Zwischen uns beiden gähnte ein gesellschaftlicher Abgrund - ich blickte zu Ihnen auf wie zu einem Stern ... Nur einmal - ein paar Stunden , ein paar Tage vergaß ich diese Entfernung - aber davon soll und darf ich doch nicht reden ? « » Nein , davon nicht . « Sie schwiegen eine Weile - eigentlich hatten sie beide doch davon geredet . » Lassen Sie uns auf Ihre literarische Laufbahn zurückkommen - das fesselt mich wirklich lebhaft . Ich sehe , daß Sie eine Lebensaufgabe haben , daß Sie großen Zeiten zustreben ... wie mein Bruder . Wie schade , daß er nicht gekommen ist ; Sie hätten miteinander vielleicht wieder jenen Streit aufgenommen - über den Vorrang des Gedankens oder der Tat ... « » Wie ! Sie erinnern sich noch ? Wie Sie sehen , bin ich meiner Ansicht treu geblieben - ich habe mich einzig in den Dienst des Gedankens gestellt . Und da nicht einmal des grübelnden , oder auf irgend welche praktische Ziele gerichteten , sondern des frei über allen Wolken schwebenden Gedankens . Rudolf hat wohl noch immer politische und weltverbessernde Pläne ? Ach , ich fürchte , verbessern läßt sich nicht viel an unserem kleinen Stückchen Umwelt ... Ich wenigstens könnte es nicht - höchstens ein klein wenig verschönern , sei es durch ein bißchen Kunst , oder ein bißchen - Liebe . « Das Wort Liebe , in der Betonung , in der Hugo es gesprochen , verursachte der jungen Frau eine Sekunde der Beklemmung . Sie wußte selbst nicht , was diese Beklemmung eigentlich war ... Sehnsucht ? Eifersucht ? Sie holte einen tiefen Atemzug : » Was schreiben Sie jetzt ? « fragte sie . Er hatte nicht Zeit zu antworten . Der Bediente meldete Besuch . Bald war der Salon mit einem Dutzend Leute gefüllt und Bresser empfahl sich von der Hausfrau . » Wann sieht man Sie wieder ? « fragte sie , ihm die Hand zum Kusse reichend . » Sobald Sie befehlen . « XI Rudolf Dotzky war bei den Reichsratswahlen durchgefallen . Er hatte es verschmäht , sich vom Großgrundbesitz aufstellen zu lassen , weil er sich da einer der bestehenden Parteien hätte anschließen müssen , und hatte sich um ein Mandat in Wien beworben . In den Wahlversammlungen hatte er sein Programm mit beredten Worten entwickelt und viel Beifall gefunden - die Stimmenmehrheit fand er aber nicht . Sein Gegenkandidat hatte ein so bewährtes altes Programm entworfen , mit allen üblichen Versprechungen gespickt , daß ihm die Stimmen nur so zuflogen . Alles geht ja - das ist naturgesetzmäßig - auf der Bahn des geringsten Widerstandes