. Von allen Menschen hier interessierte sie nur Einer und diesen Einen gewann die Freundin . Und diese Freundin war doch verheiratet ; hatte ein Heim , eine Zukunft , einen Mann , der sie in seiner Weise anbetete . Sie , Johanne , besaß nichts , Niemanden . Sie biß die Zähne zusammen . Nun würde sie auch Alice verlieren . Sie konnte es nicht mit ansehen , wie sie ihn umschmeichelte , umstrickte . Erstens lehnte sich ihr Herz dagegen auf , dann aber ihr Rechtsgefühl . Und da schalt er sie pathetisch . Empfand er denn nicht selbst das wenig Vornehme seiner Handlungsweise ? War es notwendig , daß er dem Beispiel der Andern folgte ? Heute hatte sie es deutlich gesehen , daß Alice mit ihm in vertraulichere Beziehungen trat . Geahnt hatte sie es schon früher . An diesem Abend weinte sie sich in den Schlaf . In der Nacht erwachte sie alle Augenblicke . Es war doch traurig , kaum zu ertragen . Rings nichts wie Elend , moralisches , anderes . Wenn sie wenigstens eine Beschäftigung gehabt hätte , die ihren Geist ausfüllte . Aber diese Pädagogik , die sie so kalt und gelangweilt ließ ! Obs denn nichts anderes für sie gab ? Aber was ? Sie erwog alle Beschäftigungen , die eine Frau erwählen kann . Doch überall stand ein nicht wegzuräumendes Hindernis im Wege : ihre zu mangelhafte Erziehung . Sie sprach keine fremde Sprachen , konnte sich schwer in feineren Formen bewegen . Sie hatte die Zeit , in der andere junge Mädchen sich fürs Leben vorbereiten , bei der alten Großmutter verträumt . Sie konnte nicht hoffen , jemals eine bessere Stellung zu finden . Es war zu traurig . Einige Tage ging sie überaus elend umher . Selbst Frau Wewerkas freudige Mitteilung , daß ihre Mittel es nun erlaubten , eine größere , elegantere Wohnung zu mieten , stimmte sie nicht besser . - Einmal , als sie den Schulhof verließ , begegnete ihr draußen Tage . Er errötete leicht bei ihrem Anblick und zog tief den Hut . » Es wäre abgeschmackt , zu behaupten , daß ich Ihnen zufällig hier begegne . Sie schrieben mir einen bösen Brief ; ein Anderer würde es nicht gewagt haben , Ihnen jemals wieder vor die Augen zu treten . Aber ich versuche es . Zürnen Sie mir noch ? « Er sah ihr flehend ins Gesicht . Zuerst war sie empört , als sie ihn sah , dann that es ihr ordentlich wohl , daß ein Mensch so gut zu ihr sprach . Sie schüttelte den Kopf . » Ich zürne nicht , aber « - » Ach den Nachsatz , lassen Sie ihn , Fräulein Johanne « . Er nahm ihr die Schulmappe aus der Hand und trug sie , wie er es früher immer gethan hatte . » Gehen Sie nach Hause ? « » Ja « . » Darf ich Sie begleiten ? « Sie antwortete nicht . » Ach schmollen Sie doch nicht . Seien Sie gut . Die Stärke der Frauen ist ja das Verzeihen . Verzeihen Sie . Darf ich Sie begleiten ? « Er sah sie hartnäckig an . » Uebrigens wissen Sie , Sie sehen aus , als wären Sie sehr krank . Fehlt Ihnen etwas ? « » Ja und nein « sagte sie gleichgültig . » Ich langweile mich « . » Endlich ! « Er seufzte affektiert auf . » Ich habe immer im Stillen gestaunt , daß Sie diese gräßliche Kleinkinderbewahranstalt da besuchen « . » Was sollt ich sonst ? « fragte sie achselzuckend . » Ich verstehe zu wenig , um etwas Besseres zu beginnen « . » Mein Gott , man braucht doch kein Philo der Gelehrsamkeit zu sein , um im Leben etwas zu erreichen « . Sie schritten langsam neben einander hin . » Wie bin ich glücklich neben Ihnen gehen zu dürfen « sagte er , » Sie glauben nicht - « » Machen Sie mir keine Liebeserklärungen « bemerkte sie mit der Kälte der Frau , die nicht liebt . » Das würde ich nicht wagen « sagte er schlau , » ich wollte Ihnen nur eine Freundschaftserklärung machen . Sie sind wirklich das einzige junge Mädchen - « » Das dumm genug war , einen Augenblick lang an Ihre Idealität zu glauben « . » Wieso « fragte er lauernd . » Nun , Sie sind doch ein sehr praktischer Mann « . » Man scheint mich bei Ihnen verleumdet zu haben « versetzte er mit einem bösen Zucken seiner Mundwinkel . » Das schadet nichts . Menschen wie ich haben immer Neider . Was hat man Ihnen denn alles erzählt ? « » O nichts « . » Aber bitte , sagen Sies doch . Es interessiert mich wirklich « . Sie warf den Kopf zurück und sah ihn etwas geringschätzig an . » Daß Sie sehr schlau in der Wahl Ihrer Freunde sind , nicht die Regungen Ihres Herzens , sondern Ihres rechnenden Verstandes sprechen lassen « . Er zuckte die Schultern . » Sonst nichts ? Mein Gott , das ist ja nicht einmal eine Verleumdung . Das ist wahr . Finden Sie es schlecht ? « Jetzt , wie er so sprach , fand sie im Innern eigentlich keinen Grund , ihn zu verachten . War sie schlechter oder besser und klüger geworden ? Sie vermochte sich ihre Selbstfrage nicht zu beantworten . » Sie machen eine alte Frau glauben , daß Sie sterblich in sie verliebt sind , um sich ihres Einflusses , ihrer Börse zu versichern « . Er errötete stark . » Also das ! Nun , sehen Sie , wenn diese alte Frau so thöricht ist , sich in einen jungen Menschen zu vergaffen , sich und ihr Hab und Gut zu seiner Verfügung zu stellen , weshalb sollte der junge Mensch nicht das Anerbieten annehmen , sie glücklich machen und sich gleichzeitig von etlichen dummen Sorgen befreien ? « » Das ist aber gemein « . » Fragen Sie die Welt , Fräulein Johanne , ob sies gemein findet « . » Sie thun keinen Schritt , der Ihnen nicht Vorteil verheißt . Sie hingen sich an einen Mann , der großen Einfluß besitzt und verherrlichten ihn . Warum war es kein einfacher , schlichter , lieber Mensch , sondern ein Machthaber , der seine Kreaturen gut und reich versorgt « . Tage lächelte vergnügt . » Mich freuts , daß Sie so ehrlich reden . Auch freuts mich , daß Sie sich etwas in der Welt , in der wir leben , umzusehen beginnen . Glauben Sie , ich wäre im Unklaren über den Wert der Schätzung Kneilenbreggs ? « » Aber - « » Bitte , lassen Sie mich ausreden ; glauben Sie , er wäre im Unklaren über den Grund meiner öffentlich betonten Verehrung für ihn ? Fräulein Johanne , wir Menschen benützen einander , manchmal lieben wir uns dabei , um so besser , manchmal nicht , dann scheinen wir etlichen empfindsamen Seelen roh und egoistisch . Aber - glauben Sie mir , aus purem Edelmut liebt kein Jüngling sein Mädchen und sei er noch so schwärmerisch veranlagt « . » Sie reden von Ihresgleichen - « » Nein , von - Unseresgleichen . Warum würden Sie lieben ? Nicht weil er reich , schön , gefeiert ist , beileibe . Weil Sie in seinen Armen sich selig fühlten . Sie benützten ihn also als Spender beglückender Gefühle für Sie « . » Häßlich « sagte sie kurz . » Ach gehn Sie . Häßlich ! Das Leben ist nun einmal so , dagegen läßt sich nichts machen . Ich benütze die Anderen , mögen sie mich auch benützen , wenns ihnen paßt « . » Ich möchte wohl wissen - « sie hielt verschämt lächelnd über ihr vorschnelles Wort inne , » ich möchte wissen , warum Sie mich - « » Warum ich Sie verehre ? « Er bemühte sich eines treuherzigen Blickes . » Sehr einfach , weil Ihre Anmut meine Dichterphantasie anregt , weil Sie wunderbar reinigend und gut auf mich wirken « . » So ? ist das auch wahr ? « fragte sie ernst . » Gewiß ists wahr , Fräulein Johanne . Ich verspreche Ihnen , auch immer ungeheuer brav zu sein « . » Gut , es soll mich freuen « . Er blieb stehen . » Dann darf ich also auch hoffen , Sie dann und wann zu sehen ? « » Gewiß , Sie können mich ja immer sehen , wenn ich zur Schule geh « . » Ach diese Schule ! Thun Sie doch etwas anderes . Schriftstellern Sie « . Er wußte , daß sie ihn jetzt mit zwei halb freudigen , halb fragenden Augen anblickte . Er sah weg . Er hatte lange darüber gegrübelt , wodurch er sich dieses Mädchens , das einen starken Eindruck auf ihn machte , versichern konnte . Er war noch nie im Leben der Erste bei Einer gewesen , hier konnte er es werden , wenn er einigermaßen klug war . Sein Rat war der glatte Boden , wohin er sie locken wollte . » Wie können Sie glauben , daß ich Talent habe , ich bin nie über das Briefschreiben hinaus gekommen « . » Wenn Sie sich mir ein wenig anvertrauen wollten « - » Das ist doch nur Scherz von Ihnen « . » Aber gar nicht « . Sie waren bei ihrem Hause angekommen . » Sehen Sie , es wäre doch viel schöner , als gefeierte Schriftstellerin große Honorare einzustreichen , als eine arme , schlechtbezahlte Bonne bei verzogenen Kindern zu spielen « . Er stand ihr gegenüber und sah sie lächelnd an . Sein Gesicht schien ihr den Ausdruck großer Gutmütigkeit zu besitzen . » Das abzuleugnen wäre dumm , aber wie anfangen ? « » Pah , wie ? Schreiben Sie etwas , irgend eine Kleinigkeit , eine Skizze , was immer . Ich brings unter . Als Erstlingsarbeit braucht es keine besondere Sache zu sein « . » Aber ich weiß gar nichts « . » Ach Gott , beschreiben Sie , wie traurig einem Mädchen zu Mute ist , das allein steht und sich sein Brot verdienen soll . Oder die Gefühle einer ganz jungen Dame , die gern auf einen Ball möchte , aber von ihren Eltern zu Hause gehalten wird u.s.w. « Johanne lehnte neben ihrer Hausthür und sah sinnend vor sich nieder . » Und wenn es zu dumm wird und niemand es drucken will ? « » Das lassen Sie nur meine Sorge sein . Ueberhaupt deshalb machen Sie sich keinen Kummer . Der Grad seiner Begabung ist nicht Hauptsache beim Schriftsteller . Er muß nur in maßgebenden Kreisen , wo die Kritik gemacht wird , verkehren « . » Wahrhaftig ? « » Aber selbstverständlich . Ich kenne ganz talentlose Schriftsteller , die in allen Blättern als Genies gepriesen werden . Warum ? Sie verkehren in Salons , wo die Größen der Presse und Tageskritik aus- und eingehen . Ueber den Mann , mit dem man gestern politisiert und angestoßen hat , kann man doch heute nicht vernichtend herfallen . Schließlich , ist es nicht vielleicht auch ein armer Teufel ? Hat er nicht erzählt , daß er drei kleine Kinder und außer seiner Frau noch deren Eltern zu erhalten habe ? Man fertigt sein Buch , das tief unter der Mittelmäßigkeit steht , mit einigen lobenden Worten ab . Man gönnt dem armen Tropf Erfolg « . » Und glauben die Leute solche Berichte ? « » Das Publikum glaubt alles , was gedruckt ist . Bei uns kritisieren die Kritiker weniger die Bücher , als die Menschen , die sie geschrieben haben . Eine Gans mit vornehm klingendem Namen veröffentlichte jüngst in einem großen Tagesblatt einen Roman , der so dumm war , daß viele Leute ihn für eine Mystifikation ihres gesunden Verstandes hielten . Die Kritik lobte . Wie könnt ihr euch so blamieren ? fragte ich einen Rezensenten . Was willst du , meinte er , die Frau ist bekannt als brillante Reiterin , als gute Mutter , als treffliche Hausfrau . Viele Mädchen und Frauen der Gesellschaft verehren sie . Man würde es übelnehmen , ihr nachzusagen , daß sie ein Schaf sei . Auch weiß man nie , ob man solche Leute nicht einmal brauchen kann « . » Unglaublich « meinte Johanne mit bäuerlichem Ernst , » aber jetzt muß ich hinaufgehen « . » Fräulein Johanne « er griff mit gutgespielter Schüchternheit nach ihrer Hand , » versprechen Sie mir , eine Kleinigkeit zu schreiben . Ich mache schon das Uebrige . Sie sollen sich einmal so einen Salon ansehen , wo die Tagesgrößen verkehren . Es muß Sie doch auch interessieren ? « » Das thut es auch . Nun aber - adieu « . Sie nickte ihm zu und sprang die Treppe hinauf . Er ist doch ein guter Mensch . Und Schriftstellerin zu werden , wie herrlich ! Und wenn sie am Ende wirkliches Talent hätte ? Wenn sie berühmt würde ? Freilich unangenehm wars , daß sie ihm und seiner Anregung das alles danken sollte . Aber was thats ? Schließlich mußte sie sich wirklich ihre allzuschwere Auffassung vom Leben abgewöhnen . Dieser Tage z.B. , den sie so baar aller guten Eigenschaften geglaubt hatte , war im Grunde kein schlechter Mensch . Er besaß vielleicht mehr Charakter als der , der so bittere Worte über ihn gefällt hatte . Wer weiß , wer weiß ? Ihre Augen blickten wieder munterer . Eine Hoffnung war über sie gekommen . Die weiße Winterlandschaft , die sie von ihrem Fenster aus sah , erschien ihr nicht mehr so entsetzlich . Sie suchte die ganze Nacht nach einem Stoff , den sie zu einer Skizze verarbeiten wollte . Am nächsten Tag ließ sie sich krank melden , blieb zu Hause , bekritzelte etliche Bogen , zerriß sie wieder und schrieb endlich in einem Zuge etwas nieder , von dem sie nicht wußte , ob es brauchbar war oder nicht . 10 Etliche Tage später erhielt Hans Tage einen auf allen vier Seiten engbeschriebenen Bogen . Dabei lag ein Zettel . » Ich weiß nicht , ob Sie das brauchen können . Johanne « . Donnerwetter ! die geht ins Zeug , lachte er , entfaltete den Bogen und las : Gebet . Das Fieber steigt und steigt . Und der Arzt ist weggegangen . Freilich , was sollte er hier noch weiter ? Die Krankenwärterin ist aufs Genaueste unterrichtet . Sie weilt im Nebengemach . Elise wird doch ihr einziges Kind nicht von fremder Hand pflegen lassen . Eher zusammenbrechen vor Erschöpfung . Aber man bricht nicht zusammen , wenn man sich aus Liebe opfert , nein . Es liegt eine stählende , feiende Kraft in solchem Sichaufgeben . Die junge Mutter beugt sich mit fieberndem Lächeln über das Kind . Blickt ihr nicht aus dessen gespannten , ernsten Zügen der Tod entgegen ? Wer hätte in diesem Gesicht die kleine Emmy wiedererkannt , das holde , herzige Geschöpfchen , das man so leicht erfreuen , so leicht glücklich machen konnte ? Ein zum Kreisen gebrachter Fingerhut , und sie jauchzte , ein rotbäckiger Apfel , den man ihr schenkt , und ihr Auge leuchtet vor Dankbarkeit . So harmlos und ursprünglich war sie , so voll goldener Freude an jedem Lächeln des Lebens , ein Vöglein , das in den rosenroten Morgen hineinjubiliert und nicht weiß , daß es eine Nacht giebt . Und jetzt , gerade jetzt , wo sie anfing zu erwachen , wo sie aus sich selbst das Gute zu lieben begann , jetzt , mit sieben Jahren , sollte sie sterben müssen ? Elise strich zitternd über das blonde Haar der Kleinen , das sonst mutwillig in hellen Goldfarben das Köpfchen umlockte . Heute lag es fahl , wie zusammengekittet , in kleinen , steifen Strähnen um die brennende Stirne . Nein , Gott konnte das nicht thun . Es war ja ihr Liebstes . Ihr Mann , Schiffskapitän , trieb in fernen Gewässern umher . Er wußte von nichts , er erfuhr es erst , wenn alles vorüber war . Aber es durfte nicht , nein , nein ... Elise wirft sich auf die Kniee und breitet die Arme nach oben . Lieber Gott , hast du nicht so viel reifwelke , müde Blumen in deinem Schöpfungsgarten ? So viel Unkraut , das keiner Biene , nicht dem Wind Freude giebt , wenn er duftdurstig über die Felder streicht ? Lieber Gott , nimm doch von diesem und nicht mein armes , junges Blümlein hier , das eben erst die Augen zu deinem Himmel aufzuschlagen begann ? Hörst du , hörst du , lieber Gott ? Du mußt mich ja hören , denn du bist allgegenwärtig . Siehe , ich will nie wieder Zerstreuungen ersehnen , Putz , Schmuck , Anerkennung , ich will nichts weiter als dieses kleine Seelchen da , will ihm dienen , es hegen und pflegen , bis es eine große , schöne , starke Seele geworden ist , die dir Wohlgefallen bereitet . Hörst du mich auch , mein Gott , hörst du mich auch ? Der Arzt meint , wenn sie erwachte , mit klarem Bewußtsein nach Nahrung verlangte , mich erkennte , dann wäre sie gerettet . Sie muß also erwachen , sie muß erwachen ... Die Hände der jungen Frau ringen sich schmerzhaft . Ich gebe mein halbes Leben für sie , du mein Gott , mein Augenlicht , o ich will gern blind werden , um ihre Gesundheit zu retten , ich ... ich ... nur noch ein paar , zwei , ein einzig Jahr laß sie mir , du mein lieber , guter , lieber Gott , bitte , bitte , bitte ! Du mußt , hörst du , du mußt ! In ausbrechender Verzweiflung stürzt sie ans Fenster und streckt die Arme zum Himmel . Da schrillt ein Klang herüber . Drüben , jenseits des Platzes , liegt das hohe , düstere Gefängnisgebäude , in dessen Hof die schwersten Verbrecher gerichtet werden . Die Betende kennt das Glöcklein . Es läutet nur , wenn Einer zum Sterben geführt wird . Ihre entsetzten Augen glauben den armen Sünder in den Hof hinausschwanken zu sehen . Es ist eine Frau . Elise schauert zusammen . Hat die auch eine Mutter gehabt , die zum Himmel für sie flehte ? Die um ihr Leben zu Gott schrie ? Allmächtiger ! ... vielleicht hat ihr stammelndes Gebet , das Leben ihres Kindes erhalten , erhalten , damit dieses aus ihm wurde ? Allmächtiger ! Sollte man - vielleicht nicht so heiß beten und bitten , den Herrn zwingen wollen , etwas zu thun , was - vielleicht - besser ungethan bliebe ? Sollte man unterlassen , etwas erkämpfen zu wollen , was dann ... das Rot des glutvollen Wunsches an sich trägt , aber - als Blutflecken ... vielleicht . - - Die gefalteten Hände der jungen Frau lösen sich , und sinken steif , starr herab . Ists vielleicht besser , nicht allzuheiß zu beten ? gar nicht um etwas zu bitten , sondern in Gelassenheit , in erstrittener Stille , in lächelnder Opferbereitheit , im Wissen , daß das Beste geschieht , das Kommende zu erwarten ? O Gott ! ich will nicht bitten ! ..... Das Weib bricht in die Kniee und neigt seine Stirn . Da regt sichs im Bettchen der Kleinen und ein Stimmchen flüstert : » Mama , Mama , ich bin so hungrig « ...... Er ging etliche Male in der Stube auf und nieder , schüttelte dann und wann den Kopf , trat wieder zu dem Bogen , las ihn , faltete ihn zusammen , steckte ihn ein , und ging fort . 11 » Ich war einmal in der Lage Ihnen einen Gefallen erweisen zu können , üben Sie jetzt Vergeltung « . Der große schwarzlockige Mann , der sich träg in einem Sessel schaukelte , lachte . » Aber gewiß , Tage . Sagen Sie nur Ihren Wunsch . Wenn ich kann , erfülle ich ihn gern « . Tage sah sich einen Augenblick in dem luxuriösen Herrenzimmer um , dann sagte er nachlässig . » Sie geben nächste Woche ein Fest . Laden Sie eine junge , hübsche , begabte Schriftstellerin , die mich interessiert , mit ein . Ich möchte das Mädchen gern unter die Menschen bringen « . » Sie Tausendsassa ! Und wenn die Baronin kommt ? « » Die kommt nicht , lieber Klingenberg . Seien Sie außer Sorge « . Der Mann mit den dunklen Locken nickte . » Va bene ; aber mit wem soll die Dame kommen ? Sie wissen , ich stehe über all diesen Formalitäten , aber meine Frau ist darin etwas peinlich « . » Dürfte Frau Wewerka sie herbringen ? « Klingenberg sprang auf . » Um Gotteswillen ! Er hat sich durch seine letzten Schwindeleien ganz unmöglich gemacht ; sie , na , da brauchen wir keine Worte zu verlieren « . Tage zuckte die Schultern . » Nun , dann kommt Fräulein Grün allein . Sie als fremde , hier zugereiste Dame darfs ja « . Klingenberg nickte . » Gewiß ; übrigens , es werden ja mehr Leute da sein ; sie wird nicht sitzen bleiben ; überdies , Sie kommen ja auch « . » Natürlich « sagte der Poet . Er stand auf und reichte dem Andern die Hand . » Also abgemacht und Dank « . » Soll ich sie persönlich einladen ? « » Nicht nötig « meinte Tage , » ich bringe sie einfach Sonnabend her « . » Gut « . Alfred Klingenbergs Salon war eine bekannte Versammlungsstätte aller Künstler . Hier gingen Maler , Bildhauer , Dichter und Kritiker aus und ein . Viele kamen nur des guten Essens wegen , Andere der Bekanntschaften wegen , die man da machte , wieder Andere , um Käufer oder Interessenten für ihre Kunstschöpfungen zu finden . Alfred Klingenberg und Frau , die beide selbst auf allen Kunstgebieten herumtasteten , wollten durch die Künstler , die sie um sich versammelten , wenigstens indirekt mit Frau Kunst verkehren . Er besorgte selbst die Delikatessen , die er seinen allezeit hungrigen und durstigen Gästen vorsetzte . Es war dem Ehepaar lange ein großer Schmerz gewesen , daß Professor Kneilenbregg , der » große Mann « , wie ihn Lohringer nannte , nicht zu der Schaar seiner Stammgäste zählte . Eines Tages , als wieder die Rede darauf kam , warf sich Tage , der als Liebling Kneilenbreggs galt und viele Vorteile von Klingenbergs zog , stolz in die Brust und versprach , mit ihm zu reden . Und in der nächsten Sonnabendgesellschaft brachte er den Gefeierten , Langersehnten mit . Das wars , worauf Tage vorhin anspielte . Mit einem Siegerlächeln um den wenig anmutigen Mund ging er von Klingenberg nach der Redaktion eines lyrischen Käseblattes , wo die Dichter ihre Photographien in Geldnoten eingewickelt hinsandten , um sich an der Spitze des Blattes klischiert zu sehen , warf Johannes Bogen auf den Tisch und sagte zu dem überaus zuvorkommenden Redakteur : » Du , Flick , hör mal . Laß das Zeug da abschreiben und brings , wenn möglich , in der übernächsten Nummer . Ich hab der Dichterin die Arbeit schwer bezahlt , will aber nichts von Dir dafür . Man muß auch ideal sein können . Apropos , den Reklameartikel über Eure Zeitung habe ich schon fast fertig . In einigen Tagen geht er ab . Adieu , also ! « » Sei unbesorgt « . Die beiden schüttelten einander die Hände . 12 Nachmittags erwartete Tage Johanne . » Ich war zweimal vergebens hier « bemerkte er ; » ich habe Ihnen viel zu sagen « . » Ich habe zwei Tage lang geschwänzt « . Sie sah ihn übermütig an . » Es ist so merkwürdig , etwas zu thun , was man nicht soll « . Er überhörte ihre Bemerkung , nahm den Hut ab und verbeugte sich vor ihr . » Ich habe die Ehre , in Ihnen eine junge , hoffnungsvolle Schriftstellerin zu begrüßen « . » Wieso , wirklich ? ... nein « ... stammelte sie und wurde dunkelrot im Gesichte . Er erzählte ihr allerlei Wahres und Erlogenes über ihr » Manuskript « . Sie schritt glückselig neben ihm hin . Nein , daß sie dazu Talent hätte , nie hätte sie das gedacht . Aber eine gewisse Wonne habe es ihr in der That bereitet , die kleine Skizze zu schreiben . Vielleicht sei das ein Zeichen des Talentes . » Naturallement « sagte er ; dann erzählte er ihr von Herrn und Frau Klingenberg . » Sie kennen sie doch selbstverständlich dem Namen nach ; jeder Künstler macht dort der Kunst seine Antrittsvisite . « Er flocht ein , daß dieses großartige Ehepaar darauf brenne , die Dichterin der entzückenden kleinen Geschichte bei sich zu sehen . » Nächsten Sonnabend hol ich Sie ab . Sie gehn doch natürlich hin « . Sie sträubte sich anfänglich ein bischen , dann versprach sie mitzukommen . Sie hatte sich so lange unglücklich und verlassen gefühlt , so daß die Entdeckung sie ganz berauschte , ein wirkliches Talent in sich zu haben , welches ihr Zerstreuung und Anregung bot , sie von der öden Zukunft eines Kindermädchens bewahrte und ihr am Ende gar noch Ruhm und Geld eintrug . Die Freude verklärte ihr schönes Gesicht und machte es noch anziehender . Mit feuchtem Glanz in den Augen dankte sie Tage . Ihm wurde bei dem heißen dankbaren Blick dieser dunklen Augen ganz seltsam zu Mut . Er hätte sie am liebsten an sich gerissen und blutig geküßt . Er wußte jetzt , wodurch man diese Seele eroberte . Nicht durch Leidenschaftlichkeit , durch Schmeichelei , nicht indem man den » berühmten Mann « hervorkehrte , sondern indem man sie zur Dankbarkeit zwang . Es giebt vornehme Naturen , denen das Bewußtsein , eine Verbindlichkeit gegen jemand zu haben , zur Eisenkugel wird , die sie nie mehr abstreifen können . Darauf hatte er hier gerechnet . Er war noch nie einem so schönen , reinen Mädchen begegnet . Seine Häßlichkeit und innere Hohlheit ließ ihn nach Vollendetem die Arme ausbreiten , nach Jemand , der eigene Art besaß und von dem Troß der Nachbeter abwich . Er mußte um seines Vorteils willen den Verehrer einer alten welken Frau spielen und entschädigte sich dafür bei kleinen Grisetten . Aber dies kostete erstens Geld , zweitens war es mit so viel unbehaglichen Nebendingen verbunden . Wenn er Johanne zur Geliebten gewann - die Baronin würde er ja nie lassen , natürlich nicht - dann fielen diese peinlichen Nebenumstände weg . Sie besaß etwas Vermögen , um vor der Hand leben zu können ; sie war klug , um auch etwas Anderes , als bloße Liebesunterhaltung zu bieten , und ehrlich schien sie auch ; wenn sie sich einmal gab , konnte man ihrer sicher sein . Tage verabschiedete sich verliebter denn je von ihr . Sie setzte sich gleich wieder hin , um zu » dichten « . Aber es ging nicht ; sie war in diesen Tagen zu aufgeregt . Eines Nachmittags erhielt sie ein Blatt zugeschickt . Es war eine Zeitschrift , und ihr Name prangte auf der ersten Seite . Wir bringen hier , hieß es , eine kleine Novellette von Johanne Grün , einem neuen glänzenden Stern am Litteraturhimmel . Mit schweren Opfern ist es uns gelungen , diese Arbeit zu gewinnen , die , wie die meisten Dichtungen der jugendlichen Autorin , eben an eine große Zeitschrift im Auslande abgehen sollte . Darauf folgte Johannes Skizze . Zuerst machte sie ein ganz verdutztes Gesicht , dann aber weinte sie vor Freude . Am andern Morgen kam eine gedruckte Einladungskarte von Klingenbergs . - Am Nachmittag drückte sie wiederholt Tages Hände . » Das Honorar erhalten Sie später « sagte er leichthin . Auch das noch ! Ob sie gleich ihre Lernzeit am Fröbelhaus abbrechen sollte ? Natürlich - riet er . Lust hätte sie ja doch keine dazu . Sie solle sich sofort wieder an eine kleine schriftstellerische Arbeit machen . In ihrer Hoffnungsduselei , in ihrem Rausch beging sie in der That den Schritt , mitten im zweiten Semester aus dem Erziehungskurs fortzubleiben . Sie war wie umgewechselt . Sie jubelte auf wie ein in die Falle gegegangenes und wieder befreites Vöglein . Am Ende der Theresienstraße , in der sie wohnte , lagen große noch unbenützte Bauplätze . Früher waren es Aecker und Gärten gewesen und einzelne Bäume standen noch hie und da herum . Obgleich es Winter war , war es doch schön und frei dort . Die glitzernde Schneefläche , durch die sich ein schmaler Pfad schlang , lud zu einsamen Spaziergängen ein . Von jenem etwas erhöhten Terrain aus konnte man das Weichbild der Riesenstadt überschauen . Dort machte Johanne mit Tage öfter Spaziergänge . Er schwärmte , und sie begann , ihm langsam zu glauben . Sie erzählte ihm mancherlei aus ihrer Kinderzeit , ihre Zunge löste sich nach und nach , endlich gab sie sich als das , was sie wirklich war : als ein leben- und liebedürstendes Geschöpf . Er hütete sich , ihr ironisch wie Lohringer zu begegnen ; er merkte , daß sie das haßte . Am Sonnabend holte er sie ab . Sie hatte ihr weißes Kleidchen angezogen , dasselbe , das sie in ihrer ersten Gesellschaft bei Wewerkas trug . Tage bat sie , ihr Haar loser und tiefer zu stecken . Sie gehorchte ihm und sah mit dem