Hat sie denn diese Angst empfunden ? Ich habe nämlich gehört , daß der Scheintote gar nichts von sich weiß , weil seine Seele den Körper verlassen hat und außerhalb desselben wandelt . « » Die Gelehrten behaupten allerdings , daß beim wirklichen Scheintode das Bewußtsein und die Empfänglichkeit der Sinne vollständig erloschen seien . Das ist bei meiner Großmutter zwei Tage lang der Fall gewesen ; als dann am dritten Tage ihr die Besinnung zurückkehrte , hat sie sich im Sarge liegend gefunden . Doch hat sie das nur aus den Reden der um sie Stehenden schließen , nicht aber sehen oder fühlen können , weil es ihr unmöglich gewesen ist , die Augen zu öffnen oder überhaupt mit irgend einem Gliede die geringste Bewegung zu machen . Sie fand später keine Worte , die entsetzliche Angst , die Verzweiflung zu beschreiben , mit welcher sie sich angestrengt hatte , ein Lebenszeichen zu geben ; aber ihr Wille , die ganze Summe ihrer geistigen Energie war ohne Einfluß auf den Körper gewesen . Da hatte sie eingesehen , daß ihre einzige Rettung nur noch im Gebete liege . Sie war eine gottesgläubige , sehr fromme Frau , und du kannst dir denken , daß sie nie so inbrünstig gebetet hat wie damals vor der dunklen Pforte des Grabes , in welches sie bei vollem Bewußtsein gebettet werden sollte . Unsere heilige Schrift sagt : Das Gebet des Gerechten vermag viel , wenn es ernstlich ist . An diesem Ernste hat es bei Großmutter wohl nicht gefehlt , und so sind diese Bibelworte auch an ihr zur Wahrheit geworden . Als ein Kind zum Abschiede ihre Hand faßte , hat sie endlich , endlich die Finger bewegen und den Druck erwidern können . Das Kind hat vor Schreck laut aufgeschrieen und zitternd und stammelnd die Mitteilung gemacht , daß die Tote noch nicht ganz gestorben , sondern in der Hand noch lebendig sei , worauf man sich von der Wahrheit dieser Behauptung überzeugte und nach dem Arzte schickte , unter dessen Behandlung die Kranke dann langsam wiederhergestellt wurde . « Hanneh hatte vorhin ihr Zelt verlassen und sich uns auch zugesellt . Sie verfolgte das , was ich erzählte , mit großer Aufmerksamkeit und fiel jetzt mit der Frage ein : » Du bist der Ansicht , Sihdi , daß die Seele der Mutter deines Vaters damals ihren Körper verlassen habe ? « » Ja , « antwortete ich . » Das ist mir von großer Wichtigkeit ! Aus dem , was du erzähltest , folgt , daß deine Großmutter eine Seele gehabt hat ? « » Allerdings . « » Glaubst du , daß sie die einzige Frau auf Erden war , welcher Allah eine Seele gab ? « » Nein , denn jedes Weib erhielt dies Gottesgeschenk . « » Und der Islam lehrt , das Weib besitze keine Seele und könne also auch nicht teilnehmen an den ewigen Freuden des Paradieses . Der Islam sagt , das Weib sei nur zu dem Zwecke geschaffen , mit ihrem Körper Dienerin des Mannes zu sein , und darum habe mit dem Tode dieses Körpers für sie alles Leben aufgehört . Ich habe mit dir , Effendi , in jener Nacht hinter den Zelten über diesen uns beleidigenden Mißglauben gesprochen , und du erfülltest mein Herz mit Trost und Beruhigung , indem du mir die Ueberzeugung gabst , daß wir Frauen auch eine Seele besitzen und also ebenso wie ihr zur Seligkeit berufen sind . Du hast meine damalige heiße Bitte erhört , und auch Halef , den Begründer meines irdischen Glückes , zum Glauben an diese meine unsterbliche Seele gebracht , und nun du heut von der Seele deiner von dir so sehr geliebten Großmutter erzählst , muß auch bei all den Männern , welche hier stehen und deine Worte gehört haben , der letzte Zweifel an unsere Unsterblichkeit schwinden . Ich danke dir ! Ich möchte nun noch eins gern wissen . Wenn die Seele deiner Großmutter damals ihren Körper verlassen hat , so muß sie während der Zeit bis zu ihrer Wiederkehr an einem andern Ort gewesen sein . Weißt du , wo ? « » Nein . « » Hast du sie nicht gefragt ? « » Als Kind nie , weil mir die dazu nötige Einsicht fehlte ; aber später , als ich nach den Geheimnissen des Glaubens zu forschen begann , die es für den , welcher wirklich glaubt , doch gar nicht giebt , weil die Erleuchtung die erstgeborene Tochter des wahren Glaubens ist , da erkundigte ich mich allerdings sehr oft und angelegentlich bei ihr , ob die zwischen dem Schwinden und der Wiederkehr ihres Bewußtseins liegende Lücke nicht vielleicht durch irgend eine wenigstens später erwachte Erinnerung auszufüllen sei . Sie wußte aber nichts . « » Das kann ich nicht begreifen . Nach dem , was ich von dir über die Menschenseele gehört habe , kann in ihrem Leben und in ihrem Bewußtsein niemals eine Pause eintreten . « » Pause ? Das ist das richtige Wort ! Du giebst mir da das Gleichnis in die Hand , welches dir , obgleich es nicht ganz treffend ist , doch wenigstens einigermaßen die Erklärung bringt . Du wirst mich verstehen , weil du die Uhteh52 zu spielen verstehst . Es waren während der Abwesenheit der Seele in dem Gehirn der Scheintoten Pausen entstanden , leere , unempfindlich gewordene Stellen , welche sich auch später unempfänglich für die Töne der Erinnerung zeigten . Aber wenn sie sich auch nicht klar entsinnen konnte , ein nach rückwärts gerichtetes heiliges Ahnen , das fromme Gefühl eines gehabten , seligen Schauens war geblieben , und infolgedessen sah ich die größte Hoffnung ihres Erdenlebens , welches ein Leben in Armut und in Sorge war , auf das einstige Wiedererwachen der Herrlichkeit gerichtet , welche ihr schwaches , irdisches Gedächtnis nicht hatte festhalten können . Sie lebte bis zu ihrem Tode ein doppeltes Leben , indem sie in aufopfernder Treue und Selbstentsagung für die Ihren arbeitete und jeden von dieser Arbeit freien Augenblick dem Trachten nach der himmlischen Klarheit widmete . Diese ist ihr , wie ich überzeugt bin , nun schon längst geworden . « » Wie fest , wie fest du glaubst , Sihdi ! « meinte Hanneh , indem sie in tiefer Rührung die Hände faltend ineinander legte . » Es giebt wohl nichts , gar nichts , was dich in diesem unerschütterlichen Glauben irremachen könnte ? « » Nichts ! Ich habe mit allen möglichen Unholden des äußeren und des Seelenlebens um ihn gerungen und bin auch jetzt noch in jedem Augenblicke bereit , für ihn zu kämpfen und mein Leben einzusetzen . Glaube mir , die in Menschengestalt sichtbaren Feinde sind nicht die stärksten und die schlimmsten Gegner dieser meiner seligmachenden Glaubenszuversicht ; die heißesten Kämpfe werden vielmehr im verborgenen Innern ausgerungen , wo der Einfluß dunkler Mächte größer ist als im sichtbaren Leben , welches nur die Wirkungen dieses Einflusses zeigen kann . Wohl dir , meine liebe Hanneh , wenn deine Engel die Hände über dich breiten , um solche Mächte und solche Kämpfe von dir fernzuhalten ! Nicht jeder besitzt die Ueberzeugungskraft , welche erforderlich ist , siegreich aus ihnen hervorzugehen . « Da lächelte sie mich herzig an und sagte : » Sihdi , warum sollte ich kämpfen , also etwas so Schweres thun , was ich ja gar nicht nötig habe ? Du hast mir deinen herrlichen Glauben gebracht und mir ihn in mein Herz gelegt . Was du mir giebst , ist gut . Da liegt er nun wie eine Sonne , die mich und mein ganzes Leben hell erleuchtet und erwärmt , und wo es eine solche Sonne giebt , da können finstere Mächte doch nicht sein . Wir haben jetzt hier eine irdische Kijahma erlebt , die Auferstehung eines Leibes von den Toten ; du aber hast mir durch deinen Glauben schon längst eine schönere , eine herrlichere Kijahma gebracht , eine Auferstehung der Seele von dem Tode , ein Hervorsteigen aus dem Grabe des Irrtums , in welchem es für mich kein Wiedererwachen , sondern nur Verwesung gab . Diese Kijahma ist für dich im Buche des Lebens aufgezeichnet und wird für dich zeugen , wenn einst deine Thaten , Worte und Gedanken abgemessen werden ! « » Sie hat in Gottes Willen gelegen und ist das Geschenk seiner Liebe , die alle Menschen selig machen will ; ich besitze kein Recht , mir einen Dank dafür anzumaßen . Es ist ja so leicht , den Glauben in ein Herz zu legen , welches ihm so sehnend , so willig und voll Vertrauen offen steht . Zwar ist dieses Sehnen in jede Menschenbrust gelegt , aber zugleich wohnen da auch die Geister des Hochmutes , der Selbstgefälligkeit , der Genußsucht , des Ungehorsams , der sich nicht strafen lassen will , und noch viele andere , die es nicht zu Worte kommen lassen . « Da nahm Omar Ben Sadek das Wort , indem er sagte : » Effendi , du sagst die Wahrheit wenn du von diesen Geistern redest . Was war ich für ein Mann , als du mich kennen lerntest ? Ein nach Rache , nach blutiger Vergeltung schnaubender Mensch , ein Anhänger des Islam , der nur sich selbst liebte , seine Feinde haßte und gegen alle andern Personen nichts als stolze Gleichgültigkeit empfand . Du warst der erste unter allen Leuten , der mich zur Achtung zwang . Darum wünschte ich , ebenso wie Hadschi Halef , unser jetziger Scheik , daß du Muhammedaner werden möchtest , denn wir hatten dir so viel zu verdanken und wollten dir den Himmel gönnen , den wir nur für die Anhänger des Propheten offen glaubten . Wir arbeiteten an dir ohne Unterlaß , zu jeder Zeit ; du sagtest nichts dazu ; ein Lächeln war alles , was dir unsere Bemühungen entlocken konnten . Ein anderer an deiner Stelle hätte uns mit den Lehren des Christentums bekämpft , und es wäre ein unerquicklicher Wortstreit entstanden , der uns verfeindet und unsere schließliche Trennung herbeigeführt hätte . Du aber warst zu klug , in das Verhalten der Prediger zu verfallen , welche , ohne unsere Lehren zu kennen , uns zumuten , die ihrigen als richtiger und besser anzunehmen . Du brachtest keine Lehren ; du sagtest keine Worte , aber du sprachst in Thaten . Du lebtest ein Leben , welches eine hinreißende , eine überzeugende Predigt deines Glaubens war . Wir waren deine Begleiter und lebten also dieses dein Leben mit . Der Inhalt des deinigen war Liebe , nichts als Liebe . Wir lernten diese Liebe kennen und liebten zunächst auch dich . Wir konnten nicht von dir lassen und also auch nicht von ihr . Sie wurde größer und immer mächtiger in uns ; sie umfaßte nicht bloß dich , sondern nach und nach auch alle , mit denen wir in Berührung kamen . Jetzt umfängt diese unsere Liebe die ganze Erde und alle Menschen , die auf ihr wohnen . Wir haben den Kuran vergessen ; wir sind gleichgültig geworden für die Gesetze des Propheten , durch welche die Geister , von denen du sprachst , ihre Macht über uns gewannen . Unser Stamm ist groß und berühmt geworden durch das Beispiel , welches wir befolgten , weil es uns von dir , den wir liebten , gegeben wurde . Wir sind unabhängig geworden durch dich ; wir kennen keinen Scheik und keinen Stamm der Dschesireh53 , von dessen Willen wir uns bestimmen lassen . So haben wir uns auch von der Oberhand des Islam freigemacht . Wir wollten dich zu ihm bekehren , sind aber , ohne daß wir es nur merkten , durch die Predigt deiner Thaten , welche nichts als Liebe lehrten , von Muhammed fort- und auf das hohe Minareh54 dieser Liebe hinaufgeleitet worden , von welchem aus es nur ein Gebot und eine Stimme giebt , nämlich die heiligen Worte , welche wir von dir lernten : Gott ist die Liebe , und wer in der Liebe bleibt , der bleibt in Gott und Gott in ihm ! So hast du in uns den Geist der Selbstsucht , des Hasses , der Rache besiegt ; so hast du aus uns Menschen gemacht , welche die Friedenspfade Allahs wandeln , und so bin auch ich durch dich aus einem nach Vergeltung schreienden , unerbittlichen Bluträcher ein gläubiger und folgsamer Anhänger des Gottessohnes geworden , der seine Lehre von der ewigen Macht der Liebe durch sein ganzes Leben , durch sein Leiden und dann durch seinen Tod besiegelt und bestätigt hat . Hanneh , die Beglückerin unseres Scheikes , ist es nicht allein , welche von einer Kijahma sprechen kann , sondern wir alle haben eine Kijahma gehabt , eine Auferstehung , eine Befreiung , eine Rettung aus dem Reiche des Hasses in das Reich der Liebe und des Friedens . Das , Effendi , wollte und mußte ich dir sagen , weil mein Herz mich dazu treibt , jetzt , wo wir auch eine Kijahma vor uns haben , welche der Schärfe deines Auges zu verdanken ist . « » Und noch eine Frage , « fiel Hanneh wieder ein . » Besitzt Emmeh , die freundliche Spenderin deiner Behaglichkeit , auch einen so festen Glauben , grad wie du ? « » Ja , « antwortete ich . » Hat sie ihn stets gehabt ? « » Sie hatte diesen Glauben schon , als ich sie kennen lernte ; er lag in der Tiefe ihres Gemütes aufbewahrt . « » Und da brachtest du den Sonnenschein , der ihn hervorrief an das Tageslicht ? Du hast ihn gepflegt mit liebevoller Hand und nun deine Freude daran , wie an einem Baume , an dessen Früchten man sich doppelt erquickt , weil man ihn mit eigener Hand emporgezogen hat . Sihdi , wie gern , wie so gern möchte ich deine Emmeh kennen lernen ! Ich würde ihr zu liebe alles thun ; ich wäre sogar bereit , mich mit ihr , wenn sie es wollte , in einen Wagen eurer Eisenbahn zu setzen , um mit ihr so weit zu fahren , wie es ihr beliebt ! « » Ich aber mit ! « bemerkte Halef schnell . » Frauen bedürfen stets der Unterstützung und des Schutzes , und das freundliche Lächeln , welches sie dann dafür geben , ist dem eigenen mehr als einem fremden Manne zu gönnen ! « » Lächeln ? « fragte sie . » Ein freundliches Lächeln ? Was meinst du damit , lieber Halef ? Wer lächelt da ? « » Ihr ! « » Wir ? Also auch ich ? « » Ja . « » Warum ? « » Weil der - - - der Schutz - - - der Schutz , den sie bedürfen , « stotterte er verlegen . Dann wendete er sich rasch und in resolutem Tone an mich : » Sag du es ihr , Effendi ! Ich habe mich verritten , und du verstehst dich auf eure Eisenbahnen doch besser als ich , der ich ja noch gar keine gesehen habe ! « Das Gesicht der » lieblichsten unter allen Lieblichkeiten « hatte einen ernsten , ja strengen Ausdruck angenommen . Nun sah sie mich erwartungsvoll an . Darum erklärte ich ihr , die von dem Lächeln ja gar nichts hatte erfahren sollen , an seiner Stelle : » Ich habe mit Halef von unsern Eisenbahnen gesprochen , auf denen auch unsere Frauen und Töchter fahren dürfen . Ihnen gefällt es in diesen Wagen so sehr , daß sie vor Vergnügen freundlich zu lächeln pflegen . « » Und das gefällt ihm wohl nicht ? « fragte sie . » Warum soll eine Frau nicht lächeln dürfen , wenn ihr etwas Vergnügen macht ? Ich würde auch lächeln , unbedingt lächeln ! Hast du vielleicht etwas dagegen , Halef ? « » Nein , gar nichts ! « antwortete er , sehr erfreut darüber , daß es mir gelungen war , dieser » lächelnden « Angelegenheit eine unverfängliche Wendung zu geben . » Ich würde im Gegenteile sehr glücklich sein , die Strahlen deines Lächelns auf meinem Angesicht zu fühlen ; das weißt du doch ! Doch seht , ob ich mich irre ! Der vom Tode Errettete scheint sich zu bewegen ! « Er hatte recht , und das Erwachen des Mekkaners kam seinem Wunsche , den jetzigen Gesprächsgegenstand fallen zu lassen , sehr gelegen . » Wasser ! « klang es wieder wie vorhin leise von den Lippen El Münedschi ' s , welcher sich mit dem Oberkörper aufzurichten versuchte , wobei ihn zwei Haddedihn schnell unterstützten . Es wurde ihm gegeben , und er trank diesesmal mit vollen Zügen . Dann saß er da , ließ seine herrlichen Augen im Kreise gehen , holte tief , tief Atem und sagte dann langsam und wie geistesabwesend , indem er die Hände faltete : » Die Menschen schlafen ; wenn sie aber sterben , dann wachen sie auf ! « Dann schloß er die Augen und legte sich wieder nieder , wozu er keiner Unterstützung bedurfte . Seine Stimme hatte tief , aber doch sonor geklungen , wie von einer innern Resonanz verstärkt . Die von ihm gesprochenen Worte mögen einem Nichtkenner des Arabischen banal erscheinen ; auf mich aber machten sie einen ungewöhnlichen Eindruck , und daß dieselbe Wirkung auch auf die Haddedihn stattfand , belehrte mich ein leises , andächtiges » Amin ! « 55 , welches die meisten von ihnen , darunter auch Halef , dazu sagten . Diese Worte waren einer der berühmten » Hundert Sprüche « Alis , des Kalifen . Warum der soeben vom Tode Erstandene sie ausgesprochen hatte , ob aus Ueberlegung oder infolge eines momentanen , innern Antriebes , das wußte ich nicht ; aber sie paßten so genau zu der gegenwärtigen Situation und den durch sie hervorgerufenen Gefühlen , daß ich von ihnen nicht nur oberflächlich ergriffen wurde , zumal die Art und Weise , in der sie erklangen , eine so ungewöhnliche war . Wir standen stumm im Kreise um den Münedschi und warteten , was er nun thun werde . Er lag einige Zeit bewegungslos , langsam und regelmäßig Atem holend . Dann richtete er sich wieder , ohne der Hilfe zu bedürfen , in sitzende Stellung auf , behielt aber die Augen noch geschlossen und sagte , mit der Hand neben sich deutend : » Setz dich zu mir ! « Wir wußten nicht , wen er meinte , aber es schien nicht nur mir , sondern auch allen andern ganz selbstverständlich zu sein , daß ich es war , der dieser Aufforderung folgte . » Hast du genau gehört , was ich vorhin sagte ? « fragte er jetzt . » Ja , « antwortete ich . » Kennst du die Worte ? « » Es war der zweite von den hundert Sprüchen des Kalifen Ali Ben Abi Taleb . « Er neigte den Kopf leicht nach meiner Seite , als ob er , nachdem ich schon gesprochen hatte , noch auf den Ton meiner Stimme lausche . Dann sagte er , die Augen immer noch geschlossen : » Der zweite ? Das sagst du ? Es stimmt ! Ich weiß , daß du mehrere dieser Sprüche kennst , aber nicht ihre Reihenfolge . Wie kommt es , daß du jetzt so genau die Nummer Zwei angiebst ? Das wundert mich . Auch klingt deine Stimme anders als bisher . Die Erklärungen dieses Spruches aber kennst du nicht ? « » Ich kenne sie . « Er neigte den Kopf noch weiter her zu mir , und sein Gesicht nahm während der folgenden Fragen und Antworten den Ausdruck immer größer werdenden Erstaunens an . » Alle beide ? « » Die arabische und die persische . « » Wer hat sie gegeben ? « » Der persische Dichter Reschid ed Din Abd el Dschelil , welcher den Beinamen Watwat bekommen hat . « » Wie ? Du kennst ihn so ausführlich ! « » Er lebte an den Höfen dreier Herrscher und starb im Jahre 57856 der Hedschra57 . « » Maschallah ! Wie lautet die arabische Erklärung dieses zweiten Spruches des vierten der Kalifen ? « » So lange die Menschen in dieser Welt leben , sind sie ohne Sorge . Sie scheinen in einem so tiefen Schlummer zu liegen , daß sie darüber die Wonnen des Paradieses und die Flammenpein der Hölle vergessen . Aber wenn sie sterben , dann wachen sie auf von diesem Schlummer der Sorglosigkeit und bereuen ihre Saumseligkeit im Dienste dessen , der sie geschaffen hat , und machen sich selbst Vorwürfe über ihre Nachlässigkeit im Danke gegen den , der ihnen alles gespendet hat , aber erst dann , wenn die Reue zu spät kommt und die Selbstvorwürfe nutzlos sind ! « » Und die persische Erklärung ? « » Die Menschen sind während ihres Aufenthaltes auf dieser Erde unbekümmert um die Angelegenheiten der andern Welt . Erst wenn sie sterben , erwachen sie aus dem Schlafe der Gleichgültigkeit ; dann erkennen sie , daß sie den Wert des Lebens nicht beachtet haben und nicht den rechten Weg gegangen sind , und bereuen ihre schlimmen Reden und verwerflichen Thaten ; aber dann hilft und nützt ihnen dies nichts mehr ! « Jetzt war seine ganze Körperhaltung und jeder Zug seines Gesichtes zum sprechendsten Ausdrucke aufmerksamen Lauschens geworden . Er wartete eine Weile und fragte dann : » Bist du El Ghani , mein Wohlthäter , von dem ich dachte , daß er jetzt bei mir säße ? « » Nein . « » So sag , o sag , ob du mit diesen beiden Erklärungen einverstanden bist ! « » Sie haben meinen Beifall nicht , denn sie sind zu oberflächlich . Den tiefen Sinn des Spruches lassen sie unberührt liegen . « » Und welches ist dieser Sinn ? « » Die Menschen schlafen ; wenn sie aber sterben , dann wachen sie auf . Das heißt : Die Menschen leben wie Schlafende , mit geschlossenen Augen ; sie sehen nicht die Beweise eines ewigen Lebens , und wenn sie die Stimmen Allahs und seiner Boten hören , so glauben sie , zu träumen , und folgen ihnen nicht . Aber dann , wenn der Tod sie aus diesem Schlafe rüttelt und sie die Augen öffnen müssen , dann sehen sie sich unvorbereitet jenseits der großen Grenze , über welche sie nicht zurückkönnen , um das Versäumte nachzuholen . Dann wird ihr Erwachen ein Beben und ihr Sehen ein Erschrecken sein . « » Allah , Allah ! « rief er da aus . » Ich glaubte , auf die Erde zurückgekehrt zu sein , und befinde mich doch noch bei dir , der du mich geleitet hast ! Nein , du bist nicht El Ghani , der niemals solche Worte hat . Nimm mich wieder bei der Hand , und sage mir , ob ich auch zu denen gehöre , die mit geschlossenen Augen leben und deren Erwachen so schrecklich sein wird ! « » Hast du die Liebe ? « Warum that ich grad diese Frage ? Wohl weil ich kurz vorher mit den Haddedihn von der Liebe gesprochen hatte . Das Verhalten und die Worte des Arabers waren mir nicht klar . Ich wußte nicht eigentlich , wen er mit ihnen meinte . Die Scene war überhaupt eine ganz eigenartige . Rings um uns die verbrannte , unbegrenzte Wüste , über welcher auch noch jetzt die Geier hungrig schwebten , die während der Nacht wohl in unserer Nähe gesessen hatten , die grotesken Formen der hochbeinigen , höckerigen Kamele , der andächtige Kreis der phantastisch gekleideten Beduinen , der rätselhafte , fremde Mann hier neben dem offenen Grabe mit seinen mir unerklärlichen Reden , unser vorhergehendes , religiöses Gespräch und die Stimmung , in welcher ich mich infolgedessen befand , dazu die Bedeutung des wie mit aus dem Grabe auferstandenen Ali-Spruches , das alles zusammen mochte als Ursache wirken , daß ich nichts anderes als nur diese Frage brachte . » Die Liebe ? « antwortete er . » Wird grad sie so wichtig für den Augenblick des Erwachens aus dem Schlafe sein ? « » Nur sie allein ist wichtig . Sie ist das Oel der Lampe , ohne welche du den rechten Weg nicht finden kannst . « » Das Oel ? Der Lampe ? « fuhr er aus seiner noch immer wie lauschenden Haltung empor . » Das klingt ja wie der Gang der Jungfrauen zur Nikiah58 ! « » Ja , « fiel ich unter dem Eindrucke dieses Wortes , ohne zu bedenken , daß ich einen Moslem vor mir hatte , der nicht wissen durfte , daß ich Christ war , schnell ein . » Das Himmelreich wird gleich sein zehn Jungfrauen , welche ihre Lampen nahmen , um auszugehen , dem Hochzeitszuge entgegen . Fünf von ihnen waren thöricht und fünf aber klug ; die fünf Thörichten nahmen zwar ihre Lampen , aber sie nahmen kein Oel mit sich ; die Klugen hingegen aber nahmen samt den Lampen auch Oel in ihren Gefäßen mit . Als nun der Bräutigam verzog , wurden alle müde und entschliefen . Um Mitternacht aber erhob sich ein Geschrei : Siehe , der Bräutigam kommt ; gehet heraus , ihm entgegen ! Da standen alle diese Jungfrauen auf und richteten ihre Lampen zu . Die Thörichten aber sprachen zu den Klugen : Gebt uns von eurem Oele , denn unsere Lampen verlöschen ! Da antworteten die Klugen und - - - - - « Bis hierher war ich gekommen , doch weiter kam ich nicht . Während ich erzählte , ging mit dem Münedschi eine ungewöhnliche Veränderung vor , ungewöhnlich wenigstens in Beziehung auf seinen Schwächezustand . Es war , als ob seine Adern sich mit neuem Blute füllten und seine Nerven neuen Lebensreiz bekämen . Er richtete seinen Oberkörper auf , höher und immer höher . Seine Augen öffneten sich und richteten ihren strahlenden , unbeschreiblichen Blick auf mich ; die Falten seines Gesichtes schienen sich zu füllen , und das Spiel der Mienen wurde von Satz zu Satz , den ich sprach , immer lebhafter , bis er , beide Hände gegen mich ausstreckend , mich mit dem ängstlich abwehrenden Rufe unterbrach : » Halt ein ; halt ein ! Ich mag nichts weiter hören ! Ich habe mich in dir geirrt . Du bist nicht der , der vorhin noch bei mir war und für den ich dich bis jetzt gehalten habe ! « » So sag , wer du dachtest , daß ich sei ! « » Ben Nur59 , der Bote des Propheten . « » Der bin ich nicht und kenne ihn auch nicht . Sein Name steht in keinem Buche verzeichnet , welches von dem Propheten handelt . « » In keinem irdischen Buche , aber im Kitab et Tubanijin60 ist er zu finden . Nun weiß ich nicht , wo ich jetzt bin , denn du bist nicht Ben Nur und bist auch nicht El Ghani . Bin ich noch im Lande der Verstorbenen , oder kehrte ich schon wieder auf die Erde zurück ? « Sonderbar , höchst sonderbar ! Hatten wir es etwa mit einem Irren , einem Wahnsinnigen zu thun ? Er schaute mit weit geöffneten , glänzenden Augen um sich , die unmöglich blind sein konnten , mußte uns also doch sehen . Und im Lande der Verstorbenen wollte er gewesen sein ? Er wurde el Münedschi genannt , der Wahrsager . Dieses türkische Wort bedeutet auch Sterndeuter . Wahrsager , Stern- und Zeichendeuter , diese Worte haben selbst für jemanden , der sonst nicht nach biblischen Verboten fragt , einen warnenden Beigeschmack . Ich mußte an den Hokuspokus der südafrikanischen Regenmacher , die indianischen Medizinmänner und ähnliche zweideutige Existenzen denken . Einen so tiefen , Ehrfurcht erweckenden Eindruck dieser Mann erst auf mich gemacht hatte , jetzt fühlte ich nur noch die Notwendigkeit , vorsichtig gegen ihn zu sein . Hanneh war weit zurückgetreten ; Halef sah ihn mißtrauisch von der Seite an , und die Haddedihn schienen nicht im Klaren darüber zu sein , ob sie sich wundern oder über ihn lachen sollten . » Du bist natürlich auf der Erde , « beantwortete ich seine letzte Frage . » Wo da ? « » Wo du vorher warst . « » Ich war bei El Ghani . Wo ist er ? Ich höre ihn nicht . « » Aber du siehst doch uns ! « » Euch ? Sehen ? Allah w ' Allah ! Deine Worte sagen mir , daß ich mich bei Leuten befinde , die mich gar nicht kennen . Seht ihr denn nicht , daß ich blind bin ? « » Nein , das sehen wir nicht . Du scheinst vielmehr ganz vortreffliche Augen zu besitzen . « » Du irrst . Ich weiß , daß meine Augen glänzen , aber dieser Glanz ist Täuschung . Ich höre deiner Stimme an , wie weit du dich von mir befindest , aber ich kann dich nicht erkennen . Nur wenn du ganz nahe zu mir herankommst , kann ich dich wie die dunkle , verschwimmende Schattengestalt eines bösen Geistes erkennen . « » Du scheinst solche böse Geister gesehen zu haben ? « » O , sehr oft ! Aber wo ist El Ghani ? Ich bin besorgt um ihn und also auch um mich . Er ist der Einzige , der mich verstehen und behandeln kann , er mein Wohlthäter , ohne den ich längst gestorben und verdorben wäre . Sagt es mir ! Ich bitte euch ! « Das schien der Ton wirklicher , ungeheuchelter Angst zu sein . Ich wollte und mußte ihn