Die Röte am westlichen Himmel glich einer schmalen Schleife und wurde zusehends trüber und einige Wolken lagerten dort , die sensenschwingenden Männern glichen . Am Kirchhof landeten die beiden , schritten die kotige Straße des Dorfes hinauf und traten in ein kleines , grüngestrichenes Haus , das dem Verfall keinen Widerstand mehr bot und in jeder Stunde zusammenzubrechen schien . Das Dach drückte schwer auf Giebel und Mauern , und die unregelmäßigen Fenster glichen schielenden Augen . Elkan Geyer schritt durch einen finstern Gang mit brüchigen Ziegelsteinfließen , an vielen Türen vorbei in die Kammer , wo Obstvorräte und Spezereien für den Kramladen aufgestapelt lagen . Eine sonderbare Mischung von Gerüchen herrschte : es roch nach frischen Äpfeln und alten Stoffen , nach schlechter Schokolade , nach eingemachten Früchten , nach Essig und Konserven , nach geräuchertem Fleisch und Kaffee . Dazu lag feiner Mehlstaub in der Luft , und dunkelgrünes Tuch war über große Kasten gebreitet . Agathon war seinem Vater gefolgt , der den Kerzenstumpf anzündete und bekümmert in das dürftige Flämmchen schaute . Mit seiner müden Stimme begann er zu reden : daß ihm wohl sein Ältester das Leben leichter machen könne , als er es täte , und wie er , Agathon , sich eigentlich die Zukunft vorstelle ? Daran läge jetzt alles , mehr als alles ; es sei bitter ernst und er , Elkan , werde jetzt alt und es werde ihm schon schwer , das viele Schulgeld aufzubringen . Auch dürfe er sich nicht schlecht benehmen gegen Sürich Sperling , denn er , Elkan , sei tief verschuldet bei diesem Mann , so daß er sich keinen Rat mehr wisse . Niemand wolle helfen , auch nicht Enoch Pohl , der es doch wahrscheinlich vermöchte . Elkan Geyer sagte mehr , als er beabsichtigte ; er sah endlich , wie Agathons Glieder zitterten , vielleicht nicht nur der nassen Kleider wegen . Schnell gebot er ihm , sich umzukleiden , aber er solle es so anstellen , daß die Mutter nichts merke . Gedankenvoll ging Elkan hinaus in den kleinen Hof , der zwischen Haus und Gemüsegarten lag , und trotzdem es schon ziemlich dunkel war , traf er seinen Schwiegervater noch bei der Arbeit . Enoch Pohl war zweiundachtzig Jahre alt , aber er übte noch immer sein Handwerk als Seiler aus . Er wanderte noch täglich den langen Weg nach Fürth , doch zu keiner Zeit hatte er eine Nacht unter fremdem Dach geschlafen , niemals hatte er für länger als zehn Stunden das Dorf verlassen . Er kannte keine Sehnsucht als die nach dem Gold , und Gefühlen anderer Art war er verschlossen . Die Welt , in der er lebte , veraltete ihm nicht , und er dachte auch nicht an den Tod . Er war fromm , d.h. er ging allmorgendlich und allabendlich zum Gottesdienst , um das Gebetstuch , das er seit neunundsechzig Jahren um die Schultern legte , von neuem zu küssen und das halbzerfetzte Buch mit den braungewordenen Blättern von neuem aufzuschlagen . Einige Sterne zuckten unter schnellen Wolken auf . Die Luft war satt von Feuchtigkeit und hatte etwas Durchdringendes . Das Laub des wilden Weins war blutrot und leuchtete durch die Dunkelheit . Von der » gläsernen Burg « herüber schallte das Geschrei der Zecher , und einer sang mit simpler Geduld und in flennenden Tönen immerfort dieselbe Melodie : spinn ' spinne Töchterlein . Die Abendglocken begannen zu läuten ; bald klang es fern , bald klang es nah . Enoch Pohl hatte eine kleine , verrostete und verbogene Laterne angezündet , holte eine Wanne herbei , die mit Schafsdärmen angefüllt war und bedeckte sie mit einem tellerartigen Holzsturz , den er zur Beendigung seines Tagewerks mit Fugen für die Henkel des Bottichs versehen hatte . » Nun , Vater , « flüsterte Elkan Geyer und sah ängstlich auf die Hände des Alten , die mit braunen Flecken und langen Haaren bedeckt waren . Enoch schwieg . » Und wenns Jette erfährt ? « murmelte Elkan . » Schließlich ist sie doch dein Kind . « » Sie waaß ja nix , « erwiderte Enoch mürrisch . » Sie wirds bald wissen . Sürich Sperling ist ein Halsabschneider . « » Wärst nit leichtsinnig gewesen . Mer hätten keine Scheuer zu bauen gebraucht . Ich kann der nit helfen . Ich ha ka Geld . « Elkan rang stumm die Hände . Dann sagte er : » Du hast so vielen das Messer an die Gurgel gesetzt , Vater . Und jetzt bist du erbarmungslos gegen die eigenen Kinder . « Enoch richtete sich langsam auf und machte eine abwehrende Armbewegung . Gleich darauf ging er ins Haus . Die Laterne zitterte in seiner Hand und sein Schatten schwankte hinter ihm auf dem schwarzen Erdreich . Im Wohnzimmer rauchten die Kartoffeln auf dem Tisch , und zwei Heringe lagen in gelber Brühe auf einer Schüssel . Die Kinder hatten blecherne Teller vor sich , die alt waren und unappetitlich aussahen . In der Ofennische brodelte der Kaffee und sein Geruch vermischte sich mit dem übergelaufener und verbrannter Milch . Der Raum war niedrig und schwül , und eine von Tagen aufgehäufte Unordnung herrschte . Die Möbel standen krumm und schief , die Dielen waren rissig , und durch die gardinenlosen Fenster schaute unbehindert die schwarze Nacht und wer sonst noch wollte herein . Dennoch zeugte alles von der Hand einer bemühten Hausfrau , die nur zu schwach war , ihren Bereich zu regieren . Sie beherrschte auch ihre Kinder nicht , das sah man schon an den Gesichtern der Kinder , die so unbekümmert dasaßen , als ob sie niemals zu gehorchen brauchten . Sie griffen gierig in die Schüsseln und wenn eines ein größeres Stück Hering erwischte , erhob das andere ein neidisches Zetergeschrei . Eine Katze schlich unter dem Tisch herum , rieb sich an den Stuhlbeinen und stieß bisweilen ein begehrliches Miauen aus , woraus die dicke Bauernmagd schadenfroh kicherte . » Wo ist denn Agathon ? « fragte der Knabe , ein lockiger Pausback von fünf Jahren . Frau Jettes Mund verzog sich ärgerlich . » Red nicht , wenn dus Mund voll hast ! « schrie sie . Wie alle Frauen , die von ihren Kindern tyrannisiert werden , suchte sie durch grundlose Heftigkeit ihre Schwäche zu bemänteln . Enoch Pohl kam mit müd-tappenden Schritten herein , pustete sein Laternchen aus und stellte es in den Eckschrank , der zugleich als Waschbehälter diente , wusch sich die Hände und sprach das übliche Gebet . Niemand beachtete ihn . Da er den Tisch besetzt fand , ließ er sich in die Ecke des Ledersofas fallen , seufzte und sah mit glanzlosen Augen in das Ofenloch , aus dem der purpurne Feuerschein zitterte . » Warum singt denn der Mann immer , Großpapa ? « fragte der Pausbäckige . Enoch murrte und schüttelte den Kopf . » Was singt er denn , Großpapa ? « - » Sei still ! « schrie Frau Jette wieder und klopfte mit der Faust auf den Tisch , daß alles klapperte . » Spinn ' , spinne Töchterlein , singt er , « flüsterte dem Pausbäckigen schüchtern die ältere Schwester Mirjam zu , ein Kind von großer Schönheit . Plötzlich sprang Enoch auf , ergriff mit einem Satz das Kätzchen bei seinem aufgerichteten Schwanz , öffnete die Tür und warf das quietschende Geschöpf an die gegenüberliegende Flurwand . Da trat Elkan Geyer auf die Schwelle und warf dem Alten einen schmerzlichen Blick zu . Eine Fensterscheibe klirrte leise . Aller Blicke wandten sich hin . Mirjam stieß einen Schrei aus , Frau Jette blieb der Bissen im Mund stecken . » Sürich Sperling , « murmelte Enoch . In der Tat war es das rote Gesicht des Wirts , das zu einer breiten Fratze verzerrt , augenlos und mit plattgedrückter Nase hereinstierte . Elkan Geyer wurde totenbleich und machte einen Schritt gegen das Fenster , doch da war Sürich Sperling schon wieder verschwunden . Mirjam lief dem Vater in die Arme , der das Kind aufhob und es küßte . Enoch rückte sich in seinem Sofawinkel zurecht , um geduldig zu warten , bis am Tisch ein Platz für ihn frei würde . » Wo ist Agathon ? « fragte jetzt auch Frau Jette und blickte ihren Mann forschend an . Elkan Geyer sah sich erstaunt um , stellte das Kind auf die Erde , und ein Schatten von Besorgnis ging über seine Stirn . Er öffnete die Tür und rief Agathons Namen in den Flur ; keine Antwort . Frau Jette wollte hinausgehen , aber Elkan hielt sie zurück , schlug die Tür zu und setzte sich an den Tisch , um zu essen . Er machte ein verdrießliches Gesicht , als vor dem Haus Lärm ertönte und gleich darauf die Rosenaus Mädchen hereinstürmten , die sich stets aus irgend einem Grunde atemlos und erhitzt gebärdeten . Ihnen folgte ihr Bruder Isidor : würdig , ernst , gemessen . Er trug einen steifen englischen Hut , Krawatten nach der neuesten Mode , umgestülpte Hosen und hellgelbe kotbedeckte Schuhe . Seine Finger waren mit Ringen bedeckt und seine Uhrkette war schwer von goldenem Behängsel . Er hatte etwas Impertinentes in seinem Wesen wie ein Mensch , dem nichts in der Welt mehr neu ist ; er ging in der Stadt am liebsten dorthin , wo man ihn nicht kannte , und nichts beglückte ihn mehr , als wenn man ihn für einen Christen hielt . Klara Rosenau berichtete hastig die neueste Neuigkeit : ein junger Mann wohne seit gestern im Dorf mit der Absicht , über den Kauf der Ziegelei zu verhandeln . Er sei sehr schön und heiße Stefan Gudstikker , doch niemand wisse , was es sonst für eine Bewandtnis mit ihm habe . Bei der Nennung des Namens begann Frau Jette zu zittern , lehnte sich kraftlos zurück und schloß die Augen . Elkan Geyer und Isidor standen beim Ofen und flüsterten miteinander . Der schwächliche und furchtsame Elkan schien von wilder Beredsamkeit ergriffen , aber Isidor zuckte fortwährend die Achseln , und sein Gesicht wurde grausam und kalt . » Und wenn er mir das Haus wegnimmt und das letzte Stück Brot , was soll ich tun ? « jammerte Elkan , » wer wird helfen ? « Isidor nickte mit schaler Teilnahme und klimperte mit den Talern in seiner Tasche . Und Elkan Geyer fuhr fort : » Der Sürich ist nicht wie Gläubiger sonst , das muß man nicht glauben . Es ist ein eigner Geist in ihm . Er kommt herein und in seinen Augen funkelts vor Haß . Er kommt herein , streckt seinen Hals , lacht , knipst mit den Fingern , er ist unheimlich , jawohl , aber er hat etwas Edles an sich wie ein Löwe . Man müßte einmal von Herzen mit ihm sprechen , vielleicht will er gar nicht das Böse . « Die Frauen und die Kinder unterhielten sich abseits . Nur Enoch blickte starr auf die beiden Männer und sein gelbes Gesicht mit dem struppigen Bartrand schien versteinert . Er grämte sich , daß man ihm nichts zu essen gab und weil alle seiner vergaßen wie eines abgebrauchten Hausrats . » Sie lauern auf meinen Tod , « dachte er , » aber ich werde noch lange nicht sterben . « Das Kätzchen miaute vor der Tür . Er hörte es nicht ; in dunklen Bildern stieg Vergangenes herauf und mischte sich mit Bildern der Gegenwart . » Ach ja , euern Agathon hab ich gesehen ! « rief plötzlich Helene Rosenau . Und sie schilderte nun einen sonderbaren Auftritt , dessen Zeugin sie gewesen und der die Zuhörer mit stummer Erregung erfüllte . Da sie merkte , daß das Vorgefallene am Ende wichtiger war als sie geahnt , suchte sie durch theatralisches Gebaren ihr langes Schweigen vergessen zu machen . Sürich Sperling war vor seinem Haus am Kirchenplatz gestanden und sein Gesicht war gerötet vom Feuer der Schmiede gegenüber . Da ging Lämelchen Erdmann , ein kleines altes Jüdchen vorüber und sein Köpfchen wackelte betrübt hin und her . Sürich Sperling rief , es solle zu ihm kommen . Und als Lämelchen sich furchtsam aus dem Staube machen wollte , ging Sürich hin und zog es bei den Ohren zu seiner Treppe . Er stierte dem Kleinen lange in die Augen , und sein Mund begann zu lächeln . » Hin ist hin , « sagte er und machte mit dem Arm eine unbestimmte weite Gebärde . » Ich bin ein Mann , mit dem ' s die Welt verdorben hat . Wenn ich einen Juden seh ' , kocht mein Blut . Ich kann die Juden riechen , wie der Hund das Wild . Schmied komm mal rüber , leg ' den Kerl da unter deinen Amboß . « Der Schmied trat ins Freie und nickte Sürich freundlich zu , der den Kopf des Lämelchen niederzog , daß das Männchen zu schreien anfing . Plötzlich trat Agathon Geyer aus dem Schatten des Brunnens , stürzte auf den Wirt zu und spie ihm ins Gesicht . Sürich Sperling ließ sein Opfer los , packte Agathon , nahm ihn wie ein Paket und verschwand mit ihm im Haus . Der Schmied lachte , die Mägde am Brunnen lachten ; alle fanden den Sebalderwirt höchst spaßhaft . Und war er denn nicht ein prächtiges Menschen-Exemplar ? » Er ist ein Germane , das Urbild des Germanen , « sagte Professor Brünotte in Fürth , der Philologe . Sürich Sperling haßte die Juden unbeschreiblich ; jede Gebärde , jede Stimme , jede Handlung eines Juden regte ihn auf wie Wein . Es war unerhört und wunderlich ; keines Menschen Erfahrung wies einen ähnlichen Fall auf . Er war ein Tier : wild , stolz , unbezähmbar , keinem Vernunftgrund der Welt zugänglich . Niemals hatte er vor einem Herrn den Nacken gebeugt ; nie war er wie andere junge Leute seiner Abkunft Knecht gewesen . Es gab Leute , die sich fürchteten , wenn jemand von der Regierung ins Dorf kam ; sie fürchteten ein Unglück für den Regierungsmann und für den Wirt . Denn Sürich Sperling verachtete den Adel , verachtete das Gesetz , verachtete den Pfaffen und verachtete die Obrigkeit . Er war ein Sohn der großen Natur rings umher , der großen Ebene , die sich riesenleibig dehnt . Doch war sein Gemüt kindlich , und er war leicht zu lenken . Oft war er rätselhaft in seinem Wesen , schrie und tobte und war innerlich traurig . Sein Vater soll ein Riese gewesen sein , und von seiner Mutter erzählte man sich seltsame Dinge wie von einer Messalina . Sürich Sperling paßte nicht in das enge Dorf . » Das Urbild des Germanen « fand hier kein Bett , worin es bequem ruhen konnte . Zweites Kapitel Kaum hatte Helene Rosenau berichtet , was sie gesehen , als Elkan Geyer seinen Hut vom Nagel riß und hinausrannte . Die Kinder begriffen nicht , worum es sich handelte und blickten scheu und fragend umher . Isidor stand leise und verlegen trällernd am heißen Ofen und tippte mit den Fingern an die Kacheln . Der alte Enoch war still ; sein Blick hatte sich umschleiert ; es war , als ob die beängstigende Stimmung von ihm ausflösse . Elkan eilte die Gasse hinunter . Am Brunnen standen noch immer schwatzende Jungfern . Das Wasser lief plätschernd in den Trog , und der dünne Strahl war blutrot im Widerschein des Schmiedefeuers . Sürich Sperling hockte vor seinem Haus auf den Steinfließen , hatte das Gesicht zwischen die Hände geklemmt und starrte unverwandt hinüber in die Esse , vor deren Glut die Gesellen schwarz hin- und hereilten . Elkan Geyer ging hin zu ihm und fragte : » Was haben Sie mit meinem Sohn gemacht ? Reden Sie ! « Sürich Sperling schwieg , er erhob nicht einmal die Augen . Elkan wiederholte seine Frage , aber der andere öffnete den Mund nicht , machte keine Bewegung , blieb starr wie im Schlaf . Sein Gesicht hatte den Ausdruck eines Menschen , der in tiefem Nachdenken begriffen ist oder eines Kranken , dem man den Tag seines Todes vorhergesagt hat . Was ist mit ihm vorgegangen ? dachte Elkan und er wagte es , diesen Feind an der Schulter zu rütteln . Er hätte nicht den Mut dazu gehabt , wenn ihn nicht Furcht und Verzweiflung getrieben hätten . Da richtete sich Sürich Sperling auf und ging schweigend ins Haus . Elkan , der sich nicht getraute , ihm zu folgen , zitterte vor Besorgnis . Er ging hinüber zu den Mägden . Sie sagten , daß Agathon kurz zuvor Sürich Sperlings Haus verlassen hätte . Erleichterten Herzens aufseufzend , kehrte Elkan den finstern und schmutzigen Weg zurück . Frau Jette kam ihm im Flur entgegen ; ihre Augen fragten angstvoll , ihr Mund nicht . Die Rosenaus hatten sich mit Trostsprüchen entfernt ; wenn es nicht mehr munter und witzig herging , wurde es ihnen unbehaglich . » Ist er nicht da ? « stieß Elkan heftig hervor , indem er in die Stube trat und sich unruhig umsah . Niemand antwortete . Aber kaum hatte Frau Jette die Türe hinter sich geschlossen , als sie leise wieder aufging und Agathon hereintrat . Sofort gewahrten alle , daß in seinem Gesicht etwas war , das sie vorher nicht darin gesehen hatten . Er schlich mehr , als daß er ging , sagte weder guten Abend , noch sonst eine Silbe , setzte sich neben seine Schwester Mirjam , der er flüchtig schmeichelnd übers Haar strich , nahm einen der erkalteten Erdäpfel von der Platte , schälte ihn und begann zu essen . Aller Augen waren auf ihn gerichtet , aber er schien nichts davon zu bemerken . Mit bleiernem und glanzlosem Blick guckte er auf seinen Teller und aß anscheinend mit Ekel und Überwindung . An seinem Hals war eine blutige Schramme . » Wo warst du ? « fragte Elkan Geyer mit richterlicher Würde und trat an den Tisch . Seine Stimme bebte . Agathon sah seinen Vater ausdruckslos an und fuhr fort zu kauen . Frau Jette hatte sich , den Kopf auf den Arm gestützt , weit über den Tisch gelegt und sah ihren Sohn durchdringend an . » Woher hast du die Schramme ? « fragte Elkan Geyer weiter und stützte beide Fäuste auf den Tisch . Seine weichen , guten Augen begannen zu funkeln . Auch Enoch trat jetzt herzu , schob den Kopf Agathons mit der Hand so weit zurück , daß ihm das Gesicht aufwärts zugewandt war und blickte ihn finster an . Agathon schlug die Augen nieder . » Woher hast die Schramme ? « brach Frau Jette mit ihrer kreischenden Stimme aus . - » Vom Baum , « murmelte Agathon . Elkan Geyer verfärbte sich und sprach plötzlich zum Erstaunen der andern von den Erfolgen seiner Fahrt nach Altenberg . Agathon erhob sich und verließ das Zimmer . » Sag ' mir um Gotteswillen , was der Junge hat ! « klagte Frau Jette . Elkan stand am Fenster . Ihm war , als sähe er den Wasserspiegel in der Ferne oder spüre den feuchten Hauch der Flut . Sein Herz wurde eng . Er folgte Agathon , denn der Gedanke an ihn bedrückte seine Sinne . Er öffnete eine Tür des finstern Flurs und kam in eine kalte , kahle Kammer , wo auf einem hochbeinigen Holztisch eine Kerze stand . Agathon war über ein dickes Buch gekrümmt , die Finger in den Haaren verwühlt . Es war das Neue Testament . Kaum hatte Elkan das Buch angesehen , als er es mit einer wütenden Bewegung packte , es unter den Armen Agathons hervorzerrte , die einzelnen Blätter zerfetzte und den Band in eine Ecke warf . » Das tust du ! Das tust du mir ! « flüsterte er atemlos . Agathon schwieg , wandte die Augen nicht von denen seines Vaters und veränderte nicht seine kauernde Stellung . Elkan empfand plötzlich eine unerklärliche Furcht vor ihm , setzte sich auf den Bettrand und fragte schüchtern : » Was hat er mit dir gemacht der Sürich ? « Agathons Augen funkelten . Er schüttelte den Kopf und sah begierig in den schmalen Spiegel an der Wand , als ob er jede Veränderung seines Gesichts studieren wolle . » Kannst du ' s nicht sagen ? Deinem Vater ? « » Nein . « » Ja , aber - ! « » Nein . Warum hast du denn das Buch zerrissen ? « » Weil es Sünde ist , es zu lesen , Sünde gegen den Gott Israels . Woher hast dus ? « » Sünde ? Was Millionen gläubig wissen , kann doch nicht für irgend einen Sünde sein . Du sagst , Israel ist Gottes Lieblingsvolk ? Er beschützt es vor allen andern ? « » Ja . « » Das ist Unsinn und Lüge . « » Agathon ! « » Ja ! Alle Völker hassen uns und ich glaube , Gott haßt uns ebenfalls . « » Was für Reden ! « » Wir haben Jesus gekreuzigt und - « » Wir - ! nicht wir Agathon . « » - aber wenn wir es nicht getan hätten , wäre er nicht Jesus Christus . Sie haben uns also Jesus Christus zu verdanken . « » Natürlich . « » Trotzdem fluchen sie uns , « fuhr Agathon fort , » und wir haben kein Vaterland . « » Warum nicht ? Hier ist unser Vaterland ! Deutschland ! Uns beschützt der Kaiser und das Gesetz . « » Kaiser und Gesetz sind nicht Deutschland , Vater . Und wo man beschützt werden muß , ist man nicht daheim . « » Du bist ein Klügler . Das Leben ist einfacher , als die Klugheit eines Knaben . « » Ich bin kein Knabe mehr , Vater . Wenn uns das Volk lieb hätte , wären wir nicht so wie wir sind . Wir sind Unebenbürtige in diesem Land und wir sind doch mehr als sie , stärker als sie ! « Wieder funkelten seine Augen und es lief ein Zittern durch seinen Körper ; er stand da , sein schmales Gesicht war verzerrt , seine Hände waren ineinander gekrampft , und er stieß einen Laut des Grauens aus . Elkan blickte verstört umher , aber er gewahrte nichts . Er packte Agathon bei den Armen , schüttelte ihn und begegnete seinem ausdruckslosen , starrenden Blick . Die Türe knarrte , und Frau Jette kam herein . Sie sagte , ein armer Gast sei gekommen und wolle für die Nacht Unterkunft . Fast willenlos verließ Elkan das Zimmer . Als er wieder den Flur entlang schritt , überfiel ihn beklemmend das Gefühl seiner Not . Morgen würde ihn Sürich Sperling pfänden lassen , und selbst die kleine Krämerei , die den Bedarf für den Tag deckte , würde verloren gehen . Hätte er nur seiner Kinder Geld bei Löwengard bekommen können ! Er überlegte , wie er dies anstellen könne . Der Fremde stand im Zimmer und murmelte Gebete ; seine Augen flogen gierig über die schmutzigen Blätter des Buches und sein Gesicht hatte einen übertriebeninbrünstigen Ausdruck . Als er fertig war , wurden seine Mienen finster und feindselig ; er beantwortete alle Fragen so kurz als möglich , schaute keinem ins Gesicht und als die Magd mit den aufgewärmten Kartoffeln kam , wandte er sich ab und bedeckte das Gesicht mit den Händen , um nicht durch den Anblick einer Christin verunreinigt zu werden . Sein Hut , den er während des Essens aufbehielt , war alt und zerlöchert . Alle gingen zur Ruhe , auch der Fremde , der in der oberen Kammer am Giebel eine Bettstätte bekam . Immer klang es wie Wasserrauschen und Wellengeplätscher herein ins Dorf ; Regen strömte herab , dann war es wieder still , dann kam ein summender Wind , dann trat wieder der Mond aus den Wolken , und seine Strahlen legten sich scheu auf die Dächer . Frau Jette sagte am Morgen , sie habe zweimal die Haustüre gehört , aber alle lachten sie aus . Frisches , warmes Brot stand auf dem Tisch und Kaffeedampf erfüllte die Stube . Die Männer kamen mit ihren Gebetsriemen , um das Morgengebet zu verrichten , denn sie konnten nicht zur Synagoge gehen , weil der alte Vorbeter durch Zwistigkeiten , wie sie stets unter den Juden des Dorfes herrschten , daran verhindert wurde , sein Amt auszuüben . Agathon rüstete sich zum Aufbruch ; er mußte um acht Uhr zum Schulbeginn in Fürth sein , und es war eine Stunde Wegs , die er täglich zweimal zurücklegen mußte . Mittags hatte er Freitische bei reichen Juden in der Stadt . Er steckte die Bücher in seinen Träger und schien dabei weniger entschlossen und überlegt als sonst . Oft besann er sich lange , drückte die Augen zusammen , schaute fremd auf die Geschwister und die Mutter . Elkan Geyer war schon aufgebrochen ; er ging über Land , wie er sagte wegen der Geschäfte , in Wahrheit aus Angst vor Sürich Sperling . Während Frau Jette einen Scherz erzählte und Enoch mit großem Geräusch Kaffee schlürfte , erschallte auf der Straße ein gellender , durchdringender Schrei , wie wenn einer , die Finger zwischen den Zähnen , in der Art des Metzgerpfiffs aus aller Kraft pfiffe . Dann lief der Bauer Jochen Wässerlein vorbei und überstürzte sich fast vor Eile . Dann kam Pavlowsky , der Gendarm ; er lief zwar nicht , aber er ging so schnell , wie noch niemand im Dorf ihn hatte gehen sehen . Sein Körper wurde bei jedem Schritt förmlich durchschüttelt . Agathon stand mitten im Zimmer , weiß wie ein Hemd , und ein irrsinniges oder triumphierendes Lächeln spielte um seine Lippen . Frau Jette hatte das Fenster aufgerissen und sich weit hinausgebeugt ; sie sah am Kirchenplatz viele Menschen stehen ; auch vor Martin Ambrunns Wirtschaft standen Leute . Die Magd Kathrin stürzte herein . Der Ausdruck ihres Gesichts war nicht mehr Schrecken zu nennen ; es war ein Krampf . Sie ließ die Unterkiefer herabhängen , daß der Mund weit offen stand und machte bloß Versuche , den Arm zu heben . » Was ist geschehen ? « fragte Frau Jette mit starrendem Herzen . Kathrin brachte kein Wort hervor . Alle umstanden sie und endlich flüsterte das Mädchen : » Der Sebalderwirt ist tot ; sie hab ' n ihn umgebracht , heißt ' s. « Alle schwiegen . Joelsohn und Enoch Pohl murmelten ein Gebet . Die Kinder eilten auf die Straße und standen vor der Tür furchtsam still . Auf Agathons Antlitz malte sich von neuem jenes irre und frohlockende Lächeln und auch er legte wie die beiden Alten betend die Hände aneinander , doch was ihn erfüllte , war nicht Andacht , sondern unendliche Lust und grenzenlosglückselige Genugtuung . » Dank , Dank , Dank , « flüsterten seine Lippen , als er den Weg nach der Stadt antrat und er schritt dahin wie beflügelt . Er verfolgte zuerst den aufsteigenden Weg nach der Veste , und von dort aus ging er den Kamm der Hügel entlang über Dambach und die äußere Schlachthausbrücke . Er wanderte im Halbkreis um das überflutete Gelände ; überall rauschte und brandete das Wasser , und wenn sich die Morgennebel hoben , entstanden phantastische Städtebilder . Am Schlachthaus war der Anprall des Wassers gewaltig ; das Gerassel der Wagen auf der Brücke wurde verschlungen vom Dröhnen der Brandung . Hier traf Agathon seit den acht Tagen , da er diesen Weg gehen mußte , jedesmal um dieselbe Zeit und an derselben Stelle eine Frau , die leise murmelnd daherkam , eigentlich mehr kroch , als ging . Erst hatte sie Agathon wenig beachtet , dann war sie ihm aufgefallen durch den hartnäckigen , bösen und trotzigen Ausdruck , mit dem sie ihren Korb schleppte . Dann begann er sie aus einem geheimnisvollen Grund zu hassen ; wenn sie seinen Weg kreuzte , funkelten seine Augen ; als er ihr einmal ausweichen wollte , begann sein Herz zu klopfen und trieb ihn ihr entgegen und dann war ihm , als müsse alles , was er an diesem Tag unternahm , zerbrechen und fehlschlagen . Heute kam sie nicht . Er blieb am Brückenpfeiler stehen und sah sich um . Sie kam nicht . Er selbst , der den ganzen Weg wie im Traum zurückgelegt , begann dadurch gleichsam aufzuwachen und er fuhr mit der Hand über die Augen . Sein Blick ging forschend durch die aufsteigenden Gassen des Uferviertels . Sonst wenig geneigt zu Gesprächen redete er am Obstmarkt einen Schulkameraden an , einen kleinen , unbeholfenen Jungen , der sehr jüdisch aussah . Die beiden gingen eine zeitlang wortlos , endlich sagte der Kleine , gedrückt von dem schweigenden Wesen Agathons : » Wie sonderbar es hier riecht ? « » Nach Kohl , « entgegnete Agathon sarkastisch . » Au ! « schrie der Kleine enthusiastisch . Er war wie erlöst durch diesen anscheinenden Witz . » Hast du die salischen Kaiser gelernt ? « fragte er dann . » Ich lerne nicht . Ich kann nicht lernen , « murmelte Agathon . » Ich kann nicht Zahlen einpauken und Namen und Regeln , was weiß ich . Das quält mich . Wenn Bojesen nicht wäre , ich könnte nichts arbeiten , nichts denken in all den Stunden . Das ist alles tot . « Der Kleine schien sehr erstaunt und betreten . Agathon wurde immer bleicher , je näher sie dem Schulhaus kamen . In allen Gassen wurden die Läden geöffnet und die Kaufleute und Gehilfen , meist Juden , standen frisiert und frisch gewaschen vor