ich wollte doch , das alte Glas wäre nicht zerbrochen . Ihr sagt , daß es nicht ewig bestehen könnte - das wäre langweilig , wenn man immer dasselbe Glas vor sich hätte . Aber ist es nicht auch langweilig , daß man immer wieder Scherben vor sich hat ? Es mag durchaus nicht geistreich sein , wenn man etwas beklagt . Schon richtig ! Aber wollen wir denn immer geistreich sein ? Mir ist es ganz egal , ob mein Gesicht dumm oder klug aussieht . Und wenn Alles bloß ein Schattenspiel ist - kann man ' s sehr geistreich nennen , wenn uns die Welt immer bloß als müßiges Spiel erscheint ? Gewiß , es ist nicht nötig , daß Alles immer ernst aussieht - es sieht ja leider das Meiste schon ernst genug aus - aber was habe ich , wenn ich das Ernste als Komödie behandle - und die Komödie als eine bitterernste Sache ? Schließlich ist mir Alles ganz egal . Und das macht nicht heiter . Das sind , sagt Ihr , bloß Übergangsstadien . Jawohl , es wird ja Alles wieder anders . Auf Regen folgt Sonnenschein . Bloß hier bei diesen ägyptischen Herren gibt es weder Sonnenschein noch Regen - die Fenster fehlen ja . « Da ward es plötzlich ganz dunkel in dem Bibliothekzimmer , und ich sagte nur noch : » Das ist wahrscheinlich die ägyptische Finsternis . Neugierig bin ich doch - was jetzt kommt . « Und ich sank dabei in die Tiefe . Und es ging immer schneller hinunter . Und plötzlich ward es wieder ganz hell . Und ich war in einem orientalischen Wundergarten , in dem die Früchte an den Bäumen große Edelsteine sind . Ich wurde von unsichtbaren Händen durch den Garten getragen und konnte dabei die Edelsteine ruhig betrachten . Es waren viele zierliche Pavillons mit glitzernden schlanken Säulen in dem großen Garten - in dem wirkte ein seltsames , blaugrünes Licht so duftig wie ein feiner Nebel von Wohlgerüchen . Und wie ich nun ein paar Topasbirnen genauer ansah , bemerkte ich , daß sich kleine gelbe Perlen von den Birnen loslösten und wie Seifenblasen in der Luft herumschwebten und auch wie Seifenblasen größer wurden . Und dann sah ich auf diesen gelben Blasen unzählige winzig kleine Kerlchen , die Kanonen auf kleine Hügel hinaufschleppten und von dort aus auf die anderen gelben Blasen losschossen . Auf den anderen Blasen krabbelten ebenfalls kleine Kerlchen mit Kanonen herum . Und ich bemerkte bald , daß sich die Blasen nach zwei Seiten hin ordneten , und danach flogen die Schüsse immer schneller von Blase zu Blase ; es knisterte in der Luft . Und bei dem Schießen sah ich , wie jede der winzig kleinen Kugeln entsetzliche Verheerungen unter den kleinen Leuten anrichtete . Und es dauerte nicht lange , so zappelten auf den Blasen all die kleinen Wesen mit zerrissenen Gliedmaßen neben den Kanonen herum und starben , wie es schien , unter großen Qualen . Und dann sah es so aus , als zögen die Topasbirnen all die gelben Blasen wieder an - und dann verschwanden die Blasen in den Birnen . » Das ist , « sagte mir ein Unsichtbarer , » Alles nur ein Entwicklungszauber . Dieser Garten ist die Wunderküche der Nilpferde , allwo die kleinen Sterne geschaffen werden , die den Nilpferden , wie Du weißt , zur Nahrung dienen . « Ich wurde weiter getragen und sah an einer dunkelblauen Saphirpflaume ein anderes Schauspiel . Da kamen kleine Zwerge mit Allongeperrücken heraus , umschwebten die Pflaumen und redeten zu ihr . Ich konnte die Worte der winzig kleinen Zwerge deutlich verstehen : » Liebe Pflaume , « sagte der eine Zwerg , » es ist außerordentlich überflüssig , daß du so glänzend bist . Du mußt jenen zarten , stumpfen Hauch bekommen , der Dir so gut steht . « Und danach klopften alle Zwerge ihre Perrücken aus , sodaß ein großer Puderstaub entstand , der der Saphirpflaume jenen zarten Hauch verlieh . Nach diesem Perrückenausgeklopfe steckten die Zwerge alle ihre Finger in den Mund und wurden nun immer kleiner - und nach ein paar Augenblicken unsichtbar . » Entwicklungszauber ! « sagte mein unsichtbarer Begleiter , » nichts als Entwicklungszauber ! An allen Früchten gehen solche kleinen Wunder vor . Wenn die nicht vorkämen , würden die Nilpferde nichts Ordentliches zu essen haben . Alle diese Steinfrüchte sind uralt und fühlen sich als große Welten ; sie müssen sehr viele Verwandlungen durchmachen , bis sie eßbar sind . Hier kannst Du wohl noch mehr erleben als in den großen Sternen des Himmels . « Ich fühlte , daß mir so leicht wurde . Und ich wollte noch mehr von diesen Miniaturwelten sehen und sagte das . Man kam meinem Wunsche gleich entgegen , denn aus einem Kirschbaum , dessen Kirschen Rubine waren , wirbelten plötzlich große Scharen kleinster Elfen heraus ; die Elfen kneteten in ihren Händen kleine rote Tropfen . Und unter dem Kneten entstanden aus diesen roten Tropfen alte Köpfe , die ganz rot vor Zorn waren und niederträchtig schimpften . Und die Elfen warfen die Zornköpfe in die Höhe und stießen mit langen feinen Lanzen in die Köpfe hinein , daß die aufbrüllten vor Schmerz . Die Elfen stachen grausam öfters durch die Köpfe durch . Und während nun aus den roten Tropfenköpfen kleine Blutstropfen herunterrieselten , sah es plötzlich so aus , als wenn die Köpfe leuchteten . Und so war ' s auch ; ich blickte schärfer hin und bemerkte , daß die Köpfe jetzt rote Sonnen zu sein schienen - die Augen waren zu Sonnenflecken geworden . Und diese Sonnen schwebten empor und verschwanden oben . Die Elfen warfen ihre Lanzen den Sonnen nach , klatschten in die Hände und verschwanden in den Kirschen . » Wie leicht sich hier Alles verändert ! « sagte ich leise . Und die Stimme neben mir erwiderte ebenso leise : » Wenn Du nun wüßtest , daß in jeder Stunde überall immer wieder neue Veränderungen vorkommen , würdest Du nicht sagen müssen , daß hinter diesen Wunderfrüchten unsäglich viele schöne Dinge stecken ? « » Das könnt ich , « sagte ich still , » nicht leugnen . « » Nun mußt Du aber , « fuhr die Stimme fort , » wissen , daß alle Dinge , die Du auf Erden siehst , ebenfalls solche Wunderfrüchte sind . Hinter jeder Erscheinungswelt steckt eben eine unendliche Reihe andrer Erscheinungswelten . « Ich fühlte nach diesen Worten eine große , sehr angenehme Schlaffheit in allen Gliedern . Und es kam mir so vor , als verstünde ich die ganze Welt . Und ich begann zu reden - wie im Traum . Was ich redete , erschien mir außerordentlich scharfsinnig . So als wären alle Weltgeheimnisse vor mir aufgelöst - so wurde mir . Und ich sah nicht mehr die kostbaren Früchte des Wundergartens . Ich schwebte zwischen perlgrauen Wolken und redete ohn Unterlaß . Aber heute weiß ich leider nicht mehr , was ich redete ; das habe ich total vergessen . Ich weiß nur noch , daß ich damals mitten im Reden einschlief und dann weiter träumte - und mich im Traume auch noch reden hörte - sehr weise kam ich mir vor - und ich fühlte mich sehr glücklich . Und das große Glücksgefühl verließ mich lange Zeit nicht ; ich muß damals sehr lange geschlafen haben . Mir ist heute noch so , als wenn das , was ich damals im Schlafe fühlte , das Herrlichste war - von Allem , was ich je erlebte . Als ich die Nilpferdchen in einem kleinen weißen Sammetzimmer wiedersah - in dem Zimmer war Alles von weißem Sammet - da fühlte ich noch immer die ganze Traumseligkeit wie vorhin . Und die alten Ägypter , denen ich davon sehr ruhig , aber auch sehr heiter erzählte , wollten nun etwas von mir lesen , in dem was vom Traumglück gesagt wird . Ich erinnerte mich , daß ich so was bei mir hatte . Katta-Kottu Japaneske » Ja wohl ! « sagte der Admiral Tiko , » man kann auf dieser Erde anfangen , was man will - lange freut man sich doch nicht über seine Taten . « Die Sonne ging langsam im Westen unter , und der Waldsee des Königs wurde bunt wie ein Pfau . Ein paar Frösche quakten . Lebende Libellen flogen überm Wasser hastig hin und her allmählich den Ufern zu , wo die Fliederbüsche dufteten und die Ameisen fleißig waren . Der Admiral Tiko , eine große Persönlichkeit , besah seinen köstlichen Siegelring , den er immer am rechten Zeigefinger trug , und dachte über das Leben nach . Der Waldsee wurde nun dunkler , aber drüben auf dem hohen Berge funkelte das Felsenschloß wie eine alte Königskrone . Die Frösche quakten lauter . Die Libellen verschwanden . Eine schwarze Ameise biß dem großen Admiral in den linken kleinen Zeh und starb . Der Abendwind zitterte in den Blütenkelchen und wehte ihren Duft vorsichtig in die Welt hinaus . Es bühten in den Gärten des Königs unzählige Blumen - Nelken , Tulpen und Narzissen . Tiko blickte zum Felsenschloß empor , und seine Gedanken wurden anders . Der König hätte das Felsenschloß gerne dem Admiral geschenkt zum Lohne für seine Taten . Der Tiko liebte das Schloß ; es war ein feines Kunstwerk und so still . Dort oben konnte man das weite blaue Meer überschauen und Ruhe haben bis ans Ende seines Lebens - wohlige Ruhe . Indessen - wollte der Tiko das Geschenk annehmen , so sollte er sein Kommando niederlegen und die Schiffe des Königs fahren lassen , ohne mitzufahren . Das gefiel dem großen Manne nicht . Das Schloß funkelte nicht mehr , denn die Sterne des Himmels fingen zu funkeln an . Die Farbenpracht der Sonne sank lautlos in die stille Nacht . Drüben am andern Ufer des Waldsees klatschten lange Ruder ins Wasser ; das taten die Feuerwerker . Es sollte ein großes Feuerwerk abgebrannt werden mit Platzbomben und Diamantraketen . Tikos Gedanken veränderten abermals ihre Richtung . Die Tochter des Königs , die witzige Prinzessin Katta-Kottu , feierte ihren Geburtstag , und Tiko sollte sehr bald mit der Prinzessin allein in einem kleinen Kahn sitzen - und rudern . So hatte es sich die Katta-Kottu gewünscht ; es erschien ihr so nett , sich während des Feuerwerks mit dem Admiral gemütlich zu unterhalten . Die Frösche quakten , und Tiko atmete tief auf . Für die berühmten Männer schwärmte die Katta-Kottu ; das war immer so gewesen . Tiko besah wieder seinen Siegelring . Der Abendwind säuselte duftig und milde . Die Sterne standen am Himmel und strahlten . Die Feuerwerker priesen die Nacht - sie lag so still da wie des Königs Schatzkammer . Der dicke Diener des Admirals meldete die Ankunft der Prinzessin . Tiko ging hin und begrüßte die Katta-Kottu voll Ehrfurcht und Bewunderung . Die hellblauen Papierlaternen der Hofdamen wackelten , die Kavaliere strichen sich den Schnurrbart und verbeugten sich . Alle waren in hellblauer Seide erschienen , nur Katta-Kottu ' s Kleider waren schneeweiß und die des Tiko zinnoberrot . Der Admiral stieg mit seiner Prinzessin in den kleinen goldenen Kahn , und die Kavaliere stiegen mit den Hofdamen in die anderen Kähne , die in Silber glänzten . Und dann ruderte man langsam ein paar Ellen weit auf den See hinaus und plauderte dabei . Tiko sagte befangen : » Der Mond scheint heute nicht . « Da lachte die Prinzessin und meinte , daß man auch ohne Mond gut träumen könne . » Träumen ? « fragt Tiko . » Nu ja ! was denn sonst ? « Also erwiderte die witzige Katta-Kottu . Der Admiral sah in seinem zinnoberroten Gewände so drollig aus , und die Prinzessin fand das so nett - so traumhaft . » Wenn er bloß nicht so viel schweigen wollte ! « dachte sie bei sich . Er aber dachte immer nach , bevor er sprach - so auch jetzt . Und er faßte nach einer Weile seine Gedanken in diese Worte : » Prinzessin ! Zu träumen pflegt man , wenn man nichts zu tun hat . Wer sein Leben mit Taten füllt , träumt nicht mehr ; die Träume drehen dem Tatendurst das Genick um . Der Traum macht träge ; die Augen sehen nicht mehr klar . Und man ist bald nicht mehr fähig , eine Tat zu vollbringen - ein müder Mensch . Das ist doch zu beklagen , da das Tatglück das größte Glück ist . « » Hm ! « versetzte die Witzige , » das klingt so klug und ist es gar nicht . Nein ! Wahrhaftig nicht ! Ihr könnt mir ' s glauben ! Ich stelle das Traumglück über Alles . Das Tatglück kann nicht größer sein . Muß es also nicht kleiner sein ? Es muß doch , nicht wahr ? « Tiko lächelte überlegen und schüttelte den Kopf . Das gefiel aber der Prinzessin nicht , und sie fuhr böse fort : » Admiral ! Das Leben ist , so wie es ist , doch nicht schön genug . Ist der Traum daher nicht das schönere Leben ? Tatglück kann nur im gewöhnlichen Leben entstehen , Traumglück aber entsteht im schöneren Leben . Muß also das Traumglück nicht schöner sein als das Tatglück ? « Wiederum mußte der Admiral lächeln , und er sagte spöttisch : » Das ist nicht wahr , Prinzessin ! Das Tatglück ist doch mächtiger als das Traumglück . Der Traum ist immer bald zu Ende , und ich liebe die kurzen Sachen . « » So ! « rief nun erregt die Katta-Kottu , » es gibt aber auch lange Träume . Neulich hatte ich einen ganz langen Traum . Hört zu ! « Sie machte eine Pause und hub dann feierlich zu erzählen an : » Die Erde wird ganz dunkel wie schwarze Seide . Ich aber mag die Finsternis nicht . Ich zünde also meine kleine rote Lampe an und will fort . Und da sehe ich vor mir eine Treppe - die führt in das Erdinnere . Ich gehe die Treppe hinunter und komme in einen schwarzen Saal ; die Wände sind glatt und spiegeln . Und ich steige noch eine Treppe tiefer und trete in einen noch größeren Saal , der auch schwarz ist wie der vorige ; aber hier sind die Wände nicht mehr glatt , einzelne Teile sind mit wunderlichen Schnitzereien bedeckt - Alles aus schwarzem Stein - aus spiegelglattem Stein ! Und ich steige noch weitere Treppen hinunter und komme in die tiefer gelegenen Säle ; jeder tiefere ist immer größer und reicher - mit Galerieen , Kuppeln und herrlichen Grotten . Und die Schnitzereien aus Stein werden immer drolliger , und es sind so viele , daß man bald nicht mehr die Empfindung hat , von Wänden umgeben zu sein . Auch die schwarzen Fußböden sind voll Schnitzerei ; die ist natürlich flacher gearbeitet . Ich sehe mir Alles an , und ich sehe mir Alles sehr lange und gründlich an . Es ist Alles ganz anders als oben auf der Erde - viel kecker . So viele Tiere und Blumen , die ' s gar nicht gibt - und nicht bloß Molchdrachen ! Es ist in tausend Jahren nicht zu beschreiben - so seltsam ! Ich bin da unten lange - sehr lange ! - ganz allein , so daß ich mich schließlich graule . Meine kleine rote Lampe leuchtet mir nicht hell genug . Aber kaum wird mir das lästig , so springen auch schon sechs schwarze Pudel auf mich zu . Die Pudel haben milchweiße Augen , und diese Augen sind so hell , daß plötzlich Alles hell wird . Da seh ich denn , daß das schwarze Gestein von ganz feinen - haarfeinen ! - türkisblauen Linien durchädert ist . Und nun wird ' s überall lebendig . Gazellen kommen von den Galerieen herunter und rufen freundlich Katta-Kottu ! Sie sprechen aber so oft meinen Namen aus , daß ich erstaunt frage : Was wollt Ihr denn von mir ? Da öffnet sich eine große sehr fein geschnitzte Pforte , und weißgekleidete Priester tragen in einer Sänfte meinen toten Bruder herbei . Ich laufe ihm entgegen - und er springt auf - und umarmt mich . Und während ich ihn weinend küsse , umtanzen uns kleine weiße Elefanten , rot und grün gestreifte Giraffen , kleine dunkelviolette Schweine und bunt karrierte Kameele . Ein merkwürdiges Volk ! Mein Bruder dreht sich mit mir , und wir tanzen wie die Tiere . Und dabei verwandelt er sich in einen kleinen Zwerg , und ich werde noch kleiner - noch viel kleiner - ich werde - es ist wirklich wahr ! - ein - Floh ! Drollig - nicht ? Ja ! Da sah Alles aus - so groß ! Nicht zu sagen ! Ich hüpfte meinem Bruder auf die dicke Nase , und - er - ach - er zerdrückte mich mit seinem Zeigefinger . « » O weh ! « schrie der gute Tiko . Aber die gute Katta-Kottu bemerkte lächelnd , daß im Traume das Zerdrücktwerden gar nicht so unangenehm sei . Sie plauderte unbeirrt weiter : » Ich träume eigentlich zu allen Zeiten - auch mit offenen Augen am hellen lichten Tage . Sehr oft spiele ich mit den Sternen , klebe dem Monde lange Ohren an und knipse der Sonne die Nase ab , verspeise ein paar Kometen und reiße die Milchstraße entzwei . Ach ja - mit dem Himmel steh ich überhaupt auf sehr freundschaftlichem Fuße . Und nun soll ich einem berühmten Admiral das Traumglück noch deutlicher machen ? Ach , du guter Himmel , gib mir ein Zeichen , daß ich recht habe ! Bitte ! Bitte ! Lieber Himmel , sei so gut ! « Katta-Kottu faltete die Hände , und dabei stieg rauchend die erste Rakete zu den Sternen empor , und helle bunte Diamanten fielen aus dem Feuerkopfe der Rakete langsam hernieder . Tiko sah das Felsenschloß aufleuchten im Diamantenglanz und sagte dann hastig : » Frauen gegenüber behauptet man immer mehr , als man will - oft das Gegenteil von dem , was man denkt . Die Träume sind allerdings nicht ihrer Kürze wegen zu verdammen - umgekehrt ! - sie leiden fast alle an erschrecklicher Länge . Ich hatte das völlig vergessen . Die Träume sind lang und faul : sie ähneln der Schildkröte , während die Tat flink ist wie ein feuriger Tiger . « » Admiral ! « entgegnete die Prinzessin gereizt . » Vergleiche sind billig wie kleine Fische , und lange Schildkröten sind mir unbekannt . Ich könnte auch sagen , der Traum sei die Blüte des menschlichen Lebens , die uns durch ihren Duft und durch ihre Farbenpracht entzückt , während die Tat eine dicke Frucht ist , die man essen kann - essen ! Die Frucht ist nützlich - aber sehr plump . Die Blüte gibt uns doch mehr Glück . Ach Himmel , gib mir ein Zeichen , daß ich recht habe ! « Tiko lächelt , so wie er ' s oft zu tun pflegt , rudert ein wenig weiter in die Mitte des Sees hinein , besieht wieder seinen Siegelring und schildert der Prinzessin mit gesenktem Blick eine stürmische Meeresnacht , redet von Kommandobrücke und Sturzwelle , von Sprachrohr und Tauende , von wegfliegenden Mützen und brechenden Mastbäumen . Wie der Admiral wieder schweigt , starrt er der Prinzessin fest ins Auge - aber siehe ! - da wird ' s plötzlich so furchtbar hell - von oben dringt ein grelles , hellgrünes Licht hernieder - und im selben Augenblick schlägt dicht vor dem goldenen Kahn ein grüner Feuerball in die Mitte des Waldsees . Der goldene Kahn kippt um - und die Prinzessin wird mit dem Admiral in die Tiefe gerissen . Tiko hat gleich mit der Linken das Kleid der Prinzessin gepackt . Und Beide werden zusammen von den wilden Wirbeln immer tiefer ins Wasser gezogen - so sehr sich auch der Admiral mit den Beinen dagegen sträubt . Unten fährt er mit dem rechten Arm so tief in den Schlamm , daß er gleich fühlt , wie auch seine rechte Wange beschmutzt wird . Indessen - tatkräftig wie stets - arbeitet er sich bald aus diesem tiefen Sumpfgebiet raus und schwimmt mit der Prinzessin in der Linken an die Oberfläche des Sees , wo er mit stürmischen Halloh von den Kavalieren und Hofdamen begrüßt und mit der Prinzessin rasch ans Ufer gebracht wird . Am Ufer wird der Tiko von seinem dicken Diener sofort in ein Zelt getragen , von seinem roten nassen Gewande befreit , gewaschen und abgetrocknet . Und dann hilft der Dicke seinem Herrn in die Uniform . Nach zehn Minuten erscheint der Admiral in voller Gala wieder im Freien . Die Hofgesellschaft bereitet dem Retter der Prinzessin eine stürmische Ovation . Er dankt , indem er militärisch grüßt . Die blauen Ampeln wackeln . Man erzählt dem Gefeierten , daß ein hellgrünes Meteor , das wie ein dicker grader Pinselstrich aussah , vom blauen Himmel runter schräg in den See fuhr . Und die Wirbel , die durch das plötzliche Einschlagen des glühenden Weltkörpers entstanden , rissen die Beiden in die Tiefe ; sie waren zu zweit in die Mitte des Sees gerudert . Die andern Boote hatten sich vom Ufer nicht entfernt und kamen so mit dem Schreck davon . Tiko lächelte auch bei diesen Berichten wie sonst , besah wieder seinen Ring und ließ sich zur Prinzessin führen , die soeben aus ihrer Ohnmacht erwacht war . Man hatte ihr schon , als sich der Admiral ihr ehrfürchtig näherte , die ganze Geschichte erklärt . Die Katta-Kottu rief ihrem Retter gleich lachend zu : » Ich habe gesiegt ! Das Meteor war ein Zeichen des Himmels ! Mein Gebet ward erhört - nicht wahr ? Jetzt werdet Ihr wohl , mein lieber Admiral , überzeugt sein , daß das Traumglück höher zu stellen ist als das Tatglück . « » Mitnichten , « versetze der schneidige Tiko , » der Himmel wollte das Tatglück preisen . Die gnädigste Prinzessin wäre nicht am Leben geblieben , wenn ihr nicht das Tatglück des Admirals Tiko treu zur Seite gestanden hätte . « » Ah ! « sprach nun die Katta-Kottu mit verzogener Unterlippe , » der Herr Admiral ist rechthaberisch und will für seine Rettung bedankt sein . Ich danke ! Ich danke wirklich ! Jedoch - ich muß bei meiner Überzeugung bleiben ; ohne Traumglück wird zudem kein Mensch eine große Tat begehen . « Tiko räusperte sich vernehmlich und flüsterte : » Der Mensch wird nichts vollbringen , wenn er im Traumglück stecken bleibt . Wer im Sumpfboden des Waldsees stecken bliebe , würde auch nichts mehr vollbringen . « Darauf schrie die Katta-Kottu , daß es dem Tatmenschen in den Ohren gellte : » Und dennoch ist das Traumglück das einzig wahre Glück ! « Tiko entgegnete ruhig : » Gnädigste Prinzessin , die menschlichen Zungen sind ungleich ; was der einen Zunge süß , kann der andern bitter schmecken . « Katta-Kottu erwiderte still : » Admiral , Ihr habt eine sehr lose Zunge ! Ich wollte Euch noch von den Träumen erzählen , die uns wie alte Erinnerungen und liebe Tote umranken - aber - ich wünsche Euch eine gute Nacht ! « Da versetzte Tiko hart und laut : » Der Admiral Tiko wünscht der Prinzessin Katta-Kottu die beste Besserung ! « Er verbeugte sich kurz , machte links um Kehrt und ging davon . Vor dem Zelt der Prinzessin trat der König dem tapfern Mann in den Weg , umarmte seinen treuen Diener und frug : » Was willst Du nun haben : das Felsenschloß oder das Oberkommando über die große Flotte , die in die Südsee gehen soll ? « » Das Oberkommando ! « lautete die feste Antwort . Der König , ein alter Mann mit weißem Vollbart , erhob seinen rechten Zeigefinger und frug leise : » Ist das weise ? « » Jawohl ! « behauptete ohne Besinnen der starke Tiko . » Weise handelt man stets , wenn man sich über alle Weisheit lustig macht . « Der alte König streichelte seinem treuen Diener die rechte Wange , nickte und meinte dazu obenhin : » Die Katta-Kottu wird sich wohl ebenfalls freuen . « Tiko errötete und verbeugte sich ganz tief . Und dann verschwand er hinterm nächsten Gebüsch , setzte sich lächelnd auf sein wildes Roß , das der dicke Diener gar nicht mehr halten konnte - und sprengte blitzenden Auges dem Hafen zu . Die Sterne funkelten wieder . Im großen Palaste des Königs fiel aus dem linken Auge der Prinzessin Katta-Kottu eine dicke Träne auf das Kinn der Kammerzofe . Ich rauchte , während die Herren lasen - und meine Stimmung wurde beim Rauchen nur noch weicher , so daß ich immer noch zu träumen glaubte . Wir sprachen dann Langes und Breites über die verschiedenen Formen des Schmerzes und besonders über die Leiden , die man seelische zu nennen pflegt . » Nimm Dir , « sagte der King Thutmosis , » diese Leiden mal weg , und dann mach mal was oder werde mal was . Es wird Dir Beides so sauer fallen , daß Du geneigt sein könntest . Dir die Leiden künstlich zu erzeugen . « Danach sprachen wir wieder Vieles über das Nichtreale der Schmerzempfindungen , und ich bezweifelte , daß viele Menschen diese Weisheit begreifen könnten . Dem begnete jedoch der König Amenophis in sehr heftigen Worten . » Wenn erst , « sagte er lebhaft gestikulierend , » der gute Wille da ist , die Völker in dieser Beziehung aufzuklären - so wird dieser gute Wille schon seine guten Früchte zeitigen . Aber vorläufig sind allerdings die weisen Herren des Erdballs eifersüchtig darum bemüht , alle Erkenntnisse , die ihnen mal in den Schoß gefallen sind , für sich zu behalten und für ihr ganz besonderes Eigentum zu erklären . Es wird aber anders kommen . Erkenntnisse sind nicht Dukaten , die man vergraben kann . Es ist sehr töricht , zu glauben , daß die Völker weniger Begriffsvermögen haben als die Einzelnen . Ich , der ich ein alter ägyptischer König bin , werde das wohl besser wissen . Nichts ist leichter zu begreifen als die Lehre von der Unrealität der Erscheinungswelt . Die Völker der Erde haben schon hundertmal schwierigere Dinge begriffen . Und die Lehre von der Unrealität der Empfindungswelt ist noch leichter zu begreifen . Diese Lehre ist ein Anästhetikum erster Güte . Schmerzstiller waren immer sehr beliebt - und diese Lehre vom Wesen ( d.h. von der Wesenlosigkeit ) des Schmerzes wird ebenso beliebt werden . Die Leute werden schon begreifen , wenn man ihnen erklärt , daß alle ihre Schmerzen ihr Dasein bloß der Einbildungskraft verdanken - und daß diese Schmerzen nur Entwicklungsphasen markieren , die sämmtlich Übergangsstadien sind . Jeder Schmerz erhöht die Lebenslust . Schmerzen sind Reizmittel und durchaus notwendig , da viele schwächliche Naturen ohne die sogenannten Schmerzen zu Grunde gehen würden . « Ich kam aus meiner weichen Stimmung durch diese Rede nicht raus und sagte daher ganz weich : » Ich glaube , lieber König , daß Du auf dem richtigen Wege bist . Schmerzstiller können nur von kranken Naturen gebraucht werden . Und es ist nicht unmöglich , daß die Kranken die Lehre von der Schmerzlosigkeit der Schmerzen begreifen könnten . Wie gerne begreift man das , was man sich wünscht . Die Gesunden werden schon weniger leicht von der Existenzlosigkeit des Schmerzes zu überzeugen sein . « » Hoho ! « rief da der König Necho , » in dieser Beziehung habe ich in Ägypten Erfahrungen gesammelt . Da gab ' s viele einfache Kraftnaturen , die gar nicht begreifen konnten , was Schmerz ist . Wenn man an solche Kraftnaturen denkt , wird man viele Grausamkeiten des Altertums nicht mehr mit so entsetzlich empfindsamen Worten verurteilen . Fell und Fell ist ein Unterschied . « Ich fühlte mich so wohl , und meine Zigarre schmeckte mir so gut , daß ich sehr geneigt war , auch kritiklos zuzustimmen ; das weiße Sammetzimmer trug wohl viel zu meinem Oppositionsmangel bei . » Es gibt , « sagte ich , » Menschen , die den Schmerz suchen - und die , glaub ' ich , brauchen auch den Schmerz . Wer ihn nicht sucht , braucht ihn nicht - kennt ihn vielleicht gar nicht . Der Schmerz ist wohl bloß ein Kulturprodukt ; das wilde Tier fühlt noch nicht so empfindsam . « » Worin , « bemerkte der Oberpriester Lapapi , » stecken denn die Reize der Tragödie ? Doch bloß darin , daß man fühlt , wie aus den großen Schmerzen die größten neuesten Freuden erwachsen . « » Und daher , « fuhr nun der General Abdmalik fort , » ist der große Tragiker immer ein großer Humorist , der nie in Verlegenheit kommt . Als Soldat muß ich die großen lustigen Tragiker bewundern ; sie haben was Heldenhaftes an sich . « Auf dem » an « lag der Ton , und ich mußte lachen , da ich allmählich dahinter zu kommen glaubte , daß ein tüchtiger Redner eigentlich » der Held an sich « genannt werden müßte . Und ich sagte , was ich dachte . Und die Nilpferdchen lachen unbändig . » Man kann sich und Andern Alles abschwatzen , wenn man ' s nur versteht . « » Einem festen Redner gegenüber hält Keiner Stand - nicht einmal der Zahnschmerz . « » Ein guter Redner erstickt jeden Widerstand im Keime , da er Keinen zu Worte kommen läßt . « » O