, der reizenden Kleinen mit seinem Besitz zu imponieren , konnte man am Ende , wenn ' s so weit war , in den sauren Apfel beissen . Einstweilen aber hatte es bis zum Frühjahr noch gute Weile . Wer weiss , wie er bis dahin mit Lena stand und ob ihr dann selbst noch an der Gesellschaft der Strehsens gelegen sein würde . Für alle Fälle wollte er Kurt gleich nach Tisch ausdrücklich verpflichten , ihn möglichst oft mit Fräulein Weiss zusammenzubringen . Zum Dank und zur Anspornung würde er ihm einen neuen Kredit in Aussicht stellen . Nach dem Essen wurden die im Programm vorgesehenen , von Bornstein ironisch belächelten Gesellschafts- und Pfänderspiele gespielt , bei denen Kleinigkeiten vom Weihnachtsbaum ausgelost wurden . Um elf Uhr brach die Gesellschaft auf , damit die Berliner noch gute Fahrgelegenheit fanden . Bornstein , der während der öden Spielunterhaltung , an der er sich nicht beteiligte , wenig Gelegenheit mehr gefunden hatte , mit Lena zu sprechen , trat kurz vor dem Aufbruch an sie heran und bat um das Vergnügen , sie nach Haus begleiten zu dürfen . Lena sah mit verlegenem Bedauern zu ihm auf . » Herr Leutnant Kurt hat sich mir schon angeboten - aber wenn Sie trotzdem « - Bornstein machte kurz Kehrt . Nein , er mochte nicht teilen . Ueberdies hatte er ganz genug für heut von den Faseleien des Leutnants . Lotte lieh während der folgenden Tage Lenas enthusiastischen Schilderungen über den Strehsenschen Gesellschaftsabend nur ein zerstreutes Ohr . Ihre Gedanken weilten unablässig bei ihrem letzten Zusammensein mit Gerhart , und wie ein schwerer , drückender Alb lag der feierliche Schwur , den er von ihr gefordert hatte , auf ihrer Seele . Wenn sie wirklich einmal aus diesen Träumereien erwachte , war es nur , um mit erschreckten Augen in die Wirklichkeit zu starren . Sie hatte gleich nach dem Fest die beschämende und beängstigende Entdeckung gemacht , dass , wenn sie den letzten Notgroschen nicht angreifen wollte , es unmöglich sein würde , am ersten Januar die Miete zu zahlen . So also stand es um ihr Fortkommen in Berlin . Zunächst raffte sich Lotte wieder auf , und alles Uebrige in den Hintergrund drängend , sah sie der Gefahr klar ins Auge . Sie rechnete und überdachte , wo zu sparen und einzuschränken sei . Sie trieb alle kleinen Aussenstände eifrig ein , aber trotz des gewaltigen moralischen Aufschwungs , den sie sich gab , kam sie um keinen Schritt weiter . Immer näher rückte der Zahlungstermin , und noch immer war die Miete nicht vollständig beisammen . Lena , auf deren Tagegelder Lotte sich fest verlassen hatte , liess sie vollkommen im Stich . Alles , was sie zu erwarten gehabt , hatte sie sich von einer Kollegin vorschiessen lassen und bereits für allerlei Putz und Tand verausgabt , den sie für den Weihnachtsfeiertag sowohl , als auch für eine mit den Strehsens vereinbarte Sylvesterfeier unentbehrlich hielt . So zärtlich Lotte an Lena hing , so sehr sie die jüngere Schwester bewunderte sie konnte sich nicht verhehlen , dass Lena unerhört leichtsinnig gehandelt hatte . Aber das Herz , die Schwester anzuklagen , ihr Vorwürfe zu machen , hatte sie doch nicht . Lena war fröhlich , glücklich und gesund , während sie selbst alle Tage matter und willenloser wurde . Mochte Lena wenigstens das Leben geniessen , sie mit ihrer grüblerischen Schwerblütigkeit würde doch niemals dazu im Stande sein . Eine Zeit lang dachte Lotte darüber nach , ob sie mit Gerhart über ihre Verlegenheit sprechen sollte . Aber immer wieder verwarf sie diesen Gedanken . Sie wollte ihn nicht herabziehen in die Mühsale ihres kleinbürgerlichen Daseins . Er würde auch wenig Sinn dafür haben , und helfen konnte er ihr nicht , ohne den Beistand der Tante . Das aber wollte Lotte um keinen Preis . Die prächtige alte Dame hatte ihr schon so viel herzliche Gutthaten erwiesen , es widerstand ihr durchaus , sie direkt um eine Hilfeleistung zu bitten . Ausserdem schämte sich Lotte gerade vor Frau Wohlgebrecht ihrer Verlegenheit . Was sollte die thätige , tüchtige Frau , die so viel auf Lotte hielt , davon denken , dass sie gleich , nach dem ersten Quartal schon , ihren Verpflichtungen aus eigener Kraft nicht mehr nachkommen konnte ! Es blieb nur ein einziger Ausweg , und so schwer es Lotte ankam , sie musste ihn gehen und sich blutenden Herzens entschliessen , den kargen Rest ihres kleinen Vermögens anzugreifen . Wenn es so weiter ging , was sollte daraus werden ? Zum ersten Male sehnte Lotte Franz Krieger herbei . Er , mit seinem ruhig erwägenden Blick hätte ihr sicher sagen können , wie und wo sie gefehlt , wo sie anzusetzen habe , um wieder Ordnung und Gedeihen in ihre Verhältnisse zu bringen . Aber er war nicht da ! Von dem Vater würde sie niemals Rat zu erwarten haben , und die Mutter , die treueste Freundin , war nicht mehr ! Sie war allein , ganz allein ! - An Lena gingen Lottes Kämpfe spurlos vorüber . Sie hatte nur noch Sinn für ihre dienstfreien Stunden , die sie zumeist mit den Strehsens verbrachte , und die Sylvesterfeier , zu der Max Bornstein sie alle in ein vornehmes Weinhaus Unter den Linden eingeladen hatte . Mit dieser Feier hatte es seine ganz besondere Bewandtnis . Bornstein , der im allgemeinen kein sonderlicher Freund von Familienverkehr war , hatte längst alle Einladungen abgeschlagen , die ihm , wie alljährlich , zu Dutzenden zugegangen waren . Längst auch hatte er sich vorgenommen , mit Kurt Strehsen den Sylvesterball des Balletkorps zu besuchen . Nachdem er aber Lena Weiss kennen gelernt hatte , gab er dieses Vorhaben auf und machte dem Leutnant den Vorschlag , den letzten Abend des Jahres en famille zu verbringen . Das heisst , was Bornstein so en famille nannte . Er lud das Strehsensche Quartett , Mutter , Töchter und Kurt - der Oberstleutnant wurde selbstverständlich übergangen - ein , am Sylvesterabend seine Gäste zu sein , unter der Bedingung , dass Fräulein Clementine und Elisabeth ihre Kollegin Lena aufforderten , an der Feier teilzunehmen . Auf andere Gäste wurde verzichtet . Man wollte ganz unter sich sein . Lena , die sich während der vergangenen Festwoche schon mehrere Rügen seitens der Aufsichtsdamen zugezogen hatte , war am einunddreissigsten während der Dienststunden derartig zerstreut , dass es nur ihren gutmütigen Nachbarinnen zu danken war , wenn sie , ohne unliebsames Aufsehen zu erregen , durch ihre Arbeitszeit kam . Endlich schlug die Stunde der Erlösung . Rasch , ohne auch nur auf die Strehsens zu warten , stürzte sie davon . Lenas Staat , der Lotte so viel heisse Thränen , so viele qualvolle Stunden gekostet hatte , war schon zurechtgelegt , so dass sie nur hineinzuschlüpfen brauchte . Lena war überglücklich . Das weisse Oberhemd , das kurze , fest anschliessende schwarze Jäckchen darüber sassen wie angegossen . Nun fehlte nur noch der schwarz und weiss karrierte Shlips , und fertig war sie . Es war auch höchste Zeit , denn während Lena die Schleifenenden vor dem schmalen Spiegelchen festknüpfte , wurde draussen die Flurklingel schon gezogen . Max Bornstein hatte um die Erlaubnis gebeten , sie um neun Uhr abholen zu dürfen . Lotte öffnete dem eleganten , jungen , hypermodern gekleideten Mann etwas verlegen die Thür und bat ihn , inzwischen in ihrem » Atelier « Platz zu nehmen , die Schwester würde gleich kommen . Bornstein verbeugte sich tiefer , als er sich je vor Lena verbeugt hatte , und stammelte einige unzusammenhängende Worte , während er dem schlanken blassen Mädchen in ihr Arbeitszimmer folgte . Er hatte etwas ganz anderes von der gemeinsamen Häuslichkeit einer kleinen Putzmacherin und einer Telephonistin erwartet , so eine Art Bohème , in der man es nach keiner Richtung hin sonderlich genau zu nehmen brauchte . Förmlich betroffen war er , alles anders zu finden wie er gedacht . Hier konnte er sich nicht so ohne weiteres im Negligée geben , - wenigstens vor den Augen dieses beinahe vornehmen , stillen Mädchens nicht - wie er es sonst bei dergleichen kleinen Scherzen gewohnt war . Eigentlich fatal ! Bornstein liebte es nicht , besondere Umstände machen zu müssen . Wenn er das vorher gewusst hätte , würde er , einstweilen wenigstens , einen Besuch in dieser geordneten , gut bürgerlichen Häuslichkeit vermieden haben . Endlich kam Lena . Als sie in ihrem neuen , feschen Kostüm in die schmale Thüröffnung trat , ein Lächeln auf dem frischen , rosigen Gesicht , da verschwanden Bornsteins Beklommenheit , sein Unmut im Augenblick wieder . Wahrhaftig , das Mädel war so reizend , dass man sich schlimmsten Falles schon ein paar Unbequemlichkeiten um seinetwillen aufhalsen konnte . Die beiden hielten sich nicht lange mit Abschiednehmen auf . Ihr schwarzes Jacket und das Pelzbarett hielt Lena schon in der Hand . Bornstein half ihr galant hinein , und dann , nachdem Lena Lotte flüchtig auf die Wange geküsst und Bornstein sich steif vor ihr verbeugt hatte , eilten sie durch die Küche die Treppe hinunter . Vom Hofe her hörte Lotte ihr fröhliches , etwas lautes Lachen . Nachdenklich schüttelte sie den Kopf . Diese Freundschaft Lenas wollte ihr nicht so recht gefallen , insbesondere nicht , seit sie Herrn Bornstein nun selbst gesehen hatte . Freilich , er war ein intimer Bekannter von Strehsens , folglich nach Lottes kurzsichtiger Logik ein jedes Vertrauens werter Mann . Auch hatten die Strehsens Lena ja völlig in ihren Schutz genommen , sie gehörte seit Weihnachten beinahe wie zur Familie , also trugen sie auch die Verantwortung für Lena . Trotzdem würde Lotte unter anderen Verhältnissen Lena nicht so ohne weiteres den Kavalierdiensten des Herrn Bornstein überlassen haben . Aber jetzt - nach dem , was zwischen ihr und Gerhart vorgekommen war , hatte sie auch nur das Recht zu einem Vorwurf , einem Tadel ? Ein kleiner Trost war es ihr , dass Franz Krieger , an den sie jetzt fortwährend denken musste , oft genug zu Haus gesagt hatte : » Die Lena wird schon durchkommen , die weiss sich zu helfen . Die lässt sich so leicht kein X für ein U machen . « Und dann hatte er hinzugefügt : » Aber Du , Lottchen ! Was soll aus Dir werden ? « Der gute , brave Mensch ! Lotte seufzte auf . Er würde es sich zu Herzen nehmen , er ganz gewiss , wenn er gewusst hätte , wie tief sie jetzt schon in Sorgen steckte . Aber es musste durchgekämpft werden , es musste ! Sie nahm ihre kleinen Geschäftsbücher vor und fing an zu rechnen und zu überlegen , wie sie es im nächsten Jahre praktischer und nutzbringender einrichten könnte . Auch das Haushaltungsbuch schlug sie auf . Es half nichts , so schwer es auch war , sie mussten noch einfacher leben , sich noch mehr abgehen lassen . Sie mussten leben , wie wirklich arme Leute ! Den Kopf in die Hand gestützt , sass sie und rechnete . Sie hatte viel Zeit , die ganze lange Sylvesternacht durch . Gerhart hatte die Jahreswende mit ihr allein verleben wollen . Sie hatte sich geweigert , mit blutendem Herzen , aber sie hatte es doch fertig bekommen . Seit sie ihm jenen Schwur geleistet , fürchtete sie sich instinktiv vor dem Alleinsein mit ihm . Sie hatte ihm andere Vorschläge gemacht , aber er hatte nur sie , sie allein gewollt . Als sie unerbittlich blieb , war er in heftigem Zorn davongegangen . Wie sie von Frau Wohlgebrecht zufällig gehört , würde er Sylvester in einer freien literarischen Vereinigung feiern . Während Lotte sich das Hirn zermarterte , was sie an Groschen und Pfennigen sich absparen könne , ging es in dem , von den Restaurationsräumen etwas abseits gelegenen Zimmer , in das Bornstein seine Gäste geladen hatte , hoch her . Lena war die übermütigste von allen . Sie genoss , völlig harmlos , aber in vollen , durstigen Zügen , was sich ihr bot , Stunden leichtlebigen Genusses , wie sie sie nie zu träumen gewagt . Alles entzückte und berauschte sie . Das rot ausgeschlagene , luxuriös ausgestattete Zimmer , die in Kristall und Silber blitzende Tafel , die kostbaren frischen Blumensträusse , die vor dem Gedeck jeder Dame lagen , das ausgezeichnete Souper , die köstlichen Weine , von denen sie freilich nur zu nippen wagte . Ihr ganzes Leben lang hätte sie so dasitzen mögen , selbst plaudern und dem Geplauder zuhören , den feinen Duft , aus Blumen und exquisiten Speisen gemischt , einatmen und den bethörenden Schmeicheleien zuhören , die ihr Nachbar ihr von Zeit zu Zeit ins Ohr flüsterte . Diese Schmeicheleien ernst zu nehmen , oder gar sich durch sie zu einem wärmeren Gefühl hinreissen zu lassen , daran dachte Lena nicht . Nur lustig wollte sie sein , geniessen und auskosten , was ihr so freigebig geboten ward . Clementine und Elisabeth machten sich heute weidlich über ihre Kollegin lustig . So recht kleinbürgerliche Provinz , das Vergnügen an einem solchen Abend derartig zur Schau zu tragen ! Sie hatten zwar alle drei , Mutter und Töchter , den ganzen Tag auf das Bornstein ' sche Souper hin gehungert , aber um nichts in der Welt hätten sie sich merken lassen , wie gut es ihnen schmeckte , wie behaglich es ihnen nach der häuslichen Misere in dieser luxuriösen Umgebung zu Mute war . Die hagere Frau Oberstleutnant , die heute spitzer und verkümmerter aussah denn je , nahm Lenas und Bornsteins Benehmen ernster als ihre Töchter . Sie hatte sich zwar niemals eingebildet , dass Bornstein Absichten auf Clementine oder Elisabeth habe , aber die so grob zur Schau getragene Verehrung des Bankiers für die kleine Telephonistin , der diese , in ihren Augen wenigstens , mehr als koketten Vorschub leistete , verletzte und empörte sie doch . Ausserdem drohte dieser Fall all ihre ausgeklügelt freisinnigen , gesellschaftlichen Anschauungen jäh über den Haufen zu werfen . Das Benehmen der beiden war einfach skandalös bürgerlich . So inkorrekt hätte sich ein Mann von Adel , ein Mädchen der Aristokratie nie betragen . Was aber konnte man schliesslich erwarten von einem jungen Menschen , dessen Grossvater noch hinter dem Ladentisch eines Materialwaarengeschäfts gestanden hatte , und einem Mädchen von Gott weiss welcher Abkunft , aus Gott weiss welchem märkischen oder mecklenburgischen Nest , dessen Name als Geburts-oder Sterbestätte niemals im Gothaer vermerkt gewesen war , noch mutmasslich jemals darin vermerkt sein würde ! Schliesslich aber beschloss die Frau Oberstleutnant doch gute Miene zum bösen Spiel zu machen , schon um Kurts willen , der es in keinem Fall mit Bornstein verderben durfte . Sie mochte gar nicht an die Misere denken , die wieder über sie hereinbrechen würde , wenn Bornstein eines Tages Kurt den Kredit , den er ihm so freigebig gewährte , wieder entziehen würde . Erst lange nach Anbruch des neuen Jahres wurde die Tafelrunde in dem roten Zimmer aufgehoben . Kurt , der unbesonnener Weise in Uniform erschienen war , hatte sich nicht mit Unrecht geweigert , in der ersten Stunde nach Mitternacht die Damen durch die Friedrichstadt zu begleiten . Rempeleien mit Zivilisten waren seine Sache nicht . Er war im Grunde viel zu aristokratisch bequem , um nicht gern jedem Anlass zu Unannehmlichkeiten oder Streit aus dem Wege zu gehen - nicht nur in der Sylvesternacht . An der Leipziger- und Friedrichstrassen-Ecke trennte man sich . Kurt bestieg mit seinen Damen den letzten Pferdebahnwagen nach dem Westen , Bornstein begleitete Lena nach Hause . Bornstein hatte eigentlich von diesem Heimweg in Anbetracht der animierten Stimmung , in der sie sich beide befanden , mehr erwartet . Trotzdem man , wie auf stillschweigendes Uebereinkommen , den Weg lang genug ausdehnte , gelang es Bornstein nicht , mit Lena über das Mass des Herkömmlichen hinauszukommen . So übermütig sie sich auch den ganzen Abend mit ihm gezeigt hatte , sobald sie allein mit ihm war , zog sie , sich selbst vielleicht unbewusst , eine Grenze , über die selbst ein Bornstein sich nicht hinauswagte . Verwünscht , wie viel von der Dame in diesen beiden Mädchen steckte ! Na , nur nicht gleich den Mut verloren . Was nicht war , konnte ja am Ende werden . Als er zum so und sovielten Male vor der Zimmerstrasse Kehrt machen wollte , erklärte Lena sehr entschieden , totmüde zu sein und nach Haus zu wollen . Erst als er ganz ehrlich kummervoll noch um ein paar Minuten bat , da er morgen auf mehrere Tage von Berlin fort müsse , liess sie sich erweichen und schlenderte noch ein Weilchen neben ihm her . » Wo müssen Sie denn hin , Herr Bornstein ? « fragte sie schon halb verschlafen . » Nach Dahlow , liebes Fräulein Lena . Ach , ich wünschte , Sie kämen mit ! Es wird zum Sterben langweilig werden . Denken Sie nur , in dem grossen Haus ganz allein mit dem Inspektor ! Nichts wie rechnen und wieder rechnen und bogenlange Berichte entgegennehmen und Belege einsehen und revidieren - Brr . - Wenn die Jagd nicht wäre , möchte man geradezu verrückt werden ! « Lena war bei der Erwähnung von Dahlow wieder munter geworden . Von ihrer Kindheit her , damals als der Vater noch Inspektor auf Gross-Klockow gewesen , hatte sie eine heimliche Liebe für grossen Grundbesitz , natürlich nur , wenn es darauf wie auf einem echten Herrensitz zuging . Für ihr Leben gern hätte sie Dahlow einmal gesehen ; aber sie durfte Bornstein das nicht merken lassen , sonst hätte er sie gleich beim Wort genommen , und es ging doch unmöglich an , dass sie zu ihm nach Dahlow kam . So fragte Lena hauptsächlich nach dem , was ihr das Unverfänglichste erschien und was sie doch wieder am meisten interessierte , nach seiner Blumen- und Obstzucht , von der er ihr am Weihnachtsabend bei Strehsens schon einmal flüchtig erzählt hatte . Bornstein , der selbst ein grosser Blumenfreund war und dem überdies daran lag , ihr Dahlow so verlockend wie möglich zu schildern , machte wahrhaft märchenhafte Beschreibungen von seinen Treibhäusern und Mistbeeten . Mehlmann , sein Obergärtner , war eine Spezialität für seltene Arten von Blumen und Früchten . Er hatte auf der letzten grossen Blumen- und Obst-Ausstellung in Treptow eine der höchsten Auszeichnungen bekommen . Lenas noch kurz zuvor so verschlafene Augen wurden gross und grösser . Blumen , und seltene dazu , waren ihre Passion . » Ich bringe Ihnen einen Strauss Orchideen mit , Fräulein Lena , wenn Sie ein bischen nett mit mir sind - aber das Beste wäre schon , Sie kämen selbst heraus . « Bornstein sah das Mädchen mit bittender Frage an , aber sie schien ihn durchaus nicht zu verstehen oder verstehen zu wollen . So fügte er , wie vor acht Tagen , nur um etliches verstärkt hinzu : » Mit Strehsens natürlich . « » Aber ich bekomme keinen Urlaub ! « » Na , noch besser . Diese albernen Postonkels . Das fehlte gerade ! Dann schwänzen Sie eben ' mal . « » Darauf steht augenblickliche Entlassung . « » Mein Gott , wie kann man sich in solchen Drill begeben , wenn man ein so fesches Mädel ist wie Sie , Lena . Warum sind Sie nicht auch Putzmacherin wie Ihre Schwester ? Da könnten Sie den ganzen Tag thun und lassen was Sie wollten . « Lena seufzte ganz heimlich auf . So wie Herr Bornstein jetzt sprach , hatte sie schon die ganze letzte Woche über gedacht . Der regelmässige Dienst fing an ihr schrecklich langweilig und drückend zu werden . Aber sie wollte ihrem neuen Freunde nicht Recht geben und behauptete , sich in diesem » Drill « , wie er sagte , riesig wohl zu fühlen . Sie war doch etwas - königliche Beamtin . - » Auch was rechts « , brummte er . So unter Scherzen und Streiten kamen sie endlich vor Lenas Hausthür an . » Nun aber wirklich Gute Nacht ! « Er hätte ihr für sein Leben gern einen Kuss gegeben , aber sie sah ihn so merkwürdig verwundert an , als er sich zu ihr herabbeugte , dass er es vorzog , sich mit dem schmalen , rosigen Streifen , zwischen Handschuh und Jacketärmel zu begnügen . Lena wurde puterrot , aber sie freute sich doch . » Und wann darf ich Ihnen die Orchideen bringen ? « Einen Augenblick lang sah sie ihn zögernd und schwankend an . Dann sagte sie rasch entschlossen ohne Ziererei und Koketterie : » Sonntag Abend bei uns . Von sieben ab bin ich dienstfrei . « Bornstein war es nicht ganz zufrieden . Er fürchtete die stille Schwester mit ihrem ruhigen , vornehmen Ernst , aber dennoch sagte er freudig zu . Am Ende war es immer besser als nichts . - Die gute Frau Wohlgebrecht hatte wieder einmal einen kräftigen Zorn auf Lotte . Nach einem steifen Neujahrsbesuche hatte das Kind sich nicht mehr sehen lassen . Irgend etwas war da wieder nicht in Ordnung . Wenn die alte Wohlgebrecht auch die Bildung nicht gepachtet hatte , ihre gesunden Augen hatte sie doch im Kopf und ein X für ein U liess sie sich noch lange nicht machen . Zunächst nahm sie ihren Gerhart ins Gebet , der auch nicht gerade in rosiger Laune herumlief und mehr Zeit in seinen modernen Klubs und Vereinigungen verbrachte , als ihr lieb war . Viel war ja nicht aus ihm herauszubekommen . Er machte dunkle Andeutungen über die Beschränktheit der Weiber , über verrottete , unmoderne Vorurteile , über erbärmliche Rücksichten auf Brauch und Herkommen , die einem Seele und Sinne zernagten , was er aber eigentlich damit meinte , und ob sich etwas , alles , oder gar nichts von seinen dunkeln Reden auf Lottchen Weiss bezog , daraus konnte Frau Wohlgebrecht absolut nicht klug werden . Nicht viel anders erging es ihr bei Lotte selbst , als sie an einem eisig kalten Abend um die Mitte Januar zu ihr herumkam . Der Name Gerhart schien ihr die Lippen eher zu schliessen als zu öffnen , und doch hatte Frau Wohlgebrecht ihren Kopf darauf gesetzt , dem armen Kinde , das sie so blass und traurig fand wie nie zuvor , zu helfen . Sie versuchte es hier , sie versuchte es da , bis sie endlich auf die rechte Spur gekommen schien . » Na und Herzchen , wie stehts denn mit dem Jahresabschluss und dem Geschäft ? « Da hielt Lotte sich nicht länger , und in Thränen ausbrechend legte sie eine umfassende Beichte ab . Frau Wohlgebrecht hörte dem langen Bericht stillschweigend zu . Das war so recht etwas für sie , trösten und helfen können . Denn getröstet musste das liebe Geschöpf werden , und geholfen werden musste ihm erst recht , das stand fest in dem goldenen Herzen der alten Frau . Während Lotte sprach , unterbrach Frau Wohlgebrecht sie mit keinem Wort . Nur ab und zu klopfte sie dem Mädchen zärtlich auf die Schulter oder streichelte Lottes nervös verschränkte Hände , um ihre Teilnahme kund zu thun . Erst als Lotte die heftigsten Anklagen gegen sich selbst erhob , ergriff Frau Wohlgebrecht das Wort und protestierte ganz entrüstet . » Was reden Sie nur da , Kindchen ? Glauben Sie etwa , es ginge Andern nicht so ? Wenn zwei so arme , unerfahrene Dinger wie Sie und Ihre Schwester in Berlin auf anständige Weise glatt durchkommen , so ist das eine Ausnahme , aber eine grosse , sag ' ich Ihnen . Was denken Sie denn , was hier alles herumläuft und Arbeit sucht ? Eins schnappt sie dem andern vor der Nase weg . Wer zuerst kommt , mahlt zuerst . Das ist einmal nicht anders . Aber wer A gesagt hat , muss auch B sagen können . Nu , man Kopf hoch und am rechten Ende angefasst , damit die Verlegenheiten aufhören . « Frau Wohlgebrecht sah sich in dem netten behaglichen Raum um . » Wie lange haben Sie hier Kontrakt , Kindchen ? « » Bis Oktober übers Jahr . « » Hm , ja - na das kann sich später finden . Erst wollen wir ' mal sehen , ob sich nicht mehr verdienen lässt , ehe wir an die äuserste Grenze der Sparsamkeit gehen . Sagen Sie ' mal , wie ist denn das mit Ihrer Schwester ? Die kriegt doch , so viel ich weiss , ihre 2 Mark 25 Tagegelder . Die muss doch ordentlich zuschiessen ? « Lotte war in tötlicher Verlegenheit . Um nichts in der Welt hätte sie gerade Frau Wohlgebrecht , die schon so wenig von Lena hielt , die Wahrheit gesagt . Sie stotterte etwas von grossen Ausgaben , die Lena gehabt , und dass das alles in diesem Monat anders sein würde . Und um Frau Wohlgebrecht gar nicht erst zu Gedanken oder Wort kommen zu lassen , fügte sie rasch hinzu : » Ich glaube , es ist besser , ich gebe das selbständige Arbeiten ganz auf und sehe mich nach einer Stelle in einem Modewarengeschäft um . Ein grosses Gehalt wird man mir freilich nicht geben « , fügte sie bitter hinzu , » denn für Berliner Geschmack verstehe ich , wie es scheint , nicht genug , aber es ist doch immer was sicheres . « Dabei warf Lotte einen so sterbenstraurigen Blick auf ihren Arbeitsschrank und ihre behagliche kleine Umgebung , als gelte es heute schon , auf Nimmerwiedersehen davon Abschied zu nehmen . Frau Wohlgebrecht hatte den Blick aufgefangen und verstanden . Das Herz that ihr ordentlich weh dabei . Wenn man dem Kinde doch nur dies bischen armseliges Glück erhalten könnte , die ruhige Arbeit in den eigenen vier Wänden ! Frau Wohlgebrecht wusste im Voraus , dass die stille Lotte sich in einem Berliner Geschäft totunglücklich fühlen würde . » Na , nur nichts übereilen , Lottchen . Nur keine überstürzten Entschlüsse fassen , das hat noch allemal gereut . « Frau Wohlgebrecht stand auf . » Lassen Sie mir ein paar Tage Zeit , Kind . Ich will das alles überlegen . Was haben wir heute ? Mittwoch . Schön . Kommen Sie Sonnabend Abend nach Geschäftsschluss zu mir herum . Bis dahin denke ich , werde ich einen Rat für Sie wissen . « Sie küsste Lotte auf die Stirn und ohne ihren Dank abzuwarten , war sie auch schon davongegangen . - Als Lotte am Sonnabend Abend um die verabredete Zeit zu Frau Wohlgebrecht kam , trat Gerhart ihr mit einem seltsamen Gemisch von Freude und Bestürzung entgegen . » Denken Sie nur , Lottchen , die Tante - nein , es ist kein Unglück geschehen - wie Du gleich blass wirst - so kommen Sie doch herein , Lottchen - bitte - ! « Sie folgte ihm zögernd in das kleine gemütliche Zimmer mit dem schwarzen Rosshaarsopha . Auf dem runden Mahagonitisch brannte die Lampe und davor lagen Gerharts Schreibereien , gerade so wie sie es zum erstenmal gesehen , als sie zaghaft und fremd den halbdunklen Laden betreten hatte . » Was ist denn mit Frau Wohlgebrecht ? « » Die Tante ist heut Nachmittag telegraphisch nach Westpreussen gerufen worden , Sie wissen ja , Lottchen , zu der Nichte , der jungen Frau , zu der sie im Frühjahr hinwollte . Da ist ein Malheur passiert , ein bischen was schief gegangen . Du brauchst nicht so entsetzte Augen zu machen , Lotte , das kommt öfter vor . Tante wird nun wohl für lange Zeit fortbleiben . Ich führe das Geschäft einstweilen allein . Aber willst Du Dich denn nicht endlich setzen , Lotte ? Ich glaube wahrhaftig , Du fürchtest Dich schon wieder vor mir . Du kannst ganz ruhig sein - seit dem Weihnachtsabend im Deutschen Theater - « Er sprach nicht weiter , doch in dem , was er gesprochen , hatte eine so unendliche Bitterkeit gelegen , dass Lotte die Thränen in die Augen schossen . Sie nahm sich zusammen und setzte sich auf den Stuhl , den er ihr hingeschoben hatte , um ihm zu zeigen , dass sie ihm vertraute . Er nahm ihr den Schulterkragen ab und das schwarze Hütchen . » Minna ist draussen . Sie kann uns einen Thee machen , wenn Du willst . « Lotte schüttelte den Kopf . » Ich habe schon Abendbrot gegessen . Hat Frau Wohlgebrecht Ihnen denn gar keinen Auftrag für mich gegeben ? « Er setzte sich zu ihr . » Einen ganzen Band voll . Gross Folio , so dick . Wir haben in diesen Tagen über alles gesprochen und sind uns über alles einig geworden . Wirklich , Lottchen , Sie können sich einbilden , nicht ich , sondern die Tante spräche jetzt mit Ihnen . « Ohne dass sie es wollte , huschte ein Lächeln über ihr Gesicht . Gerhart griff nach ihrer Hand . » So müsstest Du immer aussehen ! « Dann setzte er sich absichtlich ein wenig entfernt von ihr in die Sophaecke und zog eine ganz geschäftliche Miene auf . » Also Lottchen , die Tante und ich sind zu dem Entschluss gekommen , Ihnen zu raten , einstweilen , wenigstens bis Ostern , die Verhältnisse zu lassen , wie sie sind . - « » Ja aber - « » Zu besseren Einnahmen müssen Sie es natürlich bringen . Die Tante hat Ihnen da - « er schob ihr einen mit Namen und Adressen beschriebenen Zettel über den Tisch zu - » Familien aufgeschrieben , von denen Sie zweifellos , wenn auch nicht gleich , so doch nach dem Frühjahr zu