Saus ! Ah ! Nacht und Tag und Nacht ! Und dann das Schiff ! ... Freilich : Die Seekrankheit ... Unsinn ! Wenn erst die schimmernde Küste Griechenlands auftauchen wird ... ! Venus Anadyomene ! ... Und diese Hellenen in ihren bunten Trachten ; auch Türken , Armenier ! Und herrliche Weiber mit Krügen auf den Köpfen ! Großäugig ! Glutäugig ! Und broncene Brüste schimmern durch paphische Gewänder ... ! Und Marmorpaläste , südliche Gärten und sengende Sonne ! Und nun mein stolzes Schiff , stich aus ins Meer ! Plötzlich kam ihm seine Mutter in Sinn . Es kam so unvermutet und grell , daß er mitten im Rennen stehen blieb . Herrgott , wie wird sie weinen ... Es ist doch eigentlich ... Ah , aber nein : Wenn ich sicher bin , schreib ich ihr Alles , und wenn sie sieht , wie glücklich ich bin , dann wird sie stolz auf mich sein ! Sie versteht mich ja ! Sie weiß , daß aus mir was Großes werden wird ! Mütterchen weine nicht , weine nicht so , Sieh ich bin in der Fremde froh Und denke Dein . Er hoffte , es würde ein ganzes Gedicht werden , aber es blieb , wie gewöhnlich , beim Anfange . Endlich 3 / 43 Uhr ! Nun zum Gartenhaus ! Er lief im Trabe mitten durch Pfützen und ohne aufzusehen , wie ein Junge neben dem Reifen . Jetzt am Garten . Nun die Allee hinauf . Ob Girlinger schon da ist ? Nun den Seitengang . Gott sei Dank , daß es regnet und niemand im Garten ist . Aber der Dreck ! Der Dreck ! Ganz bespritzt ! Das wird doch auf der Eisenbahn nicht auffallen ? So , jetzt bei Kürners Garten vorbei und nun mit Barrieresprung übers Stacket . Teufel ! Mitten in eine Pfütze ! So ein Blödsinn ! Punkt drei ! Aber Girlinger ist noch nicht da . Natürlich ; der macht sichs bequem und kommt sicher in Gummigalloschen und muß um jede Pfütze einen Bogen machen und womöglich bei jedem Buchladen stehen bleiben . Ekelhaft diese Hundsschnauzigkeit . Er ging zum Gartenhaus und griff in seine Tasche nach dem Schlüssel . Plötzlich fuhr er zusammen und starrte auf etwas weißes , das in der Thürsperre klemmte . Sein Gesicht verzerrte sich : Ah , du Hund , du ! Er riß das eingeklemmte Papier heraus . Herunter das Couvert . Da stand mit den schönen , so oft in der Schule belobten Schriftzügen unter Einhaltung des Höflichkeitsrandes etc. folgendes : Lieber Stilpe ! Nachdem ich mir unsern Plan noch vielmals und reiflich überlegt habe , bin ich zu der unumstößlichen Überzeugung gelangt , daß es im Grunde blos ein etwas persönlich drapierter Dummerjungenstreich wäre . Wenigstens was mich angeht . Du bist ja anders , und Dein Temperament berechtigt Dich gewissermaßen zu einem solchen Schritte , der ins Ungewisse führt . Aber ich bin nicht zu dergleichen kühnen Entschlüssen geeigenschaftet . Also : Ich kann nicht mitthun . Verachte mich , soviel Du willst und nenne mich einen Feigling und Wortbrüchigen . Ich kann nichts dagegen thun . Höchstens , daß ich auch Dir rate : Stehe auch Du von dem Plane ab . Selbstverständlich bist Du strengster Geheimhaltung von meiner Seite aus sicher . Aber ich erwarte auch von Dir , daß Du nicht etwa in einem Deiner Wutausbrüche mich als Deinen Komplizen nennst . Das wäre keineswegs honorig . Indem ich Dir , für den Fall , daß Du den Plan zur Ausführung bringst , alles Glück aufrichtig wünsche , bin ich , auch wenn Du mich verachtest , Dein Freund Robert Girlinger . P.S. Meine Sachen nimm , wenn Du gehst , mit . Sie werden Dir nützlich sein . Stilpe geriet in eine maßlose Wut . Zuerst ließ er sie an dem Briefe aus , den er mit den Zähnen zerriß und in das matschige Erdreich hineinstampfte . Dann warf er seinen Hut auf die Erde und schlug mit den geballten Fäusten an die Gartenhausthür . Er war aschfahl im Gesicht und biß sich fortwährend auf die Lippen , als wenn er das Bedürfnis hätte , etwas zu zerfleischen . Dann schloß er die Thür auf und ging ins Gartenhaus . Mit einem Fußstoße öffnete er die Deckthür zu der Versenkung , wo die Koffer standen und spuckte auf diese . Dann warf er die Deckthür zu , daß es krachte und setzte sich auf einen Gartenstuhl . Ein Windstoß warf die Thüre zu , und nun war er im Dunkeln allein mit seiner kochenden Wut . Was thun ? ! Was thun ? ! Ah , vor Allem Eins : Rache an diesem feigen Hund ! Hin zu Girlinger und ihm laut ins Gesicht schreien , was für ein erbärmliches Subjekt er ist . Das ganze Haus zusammenschrein ! Ihm den Koffer vor die Füße , nein , vor den Bauch werfen . Und ihn prügeln ! Prügeln ! Unsäglich und lange prügeln ! Ach was , erschießen müßte man ihn ! Erschießen ! Das ist ein Gedanke ! Ah , und da ist ja auch der Revolver ! Gottseidank , daß er so groß ist ! Aber das war schon mehr blos pathetische Zierleiste . Er merkte das selber , und den Gedanken , sich hinter her etwa selber zu erschießen , ließ er nur ganz von Ferne vorbeidrohen . Überhaupt nein : Weder Prügel noch Revolver , nur Verachtung ! Ein einziges Wort auf eine Postkarte geschrieben : Lump ! und dann fort ! Fort ! Fort ! Fort ! Er rüttelte das Wort in sich hin und her . Fort ! Fort ! Aber es geschah halb mechanisch , wie er sich das in plumpen Stößen immer wiederholte . Fort ! Fort ! Natürlich : Fort ! Ich werde doch wohl wegen dieser Kanaille nicht hier bleiben ! ? Aber diese Bestie hat ja das Kursbuch ! Der ganze Reiseplan stand ja bei ihm ! Ich Wickelkind habe ihm ja Alles überlassen ! Sonderbar : Der Gedanke , sich nun selbst ein Kursbuch anzuschaffen und einen Reiseplan zu machen , kam ihm nicht . Dafür entwarf er bereits den Brief , den er nach seiner Ankunft in Athen » diesem Elenden « schicken wollte : » Hier bin ich , auf der Akropolis , und gottlob ohne den Pintscher , der mir folgen wollte ... Ich habe eine sehr angenehme Stelle als Sekretär eines deutschen Privatgelehrten ... Meine Adresse teile ich Dir nicht mit , um vor Deiner Verräterei sicher zu sein . Denn es giebt keine Gemeinheit , die ich Dir nicht zutraute ... « Dieser Brief , den er vielmal in sich hin und her wandte und mit zahlreichen vergifteten Spitzen versah , beruhigte ihn ungemein . Als er ihn auswendig wußte , war er so weit , die » Jammerhaftigkeit dieses Staatsanwaltssprößlings « für ein Glück anzusehen . Wäre ich denn in seiner Gegenwart frei gewesen ? Hätte er mich nicht in meinen besten Entschlüssen gestört ? Was für eine unglaubliche Verirrung dieser Gedanke überhaupt gewesen ist , mit dieser Hundeschnauze zusammen nach Griechenland gehen zu wollen . Aber eine gute Lehre das ! Immer und Alles allein ! Jedes Vertrauen ist Wegwurf ! Er schrieb sich diese Maxime in sein Notizbuch und empfand das ganze differenzierte Wohlgefühl des Pessimisten . Er wurde sogar übermütig . Warte , mein braver Knabe , dachte er sich und nahm die Girlingerschen Sachen aus dem Koffer , hing sie , nachdem er sie zerrissen hatte , auf eine Bohnenstange und stellte das Ganze nach Art einer Vogelscheuche in ein Beet . Daran befestigte er ein Stück Papier mit der Aufschrift : Siegeszeichen des Wohlverhaltens . Dann nahm er den Koffer mit seinen Habseligkeiten und schlug den Weg zu dem Hause ein , in dem Martha waltete . Es war selten , daß dort ein Mensch männlichen Geschlechtes mit einem Koffer erschien , denn , wenn auch viele Handlungsreisende in diesem gastfreien Hause verkehrten , so ließen sie ihre Musterpackete doch gewöhnlich im Hotel . Und so erregte er ein gelindes Aufsehen . - Ja , Schnutchen , kleines , willst Du denn verreisen ? rief ihm Martha entgegen , die , mit einem schwarzseidenen Hemde bekleidet , nicht mehr an die Gemälde Professor Thumanns erinnerte . - Ich bin auf dem Wege zum Bahnhofe und will Dir nur Lebewohl sagen , erwiderte Stilpe etwas ernster , als es im Stile dieses Milieus war . - Nanu , doch nicht ganz fort , Schnutchen ? Dann muß ich ja weinen ! ? - Ganz fort . Weit weg . Aber frage nicht . Wir wollen noch einmal fröhlich sein . Er gab sich hier sonst gerne frivol , weil er fürchtete , im andern Falle seine Jugend zu verraten , die ihn in diesem Hause immer etwas genierte , aber diesmal konnte er die jugendliche Feierlichkeit nicht verleugnen . - Jetzt wird mirs aber ängstlich , Schnutchen . Wer soll mir denn dann Verse vorlesen ? - Du brauchst nicht so spöttisch zu sein . - Aber nee , ich mein ' s ernst , auf Ehre . Ich kann sie ja auswendig ! Und sie deklamierte mit unverstellter Genugthuung : Wie jene Ritter in der alten Zeit , Die für die Liebe stritten todbereit , Streit ich für Dich und Deine Edelheit . Ich liebe Dich und glühe mich Dir an , Vor Deinen Füßen lieg ich , sieh mich an , Ein Knabe bin ich , küsse mich zum Mann ! Nein , bin kein Knabe ! Denn ich weiß durch Dich , Was Liebe ist , Dein Blick erweckte mich , Drum sing ich Dank Dir heut und ewiglich ! - Siehst Du , ich kann ' s ganz auswendig ! Stilpe war selig . Seine Verse klangen ihm aus diesem Munde wie der Inbegriff aller Poesie , und er fiel dem Mädchen heiß um den Hals . - Rotwein ! Champagner ! Und Cigarretten ! - Aber Schnutchen , hast Du denn soviel Geld ? - Ja , ja , massenhaft ! Laß nur kommen . - Nee , Schnutchen , laß das doch die alten Onkels machen . Ein paar Glas Bayrisch thuts bei Dir schon . - Nein , nein ! Heute müssen wir Wein trinken ! Weißt Du , eine Orgie feiern ! Eine Orgie ! Weißt Du , was das ist ? - Ja , ja , so was Verrücktes . Aber wozu denn ? - Mach ! Mach ! Ich habe nicht lange Zeit . Ich muß fort . Bestelle nur ! ... Ach so , vorausbezahlen ? Da , da ist Geld . Er gab ihr sein ganzes Portemonnaie . - Gehört das ganz meine ? Stilpe erschrak sehr . Aber er faßte sich und sagte mit edlem Anstande : - Wie Du willst . Aber dann kann ich nicht reisen . - Gott , bist Du ein anständiger Junge ! sagte das Mädchen und gab ihm das Portemonnaie zurück . Diesmal ärgerte ihn das Wort Junge nicht . Der Wein nahm seiner Stimmung den Rest von Gedrücktheit . Zwar wollte sich durchaus nicht das entwickeln , was er eine Orgie nannte , denn das Mädchen bemutterte ihn heute noch mehr als sonst , aber wenn er auch nicht tanzte , so lief er doch recht lebhaft in dem kleinen Zimmer , soweit es nicht Bett war , auf und ab . - Wenn Du wüßtest , was ich vorhabe ! Wenn Du wüßtest , wohin ich reise ! - Na , so sags mir doch . Er blieb stehen und sah sie ekstatisch an . - Ja ! Wenn Du mir versprichst , mit mir zu reisen ! - Ja , wenn Du bei Mutter Zanken meine Schulden bezahlst . - Wieviel sind es ! - Na , blos so dreihundert Märker . - Herrgott ! Dreihundert ! Nein , das kann ich nicht . Oder ! Halt ! Warte mal ! Und er stürzte sich auf seinen Koffer und brachte die Uhren und Ringe ans Bett . - Da , was kriegt man dafür ? Martha kniete sich im Bett auf und breitete die Tauf- und Confirmationsgeschenke von weiland Wiehr junior vor sich aus , hübsch eins neben das andere ; es gab eine lustige Reihe , die im Lichte der roten Bettampel verstohlen blinkte . - Das kann schon zweihundert Mark geben , wenn Du Dich nicht beschummeln läßt . Sie sah die Sachen verliebt an , steckte sich die Ringe an die Finger , schüttelte die Uhren und hielt sie ans Ohr und ließ die Diamanten der Busennadel leuchten . Plötzlich warf sie den Kopf zurück , daß die langen blonden Haare von den Brüsten weg über die Schultern fielen und fragte erstaunt : Ja , wo hast Du denn die Sachen her ? Stilpe überlegte . Sollte ers sagen ? Hatte sie sich damals nicht so verdammt moralisch gehabt ? aber jetzt steht die Sache doch anders . Das Zeug liegt auf dem Bette und gehört beinahe schon ihr . Ob sie da nicht .. ? .. Aber er zögerte doch und sagte blos : Alte Tauf-und Confirmationsgeschenke . - Und das willst Du verkaufen ? Das ist aber nicht schön von Dir ! Was ? Schon das fand sie unrecht ? Das empörte ihn förmlich , es kam ein Gefühl von Zorn über ihn , und zugleich regte sich etwas wie Furcht . Er wurde mit einemmale irre . Aber , wart , nun gerade soll sies wissen , diese elende Duckmäuserin . Das wird einen Effekt geben ! Ob sie das Zeug aus dem Bette und mir vor die Füße wirft ? Und er erzählte ihr ganz kühl , daß er die Sachen gestohlen habe und wem sie gehörten . Sie sah ihn blos erstaunt an und schüttelte den Kopf . Dann sagte sie langsam und wie ungläubig : Nein .. ! .. Du .. ! .. Das .. ? .. - Ach mach kein solches Gehabe . Es ist so , und ich finde gar nichts dabei . Jetzt sprang sie aus dem Bette und faßte ihn an den Schultern : - Aber , Junge ! Was ist denn mit Dir los ? Du bist doch kein so gemeiner Kerl ! Herr du mein Gott , wie kommst Du denn auf so was ! Sie sagte das fast tonlos und mit einer ganz anderen Stimme , als er an ihr gewöhnt war . Es ging ihm durch und durch . Mit einemmale fühlte er , daß er etwas Gemeines gethan hatte . Hätte sie nur im Geringsten was pathetisches gesagt oder gethan , er würde ihr ins Gesicht gelacht , und , wenn sie etwa Miene gemacht hätte , Lärm zu schlagen , alles geleugnet haben . So aber wars wie ein Urteil , wie eine Verdammung . Er mußte auf den Boden sehen und fühlte sich gedemütigt , ohne sich dagegen aufzulehnen . Was sie nun noch sagte , war eigentlich überflüssig und schwächte den Eindruck der ersten Worte eher ab . Aber er ließ Alles über sich ergehen und sagte nichts dazu . Sie legte durchaus den Hauptton darauf , daß er den alten Leuten das genommen hätte , was ihnen das Liebste war . Sie sagte das nicht in seinen und gefühlvollen Worten , sondern fast roh und ungeschickt . Immer wieder kam das Wort : So eine Sünde , und gar nichts dabei zu fühlen ! Er wagte nicht ein einziges Mal aufzusehen , und ihre Hände auf seinen Schultern fühlte er wie eine unerträgliche heiße Last . - Was soll ich aber nun thun ? sagte er ganz verzweifelt , wie sie schwieg . - Gleich Alles wieder hintragen ! Alles sagen ! - Das geht nicht ! Und nun erzählte er ihr , schluchzend und unfähig , seine Thränen zurückhalten , Alles , was er vorhatte , Alles , was ihm geschehen war , Alles , was ihn drückte . Das machte weniger Eindruck auf sie . Sie verstand es nur unklar , aber das Davonlaufen begriff sie . - Fahr hin , wo Du willst , wenn Du nicht mehr in die Schule gehn magst . Sie erwischen Dich doch bald . Aber das Zeug da nimmst Du nicht mit ... Nein ... So ein Junge ! Gottseidank , daß Du zu mir gekommen bist ! Denke blos : Später ! Wenn Dus gefühlt hättest , was Du gethan hast ... Herr du mein Gott , so ein Unglück ! Du wärst ja ein Lump geworden , Junge ! Gott weiß , was Du noch Alles angerichtet hättest ! Mord und Todschlag ! Wahrhaftig ein Glück , daß der andere Bengel nicht gekommen ist . Sonst hätt ich Dich nicht hier . Es beleidigte ihn gar nicht , daß sie ihn so in aller Deutlichkeit als Junge etc. traktierte . Er war vollkommen mürbe . Nach langen Beratungen kamen sie schließlich überein , daß er die Nacht noch hierbleiben sollte ( denn er fühlte sich nun unfähig zu jedem anderen Vorhaben , als eben hier zu sein ) ; am nächsten Tage möge er dann getrost nach Griechenland oder Kamerun fahren ; sie aber werde die Sachen einpacken und mit einem Brief , den er schreiben müsse , an die Adresse der alten Wiehrs schicken . Der Brief lautete : Lieber Vater und liebe Mutter Wiehr ! Seien Sie mir nicht böse , daß ich ohne Abschied von Ihnen fortgegangen bin und nahe daran war , eine große Schlechtigkeit zu begehen . Ich hoffe , Alles gut machen zu können , und bitte Sie , meinen Eltern nichts von dem zu sagen , was ich beinahe begangen hätte . Lassen Sie mich nicht verfolgen und melden Sie mich in der Schule ab . Es dankt Ihnen für alles Gute , was Sie ihm , dem Unwürdigen , gethan haben , Ihr Pflegesohn W. St. Die Schlußsätze des Briefes waren eigenste Hinzufügung Stilpes . Sonst war der Brief nicht eigentlich nach seinen Intentionen . Er hatte ihn zerknirschter und umfangreicher angelegt , mit einer großen Diatribe gegen das Geschlecht der Gymnasiallehrer als Mittelstück , aber das Mädchen wollte nichts davon wissen . Als aber der Brief geschrieben war , fingen beide an , vergnügter zu werden , als vielleicht die Leute glauben , die da nicht wissen , zwischen welch fernen Gegenden die Schaukel in der Seele mancher Menschen hin und her schwingt . Denn Himmel und Hölle , Reue und Wollust liegen zuweilen nicht weiter von einander entfernt , als die Lippen zweier Menschen , die sich küssen . Fünftes Kapitel Die Oberprima des Königlichen Gymnasiums einer kleinen sächsischen Industriestadt war ausnahmsweise Sonnabend Nachmittag in die Schule berufen worden , weil der Geheimrat Ammer , der als Königlicher Kommissarius die bevorstehende Abiturientenprüfung zu überwachen hatte , mit dem Wunsche hervorgetreten war , die Kandidaten schon zuvor persönlich kennen zu lernen . Er hatte sich mit ihnen in einer sehr freundlichen und schmeichelhaften Art unterhalten , nämlich gar nicht so , wie es die Art der Lehrer war , sondern in der gewinnenden Manier eines älteren Freundes etwa , der seinen Vorsprung an Jahren und Reife als nebensächlich behandelt und ein Verhältnis von Vertraulichkeit zu schaffen oder wenigstens vorzutäuschen sucht , soweit dies möglich ist . Er hatte sogar » Meine Herren ! « gesagt . Und statt der Vorprüfung , die man befürchtet hatte , war es wirklich blos eine Art Unterhaltung gewesen , bei der der Geheimrat jeden Anschein von Examinieren vermieden hatte . Die Oberprimaner verließen das Schulgebäude also mit stolz erhobenen Häuptern , auf denen hellrote Mützen meist sehr weit nach hinten gerückt saßen . Diese Mützen hatten die Form von umgedrehten kleinen niedrigen Näpfchen , nur drei der jungen Leute trugen solche von anderer Façon , nämlich breite , hinten etwas nach abwärts gedrückte Deckel . Diese drei Schlappdeckel , wie die anderen sie nach ihren Mützen nannten , gingen in sehr eifrigem Gespräche abgesondert . - Eigentlich wars etwas gewagt von Schaunard , ausgerechnet die beiden Gracchen als seine Lieblings-Römer zu nennen , nachdem der Hohe Rat ihn wegen Sozialismus und Atheismus schon mal hat schwenken wollen , sagte der Eine , ein untersetzter Bursch mit schläfrigen , aber nicht geistlosen Augen und einem bereits sehr dichten Schnurrbart . - Aber mein süßer Rodolphe ! Du geruhst immer noch , Dich um drei Gramm dümmer zu stellen , als wofür Du uns hältst . Du weißt so gut wie wir , daß Schaunard ein Psychologe von vielen Graden ist . Er hat diesen fürtrefflichen Geheimrat blos sehr gut erkannt . Denn siehe da : Schon ist er zu einer Privataudienz zurückbehalten worden ! Der das sagte , war ein dürrer brünetter Mensch mit einer sehr schönen Nase und wunderschönen braunen Augen , die leider hinter sehr starken Klemmergläsern saßen . Er ging etwas gebückt , aber nicht aus irgend einem körperlichen Grunde , sondern aus philosophischer Koketterie . Es wäre ihm ein Vergnügen gewesen , buckelig zu sein . - Marcel hat Recht . Schläue und abermals Schläue ! Heute hat Schaunard seinen Abitur gemacht , sag ich ! Das Backpflaumenmännchen hat sich in ihn verliebt und wird ihn trotz allen konrektoralen Gekrähes und Geheules durchschleppen . Wetten ? Der so sprach , war ein sehr jung und zart aussehender Jüngling , der sich aber ein bischen renommistisch geberdete und damit den knabenhaften Eindruck seiner Person zu verwischen suchte . Auffällig an ihm war seine Haarfrisur , die etwas an die napoleonische Zeit erinnerte , wo man es liebte , nach dem Vorbilde des Cäsaren die Haare ins Gesicht und über die Ohren zu streichen . Wer Mürgers Bohème-Buch kennt , wird , nachdem die Namen Rodolphe , Marcel und Schaunard gefallen sind , ohne weiteres wissen , daß sich dieser Jüngling des Spitznamens Colline erfreute . Diese Spitznamen waren übrigens in der Schule nicht allgemein gültig , sondern ein Reservatrecht des » Cénacles « oder der Vereinigung der vier Schlappdeckel unter sich , die , als zukünftige Dichter und Künstler , wie sie sich fühlten , sich das Cénacle in Mürgers Vie de Bohème zum Muster genommen hatten und sogar nach Möglichkeit die Ausdrucksweise ihrer Vorbilder nachahmten . Sie hielten sich , im Gefühle ihrer Zukunft , sehr exklusiv gegenüber den anderen Primanern , die eingestandenermaßen blos Pastoren , Lehrer , Ärzte , Juristen , Offiziere werden wollten , und wurden dafür wieder von diesen als überspannt und lächerlich abgethan . Ihre bürgerliche Nomenklatur war diese : Rodolphe : Bruno Wippert , Marcel : Max Stöffel , Colline : Ludwig Barmann , Schaunard : Willibald Stilpe . Stilpe war der Gründer des Cénacles und sein anerkanntes Haupt . Er war damals , nachdem er sich von Martha getrennt hatte , nicht gar weit gekommen . In Halle , das doch nicht auf der Route Leipzig-Athen liegt , hatte man ihn in einem Tingeltangel festgenommen , weil er in der Betrunkenheit unablässig laut und rhythmisch geschrieen hatte : ( a + b ) 2 = a2 + 2ab + b2 Auf die Polizei gebracht und nach dem Grunde dieser mathematischen Rezitation gefragt , hatte er auf die ihm drohende Nachprüfung in der Mathematik als einen höchst triftigen Grund hingewiesen und überdies gebeten , man möge ihm seine Logarithmentafel holen , die in der Untersekunda der Leipziger Thomasschule Cötus B auf seinem Platze liege , unten auf der letzten Bank rechts . Damit hatte er sich zur Genüge als der durchgebrannte Gymnasiast aus Leipzig legitimiert , dessen Signalelement auch auf der hallischen Polizei eingetroffen war . Was sich dann begeben hat , bleibe im Schatten der Vergessenheit , wie auch Stilpe selbst nie mehr daran dachte . Denn er liebte unangenehme Erinnerungen wenig und besaß ein ausgesprochenes Talent dafür , fatale Dinge zu vergessen . Es fehlte nicht viel , daß er damals wirklich , aber nicht in Athen , die Stelle eines Sekretärs , aber nicht bei einem Privatgelehrten , erhalten hätte . Der verzweifelte Lepidopterologe wollte ihn durchaus als Schreibgehülfe bei der Magistratskanzlei in Leißnig anketten . Aber den Bitten der Mutter und den guten Urteilen über Willibalds Begabung , die einer seiner Leipziger Lehrer abgab , gelang es , den Vater zu einem letzten Versuche zu bewegen . So kam Stilpe an das eben begründete Königliche Gymnasium der kleinen Stadt , in dem er es jetzt wirklich bis zum Oberprimaner gebracht hatte . Auch hier war sein Studiengang nicht ohne Fährlichkeiten abgelaufen , denn die Lehrerkonferenz bedachte ihn mit ausgezeichnetem Mißtrauen , indem sie ihn bald für einen Freund wüster Zechgelage und bedenklicher Mädchen , bald für einen Propagandisten gemeingefährlicher Ideen ansah . Aber er war klug geworden . Ohne nach dem Ruhme eines Musterschülers zu geizen , aber auch ohne sich irgend etwas abgehen zu lassen , was er zu seinem Wohlbefinden für nötig hielt , lenkte er das scharf beobachtete Schiff seiner Schülerexistenz geschickt zwischen allen Praezeptorenklippen hindurch , indem er aufs Genaueste die Taktik befolgte , sich aller offenkundigen Manifestationen seiner Privatvergnügungen zu enthalten . Er war , wie er es selber einmal in seinem immer üppiger werdenden Tagebuch ausdrückte , » zur Höhe eines vorsichtigen Cynikers emporgestiegen « . Was er seine Orgien nannte , feierte er in Leipzig , und den verbotenen Ideen fröhnte er still für sich , ohne etwa in deutschen Aufsätzen , wie damals als » biederer Sekundaner « , davon etwas merken zu lassen . Vielmehr kultivierte er jetzt in seinen Schul-Aufsätzen , deren Gewandtheit und Schwung sogar anerkannt wurde , eine virtuosenhafte Jongleurkunst mit wohlgebauten Phrasen , in die er nur die bestakkreditierten Meinungen silbern und golden einspann . Zum Glück lernte er in den drei bereits genannten Kameraden Leute von ähnlichen Neigungen kennen . Zwar achtete er sie nicht für seiner ebenbürtig , ja er hatte sogar ein stilles Mitleid mit ihnen , weil sie , wie er bemerkte , noch » einige biedere Züge von Wohllöblichkeit « hatten , aber er fühlte es doch als einen sehr angenehmen Zufall , daß er in ihnen » Instrumente fand , auf denen er spielen konnte « . Colline-Barmann war seine Baßgeige , Marcel-Stöffel sein Fagott , Rodolphe-Wippert seine Trommel . Natürlich empfanden sich die Drei selber als beträchtlich mehr , und er seinerseits ließ es ihnen nur selten merken , daß er « auf ihnen spielte « . Auch liebte er sie in einem gewissen Sinne wirklich . Einer ganz hingebenden Freundschaft war er zwar nicht fähig , aber die Frivolität seines zur Schau getragenen Cynismus gegenüber diesen Freunden war doch zum guten Teile bewußt angeschminkt . Zuerst begann die Vereinigung der Vier mit einem litterarischen Zirkel » Lenz « genannt . Dieser Titel galt in zweierlei Bedeutung . Einmal in der , wie ihn die Lyriker als Synonym für Frühling verbrauchen , und dann in der des Namens ihres literarischen Hauptheiligen . Denn sie lasen damals ausschließlich Dichtungen der Sturm- und Drangperiode . Dann schoben sich Ibsen und die Russen , dann Zola und der Naturalismus ein , und nun wurde aus dem Lesezirkel , wo man mit verteilten Rollen » Die Kindermörderin « , » Sturm und Drang « , » Der Hofmeister « gelesen hatte , ein Debattierklub , wo man vor allem » Herrn Schillinger « , den Dichter » des pp. Wallenstein « , vernichtete und Vorträge folgender Art hielt : » Die Wahrheit als einziges Prinzip der Kunst « , » Inwiefern Naturalismus und Sozialdemokratie Parallelerscheinungen sind « , « Emile Zola und Henrik Ibsen : Die Tragesäulen der neuen Literatur « , » Worin liegt die Gemeingefährlichkeit des sogenannten Idealismus ? « Zu dieser Zeit waren die Vier sehr rabiat . Ihr zweites Wort war : Konsequenz . Gewisse Namen durften , bei hohen Strafen , bis zu zwanzig Pfennigen , unter ihnen nicht genannt werden , so Paul Heyse und Julius Wolf . Wer es wagte » Schiller und Goethe « zu sagen , statt » Goethe und Schiller « , mußte , da gab es kein Erbarmen , Tabak für alle Vier auf einen Monat kaufen . Aber auch Goethe galt nur für voll , » insoweit er nicht Geheimrat war « . Das war sogar statutenmäßig festgelegt . Shakespeare wurde fortwährend und mit besonderer Ehrerbietung genannt , aber doch mehr als » merkwürdiges Phänomen eines frühen Naturalismus « . Denn es stand ihnen fest , daß die eigentliche Litteratur jetzt erst begänne , und Stilpe führte den Gedanken mit Vorliebe aus , daß man jetzt in dem wirklichen Sturm und Drang stehe , aus dem der » neue und ganze Goethe « hervorgehen werde . Wenn man ihn dann höhnisch fragte , ob er vielleicht Lust habe , diese Rolle zu übernehmen , so grinste er mit sichtlicher Anstrengung und sagte : Vor der Hand sind wir Alle blos Teig . Das Leben wird uns erst kneten und backen . - Du aber hast die großen Rosinen , entgegnete ihm darauf Stöffel . - Und Dir fehlt es an Salz , revanchierte sich Stilpe . Barmann aber ließ etwas von » zukünftigen Dreierbroten « vernehmen , und Wippert meinte , auch Hundekuchen sei ein Backwerk . In diesem Stile bewegten sich die Verhandlungen des Debattierklubs , wenn man aufs Persönliche kam . Sonst war die Ausdrucksweise trotz der naturalistischen Tendenz mehr auf höhere Tropen bedacht . Aber eines Tages , es war ganz zu Anfang des Oberprima-Jahre , begann Stilpe in einem neuen Stile und von anderen Dingen zu reden . Er baute fürchterliche und schnöde Hyperbeln , fand den » Naturalismus in Worten « lachhaft , fragte , ob es » in diesem Neste « nicht ein Trictrac gebe und erklärte , die famoseste Mädchenfigur der Weltliteratur sei Mamsell Müsette . Dazu kamen die Worte : Nasenwärmer , Bohème , Cénacle und eine große Menge französischer Flüche .