Blick auf ihn und nagte an der Lippe . Langsam wandte sich Graf Egge nach ihm um . » Aber Schipper ! « Die beiden Worte klangen nicht freundlich . Der Jäger lächelte . » Ja glauben S ' denn , Herr Graf , ich hab die Gams net gsehen ? Die machen uns nix . Im Gegenteil . Die springen gegen die Latschen runter , und der Bock muß nach - dös heißt , wann der Franzl in der richtigen Höh einsteigt . « Graf Egge fuhr mit beiden Händen in den Bart und zerrte . Die gute Laune war ihm vergangen . » Am liebsten ging ich gleich wieder heim in d ' Hütten . Denn eh ich den Bock net sicher hab , fang ich nix an mit ihm . Sonst is er beim Teufel für den ganzen Sommer ! « Schipper wurde Feuer und Flamme . » Aber Herr Graf ! Jetzt haben S ' den Bock im Sack und wollen ihn wieder auslassen . « Wieder begann die flüsternde Debatte , und Graf Egge führte sie mit einem Ernst wie ein Feldherr den Kriegsrat am Abend vor der Entscheidungsschlacht . Nach langem Schwanken und Zögern entschied er sich , die Jagd zu wagen . Seine Bedenken waren nicht völlig beschwichtigt , aber die Leidenschaft brannte in ihm . » Also , Franzl , weiter ! « Der Jäger zögerte , sein Gesicht war bleich . Er wußte , daß es böse Stunden setzen würde , wenn die Sache mißlang . Obwohl er nicht mißtrauisch war , regte sich doch in ihm ein Instinkt der Vorsicht . » Ich bitt , Herr Graf , ich möcht bei dem Bock nix verfehlen . Sagen S ' mir genau den Weg , den ich machen muß . « » Aber Franzl ! « fiel Schipper ein . » Halt den Herrn Grafen doch nimmer auf ! Dös liegt auf der Hand , wie man da steigen muß . « Graf Egge lächelte ; die Vorsicht des Jägers gefiel ihm . » Recht hat er ! Er will sich für alle Fäll den Buckel sauber halten . Also paß auf ! « Mit umständlicher Genauigkeit beschrieb er den Weg , auf welchem Franzl in die Felswand steigen und dem Gemsbock die Höhe abgewinnen sollte . » Hast du verstanden ? « » Ja , und ich mach kein andern Schritt . « Franzl zog den Hut . » Weidmanns Heil , Herr Graf ! « Sie trennten sich ; noch einmal blieb Franzl stehen . » Ich bitt , Herr Graf , verlieren S ' die Geduld net ! Ich hoff , daß ich den Bock herbring , aber lang wird ' s dauern . Mein Weg hat schlechte Plätz , und ich darf beim Steigen kein Laut net hören lassen , wenn ich die andern Gams bis zur richtigen Zeit halten will . « Sein Herr nickte ihm freundlich zu . » Das Sitzen verdrießt mich net . Wenn er nur kommt ! « Nach verschiedenen Seiten schlichen sie durch die Büsche davon . Graf Egge und Schipper hatten einen halbstündigen Weg , bis sie den Stand erreichten . Im Schutz eines Latschenbusches nahm der Graf seinen Platz auf einem Stein ; Schipper drückte sich hinter seinen Herrn , zog das Fernrohr auf , legte das Ledertäschchen mit den Patronen auf seinen Schoß und lud die Reservebüchse . Auf hundert Schritt vor ihnen stieg die Felswand auf , aus der ein Gemswechsel über Klippen und Grasbänder gegen die Latschen herunterführte . Jener Teil der Wand , in dem der Bock und die anderen Gemsen standen , war durch eine vorspringende Steinrippe verdeckt , doch sah man in der Ferne die steilen Kuppen , über welche Franzl seinen Weg zu nehmen hatte . Kühler Schatten und tiefes Schweigen ringsumher ; nur zuweilen schwamm durch die stillen Lüfte der verlorene Klang einer Almglocke aus dem sonnigen Tal herauf . Eine Stunde verrann . Graf Egge rührte sich nicht . Nur manchmal fühlte er mit dem Daumen , ob die Hähne der auf seinem Schoße ruhenden Büchse auch wirklich gespannt waren . Schipper spähte nach den fernen Kuppen der Felswand . » Jetzt steigt er ein ! « flüsterte er . Wie ein kleiner dunkler Strich , der sich langsam bewegte , war Franzls Gestalt im grauen Gestein zu erkennen . » Aber ich weiß net , er steigt mir aber bißl z ' langsam . « » Ganz richtig steigt er ! « zischelte der Graf . » Er mag außer Dienst ein junger Schüppel sein , aber wenn ' s ernst wird , ist Verlaß auf ihn . Da ist er sein ganzer Vater . « Keine Antwort kam ; doch Graf Egge hörte , wie Schipper hinter ihm den schweren Atem durch die Nase blies . » Schnauf net so laut ! « Nun war Stille . Franzls Gestalt verschwand in den Schluchten der Felswand , und wieder verrann eine halbe Stunde . Dann tönte , noch weit entfernt , das dumpfe Gepolter fallender Steine . » Die anderen Gams ! « flüsterte Graf Egge . Fester spannten sich seine Hände um die Büchse , und brennend hingen seine Augen an dem Felszacken , auf dem der Bock erscheinen mußte . Von Minute zu Minute verschärfte sich die Spannung seiner Züge , aus dem erstarrten Gesichte wich der letzte Tropfen Blut , die herbgeschlossenen Lippen färbten sich bläulich , und immer heißer flackerte das Feuer seiner Augen . Was aus diesem Gesicht herausfunkelte , war nicht die helle , frohe Lust am Jagen , nicht die stolze Männerfreude , die das edle Weidwerk bietet . Es war eine wilde , verzehrende Leidenschaft , die im Verlangen und Genießen weder Maß noch Schranke kennt , den ganzen Menschen an Leib und Seele erfaßt wie die Flamme das dürre Holz , in ihm das Gefühl für jeden anderen Wert des Lebens erstickt , ihn immer nur das eine sehen und begehren läßt , das ihn berauscht und niemals sättigt , das ihn selbst zerstört und andere mit ihm ! Und wie das Mal eines Gezeichneten brannte auf Graf Egges Stirn die rote Beule , die ihm der Balken der Hüttentür geschlagen . » Herr Graf , da kommt er ! « lispelte Schipper . Die Gestalt des Wildes tauchte aus dem Gestein . Graf Egge hob die Büchse nicht . » Das ist ein anderer . Ich will den meinigen . « So leis diese Worte gesprochen waren , das Tier hatte sie vernommen . Mit gestrecktem Halse stand es und äugte auf die beiden Jäger nieder ; sie saßen regungslos , und die Gemse erkannte in den zwei grauen Klumpen die Menschen nicht . Langsam begann sie über den Wechsel herabzuziehen . Da krachte fern in der Felswand ein Schuß , das prasselnde Gepolter fallender Steine ließ sich hören , und rings über alle Wände rollte das Echo . Die erschreckte Gemse machte ein paar ziellose Sprünge im Gestein , und Graf Egge verlor seine Ruhe ; ein Zittern befiel seine Hände , und in bebendem Zorn raunte er durch die Zähne : » Schlecht geht ' s ! Das war ein Schreckschuß , der Bock nimmt den oberen Wechsel an . Hol dich der Teufel , Schipper ! Ich hätt dem Franzl folgen sollen . Jetzt komm ich um meinen Bock . Die anderen Gams haben alles verdorben . « Die Worte waren laut geworden , und nun erkannte die Gemse ihren Feind . Mit wilden Sprüngen suchte sie einen Weg in das höhere Gestein ; sie fand kahle Felsen , mußte sich wenden u kam in sausender Flucht über den Wechsel heruntergestürmt . » Wart , Bestie , du sollst mir büßen ! « zischte es von Graf Egges Lippen . Er hob die Büchse - nicht , um als Jäger das Wild zu erbeuten , sondern um seinen Zorn an dem Tier zu kühlen , das ihm die ersehnte Freude verdorben und durch seine vorzeitige Flucht vor dem treibenden Jäger den erwarteten Bock gewarnt hatte . Der Schuß krachte , und im Feuer stürzte die Gemse . Während sie verendend noch mit den Läufen schlug , kamen zwei andere Gemsen in voller Flucht über den Wechsel herunter , eine Geiß mit ihrem Kitz . Graf Egge streckte die Hand nach rückwärts . » Gib her ! « » Aber Herr Graf ? A Kitz ? « stotterte Schipper . Sein Herr stampfte mit dem Fuß . » Gib her , sag ich ! « Mit zornigem Ruck faßte er die Reservebüchse - zwei Schüsse - und die Geiß lag verendet am Boden , während das klagende Kitz mit zerschmettertem Rückgrat in die Latschenbüsche kroch und auf dem Geröll eine rote Bahn zurückließ . Noch war das Echo der beiden Schüsse nicht verhallt , da tönte von der Höhe der Felswand ein klingender Jauchzer . » Herr Graf , der Bock muß kommen ! « stammelte Schipper , der die Bedeutung dieses Rufes erkannte . Er griff nach der abgeschossenen Büchse und reichte seinem Herrn das frisch geladene Gewehr . Ein Zittern befiel den Grafen , sein Atem ging schwer , und in kalkiger Blässe erstarrte sein Gesicht , während sein Blick emporflog über den Wechsel . Da fühlte er ein Zupfen an seiner Joppe und hörte die wispernde Stimme des Jägers : » Da droben steht er ! Grad über Ihnen ! Schießen S ' ! Schießen S ' ! « Hinter dem Felszacken mußte der Bock den gewohnten Wechsel verlassen haben und stand , hoch über den beiden Jägern , in einer breiten Steinrinne , eine stolze , kraftstrotzende Tiergestalt , deren selten schöner Hauptschmuck sich mit zwei schwarzen , scharf gekrümmten Linien von dem grauen Felsen abhob . Graf Egge saß wie versteinert . » Herr Graf , so schießen S ' doch ! « zischelte Schipper . » Der Schuß is verteufelt weit , gute zweihundert Gäng . Aber wenn S ' net schießen , is der Bock dahin für den ganzen Sommer ! « Graf Egge konnte die Waffe nicht heben , das Fieber begann ihn zu schütteln . » Aber Herr Graf ! Herr Graf ! « Der Gemsbock pfiff und setzte mit hoher Flucht über die Wasserrinne . Ein paar Sprünge noch , und er mußte verschwinden . Da ging ein Ruck durch die Gestalt des Grafen , und die Büchse flog an seine Wange . Schipper hob das Fernrohr , um die Wirkung des Schusses zu beobachten , und kaum hatte er das Wild im Glas , da krachte der Schuß . Der Gemsbock wankte , doch nur einen Augenblick , dann verschwand er hinter zerklüftetem Gestein . » Hat ihn schon ! « lachte Schipper . Er warf das Fernrohr zu Boden , faßte den Bergstock und sprang durch die Büsche davon , um hinter der Biegung der Felswand den Bock noch einmal zu sehen und die Richtung seiner Flucht beobachten zu können . Graf Egge war aufgesprungen , in der Hand die rauchende Büchse . Er starrte nach der Stelle , wo der Bock gestanden , und lauschte , doch er hörte nichts als die Sprünge des Jägers , die sich immer weiter entfernten . » Er muß die Kugel haben ! « murmelte er , stellte schwer atmend die Büchse nieder und griff mit der Hand an seine Stirn . Wohl lag das seltene Wild noch nicht , das ihm seit Wochen schlaflose Nächte bereitet hatte , aber Graf Egge war seiner Kugel sicher ; der Sturm seines Blutes und die Spannung seiner Nerven begannen sich zu lösen , fast wie Schwäche befiel es ihn , und nun plötzlich fühlte er auch den Schmerz der Beule an seiner Stirn . Sein Blick streifte die zwei verendeten Gemsen ; die zuerst gefallene war ein guter Bock , daneben aber lag die Muttergeiß , und hinter den Latschen rührte sich noch immer das todwunde Kitz . Graf Egge wandte sich ab . Ihn ekelte vor der unweidmännischen Arbeit , die er im Zorn geliefert , und dieses Gefühl verdarb ihm die Freude des letzten Schusses . Inzwischen hatte Schipper die Biegung der Wand erreicht . Hoch in den Felsen sah er den Gemsbock langsam vorüberziehen und wieder im Gestein verschwinden . Schipper sprang eine Strecke weiter und sah , daß der Bock sich talwärts wandte , ein Zeichen , das den tödlichen Schuß verriet . Auf einer vorspringenden Platte blieb der Gemsbock mit hängendem Kopfe stehen und begann zu schwanken ; seine Läufe brachen , einen letzten Sprung noch versuchte er , dann taumelte er über den Rand der Felsen hinaus und stürzte , ein rostbrauner Klumpen , durch die Luft herunter . In einem Latschenbusch verschwand er und lag so gut versteckt , daß den Jägern das Suchen schwer geworden wäre , hätte Schipper den Bock nicht fallen sehen . Hastig stieg er zu der Latsche hinauf , denn er wußte , daß klingender Dank zu verdienen war , wenn er seinem Jagdherrn diese Beute brachte . Nun erreichte er sie , und die Augen wurden ihm groß , als er das selten schöne Gehörn betrachtete . Graf Egge hatte kein ähnliches in seiner reichen Sammlung . Schipper schätzte , daß ein Sammler für dieses Krickel tausend Mark und darüber geben würde . Zwei rote Flecken erschienen auf seinen fahlen Wangen . Schon streckte er die Hand , um den Bock aus der Latsche zu ziehen . Da tönte fern in der Felswand die rufende Stimme Franzls , und Schipper hörte , wie Graf Egge dem Jäger die Weisung hinaufschrie , nicht weiter vorzugehen , sondern den Abstieg gegen die Hütte zu nehmen . Ein böses Lächeln glitt über Schippers Mund . » Mir tausend Mark ! Und dem andern an festen Tritt auf ' n Magen , den er spüren soll ! « Er zerrte das Messer aus der Tasche , schlug dem verendeten Wild das Krickel mit der Hirnschale aus dem Kopf und warf das Gehörn in weitem Schwung über das Latschenfeld . Mit funkelnden Augen spähte er nach der Stelle , an der es fiel , dann glitt er lautlos über die Felsen hinunter und suchte laufend den Rückweg . Als er die Biegung der Wand erreichte und aus den Latschen hervorkroch , sah er unerwartet den Grafen vor sich , der auf einem Felsblock saß und mit beiden Händen das rechte Schienbein rieb . » Schipper ? Was is mit dem Bock ? « Der Jäger konnte nicht gleich Antwort geben ; im Schreck versagte ihm die Stimme . Er drückte die Fäuste auf die Brust , als hätte der rasche Lauf ihn atemlos gemacht . » Der Bock , Herr Graf ? Den hab ich mit keim Aug mehr gsehen . Aber sorgen S ' Ihnen net ! Da kann nix fehlen . Der hat den Schuß mitten auf ' m schönsten Fleck . Ganz gnau hab ich mit ' m Spektif den Einschuß gsehen , kurz hinterm Blatt . Der liegt keine hundert Schritt vom Platzl , wo er gstanden is . Soll ich gleich naufsteigen ? « Schipper konnte diese Frage ohne Sorge stellen , denn er wußte die Antwort seines Herrn voraus . » Aber Schipper ! Wo hast du deinen Verstand ? Hat der Bock den richtigen Schuß , so liegt er mir gut bis morgen . Ist der Bock nur krank , so treibst du ihn wieder auf , und wir können ihn suchen , zwei , drei Tage lang . Nix da ! Laß du den Bock in Ruh bis morgen ! « Stöhnend faßte Graf Egge nach seinem Bein . » Was is denn ? « fragte Schipper wie in Sorge . » Mein Bock hat mir keine Ruh lassen , ich hab dir nachsteigen wollen , und da hat ' s mir auf einmal im Haxen einen Riß gegeben . Und jetzt spür ich im Knochen einen ganzen Ameisenhaufen . Mir scheint , die verfluchte Gicht fangt wieder an . « » O Mar und Joseph ! Aber sehen Sie ' s , Herr Graf , weil S ' mir net folgen und keine Unterhosen tragen wollen ! Jetzt haben S ' Ihnen wieder verkühlt . « » Laß mich aus , du Lapp ! « brummte Graf Egge . » Ich und Unterhosen ! Und müßt mich ja rein vor mir selber schenieren . « » Schenieren oder net ! Gleich morgen schreib ich dem Moser a Briefl nunter , daß er Ihnen wollene Unterhosen raufschickt . « » Das wird sich hart machen . Ich hab keine Unterhose im ganzen Vermögen . Hab meiner Lebtag noch keine gebraucht . « » Jetzt muß eine her ! Ich tu ' s nimmer anders ! Soll halt der Moser beim Kramer a halbs Dutzend kaufen ! « » Was ? « Graf Egge erhob sich . » Du tust dir leicht mit ander Leut ihrem Geld ! Ein halbes Dutzend ! Den schau an ! Ein Paar is genug ! Aber was ich sagen will - die Gschicht mit der Kitzgeiß steigt mir in d ' Nasen und verdirbt mir die ganze Freud an meinem Bock . « » Aber Herr Graf ! Es ist ja nur in der Wut gschehen ! Und für so an Bock , wie der is , kann man sich schon a bißl Ärger gfallen lassen . « Graf Egges Miene heiterte sich auf . » Hast recht ! Wenn ich an die Kruck denk , die der Bock droben hat , vergeß ich alles . Die kriegt ein silbernes Schildl ! Und nachher sperr ich sie erst noch in die eiserne Kasse . So eine hab ich noch nie erwischt , und so eine krieg ich auch meiner Lebtag nimmer ! « Schmunzelnd blinzelte er zu der Felswand hinauf . » Gelt , Böckerl , lang hat ' s dauert mit uns zwei ? Jetzt hast du doch den kürzern zogen ! « Er blickte in Schippers Gesicht und vergnügt lachten die beiden einander an . » Aber die Gschicht mit der Kitzgeiß is mir zwider . Wie steh ich denn vorm Hornegger da ! « Schipper zögerte mit der Antwort . » Wann der Herr Graf befehlen ? Der Franzl brauchet ja nix z ' wissen davon . « » Hast recht , du Gauner ! Verräum die alte Mutter , daß kein Mensch mehr was findt von ihr . Da komm her ! « Graf Egge griff in die Tasche und zog ein rotledernes Beutelchen hervor , wie es die Bauern führen , wenn sie zu Markte gehen . Er drückte ein Goldstück in Schippers Hand . » Halt ' s Maul ! Da hast ein Pflaster . « » Vergelts Gott , Herr Graf ! Aber was sagen wir dem Franzl wegen die vier Schuß ? « » Drei auf den ersten Bock und zwei davon gfehlt , in Gottesnamen ! « » Sie , Herr Graf ? Und fehlen ? Dös wird der Franzl schwerlich glauben . Es tät auch dem gnädigen Herrn Grafen an Abbruch in seiner Jägerehr . « Graf Egge lachte zufrieden . » Du Teufelskerl ! Du denkst aber doch an alles ! So studier dir halt was Feineres aus ! « Schipper wußte eine bessere Ausrede flink zu finden ; und als er ging , um den in der Nähe des Standes liegenden Gemsbock auszuweiden und die Geiß mit ihrem Kitz für ewige Zeiten in einem Steinloch verschwinden zu lassen , trat Graf Egge den Heimweg zur Jagdhütte an . Während des ganzen Weges beschäftigte ihn der Gedanke an das herrliche Krickel , das ihm der kommende Morgen bescheren mußte - nebenbei aber auch die schmerzende Stelle auf der Stirn und das leise Gekribbel in seinem Knie und Schienbein . 7 Graf Tassilo war am Morgen nicht zum Frühstück erschienen . Als Kitty nach ihm fragte , hieß es , ihr Bruder wäre zeitig ins Dorf gegangen und noch nicht zurückgekehrt . So blieb die Kleesberg ihre einzige Gesellschaft , eine sehr stille . Tante Gundis Augen hatten übernächtigen Glanz , und bei der gemessenen Würde , mit der sie den Schinken schnitt und in das krachende Butterbrötchen biß , tat sie zuweilen einen Atemzug , der wie ein Seufzer klang . Nur langsam belebte sich das Gespräch . Dabei wurde das Abenteuer beim Wetterbach mit keiner Silbe mehr erwähnt , als wäre in ihnen beiden jede Erinnerung bereits erloschen . Nach dem Frühstück brachte Kitty einen Spaziergang in Vorschlag . Tante Gundi war einverstanden . » Wohin ? « Kitty überlegte . » Die Hauptsache ist ein guter ebener Weg , damit du dich nicht ermüdest . Ich meine ins Dorf ? Da siehst du doch auch ein bißchen Menschen . Das wird dich zerstreuen . « Gundi Kleesberg schien aus diesen Worten etwas herauszuhören , was ihr mißfiel . Sie legte würdevoll das Haupt zurück und erklärte : » Nein ! Wir gehen nach der Waldschwaige . « » Wie du willst ! Auch kein übler Weg ! « Zur Waldschwaige , einer zu Schloß Hubertus gehörigen Meierei , führte aus einem Winkel des Parkes ein für den Verkehr der Sommergäste gesperrter Waldpfad . Graf Egge war den Touristen nicht gewogen ; sie liefen ihm in Wald und Berg häufig zur Unzeit in die Quere ; die harmlose Freude , die sie am Singen und Jodeln fanden , und ihre Vorliebe , auf steilen Gehängen Steine zu lösen , rührten in ihm die Galle des Jägers auf ; er machte sie für manchen mißglückten Pirschgang verantwortlich , ließ im kahlen Gestein der höheren Berge die roten Merkzeichen der Touristensteige von den Felsen abkratzen und sperrte im Wald jeden Pfad , an dem er Eigentumsrecht besaß , mit der Inschrift : Verbotener Privatweg , herrenlos umherlaufende Hunde werden erschossen . So durfte Tante Gundi sicher sein , auf dem Weg zur Waldschwaige keinem Menschen zu begegnen als höchstens einem Holzarbeiter oder einem Knecht der Meierei . Es war ein stiller Spaziergang . Die Kleesberg schwieg beharrlich ; sie schien mit ihren Gedanken beschäftigt und hatte keinen Blick für die Morgenschönheit des Waldes . Kitty wurde der krampfhaften Anstrengungen , ein Gespräch in Gang zu bringen , schließlich müde und begann Unterhaltung für sich allein zu suchen . Sie wanderte bald zur Rechten , bald zur Linken in den von Lichtern durchzitterten Wald hinein und pflückte , was sie an Blumen fand . Dabei summte sie mit halblauter Stimme ein Liedchen , und manchmal stand sie still , mit beiden Armen den Wirrwarr der gepflückten Blumen umschlingend , tief atmend , die Wangen glühend , mit träumendem Lächeln . Es war ein prächtiger , von zierlichen Grasrispen umschlossener Strauß , den sie nach Hubertus brachte , als sie mit Tante Gundi gegen zwölf Uhr in das Schloß zurückkehrte . Während die Kleesberg in der Veranda Atem schöpfte , eilte Kitty in das Speisezimmer , um den Tisch mit ihren Blumen zu schmücken . Da sah sie auf der Tafel vier Gedecke aufgelegt . Ein Gast in Schloß Hubertus ? Kitty flog zur Treppe und traf mit der Kleesberg zusammen . » Tante Gundi ? Wir haben einen Gast ? « » Einen Gast ? Wen ? « » Ich weiß nicht ! « Mit wehenden Fahnen ging ' s über die Treppe hinauf in Tassilos Zimmer . » Aber Tas , wer kommt denn heute ? « Tassilo erhob sich vom Schreibtisch . » Einer meiner Freunde : Maler Forbeck . « Kitty starrte den Bruder an , so verblüfft , als hätte er die Ankunft eines chinesischen Würdenträgers verkündet . Und während zarte Röte ihr Gesichtchen überhuschte , stammelte sie : » Merkwürdig ! Du bist mit ihm befreundet ? Wann und wo hast du ihn denn kennengelernt ? « » Im vergangenen Winter , bei Professor Werner . « » Werner ? Professor Werner ? Das ist doch wohl der berühmte Maler , für den die Gundi so riesig schwärmt ! Und - der andere ? Der ist wohl auch schon sehr berühmt ? « » Jedenfalls auf dem besten Weg , es zu werden . Aber du kennst ja Herrn Forbeck ? « Gundi Kleesberg erschien auf der Schwelle und horchte beim Klang dieses Namens betroffen auf . » Du hattest ja gestern abend mit ihm so etwas wie ein kleines Abenteuer ? « Kitty machte große Augen . » Das weißt du auch schon ? « » Natürlich ! « Tassilo zupfte sie am Ohrläppchen . » Du merkwürdiger Spatz , warum hast du mir denn das verschwiegen ? « » Ich habe das gar nicht für so wichtig gehalten . « Sie begegnete dem Blick des Bruders und geriet ein wenig aus der Fassung . » Aber ich vergesse ganz - « Damit wollte sie die Flucht ergreifen . » Wohin ? « » Aber Tas ! Sieh mich doch an ! Ich kann doch nicht so bei Tisch - « Nun gewahrte sie die Kleesberg , die mit verstörtem Sorgenantlitz bei der Tür stand . » Hast du schon gehört , Tante Gundi ? Das ist doch komisch ! Jetzt speist er heute bei uns ! « Lachend flog sie aus der Stube . Da löste sich bei der Kleesberg die Erstarrung . Sie rauschte zum Schreibtisch . » Tassilo ! Was machen Sie denn nur ? Diesen Menschen bringen Sie uns auch noch ins Haus ! « Tassilo trat verwundert zurück . » Haben Sie denn nicht gehört ? Gestern hatte sie mit ihm ein Abenteuer ! Gerettet hat er sie ! Gerettet ! Wissen Sie denn nicht , was das heißt für ein junges Mädchen ? Ihr Retter ! Und zu allem Unglück auch noch ein Künstler ! Wenn Sie nicht wissen , was das bedeutet , ich weiß es ! « Gundi Kleesberg rang die Hände , und es fehlte nicht viel , so wäre sie in Tränen ausgebrochen . Nun verstand Tassilo . » Ach so ? « Er schüttelte den Kopf und lächelte . » Sie machen sich überflüssige Sorgen . Es wäre übel bestellt um Erziehung und Charakter meiner Schwester , wenn jede Begegnung mit einem jungen Mann für sie eine Gefahr bedeuten würde . Beruhigen Sie sich - « » Nein ! Ich beruhige mich nicht . Sie ist schon Feuer und Flamme für sein Genie . Das ist immer der Anfang . Ich kenne das . Und daß sie schon zu verschweigen anfängt , haben Sie wohl nicht bemerkt ? Und daran denken Sie wohl gar nicht : daß dieses verwünschte Abenteuer bei der Klause spielte . Was bei dieser Klause anfängt , muß ein Unglück werden . « » Fräulein von Kleesberg ! « Aus Tassilos Gesicht war alle Farbe gewichen . » Ich kenne meine Pflicht . Ich will nicht verantwortlich sein , wenn das Haus , in das Sie heute das Feuer tragen , lichterloh zu brennen beginnt . Gott bewahre das arme Kind vor solchemeinem solchen Unglück ! « Nun kamen ihr die Tränen . » Ein kurzer Traum , ein paar Tage Glück und Jubel und dann dieses Namenlose , dieses ganze zerstörte Leben ! « » Aber Tante Gundi ! « Freundlich legte Tassilo die Hand auf ihren Arm . » Sie waren gestern leidend und haben sich noch immer nicht erholt . Es ist doch keine Ursache vorhanden , von solchen Ungeheuerlichkeiten zu sprechen . Was Herr Forbeck von meiner Schwester will - « » Er will ? Was will er ? « Die Kleesberg ließ das Batisttuch sinken , mit dem sie die Augen getrocknet hatte . » Malen will er sie , als Hauptfigur in einem großen Bild . « » Malen ! « stammelte Gundi , als hätte sie verstanden : ermorden . » Malen ? Das wäre das Wahre ! Das kenn ' ich ! « » Gut also ! Ich war vielleicht ein wenig unvorsichtig , als ich Forbeck in dieser Sache meine Hilfe zusagte . Aber er war so begeistert für seine Idee , so glücklich - « » Glücklich ? Natürlich ! Unglücklich soll er auch schon sein ! Das kommt noch früh genug . « Tassilo suchte dieser Hartnäckigkeit gegenüber ratlos nach Worten . » Sie haben da doch auch ein wichtiges Wort mitzusprechen . Wenn Forbeck seinen Wunsch äußert , können Sie eine unverfängliche Ausflucht gebrauchen - « » Gott sei Dank ! Wenn es dabei nur auf mich ankommt , dann ist die Sache schon erledigt . Malen ! Eh ich das erlaube , eher sterb ' ich ! « Die Tür wurde geöffnet , und Fritz brachte eine Karte . » Hans Forbeck ! « las Tassilo . » Ich lasse bitten . « Die Kleesberg wollte sich fluchtartig entfernen . Tassilo hielt sie zurück . » Tante Gundi ! Machen Sie keine Torheiten ! Das sieht schon bald so aus , als hätten Sie Angst , daß Sie sich in ihn verlieben könnten . « » Solche Scherze möcht ' ich mir verbitten ! « erklärte die Kleesberg ; aber ihre Hilflosigkeit schien größer zu sein als ihre Entrüstung . Forbeck erschien , das weiße Hütchen in der Hand , in hellgrauem Beinkleid und schwarzem Sakko . Er verbeugte sich etwas hölzern vor Fräulein Kleesberg , die nach Würde rang , und ging auf den Grafen zu . Als Tassilo in diese klaren Augen blickte , auf diese redliche Stirn , löste sich in ihm auch der leise Keim von Sorge wieder , den Tante Gundis sonderbare Ahnungen geweckt hatten . Herzlich faßte er die Hand des jungen Künstlers . » Grüß ' Gott , lieber Forbeck ! Erlauben Sie , daß ich Sie bekannt mache : Hans Forbeck - Fräulein von Kleesberg , die mütterliche Freundin meiner Schwester . « Forbeck verbeugte sich . » Ich glaube , ich hatte bereits gestern das Vergnügen ,