für Einsiedlertum , für Abschluß von der Kessiner Menschheit , so Stadt wie Land ? « » Ich werde mich wohl für Einsiedlertum entschließen , wenn mich die Mohrenapotheke nicht herausreißt . Bei Sidonie werd ich dadurch freilich noch etwas tiefer sinken , aber darauf muß ich es ankommen lassen ; dieser Kampf muß eben gekämpft werden . Ich steh und falle mit Gieshübler . Es klingt etwas komisch , aber er ist wirklich der einzige , mit dem sich ein Wort reden läßt , der einzige richtige Mensch hier . « » Das ist er « , sagte Innstetten . » Wie gut du zu wählen verstehst . « » Hätte ich sonst dich ? « sagte Effi und hing sich an seinen Arm . Das war am 2. Dezember . Eine Woche später war Bismarck in Varzin , und nun wußte Innstetten , daß bis Weihnachten und vielleicht noch drüber hinaus , an ruhige Tage für ihn gar nicht mehr zu denken sei . Der Fürst hatte noch von Versailles her eine Vorliebe für ihn und lud ihn , wenn Besuch da war , häufig zu Tisch , aber auch allein , denn der jugendliche , durch Haltung und Klugheit gleich ausgezeichnete Landrat stand ebenso in Gunst bei der Fürstin . Zum 14. erfolgte die erste Einladung . Es lag Schnee , weshalb Innstetten die fast zweistündige Fahrt bis an den Bahnhof , von wo noch eine Stunde Eisenbahn war , im Schlitten zu machen vorhatte . » Warte nicht auf mich , Effi . Vor Mitternacht kann ich nicht zurück sein ; wahrscheinlich wird es zwei oder noch später . Ich störe dich aber nicht . Gehab dich wohl und auf Wiedersehen morgen früh . « Und damit stieg er ein , und die beiden isabellfarbenen Graditzer jagten im Fluge durch die Stadt hin und dann landeinwärts auf den Bahnhof zu . Das war die erste lange Trennung , fast auf zwölf Stunden . Arme Effi . Wie sollte sie den Abend verbringen ? Früh zu Bett , das war gefährlich , dann wachte sie auf und konnte nicht wieder einschlafen und horchte auf alles . Nein , erst recht müde werden und dann ein fester Schlaf , das war das Beste . Sie schrieb einen Brief an die Mama und ging dann zu der Frau Kruse , deren gemütskranker Zustand - sie hatte das schwarze Huhn oft bis in die Nacht hinein auf ihrem Schoß - ihr Teilnahme einflößte . Die Freundlichkeit indessen , die sich darin aussprach , wurde von der in ihrer überheizten Stube sitzenden und nur still und stumm vor sich hin brütenden Frau keinen Augenblick erwidert , weshalb Effi , als sie wahrnahm , daß ihr Besuch mehr als Störung wie als Freude empfunden wurde , wieder ging und nur noch fragte , ob die Kranke etwas haben wolle . Diese lehnte aber alles ab . Inzwischen war es Abend geworden , und die Lampe brannte schon . Effi stellte sich ans Fenster ihres Zimmers und sah auf das Wäldchen hinaus , auf dessen Zweigen der glitzernde Schnee lag . Sie war von dem Bilde ganz in Anspruch genommen und kümmerte sich nicht um das , was hinter ihr in dem Zimmer vorging . Als sie sich wieder umsah , bemerkte sie , daß Friedrich still und geräuschlos ein Couvert gelegt und ein Kabarett auf den Sofatisch gestellt hatte . » Ja so , Abendbrot ... Da werd ich mich nun wohl setzen müssen . « Aber es wollte nicht schmecken , und so stand sie wieder auf und las den an die Mama geschriebenen Brief noch einmal durch . Hatte sie schon vorher ein Gefühl der Einsamkeit gehabt , so jetzt doppelt . Was hätte sie darum gegeben , wenn die beiden Jahnkeschen Rotköpfe jetzt eingetreten wären oder selbst Hulda . Die war freilich immer so sentimental und beschäftigte sich meist nur mit ihren Triumphen , aber so zweifelhaft und anfechtbar diese Triumphe waren , sie hätte sich in diesem Augenblicke doch gern davon erzählen lassen . Schließlich klappte sie den Flügel auf um zu spielen ; aber es ging nicht . » Nein , dabei werd ich vollends melancholisch ; lieber lesen . « Und so suchte sie nach einem Buche . Das erste , was ihr zu Händen kam , war ein dickes , rotes Reisehandbuch , alter Jahrgang , vielleicht schon aus Innstettens Leutnantstagen her . » Ja , darin will ich lesen ; es gibt nichts Beruhigenderes als solche Bücher . Das Gefährliche sind bloß immer die Karten ; aber vor diesem Augenpulver , das ich hasse , werd ich mich schon hüten . « Und so schlug sie denn auf gut Glück auf , Seite 153 . Nebenan hörte sie das Ticktack der Uhr und draußen Rollo , der , seit es dunkel war , seinen Platz in der Remise aufgegeben und sich , wie jeden Abend , so auch heute wieder , auf die große geflochtene Matte , die vor dem Schlafzimmer lag , ausgestreckt hatte . Das Bewußtsein seiner Nähe minderte das Gefühl ihrer Verlassenheit , ja , sie kam fast in Stimmung , und so begann sie denn auch unverzüglich zu lesen . Auf der gerade vor ihr aufgeschlagenen Seite war von der » Eremitage « , dem bekannten markgräflichen Lust schloß in der Nähe von Bayreuth , die Rede ; das lockte sie , Bayreuth , Richard Wagner , und so las sie denn : » Unter den Bildern in der Eremitage nennen wir noch eins , das nicht durch seine Schönheit , wohl aber durch sein Alter und durch die Person , die es darstellt , ein Interesse beansprucht . Es ist dies ein stark nachgedunkeltes Frauenporträt , kleiner Kopf , mit herben , etwas unheimlichen Gesichtszügen und einer Halskrause , die den Kopf zu tragen scheint . Einige meinen , es sei eine alte Markgräfin aus dem Ende des fünfzehnten Jahrhunderts , andere sind der Ansicht , es sei die Gräfin von Orlamünde ; darin aber sind beide einig , daß es das Bildnis der Dame sei , die seither in der Geschichte der Hohenzollern unter dem Namen der Weißen Frau eine gewisse Berühmtheit erlangt hat . « » Das hab ich gut getroffen « , sagte Effi , während sie das Buch beiseite schob ; » ich will mir die Nerven beruhigen , und das erste , was ich lese , ist die Geschichte von der Weißen Frau , vor der ich mich gefürchtet habe , solang ich denken kann . Aber da nun das Gruseln mal da ist , will ich doch auch zu Ende lesen . « Und sie schlug wieder auf und las weiter : » ... Eben dies alte Porträt ( dessen Original in der Hohenzollernschen Familiengeschichte solche Rolle spielt ) spielt als Bild auch eine Rolle in der Spezialgeschichte des Schlosses Eremitage , was wohl damit zusammenhängt , daß es an einer dem Fremden unsichtbaren Tapetentür hängt , hinter der sich eine vom Souterrain her hinaufführende Treppe befindet . Es heißt , daß , als Napoleon hier übernachtete , die Weiße Frau aus dem Rahmen herausgetreten und auf sein Bett zugeschritten sei . Der Kaiser , entsetzt auffahrend , habe nach seinem Adjutanten gerufen und bis an sein Lebensende mit Entrüstung von diesem maudit château gesprochen . « » Ich muß es aufgeben , mich durch Lektüre beruhigen zu wollen « , sagte Effi . » Lese ich weiter , so komm ich gewiß noch nach einem Kellergewölbe , wo der Teufel auf einem Weinfaß davongeritten ist . Es gibt , glaub ich , in Deutschland viel dergleichen , und in einem Reisehandbuch muß es sich natürlich alles zusammenfinden . Ich will also lieber wieder die Augen schließen und mir , so gut es geht , meinen Polterabend vorstellen : die Zwillinge , wie sie vor Tränen nicht weiterkonnten , und dazu den Vetter Briest , der , als sich alles verlegen anblickte , mit erstaunlicher Würde behauptete , solche Tränen öffneten einem das Paradies . Er war wirklich charmant und immer so übermütig ... Und nun ich ! Und gerade hier . Ach , ich tauge doch gar nicht für eine große Dame . Die Mama , ja , die hätte hierher gepaßt , die hätte , wie ' s einer Landrätin zukommt , den Ton angegeben , und Sidonie Grasenabb wäre ganz Huldigung gegen sie gewesen und hätte sich über ihren Glauben oder Unglauben nicht groß beunruhigt . Aber ich ... Ich bin ein Kind und werd es auch wohl bleiben . Einmal hab ich gehört , das sei ein Glück . Aber ich weiß doch nicht , ob das wahr ist . Man muß doch immer dahin passen , wohin man nun mal gestellt ist . « In diesem Augenblicke kam Friedrich , um den Tisch abzuräumen . » Wie spät ist es , Friedrich ? « » Es geht auf neun , gnäd ' ge Frau . « » Nun , das läßt sich hören . Schicken Sie mir Johanna . « » Gnäd ' ge Frau haben befohlen . « » Ja , Johanna . Ich will zu Bett gehen . Es ist eigentlich noch früh . Aber ich bin so allein . Bitte , tun Sie den Brief erst ein , und wenn Sie wieder da sind , nun , dann wird es wohl Zeit sein . Und wenn auch nicht . « Effi nahm die Lampe und ging in ihr Schlafzimmer hinüber . Richtig , auf der Binsenmatte lag Rollo . Als er Effi kommen sah , erhob er sich , um den Platz freizugeben , und strich mit seinem Behang an ihrer Hand hin . Dann legte er sich wieder nieder . Johanna war inzwischen nach dem Landratsamt hinübergegangen , um da den Brief einzustecken . Sie hatte sich drüben nicht sonderlich beeilt , vielmehr vorgezogen , mit der Frau Paaschen , des Amtsdieners Frau , ein Gespräch zu führen . Natürlich über die junge Frau . » Wie ist sie denn ? « fragte die Paaschen . » Sehr jung ist sie . « » Nun , das ist kein Unglück , eher umgekehrt . Die Jungen , und das ist eben das Gute , stehen immer bloß vorm Spiegel und zupfen und stecken sich was vor und sehen nicht viel und hören nicht viel und sind noch nicht so , daß sie draußen immer die Lichtstümpfe zählen und einem nicht gönnen , daß man einen Kuß kriegt , bloß weil sie selber keinen mehr kriegen . « » Ja « , sagte Johanna , » so war meine vorige Madam , und ganz ohne Not . Aber davon hat unsere Gnäd ' ge nichts . « » Ist er denn sehr zärtlich ? « » O sehr . Das können Sie doch wohl denken . « » Aber daß er sie so allein läßt ... « » Ja , liebe Paaschen , Sie dürfen nicht vergessen ... der Fürst . Und dann , er ist ja doch am Ende Landrat . Und vielleicht will er auch noch höher . « » Gewiß , will er . Und er wird auch noch . Er hat so was . Paaschen sagt es auch immer , und der kennt seine Leute . « Während dieses Ganges drüben nach dem Amt hinüber war wohl eine Viertelstunde vergangen , und als Johanna wieder zurück war , saß Effi schon vor dem Trumeau und wartete . » Sie sind lange geblieben , Johanna . « » Ja , gnäd ' ge Frau ... Gnäd ' ge Frau wollen entschuldigen ... Ich traf drüben die Frau Paaschen , und da hab ich mich ein wenig verweilt . Es ist so still hier . Man ist immer froh , wenn man einen Menschen trifft , mit dem man ein Wort sprechen kann . Christel ist eine sehr gute Person , aber sie spricht nicht , und Friedrich ist so dusig und auch so vorsichtig und will mit der Sprache nie recht heraus . Gewiß , man muß auch schweigen können , und die Paaschen , die so neugierig und so ganz gewöhnlich ist , ist eigentlich gar nicht nach meinem Geschmack ; aber man hat es doch gern , wenn man mal was hört und sieht . « Effi seufzte . » Ja , Johanna , das ist auch das Beste ... « » Gnäd ' ge Frau haben so schönes Haar , so lang und so seidenweich . « » Ja , es ist sehr weich . Aber das ist nicht gut , Johanna . Wie das Haar ist , ist der Charakter . « » Gewiß , gnäd ' ge Frau . Und ein weicher Charakter ist doch besser als ein harter . Ich habe auch weiches Haar . « » Ja , Johanna . Und Sie haben auch blondes . Das haben die Männer am liebsten . « » Ach , das ist doch sehr verschieden , gnäd ' ge Frau . Manche sind doch auch für das schwarze . « » Freilich « , lachte Effi , » das habe ich auch schon gefunden . Es wird wohl an was ganz anderem liegen . Aber die , die blond sind , die haben auch immer einen weißen Teint , Sie auch , Johanna , und ich möchte mich wohl verwetten , daß Sie viel Nachstellung haben . Ich bin noch sehr jung , aber das weiß ich doch auch . Und dann habe ich eine Freundin , die war auch so blond , ganz flachsblond , noch blonder als Sie , und war eine Predigerstochter ... « » Ja , denn ... « » Aber ich bitte Sie , Johanna , was meinen Sie mit ja denn . Das klingt ja ganz anzüglich und sonderbar , und Sie werden doch nichts gegen Predigerstöchter haben ... Es war ein sehr hübsches Mädchen , was selbst unsere Offiziere - wir hatten nämlich Offiziere , noch dazu rote Husaren - auch immer fanden , und verstand sich dabei sehr gut auf Toilette , schwarzes Sammetmieder und eine Blume , Rose oder auch Heliotrop , und wenn sie nicht so vorstehende große Augen gehabt hätte ... ach , die hätten Sie sehen sollen , Johanna , wenigstens so groß « ( und Effi zog unter Lachen an ihrem rechten Augenlid ) , » so wäre sie geradezu eine Schönheit gewesen . Sie hieß Hulda , Hulda Niemeyer , und wir waren nicht einmal so ganz intim ; aber wenn ich sie jetzt hier hätte und sie da säße , da in der kleinen Sofaecke , so wollte ich bis Mitternacht mit ihr plaudern oder noch länger . Ich habe solche Sehnsucht , und ... « , und dabei zog sie Johannas Kopf dicht an sich heran , » ... ich habe solche Angst . « » Ach , das gibt sich , gnäd ' ge Frau , die hatten wir alle . « » Die hattet ihr alle ? Was soll das heißen , Johanna ? « » ... Und wenn die gnäd ' ge Frau wirklich solche Angst haben , so kann ich mir ja ein Lager hier machen . Ich nehme die Strohmatte und kehre einen Stuhl um , daß ich eine Kopf lehne habe , und dann schlafe ich hier bis morgen früh oder bis der gnäd ' ge Herr wieder da ist . « » Er will mich nicht stören . Das hat er mir eigens versprochen . « » Oder ich setze mich bloß in die Sofaecke . « » Ja , das ginge vielleicht . Aber nein , es geht auch nicht . Der Herr darf nicht wissen , daß ich mich ängstige , das liebt er nicht . Er will immer , daß ich tapfer und entschlossen bin , so wie er . Und das kann ich nicht ; ich war immer etwas anfällig ... Aber freilich , ich sehe wohl ein , ich muß mich bezwingen und ihm in solchen Stücken und überhaupt zu Willen sein ... Und dann habe ich ja auch Rollo . Der liegt ja vor der Türschwelle . « Johanna nickte zu jedem Wort und zündete dann das Licht an , das auf Effis Nachttisch stand . Dann nahm sie die Lampe . » Befehlen gnäd ' ge Frau noch etwas ? « » Nein , Johanna . Die Läden sind doch fest geschlossen ? « » Bloß angelegt , gnäd ' ge Frau . Es ist sonst so dunkel und so stickig . « » Gut , gut . « Und nun entfernte sich Johanna ; Effi aber ging auf ihr Bett zu und wickelte sich in ihre Decken . Sie ließ das Licht brennen , weil sie gewillt war , nicht gleich einzuschlafen , vielmehr vorhatte , wie vorhin ihren Polterabend , so jetzt ihre Hochzeitsreise zu rekapitulieren und alles an sich vorüberziehen zu lassen . Aber es kam anders , wie sie gedacht , und als sie bis Verona war und nach dem Hause der Julia Capulet suchte , fielen ihr schon die Augen zu . Das Stümpfchen Licht in dem kleinen Silberleuchter brannte allmählich nieder , und nun flackerte es noch einmal auf und erlosch . Effi schlief eine Weile ganz fest . Aber mit einem Male fuhr sie mit einem lauten Schrei aus ihrem Schlafe auf , ja , sie hörte selber noch den Aufschrei und auch , wie Rollo draußen anschlug ; - » wau , wau « klang es den Flur entlang , dumpf und selber beinah ängstlich . Ihr war , als ob ihr das Herz stillstände ; sie konnte nicht rufen , und in diesem Augenblicke huschte was an ihr vorbei , und die nach dem Flur hinausführende Tür sprang auf . Aber eben dieser Moment höchster Angst war auch der ihrer Befreiung , denn , statt etwas Schrecklichem , kam jetzt Rollo auf sie zu , suchte mit seinem Kopf nach ihrer Hand und legte sich , als er diese gefunden , auf den vor ihrem Bett ausgebreiteten Teppich nieder . Effi selber aber hatte mit der andern Hand dreimal auf den Knopf der Klingel gedrückt , und keine halbe Minute , so war Johanna da , barfüßig , den Rock über dem Arm und ein großes kariertes Tuch über Kopf und Schulter geschlagen . » Gott sei Dank , Johanna , daß Sie da sind . « » Was war denn , gnäd ' ge Frau ? Gnäd ' ge Frau haben geträumt . « » Ja , geträumt . Es muß so was gewesen sein ... aber es war doch auch noch was anderes . « » Was denn , gnäd ' ge Frau ? « » Ich schlief ganz fest , und mit einem Male fuhr ich auf und schrie ... vielleicht , daß es ein Alpdruck war ... Alpdruck ist in unserer Familie , mein Papa hat es auch und ängstigt uns damit , und nur die Mama sagt immer , er solle sich nicht so gehenlassen ; aber das ist leicht gesagt ... ich fuhr also auf aus dem Schlaf und schrie , und als ich mich umsah , so gut es eben ging in dem Dunkel , da strich was an meinem Bett vorbei , gerade da , wo Sie jetzt stehen , Johanna , und dann war es weg . Und wenn ich mich recht frage , was es war ... « » Nun was denn , gnäd ' ge Frau ? « » Und wenn ich mich recht frage ... ich mag es nicht sagen , Johanna ... aber ich glaube , der Chinese . « » Der von oben ? « und Johanna versuchte zu lachen , » unser kleiner Chinese , den wir an die Stuhllehne geklebt haben , Christel und ich . Ach , gnäd ' ge Frau haben geträumt , und wenn Sie schon wach waren , so war es doch alles noch aus dem Traum . « » Ich würd es glauben . Aber es war genau derselbe Augenblick , wo Rollo draußen anschlug , der muß es also auch gesehen haben , und dann flog die Tür auf , und das gute , treue Tier sprang auf mich los , als ob es mich zu retten käme . Ach , meine liebe Johanna , es war entsetzlich . Und ich so allein , und so jung . Ach , wenn ich doch wen hier hätte , bei dem ich weinen könnte . Aber so weit von Hause ... Ach , von Hause ... « » Der Herr kann jede Stunde kommen . « » Nein , er soll nicht kommen ; er soll mich so nicht sehen . Er würde mich vielleicht auslachen , und das könnt ich ihm nie verzeihen . Denn es war so furchtbar , Johanna ... Sie müssen nun hierbleiben ... Aber lassen Sie Christel schlafen und Friedrich auch . Es soll es keiner wissen . « » Oder vielleicht kann ich auch die Frau Kruse holen ; die schläft doch nicht , die sitzt die ganze Nacht da . « » Nein , nein , die ist selber so was . Das mit dem schwarzen Huhn , das ist auch so was ; die darf nicht kommen . Nein , Johanna , Sie bleiben allein hier . Und wie gut , daß Sie die Läden nur angelegt . Stoßen Sie sie auf , recht laut , daß ich einen Ton höre , einen menschlichen Ton ... ich muß es so nennen , wenn es auch sonderbar klingt ... , und dann machen Sie das Fenster ein wenig auf , daß ich Luft und Licht habe . « Johanna tat , wie ihr geheißen , und Effi fiel in ihre Kissen zurück und bald danach in einen lethargischen Schlaf . Zehntes Kapitel Innstetten war erst sechs Uhr früh von Varzin zurückgekommen und hatte sich , Rollos Liebkosungen abwehrend , so leise wie möglich in sein Zimmer zurückgezogen . Er machte sich ' s hier bequem und duldete nur , daß ihn Friedrich mit einer Reisedecke zudeckte . » Wecke mich um neun . « Und um diese Stunde war er denn auch geweckt worden . Er stand rasch auf und sagte : » Bringe das Frühstück . « » Die gnädige Frau schläft noch . « » Aber es ist ja schon spät . Ist etwas passiert ? « » Ich weiß es nicht ; ich weiß nur , Johanna hat die Nacht über im Zimmer der gnädigen Frau schlafen müssen . « » Nun , dann schicke Johanna . « Diese kam denn auch . Sie hatte denselben rosigen Teint wie immer , schien sich also die Vorgänge der Nacht nicht sonderlich zu Gemüte genommen zu haben . » Was ist das mit der gnäd ' gen Frau ? Friedrich sagt mir , es sei was passiert und Sie hätten drüben geschlafen . « » Ja , Herr Baron . Gnäd ' ge Frau klingelte dreimal ganz rasch hintereinander , daß ich gleich dachte , es bedeutet was . Und so war es auch . Sie hat wohl geträumt , oder vielleicht war es auch das andere . « » Welches andere ? « » Ach , der gnäd ' ge Herr wissen ja . « » Ich weiß nichts . Jedenfalls muß ein Ende damit gemacht werden . Und wie fanden Sie die Frau ? « » Sie war wie außer sich und hielt das Halsband von Rollo , der neben dem Bett der gnäd ' gen Frau stand , fest umklammert . Und das Tier ängstigte sich auch . « » Und was hatte sie geträumt oder , meinetwegen auch , was hatte sie gehört oder gesehen ? Was sagte sie ? « » Es sei so hingeschlichen , dicht an ihr vorbei . « » Was ? Wer ? « » Der von oben . Der aus dem Saal oder aus der kleinen Kammer . « » Unsinn , sag ich . Immer wieder das alberne Zeug ; ich mag davon nicht mehr hören . Und dann blieben Sie bei der Frau ? « » Ja , gnäd ' ger Herr . Ich machte mir ein Lager an der Erde dicht neben ihr . Und ich mußte ihre Hand halten , und dann schlief sie ein . « » Und sie schläft noch ? « » Ganz fest . « » Das ist mir ängstlich , Johanna . Man kann sich gesund schlafen , aber auch krank . Wir müssen sie wecken , natürlich vorsichtig , daß sie nicht wieder erschrickt . Und Friedrich soll das Frühstück nicht bringen ; ich will warten , bis die gnäd ' ge Frau da ist . Und machen Sie ' s geschickt . « Eine halbe Stunde später kam Effi . Sie sah reizend aus , ganz blaß , und stützte sich auf Johanna . Als sie aber Innstettens ansichtig wurde , stürzte sie auf ihn zu und umarmte und küßte ihn . Und dabei liefen ihr die Tränen übers Gesicht . » Ach , Geert , Gott sei Dank , daß du da bist . Nun ist alles wieder gut . Du darfst nicht wieder fort , du darfst mich nicht wieder allein lassen . « » Meine liebe Effi ... stellen Sie hin , Friedrich , ich werde schon alles zurechtmachen ... , meine liebe Effi , ich lasse dich ja nicht allein aus Rücksichtslosigkeit oder Laune , sondern weil es so sein muß ; ich habe keine Wahl , ich bin ein Mann im Dienst , ich kann zum Fürsten oder auch zur Fürstin nicht sagen : Durchlaucht , ich kann nicht kommen , meine Frau ist so allein , oder meine Frau fürchtet sich . Wenn ich das sagte , würden wir in einem ziemlich komischen Lichte dastehen , ich gewiß , und du auch . Aber nimm erst eine Tasse Kaffee . « Effi trank , was sie sichtlich belebte . Dann ergriff sie wieder ihres Mannes Hand und sagte : » Du sollst recht haben ; ich sehe ein , das geht nicht . Und dann wollen wir ja auch höher hinauf . Ich sage wir , denn ich bin eigentlich begieriger danach als du ... « » So sind alle Frauen « , lachte Innstetten . » Also abgemacht ; du nimmst die Einladungen an nach wie vor , und ich bleibe hier und warte auf meinen hohen Herrn , wobei mir Hulda unterm Holunderbaum einfällt . Wie ' s ihr wohl gehen mag ? « » Damen wie Hulda geht es immer gut . Aber was wolltest du noch sagen ? « » Ich wollte sagen , ich bleibe hier und auch allein , wenn es sein muß . Aber nicht in diesem Hause . Laß uns die Wohnung wechseln . Es gibt so hübsche Häuser am Bollwerk , eins zwischen Konsul Martens und Konsul Grützmacher und eins am Markt , gerade gegenüber von Gieshübler ; warum können wir da nicht wohnen ? Warum gerade hier ? Ich habe , wenn wir Freunde und Verwandte zum Besuch hatten , oft gehört , daß in Berlin Familien ausziehen wegen Klavierspiel oder wegen Schwaben oder wegen einer unfreundlichen Portiersfrau ; wenn das um solcher Kleinigkeit willen geschieht ... « » Kleinigkeiten ? Portiersfrau ? das sage nicht ... « » Wenn das um solcher Dinge willen möglich ist , so muß es doch auch hier möglich sein , wo du Landrat bist und die Leute dir zu Willen sind und viele selbst zu Dank verpflichtet . Gieshübler würde uns gewiß dabei behülflich sein , wenn auch nur um meinetwegen , denn er wird Mitleid mit mir haben . Und nun sage , Geert , wollen wir dies verwunschene Haus aufgeben , dies Haus mit dem ... « » ... Chinesen , willst du sagen . Du siehst , Effi , man kann das furchtbare Wort aussprechen , ohne daß er erscheint . Was du da gesehen hast oder was da , wie du meinst , an deinem Bette vorüberschlich , das war der kleine Chinese , den die Mädchen oben an die Stuhllehne geklebt haben ; ich wette , daß er einen blauen Rock anhatte und einen ganz flachen Deckelhut mit einem blanken Knopf oben . « Sie nickte . » Nun siehst du , Traum , Sinnestäuschung . Und dann wird dir Johanna wohl gestern abend was erzählt haben , von der Hochzeit hier oben ... « » Nein . « » Desto besser . « » Kein Wort hat sie mir erzählt . Aber ich sehe doch aus dem allen , daß es hier etwas Sonderbares gibt . Und dann das Krokodil ; es ist alles so unheimlich hier . « » Den ersten Abend , als du das Krokodil sahst , fandest du ' s märchenhaft ... « » Ja , damals ... « » ... Und dann , Effi , kann ich hier nicht gut fort , auch wenn es möglich wäre , das Haus zu verkaufen oder einen Tausch zu machen . Es ist damit ganz wie mit einer Absage nach Varzin hin . Ich kann hier in der Stadt die Leute nicht sagen lassen , Landrat Innstetten verkauft sein Haus , weil seine Frau den aufgeklebten kleinen Chinesen als Spuk an ihrem Bette gesehen hat . Dann bin ich verloren , Effi . Von solcher Lächerlichkeit kann man sich nie wieder erholen . « » Ja , Geert , bist du denn so sicher , daß es so was nicht gibt ? « » Will ich nicht behaupten . Es ist eine Sache , die man glauben und noch besser nicht glauben kann . Aber angenommen , es gäbe dergleichen , was schadet es ? Daß in der Luft Bazillen herumfliegen , von denen du gehört haben wirst , ist viel schlimmer und gefährlicher als diese ganze Geistertummelage .