hatte mich sehr um sie geängstigt . Sie war wirklich krank gewesen , hatte das Geld nicht abschicken können . Jetzt hab ' ich für zwei Monate bekommen ! Ausgezeichnet , daß ich im August so wenig verbraucht habe . Ich brauche dringend Bücher jetzt . In Bezug auf das Examengeld für die Matura schreibt Mama nichts . Vielleicht hat sie die Stelle in meinem Brief übersehen ? Es sind überhaupt nur wenige Worte , ihr Brief . Ach , hätt ' ich einmal ausstudiert ! - - Ich sollte doch eigentlich schon abgehärtet sein , aber ich bin noch etwas schwach von der erlittenen Angst . Nachträglich scheint es mir geradezu erbärmlich und unwürdig , daß ich fast nichts gearbeitet habe diese ganzen Wochen . Woran hab ' ich denn nur beständig gedacht ? denken müssen ? daß ich kein Geld habe ? daß die Leute auf der Straße es mir ansehn ? daß meine Wirtin mich bemitleidet ? Nein , nein , nicht den ganzen Tag hab ' ich mich mit diesen kleinlichen Nöten beschäftigt , es ist nicht wahr . Ich habe geträumt und gedacht , nur leider nicht an meine Arbeit ! - So reizende Witze hat uns die Natur vorgemacht , so geistvolle Vorbilder schafft uns das Tierreich - - warum machen wir nicht die Nutzanwendung auf die Menschheit ? Wie verstehen es diese klugen Ameisen , zum Beispiel die Talente der Einzelnen für die Gesamtheit zu verwerten ! Da giebt es eine Art in Kolumbia , glaub ' ich , aber vielleicht ist es auch nicht in Kolumbia , die füttern einige besonders freßgierige Mitbrüder , bis sich ihr kleiner Vormagen rundet und rundet , zu Traubengröße anschwillt , und das honiggefüllte Tierchen selbst , eine lebendige Speisekammer , wird für Volkshungersnöte sorgsam aufgehoben und bewacht . Tritt die schlimme Zeit ein , dann entlockt man dem stumpfsinnig Hockenden sanft streichelnd den ganzen Vorrat ; das Volk wird satt , das Unglück ist abgewendet . Der gefräßige Mitbruder , wieder regsam und schlank , ist der einzig Betrübte , aber nicht lang , denn alsbald erhält er Auftrag , eine neue Million zu sammeln ! Ja , an die Millionäre unter uns Menschen dacht ' ich sofort . Auch sie sind einseitig begabt , und diese Begabung sollte aus einem Schaden für die übrige Menschheit in Segen verwandelt werden , ganz wie bei den Ameisen . Der habsüchtige , skrupellose Millionenjäger wird von der Gesellschaft in Dienst genommen . Er saugt und pumpt seinen Vormagen oder seinen Geldschrank voll ; sofort danach nimmt man ihm , ebenfalls sanft streichelnd , das gesammelte Milliönchen weg und verwendet es für alle . Ihn aber überläßt man getrost seinem Instinkt , eine neue zu sammeln und braucht nur die Vorsicht , seine Zelle unter guter Bewachung zu halten ; kann man sich etwas Einfacheres und Netteres denken ? Er ist zufrieden , denn er darf zusammenscharren , die Gesellschaft ist zufrieden , denn sie hat stets gefüllte Speisekammern ! Gehet hin zur Ameise , ihr Volksführer , und lernet ! Nein aber , so geht das nicht ! Muß wieder studieren , und die Allotria bei Seite lassen . 23. September . Heut noch einmal an Mama geschrieben wegen des Examenhonorars . Es ist Zeit , ich muß mich bald zur Maturitätsprüfung anmelden . 26. September . Was jetzt ? was jetzt ? Ich bin zerschmettert , zerdrückt ! Oh , was kann ich thun ? Es ist also alles aus ? Alles , alles aus ? Papa hat entdeckt , daß Mama mir Geld schickt , er leidet ' s von jetzt an nicht mehr - » keinen Pfennig ! « Was ist denn ? was soll ich thun ? Da steht es und starrt mich an : » der entlaufenen ungeratenen Tochter keinen Pfennig . « Nein , nein , ich bin ganz ruhig , ich habe das ja fast einmal erwartet ! Aber noch nicht jetzt ! noch nicht jetzt ! Es ist hart , hart , hart . Pfui - weinen ? Nein , warum denn weinen ? Weinen nimmt das Mark aus den Knochen , weinen macht schwächlich . Ich muß nun erst gar nicht schwächlich sein , ich muß stark sein ! - - Ach , so allein ! So furchtbar allein ! Niemand hab ' ich als dich , meine tote Mutter , und du bist ja tot ! Du bist so fern - ich kann dich nicht finden , ich kann dich heut nicht mit den Augen finden ! Gerade heut nicht . Pfui , die dummen Thränen ! Wie ein hülfloses Kind . Schäm ' dich vor dir selber und sei stark ! Mache Pläne , gleich ! vernünftige Pläne . Du bist ja ein erwachsener Mensch . » Wenn sie nach Hause kommt und sich weiblich und bescheiden verhält , soll alles vergessen sein ; im Elternhause soll sie stets eine Stütze und eine Zuflucht finden , sag ihr das ! « Soll alles vergessen sein ! ja vergessen , ja vergessen ! Vergessen meine Wünsche , vergessen meine Sehnsucht , vergessen meinen schmerzlich heißen Lebens-Freiheits-Hülfedrang ! Wie gut du bist , Papa , wahrhaftig väterlich ! Nein , nein , nein , nein , nein ! Ehe ich das thue , ehe ich das vergesse , verlasse , verläugne , was mir mehr ist , als das Leben , - eher sterbe ich ! Wenn ich ein Boot nehme , jetzt gleich , wo die volle , liebe Sommersonne auf dem blauen See liegt und alles in Blumen steht , - und ich fahre hinaus , rudre hinein in die Mitte , weit fort , - und dann steh ' ich auf , - seh ' noch einmal auf zu den leuchtenden , weißen Firnen und - ein rascher Sprung - - - Ja , das kann ich thun , das steht mir frei , - aber heimkehren , unterkriechen - - nein . » Die mich als Vater lächerlich macht , die meinen Namen vor aller Welt blamiert « - - Ach , könnt ' ich ihn nicht ablegen , den Namen , dem ich Unehre mache ? So etwas muß doch möglich sein , so etwas muß man doch gestatten , einem beleidigten Vater zur Genugthuung ! Nein , ich will nicht sterben , ich kann so nicht sterben ! Nicht einmal die Matura gemacht und soll schon sterben ? Noch keinem Menschen auf dem Erdenrund geholfen , und soll schon sterben ? Nein , es geht nicht , ich darf nicht . Ich bin auch berufen ! » Geh und hilf deinen Schwestern , « so klang der Ruf . Ich liebe alle Menschen , ich kann so nicht von ihnen gehen ! Die kleinen Kinder auf der Straße , die mir die Händchen hingestreckt , - sollen sie vergebens die Händchen nach mir strecken ? Mein Gott , mein Gott , ist es möglich , daß ich so verzweifelt bin um Geld ? um schmutziges , verabscheutes Geld ? Oh , wie ich es verachte ! oh , wie ich es hasse ! mit Ekel , mit Ekel halt ' ich es in meiner Hand ! Alles Böse , alles Teuflische , alles Verderben ist für mich verkörpert in diesen schmutzigen , schmierigen Plättchen und Lappen , für die die Welt feil ist . Schafft es ab , um Gotteswillen , schafft es ab ! es klebt von Schweiß und Blut und Kot ! Es labt keinen Sinn , es stillt keinen Hunger , keinen Durst , es vergiftet die Liebe und tötet die Seele ! Und ich weine um Geld ? Ach , Vater , alles will ich dir verzeihen , nur das nicht , nur die tiefe Erniedrigung nicht , in die ich vor mir selber verfallen bin ! Ja , weinen , das ist alles , was du kannst ! Erbärmliche Kreatur , flügellahme Fledermaus ! und du willst andern helfen ? haha ! so etwas Lächerliches , so etwas Absurdes und Verrücktes , wie diese abgestürzte Fledermaus ! Du hast ja keine Flügel ! Du hast ja keine Flügel ! Hast du denn das nicht gewußt ? Mußt es so derb erst fühlen ? - Beiß doch die Zähne zusammen , du dummes Geschöpf und blick in die Zukunft mit deinen zugekniffenen Nachtaugen . Man muß es versuchen - man muß Pläne machen . Nein , das hab ich doch nicht geglaubt , und das ist mein Unrecht , denn mußte ich nicht auf alles gefaßt sein ? Ich habe auf mein Glück vertraut , auf günstige Zufälligkeiten - all das war verkehrt . - - - Aber doch wieder und wieder frag ' ich mich : » was soll man denn thun ? « Nackt und hülflos werden wir geboren , stürben ja sogleich , wenn man uns nicht wärmte und tränkte . Und wie es weiter geht - immer müssen da die Helfer um uns sein ; ohne sie kein Lernen , kein Emporwachsen aus der Unwissenheit . Uebermittelung , das ist alles Leben . Sie schleudern dir die Lebensfackel zu , damit du sie weiter giebst ; hinter dir bleibt der Tod und das Dunkel , vor dir die unabsehbaren Reihen der Fackel schwinger , und über dir das Lichtmeer , der zusammengeflossene Glanz , die Gegenwart . Aber mit der Fackel giebt mir der hinter mir Stehende doch nicht allein das nackte Leben , - giebt er mir nur das , so giebt er mir zu wenig ! Mach ' mich fähig , mein Leben voll auszunützen , das muß ich von dir fordern , von dir , der du hinter mir stehst ! Nur dann kann ich eine helle , glänzende Fackel weiterschleudern , nur dann . Wohl , ich habe Anspruch auf die Hilfe der andern ! Jeder Mensch muß auf diesem Recht bestehen . Gegenseitige Hülfeleistung , darauf ist alles aufgebaut . - Ach , sie sind nicht gut mit mir verfahren ! Stundenlang bin ich so drunten , so drunten - - Auch ganz verstört . Ich möchte alle Leute fragen ! hab ' ich das Recht auf Hülfe , oder bild ' ich mir dies Recht nur ein ? Es ist manchmal wie ein wüster Traum . Ich kann es nicht glauben . Ich nehme den Brief wieder vor , auf den es keine Antwort giebt . Ich lese die Worte , die Zeilen und verstehe sie nicht . Ich weiß sie alle auswendig und verstehe sie nicht . Es scheint , daß sie mich verhungern lassen wollen ? Es scheint so . Es scheint , daß Papa diesen Ausgang für etwas Natürliches und Gutes hält ? Er haßt mich also . Er möchte meinen Untergang . Oh , Papa , der Wunsch kann dir erfüllt werden , bald ! Wenn ich das Boot nehme - - Den ganzen Tag seh ' ich das Boot vor mir . Schwarz wie die Gondeln in Venedig schwimmt es auf dem wogenden graugrünen Wasser , und die blauschwarzen Gewitterwolken hangen tief darüber ...... Aber dann wieder - » wenn sie nach Hause kommt - - Asyl im Elternhaus « - - Was heißt das ? Sein Haß ist also nur relativ ? Wenn ich mich feig und charakterlos zeige , dann haßt er mich nicht ? Wenn ich mein Bestes vergesse und leugne , um ein » Asyl « , eine » Stütze « zu haben , dann haßt er mich nicht ? Aber , Papa , begreifst du denn nicht , daß ich ein freier Mensch bin , und daß ich selbst über mein Leben bestimmen muß ? Es ist ja mein Leben , nicht das deine ! Das Gesetz meines Daseins ruht ja in mir , kann in keinem anderm ruhen ! Was hülfe es dir , wenn dir ein Leichnam ins Haus käme , - wenn ein Automat dir gehorchte ? - - 30. September . Gut , das ist fertig , ab und aus . Die Familie läßt mich fallen . Innerlich hatten sie mich längst ausgestoßen , nun stoßen sie mich auch öffentlich von sich . So lebt denn wohl ! Ach , dieser Brief , der mich verfolgt ! » Für dergleichen hirnverbrannte , kostspielige Experimente ist mir mein Geld zu schade , « schreibt Papa . Aber , wenn ich nun geheiratet hätte , nach seinem Willen und Geschmack natürlich , da hätt ' er mir doch eine Mitgift gegeben ! Ist denn eine Heirat nicht auch ein unsicheres Experiment ? hundertmal unsichrer , als die Hingabe an einen selbstgewählten Beruf ? das alles weiß er nicht , das alles kommt ihm nicht nah ! das heißt , wenn ich ein Sohn wäre , statt ein Mädchen zu sein , dann wüßte er das alles , dann verstände er mein Streben . Es giebt freilich auch Söhne , die man verläßt und verleugnet , aber doch nicht aus solchen Gründen , wie bei mir ! - - Lebt wohl ! lebt wohl ! Es thut mir weh , doch ihr verlaßt mich , nicht ich hab ' euch verlassen ! - 5. Oktober . Aber ich bin ja nicht nur das Kind meines Vaters . Ich gehöre ja noch einer größeren Gemeinschaft an , ich habe ja einen Heimatschein , der besagt , daß ich in Hamburg Heimatsrecht habe . Dämmert mir nicht da eine Hoffnung ? ein Licht ? Wenn man so lange schlaflos liegt , alle Abend , da wirbeln und quirlen die Gedanken , die Pläne . Und alles scheint möglich , alles greifbar nah , auch das Abenteuerlichste . Jeden Abend , wenn ich endlich Schlaf finde , sind alle Fragen gelöst , die Sorgen verschwunden , etwas Ausgezeichnetes ist mir eingefallen , ich atme tief auf , wie befreit für immer . Und am Morgen , noch eh ' ich wach bin , liegt es mir wie ein Felsstück auf der Brust , drohend schwer , mit unerbittlicher Wucht drückt es meine Glieder . » Wozu erwachst du ? « flüstert es um mich , » weißt du nicht ? weißt du nicht ? « ein schreckliches Flüstern und Zischeln erhebt sich , - eine Starrheit kommt über mich , - » glaubst du , sie wird untergehen ? glaubst du ' s ? warum nicht ? wer kümmert sich darum ? wieviel gehen unter jeden Tag ? « Jemand zuckt die Achseln , pfeift und lacht höhnisch . Jemand , ein Fremder , ich kenn ' ihn nicht , aber er ist mein Feind , sein kalter Atem ist ' s , der mich in der starren , quälenden Unbeweglichkeit erhält . Hundert verzerrte Fratzengesichter umdrängen mich , eins wächst hervor aus dem andern , alle pfeifen und lachen und grinsen und recken die Zungen gegen mich . Atemlos , keuchend , in Schweiß gebadet , mit ungeheurer Mühe gelingt es mir zuletzt , mich zu bewegen , - wie zerbrochen richt ' ich mich auf , mit zugeschnürter Kehle , eiskalt und zitternd . So beginnt für mich der Tag . Ich kann nicht essen . Jeder Bissen preßt mich , würgt mich , - meine Wirtin sagt : » Sie sind krank . « Nein , das ertrag ich nicht länger , das ist dumm , einfach dumm . Man muß einen Versuch machen , man muß einen der Nachtpläne zu verwirklichen suchen . - - Ich habe schon versucht , aber es scheint , daß all meine Federn nicht schreiben . Sie gleiten ab , schreiben unbrauchbares Gekritzel , - - Bestimmte Worte wollen sie nicht schreiben , ich merk ' es ganz deutlich , woher ihr Sperren kommt ! Ich glaube , sie sind zu hochmütig zur Bitte . Man muß sich schämen , so hochmütige Federn zu haben . Das deutet auf - - Ach nein , es ist ja nicht wahr , ich bin nicht hochmütig ! Ich bin nur ungeschickt . Ich sollte eine Bitte an die Behörde schreiben , an irgend einen Senator bei uns und ihn fragen , ob es nicht irgend eine Staatshülfe für mich giebt . Dazu werde ich doch nicht zu dumm sein ? Es ist ja das Einfachste von der Welt ! Man nimmt einen Bogen Papier und schreibt . Schreibt was ? ...... Ja , mir bleibt kein andrer Weg . Bin ich nicht ein Hamburger Kind ? Giebt es nicht Stipendien für arme Studierende ? Bin ich nicht arm genug ? Ich werde ihnen alles schildern und alles beilegen : meine Studienausweise , mein Aufnahmezeugnis an der Zürcher Universität , die Zeugnisse über meine Befähigung zur Matura . Und ich werde herzlich bitten : » Verhelfen Sie mir zur Matura , zur Vollendung meiner Studien , zur Promotion . Ich werde alles zurückzahlen , wenn es mir möglich ist . Ich habe den dringenden Wunsch , etwas Nützliches zu leisten , ich werde meiner Vaterstadt keine Unehre machen , ich fühle die Kräfte in mir , etwas für andere zu sein . « Ist das zu stolz gesprochen ? darf ich mir das nicht getrauen ? Ist die Bitte unbescheiden ? Die Stadt ist ja reich , voller Wohlthätigkeitsanstalten , voller Stiftungen . » Leben und leben lassen « , das ist der Hamburger Wahlspruch . Eine große hülfbereite Gutmütigkeit geht durch alle Klassen . Humor blüht überall , auf den Straßen sogar , im dichten Menschengewühl . Wir sind ja auch eine Republik , der einzelne Bürger steht nicht so weit vom Zentrum wie in den monarchischen Staaten . Freilich , ich , - bin ich eine Bürgerin ? Gehöre ich irgend wohin ? Dumme Frage ! Laut Heimatschein ist meine engere Heimat Hamburg , meine weitere das deutsche Reich . Das mächtige deutsche Reich ist mein Vaterland . Wenn meine Familie mir die Mittel versagt , meinem erwählten Beruf zu folgen , dann kann ich mich an meine Heimat wenden , an mein engeres Vaterland , und wenn nicht gleichzeitig zu viele Petenten da sind , so wird man mir ein Stipendium gewähren - das ist doch klar wie der Tag ! Nicht wahr ? Wann werd ' ich schreiben ? 10. Oktober . Der Brief ist fort ! Mir ist so leicht und froh . So hoffnungsvoll . Etwas erstaunt werden sie vielleicht sein , weil Papa fast für wohlhabend gilt , aber ich habe ihnen ja alles gründlich auseinander gesetzt . Ich habe gesagt : » Die Heimat , das ist meine einzige Hoffnung . « Sie müssen es ja einsehen . Ich kann wieder essen . Ich habe ohne schwere Träume geschlafen , heute Nacht . Noch atme ich beklemmt , aber das wird vorübergehen . Es wird ja nun alles gut werden ! Von der Heimatsbehörde Geld zu bekommen , anzunehmen , das ist doch nichts Ehrenrühriges . Im Gegenteil ! Es wird mich erheben , mich beglücken , solch ein Vertrauenszeichen zu empfangen ! Und ich will mich dessen würdig zeigen , ich werde mein Leben dem Recht und der Gerechtigkeit weihen . Auch die Geringste kann ja etwas thun . Ein schurkischer Advokat , der das Recht beugt , verunglimpft es in so vielen Augen , warum sollte nicht das gute Wollen zehnmal mehr Kraft haben ? Es wird gut werden ! Und eines Tages werde ich vor Papa und Mama hintreten und ihnen sagen : » Verzeiht mir ! ich habe erreicht , was ich erstrebt , - seid mir nicht böse , daß es mit Hülfe anderer Mächte geschah . « Und ich fühl ' s , sie werden mir verzeihen ! Das ist doch schön im alten Bluntschli : » Der Staatswille ist etwas Höheres als der bloße Durchschnittswille aller zum Volke gehörenden Individuen « . Ja , gewiß . Der ganze Fortschritt der Menschheit beruht auf dieser Hoffnung , daß beim Zusammengehen Vieler die fördernden aufsteigenden Kräfte triumphieren über die hemmenden atavistischen oder dekadenten Erscheinungen in den Einzelnen . Hätte sonst je die Sklaverei , die Leibeigenschaft abgeschafft werden können ? Gewiß , dieser höheren Einsicht darf man getrost vertrauen ! Sie wird ja nicht durch Kleinlichkeiten , durch Einzelerwägungen getrübt ; sie muß ja sehen , daß außer den Männern auch Frauen den Staat ausmachen , daß sie sogar die größere Zahl aller Individuen bilden , daß sie , zur Menschlichkeit erwacht , mächtig um ihre Menschenrechte ringen , und aus der Tiefe , in der man sie jahrtausendelang künstlich gehalten , nach höherer Kultur und höheren Pflichten schreien ! Wir Deutschen haben doch einen Kulturstaat ; welche Kulturaufgabe kann ihm näher liegen , als die Unterstützung der Frau in ihrem berechtigten Freiheitskampf ? Ich bin ganz ruhig jetzt ! Der Einzelne kann seine Zeit mißverstehen , kann die tiefen reißenden Strömungen mißkennen , kann sich ihnen entgegenzustemmen versuchen in blinder Ueberschätzung seiner Macht . Aber der Gesamtwille , der höher ist und weiter , er wird die Zeichen zu deuten wissen , und was nützlich , fördersam , menschlich , gerecht ist , das wird er nicht bekämpfen , sondern unterstützen ! Ich habe solch ein volles , gläubiges Zutrauen ! - 18. Oktober . Und doch in Angst und Zagen auf und zu Bett . Fast versteh ' ich nicht warum , die Vernunft redet mir zu , vernünftig , wie sie ' s gewohnt ist , daß ich hoffen und vertrauen soll . Aber - - 30. Oktober . Ich zwinge mich zum Arbeiten , es ist aber schwierig . Die Gedanken schweifen ab , mehr denn je . Immer denk ' ich an die Antwort . Wie wird sie ausfallen ? Und das ist unrecht ! seit den letzten Tagen fang ' ich schon an , auf sie zu warten . Mit Spannung lauf ' ich nach Hause , frage die Wirtin - - Sie sieht mich so besonders an , sie hat viel Mitgefühl . Ich muß fortziehn , irgend eine billigere Mansarde suchen . Mehr als zwölf , dreizehn Franken darf ich nicht ausgeben . Es geht ja schon auf die Neige , und die Aussicht auf neues - - Es war gewiß verrückt , daß ich dies Semester doch wieder belegt habe . Wer kann wissen , was mit mir geschieht ? Ich that es in der frohen Zeit , kurz nach Absendung des Briefes . Das kommt mir jetzt schon so lang her vor . Manchmal werd ' ich ganz unruhig , sage mir : worauf wartest du denn eigentlich ? Aber es muß doch einmal eine Antwort kommen , und es muß eine gute sein ! Ich war immer unverbesserlich im Hoffen , ich weiß schon . Maßlos , wie in allen Dingen ! ja ! Vielleicht ist es unrecht , daß ich immer noch zu dem Mittagstisch gehe . Nur - es ist so früh kalt geworden dieses Jahr , und ich werde den ganzen Tag nicht warm , ohne solch eine warme Mahlzeit . Und dann - dies Sklaventum der Gewohnheit ! Es hält einen fest . Uebrigens glaube ich , daß die lange Sorge auch träge macht . Stumpfsinnig . Ich kann sitzen und vor mich hinstarren , stundenlang , und nichts denken , als die ewige Frage : was werden sie antworten ? Eigentlich empörend , kostbare Lebensstunden so zu vergeuden ! Nur in den Kollegien , da vergeß ich alles . Ich höre auch hier und da etwas Physiologie ; wenn es kalt ist , in einer Zwischenstunde , braucht man dann nicht nach Haus . Es ist auch wundervoll interessant , ich verstehe freilich nicht alles . 12. November . Ich habe mit der Wirtin gesprochen , - - sie hat mir etwas Schreckliches gesagt ! Sie hat gesagt : » Nein , das thäten wir nicht , - die Gemeinde in Anspruch nehmen ! Da heißt ' s hinterdrein , man sei almosengenössig . « Sie meinte es nicht böse , sie sagte nur ihre Meinung . Ich habe ihr zu erklären versucht , daß ein Stipendium nur geliehenes Geld und kein Almosen sei , aber sie verstand davon nichts . Sie sagte immer wieder : » Und doch wird ' s dafür angesehen , und wer almosengenössig ist , - oh weh , den achtet man nimmer ! « Als ich ihr sagte , es sei aber ein Menschenrecht , Hülfe von andern in Anspruch zu nehmen , um dann später wieder zu helfen , schüttelte sie den Kopf und sagte : » Wir Arbeiter kommen nicht auf solche Gedanken ; - die Leut ' , wo Geld haben , oder gehabt haben , die meinen immer , sie hätten ein Recht in der Welt , - wir wissen ' s gut : wer almosengenössig ist , den verachtet die ganze Gemeinde , vom ersten bis zum letzten , - das wär ' mir das Aergste , die Gemeinde in Anspruch zu nehmen . « Noch seh ' ich vor mir ihr erschrockenes Gesicht und höre sie ausrufen : » Hätten Sie mich gefragt ! Ich hätt ' Ihnen entschieden abgeraten . « Hat sie Recht ? Hab ' ich Recht ? Mir ist so schwer und müde , zum Sterben . Ganz wie im Traum , wo ich mich durch das Wattenmeer geschleppt habe , heut Nacht . Der weiche , nachgiebige Boden , aus dem das Wasser springt , die zahllosen Rinnsale , verwirrend wie Wege , die nirgend hinführen , und so fern , so fern das feste Land , wo der Leuchtturm steht ! Und schneller , immer schneller wächst und steigt um mich die Flut ! Sie gurgelt und rauscht heran , sie hebt meine Füße vom Boden auf , sie wird mich mitreißen , - - Also , almosengenössig nennt man das ? 25. November . Zum vierten Mal umgezogen . Jetzt sitz ' ich im Vogelsangweg . Aber kein Vogel singt . Es ist alles im Eisreif erstarrt . Auf meinem Tische flattern die Papiere , so undicht ist das Fenster . Die Frau sieht gutartig aus , die Kinder haben mir schon die Händchen gegeben . Ach , ein Gefühl der Verzweiflung hat sich meiner bemächtigt , seit ich in diese kalte Kammer eingezogen bin ! Mit ihren weißen Wänden starrt sie mich an wie eine Totenkammer . Ist dies die letzte Station meines Leidens , oder ist dies meine letzte Leidensstation ? Mir ist , als müßt ich mich hinlegen , langausgestreckt und still , die Hände gekreuzt , die Augen geschlossen , und einschlafen , einschlafen für immer . Der Brief kommt nicht , sie haben mir nichts zu antworten . - - - 10. Dezember . Ich habe meine Landsmännin wieder getroffen , auf der Straße , - sie hat mich oft so freundlich angesehen , als wir noch am gleichen Tische speisten . Doch bin ich geschwind weggerannt ; ich fürchtete , schwach zu werden , ihr von meiner Lage sprechen zu müssen . Wie von einem innern Zwange bin ich geflohn . - - Aber einmal , wenn ich ganz am Ende mit allem bin , am allerletzten Ende , und so schwach und mürb , daß ich nach einer menschlichen Hand fassen muß , dann ist sie die Einzige , zu der ich Vertrauen haben werde . Ach , bin ich nicht schon am Ende ? Wozu die lange Qual ? Soll ich nicht doch das Boot nehmen und hinausfahren in das unbekannte Land ? - 22. Dezember . Sie reist fort ! Ich bin fast umgefallen , als sie es mir sagte . So ruhig sagte sie ' s , so ganz nur mit der eigenen Absicht , dem eigenen Plan beschäftigt . - - Wie sollte sie auch anders gegen mich sein ? Stecken wir nicht alle tief in der Konvention , die - - Oh , was soll ich anfangen ? Was soll ich thun ! ? Hier die Hände im Schoß , die Augen verbrannt von Thränen , abgeschnitten , allein , so sitzen und auf mein Schicksal warten ? Unerträglich ! Ich habe keine Gedanken mehr , nur Visionen kommen mir noch , um mich zu verspotten ! Einen schwarzen Himmel sah ich , darunter wehende Weiden ; - plötzlich zerriß der Wolkenvorhang , und Sterne drängten hervor , zahllose , leuchtende Sterne . » Ein neuer Morgen für die Menschheit , herausgeboren aus dem Herzen der begeisterten Frau ! « so tönte Engelssang ! Ach , ihr süßen hohen Träume , kommt ihr noch wieder ? sucht ihr mich noch in meiner Erniedrigung ? Seht , hier lieg ' ich am Boden , wund und einsam und schwach geworden , - - nichts werd ' ich erreichen , nichts kann ich thun , euch wahr zu machen , ihr meine stolzen , hohen Träume ! Wund und einsam und schwach geworden - aber nicht untreu . Das kann ich nicht , auch wenn ich ' s wollte . Ich kann das Boot nehmen , - - aber ich kann nicht zurückkehren und mich selbst verleugnen . Lieber noch langsam verhungern . - - 2. Januar 89. Der Brief ist da . Für studierende Frauen giebt es weder private noch staatliche Stipendien in Hamburg . Wir Frauen haben kein Vaterland . Im Februar . Frau Laubi hat mir geholfen , die Sachen sind verkauft . Brechen mit allem und mit allen : Hinunter in das Namenlose , zu den Rechtlosen , zu den Enterbten . Dorthin gehör ' ich ja , ich und alle Frauen , Heimatlose , Vaterlandslose . - - - Warum hab ' ich mich so spät darauf besonnen , daß ich zwei Arme habe ? Anerzogner , angeerbter Hochmut . Man muß sehn , ob in dieser Kartonnagenfabrik , - - die Kleine sagt bestimmt , daß dort fortwährend Arbeiterinnen gesucht werden ...... Bei den Rechtlosen , bei den Heimatlosen , bei den Vaterlandslosen - - sei es drum . -