Se den Misthaufen durte ? Lieber durt druffe verrecken , aber ' s Gutt gah ich nich har ! « VI. Frau Katschner und ihre Tochter Pauline hatten Scheuerfest . Frau Katschner hielt auf Sauberkeit und Ordnung in ihrem kleinen Hause . Sie war viele Jahre lang als Küchenmagd auf dem Rittergute gewesen . Von daher stammten ihre Manieren oder , wie man in Halbenau sagte , die » Benehmiche « , durch die sie sich von den anderen Dorfleuten günstig abhob . Eine Photographie der Gräfin , ihrer ehemaligen Herrin , hing an der Wand , an besonders sichtbarer Stelle . Ihre feinere Lebensart hinderte die Witwe jedoch nicht , gewöhnliche Arbeit zu verrichten wie jede andere brave Halbenauerin . Es war Sonnabend , der Tag , an welchem in einem ordentlichen Haushalte gereinigt wird . Frau Katschner hatte gleich ihrer Tochter die Röcke hoch aufgebunden , sie schweifte mit einem Hader die Diele . Pauline handhabte am Boden knieend die Scheuerbürste . In der Mitte des Zimmers stand ein Holzfaß , dessen Inhalt bereits eine graubraune Färbung angenommen hatte . Pauline wollte eben eine neue Fahrt warmes Wasser aus der Pfanne herbeiholen , als ihr Blick , der sich zufällig durchs Fenster in den Garten gewandt hatte , dort durch etwas Ungewöhnliches gefesselt wurde . » Mutter ! Ne , sahn Se ack ! Zu uns kimmt a Gescherre nuf , gerade ibern Garten . Ja , Himmel , ich glebe , das sein de Kontessen , Mutter ! « Frau Katschner sprang ans Fenster . » De Kontessen , Herr Jedelt ! - Nu feder aber , Madel ! « Sie ließ sofort ihre Röcke herab , fuhr in die Holzpantoffeln , trieb das Wasser , das in einer großen Pfütze auf der Diele stand , mit einem Borstwisch in die Ecke und schaffte das Waschfaß hinter den Ofen . Das alles war das Werk von kaum einer Minute . Schon klopfte es ans Fenster . Draußen hielt ein niedriger Korbwagen , darin zwei junge Damen . Die eine hatte soeben mit dem Peitschenstiel gegen die Fensterscheibe gepocht . » Ist wer zu Hause hier ? « hörte man eine helle Stimme rufen . » Ich wer ' naus gihn , Pauline ! « sagte die Witwe . » Mach du dich derweilen a bissel zurechte , hierst de ! Zieh der Strimpe an und a frisches Halstichel , verstiehst de ! Ich wer se schun su lange hinhalen - gieh , feder acht ! « Pauline , die sich merkwürdig befangen und unschlüssig gezeigt hatte , von dem Augenblicke an , wo die Komtessen in Sicht gekommen , folgte dem Winke der Mutter und verschwand in ihrer Kammer . Frau Katschner schob das Schiebefenster zurück , das nach dem Garten hinausführte . Sie brach in freudige Rufe des Staunens aus : » Ne aber ! Ne sowas ! De gnädigen Kontessen selber ! Ich werde sogleich herauskommen . « Die Damen waren aus dem Wägelchen gestiegen . Eine von ihnen hatte die Zügel geführt , jetzt warf sie die Leine dem Groom zu , der hinter ihnen auf der Pritsche gesessen hatte . Die Komtessen waren gleich gekleidet , in hellen Stoff , und trugen breite Strohhüte mit bunten Bändern . Wanda , die jüngere und größere von beiden , war brünett , mit rassigem Gesicht , in dem adeliges Selbstbewußtsein lag . Ida , die ältere , ein Mädchen von schmächtiger Gestalt , mit durchsichtiger Hautfarbe und hellem Haar , zeigte weichere Züge . Ihre stillen , großen Augen und der seine Mund klangen zu eigenartig melancholischer Wirkung zusammen . Frau Katschner erschien in der Tür und machte ihren schönsten Knix , wie sie ihn sich ehemals auf dem Schlosse abgesehen hatte . » Wir wollten Sie mal besuchen , Bertha ! « rief Komtesse Wanda , welche eben darüber war , mit Hilfe des Grooms den Pony auszusträngen . » Ist übrigens ein eklig schlechter Weg hier herauf . Bei einem Haare hätten wir umgeschmissen . - Kann der Pony hier grasen , Bertha ? « Frau Katschner beteuerte unter fortgesetztem Knixen , daß hier alles den gnädigen Komtessen gehöre , und daß es ihr eine Ehre sei , wenn der Pony in ihrem Garten Futter annehme . Nun trat sie an die jungen Damen heran und versuchte , ihnen die Hand zu küssen , was jene aber zu verhindern wußten . » Ist Pauline zu Haus ? « fragte die ältere Komtesse . » Jawohl , Kontesse Ida ! Wenn die Damen so gnädig sein wollen und eintreten ... es sieht freilich ein wenig unordentlich aus bei uns . « » Kennen wir schon , Bertha ! Faule Ausreden ! « rief die Jüngere . » Sie behaupten immer , daß es unordentlich aussieht bei Ihnen ; dabei ist es das reine Schmuckkästchen . Ich wünschte bloß , bei uns wäre es immer so ordentlich - was , Ida ? « - » Ach , du großer Gott , Kontesse Wanda ! Die gnädigen Damen müssen nur verzeihen , wenn man eben arm ist ! - Ordnung und Reinlichkeit , das kostet kein Geld , sage ich immer . Auf dem Schlosse , bei der gnädigen Herrschaft , da hatte ich ' s freilich besser als jetzt . Das war ein ander Ding - dazumal ! « » Ja , sehen Sie , Bertha ! Das kommt alles nur vom Heiraten ! « meinte Wanda , die unter ihresgleichen berüchtigt war für ihre kräftigen Bemerkungen , und die sich etwas zugute tat darauf , daß sie alles heraussagte , was ihr gerade in den Sinn kam . » Ja , ja ! die gnädige Kontesse können schon recht haben , mit dem Heiraten is es manchmal nich immer was Gescheits . Obgleich ich mich nicht beklagen kann . Mein Mann is eben tot , Gott hab ' ihn selig ! Aber man hat viel Sorge davon und Ärger noch obendrein . Ne , ne ! Wer gescheit is , gnädige Kontesse , da haben Se sehr recht , der heirat ' sich keenen Mann ! « Unter solchen Reden war man ins Haus getreten . Hier sprangen ein paar Kaninchen hinter einen Bretterverschlag . Wanda wollte eines der Tiere erhaschen , aber das Tierchen war flinker als sie . Frau Katschner , die Paulinens wegen jetzt noch nicht das Zimmer betreten wollte , fand hierin eine günstige Gelegenheit , die jungen Damen noch länger im Hausflur zu halten . Sie öffnete das Ställchen . In einer dunklen Ecke unter einer Heubucht erblickte man eine ganze Kaninchenhecke . Wanda rief : » Pfui Deibel , wie stinkt ' s hier ! « lief aber nichtsdestoweniger in den Verschlag hinein und zog einzelne Tiere an den Löffeln heraus . Frau Katschner mußte ihr sagen , welches Männchen und welches Weibchen seien . Als das Interesse hierfür erschöpft schien , hielt es Frau Katschner für angezeigt , die Damen in das Wohnzimmer zu führen . Pauline kam jetzt zum Vorschein aus ihrer Kammer , mit gesenkten Augen , über und über errötend . Ihre Befangenheit war womöglich noch größer als zuvor . Pauline war in früheren Zeiten ein gelegentlicher Gast auf dem Schlosse gewesen , als Spielgefährte für Komtesse Ida , mit der sie ungefähr in gleichem Alter stand . Damals war man vertraut gewesen miteinander , nach Weise von Kindern , bei denen sich der Standesunterschied nicht so stark bemerkbar macht . Frau Katschner hatte der Tochter zwar immer die größte Devotion gegen die herrschaftlichen Kinder eingeschärft , aber beim Spiele war die künstliche Schranke der Etikette oft genug überschritten worden . Inzwischen hatten die beiden Komtessen eine Pension für freiadelige junge Mädchen besucht , aus der sie vor einem Jahre als fertige junge Damen entlassen worden waren . Sie hatten ihren ersten Winter in der Berliner Gesellschaft hinter sich . Seit Jahren hatten sich also die ehemaligen Spielgefährten nicht mehr gesehen . Auch Ida errötete bis unter das blonde Haar , als sie Pauline jetzt die Hand reichte . Einen Augenblick hatte sie erwogen , ob sie das Mädchen umarmen solle . Aber dann fürchtete sie , es könne gemacht aussehen und wie Herablassung wirken , und so ließ sie es lieber bei einem Händedruck bewenden . Wanda hingegen stellte sich vor Pauline hin und musterte sie von oben bis unten . » Diese Pauline ! « rief sie . » Was das für ein Weib geworden ist . Wie eine Frau sieht sie aus , wie die reine Frau ! Gar nichts vom Mädel mehr ! « Paulinens Hals , Wangen und Stirn färbten sich purpurn . Die Komtesse ahnte nicht , welchen Sinn jene ihrer Bemerkung unterlegen mußte . Frau Katschners Vermittlertalent half über diesen kritischen Moment hinweg . Sie sprach und fragte , machte auf dieses und jenes aufmerksam , forderte die Damen zum Sitzen auf . Sie erzählte aus jetziger und früherer Zeit , wußte ihre devote Gesinnung gegen die Herrschaft in das rechte Licht zu rücken . Mit ihrer Bewunderung für die Erscheinung der Komtessen hielt sie nicht zurück . Sie war eine Meisterin in der Dienstbotenschmeichelei . Durch gelegentlich eingeworfene Fragen verstand sie es übrigens auch , die jungen Damen zur Aussprache zu bringen , so daß sie bald allerhand für sie Wissenswertes in Erfahrung gebracht hatte . Pauline saß stumm dabei und rührte sich kaum . Auf dem Mädchen schien irgendetwas zu lasten . » Famos ist es hier ! « rief eben Wanda . » Überhaupt , die sogenannten armen Leute haben es doch gar nicht schlecht ! « Da erhob sich in der Kammer nebenan ein jämmerliches Quiecken . Pauline wurde sehr unruhig , und selbst Frau Katschner warf einen besorgten Blick nach jener Tür . » Was haben Sie denn da drinne ? Junge Katzen ? « fragte Wanda . Sie schien große Lust zu verspüren , dem Grunde des Lärmens sofort nachzuforschen . » Ach , das ist ja das Kind ! « rief Frau Katschner . » Gnädige Kontessen müssen entschuldigen ! « » Was ! Habt ihr hier kleine Kinder ? « Pauline saß wie mit Blut übergossen , die Augen in den Schoß gerichtet . » Wir wissen eigentlich selbst nicht recht , wie wir zu dem Kinde kommen , « sagte Frau Katschner . » Da habe ich eine Schwester , von der is der Mann gestorben , und da is eine Tochter , die hat geheiratet , und sehen Sie , der is der Mann davongelaufen . So ein Lump ! nicht wahr ? Na , ich hab ' s ja vorher gesagt ! Aber , wer nicht hören wollte ... Also , von der is das Kind . - Das arme Ding haben wir derweilen hier bei uns aufgenommen , weil die sich einen Dienst sucht . Das is der ihr Kind , ja ! « - Pauline sah ihre Mutter erschrocken an ob der Lüge . Das Mädchen war auf einmal ganz bleich geworden . Gut , daß Wanda das Gespräch sofort an sich riß und über durchgebrannte Männer und kleine Kinder mit Kennermiene zu sprechen begann . Pauline schlich sich derweilen aus dem Zimmer . Gleich darauf hörte man sie in der Kammer das schreiende Kind beruhigen . » Na , und sehen Se ! « fuhr die Witwe voll Eifer fort , » was meine Pauline is , die hat Sie das Kind doch nu so lieb gewonnen , als wäre ' s ihr eigenes . Wie eine zweite Mutter , mechte man sprechen , is das Mädel zu dem Kinde . « » Darf man das Kleine einmal sehen ? « fragte Ida . Frau Katschner lief ins Nebenzimmer und sprach dort halblaut ein paar Worte mit ihrer Tochter . Bald darauf kamen beide Frauen ins Zimmer zurück . Pauline trug den Jungen auf dem Arme . Das Kind saß da , einen Finger im Munde , nur mit dem Hemdchen bekleidet , das Ärmchen um den Nacken der Mutter gelegt und blickte die fremden Gesichter fragend und neugierig an . Es war ein dicker , gesunder Junge mit schönen Farben und kernigem Fleisch . Wer Gustav Büttner kannte , mußte dessen Augen wiedererkennen ; im übrigen sah das Kind Paulinen unverkennbar ähnlich . Die Komtessen verhielten sich sehr verschiedenartig dem Kleinen gegenüber . Wanda war äußerst wortreich , lobte und kritisierte und gab ihrem Mißfallen Ausdruck , daß der Junge keine geraden Beine habe . Das sei ein sicheres Zeichen für » Englische Krankheit « , erklärte sie kategorisch . Frau Katschner hatte zwar noch nie in ihrem Leben von diesem Leiden gehört , der Komtesse zu Gefallen aber tat sie , als halte sie das für sehr wahrscheinlich und erkundigte sich , was man dagegen anwenden müsse . Wanda war offenbar nicht ganz vorbereitet auf diese Frage ; nach einigem Überlegen entschied sie : » Moorbäder sind das beste ! « Ida betrachtete inzwischen das Kind aufmerksam mit nachdenklichen Augen . Sie lächelte es an , ergriff eines seiner Händchen und versuchte auf diese Weise , Freundschaft mit dem Kleinen zu schließen . Während sich Wanda und Frau Katschner weiter über die Englische Krankheit unterhielten , erkundigte sie sich nach dem Leben und Treiben des Kindes . Pauline taute dabei ganz auf . Jetzt , wo sie von dem Wichtigsten sprechen konnte , was es für sie auf der Welt gab , fand sie ihre gewöhnliche Lebhaftigkeit und Offenheit wieder . Das Eis war gebrochen . Nicht mehr die Komtesse stand vor ihr , sondern eine Frau wie sie , der sie ihr Herz rückhaltlos ausschütten durfte . Bald wußte Ida alles über das Kind , seine Angewohnheiten und Liebhabereien . Der kleine Gustav wurde aufgefordert , die paar Worte , welche er angeblich sprechen konnte , aufzusagen ; wohl aus Ängstlichkeit vor den Fremden versagte er jedoch völlig mit seinen Sprechkünsten . Nach einiger Zeit wurde Wanda ungeduldig , sie zog die Schwester an der Hand ; man müsse nun fort . Sie hätten ja noch ein paar » andere Armenbesuche « im Dorfe zu machen . Ida bat Pauline beim Abschiednehmen , sie bald einmal auf dem Schlosse zu besuchen . Dem Kleinen küßte sie die Händchen mit einem innigen Ausdruck in ihren stillen Zügen , wie er nur kinderliebenden Frauen eigen ist . Der Pony hatte sich inzwischen das Gras des Katschnerschen Gartens schmecken lassen . Wanda legte selbst mit Hand an beim Anschirren . Die Komtessen nahmen im Wägelchen Platz . Wanda ergriff Peitsche und Zügel , der Groom saß hinten auf , und fort ging ' s , den schmalen Weg zur Dorfstraße hinab . Pauline brachte das Kind in die Kammer zurück , dann schürzte sie ihr Kleid wieder auf und machte sich schweigend ans Scheuern . Frau Katschner nahm die Arbeit nicht wieder auf , sie beschäftigte sich vielmehr mit dem Zurechtmachen der Vesper . Von Zeit zu Zeit warf sie einen Blick nach der Tochter , forschend , ob die nicht endlich was sagen würde . Pauline bürstete und rieb , als ob ihre Seligkeit davon abhinge , daß die Diele rein würde . Es schwebte etwas Ungelöstes , Schwüles , ein Vorwurf zwischen Mutter und Tochter . » Willst de ne vaspern , Pauline ? « fragte die Mutter endlich . » Ich ha ' der dohie wos zurechte gemacht . « » Laßt ack , Mutter ! Ich ho ' keenen Hunger nee ! « sagte das Mädchen und vermied es noch immer , die Mutter anzusehen . Frau Katschner , die am Tische saß , hatte sich ihr Brot mit Quark gestrichen , von Zeit zu Zeit führte sie mit dem Messer ein Stück zum Munde . Pauline war inzwischen aufgestanden , sie stand jetzt am Ofen , den Zuber vor sich auf der Ofenbank . » Was meenst de wohl , Pauline ! « begann Frau Katschner von neuem das Gespräch ; » wenn mer ' s , und mir hätten ' s den Kontessen derzahlt von deinem Kleenen , daß der von dir is , wos meenst de wohl , wos die fir a Gesichte derzut gemacht haben mechten - haa ? « » Ich weeß nich , Mutter ! « sagte Pauline nur . Sie wandte der Mutter den Rücken zu und rang mit Aufbietung aller Kraft den Hader aus . » Mit suwas darf man der Art gar ne kimma . Das vertrogen se ne . Do is glei alle . Das kenn ' ich . Die Gräfin , su ne hibsche Frau wie das war , aber wenn a Madel , und se tat sich vergassen ... ne ! Da flog se glei naus . Do gab ' s nischt uf ' n Schlosse . Suwos darf man denen gar nich merken lassen . « » De Kontesse Ida is immer su gutt gewast - gegen mich ... « meinte Pauline mit stockender Stimme . Das Weinen war ihr nahe . » Nu hon Sie er suwas vurgeradt , Mutter ! Ich ho ' mich su schamen missen . Su ane Liege ! Ne , ich muß mich su siehre schamen , muß ich mich ! Grade der Ida , die su gutt is ! - Ne , Mutter , das war ne recht vun Sie ! « Pauline ließ ihren Tränen freien Lauf . Sie hatte sich auf die Ofenbank gesetzt , die Ellbogen auf die Knie gestützt und verbarg ihr Gesicht in den Händen . Frau Katschner war ärgerlich geworden . Sie sei wohl verrückt , warf sie der Tochter vor ; sie hätt ' s wohl den Komtessen gleich auf die Nase binden sollen , das mit den Jungen ? Das sei das richtige Mittel , um sich bei solchen Damen beliebt zu machen ! Komtesse Ida mit ihrer Zimperlichkeit sähe gerade danach aus , als ob sie dem Jungen dann noch was schenken würde . Und wenn Pauline nächster Tage aufs Schloß gehe , dann solle sie sich nur ja in acht nehmen mit ihren Reden , daß sie sich nicht etwa verplappere . Pauline hörte kaum mehr auf die Vermahnungen , die ihr die Mutter mit keifender Stimme erteilte . Schließlich wurde es dem Mädchen zuviel . Sie lief in ihre Kammer , schloß hinter sich zu , nahm den Jungen aus dem Korbe und herzte und küßte ihn ab unter Tränen . VII. Vor dem Kretscham in Halbenau hielt ein Einspänner . Die Kleidung des Kutschers ließ darauf schließen , daß das Fuhrwerk aus der Stadt komme . Ein rotbärtiger Mann im grauen Überzieher und karrierten Hosen stieg aus und befahl , auszuspannen . Dann begab sich der Fremde in den Gasthof . In der Schenkstube befand sich nur Ottilie , die Tochter des Gastwirts . Harrassowitz betrachtete das Mädchen mit jenem spürenden Blicke , den er für alle Frauen hatte , mochten sie hübsch sein oder häßlich . » Ist der Herr Papa zu Haus ? « fragte er . » Denn Sie sind doch das Fräulein Tochter . Ich bin Samuel Harrassowitz aus der Stadt , Ihr Herr Vater kennt mich . « Ottilie zog einen schiefen Mund , was sie immer tat , wenn sie verlegen war , und meinte , sie werde nach dem Vater schicken . Sie begab sich ins nebenan gelegene Schnapsgewölbe , wo ihr Bruder Richard mit Umfüllen von Likören beschäftigt war , und sagte ihm , wer da sei . » Ach , Sam ! « meinte Richard . » Wer ist denn das ? « fragte Ottilie neugierig . » Sam is Sam ! « erklärte Richard . » Geh , sag mir ' s doch ! « » Tu ' n doch selber fragen , dumme Gans ! « meinte der liebenswürdige Bruder , streckte dem Mädchen die Zunge heraus und ging , den Vater zu rufen . Ottilie kehrte ins Gastzimmer zurück . Sie war nun doppelt neugierig geworden , wer der fremde Herr sei . Das Mädchen hatte nicht viel Besseres vor auf der Welt , als sich um anderer Angelegenheiten zu kümmern . Sie war meist unbeschäftigt und hatte Zeit , allerhand Gedanken nachzuhängen , von denen die meisten töricht waren . Ottilie war groß und mager , mit unverhältnismäßig langem Oberkörper , flacher Brust und herausstehenden Hüftknochen . Weibliche Fülle und Rundung war ihr versagt . Aber aus ihrer Art , verlegen zu lächeln , den Kopf beiseite zu legen und dabei vielsagend dreinzublicken , sprach Gefallsucht , die ihrem reizlosen Körper zum Trotze die Blicke auf sich zu lenken trachtete . Sie hatte wenig vom Büttnerschen Blute in sich . Mit ihrer unreinen Hautfarbe , der birnenförmigen Kopfform und dem fliehenden Kinn war sie eine echte Kaschel . Ottilie machte sich hinter dem Schenktisch zu schaffen . Vielleicht würde der Fremde sie doch noch einmal anreden . Harrassowitz tat ihr auch wirklich den Gefallen . » Fräulein , wollen Sie sich nicht ein bißchen zu mir setzen , ich bin hier so alleine . « Linkisch , mit ihrem scheuen Lächeln , kam Ottilie hinter dem Schenktische vor . » Ich bin so frei ! « Damit setzte sie sich an den Tisch . Sam ließ seine Blicke in unverfrorener Weise auf ihrer Gestalt herumkreuzen , während sie mit scheinbar niedergeschlagenen Augen , ihn dabei von der Seite anschielend , dasaß . » Darf ich mir wohl die Frage erlauben , « sagte er , ihr vertraulich zulächelnd : » Ihre Hand ist noch nicht vergeben ? « » Aber ich bitte sehr , mein Herr ! « rief sie , von ihm wegrückend , mit einer Miene , der man deutlich absehen konnte , daß ihr die Frage im Grunde gar nicht unangenehm war . » Das ist mir eigentlich erstaunlich ! « meinte er . » Ein solches Fräulein : ledig ! Die Tochter von Herrn Ernst Kaschel ! Da wüßte ich manchen jungen Herrn ... « Zu Ottiliens großem Leidwesen trat hier der Vater ein , und die Unterhaltung wurde an der interessantesten Stelle unterbrochen . » Guten Tag , Herr Harrassowitz ! « » Guten Tag , mein lieber Herr Kaschel ! « Die beiden Männer lachten sich an wie zwei , die einander genau kennen , und schüttelten sich kräftig die Hände . » Recht lange nicht mehr bei uns gewesen , Herr Harrassowitz ! « Der Händler blickte dem Gastwirt in die schlauen Augen und meinte , er wolle sich hier draußen nur mal ein bißchen nach den » Ernteaussichten « umsehen . - Kaschelernst lachte über diese Bemerkung , als sei das der beste Witz , den er seit langem gehört habe . Der Wirt schickte Ottilie nach Gläsern , er selbst holte eine Flasche herbei . Den Getreidekümmel müsse Harrassowitz mal kosten , das sei was Extrafeines . Er schenkte ein . Man sprach über die Feldfrüchte , über Wetter und Viehseuche . Aber das waren alles nur Plänkeleien . Die beiden kannten und würdigten sich . Kaschelernst wußte ganz genau , daß der Händler nicht um Schnickschnacks willen nach Halbenau gekommen sei . Einstweilen gefiel es aber beiden , sich mit solchem Versteckenspiel zu unterhalten . Sam begann endlich ernsthaft zu sprechen , was er dadurch andeutete , daß er näher an den Gastwirt heranrückte und die Stimme senkte . Kaschelernst schickte die Tochter , die sich hinter den Schenktisch zurückgezogen hatte , hinaus ; nun konnte ein » vernünftiges Wort « unter Männern gesprochen werden . Der Händler erkundigte sich nach den Verhältnissen der verschiedensten Personen : Bauern , Gutsbesitzer , Handwerker . Kaschelernst kramte seine Kenntnisse aus mit der Miene eines schadenfrohen Menschen . Man konnte ihm den Hochgenuß ansehen , mit dem ihn Unglück , Fehltritte und Dummheit seiner Mitmenschen erfüllten . Wenn er von einem Bauern erzählte , der vor dem Bankerotte stand , lächelte er . Er lächelte auch , als er berichtete , daß ein anderer Feuer an seine Scheune gelegt habe . Und ausschütten wollte er sich geradezu vor Lachen , als er dem Händler hinterbringen konnte , ein Stellenbesitzer habe sich neulich aufgehängt , weil ihm die Gläubiger die Kuh aus dem Stalle weggepfändet hatten . Kaschelernst schien alle Leute in der Runde zu kennen und über die Verhältnisse von allen Bescheid zu wissen . Harrassowitz lauschte mit größtem Interesse , ja mit einer gewissen Andacht , als verkünde jener ein Evangelium , wenn er erklärte : der Bauer Soundso werde sich nicht länger als höchstens noch zwei Jahre halten , oder der und der sei durchaus kreditfähig , da er einer sicheren Erbschaft entgegensehe . Man hatte bereits mehrere Glas von dem Kümmel vertilgt , welcher dem Händler zu schmecken schien . Endlich schien Harrassowitz genug Weisheit eingesogen zu haben , er erhob sich . Er habe noch einen kleinen Gang ins Dorf vor , erklärte er . » So , so ! « meinte Kaschelernst . » Hier in Halbenau is doch jetzt nischt zu machen für Sie . « » Ach , doch ! - Ich will mir mal ' n Bauerngut ansehen . « Kaschelernst spitzte die Ohren . Aber beileibe wollte er sich keine Neugier anmerken lassen . » Welches denne ? « fragte er scheinbar nebenhin . Sam tat , als habe er die Frage überhört . » Es soll ein schönes Gut sein , « meinte er . » Felder , Wiesen , alles prima ! Auch die Gebäude im Stande . Natürlich sind tüchtige Schulden drauf . Die Bauern sind ja alle verschuldet . Ich will mir ' s mal besehen , « damit wollte er gehen . » Daß Sie sich nur nicht verlaufen in Halbenau , Harrassowitz ! « sagte Kaschel , ihm folgend . » Hier gibt ' s viele Güter , große und kleene . Zu wem wollen Se denne ? « » Auf das Büttnersche ! « Kaschelernst zuckte mit keiner Wimper , als er den Namen seines Schwagers hörte . Harrassowitz fixierte ihn scharf . » Kennen Sie das Gut ? Ich interessiere mich dafür . « Der Wirt zuckte die Achseln und nahm eine geheimnisvolle Miene an . Er dürfe nichts sagen , meinte er , der Besitzer sei sein Schwager . » Ihr Schwager , Herr Kaschel ! « rief der Händler mit gut geheucheltem Erstaunen . » Das ist mir ja hochinteressant zu hören ! Ich habe dem Manne nämlich Geld verschafft . Das ist mir sehr lieb , daß Sie mit ihm verwandt sind ; sehr lieb ist mir das ! Nun ist mir der Bauer noch einmal so viel wert , denn Sie werden Ihren Schwager doch nicht sitzen lassen in der Patsche - was ? « Kaschelernst machte ein ganz dummes Gesicht . Es war so dumm , daß man die Pfiffigkeit , die sich dahinter verbarg , leicht merkte . Der Händler lachte hell heraus , und der Wirt stimmte ein . Sie hatten einander wieder mal erkannt , die beiden Biedermänner . » Na , ich will mir ' s mal ansehen , das Gut Ihres Herrn Schwagers , « sagte Harrassowitz , ließ sich den Weg beschreiben und schritt dann die Dorfstraße hinab . * * * Sam näherte sich dem Büttnerschen Hofe . Mit prüfendem Blicke musterte er zunächst die Baulichkeiten . Wohnhaus : Fachwerkbau mit Ziegeldach , konstatierte er . Ställe und Scheune : nur Strohbedachung . Übrigens schien alles recht gut in Schuß und wohlgepflegt . Ganz heruntergekommen war der Bauer also noch nicht . Der Händler trat durch die offene Tür in den Hausflur und klopfte an die Wohnstubentür . Er traf nur die Bäuerin an , die am Wiegekorbe stand und ihr jüngstes Enkelchen in den Schlaf wiegte . Die alte Frau sah den Fremden mit offenstehendem Munde an . Sam trat mit leutseliger Miene auf sie zu und erklärte ihr , er sei ein Geschäftsfreund des Herrn Gutsbesitzers Büttner , und er habe sich immer schon die Besitzung einmal ansehen wollen . Der Bäuerin imponierte der Aufzug des Fremden , vor allem eine blitzende Nadel in der Kravatte stach ihr in die Augen - von Similibrillanten ahnte die gute Frau freilich nichts . - Was ihr Mann doch für vornehme Bekannte hatte in der Stadt ! Sie lief nach einem Stuhle , trotz ihrer rheumatischen Lähme . Aber der Händler kam ihr zuvor . Sie solle sich nur um Gottes willen nicht bemühen um seinetwillen , wenn der Bauer auf dem Felde sei , wolle er ihn dort aufsuchen , hier im Hause möchte er um keinen Preis Störung verursachen . Es sei alles draußen , erklärte die Bäuerin , die Weibsen in den Runkeln , Karl beim Kartoffelanfahren und der Bauer ganz draußen am Walde beim Säen . Der Fremde sah sich im Zimmer um . Er meinte , sie hätten es recht hübsch und gemütlich hier . Dann untersuchte er die Holzverkleidung der Wand , indem er daran klopfte . Holztäfelung liebe er , das gäbe im Winter ein hübsch warmes Zimmer . Auch den Wandschrank mit den bunten Tellern bewunderte er , von denen er einzelne herabnahm , um sie näher zu betrachten . Es gab nichts , wofür Sam nicht Interesse gezeigt hätte . » Sehr nett , ganz riesig nett hier ! « sagte er und lachte die Bäuerin freundlich an . » So richtig ehrwürdige , patriarchalische Verhältnisse . Ich liebe das ! So was hat man in der Stadt nicht . « Die Bäuerin war von solchem Lobe aufs angenehmste berührt . Sie hielt es aber für nötig , die Beschämte zu spielen . Es sei durchaus nicht schön bei ihnen , behauptete sie , und der Herr sei es gewiß ganz anders gewohnt . Harrassowitz beteuerte dagegen , daß es für ihn nichts Idealeres gäbe als eine gemütliche Bauernstube , das gehe ihm weit über sein Kontor . Dann näherte er sich dem Kinde im Korbe , schäkerte mit dem