wenn ihr die Laune danach stand , oder es in ihre Absichten paßte ? In solchen verzweifelten Momenten hätte er das schöne Weib , das so zum Zeitvertreib ihre Circekünste an ihm übte , an dem weißen Hals packen und erwürgen , dieser vornehmen Gesellschaft , die in ihm nur ihren Tanzmeister sah , sein Regiebuch vor die Füße schleudern mögen . Und hatte er sich dann aus dieser Gesellschaft verabschiedet , verbindlich lächelnd die ihm von allen Seiten entgegengebrachten Danksagungen für seine Nachsicht und Geduld bescheiden ablehnend , stürmte er durch die nächtlichen Straßen nach Hause , in sich hinein wütend , mit allen heiligsten Eiden sich gelobend , diesen Tanz um das goldene Kalb der Eitelkeit zum letztenmale getanzt zu haben . Ein Trost blieb ihm , und er wiederholte ihn sich beständig : in all dem Sturm und Drang seiner Leidenschaft , in diesem Chaos durcheinander wirbelnder , sich wild befehdender Empfindungen - von seinen Berufs- und häuslichen Pflichten hatte er keine einzige verletzt . Mochten seine Schüler den gütigen Lehrer ungern vermissen , der strengere war ihnen vielleicht der bessere ; und seine Gattin , seine Kinder , so verstört ihm auch oft der Kopf , und wie weh es ihm ums Herz war , sie sollten noch das erste unfreundliche Wort aus seinem Munde hören . Ja , es dünkte ihm seltsam und ein psychologisches Rätsel , daß er sich , mit der wahnsinnigen Liebe für die andere im Herzen , von Klara nicht entfremdet fühlte , ja , mehr noch denn sonst zu ihr hingezogen als zu einer befreundeten Seele , von der er Rat in seiner Ratlosigkeit , Hilfe in seiner Hilflosigkeit mit Sicherheit erwarten durfte . Sollte er vor ihr hinknieen , den Kopf in ihren Schoß drücken und der Treuen , Guten , Verständigen alles , alles sagen ? Mehr als einmal stand er vor dem Entschlusse so nah , daß nur noch eines Haares Breite fehlte . Dann fädelte sie gerade eine Nadel ein , oder aus ihrem Munde kam ein Alltagswort : über Karlchen , der wieder sein Höschen zerrissen hatte , über Frau Doktor Müller , bei der morgen das sechste Dienstmädchen binnen Jahresfrist anzog - und der mutige Entschluß kroch feig zum Herzen zurück . Nein ! sie würde ihn nicht verstehen ! Und wie konnte sie ihm verzeihen , wenn sie ihn nicht verstand ! Ihn , der sonst , als ein gesunder Mann , sich eines soliden Schlafes alle Zeit erfreut hatte , plagte jetzt eine hartnäckige Schlaflosigkeit . Klara über den wahren Grund seines Leidens wegzutäuschen und sich selbst die qualvollen Stunden zu verkürzen , studierte und schrieb er die halben Nächte hindurch an einer großen gelehrten Arbeit , die ihn schon seit längerer Zeit beschäftigt hatte und auf deren Fertigstellung der Verleger jetzt dringe . Klara , die ihr Leben dafür gelassen haben würde , daß kein unwahres Wort aus seinem Munde gehen könne , hatte dessen kein Arg . Wie aber ein verständiger Mensch , wenn ihm das Feuer auf die Nägel brenne , es über sich gewinne , vier , fünf Abende in der Woche mit diesem albernen Komödienspiel zu vertrödeln , gehe über ihren Horizont . Und wenn er glaube , sich , weil er sich für sie opfere , den Dank dieser vornehmen Herrschaften zu verdienen , irre er gewaltig . Die Sorte habe es an sich , den Leuten Komplimente zu machen , solange sie sie brauchten , und sie dann wegzuwerfen , wie ausgequetschte Citronen . Worauf denn Albrecht etwas murmelte von der Notwendigkeit , B zu sagen , nachdem man die Thorheit begangen , sich auf das A einzulassen ; und daß ja , Gott sei Dank , der leidige Spaß nun bald ein Ende haben werde . Versprich mir wenigstens , Albrecht , sagte Klara , daß er dann auch wirklich ein Ende hat ! Aber wie sollte er denn nicht ? entgegnete Albrecht . Ich weiß nicht , sagte Klara . Ich habe nur immer gefunden : wenn man erst mal Unordnung in seine Wirtschaft kommen läßt , hernach ist es schwer , sie wieder hinauszubringen . Du bist doch sonst ein so ordentlicher Mann . Und Du eine verständige Frau , die nicht gleich in jedem Schatten an der Wand ein Gespenst sieht . Geh zu Bett , Kind ! Ich werde heute nicht so lange aufbleiben ! Elftes Kapitel Wenn Albrecht nicht wußte , ob Klotilde ihn liebe , Klotilde selbst hätte es ihm nicht sagen können . Es war da etwas Sonderbares , für das sie keine Erklärung fand . Fern von ihm konnte sie an ihn denken , sich seine Erscheinung in allen Einzelheiten ausmalen , ohne die geringste Wallung in ihrem Herzen zu verspüren . Mehr noch ! sie sah dann mit unheimlicher Klarheit seine Schwächen : seine Eitelkeit und Selbstgefälligkeit ; seine pompöse Weise , zu gehen und zu stehen , durch die doch immer der pedantische Schulmeister blickte ; sein krampfhaftes Bemühen , durch nichts an seine plebejische Abkunft zu erinnern , um gerade das Gegenteil von dem hervorzubringen , was er erzielte . War es nicht beschämend , geschmacklos und grenzenlos lächerlich , sich für einen solchen Mann zu interessieren ? zu enthusiasmieren sogar ? Würde nicht die seine Stephanie , würden nicht , wenn sie es wüßten , ihre sämtlichen Bekanntinnen sie auslachen ? Mit Fug und Recht sie eine sentimentale Närrin nennen , die schleunigst in ihre Pension zurückkehren möge , für den Litteraturlehrer so weiter zu schwärmen ? Sie hätte sich die Ohren zuhalten mögen , so deutlich hörte sie das höhnische Gelächter . Und dann brauchte sie nur wieder in seine Nähe zu kommen , um von neuem zu spüren , wie ein Zittern durch ihre Nerven rieselte ; das Blut sich ihr zum Herzen drängte , atemraubend ; zum Kopf , ihr das Gehirn umnebelnd ; wie ihr der Mund trocken wurde und ihr die Lippen brannten nach einem Kuß von seinen Lippen ! In solchen Momenten hatte sie auch Empfindung und Verständnis für seine geistige Bedeutenheit , in der er die andern Männer ihres Kreises um Haupteslänge zu überragen schien . Mit einziger Ausnahme Elimars ! Aber Elimar war ihr stets inkommensurabel und ein Gegenstand geheimer Furcht gewesen in dem unerschütterlichen Gleichmaß seines Temperaments und der krystallenen Klarheit seines Denkens . So hatte sie auch damals seiner stillen Werbung keinerlei Vorschub geleistet und wunderte sich jetzt auch nicht mehr darüber , daß er ihre unbedeutende Cousine geheiratet hatte . Von seiner Höhe aus gesehen , welch großer Unterschied konnte da zwischen den Weibern sein ! Aber die Menge der Übrigen ! dieser Herdentiere , die sich zum Verwechseln ähnlich sahen ; alle dieselben Manieren hatten ! dieselben abgebrauchten Phrasen gedankenlos herunterplapperten ! und von denen keiner einen Schritt wagte , es wäre denn irgend ein Leithammel vorausgesprungen , worauf sie sämtlich in stupider Hast nach derselben Seite drängten ! Selbst Fernau , den sie in letzter Zeit ziemlich stark bevorzugt hatte , weil er unter diesen Nullen noch der einzige Zähler schien , wie weit blieb er hinter Albrecht Winter zurück ! Sie hatte seine » Reisebriefe « wieder hervorgesucht . In ihren Kreisen galt das Buch als ein Wunder von Geschmack , Geist und Witz ; ihr selbst war es noch vor einem Jahr so erschienen . Wo aber hatte sie dann ihre Augen , ihren Verstand gehabt ! Wie trocken , trival , hausbacken war dies alles ! Und wenn der Mann sich einmal zu etwas aufschwingen wollte , was er vermutlich für poetisch hielt , - wie mußte er sich recken und strecken , wütend die Flanken peitschen , und wie kläglich war das Resultat ! Albrecht Winter ! Wie leicht und anmutig floß die Rede von seinen Lippen ! wie hatte er für alles den rechten , den treffenden Ausdruck , ohne daß er jemals danach zu suchen brauchte ! Und sie hatte doch auch ihre Mädchenträume gehabt und ihren Geibel , ihren Heine mit Herzklopfen in holden Stunden gelesen , die längst verklungen waren ! Und jetzt wieder herangeschwebt kamen , wenn sie nur den Ton seiner Stimme hörte und in seine Augen blickte , die verklärt schienen von dem Licht , das ihr Leben einmal ahnungsvoll gestreift hatte ! Ein schöner Traum , der kam , sobald er in die Thür trat , und gegangen war , wenn sie sich hinter ihm schloß . Dann war sie wieder , die sie gewesen : die Weltdame , » die sich mit ihrem faible für den Schulmeister einfach ridikül vorkam . « Und sich weiter so vorkommen würde , wollte sie das Leben nicht nehmen , leicht , wie alle Welt um sie herum es nahm . Man brauchte ja deshalb nicht die Kappe über die Dächer zu werfen ! Hatte sie es denn je gethan ? Daß sie ihren Mann nicht liebte , dafür konnte sie doch nichts . Wenn man mit neunzehn Jahren heiratet aus Ärger , daß einem die einzig wünschenswerte Partie entgangen ist , man sie sich in seiner Dummheit hat entgehen lassen - mein Gott , der Ärger macht blind ! Und so ganz vorbeigegriffen hatte sie in ihrer Blindheit doch auch nicht . Viktor war nicht schlechter und nicht besser , als die übrigen . Eher noch ein bißchen besser . Jedenfalls hatte er sich die Hörner vorher abgelaufen - was man nicht von allen sagen konnte - und wenn er ein wütender Aktentiger und rücksichtsloser Streber war , so trug das zu seiner Unterhaltsamkeit nicht gerade bei , aber es waren doch die rechten Eigenschaften für den Sohn eines armen Generals a.D. , welcher die Tochter eines Gutsbesitzers geheiratet hatte , der beständig erklärte , nicht zu wissen , wie er sich , Frau und sechs Kinder weiter so durch die Welt bringen sollte . Nein ! sie hatte die Kappe nicht über die Dächer geworfen . Flirtations ! Nun ja ! Wer unter den ihr bekannten Damen hätte denn keine gehabt ? Auch sie , die keineswegs jung und nichts weniger als schön waren ! Und bei denen es nicht einmal immer mit der Flirtation als abgethan galt in den Augen derer , die es besser wußten ! Konnte in diesem Kreise mit der wunderbaren Akustik und seinen hundert gierigen Späheraugen jemand gegen sie auftreten und ihr nachsagen , sie sei zu weit gegangen ? War in dem Techtelmechtel mit Fernau einer zu weit gegangen , so war es Fernau , nicht sie . Hatte Viktor an dem Manne einen Narren gefressen , schien er ohne ihn nicht mehr leben zu können und riß alle Thüren seines Hauses geschäftig für ihn auf - sollte sie ihm den Staar stechen ! Er sah doch sonst , wenn man ihm glaubte , durch die dicksten Wände und hörte das Gras wachsen ! Und hatte sie nicht ein Übriges gethan und Fernau zu verstehen gegeben , daß sie seine Avancen kompromittierend fände für eine ehrbare Frau , und er sich in Zukunft eines gesetzteren Vertragens befleißigen möge ? Vielleicht war das eine Dummheit gewesen . Ist es doch vielmehr ein Gebot der Klugheit , die alten Liebhaber nicht vor den Kopf zu stoßen , will man sich des neuen in Sicherheit erfreuen . Und es bedurfte keines besonderen Scharfblicks , um zu sehen , daß Fernau vor Eifersucht auf den Professor beinahe toll war . Trotzdem sie sich doch wahrlich von Anfang an die erdenklichste Mühe gegeben hatte und bis zu diesem Augenblicke gab , ihre närrische Leidenschaft für den Schulmeister vor aller Welt zu verbergen . Aber freilich , Leidenschaft versteht sich auf Leidenschaft , kennt all ihre Winkelzüge und Schleichwege , ihren Augenaufschlag , den leisesten Ton ihrer Stimme . Es war kein Zweifel : Fernau hatte mehr gehört und gesehen , als er hätte hören und sehen dürfen . Und er war Viktors Intimus ! Hier mußte einer drohenden Gefahr kühn die Spitze abgebrochen werden . So fragte sie denn am Morgen , als Viktor im Begriff stand , auf sein Bureau zu gehen , in lässigem Tone : Du kommst heut nicht so spät nach Haus ? Warum ? Ich habe den Professor Winter gebeten , Dir einen Besuch zu machen , und möchte natürlich gern , daß er Dich zu Haus fände . Viktor ließ den Thürgriff , den er bereits in der Hand hielt , wieder los . Du hast den Mann gebeten , mir einen Besuch zu machen ? » Uns « wäre richtiger gewesen , obgleich mir hauptsächlich daran gelegen ist , daß Du ihn empfängst . Ich sehe ihn ja beinahe alle Tage . Ich beneide Dich nicht darum ; aber was soll ich mit dem Menschen ? Viktor war zu ihr an den Kaffeetisch zurück gekommen mit dem finstern Blick , wenn ihm etwas gegen den Willen ging , und den sie in diesem Falle erwartet hatte . So sah sie denn freundlich von ihrer Tasse zu ihm empor und sagte ruhig , trotzdem ihr das Herz heftig schlug : Ich kann Dich versichern , ich hätte es sehr viel lieber nicht gethan . Aber - setz ' Dich doch noch ein wenig hin ! es ist gut , wenn wir uns darüber aussprechen - es ging nicht anders . Ich bin mit dem Mann bei Sudenburgs jetzt so oft zusammen ; er ist wirklich für einen Menschen seines Standes so übel nicht ; und wenn ich mit meiner Rolle reüssiere - woran Dir denn doch auch gelegen ist - verdanke ich es nur , oder doch beinahe nur ihm . Wir verdanken ihm alle viel und geben uns natürlich Mühe , höflich und artig gegen ihn zu sein . Bei Sudenburgs geht er aus und ein ; während der ersten Proben ist er zweimal bei Meerheims gewesen ; und Frau von Breitenbach - ich sagte Dir ja wohl schon , daß Lotte Breitenbach in dem zweiten Stück mitspielt - hat ihn sofort gebeten , einen Besuch bei ihnen zu machen ; und Du weißt , daß gerade Breitenbachs sehr wählerisch sind . Nur bei uns ist er noch nicht gewesen , und gerade da wäre es am nötigsten , weil Du an unsern Abenden nicht zugegen bist . Ich habe auch wahrhaftig Besseres zu thun . Gewiß ! und so bin ich nicht weiter in Dich gedrungen , was mich nachträglich sehr gereut , denn Du hättest es doch wohl mir zuliebe gethan , und ich wäre aus der Verlegenheit . Es ist und bleibt eine für eine Dame , wenn sie dergleichen Geschichten mitmacht , ohne von ihrem Mann , oder wenigstens einem Bruder , einer Schwester oder Mutter begleitet zu sein . Alle die andern sind in der glücklichen Lage : Stephanie , Adele , Lotte Breitenbach , alle , nur ich nicht . Es sieht immer so aus , als ob man seinem Manne weggelaufen und unter die Komödianten gegangen ist . Das mag ich nicht . Wenn ich nur einsehen könnte , was dadurch besser wird , daß der Mann mich , meinetwegen uns besucht ! Du bist doch sonst in solchen Dingen so feinfühlig ! Dadurch , daß Du ihn in Deinem Hause empfängt , giebst Du mir die Legitimation , mit ihm in andern Häusern zu verkehren , die ich ohne das nicht habe . Aber der Mensch ist mir gründlich fatal ! Du hast ihn ja nur einmal gesehen . Mir war das gerade genug . Und was ich von Fernau über ihn gehört habe - Was kannst Du gehört haben ? Was ich lieber nicht wiederhole . Und gerade deshalb muß ich darauf bestehen , daß Du es sagst . Übrigens , wenn Du nicht willst - ich kann es Dir sagen : der Professor erdreistet sich , mich schön zu finden . Etwas der Art. Worüber sich lustig zu machen , Fernau doch zu allerletzt ein Recht hätte . Wer in einem Glashause wohnt , soll nicht mit Steinen werfen . Fernau ist mein bester Freund . Als ob es nicht immer die besten Freunde wären , über deren Betragen die Ehemänner am sorgfältigsten wachen sollten ! Du willst doch nicht sagen - Genau nicht mehr , als ich gesagt habe . Nur noch dies , da wir einmal bei dem Thema sind : gerade Fernaus wegen wünsche ich und muß ich wünschen , daß Du Herrn Professor Winter empfängst . Du bist völlig lächerlich mit Deiner Furcht vor Fernau . Ich fürchte mich vor Fernau nicht ; aber ich habe ein Recht , von Dir zu verlangen , daß Du mich gegen seine Spöttereien und hämischen Insinuationen in Schutz nimmst . Du kannst es in diesem Falle leicht , wenn Du mir meine Bitte gewährst . Schön ! ich werde den Herrn empfangen . Ich danke Dir im voraus . Unter der Bedingung , daß die Sache keine weiteren Konsequenzen hat . Ich wüßte nicht , welche . Mit seinem Besuche und einer Karte , die Du hinterher bei ihm abgiebst - Auch das noch ! Na , meinetwegen . Wann , hast Du ihm gesagt , daß ich zu Hause bin ? Vier Uhr - Deine gewöhnliche Zeit . Also , adieu ! Adieu ! Zwölftes Kapitel Es fehlten nur noch wenige Minuten an vier , und er würde gewiß pünktlich kommen , während Viktor nicht wohl vor ein viertel fünf da sein konnte . Sie saß in einem Fauteuil ihres Salons , auf dem Tischchen neben sich ein geöffnetes Buch , das sie in dem Augenblicke , wo es draußen klingelte , ergreifen konnte . Noch kurz vorher war das Arrangement ein anderes gewesen . Sie hatte eine Näharbeit in der Hand gehabt , und vor ihr auf dem Teppich hatte Liesbeth , ihr » Zeigekind « gespielt . Aber sie fürchtete , man könnte die Absicht merken ; oder die Bonne würde im ungeeigneten Moment hereinplatzen , Liesbeth zu holen ; oder die Kleine möchte anfangen zu weinen - es war doch besser , wenn sie die Idylle fallen ließ und ihm ganz als Salondame erschien . So war Liesbeth in die Kinderstube zu Brüderchen zurückgeschickt worden . Bereits mehrmals im Laufe des Vormittags hatte sie im Gedächtnis die Scene mit Viktor heute morgen rekapituliert und eben war sie wieder dabei . Es wollte ihr doch jetzt dünken , als habe sie ein sehr gewagtes Spiel gespielt , indem sie um des Professors willen Fernau so gut wie preisgab . Es war nicht ihre Absicht gewesen . Sie hatte , als sie Albrecht zu dem Besuche aufforderte , Fernau zeigen wollen : Sie sehen , daß ich ganz unbefangen bin ; wäre ich es nicht , würde ich mich wohl hüten , Viktor in mein Spiel blicken zu lassen , sondern es ruhig für mich weiter spielen . Nun hatte ein Wort das andere gegeben und zuletzt war eine richtige Anklage daraus geworden gegen den einzigen ihrer Kurmacher , mit dem sich eine Flirtation verlohnte . Das Sprichwort von dem unreinen Wasser , das man nicht voreilig weggießen solle , fiel ihr ein . Über den blinden Eifer ! Um das eine zu thun , brauchte man doch das andere nicht zu lassen ! Oder den andern ! Und Viktor würde nun nichts eiliger haben , als » seinen besten Freund « zur Rede zu stellen ; und er , der hinter jedem Busch gestanden hatte , würde in ein höhnisches Gelächter ausbrechen : siehst Du denn nicht , Verehrtester , daß Dir Deine Frau ein X für ein U macht ! Sand in die Augen , lieber Sohn ! Den Sack schlägt man , und den Esel meint man ! Ich hätte Dich für klüger gehalten ! Und wozu das alles ? Wenn ich wenigstens wüßte , ob ich den Menschen liebte ! Aber davon ist doch gar keine Rede . Es ist doch nur - Auf dem Flur ertönte die Klingel . Klotilde zuckte zusammen , griff mit nervöser Hast nach dem Buch und lehnte sich scheinbar lässig in den Fauteuil zurück , während ihr das Herz gewaltsam klopfte . Es war ihr nichts Neues mehr : sie hatte es jetzt jedesmal durchzumachen , wenn sich die Thür öffnete , durch die er eintreten sollte . Das eben ergriffene Buch lag in ihrem Schoß ; sie hatte dem Eintretenden gütig entgegengelächelt und , ohne sich zu erheben , ihn mit einer Handbewegung aufgefordert , auf einem Faulteil vor ihr Platz zu nehmen . Nun erst streckte sie ihm , sich vorüberbeugend , die Hand hin und sagte mit einer Stimme , deren leises Zittern ihm hoffentlich entging : Wie lieb von Ihnen ! Ich denke , mein Mann wird jeden Augenblick nach Hause kommen . Und inzwischen habe ich Sie in Ihrer Lektüre gestört ! Sie wundern sich , daß unsereine auch mal ein Buch zur Hand nimmt . Wenn ich dergleichen blasphemische Gedanken je gehegt hätte - was nicht der Fall gewesen ist - diese letzten Abende , in denen ich an den Damen Ihres Kreises ebensoviele Repräsentantinnen der feinsten Bildung , des exquisitesten Kunstsinnes bewundern durfte , hätten mich eines Besseren belehrt . Sehr gütig ! Und doch kann ich den Verdacht nicht los werden , daß Sie in uns ohne Ausnahme besten Falls nur dressierte Puppen sehen . Welches Recht hätte ich zu einem so herben Urteil , der ich auf dem identischen Standpunkt der übrigen Herrschaften stehe : dem des Dilettanten . Was versteht man eigentlich unter einem Dilettanten ? Ich glaube : jemand , der lebhafte Freude an der Kunst hat , sich auch wohl in ihr übt und es bis zu einem gewissen Grade der Fertigkeit bringt , ohne doch Künstler zu sein . Und wie wird man Künstler ? Wenn man dazu geboren ist . Das ist sehr bequem . Nicht so ganz . Es gehört dazu , daß man von diesem seinem Geburtsrecht den rechten Gebrauch macht und den Nachweis seiner Legitimität führt . Wodurch ? Durch unablässigen , unerschöpflichen Fleiß , dessen der geborene Dilettant niemals fähig ist . Mein Gott , wie ist das schön ! Was , gnädige Frau ? Von einem klugen Manne sich so belehren zu lassen ! Es war ihr keine Phrase gewesen . Albrecht hatte das wohl herausgehört und sah es an dem Glanz ihrer großen Augen , der ihm bis ins tiefste Herz leuchtete . Noch nie war ihm die schöne Frau so schön erschienen ; noch nie glaubte er , sie so geliebt zu haben . Aber auch bei Klotilde wirkte der Zauber , den die Gegenwart des Mannes stets auf sie übte , mit voller Kraft . Wie ertappte Verbrecher hatten sie beide gleichzeitig die flammenden Augen niedergeschlagen . Klotilde hatte in ihrer Erregung das Buch von ihrem Schoß auf den Teppich gleiten lassen ; Albrecht hob es auf . Indem sie unwillkürlich dieselbe Bewegung ausführte , hatten sich die greifenden Hände für einen Moment flüchtig berührt . Es war so unverfänglich ! Keiner hatte die Absicht gehabt ! Dennoch waren beide tief errötet ; Klotilde strich über eine Falte ihres Kleides ; Albrecht blätterte verlegen in dem Buch . Verzeihen Sie die Indiskretion ! Es ist so die leidige Gewohnheit von uns Büchermenschen , nach dem Titel zu sehen ! Das hätten Sie nun wirklich nicht bei mir gesucht . Aufrichtig , gnädige Frau , nein ! Aber ich freue mich , es hier gefunden zu haben . Sie schwärmen für unsere neueste Litteratur ? Ich interessiere mich sehr für sie , wie für allen kühnen Experimente auf welchem Gebiete immer , von denen ich hoffen darf , die wenigstens die Möglichkeit gewähren , daß die Menschheit einen Schritt weiter kommt . Mein Mann findet diese Sachen entsetzlich . Ihr Herr Gemahl gehört zu der höchst ehrwürdigen Klasse von Staatsbürgern , denen es obliegt , das Bestehende zu konservieren und unsere fin-de-siècle -Menschen vor den Orgien einer kopf- und ziellosen Revolution zu bewahren . Klotilde lachte . Nein , wahrhaftig , rief sie , mein Mann ist kein Revolutionär . Aber ich fürchte , Sie sind einer . Nein , gnädige Frau . Ich bin nur ein Mensch , der nichts dagegen hätte , wenn eines schönen Tages die vierte Dimension entdeckt würde ; und , weil er weiß , sie wird nun und nimmer entdeckt werden , von Herzen dankbar ist für jede , auch die kleinste Erweiterung der drei , innerhalb derer wir Erdgeborenen uns in alle Ewigkeit zu bewegen haben . Worin finden Sie eine derartige Erweiterung ? In jeder Entdeckung - Amerikas zum Beispiel , oder der Buchdruckerkunst , heutzutage der Dampfkraft , der Elektricität - Des Koch ' schen Komma-Bacillus und so weiter . Ich will zugeben , unser Leben wird durch diese und andere schöne Dinge erweitert , wie Sie es nennen . Bleibt es deshalb weniger langweilig ? Ich langweilte mich nie , gnädige Frau . Ich immer - furchtbar . Es bringt mich oft an den Rand der Verzweiflung . Ich könnte ein Verbrechen begehen , wenn ich sicher wäre , es rettete mich auf ein paar Tage , ein paar Stunden nur aus diesem Sumpf , in dem ich ersticke . Ihr Männer freilich ! O ja , ich glaube schon , daß Ihr Euch nicht langweilt ! Da ist Euer Beruf , da ist der Sport , das Spiel , la femme ! Da sind die Dummheiten , die Ihr ungestraft begehen könnt , oder meinetwegen auch gestraft , und die dann jedenfalls noch viel interessanter und pikanter werden . Aber wir ! Puppen habe ich vorhin gesagt ; und dabei bleibe ich : dressierte Puppen ; dressiert von Euch und für Euch , die Ihr mit uns spielt und uns in den Winkel werft , wenn Ihr Euch satt gespielt habt . Sie hatte sich in den Fauteuil zurückgelehnt ; ihre sonst bleichen Wangen waren gerötet , die großen Augen halb geschlossen und wie gebrochen ; durch die leise geöffneten Lippen blitzten die weißen Zähne . Albrecht saß da , vorübergebeugt , starren Blickes , in einem Rausch wahnsinnigen Entzückens . Ja , da war sie , die er sich geträumt hatte in seinen schönsten , kühnsten Träumen : das Weib , das empfand , wie er ; dachte , wie er ; diese schnöde Welt mit einer Spitze ihres Fußes verächtlich von sich stieß , wie er ! Und die , wenn er sie fand , er lieben würde , lieben müßte , und kostete es ihm Leben und Seligkeit . Ich höre aus dem allen nur eines heraus , sagte er mit dumpfer Stimme . Was ? fragte sie , ohne ihre Stellung zu verändern . Daß Sie nie von Grund des Herzens aus geliebt haben . Sie lachte ein kurzes , hohnvolles Lachen . Das fehlte mir noch ! Ja ! rief Albrecht , das fehlt Ihnen ; und weil es Ihnen fehlt , sind Sie , was Sie sind : die unglückliche Frau , die mit allen ihren wundersamen Reizen des Leibes und der Seele , ihren herrlichen Eigenschaften des Herzens und Geistes tantalische Qualen duldet . Aus denen Wonnen werden würden , götterhafte Wonnen bei dem ersten Strahl wahrhafter Liebe , der Ihr Herz träfe . O , gnädige Frau , ich spreche aus Erfahrung ! Auch ich bin durch eine steinige Wüste gewandert . Und der Himmel war ehern über mir . Und die Zunge dorrte mir im Munde , und das Herz verzagte mir in der Brust . Und ich verfluchte mein Dasein und bat den Dämon der Wüste , er möchte seinen glühendsten Samum schicken und eine Sandwelle häufen zum Grabhügel eines Verzweifelten ! Und da , gnädige Frau - kein Dämon der Wüste , der Herr der Welten nahte sich mir ; nicht im heulenden Sturm , sondern im Säuseln des Windes - im sanften und doch allgewaltigen Anhauch der Liebe . Denn siehe , er hatte mir Dich gesandt , Du schönste , herrlichste aller Frauen ! Und mir gesagt : liebe sie von ganzer Seele ! mit jeder Kraft Deines Herzens ! mit jedem Tropfen Deines Blutes ! mit jeder Fiber Deines Leibes ! Und bete sie an , wie Du mich anbeten würdest ! Er war von dem Sessel hinabgeglitten zu ihren Füßen , die glühende Stirn auf ihre Kniee drückend . In demselben Moment wurde , laut und schrill , die Flurglocke gezogen . Klotilde fuhr mit den Händen , die sie eben auf sein Haupt hatte legen wollen , zurück . Um Gottes willen - Er war bereits aufgesprungen und hatte mit einer Geistesgegenwart , die sie ihm nicht zugetraut , raschen Griffs seinen Hut von dem Teppich neben seinem Stuhle aufgerafft . Da betrat auch schon der junge Diener , der ihn vorhin angemeldet hatte , das Zimmer . Eine Depesche , gnädige Frau ! Klotilde hatte von der ihr präsentierten Schale das Blatt genommen und erbrochen . Ist vielleicht Rückantwort , gnädige Frau ? Der Bote wartet noch . Einen Augenblick ! Nein , es ist keine Rückantwort . Der Herr kann erst um sechs zu Tisch kommen - sagen Sie es in der Küche ! Zu Befehl , gnädige Frau ! Der junge Diener war gegangen , während von der anderen Seite die Bonne mit Liesbeth kam . Liesbeth hatte das Klingeln gehört ; gemeint , es sei der Papa ; sich nicht halten lassen . Gieb dem Herrn ein Händchen , Liesbeth ! sagte Klotilde . Die hübsche Kleine kam dreist auf ihn zugelaufen ; er hob sie in die Höhe , küßte sie und sagte , indem er sie wieder niedersetzte : Ich darf Sie nicht länger aufhalten , gnädige Frau . Wollen Sie die Güte haben , mich Ihrem Herrn Gemahl zu empfehlen . Er wird sehr bedauern . Diese leidigen Plenarsitzungen , die alle Augenblicke unverhofft kommen ! Haben wir heute Probe ? Sei artig , Liesbeth ! Nein , aber morgen : die